THEATER: Milo Rau – Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

THEATER: Vor dem Auftritt

Die Theatersaison rückt näher, der Blick wird wieder geschärft.  Es geht auch in München in Kürze wieder los.  Die Leser werden es merken. Gestern gab es  schon einmal eine Ausstellung der Fotografin Cordula Treml, gezeigt werden Aufnahmen  von SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihren Auftritten.  Ich hatte im Vorfeld  einige Fragen an Cordula Treml, die Antworten dazu werde ich in Kürze in einem weiteren Beitrag hier bringen.

Die teilweise wunderbaren Fotografien können in verschiedenen Größen auch käuflich erworben werden. Gestern, am 13. September 2018, war die Vernissage, die Ausstellung läuft noch bis Freitag, den 21. September 2018. Sie ist zu sehen im Schauraum 1899 in der Landwehrstraße 67 in München.

Die SchauspielerInnen: Man sieht sie immer „nur“ auf der Bühne. Nie aber kurz vor oder kurz nach ihren Auftritten. Erst wiederum etwas später nach ihren Auftritten erlebe ich sie oft in den Kantinen der Theater. Doch das sind ja schon wieder ganz andere Momente. Fröhlichere Momente. Als wären sie dann wieder in ihr eigenes Leben zurückgekehrt.

Bei Cordula Treml geht es um die Momente kurz VOR einem Auftritt. Genau so interessieren mich die Momente der SchauspielerInnen kurz NACH ihren Auftritten. Auch dazu gibt es Fotografien. Ich  bemühe mich derzeit, auch Zugang zu diesen Aufnahmen zu erhalten und werde dann darüber schreiben. Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich aus Berlin (bis vor kurzem war sie liiert mit dem bekannten Schauspieler Martin Wuttke) hat die Momente unmittelbar NACH den Auftritten in Fotografien erfasst. Und es gibt eine Menge interessanter Aufnahmen von SchauspielerInnen IM UMFELD ihrer Auftritte vom Münchner Fotografen Johannes Seyerlein. Auch Portraitaufnahmen. Auch zu ihm habe ich Kontakt aufgenommen. Mal sehen, inwieweit ich all diese Momente im Blog bringen kann. SchauspielerInnen neben der Bühne gewissermaßen! Vielleicht  kann ich etwas auf einer Extraseite machen. Es würde meine Theaterberichte so gut ergänzen.

Zur Ausstellung „Vor dem Auftritt“:

Schon die hier (oben und unten) gebrachten Bilder zeigen, dass besondere Situationen erfasst sind, wenn SchauspielerInnen kurz vor ihren Auftritten „erwischt“ werden. Fast alle der von Cordula Treml gebrachten Fotografien zeigen SchauspielerInnen, die sehr konzentriert, in sich gekehrt, ja fast durchgehend traurig erscheinen. Siehe das Bild oben! Möglicherweise ergibt sich ja eine gewisse Traurigkeit, wenn man fremde Schicksale auf der Bühne verkörpern will. Wer verinnerlicht schon gerne fremde Schicksale und fremde Einstellungen, SchauspielerInnen tun es! Jedes Schicksal ist auch für sich genommen irgendwie traurig! Traurig im weitesten Sinne, nicht gleich zum Weinen traurig. Vielleicht hat es auch etwas mit Demut zu tun.  Vielleicht sehen es aber junge SchauspielerInnen von heute wiederum etwas anders! Performance, Selbstverwirklichung etc! Die „Schauspielerei“ hat sich sicherlich geändert.  Es ist eben längst nicht mehr alles „Sprechtheater“.  Vielleicht wollen junge SchauspielerInnen heute viel mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit auf die Bühne mitnehmen.

Im Katalog zur Ausstellung sind im Gegensatz zur Ausstellung selbst zu fast jedem Foto kurze Aussagen zu den Momenten vor dem Auftritt enthalten.  Michael Maertens vom Wiener Burgtheater bringt es auf den Punkt:

Ich hasse Maske. Ich brauche Maske.

Ich bin in der Maske ängstlicher als auf der Bühne. Ich will mich ja immer so gerne verstecken. Es geht in der Maske nicht. Aber auf der Bühne habe ich dann Maske und kann mich wunderbar verstecken. Dank der Maske.„

In der Maske sitzen somit zwei Personen, und genau das werden die SchauspielerInnen merken: Sie sitzen dort persönlich – vor dem Spiegel – und werden Stück für Stück verwandelt in eine andere Person. Auf der Bühne wiederum erscheint dann nur diese andere Person. Wie gesagt: Vielleicht legen junge SchauspielerInnen heute ihre eigene Person nicht mehr in der Maske ab, sondern nehmen Sie mit auf die Bühne.

Der Katalog  zur Ausstellung kann käuflich erworben werden (Euro 24), er enthält alle Aufnahmen. Wer Interesse hat, kann sich auch bei mir melden, ich würde Anfragen weiterleiten.

HIER  die Website von Cordula Treml.

Und hier noch zwei Aufnahmen (Oben: Bettina Stucky. Unten links: Sophie von Kessel. Unten rechts: Eva Meckbach). Da steckt doch auch eine gewisse Traurigkeit drin, nicht nur Anspannung, oder?

©️ aller Aufnahmen:  Cordula Treml

 

THEATER: Martin Sperr – Jagdszenen aus (Nieder)Bayern

Diesmal kein „politischer“ Theaterabend. Jagdszenen in (Nieder)Bayern von Martin Sperr. Es war ein Theaterabend nach klassischem Modell. Aber – und ich bin ja sehr kritisch (fast negativ voreingenommen), was „klassische Theaterabende“ anbelangt – sehr gelungen! Ich finde, das Stück ist an sich in dieser Inszenierung ein Genuss. Auch wenn man das Theater nicht gerade mit einem aktuellen Thema im Gepäck verlässt. Eher mit einem Dauerbrenner: „Das Anderssein und die Reaktionen derer, die meinen, „normal“ und damit „besser“ zu sein. Die den „Anderen“ in die Ecke treiben. Gezeigt an einer (nieder)bayerischen Dorfgemeinschaft nach dem Krieg. Ein Bild, das heute noch – glaube ich – in gewisser Weise auf ganz Bayern zutrifft. Mia san mia! Deswegen ist auch im Titel der Wortteil „Nieder“ durchgestrichen bzw. – hier im Blog – in Klammern gesetzt.

Die Dorfgemeinschaft verfolgt den Heimkehrer Abram, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, immer mehr. Es staut sich auf. Erste Szene: Er wird erschossen, fast alle haben Gewehre, um ihn zu finden.  Noch dazu soll er schwul gewesen sein. Und: Die Prostituierte Tonka liebte ihn. Auch so ein Problem. Weiter: Sie war sogar schwanger von ihm! Noch weiter: Es gibt auch einen „Dorftrottel“, den Rovo, der auch alle stört. Dann noch: Der Knecht Volker verkehrte mit der Prostituierten Tonka – schuldet ihr dann auch das Geld – obwohl er doch die Bäuerin Maria heiraten „will“. Maria lebt mit Volker zusammen, da ihr Ehemann nicht aus dem Krieg zurück kam. Das wird auch nicht gerne gesehen. Also alles wie im richtigen Leben. Fast jeder hat seinen Teil zu tragen. Und wie es so ist: Einer soll der Schuldige sein! Abram, gegen den sie sich mehr und mehr verschwören.

Dargeboten wird das Stück, das 1965 das Erstlingsstück von Martin Sperr war, rückwärts, wie eine Familienaufstellung oder jedenfalls wie eine therapeutische Aufstellung zu der Situation im Dorf, zur besseren Sicht auf die Entwicklungen und die Personen. Man sieht in der ersten Szene also das Ende, und geht Tag für Tag zurück. Das Stück wurde so vor mehreren Jahren zuerst für die Kammerspiele inszeniert (Martin Kusej war damals der Regisseur) und wurde dann vom Residenztheater übernommen (Martin Kusej ist dort derzeit Intendant). Das Stück steht immer wieder einmal im Spielplan des Residenztheaters. Es ist fast schon ein Klassiker des Residenztheaters.

Drei Dinge kann ich dazu sagen:

– Es ist m. E. hochgelungen, diese Geschichte so auf die Bühne zu bringen. Wie gesagt: wie bei einer Familienaufstellung blickt man Szene für Szene – es werden 14 Szenen gezeigt, man geht eine Woche Tag für Tag zurück – auf die beteiligten Personen. Jeder hat zur Entwicklung der Dinge eine bestimmte Einstellung. Jeder hat seine Geschichte. Auch die Tatsache, wie schlicht die Szenen gehalten sind, ist sehr gelungen. Auch die Auswahl der Szenen und auch Zusammenstellung der Personen (eher das „Verdienst“ von Martin Sperr). Und die Geschichte an sich, eine beispielhafte – natürlich extreme – Entwicklung des Ausschlusses bestimmter Personen aus der Gemeinschaft, die aber eigentlich selber …. So gesehen ein wunderbarer Theaterabend!

– Zwei Darstellerinnen sind auf jeden Fall besonders hervorzuheben: Die beiden wahrscheinlich jüngsten. Katja Bürkle als Abram, der Heimkehrer, und Anna Drexler als Tonka, die Prostituierte. Während Anna Drexler im Stück „Erschlagt die Armen“ (HIER der Link zu meiner Besprechung) meines Erachtens ja zu zurückhaltend spielte oder vielleicht spielen sollte, zeigt sie hier in den „Jagdszenen“ als die Prostituierte Tonka Hochleistung. Die harmlose Tonka erhält trotz ihrer nicht wirklich im Zentrum stehenden Rolle große Präsenz. Genauso aber Katja Bürkle, die den gehetzten Abram wunderbar spielt. Sie spielt also wieder eine männliche Figur – wie den Franz in Die Räuber. Aber das Gehetztsein spielt sie äußerst glaubhaft und sensibel. Auch insoweit ein toller Theaterabend!

– Wie gesagt nur: Es bleibt ein eher „klassischer“ Theaterabend. Nichts von wegen „Immersion“ (also irgendwie „Einbeziehung“ des Zuschauers), von der man zurzeit so viel redet. Natürlich auch nichts von wegen „Performance“. Und auch nichts Auffallendes – abgesehen von guten Leistungen! – von wegen „der Schauspieler als selbständiger Künstler“, was Fabian Hinrichs auch immer damit letztens in seiner Rede zum Berliner Theatertreffen gemeint haben mag. Sympatisieren tut man wenigstens (vielleicht wollte Martin Sperr auch genau das), und zwar – so ging es mir jedenfalls – mit Abram und Tonka, die es beide am schwersten haben. Obwohl alle ihren Mist an der Backe haben. Das wäre dann doch ein „Verdienst“ des Abends. Ich nehme ja gerne etwas mit.

Copyright des Beitragsbildes: Andreas Pohlmann, Residenztheater

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THEATER: Marta Gornicka – Jedem das Seine

Aufstehen und schreien. Sonst hilft ja kaum mehr was. Marta Gornickas Inszenierung „Jedem das Seine“ an den Münchner Kammerspielen ist so ein Aufschrei. Im Juni noch ein paar Mal zu sehen. Dauer ca. 40 intensive Minuten.

Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten meist einen vielstimmigen – „feministischen“ – Chor sprechen, den sie aus dem Publikum heraus dirigiert. „The Chorus of Women“ heißt es auf ihrer WEBSITE. Sie ist bekannt dafür. Ich kam fast ins Schwitzen. Das hatte ich so nicht erwartet. Ein choraler Protest. Sie nennt ihre Arbeit ja auch „Manifest“. Es geht nicht um schauspielerische Leistung, es geht allein um den Inhalt, die Aussage, die Frage, wie weit der Zuschauer davon in den Bann gezogen wird.

Es war fast die Frage: Ist da der begrenzte und irgendwie exklusive Raum des Theaters noch der richtige Ort? Es hätte auch öffentlich am Marienplatz stattfinden können. Man wäre stehen geblieben! Und es hätte als Protest fast noch besser gepasst! Aber auch Theater wird ja derzeit wieder aktivistischer, politischer, kritischer. Deswegen passt es auch sehr gut ins Theater. Ein Theater mit anderen Kriterien, als gewohnt. Theater müssten fast Begleitmaterial zu solch einer Performance anbieten.

Nur: Protest gegen was war es? Gezeigt wird das Bild von „Fleisch“ und „Sex“ und „Donald Trump“ und „Nationalismus“ und „Faschismus“. Protest gegen eine rücksichtslose und sich immer mehr abgrenzende männliche Welt irgendwie, würde ich sagen. Trends der Zeit, gegen die man aufschreien kann! Das weltweite Machogehabe und seine Auswüchse.

Der Chor rezitiert Auszüge aus verschiedenen feministischen Manifesten. Und er kommt auf die offenbar bekannte Verbindung von Antifeminismus und Faschismus zurück. Schon der Titel „Jedem das Seine“ wurde ja früher von den Nazis missbraucht. Gut und bezeichnend ist dann natürlich: Jede/r der Mitwirkenden ist wunderbar individuell gekleidet, nicht einheitlich wie in alten Nazizeiten. Und jede/r nicht schrill auffallend, sondern angenehm individuell. Und doch entsteht Einheitlichkeit. Aber eben eine Einheitlichkeit des Protestes.

In der Ankündigung der Inszenierung auf der Website der Kammerspiele (HIER der link) heißt es:

Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These.

Hier ein schönes Bild, das Jean Peters vor wenigen Tagen vom Zustand der Welt brachte. Seine Themen, die Themen des Kollektiv Peng!, stehen fast hinter Marta Gornickas Protestschrei. Jean Peters ist Mitglied des KOLLEKTIV PENG! und hielt – nicht als Preisträger! – gerade eine recht bittere Rede zum George Tabori Preis 2018. Er sagte etwa:

Uns ist da eine Ethik abhandengekommen. Oder, sie ist nicht abhandengekommen. Sie ist wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen weisen Rat parat hat, aber sie bestimmt nun mal den Alltag nicht.“

Eine Oma, die nicht mehr schreit. Die Rede endet wie folgt:

George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. … Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen und uns dazu einzuladen mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert, und dem kleinen forschenden Kind in uns können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte, aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen.

Ja, Realpolitik, man kann nicht wegschauen. Schön, dass aufgeschrien wird. HIER die schriftliche Fassung der Rede von Jean Peters.

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Copyright des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

THEATERTREFFEN EXTRA, LITERATUR: Rückkehr nach Reims (Schaubühne Berlin)

Ich hatte es schon gesehen und besprochen. Da es auch eines der zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Stücke war und – ich glaube – auch in der kommenden Spielzeit noch zu sehen sein wird, bringe ich HIER den link zu meinem wichtigen damaligen Beitrag. Es geht ja beim besten Willen nicht ohne den Beitrag. Die Inszenierung geht zurück auf das gleichnamige Buch von Didier Eribon. Der Vollständigkeit halber bringe ich es hier, als Anregung. Dann fehlen mir vom Theaterftreffen nur das „Nationaltheater Reinickendorf“ und „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater, was ja sehr sehr gelobt wird. Mal sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Schaubühne

THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. „Wut“ heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. „Work in Progress“. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück „Am Königsweg“ werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu „folgen“. Aber „folgen“ ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es „Am Königsweg“ war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr „Jugend“. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern „Aktionen“ auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde „Bernd Söder“ entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: „Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!“ Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

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Teils gut gemacht, aber mein „aber“: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung „Wut“ an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

THEATERTREFFEN EXTRA: Mittelreich nach Josef Bierbichler und nach Anna-Sophie Mahler (Münchner Kammerspiele)

Ich hatte es schon in München gesehen. Mittelreich. Die bayerische Familiensaga, die Erzählung von Josef Bierbichler, die jetzt auch im Kino läuft („Zwei Herren im Anzug“): Mit schwarzer Besetzung, komplett identisch inszeniert wie die im Jahr zuvor gebrachte Inszenierung mit der Ensemblebesetzung der Kammerspiele. Appropriation Art, Inszenierung von Anta-Helena Recke. Es sei die „wichtigste“ Einladung zum diesjährigen Theatertreffen, höre ich im Podcast des Theatertreffen-Blogs TT BLOG 18. Der übrigens zu jedem der gezeigten Stücke und zu allen möglichen Aspekten des Theatertreffens 2018 etwas bringt.

HIER mein damaliger wichtiger Blogbeitrag. Wie könnte man nur zurecht kommen, ohne ihn gelesen zu haben??

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss, Kammerspiele

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THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

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Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“

 

 

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THEATERTREFFEN EXTRA: Irgendwie „FAUST“ von Frank Castorf (Berliner Volksbühne)

Für den Zuschauer ein Erlebnis, aber auch eine Zumutung!

Ich war auf der allerletzten je gespielten Vorstellung von Frank Castorfs „Faust“ – Inszenierung. Es war eine der letzten Inszenierungen von Frank Castorf an der berüchtigten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Theaterwelt war begeistert, dass diese Faust-Inszenierung auf dem Theatertreffen 2018 gezeigt wurde.

HIER ein Trailer. Reinsehen!

Und HIER ein link zur interessanten Besprechung der Inszenierung im Deutschlandradio Kultur.

Und HIER der link zur Website der Volksbühne mit Erklärungen und weiteren Trailern!

Man sagt, diese siebenstündige Inszenierung sei ein „Kunstwerk“. Jetzt verstehe ich es ein wenig: Kunstwerke kapiert man nicht immer, man fühlt nur, dass es ein „Kunsterk“ ist, oder? So war es auch hier! Ich habe ähnliche Stimmen vernommen. Ich habe nach 3 Stunden nichts mehr kapiert! Vom „Faust“ habe ich nichts mehr mitbekommen. Es ist natürlich nicht exakt die Geschichte „Faust“, die in der Inszenierung erzählt wird. Auch, aber wirr und wahnsinnig!!

Frank Castorf spannt ja wieder einmal einen weiten Bogen über viele, viele Themen. Und all die Themen (von Bismarck bis Algerien) werden hoch wortgewandt verarbeitet. Für den Zuschauer eben ein Erlebnis, aber auch eine Zumutung! Ein Parforceritt! In der Ankündigung des Abends hieß es ja auch nicht (im Gegensatz zu den Ankündigungen der anderen Stücke des Theatertreffens) „Faust von Johann Wolfgang Goethe“, sondern nur „Faust“. Typisch Castorf.

(Motto des Blogs ist ja: Theater muss doch nicht gefräßiger Konsum sein. Rausgehen und sich nur sagen: „Ein schöner Abend!“, das wäre doch Theaterzerstörung, Kunstzerstörung, Zeitverschwendung. So viel Zeit haben wir ja nicht! Schön ist, finde ich jedenfalls, wenn Theater anregt. Theater zeigt doch etwas aus der Gesellschaft. Toll ist es natürlich, wenn dann wunderbare Inszenierungen zu sehen sind. Und da gibt es – besonders am Theatertreffen, wo sich die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen treffen – immer wieder Überraschendes, Vorstellungen sprengendes, wahrlich Großartiges!)

Ein „Kunstwerk“ ist der Faust von Castorf schon, kann man sagen! Allein die Schauspieler! Jeder verausgabt sich, wird auf der Bühne quasi wahnsinnig. Wer die Chance hat, künftig eine Inszenierung von Frank Castorf zu sehen, sollte sie nutzen! Frank Castorf bringt nach der Beendigung seiner 25-jährigen Intendanz an der Volksbühne jetzt pro Jahr noch eine Inszenierung am BE, dem Berliner Ensemble.

Jedes Bühnenbild bei Castorf ist ja ein toller Anblick – Drehbühne wieder – und es ist jedes Mal ein großes Werk, wie Castorf die Menschen auf der Bühne zu seinen Themen irgendwie kunstvoll in den Wahnsinn treibt! Wie immer übrigens bei Castorf war für den Zuschauer ein Großteil des Geschehens auf der Bühne wieder nur auf Videoleinwand zu sehen. Aber auch das war wieder fast durchgehend – besonders durch die schauspielerischen Leistungen, aber auch durch die Filmaufnahmen an sich – ein filmisches Erlebnis!

Andererseits: Frank Castorfs Art, Theater zu machen, ist fast veraltet! Warum? Man will, überlege ich, vielleicht nicht mehr unbedingt sehen, dass der Mensch im Prinzip wahnsinnig wird! Die Zeiten haben sich vielleicht wieder einmal geändert. Wir leben in Zeiten oder es kommen vielleicht Zeiten, in denen es darum geht, gerade nicht wahnsinnig zu werden! Daher: Man betreibt fast schon Theatergeschichte, wenn man Castorfs Inszenierungen anschaut. Er hat die deutsche Theaterlandschaft zwar über 25 Jahre lang geprägt, bald kommt aber Neues. Besser: Es kommt jetzt schon Neues, theatermäßig, wird auch dringend gebraucht!

Also: Diesmal habe ich keinerlei Erkenntnis mitgenommen, außer, dass sich die Zeiten ändern!

Von meinem iPad gesendet – Blog: www.

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THEATERTREFFEN EXTRA: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht (Münchner Kammerspiele)

Samstag, 19. Mai, 20:15 Uhr: „Trommeln in der Nacht“ von und nach Bertolt Brecht. Wo? 3sat brachte eine Aufzeichnung des Stückes aus der 10er-Auswahl des diesjährigen Theatertreffens. Es ist ab Samstag dann für mehrere Tage in der 3sat – Mediathek zu finden.

UND: Da Bertolt Brecht angeblich im Nachhinein mit dem Ende des Stückes unzufrieden gewesen sein soll, hat der Regisseur Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen zwei Versionen auf die Bühne gebracht. „Von“ und „nach“ Bertolt Brecht. Beide Versionen unterscheiden sich im fünften und letzten Akt. Diese beiden letzten Akte können schon jetzt in der Mediathek von 3sat angesehen werden!

HIER das Ende der Version „von“ Bertolt Brecht. HIER  das Ende der Version „nach“ Bertolt Brecht.

Ich hatte schon nach der Premiere in München über die Version „von Bertolt Brecht“ geschrieben. HIER der damalige Blogbericht. Und auch über die Version „nach Bertolt Brecht“ hatte ich damals geschrieben. HIER auch dazu mein damaliger Blogbericht.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann, Kammerspiele

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THEATERTREFFEN EXTRA: Georg Büchner – Woyzeck (Theater Basel)

Er war im vergangenen Jahr mit seiner Inszenierung Die Räuber von Friedrich Schiller zum Theatertreffen eingeladen. HIER der link zu meinem damaligen Bericht. Jetzt ist er wieder eingeladen, Regisseur Ulrich Rasche.. Mit der Inszenierung am Theater Basel von Woyzeck, Georg Büchner. Es ist exakt dasselbes Konzept wie im vergangenen Jahr bei „Die Räuber“: Intensive Textwidergabe, fast wörtlich, diesmal auf sich drehendem Untergrund. Die Schauspieler schwarz gekleidet, zum Teil an langen Schnüren angegurtet. Dazu monotone Musik im Hintergrund. Langweilig? Nein, man konzentriert sich auf den Text! Es lohnt, den Text mitzulesen. Das Besondere der Inszenierung ist, dass JEDES einzelne Wort des Textes seinen eigenen Platz bekommt. Wort für Wort sprechen sie betont deutlich und langsam, was durch die Monotonie des Bühnengeschehens seine intensive Wirkung erhält. Das macht es aus! In der Begründung der 10er.Auswahl hieß es auch:

… Inszenierung, die eigentlich eine präzise getaktete Maschine ist, in der Sound, Wort und Bewegung wie ein gut geschmiertes Räderwerk ineinandergreifen und sich gegenseitig dynamisieren

Es ist ja im Grunde eine Eifersuchtsstory, basierend auf einem damaligen Mordfall. Wikipedia schreibt aber:

Es reicht jedoch nicht, sich auf Woyzecks Eifersucht gegenüber dem Tambourmajor zu beschränken. Eine große Rolle spielen auch die gesellschaftlichen Hintergründe, ganz besonders die ständische Gliederung der Gesellschaft. Deutlich wird dies vor allem mit einem Blick auf die Personenkonstellation und die Sprache von Büchners Figuren.

Woyzeck wird in dieser Gesellschaft unterdrückt und gedemütigt, was sich in den Beziehungen zu dem Hauptmann, dem Doktor, aber auch dem Tambourmajor widerspiegelt: zum Hauptmann, der Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft und seines unehelichen Kindes mit Marie als „unmoralisch“ bezeichnet; zum Doktor, der ihn als Versuchsobjekt ansieht und zur gesundheitsschädigenden Ernährung zwingt, dessen Experimenten sich Woyzeck jedoch nicht entziehen kann, da er auf diesen Nebenverdienst angewiesen ist, um seine Familie zu ernähren; zum Tambourmajor, der Woyzeck gegenüber keinen Respekt erweist und ihn sowohl öffentlich als auch privat lächerlich macht.

Das Schauspielerische wird von der Monotonie der gesamten Inszenierung verschluckt. Was auch passiert, es sind bei den ständig monoton auf der Drehfläche gehenden Schauspielern nur Nuancen, die die unterschiedlichen Stimmungslagen ausmachen. Nicht leicht!

HIER der link zur Seite des Stückes auf der Website des Theater Basel. Ich hatte es nicht live, sondern auf 3sat gesehen.

WENIGE TAGE WIRD ES NOCH ZU SEHEN SEIN IN DER MEDIATHEK VON 3SAT. Daher hier der schnelle Post. HIER der link zum Stück in der Mediathek von 3sat.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then, Theater Basel

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THEATERTREFFEN EXTRA: Die Odyssee – nach Homer (Thalia Theater Hamburg)

Noch ein paar Tage lang kann man auf 3sat Die Odyssee – Eine Irrfahrt nach Homer, Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg von Antu Romero Nunes, sehen. In der Mediathek kann man sie abrufen. Wer einen feinen, lustigen Theaterabend haben möchte, sollte es sich ansehen.

In der Ankündigung auf 3sat heißt es zurecht: „Einer der lustigsten Theaterabende seit langem, da sind sich Publikum und Kritiker einig.“

Die Söhne von Odysseus, Telegonos und Telemachos, treffen sich zur Beerdigung des Vaters. Es geht nur wenig um die Irrfahrten des Vaters. Es sind eher die Dialoge der Brüder, die sich nicht kannten. Sporadisch tauchen aber immer wieder Anspielungen an die Odyssee auf. Auch wenn nur der Name Achill fällt. Oder wenn sie den Kriegerhelm von Odysseus aus dem Sarg holen. Oder wenn die Söhne das heldenhafte Kriegsgeschrei des Vaters nachahmen. Sie sprechen übrigens in einer Kunstsprache!

Die beiden Söhne gehen unterschiedlich mit ihrer Situation um. Jeder staunt immer wieder über den anderen. Jeder lässt sich vom anderen mitreißen. Telegonos, mit Zauberfähigkeiten ausgestattet, sieht alles etwas unbedarft. Telemachos dagegen sieht alles um Einiges ernster. Es geht irgendwie darum: Die Odyssee könnte im Rückblick Quatsch sein – es wird aus damaliger Sicht aber alles auch unglaublich heroisch gewesen sein. Im Hintergrund der Bühne hängt auch ein großes Bild des grimmig dreinblickenden Kirk Douglas, Darsteller von Odysseus. Und genauso das Leben: Es könnte alles Quatsch sein – es ist aber nun einmal da.

Dieses Hin und Her der Gefühle zwischen Ernst und Quatsch spielt sich zwischen Telegonos und Telemachos am Sarg von Odysseus ab. Es ist eigenartig kindlich humorvoll und andererseits erwachsen ernst und demütig. Zeitlos ist es und verglichen wird es ansatzweise mit „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Nur im Kern einfach humorvoller. Ich habe auch lange nicht mehr an einem Theaterabend trotz des schweren Titels „Die Odyssee“ so oft schmunzeln oder auflachen können.

Copyright des Blogbildes: Armin Smailovic, Thalia Theater

THEATER: Theatertreffen 2018

Es folgt die Zeit des Theatertreffens 2018. Ich werde am Montag nach Berlin fahren und am Ende fast alle Stücke der 10er – Auswahl gesehen haben. Berichte werden jeweils folgen. Manches Stück wird ja noch an der jeweiligen „Herkunftsbühne“ zu sehen sein. Wer auch etwas dazu schreiben möchte, mag sich gerne unter „Kommentar hinzufügen“ äußern. Dies sind die Stücke (mit links zu Trailern und mehr):

Sehen kann ich:

FAUST Regie Frank Castorf (Berliner Volksbühne)

BEUTE FRAUEN KRIEG  unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel (nach Euripides) und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima (nach Euripides), Regie Karin Henkel (Schauspielhaus Zürich)

AM KÖNIGSWEG von Elfriede Jelinek, Regie Falk Richter (Deutsches Schauspielhaus Hamburg)

DIE ODYSSEE von Homer, Regie Anton Romero Nunez (Thalia Theater Hamburg)

WOYZECK von Georg Büchner, Regie Ulrich Rasche (Theater Basel)

DIE WELT IM RÜCKEN nach dem Roman von Thomas Melle, Regie Jan Bosse (Burgtheater Wien)

Gesehen und darüber im Blog geschrieben habe ich bereits über:

MITTELREICH nach dem Roman von Josef Bierbichler, Regie Anta Helene Recke und Anna-Sophie Mahler (Münchner Kammerspiele)

TROMMELN IN DER NACHT von und nach Bertolt Brecht, Regie Christopher Rüping (Münchner Kammerspiele)

RÜCKKEHR NACH REIMS nach dem Roman von Didier Eribon, Regie Thomas Ostermeier (Schaubühne am Lehliner Platz, Berlin)

Nicht gezeigt werden kann leider

NATIONALTHEATER REINICKENDORF von Vegard Vinge und Ida Müller (kein Spielort)

Außerdem werde ich vom „Stückemarkt“ sehen:

FRESQUE vom Kollektiv Old Masters

und möglicherweise:

DIE BENENNUNG DER TIERE  von Leon Engler

Ein großes Programm.

 

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Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: August Strindberg – Der Vater

Es war die 20. Premiere in dieser Spielzeit, alle drei Bühnen der Münchner Kammerspiele inbegriffen! 1887 wurde August StrindbergsDer Vater“ uraufgeführt. Jetzt hat es Nicolas Stemann in München auf die Bühne des großen Spielhauses der Kammerspiele („Kammer 1“) gebracht. Auf den ersten Blick eine unspannende Wahl. August Strindberg ist übrigens vor fast exakt 106 Jahren, am 14. Mai 1912 in Stockholm gestorben. Ich habe das Stück gesehen und gelesen.

Auch das (kurze) „Drama“ liest sich auf den ersten Blick harmlos und unspektakulär. Eine banale Geschichte, wonach die Frau des Rittmeisters es schafft, ihn durch ihre starke weibliche Stellung in den Tod zu treiben. Aufhänger der Geschichte ist, dass der Vater unsicher wird, ob er wirklich der Vater der „Tochter“ Berta ist. Und Aufhänger ist, dass seine Frau Laura der Tochter Berta eine andere Ausbildung zukommen lassen möchte, als der Vater. Er kommt damit nicht zurecht. Doch das ist nur der erste Blick. Schon das Buch enthält interessante Aussagen zum Verhältnis Mann – Frau.

Es ist sicherlich nicht leicht, vor allem diesen zweiten, tieferen Blick auf das Verhältnis Mann – Frau auf die Bühne zu bringen. Nicolas Stemann hat es mit gemischtem Erfolg, wie ich finde, versucht. „Feminismus“ sagt man heute schnell. Gleichzeitig ist aber alles immer auch eine Frage des Patriarchats. Man denke da nur an die Sicht islamisch denkender Menschen auf die Rolle der Frau! Ein Riesenthema. August Strindberg hat das Stück wohl so verstanden, dass es „antifeministisch“ genannt werden konnte. Der Mann das Opfer, der „Sklave“, wie der Rittmeister sagt. Strindberg redet aber auch über einen sehr psychologischen Ansatz: Der Mann und die Mutter und der Mann, der sein Leben lang versucht, etwas zu machen, um sich zu beweisen. Er sagt:

Ich, der in der Kaserne und vor der Truppe der Befehlende war, ich war bei dir der Gehorchende und ich wuchs an dir, ich sah zu dir auf wie zu einem höher begabten Wesen und ich hörte auf dich, als wäre ich dein unverständiges Kind.

Da steckt Einiges drin. Nicolas Stemann versucht, den Aspekt hervorzuheben, dass der Feminismus natürlich auch Probleme der Männerwelt beinhaltet. Auf der Leinwand verschmelzen – siehe das Beitragsbild – das Gesicht der Frau (Julia Riedler) und des Mannes (Daniel Lommatzsch) zu einem Gesicht. Eigentlich sieht wohl auch Strindberg schon, dass Feminismus etwas mit den Männern zu tun hat. Sehr interessant sind auch die Verbindungen zu heutigen Diskussionen (etwa die #me-too-Bewegung). Das Thema ist ja absolut zeitlos, aktuelle Bezüge kommen aber bei Stemann nur zaghaft auf die Bühne. Hätte man hier nicht viel viel mehr auf die Bühne bringen können? Hätte man hier nicht viel aufgewühlter das Theater verlassen müssen? Einen interessanten Einblick in heutige Gedanken zum „Feminismus“ geben jedenfalls die im Programmheft abgedruckten Gespräche mit Nicolas Stemann und mit der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal (ihre Arbeiten kreisen schon immer auch um das Thema Feminismus). Hier liest man von vielen Aspekten des Themas!
Zur Inszenierung: Stemann-typisch eine Bühne, die keine Räumlichkeit zeigt, sondern eine bespielbare Fläche (grellgrüner Boden, aus dem bewegliche Stehlampen ragen), dazu einzelne Gegenstände auf der Bühne (ein Sofa, später ein Tisch, ein Fernsehapparat,) sphärische Musik (seine bekannten beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel kommen immer wieder auf die Bühne und begleiten mit fast drohenden Klängen das Spiel), die SchauspielerInnen übernehmen mehrere Rollen (sie sind Schauspieler und Rolle zugleich), auf besonders großer Fläche (ein Vorhang) werden teils die Schauspielerinnen  schwarz-weiß in Video gezeigt. Schöne Bilder, Julia Riedler sehr überzeugend. Inhaltlich hangelt sich der Abend erstaunlich nahe an Strindbergs Stück entlang. Wie gesagt: Da hätte Provokanteres, Mutigeres kommen können. Ansonsten: Überzeugend spielte neben Julia Riedler (sie kommt hier viel mehr in ihre „Rolle“ als etwa im „Wartesaal“, finde ich) besonders am Ende Wiebke Puls mit langem Monolog (siehe das Blogbild).

 

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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Gesehen und gehört

THEATER: Toshiki Okada – No Sex

Toshiki Okada greift einen Aspekt auf: Man stellt in Japan fest, dass knapp 50 % der 18 bis 24-jährigen noch keinen Sex hatten. Hat sich (vielleicht nicht nur in Japan) das Verhältnis junger Menschen zum Sex verändert? Sicherlich, allein die vielfältigen Möglichkeiten und Beeinflussungen im Internet! Früher war es geradezu einmal spannend, ein Playboy-Heft in die Hand zu bekommen. Heute gewährt einem ein Klick im Internet Einblick in alles. Da ist es doch sehr angebracht, einmal über Entwicklungen nachzudenken. Offensichtlich gibt es in Japan bereits eine statistisch erwiesene Entwicklung.

No Sex“ von Toshiki Okada hatte am Samstagabend Premiere in den Kammerspielen. Es geht letztlich auch um die unausweichlichen Unterschiede zwischen Jung & Alt. Wir alle sind mal jung und mal alt. Eine Parabel fast auf die Welt der Münchner Kammerspiele.

Vier junge Männer kommen in eine Karaokebar und singen Lieder. Dazwischen unterhalten Sie sich. Alles wird von ihnen im Gespräch fein säuberlich völlig übertrieben analysiert, Emotionen gibt es nicht. Man liest im Programmheft auch etwa von Aspekten des Kapitalismus, der das Thema der Emotionen ausschlachtet. Werbeindustrie etc. Aber die Folge ist laut Okada gerade, dass sich die jungen Barbesucher dem Sex verweigern. Ist ja an sich seltsam: Einerseits geht es heute viel mehr um Selbstverwirklichung, andererseits – in Japan jedenfalls – weniger um Sex, Gefühlsaustausch. Es herrscht eine Abwehrhaltung geradezu. Vielleicht sind es besondere Aspekte in Japan. Das Verhalten der jungen Besucher wundert den Betreiber der Bar (Stefan Merki) und seine Reinigungskraft (Annette Paulmann). Sie besonders verteidigt herkömmliche kleine Aspekte der Liebe. Da können die jungen Besucher nur ungläubig und unwillig staunen.

Mein erstes Urteil, bevor ich es mir noch einmal anschauen:

Insgesamt ein – ich möchte sagen – „recht gelungenes“ Stück. Nicht aufwühlend, nicht „mit dem Finger in die Wunde“, wie es ein Milo Rau immer wieder macht, eher analysierend, eine eigentlich schreckliche Entwicklung in bekannter Situation darstellend, einen Aspekt aufgreifend, der ziemlich untergeht. Die Besonderheit war für mich an diesem Abend, dass ich garnicht alles beurteilen möchte. Es waren eher einzelne Teilaspekte der Inszenierung, die hervorstachen und denen ich auch gerne noch länger zugesehen hätte. Anderes war unbedeutend. Sehr gelungen war etwa die Besetzung. Stefan Merki und Annette Paulmann als die Alten und Franz Rogowski, Thomas Hauser, Christian Löber und Benjamin Radjaipour als das junge Team (das „cluster“). Man merkte, sie hatten Spaß. Ihre Zusammensetzung herrlich und jeder Einzelne war klasse. Gelungen – fand ich – waren die höchst absurden, aber fast philosophischen Unterhaltungen der jungen Menschen untereinander. Gelungen waren auch – fand ich – ihre höchst absurden Bewegungen (ähnliche Bewegungen zeigten die Schauspieler auch in Okadas Stück Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech, das auch in den Kammerspielen lief). Allein, dass sie sich ständig verrenken, es aber keinen stört. Sehr gelungen – nein: außergewöhnlich stark! –   sind außerdem übrigens die Fotos im Programmheft! Sehenswert! (Urheber: Julian Baumann) Nicht besonders auffallend dagegen war der Versuch von Stefan Merki in der Rolle des Barbesitzers, sich dem Team der jungen Leute zu nähen, Sie zu verstehen. War recht zurückhaltend. Immerhin versuchte er es, nach all seiner Verunsicherung. Das ist ja immer wieder die fürchterliche Aufgabe der alten gegenüber den Jungen: Man kapselt sich schnell ab, wenn man nicht versucht, die Jungen zu verstehen. Siehe Kammerspiele und die Diskussion über die Intendanz von Matthias Lilienthal. Stefan Merki als Barbesitzer überlegte lange, wie er das Verhalten der Gruppe nennen könnte. Er nennt es letztlich „neu“. Immerhin nicht abwertend.

Ich hätte dem Stück aufgrund der genannten Aspekte noch lange zusehen können, ich verstand irgendwie beide Seiten. Mein erster Eindruck war aber auch: Okada hätte noch mehr aus dem Thema machen können.

Ich werde das Stück wieder ein zweites Mal ansehen – was ich ja immer empfehle – und dann mehr darüber schreiben oder den obigen Text ändern.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER, LITERATUR: Claus Peymann

Ein Tipp: SWR Mediathek und ARD Mediathek. Wenn man an die deutsche/deutschsprachige Theaterszene der letzten 50 Jahre denkt, muss man an den großen Theatermacher Klaus Peymann denken. Er wird im Juni  81 Jahre alt. Erst war er Theaterdirektor in Stuttgart, dann Intendant in Bochum, danach viele Jahre Intendant des Wiener Burgtheaters und dann bis Juli 2017 Intendant, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Alleingesellschafter des BERLINER ENSEMBLES. Er galt ja jahrelang als der umstrittenste Theatermacher.

Die spektakulärste Begegnung seines Lebens sei, sagt er, diejenige mit Thomas Bernhard gewesen. Viele Stücke von Thomas Bernhard hatte er in den vergangenen Jahren uraufgeführt.

Auf SWR war letztens ein eineinhalbstündiges Porträt von Klaus Peymann zu sehen. Man kann es derzeit noch auf der Mediathek ansehen. Sein Lebensweg. Theater ist und war sein Leben. HIER der Link. Noch wenige Tage zu sehen!

Übrigens: Klaus Peymann kommt am 24.April 2018 in die Münchner Kammerspiele! Eine Lesung aus dem in Österreich damals verbotenen Buch „Holzfällen – Eine Erregung“ von Thomas Bernhard!

Copyright des Beitragsbildes: free use

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Gelesen und geblättert

THEATER: Chris Dercon

EILMELDUNG: Chris Dercon tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zurück!

Man hat ihn fertig gemacht! Mein kleiner Kommentar dazu:

– Eigentlich liegt die Verantwortung – mindestens auch – beim jetzigen Regierenden Bürgermeister Berlins, unter dessen Ägide der damalige Kultursenator Tim Renner damals Chris Dercon geholt hatte. Dann muss man ihn auch machen lassen, finde ich. Jetzt haben sie, lese ich, einen neuen Kultursenator, von der Linkspartei, der erst einmal Dercon abserviert. Was ist das denn für ein Stil, ihn so abzuservieren! Er hätte volle Rückendeckung benötigt! Gut, ich lebe nicht in Berlin, es mag einige Versuche der Rückendeckung gegeben haben. Der Senat hätte intensiv mit den Berliner Theaterfreunden diskutieren müssen. Schließlich hatte Dercon so gute Personen wie Susanne Kennedy und Alexander Kluge an Bord! Wir sehen es ja gerade in München, dass eine Intendanz Zeit braucht.

– Eines ist doch klar: Chris Dercon hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Haus der Kunst in München, Tate Gallery in London etc. Er hat in seinem Leben große Erfolge gehabt! Wie kann man ihn jetzt so fertig machen! Auch für die Berliner Theaterfreunde kein Ruhmesblatt! Darüber muss noch geredet werden, denke ich. Ihre Art. Das ging ja hin bis zu Kot an der Intendantentür, lese ich!

– Ich meine generell: Die Zeiten haben sich auch für die Volksbühne in Berlin geändert. Das Theater Volksbühne war ein Ost-Theater. Das Emblem OST stand immer auf dem Dach des Theaterbaus. Nach der Grenzöffnung wurde die Volksbühne berüchtigt! Auch und vor allem dank Frank Castorf. Die Zeiten haben sich aber geändert. Das Zeichen OST auf dem Dach ist abmontiert. Ost-West ist nicht mehr das Thema. Jedenfalls nicht mehr das prägende Thema für die Volksbühne. Auch die Volksbühne hat das Recht und die Aufgabe, sich der Welt zu öffnen, oder? Und dazu war ein Mann wie Chris Dercon durchaus geeignet, denke ich. Auch wenn sich damit das Programm der Volksbühne ganz entscheidend änderte. Aber wahrscheinlich haben die Fans der Volksbühne eine ganz andere Sicht auf die Volksbühne. Die Volksbühne als Lebensentwurf oder Lebensantwort oder Hort der Andersdenkenden oder was weiß ich. Gerade nicht mit der Aufgabe, sich einfach mal zu öffnen. Clash der Kulturen ist dem Volksbühnenfan zu wenig. Verstehe ich auch. Das ist ja fast schon Mainstream.

Übrigens: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film „Partisan“ (es geht um 25 Jahre Castorf an der Volksbühne) wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt! Ein Muss für Theaterfreunde!