Über Saša Stanisić habe ich hier im Blog schon geschrieben. HIER über seinen letzten Roman „Herkunft“ und HIER über die dann folgende Inszenierung von „Herkunft“ am Münchner Volkstheater. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben, mit einem wahrlich umständlichen Titel, den man oben sieht.
Auch seinen Roman „Vor dem Fest“ hatte ich damals gelesen. Stanišić erhielt 2014 für „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse und 2019 für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis. Also da kann einer was!
Man kann bei ihm immer etwas (oder viel) von der Person Saša Stanisić erkennen, im Roman „Herkunft“ ganz besonders, es ist ja fast eine Autobiografie. In seinem neuen Werk erkennt man Stanisic nur ein klein wenig. Es wird – es sind mehrere in sich recht geschlossene kurze Geschichten – manchmal in der Ich-Form geschrieben und „ich“ ist dort ein Saša, bleibt aber im Hintergrund.
Das neue Buch hat jedenfalls Besonderheiten: Man liest im Grunde nicht einen Roman, sondern (gelungene) „Schreibversuche“, dachte ich manchmal. Kennzeichen:
- Zum Einen besteht das Buch wie gesagt aus – neun – getrennten kurzen Geschichten, Alltagsszenen, teils recht abstrus, keine langatmige Entwicklung von Charakteren. Angenehm kurz. Angenehm skurril. Teils sind diese „Einblicke in verschiedene Szenen“ grob miteinander verknüpft.
- Zum Anderen zeichnet sich das Buch dadurch aus, dass die einzelnen Geschichten zum Teil in jeweils ganz eigenen Schreibstilen geschrieben sind. Den beschriebenen Szenen und Personenangepasst. Als hätte Stanisić hier verschiedene Techniken einmal „ausprobieren“ wollen. Man will ja auch als Autor weiterkommen. Die erste Geschichte etwa ist herrlich in der Sprache eines Jugendlichen gehalten, als würde er sich mit dem Leser einfach so dahinunterhalten. Man kann generell fast sagen: Die Schreibstile sind oft jeweils dem Alter der Figuren angepasst. Die Sprache der Witwe in der „Gießkannengeschichte“ etwa ist reduziert, kein überflüssiges Wort, warum auch, es sind fast mehr ihre Gedanken statt Sprache.
- Es ist wie aus der Werkstatt eines Autors: Schon die Sprache, in der geschrieben wird, der Schreibstil, zeigt in diesem Buch teils sehr deutlich die Person, die beschrieben wird, und vermittelt eine bestimmte Atmosphäre. Das ist auch verständlich, weil Stanisić ja in diesen kurzen Geschichten die Atmosphäre schnell aufbauen muss und will. Besonders der sehr einfach gehaltene Ton zieht sich dabei – mal mehr, mal weniger – durch das ganze Buch, was ich immer schön finde.
- Thematisch sind es teils recht abstruse Situationen, absolute Alltagsszenen, die geschildert werden, gemischt mit Fantasie, manchmal fragt man sich: Warum das? Insgesamt ist es dadurch aber amüsant.
- Als Haupthema zieht sich bei alledem das Thema „Zeit“ durch die Geschichten. Die Zeit der Jugend – die Idee einer Zeitmaschine in die Zukunft – die Zeit, die stehen bleibt – Gegenwart – die Vergangenheit, als der Ehemann noch lebte – die Vergangenheit als Gegenwart erlebt … . Vergangenheit, Gegenwart, Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart, Zukunft, Stillstand der Zeit. Etwa: Was wäre, wenn wir kurz unsere Zukunft sehen könnten und sie „kaufen“ könnten (die erste Geschichte)? Aber alles wird nicht ernst erzählt, im Gegenteil: Humorvoll. Das ist das sehr Angenehme an dem Buch. Endlich mal wieder nichts Ernstes, gekonnt geschrieben, allerdings manchmal fast etwas viel von allem.
Stanisić wollte mit diesem „Geschichtenbuch“ vielleicht einmal von seinen bisher meist sehr persönlich gefärbten Themen und seinem bisherigen ernsthafteren Schreibstil loskommen. Mal etwas Anderes versuchen, das ist auf recht amüsante Art und Weise gelungen, es ist dadurch ein erfrischender und erleichternder, gekonnter Lesespaß, mehr dann nicht. Nicht zum groß Nachdenken. Auch gut!