„Daddy“ – ein Stück am Münchner Residenztheater (am Marstalltheater) über die Verschmelzung von realer und digitaler Welt, der heute die jungen Generationen vor allem in Verbindung mit „Gaming“ unweigerlich ausgesetzt sind.
Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar die erste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.
Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.
“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!
Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.
Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!
Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.
Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:
Hier der französische Trailer:
HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch eine Aufnahme vom „Grillabend“:

Copyright der Bilder: Adrienne Meister