Drei Schritte in die deutsche Vergangenheit: Mit der Inszenierung des Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann ging es nun – mit einem dritten Schritt – zeitlich am weitesten zurück: Der ERSTE Schritt war kürzlich der Roman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun gewesen (HIER mein Beitrag zur aktuellen Inszenierung am Residenztheater), er erschien 1937 und „zeigt“ zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
Der ZWEITE Schritt war – ebenfalls derzeit am Residenztheater – die Inszenierung des Stückes „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth gewesen (HIER mein Beitrag dazu). Dieses Stück hatte 1932 Uraufführung – also etwas weiter zurück – und „zeigt“ einen Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
Und nun ein DRITTER Schritt: Es ging – wieder am Residenztheater, auf der Bühne des Cuvillestheaters – zurück in die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg. Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ war 1914 vollendet, die erste Buchausgabe ist von 1918, er „zeigt“ die Zeit wenige Jahre vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
Der Roman „Der Untertan“ ist dabei vielleicht als der „historisch genaueste“ anzusehen, das Romanmanuskript trägt den Untertitel: »Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II“. Er gilt als das wichtigste literarische Dokument über das deutsche Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. Es ist aber auch der schwierigste der drei Romane/Stücke. Schwer zu lesen, recht „steif“ geschrieben, für heutige Zeiten nicht sehr inspirierend, sehr umfangreich. Aber es stellt sich die Frage: Hat Heinrich Mann damit nicht sogar generell – auch für heute noch – ein Element der deutschen Seele gezeigt?
Der Hausregisseur des Münchner Residenztheaters Alexander Eisenach hat sich daran gewagt, den Roman – wohl auch mit Gedanken an die heutige Zeit (Stichwort „autoritäre Staaten“), wie man dem Programmheft entnehmen kann – auf die Bühne zu bringen. Und es ist gelungen, auf dieser „trockenen“ Romanbasis ein tolles Inszenierungsfest mit vor allem großartiger schauspielerischer Leistung von Lukas Rüppel als der „Untertan“ zu erstellen.
„Inszenierung schlägt historische Düsternis“, so kann man es zusammenfassen, so wurde es ansehnlich! Die Inszenierung bietet fast in der Manier von Frank Castorf viele, viele beeindruckende Theatermomente und reißt damit das ja eher „düstere“ Thema des Romans „Der Untertan“ sehr ansehnlich und „mitreißend“ auf die Bühne. Auch die Schnelligkeit der Erzählung und der Wechsel, der Übergang der Stationen des Geschehens ineinander erinnert durchaus ein wenig an Frank Castorfs Formen. Allerdings nur leicht, es behält natürlich eine sehr eigene Note gemäß Alexander Eisenach.
Die schönen Theatermomente etwa: Die Gerichtsverhandlung von den Balkonen des Theaters. Die Kameraführung während dieser Gerichtsverhandlung allein. Oder die Tatsache, dass mehrfach eine dünne, ganz leicht durchsichtige Leinwand vor der Bühne herunterfährt, auf der in schwarz-weißem Großformat das Geschehen auf der Bühne hinter/in der „Kathedrale“ als Video gezeigt wird (Video: Oliver Rossl, Komposition: Benedikt Brachtel und Sven Michelson) und auch manche Großaufnahme eines Gesichtes gebracht wird. Oder die Beleuchtung der auf der Bühne stehenden kathedralenähnlichen Skulptur (Licht: Verena Mayer).
Wie gesagt: Großartig Niklas Rüppel als Diederich Heßling, der Untertan. Zunächst als Kind, dann als Schüler, Strafe fast genießend, er spielt Diederich Heßling sehr gut. Später er in der Pfütze, der Kaiser auf dem Ross. Natürlich geht alles dabei ein wenig auf Kosten der Verständlichkeit, der Roman ist ja um einiges ausladender. Aber es bleibt die Überlegung: Hat man damit etwas gesehen, was zur Zeit überall auf der Welt (gerade in Deutschland ja noch nicht!) autoritäre Führungspersonen nach oben spült? Warum wollen so viele Menschen Autorität? Wollen Sie lieber Handlung statt Moral? Brutales Hierarchiedenken statt Demokratie (auch das ist ja Thema von „Der Untertan“)? Brutaler Kapitalismus oder soziales Denken? Das Fazit wäre insoweit: Autoritäre Führungsstile sind weltweit im Kommen, in Deutschland halten wir noch die Demokratie. Wir müssen aber auch aufpassen, weil sich schon damals etwas „Deutsches“ im „Untertan“ befand und sich vielleicht noch befindet.
Nicht verstanden habe ich, warum Alexander Eisenach alle männlichen Personen des Stückes – und es gibt ja in „Der Untertan“ viel um „eingebildete“ Männlichkeit – außer Diederich Heßling (der Untertan) von Frauen spielen lässt. Das wiederum hatte leider für mich noch einen Effekt: Ich habe die Texte der Schauspielerinnen akustisch um einiges schlechter verstanden, als den Text von Niklas Rüppel/ Diederich Heßling. Ich hoffe, es ging nur mir so, glaube aber, dass es durchaus auch an den Schauspielerinnen oder der speziellen Akustik des Cuvillestheater lag.
Hier noch ein Foto von dem Abend, den man sicher zweimal sehen kann, um den Untertan darin wirklich zu verstehen:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld