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THEATER: Daniel Kehlmann – Lichtspiel

Damit trifft er – der Roman – vielleicht ungewollt den Zahn der Zeit: Wir leben in einer Zeit, in der sich Fakten und Fiktionen leider immer mehr vermischen! So sind wir immer wieder Betrugsversuchen ausgesetzt: „Papa, ich habe eine neue Telefonnummer, ruf mich mal an!“ oder „Ihr Sohn braucht eine Kaution, er sitzt in Untersuchungshaft!“, fast jeder wird es so oder ähnlich schon erlebt haben. Auch bei Meldungen im Netz werden uns immer wieder falsche Dinge vorgesetzt! KI wird künftig dafür sorgen, dass wir sogar bei Stimmen nicht mehr klar unterscheiden können zwischen „echt“ und „unecht“, usw. Selbst die Demokratie ist damit gefährdet. Können wir Wahlergebnissen trauen?

In dieser Hinsicht – die Vermischung – ist auch der Roman „Lichtspiel“ von Daniel Kehlmann zu sehen. Es geht im Roman um das Leben des Regisseurs G. W. Pabst, eines der tatsächlich erfolgreichsten Regisseure in der Nazizeit. Man liest und denkt sich: Ich erfahre hier seinen Lebensweg! Sein Lebensweg ist ja aus heutiger Sicht politisch sehr interessant – siehe unten! Man erkennt im Roman aber nicht immer genau, was Fiktion ist! Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ ist, auch wenn er sich in Vielem an den Lebensgeschichten des historischen G. W. Pabst und seiner Familie orientiert, teils ein Werk der Fiktion, so gab es etwa keinen Sohn mit Namen Jakob.

Dieser Gefahr entkommt auch die Inszenierung des Romans am Münchner Volkstheater (Regie Christian Stückl) trotz eines deutlichen Hinweises an der Garderobe nicht. Im Gegenteil: Die Inszenierung zeigt sich erst recht fast „dokumentarisch“: Im Hintergrund werden immer wieder Originalbilder der damaligen Zeit gezeigt. Auch das Bühnenbild mit der nüchternen, kühlen weißen Neonbeleuchtung durch eine riesige Lampe über dem Geschehen hat Dokumentationscharakter. Auch die Tatsache, dass während des Stückes fast durchgehend zwei Personen dabei stehen und zuhören und dem Geschehen – wie die Dokumentaristen – zusehen, hat etwas Dokumentarisches.

Zum Inhalt: Es geht also in der Tat um G. W. Pabst, einen der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Er floh vor den Gräueln des neuen Deutschlands nach Hollywood, hatte dort aber keinen Erfolg. Aber sein Erfolg war ihm das Wichtigste! Es trieb ihn freiwillig zurück in die Hände der Nazis, der Propagandaminister wollte das Filmgenie haben und versprach ihm viel Freiheit für sein Schaffen. So konnte er seine Filme machen! Das wollte er! Das Naziregime nahm er nicht ernst, er hielt alles für recht harmlos! Aber während G. W. Pabst noch glaubte, dass er sich weiter nur der „Diktatur der Kunst“ fügen werde, war er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.

Ein hochaktuelles Thema! Denn die AfD hat wahrscheinlich massenweise Unterstützer, die die Partei mit ihren rechtsextremen Mitgliedern aus Bequemlichkeit wählen oder nur ihre eigene private Situation vor Augen haben, den Rechtsruck nicht ernst nehmen. „Raus aus Europa“, „Ausländer raus“, „Windräder abbauen“ usw.! Die AfD kann alles sagen – und wenn es noch so undurchdacht ist! Nur völlig unüberlegt kann man das dann selber für gut heißen!

Man kann sich die Inszenierung am Münchner Volkstheater durchaus so ansehen, dass man rein abstrakt die Entwicklung einer Person verfolgt, die hauptsächlich den eigenen Werdegang, den eigenen Vorteil, den eigenen Erfolg im Auge hatte, nicht aber den damaligen immensen Rechtsruck und die Nazigräuel. „Wehret den Anfängen!“ galt für diesen Mann nicht, er beugte sich seinem Erflgsstreben, und das ist auch heute die Gefahr! Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu einer auf breiter Basis vernünftigen Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit? Die Medien kommen diesem Ziel nicht nahe, finde ich!

Schauspielerisch ist es übrigens ein guter Abend! Das junge Ensemble überzeugt, zieht die Zuschauer hinein in die Geschichte.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Lichtspiel“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Copyright der Fotos: Arno Declair

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.

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