Kategorien
Allgemein

THEATER: Irmgard Keun – Nach Mitternacht

Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.

Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.

Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.

Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.

Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.

Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.

Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Noch eine Aufnahme:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld