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THEATER: Albert Camus – Caligula

Aber nein. So schlicht politisch ist es nicht. Hier eine Vorbemerkung:

Es ist nämlich zweischneidig: Wollte Albert Camus mit „Caligula“ wirklich „politisch angetrieben“ über einen wahnsinnig werdenden und immer brutaler und willkürlicher handelnden Alleinherrscher schreiben oder wollte er nicht eher „philosophisch angetrieben“ das Thema der „Absurdität des Lebens“ angehen? Doch, wollte er! Albert Camus Stück „Caligula“ gehört ja zu Albert Camus früher Trilogie des Absurden – „Caligula“, „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphos“.

Die Frage „Was will Albert Camus mit ‚Caligula‘ zeigen?“ muss man also durchaus im Auge haben, wenn man sich mit dem Stück beschäftigt. Allzu schnell ist es nämlich passiert, dass man das Theater verlässt und meint, man habe ein rein „politisch angetriebenes“ Stück über einen wahnsinnig werden Alleinherrscher der Antike gesehen. Hat man, aber mit philosophischem Hintergrund: Es ging Albert Camus um die philosophische Frage „Wie kommt der Mensch angesichts der Absurdität des Lebens zu seinem Glück?“ Die Absurdität des Lebens, Camus wollte am Beispiel des wahnsinnigen römischen Herrschers Caligula wohl den Irrweg bei dieser Frage aufzeigen. Caligula sucht ja sein Glück! Er nutzt dazu seine totale Alleinherrschaft aus. Ja, da kann man doch wieder die heutige Zeit erkennen. Ein Donald Trump und ein Elon Musk haben sicher letztlich auch hoch egozentrische Motive bei ihrem Wahnsinn! Da geht Albert Camus aber philosophischer heran: Die Absurdität des Lebens besteht schließlich – so Albert Camus – darin, dass es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, der Mensch will und muss aber an einen Sinn glauben. Jeder Mensch will – philosophisch gesehen – auf seine Weise glücklich werden.

Sehr interessant zum Thema „Absurdität und Glück“ bei Albert Camus ist übrigens ein kleines Büchlein, das ich aus diesem Anlass gelesen habe: Thomas Berger, Albert Camus – Absurdität und Glück. Ein kleiner Essay, eine große Hilfe:

Die Sinnlosigkeit des Lebens nützt – so zeigt es also Albert Camus – der Alleinherrscher Caligula in diesem Zusammenhang besonders radikal aus, er machte, was er wollte, wollte seine absolute Freiheit spüren, sein Glück, das demnach stark darauf basiert, dass das Leben insgesamt, auch das Leben anderer nichts wert ist. Er ließ (nach dem Tod seiner geliebten Schwester Drusilla, dem letzten vieler persönlicher Schicksalsschläge) aufgrund seiner Machtstellung Freund und Feind ermorden, verbannte, verfolgte, quälte, wurde immer wahnsinniger, immer hemmungsloser.

Am Ende aber war auch er nicht glücklich, muss er feststellen, er wurde – wie man in der Inszenierung sieht – umgebracht! „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“. Also: Caligulas Versuch, die völlige Sinnlosigkeit des Lebens ungehemmt auszuleben, nur seinem Wunsch zu folgen, den Mond zu wollen, und völlig rücksichtslos immer wahnsinniger zu handeln, um Freiheit auf dem Weg zum Glück zu erfahren, machte ihn nicht glücklich! Das scheint eine Schlussfolgerung von Albert Camus zu sein: Nihilismus macht nicht glücklich! Vor allem nicht, wenn es radikal zulasten anderer geht! Albert Camus sagte zwar, man müsse die Welt „ablehnen“, um „frei“ werden zu können, aber nicht so, wie Caligula es machte. Auch da wieder ein Gedanke an Donald Trump und Co. Albert Camus war ein extremer Gemeinschaftsdenker – auch europaweit – mit vielen kommunistischen Überlegungen, ganz im Gegenteil zu Donald Trump und Co. Aber, siehe unten, schnell wird das gesamte Publikum mit guter Stimmung reingezogen, was fast beängstigend war vor diesem Hintergrund des Stückes.

Zur Inszenierung:

Zunächst: Die sehr große Bühne des Münchner Volkstheaters war angenehm durch große helle Holzwände auf etwa ein Drittel im vorderen Teil begrenzt. Zeitlos. Man sieht Anspielungen auf die antike Zeit und Anspielungen auf die moderne Zeit: Das Ensemble spielt in antiker Kleidung. Später kommen plötzlich moderne Songs, zum Beispiel „Angels“ von Robbie Williams, hinzu. Ausgelassene Stimmung, die SchauspielerInnen gehen teils durch die Ränge. Noch dazu wird das Publikum zum lauten Mitsingen animiert, was es auch tut! So wird wunderbar gezeigt, wie schnell man sich vereinnahmen lässt!

Das junge Ensemble spielt wirklich gut! Besonders Steffen Link spielt Caligula in seinem Wahn, in seiner Verrücktheit, auf seiner – falschen – Suche nach einem Ausweg aus der gegebenen Absurdität des Lebens großartig!

Im Programmheft heißt es: „Die Willkürherrschaft hat heutzutage wieder Hochkonjunktur. Wir erleben ein Comeback der Autokratie.“ Das ist der politische Ansatz. Sehr wertvoll! Bei Albert Camus kommt dann noch das Philosophische hinzu: Nihilismus ist nicht die Lösung!

Diese (leider nicht klar erkennbare) Kombination von Politischem und Philosophischem macht das Stück aktuell! Es lohnt sich!

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters – mit Trailern.

Copyright der Bilder: Arno Declair



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THEATER: BREAKING NEWS

Eine hervorragende Wahl!

Foto: epd / IMAGO / Hans Scherhaufer

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THEATER: Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei

Regie hat die Thüringerin Luise Voigt (HIER mehr über sie), die – meines Wissens – erstmals am Residenztheater inszeniert. Die Fortschreibung des Brecht‘schen Teils – eine Auftragsarbeit des Residenztheaters – stammt von Björn SC Deigener (mehr zu ihm auf der Stückeseite auf der Website des Residenztheaters, siehe am Ende des Textes).

Die Arbeit wird an der schönen kleinen Bühne des Residenztheaters, im Marstalltheater, gebracht. Die Bühne wird, vor allem im ersten Teil, sogar noch verkleinert, denn alles spielt sich in einem kleinen holzvertäfelten Raum mit Tisch und Stühlen (mehr fast nicht) allein auf der vorderen Hälfte der Bühne ab, siehe das Foto unten. Enge Atmosphäre, passend zum Thema.

Das Brecht’sche Thema: Frau Carrar ist überzeugte Pazifistin, sie will ihre beiden Söhne nicht in den Krieg gegen Franco ziehen lassen. Geht ihre Rechnung auf? Unterstützt sie damit nicht Franco? Muss man sich denn nicht verteidigen, wenn man angegriffen wird, auch wenn man noch so pazifistisch denkt? Stichwort Ukraine. Einer der beiden Söhne von Frau Carrar wird dann getötet und so wird alles anders (ich will nicht spoilern).

Die Inszenierung des ersten Teils des Abends, des Brecht’schen Teils, ist „Bertolt Brecht pur“. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Farbwahl (wirklich alles ist – fast emotionslos – in matt beigefarbenem Holz und in schwarz gehalten) lassen allesamt schon fast keinen anderen Schluss zu. Auch schauspielerisch ist es zurückhaltend – aber sehr gut! Nicht sofort einleuchtend ist es daher aber, warum die Inszenierung insoweit als „bemerkenswert“ bezeichnet wird. Bemerkenswert kann im Grunde nur die freie Kombination mit der „Fortschreibung“ des Brecht‘schen Teils genannt werden. Und bemerkenswert macht die Inszenierung die Tatsache, dass man Brechts Stück in der Tat (so auch die Theatertreffen – Jurorin) als „das Stück der Stunde“ bezeichnen muss.

Letzterer Aspekt („das Stück der Stunde“) überzeugt mich am ehesten. Die Fortschreibung des Brecht’schen Teils wiederum weniger, sie ist – mein Eindruck – im Ansatz und der Herangehensweise an eine Fortschreibung gut, driftet dann allerdings (etwa mit einem Monolog eines Maschinengewehrs) doch etwas flach ab.

Fazit: Zurecht kann man das kleine, nicht sehr oft gespielte Brecht’schen Drama „Die Gewehre der Frau Carrar“ momentan sehr gut passend auf die Bühne bringen. Denn was bleibt einem anderes übrig, als sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird – sehenden Auges, dass es viele Menschenleben kosten wird! Pazifismus wird dann sinnlos, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat! Schlimm genug!

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Daniel Kehlmann – Lichtspiel

Damit trifft er – der Roman – vielleicht ungewollt den Zahn der Zeit: Wir leben in einer Zeit, in der sich Fakten und Fiktionen leider immer mehr vermischen! So sind wir immer wieder Betrugsversuchen ausgesetzt: „Papa, ich habe eine neue Telefonnummer, ruf mich mal an!“ oder „Ihr Sohn braucht eine Kaution, er sitzt in Untersuchungshaft!“, fast jeder wird es so oder ähnlich schon erlebt haben. Auch bei Meldungen im Netz werden uns immer wieder falsche Dinge vorgesetzt! KI wird künftig dafür sorgen, dass wir sogar bei Stimmen nicht mehr klar unterscheiden können zwischen „echt“ und „unecht“, usw. Selbst die Demokratie ist damit gefährdet. Können wir Wahlergebnissen trauen?

In dieser Hinsicht – die Vermischung – ist auch der Roman „Lichtspiel“ von Daniel Kehlmann zu sehen. Es geht im Roman um das Leben des Regisseurs G. W. Pabst, eines der tatsächlich erfolgreichsten Regisseure in der Nazizeit. Man liest und denkt sich: Ich erfahre hier seinen Lebensweg! Sein Lebensweg ist ja aus heutiger Sicht politisch sehr interessant – siehe unten! Man erkennt im Roman aber nicht immer genau, was Fiktion ist! Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ ist, auch wenn er sich in Vielem an den Lebensgeschichten des historischen G. W. Pabst und seiner Familie orientiert, teils ein Werk der Fiktion, so gab es etwa keinen Sohn mit Namen Jakob.

Dieser Gefahr entkommt auch die Inszenierung des Romans am Münchner Volkstheater (Regie Christian Stückl) trotz eines deutlichen Hinweises an der Garderobe nicht. Im Gegenteil: Die Inszenierung zeigt sich erst recht fast „dokumentarisch“: Im Hintergrund werden immer wieder Originalbilder der damaligen Zeit gezeigt. Auch das Bühnenbild mit der nüchternen, kühlen weißen Neonbeleuchtung durch eine riesige Lampe über dem Geschehen hat Dokumentationscharakter. Auch die Tatsache, dass während des Stückes fast durchgehend zwei Personen dabei stehen und zuhören und dem Geschehen – wie die Dokumentaristen – zusehen, hat etwas Dokumentarisches.

Zum Inhalt: Es geht also in der Tat um G. W. Pabst, einen der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Er floh vor den Gräueln des neuen Deutschlands nach Hollywood, hatte dort aber keinen Erfolg. Aber sein Erfolg war ihm das Wichtigste! Es trieb ihn freiwillig zurück in die Hände der Nazis, der Propagandaminister wollte das Filmgenie haben und versprach ihm viel Freiheit für sein Schaffen. So konnte er seine Filme machen! Das wollte er! Das Naziregime nahm er nicht ernst, er hielt alles für recht harmlos! Aber während G. W. Pabst noch glaubte, dass er sich weiter nur der „Diktatur der Kunst“ fügen werde, war er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.

Ein hochaktuelles Thema! Denn die AfD hat wahrscheinlich massenweise Unterstützer, die die Partei mit ihren rechtsextremen Mitgliedern aus Bequemlichkeit wählen oder nur ihre eigene private Situation vor Augen haben, den Rechtsruck nicht ernst nehmen. „Raus aus Europa“, „Ausländer raus“, „Windräder abbauen“ usw.! Die AfD kann alles sagen – und wenn es noch so undurchdacht ist! Nur völlig unüberlegt kann man das dann selber für gut heißen!

Man kann sich die Inszenierung am Münchner Volkstheater durchaus so ansehen, dass man rein abstrakt die Entwicklung einer Person verfolgt, die hauptsächlich den eigenen Werdegang, den eigenen Vorteil, den eigenen Erfolg im Auge hatte, nicht aber den damaligen immensen Rechtsruck und die Nazigräuel. „Wehret den Anfängen!“ galt für diesen Mann nicht, er beugte sich seinem Erflgsstreben, und das ist auch heute die Gefahr! Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu einer auf breiter Basis vernünftigen Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit? Die Medien kommen diesem Ziel nicht nahe, finde ich!

Schauspielerisch ist es übrigens ein guter Abend! Das junge Ensemble überzeugt, zieht die Zuschauer hinein in die Geschichte.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Lichtspiel“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Copyright der Fotos: Arno Declair

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THEATER: Henrik Ibsen – Baumeister Solness

Das mag ein Grund dafür sein, warum seine Stücke immer wieder gerne auf Theaterbühne zu sehen sind.

Ein Einschub vorab: Herrlich als Vergleich (wie sich die Zeiten ändern!) ist eine auf YouTube komplett zu sehende TV-Fassung einer Inszenierung des „Baumeister Solness“ aus dem Jahre 1984 mit Hans-Michael Rehberg und Barbara Sykowa, einer Inszenierung von Peter Zadek (am Residenztheater). HIER.

„Die Wildente“ und „Baumeister Solness“, beides Stücke von Henrik Ibsen, sind derzeit in München zu sehen. Hier nun (nach der „Wildente“ vom Residenztheater, HIER mein vor kurzem erschienener Bericht dazu) meine Eindrücke zu „Baumeister Solness“, das derzeit an den Münchner Kammerspielen gebracht wird.

Bei beiden genannten Stücken spielen zunächst einmal erfolgreiche Unternehmer und ihre Vergangenheit eine entscheidende Rolle:

  • Bei der „Wildente“ entwickelt sich das Geschehen daran, dass der erfolgreiche Unternehmer Werle eine uneheliche Tochter hat, Hedwig, die mit Werles Hilfe in einfachen Verhältnissen aufwächst, und alles wird den Beteiligten erst spät bekannt. Er trug jahrelang dieses Geheimnis mit sich.
  • Auch den erfolgreichen „Baumeister Solness“ holt seine Vergangenheit ein, sogar doppelt: Erstens: Er hatte – zehn Jahre ist es her – ein kleines junges Mädchen, Hilde, geküsst und ihr ein Königreich in zehn Jahren versprochen. Jetzt kommt sie. Zweitens: Er hat seinen großen Erfolg als Architekt in gewisser Weise nur auf Kosten seiner beiden durch ein Feuer verstorbenen Kinder erreicht. Er trägt seitdem ein Schuldgefühl mit sich.

Zur Handlung des „Baumeister Solness“ kurz: Hilde sucht den Baumeister auf. Damals, vor zehn Jahren, hatte sie ihn bewundert, als dieser auf die Kirchturmspitze geklettert war. Der Kirchturm war sein neuestes Bauwerk. Jetzt kommt seine Vergangenheit hoch. Sein Versprechen an Hilde einerseits. Und er hatte andererseits zwei Kinder, beide sind im Säuglingsalter infolge eines Feuers gestorben und er hat genau diesem Feuer seinen ganzen immensen Erfolg als Baumeister zu verdanken. Seine Frau Alina leidet heute noch unter dem Tod der Kinder. Und so weiter.

Wieder stellte sich mir die Frage: Was wollte Henrik Ibsen mit diesem Stück sagen? Es sind so viele Aspekte. Es kommt ja hinzu, dass „Gerhild Steinbuch und Ensemble“ den Ursprungstext des „Baumeister Solness“ drehen, ausweiten: Nicht der Baumeister Solness (Thomas Schmauser) steht im Mittelpunkt, sondern Hilde (Annika Neugart) und Alina (Katharina Bach) sind es, sie stehen hier viel eher im Mittelpunkt. Baumeister Solness irrt eigentlich nur hilflos umher. Hilde und Alina erhalten dementsprechend gegen Ende der Inszenierung sogar noch recht extreme Monologe (Texte von Gerhild Steinbuch und Ensemble). Schwer verständliche Monologe. Und selbst der junge Mitarbeiter von Baumeister Solness, Knut Bravik (Elias Krischke) und sein Vater (Edmund Telgenkämper) bekommen hier etwas mehr Bedeutung.

Das macht es nicht leicht, allem zu folgen. Der fast verwirrte Baumeister Solness sieht sich in seiner Schuld, seinem Zweifel, seiner Angst vor der Jugend, die ja auch Erfolg haben will, und er sieht um sich herum alle Personen mit ihren Problemen. Seine fast wahnsinnige Frau Alina … seinen Mitarbeiter Bravik, der irgendwie seinem Vater gefallen will … dessen Vater, der im Sterben liegt und eben noch den Erfolg des Sohnes erleben will … Hilde vor allem, die sein damaliges Versprechen eines Königsreiches 10 Jahre lang nicht vergessen konnte …

Das Ganze wird zwar getragen vom wunderbaren Ensemble. Alles in allem war es mir aber zu viel. So vielfältig erschien mir Einiges dann nicht mehr ganz stimmig. Auch das vom Original abweichende Ende übrigens, das sich nicht unbedingt entwickelte.

Überzeugen konnte mich die etwas ruhigere Präsenz von Annika Neugart und Edmund Telgenkämper, schwieriger waren dagegen die immer wieder fast Richtung Wahnsinn tendierenden Baumeister Solness und seine Frau Alina in Person von Thomas Schmauser und Katharina Bach. Hinzu kam ja noch ein recht konfuses Bühnenbild auf der Drehbühne, die Kamera teilweise auf der Bühne und – für mich auch nicht ganz verständlich – Solnessens Buchhalterin Kaja in Männerrolle gespielt (Konstantin Schumann). Alles etwas viel.

Tja, was wollte Henrik Ibsen also mit diesem Stück sagen? Diese Frage war für mich durch diese Inszenierung noch schwieriger zu beantworten. Das Leben, jeder hat sein Schicksal … Ich hörte aber durchaus begeisterte Stimmen zu dieser Inszenierung! Da erkannte man an diesem Abend vielleicht eher ein Theaterfest. Und: Nicht alles beantworten zu können, das macht ja Theater aus!

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Gabriela Neeb

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Sonstiges

KUNST: Jonathan Meese – Die Diktatur der Kunst

HIER DER LINK:

Ihn „skurril“ zu nennen, ist eine fiese Beschreibung, klingt sie ja geradezu nach „verrückt“. Er mag fern der Realität sein, wie Pippi Langstrumpf. Ja, er ist ein Phantast, aber ein wunderbarer Phantast! Er ist extrem klar und ehrlich, hundertmal direkter und offener gegenüber dem puren Leben, als jeder, der meint, offen zu sein.

Der Podcast zeigt sein im Grunde tief richtiges Denken – auch wenn es so unrealistisch, so phantastisch ist! Er lebt ganz reel, lebt ein – scheint mir – ganz normales, einfaches Leben, aber er lebt mit einer irre freien, einer vollkommen ideologiefreien Einstellung, er ist Kind geblieben, sagt er von sich selber. Er verkauft nichts, auch nicht sich selbst, vor allem verkauft er keine Ideologie.

Mit viel schwächeren Worten, als den erfrischend schnellen, erfrischend frechen und erfrischend positiv idealistischen Worten von Jonathan Meese, könnte ich nur sagen: Den Podcast hören, dann weiß man, worum es geht: Es geht immer nur um einen selbst, da hat man genug aufzuräumen! Es geht nicht darum, sich von irgendetwas oder irgendjemandem abhängig zu machen, nicht darum, andere von einem abhängig zu machen oder Angst zu erzeugen, es geht nicht darum, andere überzeugen zu wollen. Zu Trump und Höcke würde er sagen: „Mensch Junge, geh doch einfach mal spazieren!“ Politik, Religion, Parteien, Institutionen, Abschottung, Macht, Ideologien … in all dem geht es immer darum, Angst zu erzeugen! Nur der Kunst geht es nicht darum, Angst zu erzeugen. Nur die Kunst ist echt! Nur die Kunst denkt nicht an Ideologien! (Kulturpolitik und Kultur als zeitgebundenes Konstrukt dagegen ist wieder Ideologie.) Deshalb sind auch Tiere Kunst! Deshalb ist auch die Natur Kunst! Ein Berg, denkt nicht an Ideologien! Also ist er Kunst! Meese sieht das „Gesamtkunstwerk“ jedes Einzelnen … schwer genug, es hin zu bekommen, er sieht das Gesamtkunstwerk „Deutschland“, das Gesamtkunstwerk „Welt“, das ist seine Vision! Die Diktatur der Kunst!

Wir müssen uns nur trauen, der Kunst zu folgen, nicht den Ideologien, die hinter jeder Ecke lauern. Und Ideologien sind Vergangenheit, Kunst ist Zukunft … Kunst ist Überraschung, etwas bisher Ungesehenes, ist nicht der Blick in den Spiegel, denn das ist der Blick in die Vergangenheit.

Oder: „Es ist momentan alles nur noch eine Party auf dem Vulkan. Kunst ist (aber) keine Unterhaltung, sondern eine Angriffswaffe. Eine Angriffswaffe, um uns freizuschaufeln, um eine Zukunft zu haben …“. Tolle Sätze.

Sehr entscheidend für diesen so erfrischenden Wortschwall von Jonathan Meese ist Matze Hielscher als Interviewer in seinem Podcast Hotel Matze. Seine Fragen gehen immer wieder in die Überzeugungen von Jonathan Meese hinein. Sehr gut.

Mir schrieb mein Sohn, der mir den Podcast nahebrachte: „… er bricht auf erfrischende Art und Weise unser Verständnis von der Welt und den Dingen auf und setzt sie irgendwie auf abstrakte Art und Weise neu zusammen. Und das ist ein schöner Reality Check. Eine Einladung sich und alles mal nicht so ernst zu nehmen.

Der Podcast ist auch auf YouTube zu hören. HIER der Link. Und HIER der Link zur Website von Jonathan Meese.

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THEATER: Lot Vekemans – BLIND

Es ist die Inszenierung eines der neuesten Texte der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans, Regie hat Matthias Rippert.

Lot Vekemans ist ja für ihre Texte bekannt. Ein paar Zusammenhänge vorab:

  • Zu sehen war in München vor Jahren die Inszenierung des Textes „Judas“ von Lot Vekemans mit Steven Scharf (auf der Leiter).
  • Am Münchner Metropoltheater war außerdem vor wenigen Jahren eine Inszenierung des Textes „Schwester von“ von Lot Vekemans zu sehen, es ging um die Schwester von Antigone, Ismene. Ein Monolog ans Publikum.
  • Juliane Köhler spielte am Residenztheater schon Lot Vekemans Text „Niemand wartet auf Dich“, auch das eine direkten Ansprache des Publikums, auch das eine deutschsprachige Erstaufführung.
  • Und: Juliane Köhler ist übrigens in Göttingen geboren. Ich auch.

Das Thema nun von BLIND: Ein Stück zweier Personen. Ein „alter“ allein und abgeschottet lebender Vater (Richard) und seine Tochter (Helen). Die Tochter hat ihren Vater jahrelang nicht besucht, nun kommt sie sporadisch, der Vater hat seine Haushälterin grundlos entlassen. Wenn man dem wahrlich schroffen – zu schroffen – Verhalten der Tochter gegenüber ihrem Vater folgt, kann man nur sagen: Dieses Verhältnis ist zerrüttet. Das Verhältnis zweier Generationen ist vielleicht gemeint und das ja zurecht. Helen nennt ja manchmal – zumindest kurz – die Themen heutiger Zeit. Der Vater erscheint zwar fast liebevoll gegenüber seiner Tochter, sie aber akzeptiert einfach nicht all die altersbedingten „Schrulligkeiten“ des Vaters, sie reibt sich an ihnen, wohl schon immer. Für sie sind es sogar mehr als „Schrulligkeiten“, sie macht ihrem Vater Vorwürfe, die auf sein Leben zurückgehen.

Seine Rechthaberei, seine Einstellung zu Helens dunkelhäutigem Ehemann, seine Weltfremdheit, sein Selbstmitleid, seine – so sieht es Helen – lebenslange Interesselosigkeit gegenüber der eigenen Tochter, seine ihr entgegensetzten Ansichten zu den aktuellen Themen über Gleichberechtigung, Naturschutz, soziales Denken, sein fehlendes Engagement für solche Themen und und und.

Wie gesagt: Juliane Köhler spielt Helen äußerst schroff. Sie zeigt damit keinerlei Nachdenklichkeit. Ich weiß nicht, ob sich ein so „grauenhaftes“ tief verwurzelt verbittertes Verhältnis zwischen Vater und Tochter noch je ändern könnte. Die Tochter Helen äußert Kritik und Unverständnis, ja eben fast Abneigung gegenüber dem Vater, sie besucht ihn immer ungern. Kritik ist zwar oft der Schlüssel zur Verbesserung, auch und gerade die Kritik der neuen Generation an der alten Generation. Ein guter Gedanke. Aber:

Achtung: Ab hier wird gespoilert!

Man muss sich hier im Grunde wundern, dass das Verhältnis der beiden im Verlauf des Stückes tatsächlich doch noch „die Kurve kriegt“. Es beginnt mit der Bemerkung des Vaters: „Ich wünschte, wir könnten neu anfangen.

Dann wird es fast etwas zu leicht: Wir müssen immer nach vorne blicken … heißt es als gute Lösung. Auch das verständlich, aber es bleibt damit vielleicht ein etwas zu versöhnliches, hilfloses, fast kitschig pauschales Ende. So wird der Zuschauer doch zu leicht aus dem Theater entlassen. Nun gut, man kann nicht alles auf die Bühne bringen.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Robert Icke- Die Ärztin

Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.

Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.

Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.

Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.

Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?

Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.

Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Henrik Ibsen – Die Wildente

Die Wildente am Residenztheater ist die erste Inszenierung des norwegischen Regisseurs Johannes Holmen Dahl auf deutscher Bühne. Es ist eine sehr konsequente, reduzierte Inszenierung, die mir in dieser Art gut gefallen hat! Auch das kann Theater! Man erlebt keine „Show“, kein Bühnenbild, man erlebt schlicht das Stück, das ja komplexer ist als man meinen könnte. Die durchaus große, hohe Bühne des Cuvillestheaters – es ist trotzdem die etwas kleineren Bühne des Residenztheaters – ist vollkommen leer und dunkel gehalten. Ein Schlagzeug kommt seitlich am Bühnenrand manchmal zum Einsatz. Die insgesamt acht Schauspielerlnnen kommen und gehen und reden miteinander, nicht selten reden sie nebeneinander stehend am vorderen Bühnenrand mit Blick in das Publikum. So folgt man für zwei Stunden der zuerst so harmlos daher kommenden Geschichte von „Die Wildente“, die sich mehr und mehr zuspitzt. Nicht einmal ein Brief oder eine Speisekarte, die eine Rolle spielen, sind als Requisiten sichtbar, man muss es sich vorstellen.

Die Inszenierung hat mich an frühere wunderbare Inszenierungen von Jürgen Gosch erinnert. Fast mit den einzigen Unterschieden: Bei Jürgen Gosch (etwa bei seinen Erfolgsinszenierungen von Tschechows „Die Möwe“ oder „Onkel Wanja“) blieben alle SchauspielerInnen immer am Rand auf der Bühne stehen und schauten zu, außerdem war der Bühnenraum bei ihm meist klein gehalten. Jürgen Gosch war damit sogar noch konsequenter als Johannes Holmen Dahls. Denn bei „Die Wildente“ hier am Cuvillestheater kommt zumindest im Verlauf des Stückes die Natur mit „Naturgewalten“ zum Einsatz, vor allem gegenüber der Tochter Hedwig (zum Inhalt unten), um die Gefühlslagen zu verdeutlichen. Auch das gelungen und passend. Eine große dichte Nebelwolke von oben, starker Wind (Sturm fast), grelles Licht, Regen, Donnern des Schlagzeugs und am Anfang und Ende der Blick ins reale Nachtlicht des Residenzhofes hinter dem Theater aus einem großen Fenster an der Rückwand der Bühne. Der Blick in die Freiheit?

Inhaltlich ist die Wildente ja garnicht so leicht zu verstehen: Worauf wollte Henrik Ibsen hinaus? Wofür steht die Wildente? Vordergründig ist es klar: Der Unternehmer Werle mit Schuldgefühlen einerseits und die Familie Ekdal mit Tochter Hedwig und ihre Wildente andererseits. Die Familie Ekdal wurde jahrelang vom Unternehmer finanziert und unterstützt (ohne Wissen des Vaters der Familie Ekdal und der Tochter) – man ahnt und merkt später, warum er es machte. Der Sohn des Unternehmers Werle macht sich dazu auf, das aus seiner Sicht falsche, unehrliche Leben der recht armen Familie Ekdal in die für ihn richtigen Bahnen zu bekommen, die Dinge aufzudecken. Nur so könne man doch gut leben! Lebenslügen und Wahrheit – vielleicht ist es das große Thema des Stückes. Man findet verschiedene Ansätze, wenn man danach darüber nachdenkt. So kommt auch die Frage auf: Welche Figur steht eigentlich wirklich im Mittelpunkt? Ist es die Tochter Hedwig? Ist es ihr „Vater“ Hjalmar? Die Mutter? Fast jede Person hat einen eigenen Beitrag zur Geschichte in diesem Stück.

Schauspielerisch ist es bei dieser Kargheit der Inszenierung auch gelungen! Es ist ja schwer, hauptsächlich den kleinen Gesten des Sprechens vollen Ausdruck zu verleihen. Hervorzuheben sind für mich Simon Zagermann (als Hjalmar Ekdal) – er überzeugt, steht am ehesten im Mittelpunkt! Dann Oliver Nägele – er spielt den alten Ekdal und gibt dem Stück dabei eine fast ehrenhafte Note. Auch Anna Drexler, wieder zurück aus Bochum, hat mit ihrer etwas zurückhaltenden, aber dann doch (selten aber) auch explodierenden Art immer wieder eine schöne Bühnenpräsenz! Max Mayer spielte seine Rolle als der Arzt Relling dagegen verrückter aus, als ich es bei der Lektüre vor Augen hatte. Wichtig sind auch Naffie Janha alsTochter Hedwig und Florian Jahr als Sohn des Unternehmers Werle, sie stoßen das Stück aber fast nur an (Gregers Werle) bzw. sind Leidtragende (Hedwig).

Wer eine schöne unaufgeregte Konzentration auf „Die Wildente“ in aller Klarheit der Bühne sehen möchte, sieht es hier. Und in der Tat lässt sich gut überlegen, für was die Wildente wohl stehen kann …

Hier noch zwei Bilder:

HIER der Link zur Stückeseite „Die Wildente“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: William Shakespeare – Ein Sommernachtstraum

Es ist eine von Stefan Kimmig in die Gegenwart verlegte Inszenierung des Klassikers. Es geht ja um die vielen Wirren der Liebe, ein zeitloses Thema. Der Regisseur Stephan Kimmig wurde – vor allem mit Inszenierungen anderer Klassiker der Theaterwelt – schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch am Residenztheater hat er mehrfach inszeniert, zuletzt die Stücke „Spiel des Lebens“ und „Die Träume der Abwesenden“ (HIER meine Besprechung). Die nächste Aufführung von „Ein Sommernachtstraum“ ist nun am Freitag, dem 18. Oktober. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Was hat sich William Shakespeare bei diesem Stück gedacht? Vielleicht hat er sich gedacht: Die Liebe! Ich schreibe ein Stück darüber, wie die letztlich immer unkontrollierbare Liebe alle verwirrt, wie sie uns alle immer wieder verrückt macht. Ich schildere dazu, dachte er sich dann vielleicht, zunächst die reale Welt mit einer bevorstehenden Hochzeit (Theseus und Hippolyta). Und in der realen Welt gibt es dazu noch die von einem Vater für die Tochter vorgesehene Hochzeit (seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten) und demgegenüber aber die Liebe der Tochter zu einem anderen (Hermia liebt Lysander), dazu auch noch die unerwiderte Liebe von Helena (Freundin von Hermia) zu Demetrius. ACHTUNG: Bei Kimmig ist Demetrius eine Demetria und HELena ein HELmut). Dann gibt es natürlich noch Eifersucht. Soweit das wahre Leben eben. Und dann mag er sich gedacht haben: Ich zeige auf dieser Basis, dass durch unserer Gefühlswelt (durch Liebeswahn) eigentlich ein noch größeres Chaos entsteht, ich zeige es aber in einem Wald mit Elfen, in den alle Beteiligten gehen (weil Hermia mit Lysander dorthin fliehen) und in dem sie alle in Träume fallen. Ich zeige, wie die Liebe alle eigentlich noch mehr verwirrt, ins Chaos stürzt, wenn sie nach einem Schlaf aufwachen und sich – veranlasst durch den Elfen „Puck“ und seine Zaubertropfen (Drogen?) – neue wilde Lieben einbilden. Und zu guter Letzt – nachdem fast alles wieder eingerenkt ist – wird es wieder lustig, in der realen Welt, wenn eine Laientruppe von Schauspielern auf der Hochzeit das berühmte antike Stück „Pyramus und Thisbe“ aufführt, in dem ja auch gezeigt wird, wie die Liebe – sogar tödlich – verwirrt.

Das ist fast schon eine Inhaltsangabe von „Ein Sommernachtstraum“, grob jedenfalls, es kommt natürlich noch Einiges hinzu. Etwa der Streit der im Wald herrschenden Elfen Oberon und Titania. Stefan Kimmig versucht nun, dieses Stück in die Moderne zu transferieren. Es geht auch sehr modern los: Die Hochzeit von Theseus und Hippolyta ist … die Fusion zweier Autohäuser! Der Wald ist verlegt in … so etwas wie eine leerstehende Immobilie vielleicht eines Kaufhauses, alles zusammen ist auf einer Drehbühne immer wieder wechselnd zu sehen, Realität und Wahnsinn. Auch die junge Besetzung der Rollen weist auf die coole Szene der Inszenierung hin.

Das ist der Rahmen. So ganz klar erkennbar modern bleibt es allerdings nicht. Das Bühnenbild hilft nicht wirklich dabei, klar in die Moderne zu blicken. Das Bühnenbild wirkt im Laufe der Zeit mehr und mehr abstrakt, das Gewirr von hohen Wänden einer brachliegenden Immobilie bleibt eine eher zeitlose Welt. Schade fast. Da helfen auch die coole Kleidung der Beteiligten und die modern und jung gehaltene Sprache wenig („Powernap“ statt Schlaf etwa).

Großartig ist dabei wieder einmal die laienhafte Darstellung des „Schauspiels im Schauspiel“ am Ende des dreistündigen Abends, die lustige Darstellung der Laientruppe. Großartig dabei und auch davor schon vor allem Florian von Manteuffel in all seinen irren Darstellungsformen, etwas besonders schien mir durchaus auch – wenn auch in kleinerer Rolle – Patrick Isermeyer, ein neues junges Ensemblemitglied, aber alle zusammen spielen es wunderbar und sicher mit viel Spaß!

Die alte Frage zu diesem Stück bleibt: Ist es Tragödie oder Komödie? In diesem Fall war es deutlich wieder eher eine Komödie. Schade, dass – mein Eindruck – nicht durchgehend klar die moderne Welt zu erkennen war, gedacht war es so. Interessant ist dazu etwa im Programmheft der kleine Artikel „Im Taumel der Nacht“ über das moderne nächtliche Geschehen in Clubs: Der Autor spricht von dortigem (gewollten);Kontrollverlust, Überladung von Sinnesreizungen, dadurch aber auch einer gewissen Selbstpositionierung etc. …. Aber auch das Wort „Drogen“ kommt öfters im Programmheft vor.

Im Stück heißt es an einer Stelle:

Es blüht die Phantasie, und sie erkennen mehr als der kühlere Verstand begreift. Die Irren und Verliebten bestehen ganz und gar aus Einbildung. Die sehen mehr Teufel und Engel als die Hölle und der Himmel fasst; Es ist verrückt…wie die Phantasie dem Form verleiht“.

Das fasst es ganz gut zusammen. Man verlässt das Theater eben mit dem verwirrenden und zeitlos geltenden Unwohlsein, was Liebeswahn alles anrichten kann. Den Kampf der Liebe führen wir ja immer!

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


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MUSIK: A Thousand Kisses Deep

Das Münchner Metropoltheater hat zur Zeit einen Abend mit dem Untertitel „Eine Verneigung vor Leonard Cohen“ im Programm! Haupttitel: „A Thousand Kisses Deep“. Die Würdigungen kommen vielleicht auch deswegen, weil Leonard Cohen mit seinem Leben einen einzigartigen Welterfolg schaffte: Er hat nicht irgendwelche Songs gesungen und zu Welthits gemacht, er hat fast immer über sein eigenes Leben gesungen. Seine Lieder SIND Leonard Cohen. Er blieb bodenständig, versuchte viel in seinem Leben, blieb auf Augenhöhe mit jedem, suchte das Leben. Das ist eine Verneigung wert. Als Schriftsteller – sein ursprünglicher Weg – war er nicht sehr erfolgreich, als Musiker entgegen seiner Absicht sehr.

Die Verneigung vor ihm im Metropoltheater ist ein empfehlenswerter, sehr schöner Abend! Entspannt, stimmungsvoll und überzeugend. Weitere bekannte Termine dieses Abends sind der 16, 17. und 24. Oktober, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Kathrin von Steinburg und Jakob Tögel erzählen und singen (fast 20 seiner Songs). Sie schaffen, vor allem durch die tiefe Bassstimme von Jakob Tögel, fast einen Liveabend mit Leonard Cohen, das zum Großteil etwas ältere Publikum konnte sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen. Im kleineren Rahmen des Metropoltheaters in München/Freimann gehen die beiden Ensemblemitglieder durch Leonard Cohens Geschichte und seine Welterfolge! Es lohnt sich, ist nicht überdrallert, ist keine „Show“, ist sympathisch und endet mit Zugaben und zurecht mit viel Applaus.

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MUSIK + FILM + THEATER: Leonard Cohen

Wieder einmal ein besonderer Mensch. Ich möchte auf Einiges dazu hinweisen:

  • Derzeit ist in der ARD-Mediathek die sehenswerte Serie „So long, Marianne“ zu sehen. HIER der Link. Sehenswert, weil fast tragisch dargestellt wird, wie Leonhard Cohen durch seinen irren Drang, erfolgreich zu werden, von seiner großen Liebe Marianne Ihlen weggespült wurde. Er verließ den Traum des großen Glücks, den er mit Marianne auf Hydra lebte, und ging nach Montreal und New York. Machte ihn der Erfolg glücklich?
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek Leonard Cohen „Live in London“ zu sehen. HIER der Link.
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek die Dokumentation „Halleluja – Leonard Cohen, ein Leben, ein Lied“ zu sehen. Ein Film über Leonard Cohen und seine Hymne „Hallelujah“. Auch HIER der Link dazu.
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek in der Reihe Stadt-Land-Kunst der Beitrag „Leonard Cohens Hydra“ zu sehen. HIER der Link dazu. Leonard lebte hier sieben Jahre lang, als er sich fast nur schriftstellerisch bemühte.
  • In Kürze (im November) zeigt das Metropoltheater in München/Freimann noch einmal mehrfach den Abend „A Thousand Kisses Deep, eine Verneigung vor Leonard Cohen“, ich bin dabei. HIER auch dazu der Link.
  • Zur sehenswerten Serie „So long, Marianne“ in der ARD-Mediathek (siehe oben) kommen hier noch verschiedene Versionen des Songs „So long, Marianne“:

Eine relativ frühe Version des Songs – 1979 war Leonard Cohen 45 Jahre alt:

Eine ältere Version des Songs. Wie muss sich da ein Mann wie Leonard Cohen fühlen, wenn er im hohen Alter diesen Song über seine vielleicht größte Liebe des Lebens singt?

Und hier eine etwas besondere Version, gesungen 1993 in Oslo, Marianne war ja Norwegerin:

Als Leonard Cohen im Sommer 2016 von der unheilbaren Erkrankung seiner einstigen Muse erfuhr, schrieb er einen Abschiedsbrief, der ihr nur wenige Tage vor ihrem Tod vorgelesen wurde und der den eigenen körperlichen Verfall und kommenden Tod thematisiert. Der britische Filmemacher Nick Broomfield ging der Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und Marianne Ihlen 2019 in dem Dokumentarfilm Marianne & Leonard: Words of Love nach.

Ich sage: Das dritte Video ansehen! Hier dazu noch ein Foto von Leonard Cohen und Marianne Ihlen:

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LITERATUR: Benedict Wells – Die Geschichten in uns

Jetzt begegnet mir diese eine Songzeile in einem anderen Zusammenhang: Literatur – Benedict Wells zitiert die Songzeile. Benedict Wells schreibt in seinem neuen wunderbaren Buch „Die Geschichten in uns“ darüber, wie man ein Buch schreibt. Er schreibt neben allem anderen über den allerersten Funken (spark), den es braucht, um überhaupt über ein Buchthema nachzudenken und ein Buch dazu Stück für Stück zu entwickeln. Mir hat das Buch die Augen geöffnet!

Der Anfang eines Schreibprozesses, der erste Schritt eines langen Prozesses, den Benedict Wells insgesamt wunderbar in allen Facetten darstellt! Sein Buch ist dabei nicht nur hochinteressant für diejenigen, die selber ein Buch schreiben möchten. Es ist genauso interessant, wenn man ein Buch liest. Benedict Wells gibt viele persönliche Einblicke in die Art, wie etwas beschrieben/geschrieben werden kann, werden muss, es ist in beiden Fällen (Schreiben und Lesen) absolut hilfreich! Apropos „beschreiben“: Wells zeigt vor allem, dass es für ein gutes Buch nicht ausreicht, eine interessante Geschichte einfach zu „erzählen“, nein, sie sollte vom Leser geradezu miterlebt (gesehen, mitgefühlt) werden! Don’t tell, but show ist einer der wesentlichen Hinweise. Und er zeigt, wie sorgfältig man vor allem die Charaktere des Buches behandeln und zeigen, herausarbeiten etc. muss!

Das Buch von Benedict Wells hat in der Reihe der existierenden Bücher über das Schreiben dabei sicher eine etwas besondere Qualität. Es zeigt nicht etwa nur wie in einer Art Handbuch nüchtern die verschiedenen Techniken des Schreibens, nein, Benedict Wells ist sich bei allem nicht zu schade, immer wieder seine eigenen Fehler und seine jahrelangen Lernprozesse zu zeigen. Damit führt er uns durch das Buch. Es macht das Buch auch nicht nur sehr sympathisch, sondern weckt vor allem enorm viel Verständnis und Gefühl für den Einsatz der von ihm gelernten möglichen oder nötigen Werkzeuge. Und solcher Werkzeuge gibt es verdammt viele! Am Ende des Buches veröffentlicht er sogar in einer „Werkstatt“ Erstfassungen und korrigierte Endfassungen mit Änderungsmodus aus seinen Texten. Man lernt auch: Es geht (ihm) immer darum, den Charakteren nahe zu sein, es braucht unfassbar viel Empathie für die (doch meist erfundenen) Charaktere des Buches.

Seine so aufschlussreichen Beschreibungen in „Die Geschichten in uns“ profitieren auch davon, dass er zu Beginn des Buches über seine eigene Kindheit und Jugend erzählt. Man lernt ihn zunächst etwas kennen, was das Buch sehr ehrlich macht, und man lernt dann, auf welchen langen Wegen er persönlich zum Schreiben kam. Dem Buch fehlt jede störende Eitelkeit! Klar wird: Man muss nicht schon immer das Schriftstellerische in sich getragen haben!

Man kann beim Schreiben eines Buches unglaublich viele Werkzeuge berücksichtigen. Man wird nicht alle „Werkzeuge“ ständig im gleichen Maße zur Anwendung bringen, das wäre sogar oft geradezu wieder langweilig, aber Schreiben ist Arbeit, die manchmal viele viele Jahre dauert. Man befindet sich eben in gewisser Weise in einer Werkstatt, in der man fast so sicher wie das Amen in der Kirche auch absolute Tiefpunkte erleben wird. Man arbeitet immer wieder an seinen Fehlern, an den Dingen, die der Leser nicht „braucht“.

Natürlich gibt es seit Jahren Bücher über die unglaublich zahlreichen und feinsinnigen Werkzeuge des Schreibens. Ich hatte etwa Sol Steins Standardwerk „Über das Schreiben“ daneben liegen. Benedict Wells weist sogar am Ende seines Buches „Die Geschichten in uns“ ausdrücklich darauf hin, welches dieser Bücher er wann am ehesten für hilfreich hält.

Auf eines allerdings weist Benedict Wells am Ende auch kurz zurecht hin: Es gibt natürlich manchen Schriftsteller, manche Schriftstellerin, der/die die von Wells so wunderbar dargestellten Werkzeuge gar nicht konkret anwendet. Ich denke etwa an Thomas Bernhard oder andere Schriftsteller (vielleicht auch Jonathan Frantzen, T.C. Boyle, Annie Ernaux oder Teju Cole, die aber sicher schon weniger), die schon durch ihre ganz besondere eigene Art des Schreibens zu überzeugen scheinen. Aber auch sie werden die „Werkzeuge“ zumindest kennen!

Denn Eines ist klar: Ein Leser darf sich nicht ein einziges Mal beim Lesen eines Buches langweilen, er würde das Interesse sofort verlieren und das Buch schnell weglegen.

Das Buch ist meine Empfehlung, auch um Erzählungen besser (mit mehr Gefühl für die Schilderungen) lesen zu können!

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THEATER: Madame Nielsen & Christian Lollike – Very Rich Angels

Es ist eine sehr humorvoll angelegte Produktion, es geht ja darum, dass sich Bill Gates, Elon Musk und Mark Zuckerberg in einer Bar zufällig treffen und über ihre geheimen – oder gar nicht einmal so geheimen – Ideen unterhalten. Nicht reine Phantasie! Vor allem Elon Musk will ja tatsächlich zum Mars, die Erde ist für ihn heruntergewirtschaftet. Es steckt also durchaus etwas Wahres im Stück! Die anderen beiden haben dagegen eher noch die Welt erhaltende oder fördernde Ideen, auch diese Ideen werden von ihnen jeweils im „richtigen Leben“ tatsächlich vertreten. Alle drei Phantasien oder Wünsche treffen hier aufeinander. Das Schöne ist: Sie mögen es alle drei im „richtigen Leben“ ernst damit meinen, hier wird es auf die Schippe genommen, es wird gezeigt, dass vor allem Elon Musks Wunsch, auf dem Mars zu leben, ziemlich absurd erscheint. Die drei begeben sich nämlich auf den Mars, wie man im Laufe des Stückes sieht.

Die Produktion ist dabei insgesamt bei aller Absurdität so schön und „rund“ gemacht, dass ich sie empfehlen möchte! Ganz besonders herrlich sind die schauspielerischen Leistungen der drei „Very Rich Angels“: Christian Löber als Bill Gates, Annette Paulmann als Elon Musk und Elias Krischke als Mark Zuckerberg. Sie sind ein Genuss. Ihre Bewegungen, ihre Äußerungen, ihr Aussehen – herrlich.

Die drei „Very Rich Angels“ treten bei alledem anfangs mit überdimensionierten Köpfen auf – siehe das Beitragsbild oben. Ich dachte im Vorfeld des Abends, hier sei etwas übertrieben produziert worden, ich mag ja gerne schlicht produzierte Inszenierungen. Aber nein: Es passt gut zu den drei „Großkopferten“, wie man in Bayern ja ohnehin sagen würde. Abgesehen davon sind die drei großen Köpfe sehr gelungen, freundlich und ansprechend gestaltet und werden im Laufe des Stückes auch abgelegt.

Insgesamt bezeichnend ist auch schon die Tatsache, dass die drei „Very Rich Angels“ mit ihren überdimensionierten Köpfen und Ideen in einer schlichten und realitätsnah simplen Restaurantlandschaft aufeinandertreffen. Es passt alles gut zusammen, um den insgesamt absurden Charakter der drei Ideen und damit des Abends hervorzubringen.

Bezeichnet wird das Stück als „Musical-Komödie“, es kommt immer wieder zu Musikeinlagen. An „meinem“ Abend hat Jelena Kulic mit ihrer sehr schönen Stimme immer wieder gesungen! An anderen Abenden spielt Madame Nielsen persönlich mit und singt dort auch. Die Mischung zwischen Schauspiel und Musik hat mich jedenfalls durchaus ein wenig an die ebenfalls skurrile Rocky Horror Picture Show erinnert.

Die dänische „Universalkünstlerin“ Madame Nielsen (geboren als Claus Beck-Nielsen) hat den Stücketext geschrieben, Regie hat der in Dänemark – wie es heißt – „gefeierte“ Regisseur Christian Lollike. Sie beide haben sich also etwas Verrücktes, aber Schönes einfallen lassen. Ich kenne mehrere Personen, die sich das Stück gerne noch ein zweites Mal ansehen möchten – vor allem wegen der so guten und ironisierenden schauspielerischen Leistungen!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit weiteren interessanten Inhalten zu den Ideen der drei „Rich Angels“. Ein versöhnlicher Ausklang der Spielzeit, der ich durchaus oftmals kritisch gegenüberstand.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

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THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!

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THEATER: Kammerspiele- König:in des Zauderns

Ich mache es so: Am gestrigen Freitag habe ich die erste der beiden aktuellen Vorstellungen von „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen (Werkraum) gesehen, am morgigen Sonntag werde ich im Residenztheater „Prima Facie“ sehen (und darüber schreiben).

Zu König:in des Zauderns:

Es ist eine thematische Zusammenführung von Shakespeares „Hamlet“ und Disneys „Der König der Löwen“, mit Blick auf das Zaudern im Leben. „Hamlet“ diente tatsächlich bei der Entwicklung des Films „Der König der Löwen“ als Vorlage. Dauer des Stückes etwa eine Stunde, gespielt wird es von den drei sympathischen jungen behinderten, beeinträchtigten Schauspieler:innen Johanna Kappauf (kognitive Beeinträchtigung), Dennis Fell-Hernandez (Down-Syndrom) und Ahmad Alsahli (sehbeeinträchtigt oder blind). Johanna Kappauf und Dennis Fell-Hernandez kennt man aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele. Hinzu kommt Ahmad Alsahli, er ist nicht im Ensemble der Kammerspiele, ist aber bei den Kammerspielen auch nicht als Gast genannt. (?)

Es ist ein berührender und durchaus auch nachdenklich stimmender Abend (Regie Nele Jahnke), an dem man den drei jungen Schauspieler:innen die Spielfreude und ihre Überzeugung anmerkt. Das Stück zeigt thematisch den positiven Aspekt des Zauderns im Leben. Bedeutet: Zaudern (Hamlet!) ist mehr als ein sich-nicht-entscheiden-können, es ist nachdenken – Alternativen erkennen – nicht vorschnell aus den vorgegebenen Lösungswegen auswählen – andere Wege sehen …

Zu Beginn betritt und befühlt man die Bühne, sie wird dann genau geschildert, wohl auch angesichts manch blinder Zuschauer im Werkraumtheater. Man bekommt sogar zu Beginn kleine Holzbrettchen mit aufgeklebten kleinen Mustern der Bodenbeläge des Theaterbodens.

So ist es ein sehr gelungener Abend von beeinträchtigten Menschen nicht nur für beeinträchtigte Menschen, sondern gerade auch für alle ohne Beeinträchtigung. Eine schöne und in jedem Fall lohnende Zusammenführung, die sich die Münchner Kammerspiele ja seit einiger Zeit auch auf die Fahnen schreiben! Genau dieser Zusammenführung von abled und disabled sollte man sich hingeben, nicht nur – aber auch – dem EM-Finale!

„Prima Facie“ im Residenztheater HIER und „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen HIER.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss