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THEATER: Leon Engler – Wasserstoffbrennen

Und da sitze ich im kleinen Zentraltheater in München, in Deutschland, in Europa, auf einem Kontinent der Erdkugel, irgendwo im Weltall, abends, die Sonne ist „untergegangen“, beziehungsweise die Erde, unser Planet, hat sich gedreht. Erste Reihe, kleiner Raum, kleine Bühne, Holzklappstühle, vielleicht sind es 10 Stuhlreihen á 12 Plätze? Die Bühne: Etwa 15 m x 8 m Fläche. Der schwarze Bühnenboden ist etwas erhöht, er steht auf etwa 30 cm hohen Stahlträgern, Teile des Bühnenbodens fehlen, es sind zwei Ebenen, die Wand im Hintergrund ist bespannt mit einem dunklen Tuch mit Sternen-ähnlichen silbernen Punkten. Da sitze ich. Es soll um Liebe gehen. Der Abend beginnt, es ist dunkel, man erahnt zwei Personen auf dem Bühnenboden stehend. Michaela Weingartner und Franz-Xaver Zeller. Beide haben vor Jahren eine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Zerboni gemacht, etwa 2014 – 2016. Die Schauspielschule Zerboni und das Zentraltheater teilen sich die Räumlichkeiten in der Paul-Heyse-Straße 28. Ich mag das kleine Theater. Man ist mitten drin. „Wasserstoffbrennen“ von Leon Engler hatte hier im Mai 2017 Premiere, jetzt die Wiederaufnahme mit derselben Besetzung! Michaela Weingartner sagte mir nach der Vorführung: Durch das eigene Älterwerden versteht man den Text wieder anders/besser! Auch heute Abend, am Mittwoch, 12. März, läuft es, es ist aber wohl ausverkauft. Michaela Weingartner ist mittlerweile vor allem als Kommissarin in den „Rosenheim Cops“ zu sehen, Franz-Xaver Zeller ist derzeit schauspielerisch in London tätig.

Als Nächstes soll am Zentraltheater Benjamin Stuckrad-Barre’s „Noch wach?“ kommen.

Es geht bei „Wasserstoffbrennen“ um die lebenslange Liebe (war es Liebe?) von Nico und Mascha, erzählt in 17 Teilen, alles nicht leicht verständlich irgendwie. Es ist ja angelegt auf diese Mischung von ganz nüchternen Schilderungen physikalischer, astrologischer Gegebenheiten mit Schilderungen aus dem Leben von Nico und Mascha. Also die Frage: „Was soll das alles?“ Es mag unzählig viele Universen geben, heißt es etwa. Was soll alles?

Ich habe den Text danach gelesen und muss sagen: Auf der Bühne ist mir der Ausdruck dieser Wahnsinnsfrage „Was soll das alles“ etwas zu schnell vorbeigesaust. Schade, es war gut gespielt/erzählt, aber teils sehr schnell. Vor allem doch durchgehend in diesem Tempo. Vor allem bei Franz-Xaver Zeller dachte ich das ein oder andere Mal: „Nicht so schnell bitte, ich komme durcheinander.“ Aber man kann nicht alles haben!

Es endet mit der Feststellung: „Die Asche wird im Erdreich verteilt. Und dreißigtausend Jahre später stößt ein winziger Partikel von Nico auf einen winzigen Partikel von Mascha.“ Hm, möglich, aber ernüchternd. Aber was sind schon dreißigtausend Jahre, wir wissen es nicht. Jedenfalls gab es Gott sei Dank nach der Vorstellung noch ein kaltes Buffet des Theaters und ein geselliges Beisammensein. Das war hier auf der Erde! Was wir so machen!

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THEATER: Klaus Mann – Mephisto

Es ist ja fast bestürzend: So, wie das „Singspiel“ am Münchner Nockherberg zur aktuellen politischen Lage kann man bis zur Pause des dreieinhalbstündigen Abends diesen „Mephisto“ sehen und verstehen. Bissig, aktuell und verschiedene Betroffene und deren unterschiedliche Verhaltensweisen zeigend. Man müsste am Text vor der Pause fast nichts ändern, man müsste die Aufführung nur mit aktuellen Personen (nicht nur mit Politikern) besetzen, vielleicht etwas kürzen, fertig, schon wäre man in der heutigen Zeit und einer ihrer großen Problemlagen, nicht nur in Deutschland!

Nach der Pause ändert sich die Ausgangslage: Hendrik Höfgen in Klaus Manns Roman „Mephisto“ ist dann gänzlich in die Maschinerie der Nazis integriert, er wechselt nach Berlin, hat nazikonforme Erfolge, rechtfertigt sich, sieht keinen anderen Weg, verliert Freunde, andere verhalten sich anders, sogar Adolf Hitler tritt auf und und und. Das ist dann nicht mehr „aktuelles Singspiel“ – soweit sind wir noch nicht -, sondern dann ist es die Zeit des Romans „Mephisto“ von Klaus Mann, erschienen 1936.

Neben dieser erschreckenden verdeckten Aktualität der ersten Hälfte (Thema: Unser auch heutiges Verhalten im „Rechtsruck“) sticht hervor, dass es sich hier insgesamt um eine rundum gelungene Inszenierung handelt. Man sieht ja immer wieder gerne Inszenierungen, die schon durch besondere Elemente oder Personen hervorstechen. Besonders schön ist es aber dann, wenn man merkt: Hier stimmt einfach alles! Das war mein Eindruck.

Alle Einzelheiten betonen etwas: Die Schauspieler/innen, deren Zusammensetzung, das Bühnenbild, das Licht, der Text, die Verbindung zur heutigen Zeit etwa durch das Schlagzeugspiel live, Kleinigkeiten wie der mehrfache Einsatz des roten Bühnenvorhangs und Theateranweisungen aus dem Off …, etwas Humor, alles fließt zusammen und trägt zu einem gelungenen Gesamtbild bei.

Die Schauspieler/innen: Die Schauspieler (Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper, Bless Amada, Erwin Aljukic, Martin Weigel und Elias Krischke) spielen etwas auffälliger als die Schauspielerinnen (Linda Pöppel, Maren Solty und Johanna Eiworth). Das liegt sicherlich auch an den bedeutenderen, vielseitigeren Rollen dieser Personen im Roman. Daher: Immer wieder wunderbar anzusehen Thomas Schmauser, er muss allenfalls aufpassen, mein Eindruck, dass seine Rollen nicht zu ähnlich bleiben! Zuletzt ist er als Baumeister Sollnes und hier als Hendrik Höfgen gar nicht einmal so deutlich unterschiedlich! Wirklich hervorragend auch wieder Edmund Telgenkämper in drei völlig verschiedenen Rollen, ebenso Erwin Aljukic in sehr verschiedenen Rollen. Er spielt Adolf Hitler, Gottfried Benn und und. Sehr gut und auch das passt so gut, dass gerade er diese Rolle spielt! Und sehr gut und beeindruckend die Gastbesetzung Bless Amada vom Wiener Burgtheater (Beitragsbild oben),

Das Lichtdesign: Auch das ist durchaus auffallend an diesem Abend! Immer wieder durchqueren etwa breite helle Lichtsäulen den dunklen Zuschauerraum und fokussieren eine Person auf der Bühne. Ein Element, das verspielt zusätzlich an die Nazizeit denken lässt! Lichtsäulen!

Die Bühne wird geprägt von zwölf etwa zweieinhalb Meter hohen, etwa zwei Meter breiten mobilen, beleuchtbaren „Schachteln“, die durch viel Bewegung immer wieder in neue Position gebracht werden und Räume schaffen!

Der Text, also die Bühnenfassung von Emilia Henrich, Jette Steckel (Regisseurin) und Johanna Höhmann, legt es auf eine leichte Verbindung der damaligen Zeit mit der heutigen Zeit an. Etwa wenn von den unzufriedenen jungen Menschen in Niederbayern gesprochen wird.

Fazit: Meines Erachtens könnte die Inszenierung durchaus (durch die Aktualität, durch das Zusammenwirken aller Elemente) bei der Auswahl zum Theatertreffen 2025/2026 eine Rolle spielen! Schade ist nur: Dieses Stück müssten diejenigen sehen, die hinsichtlich des Rechtsruckes (wir wissen ja nicht, was uns noch bevorsteht) sensibilisiert werden müssen! Ich vermute, dass die Zuschauer der Kammerspiele insoweit nicht sensibilisiert werden müssen, sie werden es schon sein. Das Stück müsste etwa für Schulen gezeigt werden. Oder warum nicht einmal im Fernsehen frei für „jedermann“? Oder als Streamingangebot! Sind wir dazu nicht verpflichtet? Die Kammerspiele, Theater der Stadt!

Das traditionelle Nockherberg-Singspiel 2025 ist übrigens heute Abend, am Mittwoch, 12. März, im Fernsehen zu sehen, der „Mephisto“ von Klaus Mann ist noch öfter an den Münchner Kammerspiele zu sehen! Die nächste Aufführung an den Kammerspielen ist am 18. März.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

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THEATER: Michel Friedman – Fremd

Am Ende schreibe ich: Hingehen! Wegen Michel Friedman, wegen Katharina Bach und wegen der Verhinderung von Ausgrenzung!

Auf den ersten Blick mag Michel Friedman ja oft in gewisser Weise arrogant wirken. Seine etwas hängenden Augenlider wirken schnell herablassend, sein immer tief gebräuntes Gesicht, seine meist scharfen und fordernden Worte, sein immer sehr „offiziell“ wirkendes perfektes Äußeres, die glatte Frisur, all diese Äußerlichkeiten tragen vielleicht immer wieder dazu bei, ihn als arrogant zu bezeichnen. Aber: In dem von ihm verfassten beeindruckenden, extrem persönlichen Text „Fremd“, der gerade durch seine fast stakkatoartige Aneinanderreihung der Erinnerungen so überzeugend ist, kommt viel zum Vorschein, es zeigt sich ein Bild, das diesem ersten Eindruck der Arroganz deutlich entgegensteht! In diesem Text blickt man in seine Persönlichkeit, erfährt viel von seiner Vergangenheit, viel von seinem Leben, seiner Prägung schon von Kindheit an, von seinem Leben für und mit Vater und Mutter – „Papa“ und „Mama“. Wie es eben so ist : Man bleibt immer das Kind, das ist auch bei Michel Friedman so, sonst hätte er diesen Text nicht geschrieben.

Natürlich spielt das „Jüdischsein“ ansich eine riesige Rolle. Michel Friedmann war schließlich Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und bekleidete einige andere Ämter jüdischer Organisationen. Aber es ist mehr, es ist das ganz persönliche Leben: Seine Beziehung zu seinen Eltern, deren Erleben von Auschwitz, Michels Gefühl, von Kindheit an deren Lebenstraurigkeit auffangen zu müssen, sein Gefühl zu erkennen, dass ihm vor allem in Deutschland doch immer nur Abneigung gegenübersteht, dass er keine Hilfe bekommt, auch von seinen Eltern keine Hilfe bekommen kann, das ist viel mehr als das „bloße“ Bewusstsein, jüdisch zu sein. Man erkennt ein schweres Leben, von Kindheit an, eine extrem schwere Prägung ohne „fröhliches Leben“, aber zu leben heiße „weitermachen“, sagt er in „Fremd“. Und weitergemacht hat er ja immer, mit extrem viel Erfolg, mit herben Niederschlägen, aber immer weiter.

Es mischen sich in „Fremd“ auch sehr stark die Gedanken über seine eigene (jüdische) Fremdheit und über die Fremdheit seiner Eltern gegenüber Dritten auf der einen Seite mit seinen vielen Gedanken über seine Fremdheit gegenüber sich selbst auf der anderen Seite. „Wer bin ich“ heißt es mehrfach! Seine persönliche Orientierungslosigkeit, dieses Bedürfnis, zu klären, was er mit seinem Leben bei dieser Kindheit und dieser Ausgrenzung in Deutschland machen soll, hängt mit der fürchterlichen Vergangenheit seiner Eltern, Großeltern und anderer Familienmitglieder und seinen Kindheitsprägungen zusammen.

Seine Eltern wurden von Oskar Schindler aus Auschwitz gerettet, wollten dann aber tatsächlich doch wieder mit ihrem Sohn Michel (geboren 1956 in Paris) in Deutschland leben. Michel kann das nie verstehen, aber er kann sich auch als Jugendlicher und junge Erwachsener verständlicherweise nie von seinen Eltern lösen. Sein Schicksal hängt am fürchterlichen Schicksal seiner Eltern und weiterer Familienmitglieder.

Der Text „Fremd“ (der so gesehen auch „Verloren“ oder „Orientierungslos“ heißen könnte) ist so gesehen notwendig, um Michel Friedmann zu verstehen, weil er zeigt, wie sehr auch sein persönliches Leben doch letztlich (über seine Eltern) von der Nazizeit geprägt ist. Ganz verstehen wird man auch Michel Friedman nie, aber trotzdem. Und der Text ist notwendig, um zu verhindern, dass man Menschen schlicht in Kategorien steckt. Jede Kategorisierung führt im Grunde zu Ausgrenzung, bei Juden, bei Ausländern, bei queeren Menschen, und und und. Es steckt in jedem so viel Persönliches!

Katharina Bach bringt den Text völlig reduziert vor dem schwarzen eisernen Vorhang der Bühne, siehe oben. Sie schafft es, dass ihre Präsenz nicht über dem Text steht und dass man andererseits ihre hervorragende Leistung erkennt. Nur etwas: Die im Text mehrfach gestellte Frage „Wer bin ich“ habe ich persönlich bei Katharina Bach irgendwie nicht wahrgenommen, sie ging für mich unter. Schade, aber das wiederum ist nur ein kleiner Aspekt. Einige Textstellen hätten aber so gesehen (für mich) durchaus noch mehr Zeit und Ruhe gebraucht. Man muss aber sagen: Hingehen! Wegen Michel Friedman, wegen Katharina Bach und wegen der Verhinderung von Ausgrenzung!

„Fremd“ ist derzeit doppelt in Berlin zu sehen: Am 16. März ist „Fremd“ in einer Inszenierung der Regisseurin Lena Brasch am Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen, mit der Geigerin Rahel Rilling und der Schauspielerin Vidina Popov. HIER der Link zum Maxim Gorki Theater. Und das BE Berliner Ensemble hat derzeit auch eine inszenierte Lesung von „Fremd“ im Programm. Sibel Kekilli, aus Fernsehen und Film längst bestens bekannt, gibt hier ihr Theaterdebüt. HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Berliner Ensemble. Auch dort wird es sich lohnen!

Ein Trailer zu „Fremd“ an den Münchner Kammerspielen:

Copyright des Beitragsbildes: Sima Dehgani

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BALLETT: Nederlands Dans Theater online

Es sind „Wiederaufnahmen“. WANN? Am 07. März ist von 00:01 Uhr bis 23:59 Uhr CET I wonder where the dreams I don’t remember go (2020) von Yoann Bourgeois zu sehen. Am 08. März sind von 00:01 Uhr bis 23:59 Uhr CET Bedroom Folk (2015) von Sharon Eyal und Gai Behar und The Big Crying (2021) zu sehen.

Zum dritten Mal hintereinander hat das NDT den Preis für das beste Online Event des „Tanz Magazine“ erhalten: “Top contemporary choreography continues to come from The Hague – in the best streaming quality. Captured by six cameras, the finest dance art is broadcast to an international audience.”

Die Tickets für das Streaming können HIER erworben werden.

Ein Foto (Screenshot) von I wonder where the dreams I don’t remember go:

Screenshot

Ein Foto (Screenshot) von „Bedroom Folk“:

Screenshot

Und hier ein Foto von The Big Crying:

Screenshot

HIER gehts zur Website des NDT. HIER der direkte Link zu NDT online.

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THEATER: Albert Camus – Caligula

Aber nein. So schlicht politisch ist es nicht. Hier eine Vorbemerkung:

Es ist nämlich zweischneidig: Wollte Albert Camus mit „Caligula“ wirklich „politisch angetrieben“ über einen wahnsinnig werdenden und immer brutaler und willkürlicher handelnden Alleinherrscher schreiben oder wollte er nicht eher „philosophisch angetrieben“ das Thema der „Absurdität des Lebens“ angehen? Doch, wollte er! Albert Camus Stück „Caligula“ gehört ja zu Albert Camus früher Trilogie des Absurden – „Caligula“, „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphos“.

Die Frage „Was will Albert Camus mit ‚Caligula‘ zeigen?“ muss man also durchaus im Auge haben, wenn man sich mit dem Stück beschäftigt. Allzu schnell ist es nämlich passiert, dass man das Theater verlässt und meint, man habe ein rein „politisch angetriebenes“ Stück über einen wahnsinnig werden Alleinherrscher der Antike gesehen. Hat man, aber mit philosophischem Hintergrund: Es ging Albert Camus um die philosophische Frage „Wie kommt der Mensch angesichts der Absurdität des Lebens zu seinem Glück?“ Die Absurdität des Lebens, Camus wollte am Beispiel des wahnsinnigen römischen Herrschers Caligula wohl den Irrweg bei dieser Frage aufzeigen. Caligula sucht ja sein Glück! Er nutzt dazu seine totale Alleinherrschaft aus. Ja, da kann man doch wieder die heutige Zeit erkennen. Ein Donald Trump und ein Elon Musk haben sicher letztlich auch hoch egozentrische Motive bei ihrem Wahnsinn! Da geht Albert Camus aber philosophischer heran: Die Absurdität des Lebens besteht schließlich – so Albert Camus – darin, dass es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, der Mensch will und muss aber an einen Sinn glauben. Jeder Mensch will – philosophisch gesehen – auf seine Weise glücklich werden.

Sehr interessant zum Thema „Absurdität und Glück“ bei Albert Camus ist übrigens ein kleines Büchlein, das ich aus diesem Anlass gelesen habe: Thomas Berger, Albert Camus – Absurdität und Glück. Ein kleiner Essay, eine große Hilfe:

Die Sinnlosigkeit des Lebens nützt – so zeigt es also Albert Camus – der Alleinherrscher Caligula in diesem Zusammenhang besonders radikal aus, er machte, was er wollte, wollte seine absolute Freiheit spüren, sein Glück, das demnach stark darauf basiert, dass das Leben insgesamt, auch das Leben anderer nichts wert ist. Er ließ (nach dem Tod seiner geliebten Schwester Drusilla, dem letzten vieler persönlicher Schicksalsschläge) aufgrund seiner Machtstellung Freund und Feind ermorden, verbannte, verfolgte, quälte, wurde immer wahnsinniger, immer hemmungsloser.

Am Ende aber war auch er nicht glücklich, muss er feststellen, er wurde – wie man in der Inszenierung sieht – umgebracht! „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“. Also: Caligulas Versuch, die völlige Sinnlosigkeit des Lebens ungehemmt auszuleben, nur seinem Wunsch zu folgen, den Mond zu wollen, und völlig rücksichtslos immer wahnsinniger zu handeln, um Freiheit auf dem Weg zum Glück zu erfahren, machte ihn nicht glücklich! Das scheint eine Schlussfolgerung von Albert Camus zu sein: Nihilismus macht nicht glücklich! Vor allem nicht, wenn es radikal zulasten anderer geht! Albert Camus sagte zwar, man müsse die Welt „ablehnen“, um „frei“ werden zu können, aber nicht so, wie Caligula es machte. Auch da wieder ein Gedanke an Donald Trump und Co. Albert Camus war ein extremer Gemeinschaftsdenker – auch europaweit – mit vielen kommunistischen Überlegungen, ganz im Gegenteil zu Donald Trump und Co. Aber, siehe unten, schnell wird das gesamte Publikum mit guter Stimmung reingezogen, was fast beängstigend war vor diesem Hintergrund des Stückes.

Zur Inszenierung:

Zunächst: Die sehr große Bühne des Münchner Volkstheaters war angenehm durch große helle Holzwände auf etwa ein Drittel im vorderen Teil begrenzt. Zeitlos. Man sieht Anspielungen auf die antike Zeit und Anspielungen auf die moderne Zeit: Das Ensemble spielt in antiker Kleidung. Später kommen plötzlich moderne Songs, zum Beispiel „Angels“ von Robbie Williams, hinzu. Ausgelassene Stimmung, die SchauspielerInnen gehen teils durch die Ränge. Noch dazu wird das Publikum zum lauten Mitsingen animiert, was es auch tut! So wird wunderbar gezeigt, wie schnell man sich vereinnahmen lässt!

Das junge Ensemble spielt wirklich gut! Besonders Steffen Link spielt Caligula in seinem Wahn, in seiner Verrücktheit, auf seiner – falschen – Suche nach einem Ausweg aus der gegebenen Absurdität des Lebens großartig!

Im Programmheft heißt es: „Die Willkürherrschaft hat heutzutage wieder Hochkonjunktur. Wir erleben ein Comeback der Autokratie.“ Das ist der politische Ansatz. Sehr wertvoll! Bei Albert Camus kommt dann noch das Philosophische hinzu: Nihilismus ist nicht die Lösung!

Diese (leider nicht klar erkennbare) Kombination von Politischem und Philosophischem macht das Stück aktuell! Es lohnt sich!

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters – mit Trailern.

Copyright der Bilder: Arno Declair



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THEATER: BREAKING NEWS

Eine hervorragende Wahl!

Foto: epd / IMAGO / Hans Scherhaufer

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THEATER: Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei

Regie hat die Thüringerin Luise Voigt (HIER mehr über sie), die – meines Wissens – erstmals am Residenztheater inszeniert. Die Fortschreibung des Brecht‘schen Teils – eine Auftragsarbeit des Residenztheaters – stammt von Björn SC Deigener (mehr zu ihm auf der Stückeseite auf der Website des Residenztheaters, siehe am Ende des Textes).

Die Arbeit wird an der schönen kleinen Bühne des Residenztheaters, im Marstalltheater, gebracht. Die Bühne wird, vor allem im ersten Teil, sogar noch verkleinert, denn alles spielt sich in einem kleinen holzvertäfelten Raum mit Tisch und Stühlen (mehr fast nicht) allein auf der vorderen Hälfte der Bühne ab, siehe das Foto unten. Enge Atmosphäre, passend zum Thema.

Das Brecht’sche Thema: Frau Carrar ist überzeugte Pazifistin, sie will ihre beiden Söhne nicht in den Krieg gegen Franco ziehen lassen. Geht ihre Rechnung auf? Unterstützt sie damit nicht Franco? Muss man sich denn nicht verteidigen, wenn man angegriffen wird, auch wenn man noch so pazifistisch denkt? Stichwort Ukraine. Einer der beiden Söhne von Frau Carrar wird dann getötet und so wird alles anders (ich will nicht spoilern).

Die Inszenierung des ersten Teils des Abends, des Brecht’schen Teils, ist „Bertolt Brecht pur“. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Farbwahl (wirklich alles ist – fast emotionslos – in matt beigefarbenem Holz und in schwarz gehalten) lassen allesamt schon fast keinen anderen Schluss zu. Auch schauspielerisch ist es zurückhaltend – aber sehr gut! Nicht sofort einleuchtend ist es daher aber, warum die Inszenierung insoweit als „bemerkenswert“ bezeichnet wird. Bemerkenswert kann im Grunde nur die freie Kombination mit der „Fortschreibung“ des Brecht‘schen Teils genannt werden. Und bemerkenswert macht die Inszenierung die Tatsache, dass man Brechts Stück in der Tat (so auch die Theatertreffen – Jurorin) als „das Stück der Stunde“ bezeichnen muss.

Letzterer Aspekt („das Stück der Stunde“) überzeugt mich am ehesten. Die Fortschreibung des Brecht’schen Teils wiederum weniger, sie ist – mein Eindruck – im Ansatz und der Herangehensweise an eine Fortschreibung gut, driftet dann allerdings (etwa mit einem Monolog eines Maschinengewehrs) doch etwas flach ab.

Fazit: Zurecht kann man das kleine, nicht sehr oft gespielte Brecht’schen Drama „Die Gewehre der Frau Carrar“ momentan sehr gut passend auf die Bühne bringen. Denn was bleibt einem anderes übrig, als sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird – sehenden Auges, dass es viele Menschenleben kosten wird! Pazifismus wird dann sinnlos, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat! Schlimm genug!

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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OPER: Staatsoper Hannover – Echo 72. Israel in München

Es ist eine Auftragsarbeit der Staatsoper Hannover, eine Aufarbeitung. Ich habe es aber selber noch nicht ganz gesehen. Geschrieben wurde die Oper von Michael Wertmüller. Das Libretto ist von Roland Schimmelpfennig (den der Theaterfreund kennt), dem deutschen Schriftsteller und Dramaturg, einem der meistgespielten Gegenwartsdramatiker Deutschlands.

Auch auf dem bekannten Portal für Theaterkritiken http://www.nachtkritik.de wurde darüber geschrieben. HIER. Dort heißt es etwa: „Lydia Steier inszenierte eine überfordernde, erschütternde, großartige Uraufführung“.

Interessant auch die Musik: Das Schweizer Jazz-Trio „Steamboat Switzerland“ kommt auch zum Einsatz. UND: Die Oper ist auf der von der Europäischen Union mit dem Programm Creative Europe unterstützten Plattform OperaVision zu sehen. Wie lange, weiß ich nicht.

Hier die volle Aufzeichnung, auch über YouTube:


Hier noch ein Foto:

Copyright der Fotos: Sandra Then

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TV: arte – Die Ermittlung

HIER der Link zum Film in der ARTE-Mediathek.

Und hier ein Trailer:

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THEATER: Daniel Kehlmann – Lichtspiel

Damit trifft er – der Roman – vielleicht ungewollt den Zahn der Zeit: Wir leben in einer Zeit, in der sich Fakten und Fiktionen leider immer mehr vermischen! So sind wir immer wieder Betrugsversuchen ausgesetzt: „Papa, ich habe eine neue Telefonnummer, ruf mich mal an!“ oder „Ihr Sohn braucht eine Kaution, er sitzt in Untersuchungshaft!“, fast jeder wird es so oder ähnlich schon erlebt haben. Auch bei Meldungen im Netz werden uns immer wieder falsche Dinge vorgesetzt! KI wird künftig dafür sorgen, dass wir sogar bei Stimmen nicht mehr klar unterscheiden können zwischen „echt“ und „unecht“, usw. Selbst die Demokratie ist damit gefährdet. Können wir Wahlergebnissen trauen?

In dieser Hinsicht – die Vermischung – ist auch der Roman „Lichtspiel“ von Daniel Kehlmann zu sehen. Es geht im Roman um das Leben des Regisseurs G. W. Pabst, eines der tatsächlich erfolgreichsten Regisseure in der Nazizeit. Man liest und denkt sich: Ich erfahre hier seinen Lebensweg! Sein Lebensweg ist ja aus heutiger Sicht politisch sehr interessant – siehe unten! Man erkennt im Roman aber nicht immer genau, was Fiktion ist! Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ ist, auch wenn er sich in Vielem an den Lebensgeschichten des historischen G. W. Pabst und seiner Familie orientiert, teils ein Werk der Fiktion, so gab es etwa keinen Sohn mit Namen Jakob.

Dieser Gefahr entkommt auch die Inszenierung des Romans am Münchner Volkstheater (Regie Christian Stückl) trotz eines deutlichen Hinweises an der Garderobe nicht. Im Gegenteil: Die Inszenierung zeigt sich erst recht fast „dokumentarisch“: Im Hintergrund werden immer wieder Originalbilder der damaligen Zeit gezeigt. Auch das Bühnenbild mit der nüchternen, kühlen weißen Neonbeleuchtung durch eine riesige Lampe über dem Geschehen hat Dokumentationscharakter. Auch die Tatsache, dass während des Stückes fast durchgehend zwei Personen dabei stehen und zuhören und dem Geschehen – wie die Dokumentaristen – zusehen, hat etwas Dokumentarisches.

Zum Inhalt: Es geht also in der Tat um G. W. Pabst, einen der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Er floh vor den Gräueln des neuen Deutschlands nach Hollywood, hatte dort aber keinen Erfolg. Aber sein Erfolg war ihm das Wichtigste! Es trieb ihn freiwillig zurück in die Hände der Nazis, der Propagandaminister wollte das Filmgenie haben und versprach ihm viel Freiheit für sein Schaffen. So konnte er seine Filme machen! Das wollte er! Das Naziregime nahm er nicht ernst, er hielt alles für recht harmlos! Aber während G. W. Pabst noch glaubte, dass er sich weiter nur der „Diktatur der Kunst“ fügen werde, war er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.

Ein hochaktuelles Thema! Denn die AfD hat wahrscheinlich massenweise Unterstützer, die die Partei mit ihren rechtsextremen Mitgliedern aus Bequemlichkeit wählen oder nur ihre eigene private Situation vor Augen haben, den Rechtsruck nicht ernst nehmen. „Raus aus Europa“, „Ausländer raus“, „Windräder abbauen“ usw.! Die AfD kann alles sagen – und wenn es noch so undurchdacht ist! Nur völlig unüberlegt kann man das dann selber für gut heißen!

Man kann sich die Inszenierung am Münchner Volkstheater durchaus so ansehen, dass man rein abstrakt die Entwicklung einer Person verfolgt, die hauptsächlich den eigenen Werdegang, den eigenen Vorteil, den eigenen Erfolg im Auge hatte, nicht aber den damaligen immensen Rechtsruck und die Nazigräuel. „Wehret den Anfängen!“ galt für diesen Mann nicht, er beugte sich seinem Erflgsstreben, und das ist auch heute die Gefahr! Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu einer auf breiter Basis vernünftigen Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit? Die Medien kommen diesem Ziel nicht nahe, finde ich!

Schauspielerisch ist es übrigens ein guter Abend! Das junge Ensemble überzeugt, zieht die Zuschauer hinein in die Geschichte.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Lichtspiel“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Copyright der Fotos: Arno Declair

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THEATER: Theatertreffen 2025

Das Theatertreffen 2025 findet dieses Jahr vom 02. bis zum 18. Mai in Berlin statt. In diesen Minuten wird gerade wieder das Ergebnis der 10-er-Auswahl bekannt gegeben! Hier sehen Sie – der Blog wird das erste Medium sein, das es meldet – die Liste der 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen des vergangenen Jahres“, die dann in Berlin zu sehen sind.

738 Inszenierungen wurden gesichtet. Die Auswahl 2025:

  1. Unser Deutschlandmärchen, Maxim Gorki Theater Berlin

2. [EoL] End of Life, Wien, performative Theaterinstallation

3. Double Serpent, Hessisches Staatstheater Wiesbaden

4. Die Maschine oder Über allen Gipfeln ist Ruh, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

5. SANCTA, eine Koproduktion mit Florentina Holzinger

6. Blutbuch, Theater Magdeburg

7. Die Gewehre der Frau Carrar, Residenztheater München

8. Ja nichts ist ok, Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, Berlin

9. Bernarda Albas Haus, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

10. Kontakthof Echoes of 78, Staatsoper Wiesbaden

Hier der Link zum Live Stream: >>>

HIER der Link zur Auswahl mit den Begründungen auf der Website der Berliner Festspiele.

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Musik: Matze Pröllochs – Dionysos Stadt

Den Soundtrack zum gesamten Stück haben der Drummer Matze Pröllochs und Jonas Holle geschrieben. Auf der Bühne ist Matze Pröllochs. Der besagte schöne letzte Teil des Tages wird begleitet von deren Musikstück „Zidane“. Ich bringe dieses Musikstück hier als Erinnerung für alle, die „Dionysos Stadt“ kennen und sicher zu schätzen wissen, was auf der Bühne passiert. Meine Empfehlung: Richtig laut anhören, dann „sieht“ man es geradezu wieder auf der Bühne vor sich!

Ich kann hier einfach den Eintrag zu Matze Pröllochs auf der Website der Münchner Kammerspiele zitieren:

Matze Pröllochs ist freischaffender Musiker. Von 2009 bis 2017 war er als Schlagzeuger der Band „Me And My Drummer“ aktiv, veröffentlichte zwei Alben und spielte etwa 300 Konzerte in ganz Europa. 

Im Februar 2025 veröffentlicht er sein erstes Album als Solo-Künstler mit dem Titel „Birth No Birth“ und geht damit auf Tour.

Außerdem wirkt er in zahlreichen weiteren Projekten verschiedenster Genres mit, sowohl als Live Drummer, als auch im Studio.

Seit 2017 verbindet Pröllochs eine enge Zusammenarbeit mit Theaterregisseur Christopher Rüping. Die gemeinsamen Arbeiten „Dionysos Stadt“ (Münchner Kammerspiele) und „Einfach das Ende der Welt“ (Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater Berlin) wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen und gewannen beide den Theater heute Kritikerpreis in der Kategorie „Inszenierung des Jahres“ und den Nestroy Preis (beste deutschsprachige Aufführung).

HIER noch die komplette Playlist zur Musik von Matze Pröllochs und Jonas Holle für Dionysos Stadt

HIER der Link zur Website von Matze Pröllochs. Zu sehen sind dort auch die Tourdaten Frühjahr 2025 von Matze Pröllochs. Er wird sein Debutalbum „Birth no Birth“ vorstellen.

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THEATER: Henrik Ibsen – Baumeister Solness

Das mag ein Grund dafür sein, warum seine Stücke immer wieder gerne auf Theaterbühne zu sehen sind.

Ein Einschub vorab: Herrlich als Vergleich (wie sich die Zeiten ändern!) ist eine auf YouTube komplett zu sehende TV-Fassung einer Inszenierung des „Baumeister Solness“ aus dem Jahre 1984 mit Hans-Michael Rehberg und Barbara Sykowa, einer Inszenierung von Peter Zadek (am Residenztheater). HIER.

„Die Wildente“ und „Baumeister Solness“, beides Stücke von Henrik Ibsen, sind derzeit in München zu sehen. Hier nun (nach der „Wildente“ vom Residenztheater, HIER mein vor kurzem erschienener Bericht dazu) meine Eindrücke zu „Baumeister Solness“, das derzeit an den Münchner Kammerspielen gebracht wird.

Bei beiden genannten Stücken spielen zunächst einmal erfolgreiche Unternehmer und ihre Vergangenheit eine entscheidende Rolle:

  • Bei der „Wildente“ entwickelt sich das Geschehen daran, dass der erfolgreiche Unternehmer Werle eine uneheliche Tochter hat, Hedwig, die mit Werles Hilfe in einfachen Verhältnissen aufwächst, und alles wird den Beteiligten erst spät bekannt. Er trug jahrelang dieses Geheimnis mit sich.
  • Auch den erfolgreichen „Baumeister Solness“ holt seine Vergangenheit ein, sogar doppelt: Erstens: Er hatte – zehn Jahre ist es her – ein kleines junges Mädchen, Hilde, geküsst und ihr ein Königreich in zehn Jahren versprochen. Jetzt kommt sie. Zweitens: Er hat seinen großen Erfolg als Architekt in gewisser Weise nur auf Kosten seiner beiden durch ein Feuer verstorbenen Kinder erreicht. Er trägt seitdem ein Schuldgefühl mit sich.

Zur Handlung des „Baumeister Solness“ kurz: Hilde sucht den Baumeister auf. Damals, vor zehn Jahren, hatte sie ihn bewundert, als dieser auf die Kirchturmspitze geklettert war. Der Kirchturm war sein neuestes Bauwerk. Jetzt kommt seine Vergangenheit hoch. Sein Versprechen an Hilde einerseits. Und er hatte andererseits zwei Kinder, beide sind im Säuglingsalter infolge eines Feuers gestorben und er hat genau diesem Feuer seinen ganzen immensen Erfolg als Baumeister zu verdanken. Seine Frau Alina leidet heute noch unter dem Tod der Kinder. Und so weiter.

Wieder stellte sich mir die Frage: Was wollte Henrik Ibsen mit diesem Stück sagen? Es sind so viele Aspekte. Es kommt ja hinzu, dass „Gerhild Steinbuch und Ensemble“ den Ursprungstext des „Baumeister Solness“ drehen, ausweiten: Nicht der Baumeister Solness (Thomas Schmauser) steht im Mittelpunkt, sondern Hilde (Annika Neugart) und Alina (Katharina Bach) sind es, sie stehen hier viel eher im Mittelpunkt. Baumeister Solness irrt eigentlich nur hilflos umher. Hilde und Alina erhalten dementsprechend gegen Ende der Inszenierung sogar noch recht extreme Monologe (Texte von Gerhild Steinbuch und Ensemble). Schwer verständliche Monologe. Und selbst der junge Mitarbeiter von Baumeister Solness, Knut Bravik (Elias Krischke) und sein Vater (Edmund Telgenkämper) bekommen hier etwas mehr Bedeutung.

Das macht es nicht leicht, allem zu folgen. Der fast verwirrte Baumeister Solness sieht sich in seiner Schuld, seinem Zweifel, seiner Angst vor der Jugend, die ja auch Erfolg haben will, und er sieht um sich herum alle Personen mit ihren Problemen. Seine fast wahnsinnige Frau Alina … seinen Mitarbeiter Bravik, der irgendwie seinem Vater gefallen will … dessen Vater, der im Sterben liegt und eben noch den Erfolg des Sohnes erleben will … Hilde vor allem, die sein damaliges Versprechen eines Königsreiches 10 Jahre lang nicht vergessen konnte …

Das Ganze wird zwar getragen vom wunderbaren Ensemble. Alles in allem war es mir aber zu viel. So vielfältig erschien mir Einiges dann nicht mehr ganz stimmig. Auch das vom Original abweichende Ende übrigens, das sich nicht unbedingt entwickelte.

Überzeugen konnte mich die etwas ruhigere Präsenz von Annika Neugart und Edmund Telgenkämper, schwieriger waren dagegen die immer wieder fast Richtung Wahnsinn tendierenden Baumeister Solness und seine Frau Alina in Person von Thomas Schmauser und Katharina Bach. Hinzu kam ja noch ein recht konfuses Bühnenbild auf der Drehbühne, die Kamera teilweise auf der Bühne und – für mich auch nicht ganz verständlich – Solnessens Buchhalterin Kaja in Männerrolle gespielt (Konstantin Schumann). Alles etwas viel.

Tja, was wollte Henrik Ibsen also mit diesem Stück sagen? Diese Frage war für mich durch diese Inszenierung noch schwieriger zu beantworten. Das Leben, jeder hat sein Schicksal … Ich hörte aber durchaus begeisterte Stimmen zu dieser Inszenierung! Da erkannte man an diesem Abend vielleicht eher ein Theaterfest. Und: Nicht alles beantworten zu können, das macht ja Theater aus!

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Gabriela Neeb

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KUNST: Jonathan Meese – Die Diktatur der Kunst

HIER DER LINK:

Ihn „skurril“ zu nennen, ist eine fiese Beschreibung, klingt sie ja geradezu nach „verrückt“. Er mag fern der Realität sein, wie Pippi Langstrumpf. Ja, er ist ein Phantast, aber ein wunderbarer Phantast! Er ist extrem klar und ehrlich, hundertmal direkter und offener gegenüber dem puren Leben, als jeder, der meint, offen zu sein.

Der Podcast zeigt sein im Grunde tief richtiges Denken – auch wenn es so unrealistisch, so phantastisch ist! Er lebt ganz reel, lebt ein – scheint mir – ganz normales, einfaches Leben, aber er lebt mit einer irre freien, einer vollkommen ideologiefreien Einstellung, er ist Kind geblieben, sagt er von sich selber. Er verkauft nichts, auch nicht sich selbst, vor allem verkauft er keine Ideologie.

Mit viel schwächeren Worten, als den erfrischend schnellen, erfrischend frechen und erfrischend positiv idealistischen Worten von Jonathan Meese, könnte ich nur sagen: Den Podcast hören, dann weiß man, worum es geht: Es geht immer nur um einen selbst, da hat man genug aufzuräumen! Es geht nicht darum, sich von irgendetwas oder irgendjemandem abhängig zu machen, nicht darum, andere von einem abhängig zu machen oder Angst zu erzeugen, es geht nicht darum, andere überzeugen zu wollen. Zu Trump und Höcke würde er sagen: „Mensch Junge, geh doch einfach mal spazieren!“ Politik, Religion, Parteien, Institutionen, Abschottung, Macht, Ideologien … in all dem geht es immer darum, Angst zu erzeugen! Nur der Kunst geht es nicht darum, Angst zu erzeugen. Nur die Kunst ist echt! Nur die Kunst denkt nicht an Ideologien! (Kulturpolitik und Kultur als zeitgebundenes Konstrukt dagegen ist wieder Ideologie.) Deshalb sind auch Tiere Kunst! Deshalb ist auch die Natur Kunst! Ein Berg, denkt nicht an Ideologien! Also ist er Kunst! Meese sieht das „Gesamtkunstwerk“ jedes Einzelnen … schwer genug, es hin zu bekommen, er sieht das Gesamtkunstwerk „Deutschland“, das Gesamtkunstwerk „Welt“, das ist seine Vision! Die Diktatur der Kunst!

Wir müssen uns nur trauen, der Kunst zu folgen, nicht den Ideologien, die hinter jeder Ecke lauern. Und Ideologien sind Vergangenheit, Kunst ist Zukunft … Kunst ist Überraschung, etwas bisher Ungesehenes, ist nicht der Blick in den Spiegel, denn das ist der Blick in die Vergangenheit.

Oder: „Es ist momentan alles nur noch eine Party auf dem Vulkan. Kunst ist (aber) keine Unterhaltung, sondern eine Angriffswaffe. Eine Angriffswaffe, um uns freizuschaufeln, um eine Zukunft zu haben …“. Tolle Sätze.

Sehr entscheidend für diesen so erfrischenden Wortschwall von Jonathan Meese ist Matze Hielscher als Interviewer in seinem Podcast Hotel Matze. Seine Fragen gehen immer wieder in die Überzeugungen von Jonathan Meese hinein. Sehr gut.

Mir schrieb mein Sohn, der mir den Podcast nahebrachte: „… er bricht auf erfrischende Art und Weise unser Verständnis von der Welt und den Dingen auf und setzt sie irgendwie auf abstrakte Art und Weise neu zusammen. Und das ist ein schöner Reality Check. Eine Einladung sich und alles mal nicht so ernst zu nehmen.

Der Podcast ist auch auf YouTube zu hören. HIER der Link. Und HIER der Link zur Website von Jonathan Meese.

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THEATER: Lot Vekemans – BLIND

Es ist die Inszenierung eines der neuesten Texte der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans, Regie hat Matthias Rippert.

Lot Vekemans ist ja für ihre Texte bekannt. Ein paar Zusammenhänge vorab:

  • Zu sehen war in München vor Jahren die Inszenierung des Textes „Judas“ von Lot Vekemans mit Steven Scharf (auf der Leiter).
  • Am Münchner Metropoltheater war außerdem vor wenigen Jahren eine Inszenierung des Textes „Schwester von“ von Lot Vekemans zu sehen, es ging um die Schwester von Antigone, Ismene. Ein Monolog ans Publikum.
  • Juliane Köhler spielte am Residenztheater schon Lot Vekemans Text „Niemand wartet auf Dich“, auch das eine direkten Ansprache des Publikums, auch das eine deutschsprachige Erstaufführung.
  • Und: Juliane Köhler ist übrigens in Göttingen geboren. Ich auch.

Das Thema nun von BLIND: Ein Stück zweier Personen. Ein „alter“ allein und abgeschottet lebender Vater (Richard) und seine Tochter (Helen). Die Tochter hat ihren Vater jahrelang nicht besucht, nun kommt sie sporadisch, der Vater hat seine Haushälterin grundlos entlassen. Wenn man dem wahrlich schroffen – zu schroffen – Verhalten der Tochter gegenüber ihrem Vater folgt, kann man nur sagen: Dieses Verhältnis ist zerrüttet. Das Verhältnis zweier Generationen ist vielleicht gemeint und das ja zurecht. Helen nennt ja manchmal – zumindest kurz – die Themen heutiger Zeit. Der Vater erscheint zwar fast liebevoll gegenüber seiner Tochter, sie aber akzeptiert einfach nicht all die altersbedingten „Schrulligkeiten“ des Vaters, sie reibt sich an ihnen, wohl schon immer. Für sie sind es sogar mehr als „Schrulligkeiten“, sie macht ihrem Vater Vorwürfe, die auf sein Leben zurückgehen.

Seine Rechthaberei, seine Einstellung zu Helens dunkelhäutigem Ehemann, seine Weltfremdheit, sein Selbstmitleid, seine – so sieht es Helen – lebenslange Interesselosigkeit gegenüber der eigenen Tochter, seine ihr entgegensetzten Ansichten zu den aktuellen Themen über Gleichberechtigung, Naturschutz, soziales Denken, sein fehlendes Engagement für solche Themen und und und.

Wie gesagt: Juliane Köhler spielt Helen äußerst schroff. Sie zeigt damit keinerlei Nachdenklichkeit. Ich weiß nicht, ob sich ein so „grauenhaftes“ tief verwurzelt verbittertes Verhältnis zwischen Vater und Tochter noch je ändern könnte. Die Tochter Helen äußert Kritik und Unverständnis, ja eben fast Abneigung gegenüber dem Vater, sie besucht ihn immer ungern. Kritik ist zwar oft der Schlüssel zur Verbesserung, auch und gerade die Kritik der neuen Generation an der alten Generation. Ein guter Gedanke. Aber:

Achtung: Ab hier wird gespoilert!

Man muss sich hier im Grunde wundern, dass das Verhältnis der beiden im Verlauf des Stückes tatsächlich doch noch „die Kurve kriegt“. Es beginnt mit der Bemerkung des Vaters: „Ich wünschte, wir könnten neu anfangen.

Dann wird es fast etwas zu leicht: Wir müssen immer nach vorne blicken … heißt es als gute Lösung. Auch das verständlich, aber es bleibt damit vielleicht ein etwas zu versöhnliches, hilfloses, fast kitschig pauschales Ende. So wird der Zuschauer doch zu leicht aus dem Theater entlassen. Nun gut, man kann nicht alles auf die Bühne bringen.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Robert Icke- Die Ärztin

Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.

Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.

Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.

Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.

Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?

Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.

Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Henrik Ibsen – Die Wildente

Die Wildente am Residenztheater ist die erste Inszenierung des norwegischen Regisseurs Johannes Holmen Dahl auf deutscher Bühne. Es ist eine sehr konsequente, reduzierte Inszenierung, die mir in dieser Art gut gefallen hat! Auch das kann Theater! Man erlebt keine „Show“, kein Bühnenbild, man erlebt schlicht das Stück, das ja komplexer ist als man meinen könnte. Die durchaus große, hohe Bühne des Cuvillestheaters – es ist trotzdem die etwas kleineren Bühne des Residenztheaters – ist vollkommen leer und dunkel gehalten. Ein Schlagzeug kommt seitlich am Bühnenrand manchmal zum Einsatz. Die insgesamt acht Schauspielerlnnen kommen und gehen und reden miteinander, nicht selten reden sie nebeneinander stehend am vorderen Bühnenrand mit Blick in das Publikum. So folgt man für zwei Stunden der zuerst so harmlos daher kommenden Geschichte von „Die Wildente“, die sich mehr und mehr zuspitzt. Nicht einmal ein Brief oder eine Speisekarte, die eine Rolle spielen, sind als Requisiten sichtbar, man muss es sich vorstellen.

Die Inszenierung hat mich an frühere wunderbare Inszenierungen von Jürgen Gosch erinnert. Fast mit den einzigen Unterschieden: Bei Jürgen Gosch (etwa bei seinen Erfolgsinszenierungen von Tschechows „Die Möwe“ oder „Onkel Wanja“) blieben alle SchauspielerInnen immer am Rand auf der Bühne stehen und schauten zu, außerdem war der Bühnenraum bei ihm meist klein gehalten. Jürgen Gosch war damit sogar noch konsequenter als Johannes Holmen Dahls. Denn bei „Die Wildente“ hier am Cuvillestheater kommt zumindest im Verlauf des Stückes die Natur mit „Naturgewalten“ zum Einsatz, vor allem gegenüber der Tochter Hedwig (zum Inhalt unten), um die Gefühlslagen zu verdeutlichen. Auch das gelungen und passend. Eine große dichte Nebelwolke von oben, starker Wind (Sturm fast), grelles Licht, Regen, Donnern des Schlagzeugs und am Anfang und Ende der Blick ins reale Nachtlicht des Residenzhofes hinter dem Theater aus einem großen Fenster an der Rückwand der Bühne. Der Blick in die Freiheit?

Inhaltlich ist die Wildente ja garnicht so leicht zu verstehen: Worauf wollte Henrik Ibsen hinaus? Wofür steht die Wildente? Vordergründig ist es klar: Der Unternehmer Werle mit Schuldgefühlen einerseits und die Familie Ekdal mit Tochter Hedwig und ihre Wildente andererseits. Die Familie Ekdal wurde jahrelang vom Unternehmer finanziert und unterstützt (ohne Wissen des Vaters der Familie Ekdal und der Tochter) – man ahnt und merkt später, warum er es machte. Der Sohn des Unternehmers Werle macht sich dazu auf, das aus seiner Sicht falsche, unehrliche Leben der recht armen Familie Ekdal in die für ihn richtigen Bahnen zu bekommen, die Dinge aufzudecken. Nur so könne man doch gut leben! Lebenslügen und Wahrheit – vielleicht ist es das große Thema des Stückes. Man findet verschiedene Ansätze, wenn man danach darüber nachdenkt. So kommt auch die Frage auf: Welche Figur steht eigentlich wirklich im Mittelpunkt? Ist es die Tochter Hedwig? Ist es ihr „Vater“ Hjalmar? Die Mutter? Fast jede Person hat einen eigenen Beitrag zur Geschichte in diesem Stück.

Schauspielerisch ist es bei dieser Kargheit der Inszenierung auch gelungen! Es ist ja schwer, hauptsächlich den kleinen Gesten des Sprechens vollen Ausdruck zu verleihen. Hervorzuheben sind für mich Simon Zagermann (als Hjalmar Ekdal) – er überzeugt, steht am ehesten im Mittelpunkt! Dann Oliver Nägele – er spielt den alten Ekdal und gibt dem Stück dabei eine fast ehrenhafte Note. Auch Anna Drexler, wieder zurück aus Bochum, hat mit ihrer etwas zurückhaltenden, aber dann doch (selten aber) auch explodierenden Art immer wieder eine schöne Bühnenpräsenz! Max Mayer spielte seine Rolle als der Arzt Relling dagegen verrückter aus, als ich es bei der Lektüre vor Augen hatte. Wichtig sind auch Naffie Janha alsTochter Hedwig und Florian Jahr als Sohn des Unternehmers Werle, sie stoßen das Stück aber fast nur an (Gregers Werle) bzw. sind Leidtragende (Hedwig).

Wer eine schöne unaufgeregte Konzentration auf „Die Wildente“ in aller Klarheit der Bühne sehen möchte, sieht es hier. Und in der Tat lässt sich gut überlegen, für was die Wildente wohl stehen kann …

Hier noch zwei Bilder:

HIER der Link zur Stückeseite „Die Wildente“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld