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MUSIK: Blues Brothers – Everybody Needs Somebody

1980 erschienen:

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MUSIK: Pink Floyd – Mother

HIER der Link zur interessanten Seite http://www.thewallanalysis.com mit allem zur Geschichte „The Wall“.

The Wall belegte in zahlreichen Ländern Platz eins der Charts. Es zählt mit über 33 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit erfolgreichsten Alben und ist das meistverkaufte Doppelalbum der Musikgeschichte.

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Anne Pauly – Bevor ich es vergesse

Zu „Bevor ich es vergesse“:

„Bevor ich es vergesse“ ist ein Abend, den man jedenfalls dann nicht sofort vergisst, wenn man bereits seinen Vater und/oder die Mutter verloren hat. Dann geht er nämlich nahe, jeder kennt es dann: Wie war er/sie? Was habe ich versäumt? Was bleibt? Wie geht es weiter? Man lebt ja gewissermaßen nach dem Tod der Eltern ein zweites Leben, blickt zurück in das erste Leben, das Leben mit „drei Beinen“ (Wiebke Puls sitzt ganz zu Anfang mit DREI Beinen auf einem Hocker, legt das dritte Bein dann in den Schrank), das so nie wieder sein wird.

Wiebke Puls als „Anne“ (das ist dem persönlichen Bezug des Ich-Romans geschuldet) bekommt nach dem Tod des Vaters – bei der Durchsicht des Schrankes – alle möglichen privaten Dinge des Vaters in die Hände und macht sich Gedanken über ihn, erinnert sich an ihn, an ihre eigene Kindheit mit ihm, an sein Leben, an seine Erzählungen aus seinem Leben, sein Verhalten, seine letzten Tage, an die Beerdigung, den Leichenschmaus, sie nimmt Kontakt auf mit seiner engsten Freundin aus der Schulzeit und und und. Dass es nicht leicht war mit ihm, weiß sie, das spielt aber nicht mehr die entscheidende Rolle.

Die engste Kindheitsfreundin, zu der der Vater später nie wieder Kontakt findet, auch wenn er es will, schreibt in einem Brief an Anne nach dem Tod des Vaters:

Das fasst es gut zusammen: Die Tatsache, dass man so das Leben seines Vaters, seiner Mutter noch einmal in vielen Gegenständen sieht, sich erinnert, wird – auch im Laufe dieses Abends – zur Tatsache, dass man damit eigentlich sich selbst sieht, seinen Schmerz erkennt, auch seine Versäumnisse. So singt Wiebke Puls auch: „Noch mehr als das (Anm: Mehr als alles …) möchte ich reden mit Papa!“ So ist es, aber es geht eben nicht mehr!

Es ist ein schöner Abend, um auch Wiebke Puls allein auf der Bühne zu erleben, was sich immer lohnt, es ist fast ein „Muss“ für Freunde der Münchner Theaterszene. Auch wie sie in die Rolle des alten Pastors schlüpft! Seit mehr als 20 Jahren ist sie bei den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu einem Podcast auf http://www.nachtkritik.de mit Wiebke Puls.

Manch Einzelheit ist nicht wirklich wichtig, die Gesamtheit macht es aus und der Wandel von Annes Blick auf den verstorbenen Vater über ihre Erinnerung hin zu sich selbst, zu ihrer eigenen Träne, mehr bleibt ihr ja nicht, zu ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Vergebung, ihrem weiteren Leben. Letzteres spielt bei „Bevor ich es vergesse“ allerdings noch keine Rolle.

Der Titel „Bevor ich es vergesse“/Avant que j‘oublie“ ist für mich allerdings etwas fraglich. Was denn „vergessen“? Was will Anne Pauly damit sagen?

Zu „Heartship“, dem zweiten “Soloabend“ werde ich in Kürze schreiben. Das wiederum war kürzlich ein Abend im „Marstallsalon“, der kleinsten Bühne/der Bar des Residenztheaters, über dem Marstalltheater. „Heartship“ ist ein Dialog von zwei Frauen, nicht wirklich solo, aber irgendwie doch auch ein nah erlebter „Soloabend“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Bevor ich es vergesse“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic


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THEATER: Maxi Schafroth – Wachse oder weiche

Ein „Ereignis“ war es, weil es nicht nur so herrlich war, sondern irgendwie ja ein neues Feld für Maxi Schafroth, er wird das Stück an den Kammerspielen im Oktober noch 1 x, im November 3 x und dann monatlich (bis März zunächst) 1 x zeigen, er wird also als eine der „Figuren“ des Stückes einige „Wiederholungen“ erleben, was er – vor allem als Fastenprediger der letzten Jahre am Nockherberg – ja bislang nicht unbedingt gewohnt war. Und er hat es „verdient“ – eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.

Allzu tief schürfend kann man den Abend „Wachse oder weiche“ allerdings nicht besprechen. Einfach gesagt: Maxi Schafroth, erst 40 Jahre alt, sehr ausdrucksstarker Typ, macht herrlichen „Quatsch“ (Text zusammen mit Martin Valdés-Stauber) und bringt gleichzeitig vieles auf den Punkt! Immer wieder! Das macht es irgendwie auch zum Ereignis: Nicht nur herum schwurbeln, sondern die Dinge so zeigen, wie sie sind, sie damit kritisieren, aber nur durch Humor! Kritik auf Basis von Humor. Humor und viel Musik sogar. So kann man sich an diesem Abend ständig sagen: Ja, so ist es! Es ist aber mehr als „nur“ Kabarett, es geht Richtung Theater, wenn auch, wie gesagt, mit besonders viel „Quatsch“.

Aber man kann sich sagen: „Maxi Schafroth einfach machen lassen!“ Mit seiner Energie, seiner Bissigkeit, seinem Blick, seinem Humor, seiner immer locker und frech wirkenden Art und dann noch mit allen Möglichkeiten der Münchner Kammerspiele! Er wird es hoffentlich öfters machen und hoffentlich noch bissiger! Der Theaterzuschauer soll nicht nur lachen, er kann Kritik sicher besser vertragen als manch Politiker, besser als der bayerische Ministerpräsident, wenn’s um die Fastenpredigt geht ….

Man konnte insgesamt an diesem zweistündigen Abend (eine Pause) jedenfalls ständig lachen! Auch konnte man vor allem von den weiteren Akteuren, Stefan Merki, Martin Weigel, Elias Krischke und Traute Hoess wirklich begeistert sein. Stefan Merki der schweizerische Ökobauer, Maxi Schafroth am Nachbargrundstück, er und seine traditionelle Landwirtschaft, Martin Weigel als der moderne Businessfuchs von der BayWa, Elias Krischke als der Ruhe suchende Städter aus München, Traute Hoess als Frau von Pöschinger mit dem Golfschläger. Allein Maxi Schafroths Bewegungen als der „einfache“ Bauer, sein Gang, der ungelenke „Tanz“ bei der Musik. Immer „vermeintlich übertrieben, aber eben doch nicht übertrieben!“ Die Lieder und und und. Herrlich, standing ovations schon zur Pause, eine musikalische Optimierungs-Zugabe am Ende.

So werden sehr sympathisch und hoch humorvoll Finger in Wunden gelegt, wenn auch wahrscheinlich nicht tief sitzend.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Friedrich Schiller – Wallenstein

Die Inszenierung „Wallenstein“ von Hausregisseur Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen könnte gut heißen „Wallenstein plus 3“, so viele Themen werden hier – absolut beeindruckend, aber Genaueres siehe unten – bearbeitet: Basis ist natürlich der Wallenstein von Friedrich Schiller + Nummer 1 on top ist: Kochen/Essen/das Publikum + Dazu kommt als Nummer 2 on top: Das Ensemblemitglied Samuel Koch (der Wallenstein im „Wallenstein“) und sein Assistent ganz persönlich, außerhalb von „Wallenstein“ + Immer wieder kommt auch Nummer 3 on top dazu: Die Recherchen zu Putins Ex-Schergen Prigoschin (Putin/Prigoschins „Wagner Truppe“/Russland/Ukraine). Puh, das ist viel, aber es sind ja auch sieben Stunden mit drei Pausen, zwei kurzen und einer großen Pause, so sind es fünf Stunden echter Spielzeit.

Mir sagte eine Zuschauerin schon in einer der Pausen: „Das ist sicherlich eine der irrsten Wallenstein-Inszenierungen bisher.“ Sie wird Recht haben!

Zunächst: In der deutschen Geschichte geht es für mich damit theatermäßig momentan wieder einen Schritt zurück:

  • ERSTER SCHRITT: „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (HIER, am Residenztheater). Zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
  • ZWEITER SCHRITT:  „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth (HIER, auch am Residenztheater). Ein Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
  • DRITTER SCHRITT: „Der Untertan“ von Heinrich Mann (HIER, am Cuvillestheater). Die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
  • VIERTER SCHRITT: Jetzt „Wallenstein“ von Friedrich Schiller, an den Kammerspielen. Der Dreißigjährige Krieg.

Ein erstes Fazit zum „Wallenstein“ ist nun: Theaterherz, was willst du noch irgendwie mehr haben?

Die Inszenierung ist ein Theaterfest, was man dort im Lauf der sieben Stunden auf der Bühne, im Zuschauerraum, vor dem Theater auf der Maximilianstraße per Live-Video, an Szenen und Stimmungen sieht, ist großartig. Alles wird eingesetzt! Livemusik auf der Bühne, eine starke Schlagzeugspielerin (Maria Moling), manch Gesang dazu, manch Mikrofoneinsatz, wunderbare Bühnenbilder, immer wieder wechselnd, Live-Spiel auf der Maximilianstraße und und und. Auch schön zu sehen ist allein der Teil auf der fast komplett leeren riesigen und unglaublich hohen Bühne der Kammerspiele. Dann wieder senkt sich ein riesiger bunter Kronleuchter ….

Auch schauspielerisch lässt sich sagen: Was will man mehr! Vor allem mit größter Bühnenpräsenz spielen Annika Neugart, Katharina Bach und Samuel Koch. Diese drei seien hier aus meiner Sicht hervorgehoben, sie tragen diese Inszenierung. Jeder mag es anders sehen, alle Beteiligten sind ja gut! Auch etwa besonders Johanna Eiworth, selbstverständlich gut wie immer Annette Paulmann (auch als Köchin wohl), und köstlich auch André Benndorf als „CEO“ der mit modernem Outfit und herrlicher, satirischer Attitüde etwa erklärt, man sammle Daten über Wallenstein, Questenburg im Schillerschen Wallenstein, Gesandter des Kaisers. Samuel Koch ist als Wallenstein ohnehin schon eine sehr gelungene Besetzung!

Apropos „gelungen“ und „köstlich“: Das Thema Kochen leitet den Abend ungewöhnlich ein. Großartig ist die erste halbe Stunde, weitgehend wortlos beobachtet man die SchauspielerInnen des Stückes beim Kochen, auf der Bühne hinter einer langen Kochzeile stehend, beim Vorbereiten der Speisen, die in der großen Pause 28 TheaterbesucherInnen auf der Bühne an langer Tafel dargeboten werden. Eine Tafel wie zu Königs Zeiten, andererseits in Wallensteins Lager. Ossobuco! Es riecht köstlich im Theaterraum. Besonders sind auch die Filmaufnahmen der Küchenarbeiten auf der Bühne. „Kochen ist Krieg“, heißt es einmal. Und: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Sehr eigenwillige schwarz-weiß Filmaufnahmen mit herumgehender Livekamera vom Schnippeln, vom Trennen, Mischen, Rühren, Schneiden, Putzen, Braten, von Blut, Fleisch, vom Durcheinander, von den Messern und und und. Diese Aufnahmen haben mich begeistert.

Man könnte so viel darüber schreiben, alles ist eine wunderbare und in sich immer zusammenpassende Mischung, eine Vermischung von so vielem, und doch bleibt alles selbständig! Klasse gemacht! Wie gesagt, man verfolgt ja quasi VIER Themen. Das ist viel, und alles wird ständig getragen und gestützt von Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“. Die Übergänge zwischen den Themen sind manchmal kaum zu merken, Samuel Koch ist plötzlich in einem ganz persönlichen Gespräch mit Nadége Meta Kanku, die gerade noch Wallensteins Tochter war, sie reden ganz persönlich-reell über Samuel Kochs besonderes Leben – auch sein Assistent tritt auf, auch er ist dann wiederum eine Kriegsperson um Wallenstein herum, Buttler. Dann wieder ist Samuel Koch plötzlich der Herzog Wallenstein, in Schillers Sprache, von einem Satz zum nächsten.

Dazwischen immer wieder – auch ein Thema „neben“ Wallensteins Niedergang im Drama – Sergei Okunev, dramaturgischer Mitarbeiter, der von seinen echten Recherchen über das Leben des Putin-Schergen Prigoschin erzählt. Sehr locker, humorvoll, sympathisch, erfrischend erzählt er, zeigt Fotos und Filmchen von Putin und Konsorten, etc. Okunev führt dann wiederum die Livekamera beim Kochen! Alles mischt sich eben!

Es ist allerdings viel und irgendwie auch etwas widersprüchlich, das muss man aushalten. Einerseits das ernste historische Thema „Wallenstein“, das Drama von Friedrich Schiller, das man erwartet, über Wallenstein, einst der treue Gefährte des Kaisers, er will ja den Kaiser stürzen. Dazu andererseits das fast noch ernstere, weil „aktuelle“ Thema „Ukraine/Russland/Putin“, der ja im Flugzeug umgekommene Söldner Prigoshin mit seiner Wagner Truppe. Diese Themen stehen nebeneinander, es gibt sicher auch Parallelen: Wallenstein und Prigoschin führten Söldnertruppen, sie mussten sterben (Wallenstein am Ende, Prigoschin am Anfang des Nachmittags/Abends)! Aber genügt diese Parallele? War alles nicht doch sehr sehr unterschiedlich? War ein Krieg damals auch nur irgendwie vergleichbar mit heutigen Kriegen? Was bringt die Parallele „Wallenstein/Wagner Truppe?“.

Auch etwas unverständlich war mir: Wie sehr wollte Wallenstein damals eigentlich den Krieg gegen seinen Kaiser? Ihn drängen ja hauptsächlich seine Generäle! Er selber zaudert lange. „Nicht labern, handeln“ heißt es ja deutlich lesbar auf der Bühne. Prigoschin starb vielleicht durch Putin, Wallenstein wurde von seinen Generälen umgebracht, nicht durch den Kaiser, wenn ich es recht sehe.

So bleibt am Ende zum Einen die Begeisterung über diese Darstellungen und die Inszenierung, über dieses wahre Theaterfest, aber zum Anderen auch ein wenig das ungute Gefühl und die Frage: Hat man jetzt ein grandioses Fest miterlebt, ein Theaterkunstwerk, das gut zum Theatertreffen eingeladen werden kann, oder hat man ein schweres Thema oder gar zwei schwere, düstere Themen (Wallenstein und Prigoshin/Putin) oder gar drei solcher Themen (Wallenstein und Prigoschin und Söldnertruppen) mitgenommen? Das löst sich am Ende auch nicht einfach – mit einem sehr besonderen Soloauftritt von Katharina Bach – durch den Satz: „Der Mensch ist größer als der Krieg“. Dieser Satz war mir fremd nach dem Nachmittag/Abend.

Hier noch zwei Fotos:

Auf der Maximilianstraße:

Auf der Bühne:

Zu allem ist zu empfehlen das Zusatzheft über Wallenstein-Materialien, Texte und Bilder, die einen tollen Einblick geben. Man kann es im Foyer für fünf Euro kaufen.

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Ingmar Bergman – Persona

Die Krankenschwester Alma wird mit der Betreuung der Patientin Elisabet beauftragt. Die Kranke ist die Bühnenschauspielerin Elisabet Vogler, die während einer Aufführung von Elektra aufgehört hat zu sprechen. 

Eine Redende, eine Schweigende. Sie sind insoweit unterschiedlich, aber zugleich sind sie gleich, äußerlich ohnehin, sie werden immer gleicher, „Du“ wird zu „Ich“, vielleicht sind sie beide zusammen eine Person. Kaum zu verstehen, was Ingmar Bergman alles dabei dachte. Alma sagt, sie könne aussehen wie Elisabet. Elisabet, die Schweigende, ist von beiden diejenige, die wohl kompromisslos versucht, bei sich zu sein, die alles andere als Schein zu erkennen scheint, die Welt ist für sie wohl nur Verfremdung, sie hat aufgehört mit dem Theater, dem Theater der Welt – könnte man sagen. Für sie ist jedes gesprochene Wort eine Lüge, das reale Leben so etwas wie eine Nichtwahrheit. Sie schweigt, so protestiert sie – könnte sein – gegen das Leben. Aber warum? Alma dagegen redet viel, sie erzählt Elisabet aus ihrem Leben, redet über ihr Innerstes, eine Abtreibung, auch sie meint damit wohl, bei sich zu sein, von sich zu erzählen, Wahres zu erzählen, aber sie protestiert nicht gegen das reale Leben – könnte man sagen. Im Gegenteil, sie braucht für sich wohl das – vielleicht ja „verlogene“ – Leben. Sie fleht Elisabet auch an, etwas zu sagen, wenn sie auch nur etwas zum Wetter sagen würde. Aber Elisabet redet nicht. Es ist dann sogar Alma, die von Elisabets gehasstem Sohn erzählt, von der ungeliebten Schwangerschaft. Wer soll das auch noch verstehen? Das Verhältnis von Elisabet und Alma zueinander verändert sich ja auch noch. Sind sie doch eins? Zwei immer widersprüchliche Teile von einer Person?

In der Inszenierung am Münchner Volkstheater gibt es noch dazu neben den „echten“ Elisabet und Alma eine Verdoppelung von Elisabet und Alma. Doppelungen mit Gesichtsmasken, die weitgehend gleich angezogen sind, gleich wie sie selbst und gleich wie die „richtigen“ Elisabet und Alma, schwach rot und hellblau aber in Plasikanziehsachen. Die „Doppelungen“ von Elisabet und Alma wirken dabei künstlicher, unveränderlich traurig oder zumindest fragend oder entsetzt oder entrüstet oder ratlos oder oder. Oder wirken sie durch die Masken geradezu verallgemeinernd? Alles Interpretationsfrage an diesem Abend. Die Doppelung macht es jedenfalls nicht leichter. Szenen wiederholen sich, schnelle Wechsel zwischen den „echten“ Elisabet und Alma und ihren Doppelungen …

Auch das dazu gut passende Bühnenbild (Bühne: Nadin Schumacher): Es sind drei Teile dieses Sommerhauses, in dem sich Elisabet und Alma aufhalten, in gewisser Weise sind auch das „Doppelungen“. Nichts gibt es „einfach“. Quadratische Räume, fast moderne eckige Räume, die auf der Bühne immer wieder einmal von den beiden Elisabets und/oder den beiden Almas verschoben, gedreht und versetzt werden. Szenen spielen im Inneren der Blöcke hinter den Wänden, werden live gefilmt und groß auf den Wänden gezeigt, auf die der Zuschauer blickt. Auch die Rückwand der Bühne ist Leinwand. Auch das sind im Grunde Doppelungen.

Bei all den Fraglichkeiten, die Ingmar Bergman dem Zuschauer hier auftürmt: Lena Brückner als Alma und Ruth Bosung als Elisabet spielen es sehr sehr glaubhaft, die Wortlosigkeit oder Traurigkeit von Elisabet, die Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung von Alma, das wortlose Verhältnis beider zueinander und und und. Beide sind junge Ensemblemitglieder, sie „spielen“ es aber wie hocherfahrene Schauspielerinnen!

Trotzdem: Man darf nicht erwarten, dass man nach diesem Abend eine gesicherte Interpretation von „Persona“ von Ingmar Bergman wagen kann. Wer kann das schon bei „Persona“? Interessant etwa sind im Programmheft die Zitate:

Muss das sein? Ist es so wichtig, dass man nicht lügt, die Wahrheit sagt, in ehrlichem Ton spricht? Kann man überleben, ohne hin und wieder zu reden?

Oder:

Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen? Wo bleiben alle guten Vorsätze, die man gefasst hat?

Oder:

Nicht scheinen, sondern sein. Bewusst, wach, jeden Augenblick. Zugleich der Abgrund zwischen dem, was du vor den anderen und dem, was du vor dir selber bist. Ständig dieses Schwindelgefühl, und der Hunger, ein Geheimnis preiszugeben.“

Regisseurin Sophie Glaser fügt mit dieser Inszenierung den vielen Fragen, die Ingmar Bergman mit „Persona“ ohnehin schon aufwirft, jedenfalls eher gewissermaßen noch weitere Fragen hinzu, als dass sie eine klare Interpretationshilfe gäbe. Verständlich, konsequent, aber nicht leicht!

HIER der Link zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Hier noch ein Foto der trotz aller Fragen interessanten Inszenierung. Auch Elisabets Ehemann erscheint und Alma wird – auch für ihn – plötzlich zu Elisabet:

Copyright der Fotos: Gabriela Neeb

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THEATER: Heinrich Mann – Der Untertan

Der ZWEITE Schritt war – ebenfalls derzeit am Residenztheater – die Inszenierung des Stückes „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth gewesen (HIER mein Beitrag dazu). Dieses Stück hatte 1932 Uraufführung – also etwas weiter zurück – und „zeigt“ einen Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Und nun ein DRITTER Schritt: Es ging – wieder am Residenztheater, auf der Bühne des Cuvillestheaters – zurück in die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg. Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ war 1914 vollendet, die erste Buchausgabe ist von 1918, er „zeigt“ die Zeit wenige Jahre vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.

Der Roman „Der Untertan“ ist dabei vielleicht als der „historisch genaueste“ anzusehen, das Romanmanuskript trägt den Untertitel: »Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II“. Er gilt als das wichtigste literarische Dokument über das deutsche Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. Es ist aber auch der schwierigste der drei Romane/Stücke. Schwer zu lesen, recht „steif“ geschrieben, für heutige Zeiten nicht sehr inspirierend, sehr umfangreich. Aber es stellt sich die Frage: Hat Heinrich Mann damit nicht sogar generell – auch für heute noch – ein Element der deutschen Seele gezeigt?

Der Hausregisseur des Münchner Residenztheaters Alexander Eisenach hat sich daran gewagt, den Roman – wohl auch mit Gedanken an die heutige Zeit (Stichwort „autoritäre Staaten“), wie man dem Programmheft entnehmen kann – auf die Bühne zu bringen. Und es ist gelungen, auf dieser „trockenen“ Romanbasis ein tolles Inszenierungsfest mit vor allem großartiger schauspielerischer Leistung von Lukas Rüppel als der „Untertan“ zu erstellen.

„Inszenierung schlägt historische Düsternis“, so kann man es zusammenfassen, so wurde es ansehnlich! Die Inszenierung bietet fast in der Manier von Frank Castorf viele, viele beeindruckende Theatermomente und reißt damit das ja eher „düstere“ Thema des Romans „Der Untertan“ sehr ansehnlich und „mitreißend“ auf die Bühne. Auch die Schnelligkeit der Erzählung und der Wechsel, der Übergang der Stationen des Geschehens ineinander erinnert durchaus ein wenig an Frank Castorfs Formen. Allerdings nur leicht, es behält natürlich eine sehr eigene Note gemäß Alexander Eisenach.

Die schönen Theatermomente etwa: Die Gerichtsverhandlung von den Balkonen des Theaters. Die Kameraführung während dieser Gerichtsverhandlung allein. Oder die Tatsache, dass mehrfach eine dünne, ganz leicht durchsichtige Leinwand vor der Bühne herunterfährt, auf der in schwarz-weißem Großformat das Geschehen auf der Bühne hinter/in der „Kathedrale“ als Video gezeigt wird (Video: Oliver Rossl, Komposition: Benedikt Brachtel und Sven Michelson) und auch manche Großaufnahme eines Gesichtes gebracht wird. Oder die Beleuchtung der auf der Bühne stehenden kathedralenähnlichen Skulptur (Licht: Verena Mayer).

Wie gesagt: Großartig Niklas Rüppel als Diederich Heßling, der Untertan. Zunächst als Kind, dann als Schüler, Strafe fast genießend, er spielt Diederich Heßling sehr gut. Später er in der Pfütze, der Kaiser auf dem Ross. Natürlich geht alles dabei ein wenig auf Kosten der Verständlichkeit, der Roman ist ja um einiges ausladender. Aber es bleibt die Überlegung: Hat man damit etwas gesehen, was zur Zeit überall auf der Welt (gerade in Deutschland ja noch nicht!) autoritäre Führungspersonen nach oben spült? Warum wollen so viele Menschen Autorität? Wollen Sie lieber Handlung statt Moral? Brutales Hierarchiedenken statt Demokratie (auch das ist ja Thema von „Der Untertan“)? Brutaler Kapitalismus oder soziales Denken? Das Fazit wäre insoweit: Autoritäre Führungsstile sind weltweit im Kommen, in Deutschland halten wir noch die Demokratie. Wir müssen aber auch aufpassen, weil sich schon damals etwas „Deutsches“ im „Untertan“ befand und sich vielleicht noch befindet.

Nicht verstanden habe ich, warum Alexander Eisenach alle männlichen Personen des Stückes – und es gibt ja in „Der Untertan“ viel um „eingebildete“ Männlichkeit – außer Diederich Heßling (der Untertan) von Frauen spielen lässt. Das wiederum hatte leider für mich noch einen Effekt: Ich habe die Texte der Schauspielerinnen akustisch um einiges schlechter verstanden, als den Text von Niklas Rüppel/ Diederich Heßling. Ich hoffe, es ging nur mir so, glaube aber, dass es durchaus auch an den Schauspielerinnen oder der speziellen Akustik des Cuvillestheater lag.

Hier noch ein Foto von dem Abend, den man sicher zweimal sehen kann, um den Untertan darin wirklich zu verstehen:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Irmgard Keun – Nach Mitternacht

Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.

Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.

Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.

Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.

Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.

Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.

Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Noch eine Aufnahme:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Ödön von Horváth – Kasimir und Karoline

Deshalb: Ging es Ödön von Horváth in „Kasimir und Karoline“ um die Liebe? Oder ging es ihm um das Wirtschaftliche (Weltwirtschaftskrise)? Oder um den Charakter der Menschen? Oder einfach um Irrungen und Sehnsüchte auf dem Oktoberfest (die „Wiesnbraut“)? Alles zusammen eher, wie sich alles gegenseitig beeinflusst! Im Programmheft der Inszenierung kann man gut Einiges über Gedanken zu „Kasmir und Karoline“ nachlesen, was auch fast nötig, jedenfalls hilfreich ist! Folgendes dazu:

Zunächst zum Inhalt

Man kennt den Inhalt ja grob: Kasimir verliert seinen Job, Karoline möchte auf die Wiesn. Kasimir geht mit. Kasimir ist durch den Verlust seines Jobs völlig verunsichert, er zweifelt an allem, auch an Karoline, er beleidigt sie auch. Karoline, die sich eigentlich nur amüsieren wollte (nur ein „Eis essen“ wollte, sagt sie immer), stört sich an Kasimirs Verhalten, gerät selber in den Strudel des Amusements und trennt sich von Kasimir. Später – immer noch auf dem Oktoberfest – möchte Kasimir sich bei ihr entschuldigen, auch Karoline möchte sich einmal wieder an Kasimir wenden. Es klappt aber nicht mehr. „Tot ist tot!“. Und so weiter. Und alles, weil Kasimir den Job verloren hat! Kerngedanke etwa: Wirtschaftliche Probleme können den Menschen und seine Liebe zerstören, die ihm doch allein Halt gäbe. Überhaupt des Menschen Gesinnung kann durch wirtschaftliche Einflüsse nur leiden! Das wäre ein Fazit.

Regie von Barbara Frey

Es ist nicht Barbara Freys erste Inszenierung am Münchner Residenztheater, aber lange ist es her, 20 Jahre! Barbara Frey hat ja wahrlich jede Menge Erfahrung, hat irrsinnig viel inszeniert, im Grunde hat sie schon jeden Klassiker der Theaterwelt irgendwann und an irgendeinem der großen deutschsprachigen Theaterhäuser inszeniert. Sie war etwa 10 Jahre lang Intendantin am Schauspielhaus Zürich und zuletzt (Spielzeiten 2021-2023) Leiterin der Ruhrtriennale. Was für ein Theaterleben!

Nun hat sie am Münchner Residenztheater also Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ inszeniert. Es mag eine für sie vielleicht typisch eher ruhige, in nichts „überdrallerte“ Inszenierung sein, sie setzt (soweit ich das beurteilen kann) selten auf große Effekte. Da kommt ihr Ödön von Horváth vielleicht sehr entgegen, ihm waren die Worte und sogar die Pausen zwischen den Sätzen, zwischen den Menschen, wichtig. Dementsprechend gestaltet sieht man jetzt auch am Residenztheater ihre ruhige, geradezu langatmige Inszenierung des „Kasimir und Karoline“. Man sollte sich auf jeden Fall auf einen Abend zum genauen Hinhören einstellen, nicht auf Effekte. Ist auch der schönere Ansatz fürs Theater, denke ich.

Wie anders war da übrigens – ein Blick zurück – die Inszenierung von „Kasimir und Karoline“, die 2011 auch am Münchner Residenztheater gezeigt worden war! Es war eine damals recht umstrittene, wilde Inszenierung von Frank Castorf, mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek. Ich hatte sie – leider, bei den SchauspielerInnen – nicht sehen können. Hier aber ein Trailer:

Also jetzt die Inszenierung von Barbara Frey gewissermaßen als ein Gegenstück dazu. Und Barbara Frey folgt damit insgesamt dem Denken von Ödön von Horváth – auch wenn es damit für den Zuschauer durchgehend an diesem Abend sehr ruhig zugeht! Stellen Sie sich eben auf einen Abend des genauen Hinhörens ein, auf Horváth’s Worte kommt es an, auf nichts anderes.

Die Zeitumstände 1932

Ödön von Horvath lebte so kurz! Im Alter von 37 Jahren schon, im Jahre 1938, wurde er bekanntlich in Paris von einem herabfallenden Ast erschlagen! Er war von Wien über Mailand und Zürich nur kurz für ein Treffen nach Paris gereist.

Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth angeblich u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot von Freunden, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei. Stattdessen machte er sich zu Fuß auf den Weg … im Juni 1938.

1938 hatte Horváth schon jede Menge produziert gehabt, sein „Kasimir und Karoline“ hatte im November 1932 Uraufführung, kurz danach, im Folgejahr 1933, sollte sein „Glaube Liebe Hoffnung“ zur Uraufführung kommen, wurde aber untersagt, es hatte dann 1936 unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ Uraufführung …

Ganz kurz nach der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, es war der Beginn der schrecklichen Zeit der Naziherrschaft. Horváth wurde im März 1933 in „Schutzhaft“ genommen, er verließ Deutschland zunächst nach Österreich, sein Haus in Murnau wurde auch 1933 durchsucht. Weit vor all diesen Ereignissen, im Jahre 1916 schon, war er übrigens kurz am Münchner Wilhelmsgymnasium gewesen, an dem ich selber mein Abitur gemacht habe! Wegen schlechter Leistungen musste er allerdings sehr bald auf ein „Realgymnasium“ wechseln.

Und: Da war 1932 die Weltwirtschaftskrise! Das war für Ödön von Horváth sicher auch einer der ausschlaggebenden Umstände, die ihn zu „Kasimir und Karoline“ geleitet haben. Siehe oben zum Inhalt. Liebe bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten, bei Verlust des Jobs (Kasimir), die Liebe und die Sehnsucht (Karolines Sehnsucht) nach Besserem, nach sozialem Aufstieg, der Verlust von Halt, von Sicherheit im Leben bei Verlust von Job und Liebe (Kasimir). Überhaupt: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der Charakter, das „Zu-kriminellen-Taten-verleitet-werden“ (die anderen), auch ein Gesichtspunkt (Kasimir betont demgegenüber immer wieder, dass er doch anständig ist). Im Grunde sind bei diesem Stück am Ende jedenfalls alle für sich irgendwie Verlierer. Das ist das Stück.

Das Bühnenbild, die Kostümierung:

Das Bühnenbild stammt von Martin Zehetgruber, Kostüme von Esther Geremus. Vor dem Hintergrund der oben geschilderten Zusammenhänge könnte man sagen: Bühnenbild und Kostümierung waren fast zu schön! Man sitzt ja eineinhalb Stunden lang wie „eingelullt“ oder „sediert“ vor der ansprechenden, fast schicken Bühnenwelt, selbst die drei wirklich riesigen Bierkrüge auf der Bühne sind ja fast schick, die Kleidung gepflegt, farblich abgestimmt, die Drehbühne modern. (Es gab übrigens auf dem Oktoberfest 1932 in der Tat noch keine Bierbänke, es gab Stühle). Die Weltwirtschaftskrise steckt damit letztlich allein im schlampigen Hemd, das Kasimir (Simon Zagermann) trägt. Aber andererseits, das ist Ödön von Horvath eben, das muss man zugestehen: Es soll ja bei ihm alles stilisiert sein, nicht realistisch. Dann eben so! Aber gleich so schön stilisiert? Hm, diese „Sedierung“ durch Bühne und Kostüm kann auch von der Prägnanz der Horváth’schen Aussagen um Wirtschaft, Charakter und Liebe in „Kasimir und Karoline“ ablenken. Fast einzig nicht stilisiert ist übrigens das Zeichen HB auf den Bierkrügen! Aber: Beeindruckend schön als Andeutung des Oktoberfestes ist das Bühnenbild!

Horváths „Gebrauchsanweisung“ für seine Stücke:

Wichtig bei Ödön von Horvath ist die „Gebrauchsanweisung“, die er kurz nach der Premiere von „Kasimir und Karoline“ für alle seine Stücke geschrieben hat. Mit dem Obersatz „Das dramatische Grundmotiv aller meiner Stücke ist der ewige Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein.

HIER die Gebrauchsanweisung, die auch im Programmheft abgedruckt ist. Barbara Frey hält sich sehr genau daran! (An Eines nicht: „Vor einem Vorhang“ soll nach Ödön von Horváth am besten gespielt werden, der Vorhang fährt hier erst am Ende langsam herunter). So führt aber die strenge Horváth’sche Herangehensweise von Barbara Frey in der Tat dazu, dass man wunderbar auf den Text achtet, wie von Horváth gewünscht, nicht etwa auf irgendetwas „Realistisches“. Man erlebt es wie eine dezent schauspielerisch unterstützte Lesung von „Kasimir und Karoline“, was zur Verdeutlichung des Stückes beiträgt! Man braucht nur Ruhe bei sich und Geduld!

Zu den SchauspielerInnen:

Dazu ganz subjektiv: Anna Drexler und Simon Zagermann sind fast meine Favoriten des derzeitigen Ensembles des Residenztheaters. Seltsamerweise aber konnte mich gerade dieses Duo, auf das ich mich gefreut hatte, hier nicht überzeugen. Es war für mich irgendwie unpassend, dass sie beide im Stück als Kasimir und Karoline verliebt gewesen sein sollen, ein Paar waren. Als würden sie einfach nicht zusammenpassen. Ihre Liebe wird ja auch nie gezeigt, sie kommt allenfalls zwischen den Zeilen zum Ausdruck, bei der selbstsicheren Anna Drexler/Karoline mehr als beim verzweifelnden Simon Zagermann/Kasimir. Sie stehen jedenfalls von Beginn an jeder allein für sich. Und ansonsten: Man spielt es sehr stilisiert. Stilisierter, als es kürzlich das THEATER_PERLACH in „A Matz bist scho“ nach Horváths „Kasimir und Karoline“ zeigte (mein Bericht HIER), was auch gut war.

Meine Empfehlung:

Hingehen, aber zur gedanklichen Unterstützung das Programmheft lesen (auch die Horváth’sche „Gebrauchsanweisung“ darin), dann kann ein Schuh draus werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass es an einem etwas zu sehr vorbei plätschert, es ist ja, wie gesagt, nicht so, dass Handlung die Prägnanz des Stückes fördert. Aber auch da wieder: Gerade das kann gefallen, die Ruhe, es ist hier ja extra so angelegt!

Eine wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! Ich hatte die Verfilmung kürzlich schon im Beitrag zu „A Matz bist scho“ erwähnt. HIER der Trailer zum Film, man wird ihn sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist Beides zusammen: Hingehen ins Residenztheater UND den Film ansehen! 

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Kasimir und Karoline“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Mathias Horn

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THEATER: Helmut Dietl – Schtonk

In diesem Stück müssen zwangsläufig verschiedene Orte gezeigt werden, anders wird es kaum gehen. Das wurde bühnentechnisch wirklich gut gelöst – auch mit gelungener Aufteilung der Bühne durch eine kleine im hinteren Teil stehende „Trennwand“ (hinter der und durch die immer wieder schnelle Verwandlungen und sofortige Ortswechsel möglich sind) und unter kurzer Einbeziehung des Zuschauerraumes sogar (Kostüm und Bühne von Andrea Uhmann).

Man kennt ja den Film „Schtonk“ (Regie Helmut Dietl), in dem der wohl eher mittellose Fritz Knobel es schafft, über den Reporter Hermann Willié insgesamt 60 gefälschte Tagebücher von Adolf Hitler an das Magazin HHpress zu verkaufen. Die deutsche Geschichte müsse umgeschrieben werden, heißt es dann auf einer Pressekonferenz. Der Film war ja besetzt mit lauter großen Namen, Uwe Ochsenknecht, Götz George, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke, Veronica Ferres, Ulrich Mühe.

HIER ein köstlicher fast zehnminütiger Zusammenschnitt des Films. Es gibt einige schöne Trailer zum Film.

Schön auch, dass die Prägnanz dieser Satire durch manche wörtliche Übernahme des Textes aus den Film so gut beibehalten wird (Hitlers „Blähungen“, das nötige „Umschreiben der Geschichte“, Hitlers Hoffnung auf „Karten für die Olympischen Spiele für Eva“ und und und).

Hier noch ein Bild der Aufführung:

HIER der Link zur Website des Zentraltheaters. Die noch kommenden Termine siehe oben im Beitragsbild. Die von mir besuchte Aufführung wurde sogar von einer größeren Schulklasse aus Überlingen am Bodensee besucht!

Copyright des Fotos: Lea Mahler

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THEATER: Ödön von Horváth – A Matz bist scho

Die Version des THEATER_PERLACH ist kurzfristiger zu sehen. Deren leider recht wenigen Termine (auch gestern Abend, am 18.09.2025) sind oben im Bild zu sehen.

Schon die Spielstätten beider Versionen sind extrem unterschiedlich! Die Version des THEATER_PERLACH wird an einem Spielort gebracht, der das glatte Gegenteil ist zum Münchner Residenztheater in seiner feinen Atmosphäre. Gezeigt wird die Version des THEATER_PERLACH nämlich im MUCCA im sich fast selbst überlassenen Areal an der Schwere-Reiter-Straße/Ecke Dachauer Straße, das mit heruntergekommenen Industriehallen bebaut ist, von verschiedensten Initiativen kurz- oder langfristig kreativ genutzt wird und von der Stadt München zum „Kreativquartier“ entwickelt werden soll. Das Residenztheater ist da ein klein wenig anders.

Vom THEATER_PERLACH hört man nicht oft. Es ist eine private Initiative, sie bringen pro Jahr eine Inszenierung auf die Bühne, es ist aber nicht etwa eine „Laientruppe“, nein, das Ensemble besteht aus jungen ausgebildeten Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich vor allem mit der Unterstützung von Ferdinand Leopolder als „Produzent“ und Andrea Funk meist als „Regisseurin“ sehr engagiert der Theatersache annehmen. So sieht Theaterbegeisterung aus! Man muss hoffen, dass die städtische Förderung nicht versiegt, sie ist geringer geworden, hört man! Eine feste Spielstätte hat das THEATER_PERLACH nicht. Umso mehr lohnt es sich, jetzt zum MUCCA zu gehen!

Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ kennt man ja, es passt zur jetzt beginnenden Wiesn! Wie man sich (absichtlich) verliert auf der Wiesn, sich selbst und eben auch (unabsichtlich) den Freund/die Freundin, Kasimir etwa die Karoline! Eine „Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut“ nennt Ödön von Horváth seine Geschichte von Kasimir, der, arbeitslos geworden, auf dem Oktoberfest seine Braut Karoline für immer verliert. Das Oktoberfest, also die „gewählte“ Gaudi, und die „ungewählte“ Realität mischen sich fatalerweise bei Horváth. Aufs Oktoberfest geht man ja eigentlich auch heute noch, um sich für kurze Zeit in eine andere Welt zu versetzen, um sich von der Realität zu entfernen, sie einfach auszublenden! Die Realität kommt ja am Tag danach wieder ins Spiel! Aber die Trennung Wiesn/Realität geht eben nicht immer, vor allem eben nicht bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.

Karoline ist bei Ödön von Horváth die „Wiesnbraut“. Sie will auf der Wiesn auch natürlich Amusement, aber im Amusement will sie doch auch das „bessere Milieu“, will höher hinaus und verliert dabei ihren Kasimir, weil sie eben doch im Amusement gleichzeitig die (schwierige) Realität vor Augen hat. Kasimir fragt Karoline noch: „Was willst Du denn durch diese Herrschaften dort erreichen?“ Eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“, antwortet sie.

Die Inszenierung des THEATER_PERLACH ist an mancher Stelle wortgetreu Ödön von Horváth, was auch kaum anders geht bei diesem Stück. Es heißt in der Ankündigung „frei nach Ödön von Horváth“, passt auch alles bestens zusammen. Man sitzt in der hohen Halle des MUCCA an drei Seiten um die Bühnenfläche herum, jeder sieht (fast) jeden, wie auf der Wiesn. In der Mitte der etwas höher gelegten Bühnenfläche steht ein Baumstamm, geschmückt mit langen Bändern, die auch immer wieder wie beim Schäfflertanz benutzt werden. Über 50 Bierkrüge werden an die Spiegelwand im Hintergrund gehängt, es gibt immer wieder kürzere musikalische und tänzerische bayerische „Einlagen“, wie im Originalstück manch Lied gesungen, manch Wiesnmusik angespielt wird, dafür gibt es einen Musiker mit Ziehharmonika, auch die Kostümierung ist schön farbenfroh, es sind aber nicht etwa alle in Tracht! Die Wiesn, sie wird hier eher dezent angedeutet.

Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielen es wirklich gut! Es wird dabei nicht der noch weit schickere heutige Wiesnkult dargestellt, nein, man bleibt eher in der Horváth’schen Zeit oder zeitlos. Nicht zwanghaft bleibt man dort, aber doch eher eben in Horváths Zeit, nicht deutlich in der heutigen extremeren Wiesn-Welt. Sie spielen es auch allesamt nicht übertrieben, Kasimir mit seiner Melancholie und seinem Unverständnis sehr gut, der Schürzinger sehr gut, der Rauch und der Speer schön besetzt, Karoline auch gut, es wird von allen gut gespielt! Es ist nicht leicht, alle Personen des Stückes über den Horváth’schen Text hinaus prägnant auf die Bühne zu bringen. Wie sie alle in etwas hineinschlittern! Der ein oder anderen Person des Stückes hätte mit Text und Darstellung vielleicht noch mehr Deutlichkeit gut getan, aber das ist eine Frage der Inszenierung. So basiert der Abend trotz der guten Einlagen sehr auf dem Text, den Dialogen! Auch das geht aber kaum anders bei diesem Stück. Im Orignaltext von „Kasimir und Karoline“ stecken die Charaktere des Stückes im Grunde ja herrlich hinter den meist kurzen banalen Sätzen und kurzen Unterhaltungen in seinen 117 „Szenen“. Schwer auf der Bühne. Ich fand es aber insgesamt gut gelungen, gerne mehr vom THEATER_PERLACH mit den jungen SchauspielerInnen!

Eine schlicht wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! HIER der Trailer, man wird es sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist beides: Hin ins MUCCA UND den Film ansehen! Vielleicht demnächst auch noch „Kasimir und Karoline“ im Residenztheater sehen. Unterschiede sind immer gut!

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THEATER: Premieren 2025/2026

Achtung, die Premierentermine sind in der Übersicht kaum erkennbar genannt, aber sie sind drin! Etwas schade etwa für München: Es sind nur öffentliche Häuser genannt, auch die nicht vollständig (Volkstheater etwa nicht), und es sind die Bühnen des freien Theaters (HochX, Zentraltheater, PATHOS Theater u.v.m.) nicht genannt.

HIER der Link zum pdf.

Das Heft kann auch als Print Version erworben werden! HIER der Link zur Bestellmöglichkeit (auch der anderen Ausgaben von DIE DEUTSCHE BÜHNE).

Auf dem Cover des SONDERHEFTES (siehe das Beitragsbild oben): „Der zerbrochne Krug“, das in der vergangenen Spielzeit 2025/26 die meisten Premieren verzeichnet. Gezeigt ist die Inszenierung von Elsa-Sophie Jach am Schauspiel Leipzig mit Teresa Schergaut und Sonja Isemer. Foto: Rolf Arnold

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THEATER: William Shakespeare – Richard II., eine Inszenierung von Claus Peymann

HIER der Link. Es ist eine gerade gegen das Ende hin großartige Inszenierung! Schauspielerisch ganz wunderbar!

Die Aufführung ist ZUM EINEN für jeden/jede, der/die eindrucksvolle schauspielerische Leistung erleben will, ein wahrer Genuss! Michael Maertens spielt den englischen König Richard II. schlicht großartig, es ist fast einer Soloaufführung! Aber auch die anderen SchauspielerInnen: Wunderbar, auch durch die ständigen Nahaufnahmen der Aufzeichnung. Michael Maertens ist heute übrigens („aktuell“) im Ensemble des Wiener Burgtheaters, vor wenigen Jahren spielte er den Jedermann bei den Salzburger Festspielen, die ja gerade wieder (auch „aktuell“) stattfinden.

Wenn allerdings der Regisseur einer Inszenierung auch für die schauspielerische Leistungen an sich ausschlaggebend ist oder sein kann, dann ist diese Inszenierung wohl nicht nur ein großes Werk von Michael Maertens, sondern auch ein großes Werk des kürzlich (auch „aktuell“) verstorbenen Claus Peymann!

ZUM ANDEREN: Dieses Stück von William Shakespeare, das selten auf der Bühne zu sehen ist, hat sogar eine gewisse inhaltliche Aktualität: Ich hatte im Blog einmal über das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt geschrieben, ein Buch über William Shakespeares „Machtkunde“, HIER der Link. Dort heißt es auf Seite 10 – und man denkt an das heutige Amerika:

“Wie kann es sein, so fragte er (Shakespeare), dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung hat, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen würden Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Es passt nicht eins zu eins auf Donald Trump (auch „aktuell“), aber annähernd. Und auch in „Richard II“ greift Shakespeare diese Fragen auf. Für Shakespeare drohte vor allem eine tiefe Spaltung oder Teilung Englands bei einer Machtübernahme nach Richard II. durch Bolingbroke, später Heinrich IV.. Bolingbroke wäre hier Donald Trump, der allerdings sogar gewählt wurde. Eine Folge, wie sie Shakespeare anspricht (Spaltung des Landes), zeigt sich allerdings in den USA noch nicht.

Zu William Shakespeare muss man immer wissen: Er wählte „Historiendramen“, da er nicht direkt in die aktuellen politischen Diskussionen der Zeit um 1590 eingreifen durfte. Bloß nichts Aktuelles, der todbringende Vorwurf des Hochverrates lag damals schnell nahe! Die Zeiten von Shakespeare waren in England hochriskant und hochkontrovers. Der immer schwelende Konflikt von Protestantismus (Königin Elisabeth) gegenüber Katholizismus (Königin Maria) rüttelte lange Zeit heftig an England, die heutige Teilung Irlands ist ja immer noch ein Zeichen davon. Auch gegen die protestantische Königin Elisabeth gab es zu Shakespeares Zeiten natürlich Putschversuche. Königin Elisabeth und Königin Maria (katholisch) waren ja Töchter von Heinrich VIII.

Zu Richard II. sollte man wissen: Er war König von England von 1377 bis 1399, Stichwort „Historiendrama“, wurde dann abgesetzt und ermordet. Darum geht es in Shakespeares „Richard II.“. Nach ihm kamen u.a. Heinrich IV.-VI. und Eduard IV. und V., 1483 kam Richard III. Und so weiter.

Die Inszenierung von Claus Peymann fällt ansonsten noch auf durch ihre klare Sprache, durch das klares so schlichte Bühnenbild und ganz vereinzelt durch eine seltene ganz kurze plötzlicheWendung in einen heutigen Gesprächston hinein, nur einzelne Wörter lang. Sehenswert.

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THEATER: Asiimwe Deborah Kawe – Das gelobte Land

„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.

Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.

Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.

„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.

Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:

Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.

Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.

Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.

Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.

Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.

Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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Sonstiges

BALLETT: Pierre Lacotte – La Sylphide

„La Sylphide“ hatte Uraufführung in der ersten Choreografie von Filippo Taglioni schon im Jahre 1832! Und es wurde in dieser Version vor fast exakt 185 Jahren (!), am 14. Juli 1840, schon in München gezeigt, am damaligen „Königlichen Hof- und Nationaltheater“, dem heutigen Nationaltheater. Andererseits: Wirklich lang ist das nicht her!

Im 19. und 20. Jhdt. stand „La Sylphide“ immer wieder auf dem Programm des Bayerischen Staatsballetts und nun, seit November 2024, wird es dort wieder – in der etwas späteren Fassung von Pierre Lacotte von 1972, die aber bewusst ganz eng am „Original“ von Taglioni festhält – gezeigt. Das Stück gilt in der Ballettwelt als der „Durchbruch“ des Spitzentanzes, mit nicht enden wollendem Applaus am Ende.

Weitere Aufführungen von „La Sylphide“ sind am Bayerischen Staatsballett ab November 2025 zu sehen.

Durch und durch klassisch ist nicht nur der Tanz, ist nicht nur die Kostümierung, das Bühnenbild, die Musik, die Choreografie, die „Geschichte“, die erzählt wird, nein, alles, auch das Recht deutlich werdende damalige Rollenverständnis von Mann und Frau.

Der Inhalt von „La Sylphide“ insgesamt wird in der Inszenierung von Pierre Lacotte sehr deutlich: Man könnte zusammengefasst sagen, es ist inhaltlich der Spruch: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“. Denn der junge James will zuviel! Das ist immer gefährlich, auch heute noch! Er steht kurz vor der Hochzeit mit Effie, da träumt er plötzlich vom so wundervollen eleganten Wesen „La Sylphide“, wie von einer „Traumfrau“. Er denkt immer wieder an sie, die Hochzeit mit Effie fällt aus, James will „La Sylphide“, die wieder erscheint, unsichtbar für die Anderen, an sich binden, dieses elegante Wesen, sie stirbt aber letztlich durch „Berührung“ gewissermaßen, und … Effie ist dann für James verloren, sie heiratet James‘ besten Freund Gurn, der Effie ohnehin offenbar immer schon mehr liebte … Tja, so kann es gehen. Fraglich bleibt allerdings ein wenig, ob James von sich aus plötzlich „mehr“ wollte – dann gilt der Spruch oben – oder ob er verwirrt, umgarnt wurde von „La Sylphide“ (aber letztlich will er sie ja für sich „fangen“). Das Thema ist jedenfalls zeitlos.

Sich mit der erzählten Geschichte von „La Sylphide“ auseinanderzusetzen, hatte allerdings keinen besonderen Reiz für mich. Es war eher der Tanz. Besonders nach der Pause merkte man die fast eigentümliche Eleganz des Spitzentanzes, die eigenartige Besonderheit, die der Spitzentanz für das Ballettwesen sicher hat. Es ist höchste Kunst, die man sieht, höchster Ausdruck, es sieht so schwerelos und leicht aus – nach der Pause vor allem im Tanz der „La Sylphide“ und der zahlreichen Sylphen, wo es doch genau das Gegenteil ist! Man sollte sich dem besonderen Ausdruck des Spitzentanzes, der Eleganz bei höchster Anstrengung und Konzentration, dem Träumerischen der Sylphenwelt, hingeben, wenn man diese Aufführung besucht!

Vor allem vom Solisten António Casalinho als James – mit seiner phantastischen Sprungkraft – und der Solistin Margarita Fernandes als La Sylphide konnte man so in der Tat mit ihrem so klassischen Tanz begeistert sein. Besonders sie erhielten den oben schon genannten nicht enden wollenden Schlussapplaus.

Von der Musik war ich weniger angetan. Ich hatte nach der Aufführung die Musik überspitzt so beschrieben: „Irgendetwas zwischen Nationalhymne und Oktoberfestmusik“! Es war die Musik der „Originalversion“, komponiert von Jean-Madeleine Schneitzhoeffer. Nun gut, überspitzt formuliert bitte!

Insgesamt war es aber auch für mich ein schöner „Blick zurück in die Zeiten des romantischen Balletts“, ein Blick in wahrscheinlich eines der Grundelemente einer jeden Ballettausbildung, die zu wirklichen Höchstleistungen führen soll … und auch führen kann, wie man sah. Ein Meilenstein für den Ballettfreund!

Hier noch zwei Bilder der Aufführung:

HIER link zur Produktionsseite „La Sylphide“ des Bayerischen Staatsballetts.

Copyright der Fotos: Katja Lotter

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LITERATUR: Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen?

Der Titel klingt fast provokant: Sofort weiß man doch: „Aber bitte! Flüsse sind doch keine Lebewesen!“. Wir müssen aber umdenken und man ist auch bereit, umzudenken, wenn man dieses Buch sorgfältig gelesen hat. Ich habe es zweimal gelesen. Der entscheidende Schritt: Wir müssen uns öffnen und dazulernen, wir müssen dabei lernen, das Wort „Leben“ und „Lebewesen“ neu zu denken. Wir müssen uns öffnen dahin, dass alles auf der Welt in Verbindung zueinander steht. Dass wir selbst nicht alles in Subjekt – Objekt einteilen dürfen. Ein Fluss ist nicht nur ein Fluss. Ein Wald ist nicht nur ein Wald. Im Buch heißt es an einer Stelle: „Leben ist Verbindung!“. Ein großer Satz. Alles ist somit Subjekt, nicht nur der Mensch.

Im Buch von Robert MacFarlane kann man anhand von drei ausführlichen Reiseberichten erfahren, dass gerade Flüsse mit allem in Verbindung stehen. Nicht nur mit ihrem Ufer, mit dem angrenzenden Wald, den Lebewesen im Wald, den Pflanzen und Pilzen (!), den Lebewesen im Wasser und in der Luft, nicht nur mit dem kleinen und großen Klima, nein, auch mit den Menschen, die am Fluss leben, letztlich mit den Menschen insgesamt! Wer konnte all das jahrhundertelang besser erkennen, als die indigenen Völker, die in so wertvollen Flussgegenden wohnten und wohnen? Sie kämpfen darum! Es geht dann am Ende des Buches – fast ratlos – in die Richtung „Flüsse sind Gottheiten“, Gottheiten, die wir nicht verstehen.

Das Buch will nicht etwa mit einer hilflosen Theorie „überzeugen“. Wie gesagt, es enthält drei Reiseberichte zu drei riesigen wieder einmal bedrohten Flussgebieten: a) Zu den „Los Cedros“, einem aktuell von Bergbau bedrohten Nebelwald in Ecuador, b) zu einem fast schon „abgestorbenen“ riesigen Flussdelta bei Chennai in Südindien und c) zum reißenden Fluss Muthehekau Shipu in der Nähe von Québec in Kanada, der bald durch riesige Staudämme gebändigt werden soll.

Die auch mal etwas langatmigen Schilderungen der Naturerlebnisse vor Ort gehören dabei dazu, um das Wesen der von Robert Macfarlane besuchten Flüsse verstehen zu können. Diese teils sehr schönen Naturschilderungen werden immer wieder verbunden mit Schilderungen der ortskundigen Personen, die Robert Macfarlane begleiteten und die er traf. Meist Menschen, die sich für den Schutz der jeweiligen Flüsse einsetzen. Die Schilderungen werden auch verbunden mit Schilderungen der ersten Entscheidungen durch Gerichte oder Behörden, auch Gesetze, mit denen Flüssen eigenständige Rechte zugebilligt werden. Wie soll sonst deren Zerstörung verhindert werden! Die Geltendmachung der Rechte ist dann das Problem. Es geht ja nicht nur darum, Naturschutzgebiet zu bestimmen. Wir können die Natur nicht „einsperren“.

Gerahmt sind die Schilderungen von Robert Macfarlane des Weiteren von guten theoretischen Worten am Anfang und am Ende des Buches.

Grundsätzliches zur „Rights of Nature“ – Bewegung:

Der „Rights of Nature“-Bewegung liegt das Verständnis zugrunde, dass die Natur und die Menschheit zwei Seiten derselben Medaille sind, keine getrennten Lebewesen. Die Natur ist nicht nur Objekt unserer Eingriffe (oder unserer Schutzmaßnahmen), sie ist mit den Menschen zusammen Subjekt allen Handelns, sie braucht Rechte. So geschah es …:

In Ecuador und Bolivien sind die Rechte von Mutter Erde seit 2008 und 2010 verfassungsrechtlich anerkannt.

Im Jahre 2016 kam es zu einem bahnbrechenden Urteil: Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach dem Fluss Atrato die Rechte auf Regeneration, Pflege, Erhaltung und Schutz zu.

Im Jahr 2018 verlieh der Oberste Gerichtshof Kolumbiens dem Amazonas – dem längsten Fluss der Welt – den Status einer Rechtspersönlichkeit.

In Ecuador bestätigte ein Grundsatzurteil die verfassungsmäßigen Rechte des Los Cedros-Schutzgebietes gegen den Bergbau. 

In der Côte-Nord-Region der kanadischen Provinz Québec wurde vor Kurzem der Rivière Magpie zu einer juristischen Person erklärt. In der Sprache der First Nations der Innu trägt das 290 Kilometer lange Gewässer den Namen Mutuhekau Shipu. Er ist der erste Fluss Kanadas mit diesem Status. Er verfügt dadurch über neun Rechte: unter anderem das zu Fließen, frei von Verschmutzung zu sein, seine Artenvielfalt zu erhalten – und zu klagen.

Jüngst haben wir auch in Europa einen ersten Meilenstein gesehen: Die Salzwasserlagune Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste wurde im Frühjahr 2022 als erste Natur-Entität Europas zur juristischen Person ernannt.

Wissenschaftler:innen haben übrigens gemeinsam die Online-Plattform Eco Jurisprudence Monitor gegründet: Auf einer interaktiven Landkarte werden dort mehr als 300 Fälle weltweit sichtbar, wo derzeit Rechte für die Natur verhandelt werden oder schon durchgesetzt sind.

Ich empfehle das Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, wenn man bereit ist, weiter zu gehen, als es die herkömmliche Politik es tut: Nämlich wenn man bereit ist, den Gedanken für die Anerkennung des Prinzips „Leben ist Verbindung“ und die Anerkennung der „Rights of Nature“-Bewegungen offen gegenüberzutreten, sie mitzutragen und zu fördern.

Es gibt außerdem die Zeitschrift „Good Impact“ aus Berlin. HIER der Link zur Magazinseite. No. 1 des Magazins (unter seinem neuem Titel) hatte das Thema „EINSPRUCH FÜRS KLIMA – Wie wir das Recht für unseren Planeten nutzen können“. Darin geht es ab Seite 58 um das Thema: „Die Rechte und Pflichten des Wassers“. (Auch interessant im selben Heft, Seite 48: „Believe the hype – Klimaklagen gegen Staaten“.)

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Unglaublich passend zu diesem erstaunlichen Buch sind übrigens in ihrer Kombination das nachfolgende Video und der Musiktitel „Vladimir’s Blues“ dazu von Max Richter. Bild und Ton sind sich oft wiederholend, aber in ihrer ganzen Länge und Ruhe sind sie zusammen passend zum ewigen Fließen des Wassers, zum Fließen des Lebens. Πάντα ρει.

HIER der Link zu einem Artikel in der National Geographic.

HIER nochmals der Link zum Good Impact Magazine.

HIER der Link zur interessanten Website „Eco Jurisprudence Monitor“.

HIER der Link zur Verlagsseite zum Buch.