In München sind in diesen Wochen zwei (wahrscheinlich) völlig unterschiedliche Versionen des schönen Stückes „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth zu sehen. Durch Unterschiede sieht man besser! Genauer gesagt: Die erste Version (THEATER_PERLACH unter dem Titel „A Matz bist scho“) hatte vorgestern, Mittwoch, den 17. September, Premiere, ich habe sie gesehen, die zweite Version (Münchner Residenztheater unter dem Titel „Kasimir und Karoline“) hat in der kommenden Woche, am 24. September, Premiere. Ich werde sie auch sehen.
Die Version des THEATER_PERLACH ist kurzfristiger zu sehen. Deren leider recht wenigen Termine (auch gestern Abend, am 18.09.2025) sind oben im Bild zu sehen.
Schon die Spielstätten beider Versionen sind extrem unterschiedlich! Die Version des THEATER_PERLACH wird an einem Spielort gebracht, der das glatte Gegenteil ist zum Münchner Residenztheater in seiner feinen Atmosphäre. Gezeigt wird die Version des THEATER_PERLACH nämlich im MUCCA im sich fast selbst überlassenen Areal an der Schwere-Reiter-Straße/Ecke Dachauer Straße, das mit heruntergekommenen Industriehallen bebaut ist, von verschiedensten Initiativen kurz- oder langfristig kreativ genutzt wird und von der Stadt München zum „Kreativquartier“ entwickelt werden soll. Das Residenztheater ist da ein klein wenig anders.
Vom THEATER_PERLACH hört man nicht oft. Es ist eine private Initiative, sie bringen pro Jahr eine Inszenierung auf die Bühne, es ist aber nicht etwa eine „Laientruppe“, nein, das Ensemble besteht aus jungen ausgebildeten Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich vor allem mit der Unterstützung von Ferdinand Leopolder als „Produzent“ und Andrea Funk meist als „Regisseurin“ sehr engagiert der Theatersache annehmen. So sieht Theaterbegeisterung aus! Man muss hoffen, dass die städtische Förderung nicht versiegt, sie ist geringer geworden, hört man! Eine feste Spielstätte hat das THEATER_PERLACH nicht. Umso mehr lohnt es sich, jetzt zum MUCCA zu gehen!
Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ kennt man ja, es passt zur jetzt beginnenden Wiesn! Wie man sich (absichtlich) verliert auf der Wiesn, sich selbst und eben auch (unabsichtlich) den Freund/die Freundin, Kasimir etwa die Karoline! Eine „Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut“ nennt Ödön von Horváth seine Geschichte von Kasimir, der, arbeitslos geworden, auf dem Oktoberfest seine Braut Karoline für immer verliert. Das Oktoberfest, also die „gewählte“ Gaudi, und die „ungewählte“ Realität mischen sich fatalerweise bei Horváth. Aufs Oktoberfest geht man ja eigentlich auch heute noch, um sich für kurze Zeit in eine andere Welt zu versetzen, um sich von der Realität zu entfernen, sie einfach auszublenden! Die Realität kommt ja am Tag danach wieder ins Spiel! Aber die Trennung Wiesn/Realität geht eben nicht immer, vor allem eben nicht bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.
Karoline ist bei Ödön von Horváth die „Wiesnbraut“. Sie will auf der Wiesn auch natürlich Amusement, aber im Amusement will sie doch auch das „bessere Milieu“, will höher hinaus und verliert dabei ihren Kasimir, weil sie eben doch im Amusement gleichzeitig die (schwierige) Realität vor Augen hat. Kasimir fragt Karoline noch: „Was willst Du denn durch diese Herrschaften dort erreichen?“ „Eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“, antwortet sie.
Die Inszenierung des THEATER_PERLACH ist an mancher Stelle wortgetreu Ödön von Horváth, was auch kaum anders geht bei diesem Stück. Es heißt in der Ankündigung „frei nach Ödön von Horváth“, passt auch alles bestens zusammen. Man sitzt in der hohen Halle des MUCCA an drei Seiten um die Bühnenfläche herum, jeder sieht (fast) jeden, wie auf der Wiesn. In der Mitte der etwas höher gelegten Bühnenfläche steht ein Baumstamm, geschmückt mit langen Bändern, die auch immer wieder wie beim Schäfflertanz benutzt werden. Über 50 Bierkrüge werden an die Spiegelwand im Hintergrund gehängt, es gibt immer wieder kürzere musikalische und tänzerische bayerische „Einlagen“, wie im Originalstück manch Lied gesungen, manch Wiesnmusik angespielt wird, dafür gibt es einen Musiker mit Ziehharmonika, auch die Kostümierung ist schön farbenfroh, es sind aber nicht etwa alle in Tracht! Die Wiesn, sie wird hier eher dezent angedeutet.
Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielen es wirklich gut! Es wird dabei nicht der noch weit schickere heutige Wiesnkult dargestellt, nein, man bleibt eher in der Horváth’schen Zeit oder zeitlos. Nicht zwanghaft bleibt man dort, aber doch eher eben in Horváths Zeit, nicht deutlich in der heutigen extremeren Wiesn-Welt. Sie spielen es auch allesamt nicht übertrieben, Kasimir mit seiner Melancholie und seinem Unverständnis sehr gut, der Schürzinger sehr gut, der Rauch und der Speer schön besetzt, Karoline auch gut, es wird von allen gut gespielt! Es ist nicht leicht, alle Personen des Stückes über den Horváth’schen Text hinaus prägnant auf die Bühne zu bringen. Wie sie alle in etwas hineinschlittern! Der ein oder anderen Person des Stückes hätte mit Text und Darstellung vielleicht noch mehr Deutlichkeit gut getan, aber das ist eine Frage der Inszenierung. So basiert der Abend trotz der guten Einlagen sehr auf dem Text, den Dialogen! Auch das geht aber kaum anders bei diesem Stück. Im Orignaltext von „Kasimir und Karoline“ stecken die Charaktere des Stückes im Grunde ja herrlich hinter den meist kurzen banalen Sätzen und kurzen Unterhaltungen in seinen 117 „Szenen“. Schwer auf der Bühne. Ich fand es aber insgesamt gut gelungen, gerne mehr vom THEATER_PERLACH mit den jungen SchauspielerInnen!
Eine schlicht wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! HIER der Trailer, man wird es sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist beides: Hin ins MUCCA UND den Film ansehen! Vielleicht demnächst auch noch „Kasimir und Karoline“ im Residenztheater sehen. Unterschiede sind immer gut!