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THEATER: Jan-Christoph Gockel, Komi Togbonou – Wir Schwarzen müssen zusammenhalten, eine Erwiderung

Ich habe es mir erst jetzt angesehen, die Premiere war schon im März 2021! Ein „kleineres“ Stück im Werkraum, der kleinsten Bühne der Münchner Kammerspiele. Es wird wieder gebracht am 12. und 13. Dezember.

Entwickelt von togoischen Künstler*innen und einem Team der Münchner Kammerspiele, eine „internationale Stückeentwicklung“, heißt es, mit Liveschaltung nach Togo, ein „doku-fiktionales Mash-up aus Schauspiel, Puppenspiel, Comic und Film, die Zeitreise einer futuristischen Geisterjägerin“, heißt es weiter im Programm.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele. Dort finden sich auch zwei kürzere Videos zum Stück.

Kurze Eindrücke:

Zum Thema: Die deutsche Kolonialzeit und das deutsche/bayerische Verhalten bis heute. Die Einführung des Bieres in Togo! Ein bayrisches Unternehmen („Marox“) und seine Geschäfte in Togo! Franz Josef Strauß auf Wildjagd in Togo! Jahre davor die Kolonialzeit mit Massenmorden! Herero etc. Gegen Ende des Abends wird die schöne Marionette von Franz Josef Strauß immer kleiner, bis sie in der Hand von Komi Togbonou verschwindet.

Ästhetisch ist es kein „Ereignis“. Ein schlampiges, völlig chaotisches Bühnenbild. Eine geziegelte Mauer, die die Bühne halb abtrennt, ein langer Tisch, Stühle, Computer, ein Mischpult, Akten, eine Öffnung in der hinteren Bühnenwand, alles Mögliche! Dazu eine Leinwand vorne und eine Leinwand hinten (Togo live!). Auch die Kostümierung ist wild bis lustig! Ein Eishockeyspieler aus Rosenheim (Sponsor „Marox“, das Unternehmen, das in Togo gute Geschäfte macht) neben Komi Togbonou in Kolonialherrentracht und dem pseudoutopischen Zukunftsdress der „Zeitreisenden“. Aber es war passend so an diesem Abend. Es ist ein relativ humorvoller und wilder Abend zu ernstem Thema: Deutschland und seine Kolonialzeit in Togo.

Beeindruckend ist die Puppengestalt von Franz Josef Strauß. Es geht ja vor allem um Franz Josef Strauß, der zur 100-jährigen „Freundschaft“ zwischen Bayern und Togo eben sagte: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!“. Auch das hier sagte er: „… möchte ich zum Ausdruck bringen … „aftalabofta!“ Da hat er einfach recht! Siehe das Video hier. Einen kurzen Ausschnitt daraus hört man auch in der Inszenierung.

Überzeugend spielt übrigens vor allem auch Nancy Mensah-Offei, die „Zeitreisende“.

SCHNELLES FAZIT: Man merkt: Es ist – bei allem „Wahnsinn“ des kleinen Abends – eine insgesamt „runde Sache“ geworden. Schön, dass man nicht immer alles bitterernst anpackt, auch wenn man die Ernsthaftigkeit des Themas deutlich erkennt! Vielleicht erwischt einen ein solches Thema dann viel eher!

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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THEATER: Nuran David Calis – Das Erbe

Am Mittwoch, den 23.11. 2022, war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Genau 30 Jahre nach den rassistischen Brandanschlägen auf die Wohnhäuser von mehreren aus der Türkei eingewanderten Familien in Mölln. Nuran David Calis nimmt dies zum Anlass, im Grunde sehr krass über die Erinnerungskultur in Deutschland nachzudenken und ein Stück zu entwickeln. Das Stück „Das Erbe“, das jetzt an den Münchner Kammerspielen seine Uraufführung hatte.

Die Inszenierung ist Teil des derzeit an den Münchner Kammerspielen laufenden „Erinnerungsfestivals“ – „Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart“. An rund 50 Tagen will man mit Aufführungen und Aktionen verschiedenster Art „zur Erinnerungsarbeit beitragen“. HIER der Link zur Seite des Erinnerungsfestivals auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Der Ansatz dieses Stückes sollte sein: Warum beschäftigen wir uns so wenig mit den Gefühlen der betroffenen türkischen Einwanderer, wenn es um rassistische Gewalt gegen sie geht. Warum beschäftigen wir uns mehr mit den Tätern, als den Opfern? Wie erleben/erlebten türkische Einwanderer derartige rassistische Angriffe? Wie erleben Sie Deutschland? Gute Fragen! „Deren Geschichten müssen angehört werden“, heißt es auch zurecht ganz am Schluss – bevor man nach dem Applaus auf der großen Leinwand auch sehr zurecht die Namen vieler Opfer rassistische Gewaltangriffe sieht!

Der Ansatz ist gut. Mit dem Stück „Das Erbe“ – „Eine Tragödie in drei Akten von Nuran David Calis“ – wurde etwas versucht, es blieb aber fragwürdig. Vielleicht sollte es gerade deswegen angesehen werden. Bilden Sie sich eine eigene Meinung!

Das Stück ist meines Erachtens aber fragwürdig, weil:

Zum Ersten: Ist Theater der richtige Platz für eine intensive Beschäftigung mit Erinnerungskultur? Wird Theater damit nicht zu politisch? Zu realistisch? Natürlich darf Theater und muss Theater manchmal politisch werden. Schon Shakespeare war politisch. Ich persönlich mag es aber, wenn man im Theater politisch nicht zu sehr bedrängt wird. Für politische Thematisierungen gehe ich im Grunde nicht gerne ins Theater. Aber andererseits: Augen auf! Im Grunde ist das Theater doch für alles offen!

Fragwürdig zum Zweiten: Nuran David Calis‘ Stück enthält – aus der Sicht der in Istanbul lebenden Tochter einer reichen türkischen Einwandererfamilie – unglaublich krasse und direkte Vorwürfe gegen das „Scheißland“ Deutschland und auch gegen eine nicht erfolgte Integration. Wir würden sie irgendwann ohnehin alle vergessen. Wir lassen sie ja ohnehin an nichts teilnehmen. Wahlrecht? Nein! Steile Thesen, viele Vorwürfe, ohne Gegenrede! Aber auch hier: Man kann und sollte darüber nachdenken! Kennen wir die Einstellungen und Gefühlslage unserer türkischen Mitbürger wirklich? Kennen wir sie? Wollen wir sie kennen?

Fragwürdig zum Dritten: Die Familie kommt (1992) wegen der Beerdigung des Vaters und wegen der Testamentseröffnung in Deutschland zusammen. Die Familie ist steinreich – der gerade verstorbene Vater führte ein milliardenschweres Unternehmen, die private Villa ist 20 Millionen € wert -. In sehr ausladenden Filmsequenzen werden immer wieder auf großer Leinwand hochelegante und schicke Porträtaufnahmen der Familienmitglieder gezeigt. Porträtaufnahmen vor moderner Kunst. Soll das das Bild einer doch so gelungenen Karriere in Deutschland zeigen? Schick, elegant, reich? Soll das die doch so „gelungene Integration“ der türkischen Familie zeigen? Auch das Bühnengeschehen ist sehr ästhetisch gehalten. Hier etwa:

Fragwürdig zum Vierten: Es geht im Stück nicht nur um Erinnerung an die Opfer rassistische Gewalt in Deutschland. Es geht plötzlich in dieser relativ kurzen Inszenierung (1 Stunde 40 min) um viel mehr Themen – die offenbar das Thema der Erinnerungskultur als „Plot“ einrahmen sollten: Ein Familienstreit, die Rolle des erfolglosen Sohnes, eine lesbische Tochter, eine sterbenskranke Mutter, eben der gestorbene erfolgreiche Vater, ein DDR Flüchtling, Migration, Verantwortung gegenüber der Familie und und und. Viele Themen, die allesamt im Grunde viel zu kurz behandelt werden. Klingt nach Familienepos, konnte aber in dieser kurzen Zeit nicht gelingen!

Es war also ein fraglicher Abend, ein Abend zum totalen Scheitern von Integration, der im guten Ansatz stecken bleibt. Vielleicht eine viel zu kurz geratene Kurzfassung eines Familienepos. aber eben auch ein Grund, es sich anzusehen. Es gibt im Dezember verschiedene Aufführungstermine.

Copyright der Bilder: Krafft Angerer

Das Erbe von Nuran David Calis Uraufführung Regie & Choreographie: Pınar Karabulut Bühne: Aleksandra Pavlović Kostüme: Sara Giancane Musik: Daniel Murena Licht: Stephan Mariani Video: Su Steinmassl Dramaturgie: Mehdi Moradpou Mit: Elmira Bahrami, Zeynep Bozbay, Sema Poyraz, Edith Saldanha, Mehmet Sözer

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THEATER: Saša Stanišić – Herkunft

Nach einer kleinen Krankheitsphase schreibe ich noch über zwei Theaterbesuche, die ich kürzlich (kurz, bevor mich die Erkältungswelle erwischt hat) erleben konnte: „Herkunft“ von Saša Stanišić und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Bertolt Brecht – zwei Inszenierungen am Münchner Volkstheater. Oben ein Bild des neuen Gebäudes des Volkstheaters.

Für „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sehe ich im Programm weitere Vorstellungstermine, für „Herkunft“ nicht.

HIER der Link zur Website des Münchner Volkstheaters. Ich hatte erstmals Gelegenheit, diesen imposanten Neubau zu besuchen!

Zunächst über „Herkunft“ von Saša Stanišić: HIER speziell der Link zur Stückeseite von „Herkunft“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Was ist „Herkunft“? Was zählt sie? Den Roman „Herkunft“ von Saša Stanišić auf die Bühne zu bringen ist nicht leicht. Es wurde verschiedentlich versucht und stellte sich immer wieder als schwierig dar. Der sehr persönliche Roman „Herkunft“ passt kaum auf die Bühne, meint man. Er wurde schon mehrfach inszeniert, beispielsweise HIER, im Herbst 2021, an Nationaltheater Mannheim, oder HIER, im Sommer 2021, am Thalia Theater Hamburg. Seit Herbst 2020 gibt/gab es nun auch am Münchner Volkstheater die Inszenierung von „Herkunft“.

Der Roman von Saša Stanišić war ein großer Erfolg, wurde 2019 mit dem Deutschen Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Es ist im Grunde ein trauriges, ernüchterndes Buch. Es geht nicht darum, was Herkunft ist – darum auch, es geht vielmehr mehr um das VERSCHWINDEN von Herkunft, das Verschwinden von Vergangenheit. Immer wieder geht es auch um das Sterben, um den Tod. Man könnte sagen: Saša Stanišić, geboren in Višegrad, Bosnien-Herzegowina, stößt mit diesem Buch Türen zu seiner eigenen Vergangenheit auf und muss immer wieder sehen, dass eigentlich alles verschwindet, verschwunden ist, sich aufgelöst hat – wie der Staat Jugoslawien. An einer Stelle – im Buch jedenfalls – sagt er auch sinngemäß: Man lebt nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft! Eine Art Fazit nach seiner Reise in die Auflösung. Saša Stanišic war noch im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien (unter Tito) geboren, 1978, er musste früh seine Heimat verlassen, landete 1992 in Heidelberg, lebt heute in Hamburg. Alle Orte und all die Zeitspannen spielen im Roman und auf der Bühne eine Rolle. In Oskoruša besuchte Saša Stanišic dann 2009 – darüber schreibt er besonders – erstmals seine Großmutter, die – zusammen mit ihrer Erinnerung und ihrer Vergangenheit – durch ihre Demenz ebenfalls mehr und mehr aus dem Leben verschwand. Alles verschwindet, was bleibt? Der Roman besteht aus Sequenzen, einzelnen Bildern, Erinnerungen, es ist keine zusammenhängende Geschichte.

Die Inszenierung am Münchner Volkstheater geht mit diese „Zerrupftheit“ schön um. Die durchweg jungen und so gut spielenden Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles (Jakob Immervoll, Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Pola Jane O‘Mara, Nina Steils, Anne Stein) sind alle zusammen Saša Stanišic, schlüpfen auch – eher dezent – in die anderen Rollen, die Rolle der Großmutter von Saša Stanišic vor allem. Man erlebt die SchauspielerInnen als eine sehr gelungene Einheit. Man erlebt in der Bühnenfassung auch einige der Zeitensprünge gemäß dem Roman, aber sie werden schön zusammengehalten. Das Bühnenbild schafft es ebenfalls, nicht weiter zu verwirren. Alles ist zeitneutral gestaltet, nüchtern und klar auf der dunklen Bühne, verschiedene Funktionsgegenstände, eine rollbare Treppe, Overheadprojektoren, andere nicht zeitgebundene Dinge.

Buch und Inszenierung (Regie Felix Hafner) sind wortintensiv, es geht eben um die gedrängten persönlichen Eindrücke von Saša Stanišic. „Herkunft“ jeder Art war wohl immer schon das prägende Element im Leben von Saša Stanišic, es begann mit den verschiedenen ethnischen Herkünften im damaligen Jugoslawien. Herkunft war der Auslöser der Balkankriege (deren Zusammenhänge werden schön knapp und hilfreich im Programmheft des Abends zusammengefasst). Daneben durchzieht den Roman und vor allem die Inszenierung die prägende Frage nach familiärer Herkunft. Der Besuch der Großmutter, das Verschwinden des Großvaters, das Verschwinden der Vergangenheit. Das Verschwinden jeglicher Herkunft. All dem spürt Stanišic nach, auch wenn es – außer dem Verschwinden von allem – natürlich kein Ergebnis seiner Überlegungen gibt.

Eine schöne Inszenierung, es ist gelungen, dieses schwierige Buch – was fast unmöglich scheint – auf die Bühne zu bringen, auch wenn ein deutlicher Schwerpunkt, ein prägender Hauptgedanke oder Ähnliches (die Traurigkeit des Verschwindens von allem etwa) an diesem Abend nicht richtig greifbar wird. Aber auch der Roman liefert einen solch deutlichen Schwerpunkt der Erkenntnisse nicht. Das wäre ein „Plus“ der Inszenierung gewesen. So gesehen ist man vielleicht etwas zu vorsichtig geblieben!

Copyright des Beitragsbildes: Münchner Volkstheater, KÖ

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MUSIK: Stereo Express – Monfragüe

Diese Musik muss man laut hören! Bloß nicht leise hören! Nur wenn die Musik laut mit guten Lautsprechern gespielt wird, kommt ihre Wirkung zur Geltung! „Leise“ ist es ein Geklimper, das man nicht hören will – „laut“ kommen die Emotionen der Musik dazu!

Es geht mir nicht darum, mich mit möglichst lauter Musik zu verwirren. Es geht mir immer um das Musikerlebnis! Was wäre unsere Welt ohne Musik? Musik ist eine im Grunde vollkommen unterschätzte eigene Dimension eines Erlebnisses. Was wird bei uns durch Musik angerührt?

In diesem Fall geht es um eines der Konzerte, die regelmäßig von „Cercle“ an sehr besonderen Orten auf der Welt organisiert werden. Ich hatte bereits einmal ein derartiges Konzert von Cercle im Blog gebracht. BLAZE. Nicht nur hörens-, sondern besonders sehenswert ist das Konzert von Blaze in voller Länge, fast eineinhalb Stunden, das auch in meinem Beitrag zu finden ist. HIER. Auf über 3000 m Höhe in den französischen Alpen.

Wer hinter Cercle steht, konnte ich nicht ermitteln. Cercle hat eine eigene, sehr ästhetische Website (Link unten) und ist auf Facebook (Link auch unten) sehr aktiv. Mit vielen Followern. Man liest über Cercle folgendes:

„Cercle produces unique experiences, by organizing, filming and broadcasting concerts in carefully selected locations around the world Our prime goal is to showcase cultural heritage sites and landmarks through the prism of electronic music and video. Each show is different and the live events happen on Mondays.“

Wenn, dann also jeweils montags gibt es auf Facebook einen der von Cercle organisierten Live-Events. In der Tat sind die Locations, besondere Naturlagen, an denen die Musik dann gespielt wird, immer extrem besonders.

Stereo Express ist dieses Mal dran, es war ein wiederum sehr besonderes Live-Event von vor etwa einem Monat (Spätsommer 2022). Stereo Express ist im spanischen Nationalpark Monfragüe aufgetreten. Der Nationalpark liegt westlich von Madrid, in Richtung zur Grenze zu Portugal.

Sound Express ist das Projekt eines DJs und Produzenten von elektronischer Musik. HIER dessen Website. Zum Auftritt „Monfragüe“ liest man, dass Sound Express diese Musik dafür geschrieben hat, um in diesen schwierigen Zeiten ein wenig Hoffnung durchklingen zu lassen.

HIER die Website von Cercle.

HIER die interessante Facebookseite von Cercle (die Facebook-Seite wird sich nur für diejenigen öffnen, die selber bei Facebook angemeldet sind). Cercle bringt auf Facebook etwa monatlich ein Live-Konzert ihrer besonderen Art.

HIER die Website von Stereo Express.

MIT DIESEN LINKS TAUCHT MAN IN DIE WELT DER ELEKTRONISCHEN MUSIK EIN! Ich werde sicherlich darauf zurückkommen.

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Ankündigung: Synkretische Musik

Eine Ankündigung, weil es nur einmal kommt: Zuletzt war ich ja im Konzert II der Reihe LA BOHÈME 2022 in der Bar Gabanyi. HIER mein damaliger Beitrag. Mich erreichte jetzt wieder folgende Mail: Es ist eine Reihe sehr eigenwilliger Konzerte – „synkretische“ (gemischte, unreine) Musik … Man schrieb mir:

LA BOHÈME 2022 Konzert III // Ensemble für Synkretische Musik // 15. November // Schwere Reiter, München

Der Konzertzyklus LA BOHÈME 2022 des Ensembles für Synkretische Musik geht weiter!

Konzert III im Schwere Reiter am 15. November um 20h

In der dekonstruierten Neuinterpretation von Puccinis Werk setzt sich das Ensemble unter der Leitung von Gertrud Schilde und Carl Oesterhelt mit der fragilen Lebenswirklichkeit der Künstler*innen auseinander. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Matthias Günther und dem Künstler Eugene Taran folgen sie im dritten Konzert den Gedanken des Malers Marcello zur kuratierten Welt des Kunstbetriebs und der Erfahrungen der Künstlerin/des Künstlers darin.

„So, jetzt reicht es mir aber! Es ist genug.“ Die bodenlose Realität hat den Maler Marcello in eine sinnlose Identitätskrise gestürzt. Wer ist er? Ein Star, dem das glamouröse Leben abhanden gekommen ist? Ein Künstler, dessen Existenz verblasst? Oder doch nur ein Handwerker, dem es an zahlender Kundschaft mangelt? Er fragt sich: Was erwarte ich? Will ich von meiner Kunst leben? Will ich berühmt sein? Oder ist das alles eh wurscht, und es geht schlicht und einfach ums Überleben? 


Mit dem Zyklus von vier Konzerten La Bohème 2022 inszeniert und reflektiert das Ensemble für Synkretische Musik mit seiner flexiblen und schlanken, vom Streichquartett ausgehenden Formation unter Einbezug von Musik, Sprache und Videokunst die Ohnmächtigkeit und Unsichtbarkeit analog arbeitender Künstler*innen. 

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KONZERT III – DI 15. NOVEMBER 20H – SCHWERE REITER

DIE GEDANKEN DES MALERS MARCELLO
Ensemble für Synkretische Musik & Eugene Taran

Programm
Carl Oesterhelt Musik / Matthias Günther Text: Etudes sur La Bohème III – Coups de pinceau pour violon seul et cordes für Solovioline, Stimme, Streichsptett & Video (UA) // Eniott Schneider: Marcel Duchamp – Myth of the World of Things for Percussion and Strings (UA) / Wolfgang HeisigRingparabel für Streichseptett und Schlagzeug (1993) // Franghiz Ali-Zadeh:Oasis for String Quartet and Tape (1998)

Mit Eugene Taran, Video-Künstler // Gertrud Schilde, Violine // Stefan Blum, Percussion

Ensemble für Synkretische Musik Gertrud Schilde, Jörg Widmoser, Markus Henschel, Kelvin Hawthorne, Andreas Höricht, Emil Bekir, Aniko Zeke, Maximilian Fraas, Stefan Blum

Dienstag, 15. November 2022 / 20 Uhr
Schwere Reiter Dachauer Str. 114a, 80636 München

Tickets 17€ / erm. 10€ / Reservierung schwerereiter.de/spielplan

Künstlerische Leitung der Reihe: Gertrud Schilde und Carl Oesterhelt.
Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen des Sonderprogramms NEUSTART KULTUR.

SAVE THE DATE
Die Gedanken des Dichters Rodolfo, das vierte und letzte Konzert der Reihe, findet am 2. Dez 2022 um 19 Uhr im Köşk, Schrenkstr. 8 statt. Ein Improvisations-Remix der bislang gespielten Werke und das anarchische Musicircus (1967) von John Cage lassen die Konzertreihe noch einmal erleben.

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THEATER: Wajdi Mouawad – Vögel

Im schönen Metropoltheater in München-Freimann ist derzeit eine sehr gelungene Aufführung von „Vögel“ von Wajdi Mouawad zu sehen. Im November wird es noch zwölfmal gezeigt. Ob es weitere Termine zu Beginn des kommenden Jahres geben wird, ist mir noch nicht bekannt.

ACHTUNG: DAS STÜCK IST KÜRZLICH (20.11.2022) ABGESETZT WORDEN WEGEN ANGEBLICH ANTISEMITISCHER ÄUSSERUNGEN! Ich weiß nicht, welche Äußerungen insgesamt gemeint sind, mir war nichts aufgefallen, aber okay. Die jüdische Großmutter sagt einmal: “Scheiß KZ“. Das kann ja wohl nicht antisemitisch sein. Auch die Erzählung inhaltlich: Ein jüdischer Soldat rettet im Libanonkrieg ein palästinensisches Baby, das Palästinenserkind wächst bei den Juden auf, auch dessen Kind meint, jüdisch zu sein, bis alles auffliegt. Ich weiß nicht, was daran antisemitisch war. Eine weitere Stelle wird genannt: Die Aussage „Wenn Traumata Spuren in den Genen hinterließen, die wir unseren Kindern vererben, glaubst du, unser Volk ließe dann heute ein anderes die Unterdrückung erleiden, die es selbst erlitten hat?“ Ist das gleich antisemitisch? Doch nur dann, wenn die Antwort „Ja“ käme, oder? Verstehe ich nicht ganz.

Wajdi Mouawad, geboren 1968 ist ein sehr produktiver und sehr erfolgreicher libanesisch-kanadischer Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Er schreibt auf Französisch, lebte früher auch in Frankreich und in Québec und lebt mittlerweile wieder in Frankreich. „Vögel“, seine erfolgreiche aktuellste Arbeit, wurde 2017 im La Colline in Paris in seiner eigenen Inszenierung uraufgeführt, die deutsche Erstaufführung fand 2018 am Staatstheater Stuttgart statt (HIER eine Besprechung der Stuttgarter Uraufführung). Die Wurzeln seines Schreibens über politische und religiöse Identitätskonflikte sieht Mouawad in einem Erlebnis, zu dem er in seinen Arbeiten immer wieder zurückkehrt: Es war ein Attentat einer christlichen Miliz auf einen Bus mit wehrlosen palästinensischen Zivilisten, das er erlebte. „Bei allem, was ich schreibe, geht es nur darum.“

So auch letztlich wohl in “Vögel“. Es ist ein Stück zum Einen über die Sinnlosigkeit von Grenzen – Grenzen in Form von Identitätsabgrenzungen. Zum Anderen aber ist es auch ein Stück über die Kraft des Gewohnten, das uns ja ständig die gelebten Grenzen – falsche oder nicht falsche – bestätigt, auch wenn sie sinnlos sind. Kann man sich jemals von solchen Grenzen lösen? Zerreißen einen die Grenzen, obwohl man ihre „Falschheit“ erkennt? Wie geht man damit um? Gewinnt immer die Gewöhnung?

All das – vor allem der Aspekt der Sinnlosigkeit von Grenzen (nicht nur von „falschen“ Grenzen) einerseits und die Kraft der Gewöhnung an solche Grenzen andererseits – wird in „Vögel“ deutlich durch einer Liebesbeziehung zwischen dem angeblich jüdischen Eitan (er wuchs in einer jüdischen Familie auf) und der arabischstämmigen Amerikanerin Wahida. Sie lernen sich in New York in einer Bibliothek kennen. Wahida lebt in New York und schreibt dort ausgerechnet an einer Doktorarbeit über ein Thema, das auch von Identitätsgrenzen – in einer anderen Zeit und einer anderen Kultur – zeugt. Wir konfrontieren uns mit dem Fremden, haben aber oft Probleme damit. Wir definieren uns andererseits über das „Andere“. Wahida schreibt über einen vor mehr als 500 Jahren zum Christentum bekehrten Weisen, der Papst Leo X. als Geschenk überreicht worden war.

Die Eltern von Eitan (der Vater – überzeugend gespielt von Michele Cuciuffo – glaubt, jüdisch zu sein) lehnen jedenfalls die arabischstämmige Wahida ab. Eitan bekommt Zweifel an seiner Abstammung und möchte mehr erfahren. Er reist zusammen mit Wahida nach Israel zu seiner Großmutter. Die Geschichte entwickelt sich weiter, Eitan wird durch ein Attentat schwer verletzt, ich möchte nicht zu viel verraten. Alle Mitglieder von Eitans Familie kommen schließlich zusammen, eine verborgene Wahrheit kommt ans Tageslicht.

In der Regie von Jochen Schölch erlebt man eine schlicht gehaltene Aufführung, die sich angenehm und sehr fokussiert auf das gesprochene Wort und das Spiel der SchauspielerInnen konzentriert. Ein langer Tisch, Stühle, mehr bietet die Bühne nicht. Das wiederum ist passend, die schlichte und für alle Beteiligten bedeutende Entwicklung der Geschichte, die Macht der lange verborgenen Wahrheit einerseits und der gelebten und gewohnten „Wirklichkeit“ andererseits ist das Entscheidende.

Die Inszenierung von Jochen Schölch bleibt übrigens im Deutschen einsprachig, wohingegen das Stück schon an mehreren deutschen Bühnen mehrsprachig aufgeführt wurde. Die Mehrsprachigkeit könnte natürlich nochmals Grenzen zwischen den beteiligten Kulturen verdeutlichen, es funktioniert aber auch so. Auch in der hier gewählten Einsprachigkeit ist der Abend beeindruckend, berührend, was an den schauspielerischen Leistungen liegt.

HIER eine Besprechung des Stückes von Deutschlandfunk Kultur, in der es ebenfalls um die Mehrsprachigkeit geht. Damals (2019) wurde das Stück an 14 Bühnen gleichzeitig gespielt. HIER noch eine Besprechung des Stückes in einer Inszenierung am Schauspiel Köln (2019).

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen spielen von Beginn an überzeugend, ganz besonders möchte man neben Michele Cuciuffo (als Vater von Eitan) übrigens die beiden „Youngster“ Leonhard Dick und Magdalena Laubisch in den Hauptrollen Eitan und Wahida hervorheben.

HIER ein Gespräch mit Leonard Dick und Magdalena Laubisch über das Stück.

HIER noch der Link zur Stückeseite von „Vögel“ auf der Website des Metropoltheaters.

Ein bewegendes Stück, das viele Anregungen in sich trägt, um persönlich über das gezeigte konkrete Geschehen hinaus über die behandelten Themen – berührt vom Gesehenen – nachzudenken.

Eine Inszenierung von „Vögel“ ist übrigens derzeit auch am Berliner Ensemble zu sehen! Jetzt am Samstag, 05.11., beispielsweise! HIER der Link.

Copyright des Beitragsbildes: Jean-Marc Turmes

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MUSIK: TUNE – Caterina Barbieri

Das Haus der Kunst bringt unter der Leitung von Andrea Lissoni längst nicht mehr nur Ausstellungen. Seit über einem Jahr zum Beispiel findet jährlich einmal pro Monat eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe TUNE statt. HIER der Link zu einer Übersicht der bisherigen TUNE-Veranstaltungen mit kurzen Videos. Ich hatte zuletzt über den Auftritt von JJJJ Jerome berichtet (HIER).

Die Veranstaltungen sind sogenannte „Sound Residencies“. Es sind nicht einfach Musikveranstaltungen. Es sind bemerkenswerte Veranstaltungen für Sound-Entwicklungen, die eine bestimmte Atmosphäre schaffen, Gefühle kreieren, den Hörer besonders tangieren.

HIER der Link zur Homepage von TUNE auf der Website des Hauses der Kunst.

Gestern, am 28.10., war im Rahmen der Reihe TUNES die italienische Musikerin und Komponistin Caterina Barbieri zu Gast im Haus der Kunst. Auch dieser Abend – etwa eine Stunde – war bemerkenswert. Wieder einmal war man in der Situation, dass man nicht Musik hörte, sondern sich von Tönen, Klängen, Sound und der daneben gegebenen Videoperformance in eine besondere Welt versetzt sah. Rhythmus – sofern überhaupt gegeben – störte dabei fast. Hier ein Eindruck:

Und das hier:

Wie gesagt, es geht bei TUNE nicht um Musik im herkömmlichen Sinne. Es geht um Klang, um Klangräume, Klangwelten, um das Klangerlebnis, das den Hörer in andere Welten führt. Ich finde es immer interessant, die eigenen Gewohnheiten zu verlassen und neue Welten zu entdecken. Man liest von einem gewissen Zusammenhang dieser Performances zu den aktuellen Ausstellungen. Diesen Zusammenhang habe ich noch nicht erkennen können. Macht nichts, wäre fast schon zu sehr „gebunden“ an ein Thema.

Und: Der Sound von Caterina Barbieri hört sich manchmal fast so an, wie es heutzutage wahrscheinlich in einer Diskothek klingen mag. Aber eben nur fast, nur ansatzweise. Es ist doch anders!

Copyright des Beitragsbildes: Jim C Nedd

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THEATER: Anna Smolar – Hungry Ghosts

Hungry Ghosts ist die erste Inszenierung der polnisch-französischen Regisseurin Anna Smolar in Deutschland, es wird an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Premiere von “Hungry Ghosts“ war am vergangenen Samstag, 22.10.2022.

Anna Smolar

Foto: Leszek Zych

hat sich dazu ein Thema genommen, das sie auch persönlich wohl betraf: Es geht um das verborgene Einwirken von Erlebnissen früherer Generationen (des eigenen Familienstammes, der Eltern, Großeltern etc.) auf das Leben der Nachfahren. Bei manchen Menschen zeigen sich im Laufe des Lebens durchaus geradezu körperliche Erscheinungen, die – so die Theorie der Wissenschaft – auf Bestandteile der nicht selbst erlebten Vergangenheit des Familienstammes (etwa alte Traumata) zurückzuführen sind. Anna Smolar greift in ihren bisherigen Inszenierungen gerne auf wissenschaftliche Themen zurück.

Ein ähnlicher Aspekt ist derzeit übrigens auch Thema am Münchner Residenztheater – dort mit dem sehr gelungenen fünfstündigen Abend „Die Träume der Abwesenden“. Ich fand (HIER mein Beitrag dazu mit weiteren Links) den dortigen Ansatz damals auch schön: Wir leben im Grunde die „Träume der Abwesenden“ – also der Verstorbenen. Ja, wer weiß?

Aber am Residenztheater ist es nur ein „ähnlicher“ Ansatz, nicht der gleiche Ansatz wie bei Anna Smolar. „Träume“ (Residenztheater) sind nicht immer „Traumata“ (Kammerspiele), auch wenn es bei den „Träumen“ im Residenztheater um die schreckliche jüdische Vergangenheit einer Großfamilie geht. Bei Anna Smolar an den Kammerspielen geht es also um Traumata, um das Eingebranntsein der Vergangenheit in die Gene späterer Generationen – „Epigenetik“ nennt sich die Wissenschaft dazu. These: Auch nicht erlebte Vergangenheit kann krank machen. Man trägt alles in den Genen.

Im „heutigen Leben“, das bei Hungry Ghosts zunächst sehr harmlos gezeigt wird, wird „ein Theaterstück geprobt“, eine Komödie. Langsam schiebt sich aber eben die Vergangenheit der SchauspielerInnen in die Gegenwart hinein. Die Hauptdarstellerin kann nicht weiterspielen, sie leidet plötzlich an Kopfschmerzen und verliert ihren Humor. Mehrere Schicksale der Vergangenheit kommen ans Tageslicht. Es mündet schließlich in einen langen Monolog („Jackies Monolog“), der von Mira Marcinov zu diesem Stück beigetragen wurde. All die Schicksale der Vergangenheit behindern den weiteren Lauf der „Entwicklung der Komödie“, die hier gespielt werden soll. Die Proben werden ein Desaster.

Das Thema des Abends (Epigenetik) hat mit „Jackies Monolog“ seinen Höhepunkt, in dem über Ereignisse – mehrere Selbstmorde – der Vorgenerationen berichtet wird (Onkel Pavel, die Großmutter, die Mutter fast). So etwas kann sich dann offenbar in die Gene weiterer Generationen einbrennen!

Es bleibt aber insgesamt eine relativ einfache Darstellungsweise. Die gesprochenen Texte sind zusammen mit dem Ensemble entwickelt, daher nicht sehr tiefschürfend. Das einfache Bühnenbild – im Grunde rollbare Trennwände, die mit Türen und Fenstern eine Perspektive und Räume vorspiegeln – ist der Tatsache geschuldet, dass ja die „Übung eines Theaterstückes“ gespielt wird.

So ist es letztlich ein eher amüsanter Abend, bei dem sich Slapstick mit tiefgehenden Vergangenheitsproblemen vereinen, die, wie gesagt, der „Epigenetik“ zugeordnet werden. Und als Zuschauer wurde man zumindest vom Thema der „Epigenetik“ angestupst und konnte danach überlegen: „Was könnte wohl in meinen Genen eingebrannt sein?“

HIER der Link zur Stückeseite von „Hungry Ghosts“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.hier der Link zur Stücke Seite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Und HIER der Link zur Stückeseite von „Die Träume der Abwesenden“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel

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LITERATUR: Zu Risiken und Nebenwirkungen …

Der Mensch muss höllisch aufpassen. Für die heute junge und für nachfolgende Generationen wird es eine Riesenlast und eine Riesenaufgabe sein! Es sind zwei Entwicklungen. Das Eine: Täglich verschwindet eine große Anzahl von Tierarten, täglich verschwindet eine große Anzahl von Pflanzenarten, Gletscher verschwinden, die Umwelt wird unwiederbringlich zerstört! Eine schleichende Entwicklung. Das ist „nur“ das Eine.

Daneben – und da sind der momentane Krieg und die Inflation fast nur Nebensachen von (hoffentlich) begrenzter Dauer – arbeitet der Mensch mit rasender Geschwindigkeit an einer weiteren vielleicht unwiederbringlichen Zerstörung. Er arbeitet auf allen möglichen, wahrscheinlich unglaublich vielen Gebieten an künstlicher Intelligenz (KI): Eine – bei allen Vorteilen von KI – ebenfalls schleichende, fast unkontrollierbare und auch höchst gefährliche Entwicklung! Der Mensch arbeitet daran, sich selbst ad absurdum zu führen, Selbstkontrolle in immer mehr Bereichen abzugeben!

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HIER übrigens ein interessanter Artikel (aus 2020, aktualisiert im Juni 2022) zum täglichen Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

HIER ein weiterer interessanter Artikel zum täglichen Aussterben von Tier- und Pflanzenarten (Stand Juli 2022). Hierin heißt es:

„Die Rote Liste bedrohter Tiere und Pflanzen wächst und wächst. Die Arten sterben schneller, als die Rote Liste aktualisiert werden kann. Experten schätzen, dass pro Tag bis zu 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde verschwinden. Die Weltnaturschutzunion IUCN erfasst mehr vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten als jemals zurvor: mehr als 41.000 (Stand: Juli 2022). Und das, obwohl sich der Artenschutz seit Jahrzehnten um den Erhalt der Biodiversität bemüht.“

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Ich habe mich nun ein wenig dem Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) genähert. Zuerst habe ich zwei Bücher zum Thema gelesen. Das eine Buch zur KI war: Richard David Prechts „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“. Das andere Buch zur KI war: Matthias Pfeffers „Menschliches Denken und künstliche Intelligenz“.

Dann hatte ich noch zufällig ein Gespräch mit einer Informatikerin, die bei der Stadt München arbeitet. Sie sagte: Wir sehen nicht, was sich alles rasend schnell entwickelt! Wenn man ernst nimmt, was man hört und liest, muss man sagen: Der Mensch ist nicht „nur“ dabei, unaufhaltsam unsere Erde zu zerstören – er ist dabei, sich selbst kaputt zu machen! Zu den beiden Büchern hier meine Anmerkungen:

„Ressentiments“ gegen die Herangehensweisen beider Bücher:

Es handelt sich bei beiden Büchern vordergründig um philosophische Betrachtungen zum Thema “Künstliche Intelligenz und Mensch“. Die Titel beider Bücher legen den philosophischen Ansatz nahe. Etwas irreführend. Beim Lesen der Bücher wird klar, dass sie sich gesellschaftskritisch, fast politisch mit KI befassen. In beiden Büchern geht es um die aktuellen Entwicklungen, um die gefährlichen Veränderungen gesellschaftlicher Parameter und menschlicher Grundeigenheiten!

Der Konflikt “Künstliche Intelligenz und der Mensch“ (wie “Mensch und Maschine“) bietet natürlich einen unglaublichen Fundus von Argumentations- und Darstellungsmöglichkeiten. Auch philosophisch/gesellschaftskritisch lässt sich das Thema – fast gefährlich – dramatisch, prägnant, extrem eindrücklich und vielfältig darstellen! Beide Bücher haben mich vor diesem Hintergrund irritiert zurückgelassen. Man hat in beiden Büchern ausführlich schreckliche Entwicklungen diskutiert, hat aber keine Lösung! Es kann einem fast übel werden, wenn man alles liest. Weil die Frage „Was kann man tun?“ neben allen richtigen und wichtigen philosophischen und gesellschaftskritischen, fast politischen Erkenntnissen letztlich unbeantwortet bleibt. Sie bleibt unbeantwortet, weil es nicht möglich zu sein scheint, konkrete Antworten zu finden! Die Dinge entwickeln sich einfach.

Ein interessantes Beispiel dafür, wo uns KI hinführen wird: Ein Podcast der Münchner Kammerspiele:

https://www.dieneuesituation.de/artikel/11561-die-digitale-seele

Zu Richard David Prechts “Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“:

Eines ist klar: Richard David Precht kann schreiben und Gedanken formulieren! Zunächst geht er darauf ein, dass der Mensch nicht nur ein Wesen „logischen Denkens“ ist – so, wie es die KI mit ihren “Ja/nein“- Algorithmen ist. Der Mensch ist mehr. Er ist emotional, sensitiv, hat Zweifel, Glauben, Motive, Moral, ist unlogisch, hat Werte, Vergangenheit, Persönlichkeit, ist gemeinschaftsbezogen, er weiß von seiner Existenz und und und. Alles Dinge, die Künstliche Intelligenz nicht hat! KI kennt nicht einmal gut und böse! Aber der Mensch arbeitet fieberhaft daran, rein „logisches“ algorithmisches Denken in alle seine Lebensbereiche hineinwirken zu lassen, sich davon mehr und mehr dominieren zu lassen.

Besonders, da diese Algorithmen – immer rasanter und umfassender – „selbstlernend“ sein werden, sich also durch immer mehr Zugriff auf immer mehr Informationen komplex ständig weiterentwickeln werden, besteht diese große Gefahr, dass die Algorithmen – die wir ja alle nicht vor unseren Augen sehen – unkontrollierbar (so auch Matthias Pfeffer) unser Leben in mehr und mehr Bereichen bestimmen werden. Der Mensch wird – so Precht – zum „Haustier allmächtiger Maschinen“.

Precht schreibt auch: „Die explosionsartige Vermehrung von Codes schafft eine Lebenswelt, in der mehr Menschen tun, was Computer ihnen sagen, als dass Menschen Computern sagen, was sie zu tun haben.“ Selbst die Demokratie wird gefährdet. (Ein schönes Beispiel aus dem Buch von Matthias Pfeffer wiederum: Tage vor dem „Sturm auf das Kapitol“ in Washington verbreiteten sich im Internet im Umfeld derjenigen Leute, die sich auf den “Sturm auf das Kapitol“ vorbereiteten, massiv Werbung für Waffen!). Die freie Willensentscheidung des Menschen wird gefährdet. Technik wird – blind für die Einschränkungen, die sich damit für den Menschen ergeben – zum neuen Gott erhoben. “Explosionsartig“!

Richard David Precht beendet seine Überlegungen mit vagen Ansätzen zum weiteren Vorgehen: Er schreibt: „Wir müssen, mit einem Wort, lernen, intelligenter mit Computern umzugehen, ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen, ihre sinnvollen Einsatzfelder abzustecken und ihre Chancen und Gefahren klarer zu sehen.“ Der oft (m. E. zurecht) kapitalismuskritische Richard David Precht stellt auch immer wieder auf die Zusammenhänge zwischen dem ungebremsten weltweiten Trieb zur Entwicklung unkontrollierbarer Künstlicher Intelligenz einerseits und den fatalen Wirkungen des grenzenlosen Kapitalismus/Neokapitalismus andererseits ab! Es sind ja – in der westlichen Welt vor allem – die Unternehmen, die an allem arbeiten.

Zu Matthias Pfeffers „Menschliches Denken und Künstliche Intelligenz“:

Das Buch von Matthias Pfeffer ist ähnlich angelegt, allerdings umfassender, sehr kenntnisreich in allen denkbaren Richtungen, in vielen Dingen journalistischer. Was auch gut ist! Dieses Buch gibt insgesamt einen fast noch erschreckenderen Eindruck von den Gefahren der künstlichen Intelligenz, getragen von vielen vielen Bezügen zu Einzelbeispielen, zu Äußerungen von Fachleuten, von Politikern, von Philosophen, von Künstlern, Technikgurus, KI-Entwicklern und und und. Es sind auch hier philosophische (zu allgemeine) Ansätze und genauso gut (drastische) gesellschaftskritische Beobachtungen!

Mein Eindruck wäre zwar: Im Buch von Matthias Pfeffer werden so viele Meinungen anderer Personen herangezogen, dass man manchmal gar nicht weiß, ob diese Anmerkungen nicht geradezu argumentativ „instrumentalisiert“ sind. Ein Philosoph des Mittelalters etwa konnte ja sicherlich noch nicht an KI denken. Trotzdem: Das Thema KI ist bei Pfeffer im Grunde breiter angelegt, was seine Berechtigung hat. Wir müssen uns den Entwicklungen aus vielen Blickwinkeln heraus stellen. Gesichtserkennung? Das ist das Mindeste. Wir werden von einer sich selber rasant ständig weiterentwickelnden KI immer mehr dominiert werden. Geben wir damit nicht komplett unseren Datenschutz auf? Der Begriff „Datenschutz“ ist mir da schon zu eng! Es geht um den Schutz aller möglichen persönlichen Merkmale des Menschen, um seine Verhaltensweisen, Anlagen etc, mit denen KI hantiert. “Merkmalsschutz“ müsste man sagen.

Auch Matthias Pfeffer schließt das Buch (Untertitel: „Eine Aufforderung“) mit einer Reihe von Vorschlägen zur „Eindämmung“ der riesigen Gefahren von KI. Er bringt detailliertere Vorschläge als diejenigen von Richard David Precht. Es bleibt allerdings leider auch hier schwer vorstellbar, dass diese sinnvollen, „naturgegeben“ notwendigen Vorschläge irgendwie realisiert werden könnten. Es bräuchte dazu fast schon weltweite politische Initiativen. Daneben stellt Matthias Pfeffer immer wieder auf „Vernunft“ ab – ein hohes Gut des menschlichen Denkens – und auf „vernünftigen“ Umgang mit KI. Das klingt schön, wird aber wahrscheinlich kein Gehör finden.

Aber jedes Teilchen ist ein Teilchen eines großen Puzzles. Man kann von keinem der beiden Bücher alles erwarten!

Fazit:

Die Entwicklung von KI birgt in einigen Bereichen riesige Chancen in sich. Vielleicht auch die Chance, gerade mit ihr die globalen Probleme, die Umweltzerstörung in den Griff zu bekommen. KI wird rasant weiter entwickelt werden, keine Frage. Die beiden Autoren Richard David Precht und Matthias Pfeffer sind allerdings vor allem von den riesigen Gefahren, die von ungebremster KI insgesamt für die Selbstbestimmtheit des Menschen ausgehen, überzeugt. (Auch etwa eine Frage: Was ist denn dann noch die Wahrheit? Es kommt ja nur darauf an, welche Daten eingegeben werden, mit denen die KI dann “Lösungen“ erarbeitet. Daher sind beide Bücher lesenswert, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Die Hinweise auf die Gefahren von KI gehen bei den Äußerungen, die aus allen möglichen Fachrichtungen zur KI gemacht werden, meist unter, dort werden die Vorteile der KI betont. Das kann so nicht bleiben!

… auch wenn man nach dem Lesen der beiden Bücher eine große Portion Hilflosigkeit spüren mag, weil man nicht erkennen kann, ob und wie alles überhaupt irgendwie noch in den Griff zu kriegen ist ….

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Hier noch sehr interessante links zum Thema „ Künstliche Intelligenz aus EU-Sicht“:

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Eine Ankündigung

Hier eine Ankündigung ohne besondere weitere Anmerkungen: Es wird sicher interessant, es geht um Werner Herzog. Ich gehe hin (Ein Dank an die Münchner Kammerspiele!). Es ist die Veranstaltung am 30. Oktober in den Münchner Kammerspielen: „Halluzinationen – Werner Herzogs innere und äußere Landschaften.“ Ein Abend VON und MIT Werner Herzog mit Musik, Filmen und Lesungen aus seinen Büchern und Texten anlässlich seines 80. Geburtstags.

HIER der Link zur Ankündigung auf der Website der Münchner Kammerspiele.

HIER der Link zur Website von Werner Herzog.

Und HIER der Link zum Beitrag über Werner Herzog auf Wikipedia.

Noch gibt es wohl Karten.

MUSIK: Xavier Darcy – Orleans

Er hat eine gute Stimme, der 27-Jährige Xavier Darcy. Der Song gefällt mir. Xavier Darcy lebt in München. Geboren ist er als Sohn britisch-französischer Eltern, war in England, Frankreich, Kanada und Belgien zu Hause. Weltstar ist er noch nicht, hatte bisher kleine Erfolge: Beim Musikwettbewerb „Jugend musiziert“ gewann er mehrere Preise. Und 2018 belegte er beim Wettbewerb „Unser Lied für Lissabon“ (Auswahlentscheidung für den Eurovision Song Contest 2018) den zweiten Platz hinter Michael Schulte. Aktuelleres weiß ich nicht über ihn. Auf Facebook sieht man zumindest Einträge bis September 2022. HIER (für diejenigen, die Facebook haben).

HIER seine Website, die auch nicht auf sehr aktuellem Stand zu sein scheint.

Hier nun der trotz allem ganz gute Song „Orléans“:

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THEATER: Double Feature – „Nora“ und „Die Freiheit einer Frau“

Die Münchner Kammerspiele bringen ein Double Feature. Premiere war am Freitag, 07.10.. Beide Stücke werden in nächster Zeit auch einzeln geboten. Aber: Ich finde, dass sie in ihrer Unterschiedlichkeit einerseits und in ihrer bei der Vorstellung zeitlich gegebenen und thematischen engen Beziehung zueinander im Double Feature eine große Dynamik haben, die man miterleben muss. Gehen Sie in das Double Feature!

Beide Teile verbinden sich thematisch, in beiden Teilen spielen teils die gleichen SchauspielerInnen! Und sie spielen wunderbar: Katharina Bach (Bild oben, Copyright Armin Smailovic), Thomas Schmauser und Edmund Telgenkämper spielen in beiden Teilen. Besonders im zweiten Teil zeigt sich, dass gerade dieses Trio dieser so extrem unterschiedlichen Typen eine herrliche Auswahl für beide Teile des Double Features war!

Thema des Abends: Eine Frau sucht sich ihr Leben, sucht sich selbst. In beiden Stücken löst sich die Frau aus ihrer Umgebung. Einerseits löst sich die Ehefrau in Hendrik Ibsens Weltklassiker aus ihrem behüteten aber falschen Leben, aus ihrer „Einsperrung“ als „Lerche“ oder „Eichhörnchen“ (so nennt sie der Ehemann), andererseits löst sich bei Édouard Louis dessen Mutter aus ihrer sozial traurigen desaströsen Lage. Die „Einsperrung“ der Frau zu Zeiten von Hendrik Ibsen (Teil 1 des Abends, Ende des 19. Jahrhunderts; Ibsen hat „Nora …“ in München geschrieben!) sah dabei natürlich anders aus, als die „Loslösungsversuche“ von Édouard Louis’ Mutter zu unseren Zeiten (Teil 2 des Abends, heutiges Frankreich).

Der Ausbruch der Frau „Nora“ aus dem „goldenen Käfig“ war zu Ibsens Zeiten ein Skandal; der Versuch der Mutter von Édouard Louis dagegen, die sozial prekären Verhältnisse und die privat immer wieder üblen Zustände ihres Lebens zu verlassen, ist heute zunächst kein gesellschaftlicher „Skandal“ mehr, sondern eine „Beschreibung“. Eine berührende Beschreibung des Kampfes und der Versuche der Mutter, irgendwann in ihr eigenes Leben zu kommen. In Frankreich sind ja bekanntlich die sozialen Unterschiede noch deutlicher als in Deutschland. Auch dieses soziale Auseinanderdriften kann man allerdings durchaus als „Skandal“ bezeichnen.

Ich selber habe festgestellt, dass ich nach den Vorstellungen eigentlich ständig über mein (nicht prekäres) Leben, meine Familie, das damalige Leben meiner Eltern nachdachte. Beide Stücke zeigen etwas, was auch heute noch irgendwie in uns steckt, mehr oder weniger, so oder etwas anders.

Es geht also um diese beiden Stücke:

  • Den Weltklassiker von Hendrik Ibsen: „Nora oder Ein Puppenheim.“
  • Und den aktuellen Roman des französischen Schriftstellers Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“.

Beides sind Inszenierungen von Felicitas Brucker.

Foto: Birgit Hupfeld

Ein Großteil der bisherigen Arbeiten von Felicitas Brucker findet sich HIER.

Es ist aber nicht so, dass man an diesem vierstündigen Abend (mit einer 20-minütigen Pause) ein „altes Stück“ (Ibsen) und ein „modernes Stück“ (Louis) sehen würde. Der alte Weltklassiker “Nora“ wird in dieser Inszenierung aus der alten Zeit herausgehoben. Das gelingt Felicitas Brucker sehr gut. Es wird zeitlos, obwohl der Verlauf der bekannten Geschichte genau erzählt wird. Nichts aber von wegen: „Ein Zimmer, viele Türen … der Türschlag am Ende“ – so die klassische Inszenierung. Zuletzt wurde „Nora oder Ein Puppenheim“ in München am Münchner Residenztheater so klassisch gespielt.

Schon der Untertitel zu „Nora“ – nur so heißt es an den Münchner Kammerspielen – verbindet das Stück in gewisser Weise mit unserer heutigen Zeit: “Ein Thriller von …“ heißt es dort. Leise wummert auch immer wieder ein dumpfer Sound im Raum. Ein Thriller. Auch schon die Tatsache der Einbindung von “Nora“ in ein Double Feature mit “Die Freiheit einer Frau“ vom französischen Erfolgsautor Édouard Louis holt „Nora“ aus seiner alten Zeit heraus.

Fotos beider Inszenierungen. Zunächst “Nora“:

Foto: Armin Smailovic

Und hier „Die Freiheit einer Frau“:

Foto: Armin Smailovic

Zu “Nora“:

Das „Besondere“ an der Inszenierung „Nora“ von Felicitas Brucker ist, dass der Weltklassiker von drei jungen Frauen um drei Blickwinkel erweitert, fortgeschrieben, ergänzt wird. Von Sivan Ben Yashi, von Ivna Zinc und von Gerhild Steinbruch. Er verliert damit seine klassische Sprödigkeit, sein Alter. Andererseits wird der Verlauf der Geschichte von Noras Ausbruch aus dem “goldenen Käfig“ von Anfang bis zu Ende getreu dem Original durcherzählt. Der erste Teil ein Prolog (Text von Sivan Ben Yashi). Die SchauspielerInnen sitzen bei einer Textprobe am Tisch vor der Bühne. Es fällt ihnen gewissermaßen auf, dass das Stück zwar „Nora oder Ein Puppenheim“ heißt, dass es um Nora geht, es aber letztlich schon in der Besetzungsliste des Stückes immer wieder primär um Noras Mann geht, Helmer. Er ist es, der auf Platz 1 der Besetzungsliste steht, nicht Nora auf 1 und er dann etwa auf 2 etc. Spitzfindig und treffend!

Dann „öffnet“ sich die Bühne. Ein wenig nur, denn sie bleibt versperrt, ist dominiert von der schräg und falsch herum im Raum hängenden riesigen Fassade der Villa der Helmers. An dieser großen Fassade klettern die Schauspielerinnen in der Folgezeit immer wieder herum. Es kommt zu Begegnungen, man rutscht ab, liegt in einem umgedrehten Fenstergiebel, steht vor dem Gebäude, hat kleine Einblicke in das Haus, steigt durch eines der vielen Fenster auf die Fassade …

Erst gegen Ende, wenn es für Nora – die ja lange Zeit noch für den Erhalt ihres „schönen Lebens“ kämpfte – langsam in Richtung Freiheit geht, hebt sich die Fassade nach oben, das Haus verschwindet fast.

Der Rückblick der drei Kinder von Nora auf Noras Leben wird in das Stück eingebaut (Text von Ivna Zinc). Auch dort: Nora musste immer perfekt sein – auch ein durchaus heute aktuelles Thema.

In den Textbestandteilen von Gerhild Steinbruch wird zusätzlich besonders die Befindlichkeit von Nora und weiteren Beteiligten herausgearbeitet.

Es ist eine insgesamt meines Erachtens sehr gelungene Inszenierung. Auch Musik (Nora singt tragend und röhrend S.O.S. von ABBA) und Video kommen – nicht übertrieben – zum „Einsatz“.

Zu „Die Freiheit einer Frau“:

Auch dies ein Teil, der mich zum Nachdenken anregte. Auf dem Bild oben sieht man fast alles wesentliche: Die schlichte Bühne – eine weiße Holzwand – und die drei SchauspielerInnen, gleich (modern und simpel) gekleidet. Sie wechseln ständig ihre Rollen, sind alle drei mal Édouard, mal die Mutter, der Vater, die Geschwister. Berührt folgt man der Geschichte von Édouards Mutter, die sie erzählen. Die Mutter, die ihrer prekären, von betrunkenen Männer dominierten Lebenssituation irgendwie entkommen wollte. Sie schmeißt schließlich ihren zweiten Mann raus, schafft es nach Paris, ihr Leben wird besser, etwas weg von der Armut. Am Ende stellt sie allerdings fest, dass sie dort auch kaum „angekommen“ ist, akzeptiert ist. Thomas Schmauser sagt daher zu Recht am Ende: Es geht nicht (nur) um Veränderung, es geht um Glück!

Man hat etwas gesehen, was einfach immer relevant ist! Was prägt uns mehr als das Verhältnis Mann – Frau, Vater – Tochter, Mutter – Sohn, Freund – Freundin … oder all das auch gleichgeschlechtlich natürlich? Wir möchten manchmal raus aus der Situation, aber wie soll es gelingen? Im Double Feature geht es speziell um das Thema „Die Frau und ihr eigenes Leben“! Es wird immer aktuell bleiben.

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THEATER: Residenztheater bye bye!

Das Münchner Residenztheater und die Kritik! Es folgt hier kein Eigenlob, aber eine Vermutung. Sie werden sich wundern, wenn Sie diesen Beitrag lesen. Ich habe mich auch gewundert!

Natürlich mögen es Theater, wenn gut über ihre Inszenierungen berichtet wird. Auch auf Blogs wie meinem. Als großer Theaterfreund berichte ich auch zumeist positiv, zumindest insgesamt immer wohlwollend. Nicht jede Theateraufführung kann aber jedem zusagen! Man möchte und muss als Blogger natürlich ehrlich sein. Dann gibt es das Dilemma: Was macht ein Theater dann, wenn kritisch geschrieben wird? Streicht es die Pressekarten, die es netterweise gibt? Verträgt es die Kritik? Freut es sich über Kritik – denn die Leserschaft der Blogger bleibt nur dann „bei der Stange“, wenn sie sieht: „Der schreibt ehrlich!“

Das Münchner Residenztheater hat auf Kritik in meinem Blog schon mehrfach reagiert. Jetzt stoppen Sie es, mich weiter zu unterstützen.

Erfreulicherweise erkennen seit Jahren AUSNAHMSLOS ALLE Theater, Verlage oder Institutionen bei denen ich jemals – JEMALS – deutschlandweit für Karten oder Rezensionsexemplar oder Ähnliches angefragt habe, diesen Blog als unterstützenswürdig an. Alle! Ich könnte sonst auch nicht so viel berichten. Das ist erfreulich, da zum Beispiel auch die bekannte Plattform http://www.nachtkritik.de darüber schreibt, wie schwer es für Blogger ist, im Theaterbereich als „Pressemedium“ anerkannt zu sein.

Ich rezensiere auch gerne Bücher, die ich lese. Ich bekomme jährlich Karten für das Berliner Theatertreffen. Mache alles mit viel Zeitaufwand und großem Engagement aus Leidenschaft und alles, um meinen Lesern Anregungen zu geben. Ich habe recht viel Zeit und möchte mein Kulturinteresse weitergeben! Fast 600 Beiträge sind es derzeit. Ich schreibe mit dem Interesse daran, Leser durch meine Beiträge anzuregen, sich auch dieses oder ein anderes Theaterstück anzusehen, zu lesen etc. Das ist meine Intention, ich möchte besonders als großer Theaterfreund Theater unterstützen und meinen Lesern mit meinen bescheidenen Beiträgen die Möglichkeit geben, einen ersten Eindruck oder eine Anregung für einen Theaterbesuch zu erhalten. Ich liebe die geistige Offenheit, mit der man ins Theater gehen kann bzw. eher muss. Ich bewundere im Grunde immer das große Engagement der Theaterbühnen, der Schauspieler, es muss und kann dabei nicht immer alles gelingen und jedem gefallen. Alles geht aber nur dann, wenn man (subjektiv) ehrlich schreibt.

Was geschah aber:

  • Das Münchner Residenztheater hatte mich schon vor etwa drei Jahren angeschrieben, nachdem ich etwas kritisch von einer Inszenierung des Hauses berichtet hatte. Ob es wirklich an der Kritik lag, weiß ich natürlich nicht. Man sagte mir jedenfalls, man könne mich nicht mehr unterstützen, der Bayerische Rechnungshof würde es nicht zulassen, dass Pressekarten an private Institutionen oder Aktivitäten vergeben werden. Mein Eindruck: Es war eine Art „Warnschuss“ des Münchner Residenztheaters. Denn ich hatte mich beim Bayerischen Rechnungshof erkundigt und erhielt die schriftliche Antwort, selbstverständlich sei es Sache des Theaters, an wen Pressekarten vergeben werden!
  • Etwa zwei Jahre später berichtete ich wieder einmal etwas kritischer über eine Inszenierung am Münchner Residenztheater. Wieder wurde ich angeschrieben. Wieder ein “Warnschuss“? Diesmal wurde mein Blog von der derzeitigen Leiterin der Presseabteilung unverschämt angegriffen und diffamiert. „Zu sagen, mein Blog sei Schülerzeitschriftenniveau“, sei für jeden angehenden Journalisten ein “Affront“. So und ähnlich! Ich war sprachlos!
  • Letzte Woche nun: Ich berichtete über den Besuch des Stückes „Engel in Amerika“. Diesen Bericht hatte ich mit nachdenklichen Erwägungen eingeleitet. Man las es wohl wieder als direkte Kritik. HIER der Link zu meiner Besprechung. Die Besprechung war kritischer als üblich, keine Frage, aber sie war freundlich und ich wies gerade am Ende des Berichtes darauf hin, dass all die globalen Krisen, von denen wir derzeit stehen, meine zweifelnden Äußerungen vielleicht begründeten. Ich fand nämlich, das Stück (Thema: Amerika in den Achtzigern) passe nicht in unsere momentane Zeit (anders als der bekannte SZ-Kritiker Egbert Tholl es sah). Erneut meldete sich das Münchner Residenztheater! Man können mir nun (ausdrücklich wurde mein Bericht über „Engel in Amerika“ erwähnt) keine Pressekarten mehr zukommen lassen! Ende! Für meine privaten „Ergüsse“ – hieß es dieses Mal – könnten keine Pressekarten mehr vergeben werden. (Wahrscheinlich ärgerte man sich auch darüber, dass mein Diktiersystem bei einer weiteren Anfrage versehentlich den von mir sehr geschätzten Regisseur Thom Luz als “Tom Lutz“ geschrieben hatte und ich es übersehen hatte.)

Fazit: Es ist erstaunlich, dass die teils wahrlich unverschämten Bemerkungen des Münchner Residenztheaters immer dann kamen, wenn ich kritisch berichtete. Natürlich mag das Residenztheater (speziell die Leiterin der Presseabteilung) eine eigene Meinung über meinen Blog oder Blogs insgesamt haben! Natürlich mag man nicht schlechte Kritiken! Klar! „Da könnte ja jeder kommen“, denken sie sich vielleicht auch. Vielleicht mögen Sie auch wirklich nicht mit Bloggern „zusammenarbeiten“. Blogs sind nicht “Presse“, auch klar.

Es geht nicht, dass man meinen Blog nur als bloßes Marketinginstrument und als nette Werbeplattform unterstützt. Er ist keine Werbeplattform. „Werbung ja, aber Kritik oder Nachdenklichkeit nein“ (kein Zitat, sondern meine Zusammenfassung!) – so geht es nicht. Wenn Theater, dann bitte auch mit Kritik oder Nachdenklichkeit. Professionelle Kritik von Pressemedien ist vielleicht einfach versteckter, zurückhaltender. Kritik und Nachdenklichkeit sind aber die Essenz des Theaterwesens!

Sooo viel wird ja nicht über die Inszenierungen am Münchner Residenztheater berichtet. In den (wenigen) Münchner Zeitschriften schon, aber online sehe ich wenige, die schreiben.

Es wäre also eine Gelegenheit gewesen – eine Art „Kooperation“ für Social Media eben – weiterhin locker zu bleiben und mit Freude an (ja meinerseits nie unverschämter) vereinzelter Kritik und Nachdenklichkeit einen Blog als soziale Plattform – moderne Zeiten! – für ja nicht wenige Theaterinteressierte weiterhin zu unterstützen. Oder mit mir einfach über eine Besprechung zu reden.

Das möchte ich also meinen Lesern mitteilen. Das Münchner Residenztheater geht einen eigenen Weg:

Es möchte, vermute ich, Lob – solange galt ich als unterstützungswürdig. Aber mit Kritik kommt man – mein Eindruck – nicht klar! Schade! Neue Blickwinkel, andere Meinungen, darum geht es doch! So schlecht ist der Blog nicht, denke ich, sonst würden ihn nicht alle anderen Verlage und Theater seit Jahren ausnahmslos unterstützen.

Ist das Verhalten des Münchner Residenztheaters ein lockerer Umgang mit Kritik? Ist es das passende Verhalten für ein großes Theaterhaus, mich herablassend zu kritisieren? Meines Erachtens nicht. Vielleicht kommen dort zu viele Blogger und bitten um „Akkreditierung“, also Anerkennung als Pressemedium? Das sehe ich nicht!

Mittlerweile hat sich der Intendant des Residenztheaters, Andreas Beck, bei mir übrigens netterweise für die Beleidigungen entschuldigt! Wenigstens das.

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THEATER: Tony Kushner – Engel in Amerika

Es gibt manchmal Theaterstücke, da fragt man sich danach: „Warum habe ich das eigentlich gesehen?“ Es sagt nichts über die Qualität des Stückes und der Inszenierung aus, aber ich persönlich stelle mir eine solche Frage dann, wenn ich nach einem Theaterabend überhaupt nicht auch nur irgendwie über das gesehene Stück weiter nachdenken kann, keinen Aspekt finde, der mich aktuell – die Zeiten ändern sich immer – irgendwie weiter interessieren könnte. Natürlich kann man sagen, man kann über jedes Theaterstück nachdenken. Aber irgendetwas kann ja auch fehlen.

Nun habe ich nach langer Zeit einmal wieder ein solches Stück gesehen: „Engel in Amerika“ von Tony Kushner, im Münchner Residenztheater, noch dazu ein mehr als fünfstündiger Theaterabend. Es ließ mich unberührt. Gut, da geht es jedem anders. Es ist eine Inszenierung von Simon Stone – was für mich ansich bedeutet: Simon Stone, es wird interessant! Allein seine letzten beiden Inszenierungen „Unsere Zeit“ und „Drei Schwestern“ am Münchner Residenztheater waren/sind schlicht gelungen, hatten es mir angetan. Vor allem waren es wunderbare Ensemblearbeiten, klasse gespielt! Aber auch die Bühnenbilder, die Inszenierungen, “real life“, man sah sich.

Tschechows “Drei Schwestern“ etwa – die Inszenierung war vor wenigen Jahren schon zum Berliner Theatertreffen eingeladen – war damals übrigens eine Übernahme vom Theater Basel, nachdem der damalige dortige Intendant Andreas Beck vor wenigen Jahren ans Münchner Residenztheater gewechselt war. Auch die Inszenierung von „Engel in Amerika“ von Simon Stone ist nun eine solche Übernahme aus Basel, sie war vor Coronazeiten für das Programm des Residenztheaters vorgesehen, kommt aber erst jetzt zum Zuge.

Es gibt Theaterstücke, die „bleiben auf der Bühne“, man kann zuschauen, wird aber einfach nicht gefesselt, nicht “einbezogen“. Es sind Theaterstücke, die es – inhaltlich, darstellerisch und von der Inszenierung her – einfach schwer haben oder nicht schaffen, auf das Publikum „überzuspringen“. Als ein solches Theaterstück muss ich „Engel in Amerika“ bezeichnen. Die Inszenierung von Simon Stone selbst konnte daran wenig ändern, denn Tony Kushner hat teilweise Vorgaben für Inszenierungen dieses Stückes gemacht, die wenig Spielraum lassen. Aber es war auch der Inhalt des Stückes selbst, das Thema, das den Abend schlicht „auf der Bühne“ ließ.

Worum es geht?

Es geht um die Befindlichkeiten in Amerika etwa um 1985 herum. Eine Nabelschau aus amerikanischen Augen – und das in unseren heutigen Zeiten (Krieg, Umwelt, Inflation, Globalisierung, weltweite Krisen …). AIDS als Schwerpunkt, aber genauso Rassismus, Neoliberalismus, der damalige sozial brutale und kalte Weg Amerikas, der Glaube an den Kapitalismus, an die Macht, Ronald Reagan, das eigenartige Politikverständnis – und Tony Kushners Kritik daran. Der Anwalt Roy Cohn (siehe das Beitragsbild oben, Roland Koch) als das größte “Arschloch“ in der Runde. Es ist viel und war vielleicht auch deswegen sehr erfolgreich in Amerika, es traf wohl die amerikanischen Verhältnisse gut. Matthew Lopez‘ Stück “Das Vermächtnis“, das derzeit auch noch im Repertoire des Residenztheaters ist und speziell das Thema AIDS noch eingehender – und weit beeindruckender – behandelt, ist als „lose Fortschreibung von «Engel in Amerika»“ zu lesen.

Toni Kushner war mit seinem Stück „Engel in Amerika“ damals in Amerika schlagartig erfolgreich und bekannt geworden. Damals – Ende der Achtziger/Anfang der Neunzigerjahre – diese Zeitspanne von über 30 Jahren merkt man dem Stück an.

Die Inszenierung von „Engel in Amerika“ – sie bekam 2016 den österreichischen Nestroypreis für die beste deutschsprachige Theateraufführung – macht heute aber schon einen eher biederen Eindruck. Das fast „harmlose“ Aufbrechen der Bühnendecke bei Hereinbrechen der „Engel“, einem Kernelement des Stückes …

… oder die dann weiterhin schlicht herunterhängenden Dachplatten, ebenso das öfters kurz aufflackernde Licht als Zeichen einer unerklärlichen Macht, es war zu wenig (allerdings gibt es gerade hierzu eben teilweise auch Vorgaben von Toni Kushner).

Noch etwas: Es ist sehr viel Sprechtext (eine wirklich große Leistung aller Schauspieler und SchauspielerInnen!), viele Aspekte (siehe oben) und Spitzen etc. werden sehr schnell gesprochen, sie werden oft nur sehr kurz, dafür sehr laut angesprochen, in den sich auf der weiten Bühne parallel abspielenden, teilweise sich miteinander überlappenden Szenen. „Bühne“ hieß wild verteilt im Raum Stühle, ein Tisch, ein Bett, ein Sofa, ein Fernseher, Gegenstände, Schminktische hinten aufgereiht. Die SchauspielerInnen bei der Arbeit auf der Bühne, da sah man eben zu. So rauschte ein nicht gerade aktueller Themenabend an mir vorbei. Ein Stück aus einer anderen Zeit, das gerade deswegen, weil es politische Verhältnisse behandelt, momentan einfach nicht zeitgemäß ist. Politisch haben sich die Dinge sehr sehr verändert. Ich vermute: Unpolitische Themen sind derzeit im Theater möglich, politische Themen sind momentan fast nur mit Bezug auf die aktuellen Verhältnisse möglich. und das ist bei „Engel in Amerika“ nicht der Fall. Es mag Corona, es mag der Ukrainekrieg, es mögen all die weiteren gigantischen Probleme unserer Zeit (Klima, Inflation, Stromversorgung, Globalisierung etc) sein, die vielleicht bewirken, dass man derzeit mehr darauf achtet, was die Welt „bewegt“, was sie “zusammenhält“ – um Johann Wolfgang von Goethe zu zitieren. Das Bedürfnis nach Theater ändert sich vielleicht in all diesen Zusammenhängen.

HIER der link zur Stückeseite „Engel in Amerika“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Trailer des Stückes von der damaligen Aufführung der Inszenierung am Theater Basel. Es waren in Basel fast durchgängig dieselben Schauspieler, die nunmehr im Ensemble des Münchner Residenztheaters spielen.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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MUSIK: Bicep – MELI (II) und Glue

Bicep ist ein britisches DJ-Duo aus Belfast in Nordirland, bestehend aus den beiden Jugendfreunden und Produzenten Andrew Ferguson und Matthew McBriar. Hier zwei “Stücke“ von ihnen. MELI (II) und unten noch Glue.

Das aktuelle Album von Biceps heißt Isles und erschien vor eineinhalb Jahren, im Januar 2021.

HIER link zur Website von Bicep.

Hier also zunächst der Song MELI (II) in einer etwas verkürzten Liveversion:

Hier die volle Studioversion von MELI II.

Und jetzt noch “Glue“, leider auch nur knapp 5 Minuten lang:

Das Video erzählt etwas. Es geht in „Glue“ um jemanden, der/die offenbar 48 Jahre alt ist („I am 48“) und eine bestimmte Erinnerung („memories“) hat. Eine Erinnerung an eine wichtige Zeit („So glad to have something to look back“). Eine Zeit in Grenzenlosigkeit, Freiheit, Zügellosigkeit war es offenbar.

Der/die “jemand“ hat die Grenzenlosigkeit etc. in früheren Jahren offenbar kennen gelernt. Man sieht es in ganz kurz aufblitzenden Sequenzen im Video. Diese Erinnerung scheint ihn/sie zu tragen. Zu tragen in einer Welt, die für ihn/sie heute offenbar wieder enger, zugebauter ist, Grenzen hat. Er/sie trägt diese Erinnerung der Freiheit in sich und wegen dieser Erinnerung erträgt er wohl das „Beschränktere“ seiner heutigen Welt. Die Erinnerung verschafft ihm offenbar die Fähigkeit überhaupt, auch jetzt noch Unbegrenztes zu sehen. Nach dem Motto: Nur, was man erlebt hat, kann man auch sehen, erkennen.

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SONSTIGES: Queen Elizabeth II.

Gestern, 19.09., lief mein Fernseher von 09.00 Uhr früh bis 18.00 Uhr abends. Auch wenn ich zwischendurch immer wieder kleinere Dinge „erledigte“: Ich habe die gesamte Trauerzeremonie und Beerdigung von Queen Elizabeth II. verfolgt! Ich möchte ein wenig über einen Eindruck schreiben:

Es war ein Jahrhundertereignis. Wir werden NIE wieder so etwas erleben. Milliarden von Menschen weltweit haben es mitverfolgt. Queen Elizabeth II hatte dieses Ereignis jahrelang minutiös vorausgeplant. Eines dürfte klar sein: Sie hat ihre Beerdigung sicher nicht aus purer Eitelkeit heraus so geplant. Oder aus reiner Traditionspflege. Dann wäre jahrelange persönliche Planung so nicht nötig gewesen. Es war nicht einfach eine egomanische Beerdigungsshow nach ihrem Konzept. Es war kein reines gigantisches Adelsereignis alter Schule. Auf ihrem letzten Weg zeigte sich meiner Meinung nach vielmehr: Diese Trauerfeier musste für sie der konsequente Abschluss ihres eigenen unglaublichen Lebens gewesen sein, das hat sie wohl gespürt. Was für eine Bedeutung für die ganze Welt hatte sie persönlich offenbar ihrem gesamten Leben beigemessen! In der Tat: Es kamen Staatsmänner aus aller Welt, so viele, wie wahrscheinlich nie wieder zusammenkommen werden. Bedeutung? Ihr Leben lang hatte sie sich zurückgehalten, sie hatte zurückgezogen gelebt. Die Welt hatte sich teils dramatisch weiterentwickelt, sie blieb zurückgezogen, ruhig, stabil, hoffnungsvoll. Nie hatte sie ihre Meinungen geäußert. Sie reiste, aber sie reiste still. Sie hat sich gezeigt, das war es. Gezeigt in einer Welt, an der sie nicht teilnahm, nicht teilnehmen durfte und konnte. Sie hat genau darin eine – ihre – unfassbare Funktion, ihr Lebenswerk gesehen: Sie wollte mit ihrem gesamten Leben die Unveränderlichkeit, das Beständige in der Welt darstellen! Das ist etwas, was wir alle ständig suchen und brauchen! Bei ihr war es! Alles ist flüchtig, sie war die Beständigkeit, die Unveränderlichkeit! Sie hat es verkörpert, wie es wohl niemand mehr quasi lebenslang verkörpern wird. Da sie schon mit 21 Jahren ihr gesamtes Leben dem Commonwealth und der Krone gewidmet, ja geopfert hatte, hatte sie wohl genau darin – zurecht! – eine immense Bedeutung ihres Lebens gesehen und es gespürt.

Diese Bedeutung hat die Welt durch die gigantische Trauerfeier noch einmal erfahren. Nach dem Motto: „Ich zeige Euch noch einmal die Bedeutung meines Lebens, auch wenn Ihr es nicht immer so bemerkt habt.“ Dieses Zeichen lebenslanger Beständigkeit und Ruhe ist von uns gegangen! Sehr bewegend waren die letzten Minuten: Der aus der Kirche gehende Dudelsackspieler (der Dudelsackspieler, den sie jeden Morgen für eine Viertelstunde unter ihrem Fenster hören wollte!), dessen Musik immer leiser wurde. Er verschwand aus der Kirche. Gleichzeitig senkte sich der Sarg in die königliche Gruft. Genau hierin kam kurz der „einfache Mensch“ Queen Elizabeth II. zum Vorschein. Sie hat vielleicht wirklich für uns alle gelebt!

Hier diese letzten Minuten:

Das war mein Hauptgedanke: Die Beständigkeit von Queen Elizabeth II. und ihre Entscheidung, ihr eigenes Lebens für die Gemeinschaft hinzugeben, wurden gestern weltweit verabschiedet! So habe ich diese unfassbar perfekte Trauerzeremonie verstanden.

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THEATER: TheaterHeute

Ich bringe hier die Ergebnisse der jährlichen „Kritikerumfrage“ der Zeitschrift TheaterHeute, und zwar rückblickend noch einmal für die Spielzeit 2020/2021 (hatte ich damals nur kurz erwähnt) und aktuell für die Spielzeit 2021/2022.

2020/2021:

Inszenierung des Jahres: „Einfach das Ende der Welt“, die Inszenierung war wieder einmal von Christopher Rüping am Schauspielhaus Zürich. HIER der link zur Stückeseite

Schauspieler des Jahres: Benjamin Lillie vom Schauspielhaus Zürich, ebenfalls in „Einfach das Ende der Welt“, HIER der link zu seiner Seite beim Schauspielhaus Zürich.

Schauspielerin des Jahres: Maja Beckmann, ebenfalls vom Schauspielhaus Zürich in „Einfach das Ende der Welt“, HIER der link zu ihrer Seite beim Schauspielhaus Zürich.

Bühnen- und Kostümbild des Jahres: Judith Oswald und Sibylle Wallum, betreffend das Setzkasten-Bühnenbild von Anne Lenks Schiller-Deutung «Maria Stuart», HIER ein Trailer.

Stück des Jahres: Sibylle Bergs «Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden», HIER ein Trailer.

Nachwuchsautorin des Jahres: Ewe Benbenek für ihren “Tragödienbastard“, Schauspielhaus Wien. HIER ein Trailer.

Nachwuchsregisseurin des Jahres: Cosmea Spelleken für das nur digital besuchbare Social-Media-Drama «Leiden des jungen Werther» von Johann Wolfgang von Goethe, HIER der link zu ihrer Seite beim Staatstheater Nürnberg.

Nachwuchsschauspielerin des Jahres: Anne Rietmeijer für ihre Rolle im Bochumer «Peer Gynt», Schauspielhaus Bochum. HIER ein link zu ihrer Seite

Nachwuchsschauspieler des Jahres: nicht vergeben

Statt des „Theaters des Jahres“ gab es 2020/2021 die Wahl des/der “Überlebenskünstler:in des Jahres“: Ergebnis “Alle“!

2021/2022:

Theater des Jahres: Schauspielhaus Bochum unter der Leitung von Johan Simons. HIER der Link zum Schauspielhaus Bochum

Schauspielerin des Jahres: Lina Beckmann für ihre Hass- und Bosheitsverkörperung von Shakespeares Antiheld Richard III., inszeniert von Karin Henkel am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. HIER der link zu ihrer Seite beim Deutschen SchauspielHaus Hamburg

Schauspieler des Jahres: Samouil Stoyanov, sowohl für schweißtreibende Verse in «humanistää!» nach Ernst Jandl, als auch für seine Rollen und Tänze in «Karoline und Kasimir – Noli me tangere» des Nature Theater of Oklahoma, beide am Volkstheater Wien. HIER der Link zu seiner Seite beim Volkstheater Wien.

Inszenierung des Jahres: «humanistää!“ von Claudia Bauer am Volkstheater Wien. HIER der Link zur Stückeseite

Bühnenbild des Jahres: Patricia Talacko und Kostüme des Jahres Andreas Auerbach, beides in „humanistää!“

Stück des Jahres: Helge Haugs Text zu «Good night. All right.» – der auf der Bühne nicht gesprochen, sondern als Fließtext projiziert wird. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website von Rimini Protokoll.

Dramatikerin des Jahres: Sivan Ben Yishai für «Wounds are forever», das die Mannheimer Hausautorin im Untertitel «Selbstporträt als Nationaldichterin» nennt, und für das trockene Klagelied sexueller Übergriffkeiten «Like Lovers do», uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu ihrer Seite beim Nationaltheater Mannheim.

Nachwuchsdramatikerin des Jahres: Sarah Kilter für ihren autobiografisch inspirierten Text «White Passing» über die feinen Unterschiede, Klassismus und Rassismus betreffend. HIER der Link zu ihrer Seite beim Schauspiel Leipzig.

Nachwuchsschauspieler des Jahres: Johannes Hegemann mit seinen ausgetüftelten Hüftschwüngen in Toshiki Okadas «Doughnuts», HIER der Link zu seiner Seite beim Thalia Theater Hamburg.

Diese Ergebnisse wurden jeweils wieder veröffentlicht im Jahrbuch der Zeitschrift TheaterHeute. Ich komme in Kürze auf das Jahrbuch zurück. Es geht dort in vielen vielen Artikeln um die Gesellschaft, um Persönliches, um Entwicklungen und Utopien, auch um die derzeitige Situation des Theaters und und und. HIER der Link zur Seite des Jahrbuchs auf der Verlagsseite des Theaterverlags.