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THEATER: Robert Icke – Ödipus nach Sophokles

Es ist die antike Tragödie „Ödipus“ von Sophokles, die jetzt (nach Aufführungen in anderen Städten) am Münchner Residenztheater zu sehen ist. Ödipus’ Schicksal ist ja als altgriechischer Mythos bekannt: Spät erfährt Ödipus, dass er adoptiert ist, dass er in jungen Jahren zufällig seinen ihm unbekannten leiblichen Vater Laios getötet hatte und wiederum etwas später unwissentlich seine leibliche Mutter Iokaste, die Frau des gestorbenen Laios, zur Ehefrau genommen hatte. All diese Zusammenhänge waren ihm nicht bekannt. Mit Iokaste hatte Ödipus sogar vier Kinder, Antigone, Ismene, Etheokles und Polyneikes. Sein Schicksal endet natürlich tragisch.

Soweit der Mythos. Robert Icke behält für seine „moderne“ Fassung nicht alle Einzelheiten des Mythos bei, aber dessen Verlauf, die „Story“, er behält auch die antiken Namen bei und sogar das Prinzip von „Einheit von Zeit, Raum und Handlung“ einer klassischen antiken Tragödie. So sieht man, wie sich auf der Bühne alles in einem einzigen Raum innerhalb von knapp zwei Stunden abspielt, ohne Zeitsprünge.

„Ödipus“ spielt bei Robert Icke also unter Beibehaltung dieser antiken Elemente – vor allem der „Storyentwicklung“ um Ödipus herum – in der heutigen Welt: Ein Wahlabend, der smarte Ödipus steht vor einem großen Erfolg … die Hochrechnungen zeigen es … alle sind happy, die Kinder stolz … aber da bricht sein Leben zusammen … die teils verdrängte, teils unbekannte Vergangenheit kommt ans Tageslicht … es hatte vor etwa zwanzig Jahren einen Autounfall gegeben, Ödipus hatte ihn verursacht, Laios war dabei gestorben … und auch Iokastes Vergangenheit kommt hoch … sie hatte ihr Kind, den damaligen Säugling Ödipus, ausgesetzt.

All das in der modernen Welt. Auch in Robert Ickes moderner Fassung des „Ödipus“ bahnt sich also die Wahrheit ihre Bahn. Es entstehen Überlegungen, es wird im Text angesprochen: Wir leben unser Leben oft mit einer Lüge, das Leben basiert fast zwangsläufig auf Lüge, unbewusst oder bewusst, weil immer Dinge unter den Tisch fallen und eine unvollständige Wahrheit ist eine Lüge.

Irgendetwas verschiebt sich allerdings, wenn man Robert Ickes Fassung des „Ödipus“ sieht. Auch wenn man ständig fast automatisch „klassisch“ mitdenkt: Zwangsläufig geht der antike Tragödiencharakter verloren, man folgt „nur noch“ einer moderne Geschichte mit tragischem Ausgang, mehr nicht. Im Original vor allem sind es Orakelsprüche, die Iokaste und Ödipus zu ihren Handlungen treiben, die Götter lenken, aber genau das entfällt natürlich in der modernen Welt. Kann das funktionieren?

Es kann funktionieren, eine solche Aktualisierung ist auch im Grunde sehr interessant, aber man sieht eben nicht mehr das antike Drama. Die antiken Dramen, so auch „Ödipus“ von Sophokles und so auch die gesamte griechische antike Welt, waren schließlich getragen von Einflüssen der Götter. Genau das hebt eine solche Geschichte, auch die Geschichte um Ödipus, in unfassbare Sphären der damaligen Welt.

Das so sehr Mythologische aufzugeben zugunsten einer Aktualisierung ist schwer, es gelingt bei Robert Ickes „Ödipus“ m. E. nicht rundum, da eben die Schicksalsführung durch Orakel keinen Ersatz findet oder finden kann. Die Götterwelt und das von ihr oft gelenkte Schicksal hatten früher eine unglaubliche Bedeutung! Früher, aber nicht mehr heute! Heute scheint der Zufall zu bestimmen.

Es ist bei alldem aber immer wieder eine Freude, vor allem die beiden langjährigen, so irre vielseitigen Ensemblemitglieder Barbara Horvath (hier als Iokaste) und Florian von Manteuffel (hier als Ödipus) – diesmal als smarte moderne Menschen – zu sehen. Sie stehen natürlich im Zentrum der Tragödie. Florian von Manteuffel etwa als Boanlkramer im Brandner Kasper, oder oder oder, und Barbara Horvath etwa ehemals in Simon Stones famosen „Drei Schwestern“, oder oder oder!

„Bühnenbildtechnisch“ wiederum scheint Robert Icke schlichte, modern-funktionale völlig emotionslose Räume zu bevorzugen.

Fast erstaunlich ist es übrigens, dass im Programmheft am Ende ein sehr guter Text zu lesen ist, dessen Bezug zum Stück zumindest nicht gleich klar wird: Worte einer Frau, die ein Epstein-Opfer war. Aber man merkt: Wie geht sie mit ihrer Vergangenheit um?

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Robert Icke- Die Ärztin

Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.

Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.

Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.

Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.

Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?

Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.

Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld