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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

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Gesehen und gehört

THEATER: Toshiki Okada – No Sex

Toshiki Okada greift einen Aspekt auf: Man stellt in Japan fest, dass knapp 50 % der 18 bis 24-jährigen noch keinen Sex hatten. Hat sich (vielleicht nicht nur in Japan) das Verhältnis junger Menschen zum Sex verändert? Sicherlich, allein die vielfältigen Möglichkeiten und Beeinflussungen im Internet! Früher war es geradezu einmal spannend, ein Playboy-Heft in die Hand zu bekommen. Heute gewährt einem ein Klick im Internet Einblick in alles. Da ist es doch sehr angebracht, einmal über Entwicklungen nachzudenken. Offensichtlich gibt es in Japan bereits eine statistisch erwiesene Entwicklung.

No Sex“ von Toshiki Okada hatte am Samstagabend Premiere in den Kammerspielen. Es geht letztlich auch um die unausweichlichen Unterschiede zwischen Jung & Alt. Wir alle sind mal jung und mal alt. Eine Parabel fast auf die Welt der Münchner Kammerspiele.

Vier junge Männer kommen in eine Karaokebar und singen Lieder. Dazwischen unterhalten Sie sich. Alles wird von ihnen im Gespräch fein säuberlich völlig übertrieben analysiert, Emotionen gibt es nicht. Man liest im Programmheft auch etwa von Aspekten des Kapitalismus, der das Thema der Emotionen ausschlachtet. Werbeindustrie etc. Aber die Folge ist laut Okada gerade, dass sich die jungen Barbesucher dem Sex verweigern. Ist ja an sich seltsam: Einerseits geht es heute viel mehr um Selbstverwirklichung, andererseits – in Japan jedenfalls – weniger um Sex, Gefühlsaustausch. Es herrscht eine Abwehrhaltung geradezu. Vielleicht sind es besondere Aspekte in Japan. Das Verhalten der jungen Besucher wundert den Betreiber der Bar (Stefan Merki) und seine Reinigungskraft (Annette Paulmann). Sie besonders verteidigt herkömmliche kleine Aspekte der Liebe. Da können die jungen Besucher nur ungläubig und unwillig staunen.

Mein erstes Urteil, bevor ich es mir noch einmal anschauen:

Insgesamt ein – ich möchte sagen – „recht gelungenes“ Stück. Nicht aufwühlend, nicht „mit dem Finger in die Wunde“, wie es ein Milo Rau immer wieder macht, eher analysierend, eine eigentlich schreckliche Entwicklung in bekannter Situation darstellend, einen Aspekt aufgreifend, der ziemlich untergeht. Die Besonderheit war für mich an diesem Abend, dass ich garnicht alles beurteilen möchte. Es waren eher einzelne Teilaspekte der Inszenierung, die hervorstachen und denen ich auch gerne noch länger zugesehen hätte. Anderes war unbedeutend. Sehr gelungen war etwa die Besetzung. Stefan Merki und Annette Paulmann als die Alten und Franz Rogowski, Thomas Hauser, Christian Löber und Benjamin Radjaipour als das junge Team (das „cluster“). Man merkte, sie hatten Spaß. Ihre Zusammensetzung herrlich und jeder Einzelne war klasse. Gelungen – fand ich – waren die höchst absurden, aber fast philosophischen Unterhaltungen der jungen Menschen untereinander. Gelungen waren auch – fand ich – ihre höchst absurden Bewegungen (ähnliche Bewegungen zeigten die Schauspieler auch in Okadas Stück Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech, das auch in den Kammerspielen lief). Allein, dass sie sich ständig verrenken, es aber keinen stört. Sehr gelungen – nein: außergewöhnlich stark! –   sind außerdem übrigens die Fotos im Programmheft! Sehenswert! (Urheber: Julian Baumann) Nicht besonders auffallend dagegen war der Versuch von Stefan Merki in der Rolle des Barbesitzers, sich dem Team der jungen Leute zu nähen, Sie zu verstehen. War recht zurückhaltend. Immerhin versuchte er es, nach all seiner Verunsicherung. Das ist ja immer wieder die fürchterliche Aufgabe der alten gegenüber den Jungen: Man kapselt sich schnell ab, wenn man nicht versucht, die Jungen zu verstehen. Siehe Kammerspiele und die Diskussion über die Intendanz von Matthias Lilienthal. Stefan Merki als Barbesitzer überlegte lange, wie er das Verhalten der Gruppe nennen könnte. Er nennt es letztlich „neu“. Immerhin nicht abwertend.

Ich hätte dem Stück aufgrund der genannten Aspekte noch lange zusehen können, ich verstand irgendwie beide Seiten. Mein erster Eindruck war aber auch: Okada hätte noch mehr aus dem Thema machen können.

Ich werde das Stück wieder ein zweites Mal ansehen – was ich ja immer empfehle – und dann mehr darüber schreiben oder den obigen Text ändern.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER, LITERATUR: Claus Peymann

Ein Tipp: SWR Mediathek und ARD Mediathek. Wenn man an die deutsche/deutschsprachige Theaterszene der letzten 50 Jahre denkt, muss man an den großen Theatermacher Klaus Peymann denken. Er wird im Juni  81 Jahre alt. Erst war er Theaterdirektor in Stuttgart, dann Intendant in Bochum, danach viele Jahre Intendant des Wiener Burgtheaters und dann bis Juli 2017 Intendant, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Alleingesellschafter des BERLINER ENSEMBLES. Er galt ja jahrelang als der umstrittenste Theatermacher.

Die spektakulärste Begegnung seines Lebens sei, sagt er, diejenige mit Thomas Bernhard gewesen. Viele Stücke von Thomas Bernhard hatte er in den vergangenen Jahren uraufgeführt.

Auf SWR war letztens ein eineinhalbstündiges Porträt von Klaus Peymann zu sehen. Man kann es derzeit noch auf der Mediathek ansehen. Sein Lebensweg. Theater ist und war sein Leben. HIER der Link. Noch wenige Tage zu sehen!

Übrigens: Klaus Peymann kommt am 24.April 2018 in die Münchner Kammerspiele! Eine Lesung aus dem in Österreich damals verbotenen Buch „Holzfällen – Eine Erregung“ von Thomas Bernhard!

Copyright des Beitragsbildes: free use

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Gelesen und geblättert

THEATER: Chris Dercon

EILMELDUNG: Chris Dercon tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zurück!

Man hat ihn fertig gemacht! Mein kleiner Kommentar dazu:

– Eigentlich liegt die Verantwortung – mindestens auch – beim jetzigen Regierenden Bürgermeister Berlins, unter dessen Ägide der damalige Kultursenator Tim Renner damals Chris Dercon geholt hatte. Dann muss man ihn auch machen lassen, finde ich. Jetzt haben sie, lese ich, einen neuen Kultursenator, von der Linkspartei, der erst einmal Dercon abserviert. Was ist das denn für ein Stil, ihn so abzuservieren! Er hätte volle Rückendeckung benötigt! Gut, ich lebe nicht in Berlin, es mag einige Versuche der Rückendeckung gegeben haben. Der Senat hätte intensiv mit den Berliner Theaterfreunden diskutieren müssen. Schließlich hatte Dercon so gute Personen wie Susanne Kennedy und Alexander Kluge an Bord! Wir sehen es ja gerade in München, dass eine Intendanz Zeit braucht.

– Eines ist doch klar: Chris Dercon hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Haus der Kunst in München, Tate Gallery in London etc. Er hat in seinem Leben große Erfolge gehabt! Wie kann man ihn jetzt so fertig machen! Auch für die Berliner Theaterfreunde kein Ruhmesblatt! Darüber muss noch geredet werden, denke ich. Ihre Art. Das ging ja hin bis zu Kot an der Intendantentür, lese ich!

– Ich meine generell: Die Zeiten haben sich auch für die Volksbühne in Berlin geändert. Das Theater Volksbühne war ein Ost-Theater. Das Emblem OST stand immer auf dem Dach des Theaterbaus. Nach der Grenzöffnung wurde die Volksbühne berüchtigt! Auch und vor allem dank Frank Castorf. Die Zeiten haben sich aber geändert. Das Zeichen OST auf dem Dach ist abmontiert. Ost-West ist nicht mehr das Thema. Jedenfalls nicht mehr das prägende Thema für die Volksbühne. Auch die Volksbühne hat das Recht und die Aufgabe, sich der Welt zu öffnen, oder? Und dazu war ein Mann wie Chris Dercon durchaus geeignet, denke ich. Auch wenn sich damit das Programm der Volksbühne ganz entscheidend änderte. Aber wahrscheinlich haben die Fans der Volksbühne eine ganz andere Sicht auf die Volksbühne. Die Volksbühne als Lebensentwurf oder Lebensantwort oder Hort der Andersdenkenden oder was weiß ich. Gerade nicht mit der Aufgabe, sich einfach mal zu öffnen. Clash der Kulturen ist dem Volksbühnenfan zu wenig. Verstehe ich auch. Das ist ja fast schon Mainstream.

Übrigens: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film „Partisan“ (es geht um 25 Jahre Castorf an der Volksbühne) wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt! Ein Muss für Theaterfreunde!

 

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MUSIK: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Frances McDormand hat den Oscar 2018 für die beste Hauptdarstellerin bekommen. Sam Rockwell hat den Oscar 2018 für die beste Nebenrolle bekommen. Ich gehe nicht häufig ins Kino, fand beide aber grandios. Ich und mein elitäres Leben mit solchen Dingen! (Ich glaube aber, dass ich kein elitäres Gehabe an den Tag lege!) Beide Schauspieler haben den Oscar für ihre Rollen im Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bekommen, der derzeit läuft. Ich würde nicht schreiben, wenn ich ihn nicht empfehlen könnte. Es ist ein Film, der vielen gefallen wird, die nicht unbedingt Klamauk sehen wollen.

Es geht im Prinzip, denke ich,  darum: Wie geht man miteinander um? Rücksichtslos? Brutal? Verständnisvoll? Man sieht viele krasse Verhaltensweisen, rüden, selbstherrlichen Umgang miteinander, und nichts kommt voran. Dann am Ende aber zeigt einer der Polizisten Verständnis für die Frau, deren Tochter brutal vergewaltigt und getötet wurde. Es gibt auf Youtube auch Clips, in denen ein Film genauer erklärt wird, muss ich mir mal ansehen, sollte man öfters machen. Etwa DEN HIER, der nach dem Sinn des Endes des Films fragt.

Der Soundtrack des Films war auch für den Oscar 2018 nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Mir hat er sehr gefallen. Verantwortlich für die Musik: Carter Burwell, einige Stücke hat er selbst komponiert.  Er arbeitet viel mit den Coen – Brüdern zusammen, wobei übrigens Joel Coen mit Frances McDormand verheiratet ist!

Also hingehen, ist mein Tip!

Hier ein kurzes, aber schönes Stück des Soundtracks. „Billboards on Fire“ von Carter Burwell:

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THEATER: Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Es klingt im ersten Moment aggressiv und arrogant: „Erschlagt die Armen!“ So heißt das Stück, das derzeit auf der Bühne im Werkraum des Residenztheaters gezeigt wird. Es ist eine Inszenierung nach dem Buch „Assomons les pauvres“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha. Das Buch hatte, liest man, bei seinem Erscheinen in Frankreich 2011 viel Aufsehen erregt. Es geht um das Asylsystem. Sinha hatte einige Jahre in Frankreich alles miterlebt, als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches hat sie ihren Job verloren.

Das Buch ist eine Art Rundumschlag gegen das letztlich verlogene Asylsystem. Aus der Sicht einer Dolmetscherin, die sich zwischen den Welten unwohl fühlt. Wut und Angst verspürt.

Warum der Titel? Er geht zurück auf ein gleichnamiges Prosagedicht von Charles Baudelaire, erschienen 1865. In dem Prosagedicht schlägt ein wohlsituierter Mann auf einen Bettler ein, der dann aber heftig zurückschlägt. Er zeigt sich ebenbürtig, was dem Mann wiederrum offenbar gefällt. Entweder deswegen oder um sich selber zu schützen, gibt er dem Bettler dann doch die Hälfte seines Geldes, er habe seine Würde bewiesen.

Zur Inszenierung: Ich mag Theaterabende, an denen wenige Schauspieler teilnehmen. Dieses Stück ist sogar ein Solostück. Noch dazu spielt Anna Drexler. Anna Drexler war längere Zeit an den Kammerspielen. Ich kenne und schätze sie aus einigen Auftritten. Ich muss sagen, ich wunderte mich etwas: Ich finde, sie kann noch mehr! Sie hat sehr viel Text, so ging vielleicht freie und deutlichere Spielweise flöten. Sehr schade, neue Facetten habe ich an ihr nicht gesehen. Irgendwie etwas zu einstudiert. Es war aber eben verdammt viel Text! Vielleicht passten auch das Bühnenbild und die Kostüme herum nicht zu ihr. Beides war sehr nüchtern. Auch das fand ich schade. Viele Neonröhren standen senkrecht um die schiefe Bühnenfläche herum. Grelles weißes Licht. Hautfarbener langweiliger Anzug. Viele Kopfhörer hängen von der Decke. Mehr war nicht. Nun ja. Wobei ich wahrlich nicht meine, das Bühnenbild müsse unbedingt viel aussagen!

Und zum Inhalt: Es war auch für den Zuschauer viel Text. Viele Aspekte, die man in dieser einstündigen Aufführung verarbeiten soll, was sicherlich an einem kurzen Abend schwerer fällt, als wenn man das Buch liest. Ich habe es nicht geschafft, allem zu folgen. Vielleicht lag es an mir. Zu Beginn zieht Anna Drexler – in ihrer Rolle als die Übersetzerin – eine Plastikfolie vom Theaterboden. Sie enthüllt damit die Doppelbödigkeit des Asylystems. Recht aussagekräftig ist folgende Textstelle (ich habe sie im Nachgang dem Sprechtext des Stückes entnommen):

„Ich hatte Lust, ihm (Anm: Herrn K., der die festgenommene Übersetzerin vernimmt, nachdem sie aus „Wut und Angst“ einem Asylsuchemden in der U-Bahn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen hatte) zu erzählen, wie ich gelernt hatte, das Elend zu meiden, mich auf dem Absatz umzudrehen, die Brücken hinter mir einzureißen. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, dass diese Leute ihr Land verlassen wie Ratten ein untergehendes Schiff und dass ich sie insgeheim verstehen konnte.“

Hintergrund: Sie sieht in ihren Verfahren immer wieder, dass die Asylsuchenden Asylgründe nennen, aber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind. Lügensystem nennt sie das Asylsystem. Und die Härte der Beamten oder Richter – die die Wahrheit hören wollen – zerreißt die Dolmetscherin persönlich. Sie hat es geschafft. Sie hat Asyl bekommen. Ist damit aber getrennt von ihrer Heimat. Sie „hat die Tür zugeschlagen“. Sie ist nur andererseits auch nicht zu Hause dort, wo sie lebt. Und sie sieht und kennt die wirtschaftlichen oder ökologischen Notlagen der Asylsuchenden. Das ganze Asylsystem gehe an diesen Problemen vorbei, könnte es heißen. Damit hat die Übersetzerin ihr großes Problem.

Aber warum der Titel? Es bleibt – vor allem mit solchen Vorüberlegungen – ein sehenswertes Stück. Vielleicht spielt Anna Drexler im Laufe der Zeit auch noch intensiver. Sie neigt ja zu Zurückhaltung, was manchmal wunderbar ist.

MUSIK: Esbjörn Svensson Trio – Viaticum

Heute einmal wieder Musik. Sie gehören auf jeden Fall dazu: Die drei vom schwedischen Esbjörn Svensson Trio. Das Trio wurde weltweit von Jazzkennern gefeiert. Wikipedia schreibt, sie hätten einen „Jazztrio-Klang geschaffen, der mit seinen Anleihen beim Sound der Pop- und Rockmusik dem Jazz neue Hörer erschloss„. Es ist tragisch, Esbjörn Svensson starb 2008 im Alter von gerade einmal 44 Jahren bei einem seiner ersten Tauchgänge bei Stockholm!

Hier das schöne Lied Viaticum:

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Gesehen und gehört

THEATER: Milo Rau – LENIN

Ich habe Wattestäbchen gekauft! Auf der Packung steht: „It’s the little things in life“. Andererseits habe ich das Stück LENIN von Milo Rau an der Berliner Schaubühne gesehen. Und Lenin und seine Idee waren alles andere als „little“. Die Revolution musste für ihn weltweit sein, erst dann wäre sie gelungen. Etwas größeres gab es eigentlich in den letzten 100 Jahren nicht. Größer als jedes Wattestäbchen.

100 Jahre nach der Oktoberrevolution 1917 in der Sowjetunion hat Milo Rau „LENIN“ inszeniert. Im Programmheft (eher ein Programmbuch mit interessanten Einblicken zu Lenin und Trotzki, auch mit dem gesamten Text der Inszenierung!) sagt Milo Rau: „Ich warte schon seit meiner Jugend auf dieses Jubiläumsjahr.“ Und: „Über die Jahrzehnte habe ich Dutzende, vielleicht hunderte von Büchern gelesen über die russische Revolution, ihre Folgen, ihre Gründe.

Wie will man die komplexe Geschichte Lenins und damit Russlands und des Kommunismus einfangen? Milo Rau stellt  einen der im Grunde letzten Lebenstage Lenins auf einer Datscha dar. Eine sich durchgehend ganz langsam drehende Bühne, düstere Stimmung, vier Räume, die einzeln immer wieder zum Vorschein kommen. Gleichzeitig sieht man das Geschehen auf einer großen Leinwand über der Bühne. Wunderbare Nahaufnahmen, Lenin, Trotzki, Stalin, Lenins Frau, ein Arzt, ein Leibwächter etc. Man spürt vor allem geradezu: Die Zeit war stehen geblieben. So wird es gespielt, ein beeindruckendes Gefühl. Die Zeit war stehen geblieben, weil sich plötzlich Wissenschaft (Lenin hatte in der Schweiz Hegel gelesen), Idee, Politik, persönliche Schicksal, die Kleinheit des Lebens, Brutalität, Liebe, alles vor dem völlig hilflosen Lenin auftürmte. Er wurde mehr und mehr vom ZK abgeschnitten, Stalin bereitete sich bereits vor. Das Menschenleben Lenins und damit die Idee Lenins wurden immer unbedeutender. Er wollte Stalin noch verhindern.

Verbunden war es mit typischen Elementen von Milo Rau: Lenin wird gespielt von einer Frau, von Ursina Lardi. Denn es wird gefragt: Muss Lenin überhaupt aussehen wie Lenin? Es gebe sowieso nichts Gleiches im Leben. Eine der Theaterfragen Rau’s. Derartige Fragen schwingen ja oft bei ihm mit (Was kann Theater, was können Schauspieler, wie ist das Verhältnis Schauspieler – Theater – Publikum? Vgl. Five Easy Pieces, vgl. Die 100 Tage von Sodom): Und neben der Tribüne ein Schminktisch, an dem der ein oder andere Schauspieler zwischenzeitlich sitzt. Und als Schauspieler aus einer realen Erinnerung erzählt. Bis hin zur RAF. Einmal erzählt Trotzki von einer Aufführung im Burgtheater („Frühlings Erwachen“), eigentlich redet aber der Schauspieler persönlich.

Wie gesagt: Man merkt, die Zeit war für einen Tag stehen geblieben. Und genau das kommt wunderbar rüber. Ich fand vor allem Ursina Lardi super. Kurz dachte ich nur: Sie ist ja fast zu perfekt, die Inszenierung! Es driftet ja fast in Kitsch ab! Aber nur fast.

Also der Tenor: Was waren Lenin und seine Idee schon wert nach seinem Tod? Obwohl die Idee der Gleichheit ja irgendwie viel Berechtigung hat. Es war ein Wahnsinnsidealismus, von dem Russland getroffen wurde. Es ist und bleibt ein besonderes Schicksal Russlands. Andererseits: Wo ist Idealismus heute?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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THEATER: Werner Fritsch – Null

Nichts – Null

Das Nichts ist aber nicht nichts, es ist etwas, oder nicht? Bevor etwas beginnt, besteht vielleicht schon etwas? In der Bibel heißt es ja auch: „IM Anfang war das Wort, nicht AM Anfang“. Da war also schon was! Da war – laut Bibel – der Anfang, bevor es überhaupt anfing

Und Faust überlegt ja in Goethes „Faust“, ob im Anfang das Wort war oder die Tat oder was

Obwohl es ein großes Loch sein könnte, das Nichts. Wie die Null optisch

„Schicker Gürtel“ sagt dann die Null zur Acht

Auch das Jahr Christi Geburt trägt eigentlich die Ziffer NULL, wenn das nicht was ist!        Im Programmheft steht: Wir sagen zwar im Jahr 2000 „2000 Jahre nach Christi Geburt“, es sind aber erst 1999 Jahre. Man habe das Jahr seiner Geburt schon mit der Ziffer EINS belegt. Obwohl erst das Folgejahr das Jahr 1 nach Christi Geburt wäre – ich habe es nicht überprüft       

Das Nichts ist dann also mehr als große Leere, es ist große Freiheit. Camus sagte angeblich irgendwo: Abgesehen vom Tod ist das Leben vor allem eines, Freiheit         

Und mit der Freiheit im Nichts wollte Fritsch etwas machen, eine Annäherung an die Null

Die Theaterbühne nicht als Bühne für ein (klassisches) Stück, an dem man sich (Zuschauer, Schauspieler, Regisseur, alle) orientiert, sondern bloß für eine verrückte Annäherung an diese Null. An die Freiheit

Sich endlich einmal mit dem Nichts beschäftigen, nicht angestrengt und übertrieben mit irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Text

Obwohl Fritschs letzte Stücke „Pfusch“ und „Murmel Murmel“ auch schon Richtung Null gingen. Ich kann Fritsch aber gut verstehen, nach all den Jahren

Nichts ist irgendwann genauso viel wert wie Anderes, wir sind nur dazu verdammt, ständig aus dem Nichts etwas zu machen

Ein bunter Abend, ein Bühnenwerk, man kann sich nichtige Gedanken machen, auch grundsätzlich über das Leben

Erst einmal pendeln und schwingen alle an Seilen, im Nichts

Pastellfarbene Kostüme, knallige Farben dazu, Scheinwerferlicht, einer der Wahnsinne von Fritsch

Eine riesige mechanische Hand schwebt später über allem und eine gut 10 m hohe Table-Dance-Stange steht im Raum, mehr nicht, es genügt. Später kommt ein Gabelstapler hinzu

Die drei Gegenstände sind die einzigen Anzeichen dafür, dass etwas „ist“. Dass „etwas gemacht“ wird, dass „eingegriffen“ wird. Die Hand etwa will (ferngesteuert senkt und bewegt sie sich manchmal) eingreifen, tut sie aber nicht: Die Schauspieler suchen sogar Schutz unter ihr. Dann wirkt sie wieder bedrohlich. Der Mensch macht eben alles (kaputt)

Der Gabelstapler mit Warnblinker hat mehr Einsatz: Weil er so sinnlos ist, hebt er wenigstens einen Schauspieler auf etwa 8 m Höhe an die Table-Dance-Stange, was soll er auch machen. Der rutscht langsam wieder herunter auf den Boden des Nichts. So auch später eine andere Schauspielerin

Der Gabelstapler verschwindet auch einmal im Bühnenboden, kommt aber wieder hoch, und er führt fast einen Tanz auf. Etwas Sinnloseres könnte er kaum machen

Oder das Konzert mit den Blasinstrumenten, mit Dirigent. Wir erwarten ja immer viel, wir erwarten Musik, Töne. Es kommt aber nur Luft, kein einziger Ton. Und die Schauspieler verneigen sich später vor dem Publikum, präsentieren die Instrumente

Schön, dass man sich auch einmal mit nichts beschäftigt, es muss für die Schauspieler geradezu erfrischend sein

Auch als Zuschauer kann man den Abend erleichtert beenden. Man darf nur nichts erwarten. Und dann ein Glas Wein etwa, ein Gläschen vom guten Tropfen, null/eins oder null/zwei. Man hat nichts gesehen, das war doch was!

Herbert Fritsch hat an der Berliner Schaubühne also „NULL“ inszeniert! Ich hatte einmal – im Residenztheater München 2013: „Der Revisor“ – etwas von ihm gesehen, es aber vergessen. Also wurde es Zeit, hinzufahren. Er hatte jahrelang als Schauspieler (Ausbildung an der Schauspielschule der Kammerspiele, der Otto-Falckenberg-Schule) und später als Regisseur bis 2017 an der legendären Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gearbeitet. Einer der großen Namen der Theaterwelt. Seine Stücke waren 2011 (zweifach) bis 2014 durchgehend sowie 2016 und 2017 (Abschiedsstück von der Volksbühne) zum Berliner Theatertreffen eingeladen!

Seine letzten Stücke hießen „Murmel Murmel“, “ Zeppelin“ und „Pfusch“. In Murmel Murmel wird eineinhalb Stunden lang nur das Wort Murmel gesprochen. Fast schon wie Null. Zeppelin ging auf Ödon von Horvath zurück und das Stück Pfusch war – wie so oft bei ihm – eine große Bühnenschau. Ein Abschied von der Volksbühne.

Wie das Stück NULL entstanden ist? „Ich hatte Null Ideen, was ich machen könnte“, war die Ausgangslage für seine jetzt zweite Arbeit an der Schaubühne. Vielleicht hat er wieder Kraft getankt für mehr?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER, LITERATUR: Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

Das Buch: Rückkehr nach Reims. Der Autor: Didier Eribon. An der Berliner Schaubühne gibt es derzeit das Theaterstück dazu. Gleicher Titel. Das Theaterstück ist zum Berliner Theatertreffen 2018 im Mai eingeladen. Die zehn bemerkenswertesten Stücke deutschsprachige Bühnen werden ja jedes Jahr dorthin eingeladen. Highlights des Jahres!

„Das Erstarken der rechten Politik ist ein Versagen der linken Politik“, ist die Kernaussage des Buches von Didier Eribon. Eribon schildert die Entwicklung aus der Beobachterperspektive am Beispiel Frankreichs, am Beispiel seiner Familie, am Beispiel des Aufkommens von Le Pen. Aber auch in Deutschland ist es – AfD – wohl ähnlich. Ein sehr aktuelles Thema: Mit was identifizieren sich diejenigen, die sich abgehängt fühlen? Warum mit den Rechten, den Nationalisten? Warum so nationalistisch?

Didier Eribon war schon Monate zuvor zu einem Gespräch über sein Buch an den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Edouard Louis, der – mindestens eine Generation jünger – aktuell ein sehr ähnliches Buch geschrieben hatte („Das Ende von Eddy“). Zum selben Thema.

Zum Buch: Es erregte in Frankreich großes Aufsehen und wurde vor wenigen Jahren ins Deutsche übersetzt. Eribon war in ärmlichen Verhältnissen in Reims aufgewachsen. Er – auch seine Homosexualität spricht er an – hat sich nach der schwierigen Kindheits- und Jugendzeit vom sozialen Status seiner Wohngegend und seiner Familie distanziert – vielleicht auch wegen seiner Homosexualität – und kam erst viel später nach Reims zurück. Vielleicht war es schlechtes Gewissen. Er sagt jedenfalls in der Inszenierung – die keine wortidentische Lesung aus dem Buch war -, dass sein kulturelles Leben natürlich auch elitär sei.

Zur Inszenierung: Eine sehr gelungene Mischung aus Dokumentation und Theater. Man sieht komplett durchgehend auf großer Leinwand über der Bühne einen Film zum Buch. Man erlebt damit – wohl wie im Buch – sehr Persönliches, sehr Konkretes von Didier Eribon über seine Jugend, seine Mutter, aeine Wohngegend und daneben insgesamt über die Arbeiterbewegung der vergangenen 50 Jahre, die Zeit der linken Regierungen in Europa (Mitterand, Schmidt, Schröder, Italien, Spanien etc). Gezeigt wird, dass die ursprünglich so systemkritischen Intentionen der „Arbeiterklasse“ – 68er Generation etc. – gerade dadurch vom System aufgesaugt und zerstört wurden, dass sie, die Linken, an die Regierung kamen und dann nur noch an „Schräubchen drehten“, über „Gerechtigkeit“ redeten etc. Ihr Vorgehen war nicht mehr systemkritisch.

Nina Hoss spielt weitgehend sich selbst. Sie erzählt am Ende auch von ihrem wahren Vater. Die Einfachheit der Inszenierung ist verblüffend, in einem Aufnahmestudio soll sie den Text zu einem Film über das Buch von Eribon sprechen, den man auf der Leinwand sieht. Von Zeit zu Zeit kommt der Aufnahmeleiter ins Studio – auf die offene Bühne – und beide reden über Aspekte des Buches. Als würden sie fast ohne „Vorgaben“ diskutieren, sehr gelungen.

Mein Eindruck nur: Ich war nach der Aufführung verunsichert. Sehr viel wird berichtet über die Generation der Eltern von Didier Eribon, ebenso über die Eltern von Nina Hoss – genauer: Über den Vater, der in der DDR eine kommunistische Ausbildung absolvierte. Doch meine Erachtens bleibt zu unberücksichtigt, dass es diese Arbeiterschicht der früheren Generationen so heute nicht mehr gibt. Die Themen der damaligen Arbeitermilieus haben sich doch leicht verändert. Es sind nicht mehr diese alten Arbeitermilieus, die jetzt Le Pen oder AfD wählen. Das ist ja das Problem der Linken! Die Probleme haben sich verlagert, weg vom Thema „Ausbeutung“. Es ist doch heute ein Gefühl des Abgehängtseins in vielen Situationen. Mehr „arm und reich“ statt „Arbeiter und Arbeitgeber“. Das mag Eribon auch so sehen, in der Inszenierung ist genau hier aber eine Lücke in der Diskussion. Insoweit kommt Eribon vielleicht doch etwas zu einfach von den damaligen Arbeiterschichten auf Le Pen und AfD. 

Insgesamt aber eine absolut lohnenswerte Inszenierung, das Thema brennt ja.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

 

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Sonstiges

SONSTIGES: Tipp vor Ostern

Ich sage ja immer wieder: Wenn wir die Kunst nicht hätten! Und wenn wir nicht Menschen hätten, die außergewöhnliches leisten können! Da gebe ich gerne einen Tipp. Wer vor Ostern etwas Zeit hat, könnte sich dies hier ansehen. Es ist meines Erachtens absolut außergewöhnlich schön! Und es passt zu Ostern: Giuseppe Verdi, Messa da Requiem.
Es ist eine Inszenierung des Opernhauses Zürich aus dem Jahre 2016,  Verdis Oper für Orchester, Chor und Ballett. Es wurde gestern, Samstag, 24. März 2018, auf 3sat gesendet. Es ist jetzt noch wenige Tage auf der Mediathek von 3sat zu finden. Ein außergewöhnliches Erlebnis!! Eindrucksvoll ist auch die gestern im Anschluss gesendete Dokumentation über die Entstehung der Inszenierung. Muss man sich auch ansehen! Es ist eine Choreografie und Inszenierung von Christian Spuck.
Unglaublich schön etwa sind die Sequenzen bei Minute 1:03:40 bis 1:09:00 und 1:20:50 bis 1:23:45.
Man spürt in jeder Bewegung fast den Konflikt von Leben und Tod. Diesen Konflikt, der das Requiem ausmacht. Es geht ja auch nicht um die Höchstleistung an sich, es geht darum, wie sie es schaffen, uns all das nahezubringen!
Hier der Link auf die Mediathek: AUFFÜHRUNG
Hier der Link zur Dokumentation: DOKUMENTATION
Hier der Link zu Wikipedias Beitrag zu Verdis Messa da Requiem: WIKIPEDIA
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SONSTIGES: Politik – mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen!Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

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THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

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THEATER: Kevin Barz – Saal 600

Wenn sich junge Leute heute noch mit dem „alten“ Thema der Naziverbrechen beschäftigen und dies zu einem Theaterabend machen, bin ich natürlich dabei. Wie nähern sie sich heute dem Thema? Es könnte ja auch sein, dass sie sich sagen: „Ach nein, bitte nicht das schon wieder!“

Es gibt natürlich noch jede Menge Wahnsinnige, die die Nazis und die Naziverbrechen auch heute noch rechtfertigen oder gar verehren. Aber von denen möchte ich hier nicht schreiben. „Saal 600“ hieß die Inszenierung heute Abend in den Münchner Kammerspielen. Ob und wo sie noch einmal zu sehen sein wird, weiß ich gar nicht. Ich schreibe eigentlich nur über Aufführungen, die man noch sehen kann, aber hier einmal eine Ausnahme. Es war ein „dokumentarischer“ Theaterabend, habe ich im Programmfolder gelesen. Im Schwurgerichtssaal 600 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptangeklagten verhandelt. Die Abschlussinszenierung eines Regieschülers der Falkenbergschule, der Schauspielschule der Kammerspiele. Kevin Barz.

Auf die Geschichte der Nürnberger Prozesse und die unsäglichen Verbrechen, die zum Thema werden, kommt man in dieser Inszenierung dadurch, dass sich drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler – junge Schauspielschüler der Falkenbergschule – in die Position der damaligen DolmetscherInnen begeben, die das Unsägliche übersetzen mussten. Man saß vier Dolmetscherkabinen gegenüber.

Als Zuschauer wurde man dann hauptsächlich mit diesem Unsäglichen konfrontiert – nur zaghaft mit schauspielerischen Leistungen. Es beginnt mit Worten aus der grundlegenden Rede des amerikanischen Hauptanklägers Jackson. Langsam merkte man dann (sehr zaghaft allerdings), wie das Gesagte und Übersetzte die DolmetscherInnen belastete. Manchmal war es auch akustisch schwer verständlich, weil die Musik die Sprache überlagerte. Aber die Musik spielte auch eine wichtige Rolle in der Inszenierung, da Paul Brody die Musik anhand der Sprachmelodie von Angeklagten wie Hermann Göring oder Albert Speer komponiert hat. Ich fand es Alles in Allem aber eine gelungene Inszenierung. Es war durchaus sensibel, nicht platt, gemacht. Man war zurecht immer noch betroffen. Vielleicht war es dann gerade gut, dass man nicht von schauspielerischen Leistungen abgelenkt wurde. So kam einfach die Stimmung der Nürnberger Prozesse durch.

Und ich weiß nicht warum: Ich hatte die Überlegung, warum man nicht heute wieder wegen der grauenhaften Gräueltaten gegen Unschuldige (Syrien etc.) einen ähnlichen Prozess anstrengt. Aber Gründe gibt es leider: Alle großen Mächte sind heute in die Kriege involviert, es gibt keinen „besiegten Staat“, es gibt keine „Siegermächte“, die die „Kompetenz“, die (moralische) „Berechtigung“ hätten, die heutigen Gräueltaten anzuklagen usw. Jackson hatte in der Inszenierung in seinen original zu hörenden Worten sinngemäß gesagt: Wenn die Gräueltaten der Nazis nicht bestraft werden, können die Menschen nicht weiter leben. Aber so sehr unterscheiden sich die heutigen Gräuel von den damaligen gar nicht mehr! Wir sind vielleicht abgestumpft. Vielleicht aber gibt es auch einfach niemanden mehr, der nach Strafe rufen dürfte.

Copyright des Beitragsbildes: Milena Wojhan

 

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THEATER: Amir Reza Koohestani – Die Attentäterin

Warum macht eine Frau das? Sich selbst in die Luft sprengen und weit mehr als zehn Kinder mit in den Tod reißen! Sie waren gerade auf einer Geburtstagsfeier. Sie war Palästinenserin und hat sich in Tel Aviv in die Luft gejagt.

Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Attentäterin“ des Algeriers Jasmina Khadra (sein Künstlername). Der Ehemann der Attentäterin kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau das getan hat. Er bezweifelt sogar lange, dass sie es überhaupt getan haben könnte. Warum auch? Er möchte dann den Gründen näher kommen. Einer der bedeutenden iranischen Theatermacher, Amir Reza Koohestani, hat aus dem Roman eine Theaterfassung entwickelt, die am vergangenen Freitag Premiere an den Münchner Kammerspielen hatte. Es war ein anderer Theaterabend, als meine vorherigen, die viel mehr auch  „Blicke in die Vergangenheit“ waren (Lion Feuchtwanger – „Wartesaal“, Bertolt Brecht – „Trommeln in der Nacht“, Der Abend „1968“ über die Studentenunruhen 1968, Maxim Gorki – „Kinder der Sonne“ am Residenztheater, „Oradour“ im HochX, „Les Miserables“, die Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble etc., ). „Die Attentäterin“ ist leider immer wieder aktuell. Hier mit der Besonderheit, dass es eine Frau ist, die den Selbstmord begeht.

Zum Stück: Es war eine zurückhaltende, textlastige Inszenierung. Politisches Theater. Eine derart zurückhaltende Inszenierung zeigt Koohestani ja auch im Stück „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ nach dem gleichnamigen Roman von Kamel Daoud. Auch diese Inszenierung läuft noch in den Kammerspielen (Freitag, 6. April).

Der Zuschauer verfolgt die Suche des Ehemanns nach einer Erklärung. Man folgt ihm auch nach Palästina zu ihrer Familie. In der Inszenierung sieht der Zuschauer immer wieder auf der Rückwand der Bühne schwarz-weiß und übergroß ein, zwei oder mehrere Gesichter der sprechenden Personen. Nur die Gesichter. Die Personen sitzen meist an einem lang gezogenen Tisch. Es geht um die Gespräche und um die Reaktionen der Personen. Und um „die Situation“ zwischen Israel und Palästina. Sehr intensiv. Wir in Deutschland sind sicherlich nicht in der Lage zu sagen, warum eine Frau so etwas tut. Sicherlich sind Jasmina Khadra und Amir Reza Koohestani um einiges näher dran. Die Attentäterin habe doch jeden Luxus gehabt, sagte einmal etwa der israelische Kommissar. Eine vordergründige Überlegung. Stand eine Terrororganisation dahinter? Auch eine Überlegung. Gespielt wird der Kommissar übrigens von Samouil Stojanov, der wie immer eine fantastische Bühnenpräsenz hat. Ihm müsste man mal einen ganzen Abend geben, auf dem er solo spielen, „brüllen“ und tanzen kann. Beide letztgenannten Dinge sind bei ihm sehr beeindruckend. Auch in „Die Attentäterin“ brüllt er den Ehemann am Tisch an, insgesamt seien bis heute 2300 palästinensische Minderjährige durch Selbstmordattentate umgekommen, während es 145 Minderjährige aus Israel seien. Und alles geht immer weiter. Der Abend endet auch damit, (ACHTUNG: Nicht weiterlesen, wer das Stück sehen will!) dass eine israelische Bombe die palästinensische Familie auslöscht. So verlängert sich ganz einfach die Kette der sinnlosen Massaker. Man bekommt auch keine fertige Lösung dafür, warum die Attentäterin sich und – angeblich – viele Kinder in die Luft gesprengt hat. Sie sagt – nach ihrem Tod – etwa einmal: „Was nützt unser Glück, wenn wir es nicht teilen können?“ Teilen mit wem? Mit allen, die dort unten leiden? Und dann selbst Leid zufügen? Ich verstehe es nicht ganz. Aber der psychische Druck auf bestimmte Menschen – wie die Attentäterin – muss extrem sein! Andererseits erlebt man die Attentäterin – in der Inszenierung taucht sie nach ihrem Tod mehrfach auf und spricht zu ihrem Ehemann – nicht als mit Druck oder gar Hass belastete Person. Ganz und gar nicht. Sie wird fast als die „gute Seele“ des Stückes gezeigt … was ich irgendwie auch nicht verstanden habe. Es bleiben viele Ansätze. Auch generell die Rolle arabischen Frauen in der Gesellschaft mag ein Aspekt sein. Ob die Frauenrolle gar Motiv für den Suizid und Mord sein kann, bleibt offen, das zu beantworten war nicht Intention des Abends. Man muss jedenfalls als Zuschauer dem Text genau folgen, um die verschiedenen Überlegungen und Nuancen gut zu erkennen. Aber das macht den Abend wertvoll. So kommt die „Situation“, die wir nur von Schlagzeilen kennen (Israel/Palästina und die Selbstmordanschläge), hier auf die Bühne! „In „Die Attentäterin“ versuchen wir, eine Schlagzeile in ein Drama zu verwandeln„, sagt Koohestani im Programmheft. Ohne Partei zu ergreifen übrigens. Sonst wäre so ein Abend auch sinnlos.

HIER die Besprechung des Deutschlandfunks (als Audio abhörbar).

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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THEATER: Victor Hugo – Les Miserables, Inszenierung von Frank Castorf

Heute bringe ich allgemeiner gehaltene Betrachtungen zu einem der ganz großen Köpfe der deutschen Theaterszene der letzten 25 Jahre: Frank Castorf. Ich bringe keine reine „Theaterkritik“: Zum Einen: Ich schreibe den Blog ja nicht für wahre Theaterprofis. Zum Anderen geht es um eine Castorf – Stück und ich habe bisher erstaunlicherweise keinen Vergleich mit anderen Castorf – Aufführungen. Es war ein besonderer Castorf – Tag und es wäre in diesem Fall etwas anmaßend, zu „kritisieren“.
Frank Castorf! Viele Theaterfans haben natürlich schon längst eine oder mehrere der wahrlich berüchtigten Inszenierungen von Frank Castorf gesehen. Ich noch nicht. Obwohl er schon vor der Wende 1989 sogar einmal in München (im Residenztheater) eine Inszenierung bringen konnte. Aber das war noch nicht meine Theaterzeit. Jetzt gab es eine Inszenierung von Frank Castorf am Berliner Ensemble. Victor Hugos Roman Les Miserables. Ich bin nach Berlin gefahren.
Nach der Wende, von 1992 bis 2017, war Frank Castorf ja Intendant der Berliner “Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“. Ich hatte im Blog (weiter unten) kürzlich darauf hingewiesen, dass es auf der Berlinale 2018 einen Film über „25 Jahre Frank Castorf“ gab. Ich hoffe, man kann den Film („Partisan„) noch öfter sehen. Frank Castorf arbeitet jetzt weiter als Regisseur am “Berliner Ensemble“, wo er pro Jahr eine Inszenierung bringt. Dieses Jahr ist es der große Roman von Victor Hugo, Les Miserables. Es gab am 3. März eine „Extended Version“ seiner Inszenierung mit Rahmenprogramm.
Das Rahmenprogramm dieser Extended Version bestand aus – erstens – einem selten gezeigten alten, jetzt restaurierten Film über die Anfänge der Revolution auf Kuba 1959 und – zweitens – einer Podiumsdiskussion des Dramaturgen Frank Raddatz mit dem Soziologen Wolfgang Engler (der Schriftsteller Ulrich Pelzer war leider krank). Titel der Podiumsdiskussion: „Die montierte Zeit“. Beide Veranstaltungen passten wunderbar zu der dann folgenden achtstündigen verlängerten Version der „Aufführung“ von Les Miserables von Victor Hugo. Irgendwelche Verbindungen?
Frank Raddatz etwa, Leiter der „Podiumsdiskussion“, hat das Buch „Republik Castorf“ herausgebracht, in dem Auszüge seiner Gespräche mit zahlreichen Personen aufgeführt sind, die mit Frank Castorf teils von Beginn an zusammengearbeitet hatten.
Matthias Lilienthal wurde auch von ihm interviewt. Lilienthal führt ja  derzeit die Münchner Kammerspiele als Intendant und hat immer noch Schwierigkeiten mit dem sturen Geschmack des Münchner Publikums. Matthias Lilienthal arbeitete nach der Wende eng mit Frank Castorf zusammen am Aufbau der Volksbühne.
Weitere Verbindung: Frank Castorfs Inszenierung  Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht wurde zu DDR-Zeiten nach zwei Aufführungen verboten (damals in Castorfs DDR-Zeit in Anklam). „Trommeln in der Nacht“ läuft derzeit an den Kammerspielen (siehe Blogbeitrag) und wurde zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen.
Noch eine kleine Verbindung: Die berüchtigte vorletzte Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne (Faust I und Faust II), eine siebenstündige Inszenierung, wurde zur Freude aller großen Theaterfans ebenfalls zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Und siehe da, es wird von dieser Inszenierung im Mai sogar fünf Aufführungen mitgeben. Ich hoffe, ich bekomme eine Karte.
Zurück zu Frank Castorf: Seine Inszenierungen sind international bekannt, es gab viele Aufführungen außerhalb der “Volksbühne“. Seine Inszenierungen sind in der internationalen Theaterlandschaft eine Ausnahmeerscheinung. Wenn sich Frank Castorf eines Stückes oder eines Romans annimmt, geht es in jedem Fall nicht um eine lineare Erzählung. Ein Stück oder ein Roman sind Ansatz für Themen, die in einer Inszenierung angepackt werden. Unabhängig von Zeitebenen.
Der Zuschauer wird oft genug hingerissen zu verschiedensten Assoziationen, meist vor dem Hintergrund, dass irgendwie Alles in Allem oder jedenfalls Vieles in Vielem steckt. Insoweit wäre jede lineare Erzählung viel zu wenig.
Auch die Rolle der Schauspieler ist bei Frank Castorf sicher eine andere. Man kann sie kaum „Schauspieler“ nennen. Es ist – scheint mir – eine sehr besondere Mischung von Person, Rolle und Thema, von Spiel und Realität. Eher ein Kampf der „Schauspieler“ mit den Themen. (Eine Kleinigkeit etwa: Auf der Website des Berliner Ensembles wird im Gegensatz zu den anderen Inszenierungen bei Les Miserable nicht angegeben, Schauspieler … spielt „als ….“). Es muss herrlich und sicher hoch intensiv  sein für Schauspieler.
Les Miserables von Victor Hugo. Ausgangspunkt der Inszenierung im Berliner Ensemble ist nicht nur der Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo, sondern auch der Roman „Drei traurige Tiger“ von Guillermo Cabrera Infante, ein Buch über das Jahr 1958, das Jahr vor der Revolution in Kuba. In beiden Werken wird anhand einzelner Schicksale die Zeitströmung erfasst. Die Revolution steht 1958 in Kuba bevor, Revolution ist aber auch Thema im Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo. Die französische Revolution. Beide Ebenen werden verbunden. Dementsprechend wurde im Rahmenprogramm des Tages der von Frank Castorf schon mehrfach verwendete Film „Soy Cuba“ gezeigt, in dem es um die Momente vor der kubanischen Revolution geht. Ausschnitte aus diesem Schwarzweißfilm werden auch dieses Mal in der Inszenierung von Frank Castorf auf Leinwand eingespielt.
Im Anschluss an die Filmvorführung von fand die Podiumsdiskussion statt. Auch diese traf „ins Schwarze“. Es wurde darüber geredet, dass Zeit nicht nur linear zu erfassen ist. Das große Thema bei Frank Castorf. Geredet wurde darüber, dass wir in der Gegenwart am liebsten nur noch linear und gegenwärtig denken und Geschichte und Zukunft ausblenden wollen. Das Ausblenden der Zukunft ist durchaus interessant. Zur Zeit der Revolutionen stand die Zukunft geradezu im Mittelpunkt des Denkens. Es sollte ja anders werden, es gab Zukunftsvisionen. Dann. Schon bei der deutschen Wiedervereinigung ist eigentlich die Frage, ob es überhaupt noch derartige Visionen gab. Es scheint heute geradezu eine Angst gegenüber der Zukunft zu herrschen. Wir beherrschen die Zukunftsthemen auch in Visionen nicht mehr! Daher blendet man die Zukunft lieber aus. Und die Vergangenheit auch. Aber wann lernt man schon aus der Vergangenheit? Schlimm, aber wohl wahr. Siehe Nationalismus, Syrien etc. Heute reden wir eben von „Postmoderne“ und könnten auch von „posthistorischen“ Zeiten reden. Eine wirklich lehrreiche Vergangenheit gab es ja auch kaum. Da ist die Gegenwart ziemlich resistent. Aber da kommt das Theater ins Spiel und die Literatur und und und.
Frank Raddatz schreibt dagegen im Programmheft zu Frank Castorfs Ansatz:
In den sich überlappenden Realitäten blitzen nahezu unkalkulierbare Zusammenhänge auf, verdichten sich unvermutet Verbindungen zu instabilen Assoziationsbrücken, die abenteuerliche Routen durch kaum kartographiertes Gelände bahnen.
(Seite 11)
Es geht um mehr als die linearen sichtbaren Realitäten. Es geht um die „Offenlegung des geheimen Bandes zwischen zwei (Anm: oder mehreren) scheinbar fremden Welten“ (Frank Raddatz), wenn das Thema Revolution in Kuba und „Die Elenden“ in Paris zusammentreffen.
Und Frank Castorf geht sogar weiter. Man findet als Zuschauer auch Assoziationen zur heutigen Zeit. Ein Beispiel: Andreas Döhler, der in Les Miserables die Hauptrolle innehat, erscheint während der Vorführung etwa plötzlich als “einfacher“ Zuschauer am Rande der Bühne und hockt sich am Bühnenrand in die Ecke. Die Inszenierung wird fast angehalten und Andreas Döhler spricht zu Valery Tscheplanova, die unterbricht und ihn verstört beobachtet: „Ich störe doch nicht, mach doch weiter! Du hast doch so viel Platz auf der Bühne“, sagt er zu ihr. Und schon ist man beim Flüchtlingsthema. Vielleicht war dieser Einschub Bestandteil der „Extension“. Mehr und mehr schlüpft Andreas Döhler dann wieder in seine Rolle.

Da wäre man allerdings bei einem meiner Eindrücke: Notwendig ist in heutiger Zeit vielleicht sogar ein noch gegenwärtigeres, noch politischeres Theater. Aber ich kenne ja nicht viele Castorf-Inszenierungen. Viele Jahre lang war ja die „Volksbühne“ sehr politisch und hat die Fahne des Ostens gegen die alles erdrückende Welle der westlichen Welt hochgehalten. Dafür stand ja auch der Schriftzug OST auf dem Dach der Volksbühne, der während der vorletzten Aufführung unter Frank Castorf – kurz vor dem Beginn der Intendanz von Chris Dercon – vom Dach abmontiert wurde.

Die volle Dröhnung habe ich mir jedenfalls gegeben. Es hat sich gelohnt.

Copyright des Beitragsfotos: Matthias Horn

 

 

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Gesehen und gehört Sonstiges

SONSTIGES: Sarah Sze

Eine kleine Anregung:

Die amerikanische Künstlerin Sarah Sze hat für das HAUS DER KUNST die Installation Centrifuge gemacht. Sie steht in der Mittelhalle des Museums. Kleinste Objekte werden filigran zu einem Mosaik organisiert, das „alle gängigen Kategorien durchkreuzt“. Von überall werden Einzelteile beleuchtet. Feinarbeit. Minilichtquellen, Miniteilchen, Minifilmchen, alle Farben. Szes Konstellationen von Objekten, Bildern und Skizzen „sträuben sich gegen definitive Interpretationen“ heißt es so schön. Man steht davor und denkt an alles. Von fern ist es ein Verhau, je näher man aber kommt, umso interessanter wird es. Man sieht etwa irgendwelche bewegte Bilder auf Papierfetzen … wie das Gehirn kommt es einem vor.

Es war bedeutungsschwanger zu lesen: Die Installation … bringt das Wahrnehmungsfeld der Mittelhalle zum Explodieren … verformt sich dynamisch nach außen in den umliegenden Raum (bewegte Bilder oder Schemen werden in der Tat von der Installation ausgehend an alle Wände der riesigen Halle projeziert. Man fragt sich: Wo kommen die denn her?) … schafft ein intimes, fesselndes Feld, worin sich Schwerkraft, Maßstab und Zeit zu verwandeln scheinen …. erinnert an subatomare Teilchen, die sich in einem Quantenfeld verwandeln und entwickeln … deuten auf eine Unbestimmtheit hin.

Und schöne Worte der Künstlerin:

„Die innere Skulptur von Centrifuge scheint in einem unbestimmbaren Zustand zwischen Wachstum und Zerfall gefangen. Wenn sich der Betrachter nähert, fühlt er sich im Inneren in eine Mikrodimension versetzt, während die Skulptur, die sich in den größeren Raum der Halle ausdehnt, gleichzeitig eine Makrodimension eröffnet. Sie fungiert als Schauplatz von Aktivität und ist zugleich ein Projektor, der die Decke beleuchtet und dem Raum die Offenheit eines Palazzos oder städtischen Platzes verleiht.“

Tja, die Kunst. Was soll man da sagen.