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THEATER: Akademietheater – Kassandra

Ich hatte diesmal vage Erwartungen an das Stück Kassandra. Erwartungen sind immer gefährlich! Es hieß, es sei eine Inszenierung auch auf Basis des wunderbaren Romans „Kassandra“ von Christa Wolf. In diesem Roman schildert Christa Wolf all das, was sich die Trojanerin Kassandra als Beute des Siegers Agamemnon im Wagen sitzend auf dem Weg durch die Menschenmassen Richtung Agamemnons Heimatstadt dachte. Es heißt in der Ankündigung: Schauspiel-Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding präsentieren KASSANDRA – Echos aus Troja.

Sicherlich kommt auch in Christa Wolfs so lesenswertem Roman „Kassandra“ stückweise die gesamte Geschichte des Trojakrieges und der daran beteiligten Personen zur Sprache. Aber eben alles allein Aussicht von Kassandra. Das ist das Besondere dieses Romans. Dieses Besondere des Romans fand sich leider – so mein Eindruck – in der Inszenierung von Kassandra am Akademietheater sehr wenig. Die Inszenierung (eine Inszenierung von Thomas Lettow, Schauspieler des Münchner Residenztheaters) legte ihren Schwerpunkt doch eher auf die neutrale Historie des bekannten Trojakriegs, nicht aber auf Kassandras so subjektive Gedankenwelt. Schade.

So blieb es auch nicht aus, dass alle relevanten griechischen und trojanischen Personen (alle im Großen und Ganzen relevanten Beteiligten kommen vor, werden erwähnt) so dargestellt wurden, wie man es leider gewohnt ist: Oft etwas bemalt, von der „normalen“ Welt irgendwie enthoben, recht laut und bedeutungsschwanger redend, heroisch, tragisch, geölte Haare nach hinten, alle Augen dunkel gezeichnet, in einheitliche Gewänder gekleidet, eben aus einer fernen Welt. Schade, mein Eindruck des Romans Kassandra von Christa Wolf ist derjenige, dass sie für sich alles sehr subjektiv als ein ganz natürliches Geschehen überdenkt. Andererseits: So „pauschal“ werden sie allesamt auch schon im Residenztheater in der Inszenierung „Agamemnon“ gezeigt. Thomas Lettow spielt dort übrigens Agamemnon. Vielleicht hat er es unbewusst etwas übernommen.

Die so guten schauspielerischen Leistungen aller jungen Schauspieler und Schauspielerinnen der August Everding Theaterakademie gingen für mich daher leider in diesem zu pauschalen Bild des antiken Griechenlands unter. Ich hatte Sensibleres erwartet, erhofft, was aber sicherlich auch schwer ist in punkto „Trojakrieg“. Zumindest Christa Wolf ist es gelungen.

Ob das Stück etwa im Herbst nochmals an der Theaterakademie gezeigt wird, steht noch nicht fest. Zusammen mit Agamemnon und Athena am Residenztheater ließe sich so jedenfalls ein schönes Dreierpaket schnüren. Die schöne Bühne des Akademietheaters lohnt sich allemal!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Fotos: Cordula Treml

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THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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Musik: TUNE – DJ Nigga Fox, Márcio Matos, NWAKKE

Ein kurzer Hinweis: In der Westgalerie des Hauses der Kunst geht es an diesem Wochenende (Samstag Abend) weiter mit der Reihe TUNE. Diesmal mit tiefem rhythmischen Sound, der wie eine Massage in den Körper geht. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich sagen: Ich habe wieder einen tollen Abend im P1 erlebt! Besser noch! In dieser so weiten und hohen Halle – in dieser Lautstärke – in dieser Clubatmosphäre – mit diesen Bässen – in dieser Art, wie der Bassrhythmus den Körper erzittern ließ.

Es gibt übrigens im Haus der Kunst derzeit eine Ausstellung „Glamour und Geschichte – 40 Jahre, P1“! HIER der Link. Dort heißt es so schön: Wenn im P1 ein junger Mann auf der Tanzfläche ausflippte und man dachte: Der sieht aus wie Mick Jagger. Dann war es Mick Jagger.

Gestern:

Es heißt: „TUNE ist eine Serie kurzer Soundresidencies am Haus der Kunst, angesiedelt zwischen den Feldern Sound, Musik und visueller Kunst. Die eingeladenen Künstler*innen arbeiten genre-, epochen- und stilübergreifend und schaffen klangliche Beiträge, die im Dialog mit dem aktuellen Programm des Haus der Kunst stehen.“ (Website des Hauses der Kunst, HIER).

Hingehen und für eine Stunde wieder etwas sehr Cooles erleben.

Nach der Sommerpause wird es weitergehen:

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Ballett: Duato/Skeels/Eyal

Die großen Häuser des klassischen Balletts geben dem modernen Ballett schon lange seinen Raum, zumal man hierzu sagenhafte Inszenierungen sehen kann. So gibt es zurzeit wieder am Bayerischen Staatsballett einen Abend modernen Balletts.

Ich hatte kürzlich über das wahrlich faszinierende Gastspiel von Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett geschrieben. Es war tänzerisch und besonders von der Gesamtchoreografie her ein ganz erstaunliches Gesamtkunstwerk. HIER der Link. Jetzt hatte ich Gelegenheit, auch Duato/Skeels/Eyal am Bayerischen Staatsballett zu sehen. Ende Juni und im November wird es wieder gezeigt. HIER der Link zur Seite der Produktion „Duato/Skeels/Eyal“ auf der Website des Bayerischen Staatsballetts mit interessanten Trailern und Videos.

Hier ein Trailer:

Wieder einmal spürt man die Vielfalt und gleichzeitig Hochklassigkeit des modernen Balletts. Mehr Vielfalt wohl als beim klassischen Ballett (ich bin kein Spezialist für klassisches Ballett), das doch deutlicher an bestimmte Varianten/Methoden des Tanzes gebunden zu sein scheint. Man wird an diesem Abend in drei Welten hineingezogen. Vor der Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen nicht Sprache, sondern Körper, Bewegung und Choreografie es schaffen, verschiedenste Ausdrücke zu erzeugen und Geschichten zu erzählen, gepaart mit absolut hochgradiger Ballettkunst, kann man wieder einmal nur den Hut ziehen. Das ist es, was mir am modernen Ballett gefällt. So war auch mein Eindruck am Abend Duato/Skeels/Eyal. Es sind, wie gesagt, drei Teile, Teil zwei und Teil drei besonders waren großartig!

Teil eins des Abends (White Darkness von Nacho Duato) war noch am ehesten geprägt von einer gewissen Bindung an das klassische Ballett durch seine doch recht stark Mann-Frau-zentrierte Darstellung. Fast etwas plakativ ging es Nacho Duato um den Drogentod einer seiner Schwestern. Man hatte den Eindruck, die Tänzer waren sehr stark in der Rolle, die Tänzerinnen zu führen. Diese eher klassische Herangehensweise ist bei Duato gut nachvollziehbar, er pendelte in seinem Leben teils zwischen klassischem Ballett und modernem Ballett. Seine erste Choreografie hatte er am NDT!

Etwas einseitig wirkte White Darkness daher fast im Vergleich zu den anderen beiden Teilen, die auch jünger sind. White Darkness ist eine Choreografie aus dem Jahre 2001, während Chasm von Andrew Skeels seine Uraufführung am Bay. Nationaltheater im April 2024 und Autodance von Sharon Eyal seine Uraufführung in 2018 hatten. Die Einseitigkeit scheint der Hintergrundgeschichte der Choreografie geschuldet, dem Tod einer der Schwestern von Nacho Duato. Weißer Sand rieselt mehrfach auf die Bühne, im Schlussbild „vergeht“ eine Tänzerin im rieselnden weißen Schnee – der Droge! Starke Bilder, Duato ist ein Fan der Lichteffekte. Teil zwei und Teil drei des Abends sind dagegen ganz besonders sehenswert. Die Pausen zu Teil zwei und drei lohnen sich.

Ein Foto zu Teil 1:

Copyright: Nicholas MacKay

In Teil zwei (Chasm von Andrew Skeels) ist ein Science Fiction Szenario. Der Zuschauer wird durch eine beeindruckende Choreografie in absolut ferne Zukunft geführt. Der Mensch lebt nach totaler Zerstörung der Erde in einer anderen Welt, hat sich auf eine andere Lebensform zurückziehen müssen, lebt in Höhlen, ist mittlerweile körperlich angepasst. Er muss und will wegen weiterer Änderungen der Lebensgrundlagen die Höhle verlassen und findet – über „Rituale“ – den Ausgang durch einen Riss. Das letzte Stückchen Hoffnung. Es wird eine insgesamt bedrückende Atmosphäre geschaffen durch Tanz, Bewegung und Choreografie. Eine Atmosphäre, die fremd ist und Bestürzung hinterlässt.

Ein Foto zu Teil 2:

Copyright: W. Hösl

Zu Teil drei (Autodance von Sharon Eyal) wird dem Zuschauer empfohlen, wegen der lauten Musik Ohrstöpsel zu verwenden. Gerade ohne Ohrstöpsel war es absolut beeindruckend! Clubkultur vermischt sich mit phantastischem Ballett. Man fühlte sich bei den harten Rhythmen der „Musik“ einerseits ins Münchner P 1 versetzt (Musik: Ori Lichtik), sehr modern, zeitlos. Die israelische Choreografin Sharon Eyal ist bekannt für rave-artige, extatische Gruppenstücke. Großartige oft schrittartige Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen zeigen Kontrolle und Extase zugleich, der Zuschauer wird der Möglichkeit einer genauen Interpretation und Orientierung dessen, was er sieht, entzogen. Auch hier entsteht eine fantastische Atmosphäre durch die tosende Musik (eher ein rhythmisches lautes Stakkato) einerseits und die körperlich so brillanten Bewegungen, die teils fast in Widerspruch stehen zum heftigen Club-Rhythmus, ruhiger, nicht ausgelassen und wirr sind Allein die Gangbewegungen, von denen alles ausgeht, zunächst einzeln, dann mehr und mehr in der Gruppe. Man merkte, dass es tänzerisch schlicht hochklassig war!

Ein Foto zu Teil 3:

Copyright: Nicholas MacKay

Copyright des Beitragsbildes: Nicholas MacKay

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THEATER: Elfriede Jelinek – Asche

„Asche“ ist thematisch wahrlich nicht humorvoll. Der Untergang unserer Erde, der nahende eigene Tod, der erlebte Tod ihres Lebensgefährten – Elfriede Jelinek verbindet diese drei düsteren Themen zu einem eher verzweifelten persönlichen Text. Warum verbindet Elfriede Jelinek diese Themen? Vielleicht verbindet sie sie – die persönlichen Themen (das Altern und der Tod) mit dem globalen Thema (Zerstörung der Erde) -, um zu zeigen, dass uns alle im Grunde diese drei Themen betreffen, jeden von uns! Es heißt ja bei ihr auch mit Blick auf die Zerstörung der Erde: „Wir waren böse Gäste“. Wir, also jeder. Und sie sagt: Der Mensch müsste sich ändern – der Mensch, also jeder – er kann es aber nicht! Wir gehen immer weiter im Kreis, bis alles kaputt ist, zu Asche wird! Und zum Thema der Alterung: „Auch ich, Elfriede Jelinek, war Gast und muss bald gehen“, sagt sie mit ihrem Text „Asche“ sinngemäß. Das zum persönlichen Thema.

So einfach bleibt es aber nicht einmal. Elfriede Jelinek schreibt in „Asche“ auch über Gott oder die Götter (in Anlehnung an die antike Mythologie). War erst Gott da (oder die Götter) oder waren erst die Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde da, überlegt sie. Warum das? Es kommen – typisch für sie – weitere teils abstruse Gedanken zum Ausdruck – der vollkommene Körper, ein anderer Planet, etc. Auch da fragt man sich manchmal: Warum? Man sollte – wenn möglich – den schwierigen Text lesen! Sonst geht selbst bei Betrachtung der Inszenierung manches unter – was kaum zu vermeiden ist.

Einiges geht allerdings – Stichwort: „kaum zu vermeiden“ – vielleicht auch wegen nicht deutlich genug gemachter „Sensibilität“ für den Jelinek-Text auf der Bühne unter. Falk Richters Inszenierung legt viel auf Jelineks „Textfläche“ drauf. Textfläche wie eine Plastikplane. Es bleibt damit eine Textfläche, die man schwer greifen kann. Künstliche Intelligenz, sprechende Avatare, Aufteilung des Textes auf mehrere SchauspielerInnen, Chaos auf der Bühne, Plastikmüll, Elfriede Jelineks Person selbst wird dargestellt, und und und, all das hilft ein wenig, den Text annähernd zu verstehen. Eine bekannte Methode bei Texten von Elfriede Jelinek. Es wird aber andererseits ein Bühnenspektakel. Ich hatte den Eindruck, dass der Inszenierung dadurch etwas fehlte: Ruhe und Verbitterung, Traurigkeit. Hilflosigkeit. So waren die vielleicht eindrücklichsten Momente der Inszenierung die stillen Momente, die Bühnenmomente teils ohne Schauspieler/Schauspielerin. Etwa, wenn auf der großen – über die ganze Bühnenbreite gespannten – Videofläche schnelle Bilder der Zerstörung und des Wütens der Erde gezeigt werden. Zur Musik übrigens von Matthias Grübel, der ja zuletzt schon die Musik zur Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks Text „Am Königsweg“ gemacht hatte, die damals zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen war.

Die Schönheit der Natur wird übrigens völlig an den Rand gedrängt, wird allenfalls kurz per Video eingeblendet oder ist auf dem Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich zu sehen, das längere Zeit auf der Bühne steht. Mehr nicht. Es ist ja schon zu spät. Auf der Bühne ist alles vermüllt, Plastik liegt herum, grelle Farben. Ein trostloser Eindruck.

Der Schauspieler Lars Eidinger sagte kürzlich in der SZ: „Die Welt geht gar nicht unter, sie ist schon untergegangen“. Das sieht Elfriede Jelinek wahrscheinlich auch so. Und selbst wenn wir etwas ändern wollen, wir drehen uns also im Kreis, sagt sie. Kommen immer wieder an denselben Punkt. Und sie nimmt eben ihr Altern und den Tod des Lebensgefährten zum Aufhänger.

Interessanterweise hat Lars Eidinger übrigens kürzlich den Film „Sterben“ produziert, ein Film über das Sterben. HIER ein Trailer dazu.

Im kommenden Jahr wird der Text „Asche“ auch – soviel ist bis jetzt bekannt – am Staatstheater Hannover und am Thalia Theater in Hamburg inszeniert werden. Es wird spannend werden zu sehen, wie der Text dort jeweils umgesetzt wird.

Schauspielerisch findet in München am ehesten Thomas Schmauser zur großen Melancholie der Themen von „Asche“. Das kann er einfach! Die übrige Besetzung … gut wieder, aber irgendwie auch nur auf Jelineks „Textfläche“ gelegt.

Der Abend an den Kammerspielen endete mit dem Thema des Alterns, nicht mit dem Thema der Zerstörung der Erde. Auch das ist fatal. Zum Thema des Alterns: Die Anstrengung, den eigenen Tod aufzuhalten, ist sicher sinnlos. Zum Thema der Zerstörung der Erde: Die Anstrengung, das Ende der Welt aufzuhalten, könnte noch Sinn machen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber – und da muss man Elfriede Jelinek Recht geben – nur hoffen ist sicher zu wenig. Deswegen ist ihre düstere Sichtweise ohne jeden Funken Hoffnung sehr verständlich und gut! Die Inszenierung hätte daher mehr verdient gehabt als ein Bühnenspektakel, das es irgendwie zu sein versucht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Maurice Korbel

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BALLETT: Peeping Tom – Triptych

Zunächst: Zu sagen, „Es war grandios“, würde der Sache nicht gerecht werden. Gut, es gab Jubel und Standing Ovations am Ende, die Äußerung klänge aber wie „Es war eine großartige Leistung“ und damit klänge es auch irgendwie herablassend. Als hätte man ja als „ZuschauerIn“ auch einmal das Recht oder den Anspruch auf eine so tolle Leistung, dort im großen edlen Zuschauerraum des Nationaltheaters sitzend. So ist es aber nicht! Es war so: Ich habe so etwas noch nicht gesehen und möchte das so Besondere an diesem Abend anerkennen, respektieren, bewundern. Ich müsste daher eher sagen: „Danke, es war wahrlich ein Gesamtkunstwerk!“. Jede Person, die Bühne, das Licht, die Szenen, die Bewegungen …

Was ist Traum – was ist Wirklichkeit? Was ist bewusst – was ist unbewusst? Das waren die Fragen, die sich am Abend ständig stellten. Es war nicht Ballett wie man es kennt, klassisches Ballett schon garnicht! Es war eine permanente Mischung aus „wortlosem“ Theater und unglaublichem Ballett/Akrobatik. In unglaublichen, ständig teils realen, wirklichen und sofort wieder unwirklichen Szenen. Es war inhaltlich eine tiefe Mischung aus Traum und Wirklichkeit. Diese Mischung auf diesen beiden Ebenen war irritierend, andererseits sprengte sie Grenzen! Und das Sprengen von Grenzen ist immer klasse! Und wenn ich sagen würde „Es war grandios“, denke ich, würde ich mich ja gerade doch in den mir vertrauten Grenzen halten! Das geht hier nicht, das passt nicht. Es geht um etwas anderes.

Ballett und Akrobatik waren dabei ein wesentlicher Teil des Kunstwerkes! Neben allem anderen! Ständig Bewegungen wunderbarer Art, Akrobatik schönster, fast irritierender und oft erstaunlicher Art. Immer wieder gab es Momente der Inszenierung, die nur ein großes Staunen hinterließen. In allen drei Teilen ging es allerdings um sehr, sehr düstere Szenen! Dunkle Atmosphäre. Immer wieder wurden Türen geöffnet, über die man dann doch nicht den doch engen Raum (ein Schiff, ein Hotel) verlassen konnte. Der Tod spielte ständig mit. Als wäre das menschliche Unterbewusstsein immer vom Tod und düstersten Vorstellungen getrieben! Das musste man bei allem hinnehmen.

Es gab nach dem ersten Teil eine zehnminütige Lichtpause für den Umbau hin zum zweiten Teil des Abends. Während dieser Lichtpause blieb man im Zuschauerraum sitzen, die Bühne war nun in aller Tiefe zu sehen. Allein diese 10 Minuten waren wunderbar! Plötzlich war man wieder in voller Realität. Wobei: Auch dort herrschte ein wenig eine Mischung aus Realität und Traum: Einer der Mitwirkenden blieb während der Umbauarbeiten auf dem Platz sitzen, den er zuvor am Ende des ersten Teils eingenommen hatte. Und das Licht blieb düster. So vor der insgesamt riesigen, tiefen Bühne sitzend sah man in dieser Pause auch die anderen – großartigen – Mitwirkenden, dunkle Beleuchtung, ruhige Arbeiten, Gelassenheit – auch die Umbauaktionen waren irgendwie beeindruckend!

Wahrscheinlich könnte man es fünfmal ansehen, wenn man es inhaltlich gut verstehen wollte. So war es leider nur ein irres Einzelerlebnis! Erinnerung, Unbewusstes, Angst, Hoffnung, alles spielte rein. Manchmal muss man sich bedanken bei Menschen, die so etwas erstellen und darstellen können! Nur konsumieren ist da zu wenig.

HIER der Link zur Website von Peeping Tom. Triptych tourt weiter.

Hier ein Trailer:

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THEATER: Hal Ashby/ColinHiggins – Harold und Maude

Harold und Maude ist derzeit – für kurze Zeit noch – am Münchner Zentraltheater als Theaterstück zu sehen. Ich hatte schon kürzlich über das Münchner Zentraltheater in der Paul-Heyse-Straße geschrieben. Die kleine Bühne des Zentraltheaters ermöglicht es, die schauspielerischen Leistungen unmittelbarer zu erleben, als es an den großen Theater je möglich ist. Auch dieses Mal war es wieder ein sehr gelungener Abend.

Das liegt zum einen an der so schöne Geschichte von Harold und Maude. Harold mag das vornehme Leben seiner Familie ja nicht, will sich ständig abgrenzen, sich von seiner Mutter lösen. Er inszeniert Selbstmorde – vor allem, wenn es darum geht, dass er verheiratet werden soll. Er besucht Beerdigungen von Menschen, die er nicht kennt. So trifft er Maude. Er lernt sie mehr und mehr kennen und lieben. Es ist ja so: Harold antwortet auf das Leben, das er nicht mag, mit seinem Hang zum Tod, weiß offenbar keinen anderen Ausweg, Maude hat sicher in ihrem Leben auch gesehen, dass sie das Leben nicht unbedingt immer lieben kann (sie hat eine Nummer aus dem KZ am Arm), sie liebt aber das Leben. Das ist ihre Antwort, indem sie völlig eigen nur „ihr Ding macht“, alles andere nicht so wichtig nimmt. Harold will Maude schließlich sogar heiraten.

Wirklich sehr überzeugend spielen Connor Krause (HIER) Harold und Carla Becker (HIER) Maude. Es wird nicht leicht sein, die Gefühlslagen beider so überzeugend auf die Bühne zu bringen! Die Zuneigung und Liebe, die sie zueinander entwickeln. Die Distanziertheit, die Harold zunächst dem Leben gegenüber aufweist, seine Ratlosigkeit. Die Unbekümmertheit, die Maude gegenüber dem Leben aufweist. Ihre „Verrücktheit“. Yana Robin la Baume dagegen spielt alle weiteren, meist kurz erscheinenden Personen des Stückes: Harolds Mutter, die von der Mutter ausgesuchten Heiratskandidatinnen, einen Pastor, einen Polizisten … Sie hat insoweit nicht die Möglichkeit, mit einer einzigen Rolle zu überzeugen. Sie stürzt schnell immer wieder in eine der anderen Rollen und bringt diese jeweils pointiert (mir zu pointiert) auf die Bühne. Es besteht andererseits auch wiederum eine gewisse Balance zwischen der übertriebenen Pointiertheit der Personen, die um Harold und Maude herum erscheinen und Harold und Maude selbst. Über Harold und Maude selbst heißt es: „ … melancholische Poesie und Zärtlichkeit …“. Das zeigen die anderen Personen des Stückes eben gerade nicht.

Man kann diesen schönen Abend mit tief schürfenden Gedanken über sein Leben verlassen. Harold und Maude – ein leichtes Stück mit Tiefgang.

Hier einer der Songs von Cat Stevens mit Ausschnitten aus dem Kultfilm “Harold und Maude“:

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THEATER: Nora Abdel-Maksoud – Doping

Mein Fazit zur Premiere: Mit immer schnellen, fast stürzenden, gleichtönig lauten, meist kurzen sich ständig produzierenden, fast hektischen Statements, Sätzen, Wörtern, Dialogen, Äußerungen, Wortwechseln hin und her und mit einer bei alledem abstrusen Story wird versucht, den Turbokapitalismus und seine Auswirkungen auf das Gesundheitswesen zu überspitzen. Beispiel FDP und Sylt. Oder es wird versucht, insgesamt unsere Lebensweise, unsere Lebensüberzeugungen darzustellen. Darum soll es wohl gehen. Hm. Hektisches Slapstick für sehr ernste Themen! Sicher, wir leben im Grunde sehr viel falsch im Kapitalismus, geben es nur nicht zu!

Die Hektik des Stückes „Doping“ mag dabei dem Plot geschuldet sein: Es zeigen sich ja plötzlich peinliche gesundheitliche Schwächen beim Vertreter des Wohlstands, dem Spitzenkandidaten der FDP Wenningstedt-Braderup auf Sylt, dem Verfechter der Liberalität, der marktwirtschaftlichen Denke bis in den Körper hinein.

Die Story:

Die FDP und Sylt sind also die Aufhänger der irren Story, ein Krankenfall im Wahlkampfendspurt bringt alles durcheinander. Es folgen: Das angebotene einfache „Weggeben“ von Krankheiten, Krankheit ist Hindernis und Schwäche, alles ist „Geben und Nehmen“,alles ist ein „Marktgut“, es gibt ein U-Boot, Verwirrung, Geld, Magnetismus, Stress, Überarbeitung, ausgemerztes Sozialdenken, Zeitdruck, die Schließung eines Krankenhauses, einen Geldberg, das Thema Privatkliniken/öffentliche Kliniken, Feminismus etc. etc. etc. Es ist schwer, wenn man so viele Themen und Aspekte der realen Welt künstlerisch – nicht politisch – verarbeiten will. „Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ ist ja ein Wahlspruch der Münchner Kammerspiele. Hm, so etwa? Nicht leicht: Politisch ernste Themen berühren, aber künstlerisch bleiben.

Den Turbokapitalismus und unsere Lebensweise und Lebensüberzeugungen zu kritisieren ist auf jeden Fall sinnvoll und absolut nötig, aber mit der rasanten Slapsticknummer „Doping“ blieb es mir sehr fraglich! Letztendlich blieb es einfach harmlos, weil nur eine ein klein wenig lustige, eine wilde, verrückte, abstruse Geschichte um die genannten Themen herum gestrickt wurde, mehr konnte ich nicht feststellen. Vielleicht wollte es Nora Abdel-Maksoud so, sie ist ja keine Politikerin!

Und jeder mag es anders sehen. Theater muss ja nicht Systemkritik in klarer Form äußern, aber wenn es sich auf dieses politische Terrain begibt, sollte vielleicht auch etwas Sinnvolles übrig bleiben. Andererseits – Theater ist immer für alles offen – man kann natürlich auch sagen: Es ist eben einfach eine lustige, abstruse Überspitzung mit vielleicht kurzen tiefergehenden Äußerungen!

Überspitzungen, die nur zum Lachen anregen, mag ich allerdings nicht so sehr. Ich liebe Theater, wenn man es schafft (schwer genug) Unsichtbares auf die Bühne zu bringen, eine Entwicklung, eine Gefühlslage, eine Einstellung, einen besonderen Blickwinkel … wenn man im Theater eben Dinge erkennt, die man eigentlich nicht sehen kann, die man vielleicht ständig übersieht oder nicht kennt, die aber auf der Bühne ihren Ausdruck finden, über die man nachdenken kann. Oder so ähnlich … Das ist viel verlangt, bei „Doping“ ist es jedenfalls sicher etwas platter geworden. Mein Gegenbeispiel: Derzeit „Kill Your Darlings“ von René Pollesch, bis Ende Mai in der Mediathek der Berliner Festspiele, ebenfalls systemkritisch.

Hier ist der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele.

https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2012/kill-your-darlings-streets-of-berladelphia

Es reichte mir bei „Doping“ am Ende jedenfalls allenfalls zum Schmunzeln, nicht zum Grübeln über den Inhalt, über irgendein Thema. Irgendwie aufgewühlt, angeregt, mit einem kleinen Gedanken, einer Überlegung, einer Frage oder einem Gefühl nach Hause geschickt fühlte ich mich nicht! Auch hier: Theater muss nicht immer alles schaffen, es kann auch so genügen, aber manchmal kann es auch sehr wenig werden. Diesmal eben Slapstick, Kabarett in Theaterform.

Der Spitzenkandidat der FDP Braderup-Wenningstedt (zwei Orte in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kampen) (Vincent Radetzki), der Schatzmeister des Parteiverbandes (Stefan Merki), seine Tochter als Nummer 2 der Liste (Şafak Şengül), das sind schon drei der fünf Personen des Stückes. Sie stehen für die im Wahlkampf ächzende FDP auf Sylt. Vincent Radetzki und Stefan Merki sind wieder wunderbar überzeugend! (Vincent Radetzki gehört nach den Angaben der Webseite mit der Münchner Kammerspiele nicht mehr zum Ensemble, er wird als „Gast“ geführt.)

Daneben das Arztteam. Wiebke Puls als männlicher Dr. Bob, der ehemalige Chefarzt einer geschlossenen Klinik. Hier stellte sich für mich die Frage: Warum muss diese Rolle von Wiebke Puls belegt werden? Etwa, weil sie an der Nordseeküste (Husum) geboren wurde und im Stück ein paar norddeutsche Sätze oder Wörter sagen muss? Das wäre als Begründung bei ihren oft wunderbaren schauspielerischen Leistungen sicher zu wenig.

Nächste Frage: Warum Eva Bay als Krankenschwester? Auch sie als „Gästin“ der Münchner Kammerspiele . Es ist immer schön, wenn jungen Schauspielern und Schauspielerinnen „von außen“ Gelegenheiten gegeben werden, aufzutreten. Das freut mich! Andererseits gibt es das Ensemble … Hm. Eva Bay ist eine enge Mitarbeiterin von Nora Abdel-Maksoud, liest man, und sie spielt gut, gerne mehr davon. Ist doch gut so! Man kann nicht alles haben!

Also: Viele große Fragezeichen an diesem Abend. Aber es ist etwas für Freunde des „politischen“ Slapstick.

HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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BALLETT: Sol León & Paul Lightfoot – Schmetterling

Mehr als 60 Uraufführungen hatten beide seit 1989 gemeinsam als Choreografenduo am NDT kreiert, immer stehend für zeitgenössisches, nicht klassisch geprägtes Ballett, wie das NDT insgesamt. Sol Leon

und Paul Lightfoot:


Zwei ihrer Produktionen sind Silent Screen und Schmetterling, die ab März vergangenen Jahres mehrfach am Bayerischen Staatsballett gemeinsam gezeigt wurden. Ich schreibe hier im Blog im Grunde immer über Dinge, die der Leser/die Leserin noch sehen kann. Für den Abend „Schmetterling“ (beide oben genannte Produktionen zusammen erscheinen unter diesem Titel) sehe ich leider in dieser Spielzeit keinen weiteren Termin! Aber ich höre, es wird in der kommenden Spielzeit (Januar und Februar 2025) weitere Termine des Abends „Schmetterling“ geben.

Und demnächst – vom 12. bis 20. April – ist ohnehin die Münchner Ballettfestwoche 2024, so kann mein Beitrag auch eine Anregung für eine der dortigen Produktionen geben. Ich etwa werde in der Münchner Ballettfestwoche die sehr expressive, gestalterisch sicher fast extreme Produktion „Triptych“ der belgische Compagnie Peeping Tom sehen, auch das war eine Produktion für das NDT. Erstmals ist die Companie Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett.

HIER der Link zur Website der Münchner Ballettfestwoche 2024. Es heißt dort zur Produktion „Triptych“: „… unglaublichen Vielfalt an Ausdrucksformen und extrem präzisen Abläufen, die bis hin zur Akrobatik reichen.“

Silent Screen und Schmetterling sind durchaus ältere Produktionen, „Silent Screen“ hatte seine Uraufführung im April 2005, „Schmetterling“ hatte Uraufführung im November 2010. Ein kurzes Fazit: Sehr ausdrucksstarkes, erzählerisches, emotionales Tanztheater, wie so oft beim NDT auf dunkler Bühne, mit teils interessanten Videoeinspielungen im Hintergrund, die teils wiederum den emotionalen Charakter des Abends unterstützen und die „Erzählungen“ untermauern. Erzählerisch ist es allerdings geradezu anstrengend – meinte man doch, man müsse eine „Geschichte“, die „erzählt“ wurde, genau erkennen – was kaum möglich ist. Das erste Stück (Silent Screen) nahm Bezug auf Stummfilme – wie Ballett ohne Worte – das zweite (Schmetterling) bezog sich auf die wundersame Natur des Schmetterlings, auf seine Vergänglichkeit, Zartheit, Schönheit, und auf den Lauf des Lebens. Wie so oft beim NDT auch: Hochklassiges Tanztheater (hier durch Ensemblemitglieder des Bayerischen Staatsballetts), das musikalisch noch dazu durch zwei Größen der Ballettmusik und eben deren – ich möchte sagen – manchmal fast sphärische, rein klangliche Musik (oft Pianoklänge) geprägt wird: Philip Glass und Max Richter, die ja öfters Musik für Ballettproduktionen schreiben.

HIER ist übrigens der Link zur Seite der kommenden Produktion „Triptych“ der Gruppe Peeping Tom auf der Website des Bayerischen Staatsballetts. Auch das wird extrem erzählerisches Tanztheater, in drei Teilen. Siehe den Link.

Und am 24. und 25. April bietet wiederum das Nederlands Dans Theater (NDT) ein weiteres Onlinestreaming. HIER ist der Link zu diesem Streamingangebot auf der Website des NDT. Drei Produktionen kann man an diesen beiden Tagen im Streaming sehen, unter anderem – am zweiten Tag – die Produktion In The Dutch Mountains des auch hier in Deutschland ja sehr bekannten (wenn auch teils unrühmlich bekannten) Choreografen Marco Goecke.

Hier noch zwei Bilder der Produktion „Schmetterling“:

Copyrights: Titelbild © CARLOS QUEZADA, beide Bilder unten: © WILFRIED HÖSL,

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MUSIK: Depeche Mode – Halo

Die Zeitschrift Q nannte Depeche Mode „The most popular electronic band the world has ever known“. Sie sind ja gerade auf Welttournee und waren Anfang März in München. Ich war nicht dabei, aber es war anscheinend erstaunlicherweise trotzdem gut.

Auf jeden Fall kann Depeche Mode auch auf dem Blog erscheinen, um den Aspekt „Musikgeschichte“ nicht aus dem Auge zu verlieren.

Hier ist eine extended version des Songs „Halo“.

THEATER: PATHOS theater und HochX – Split and Merge

Das HochX steht für freie Szene im Bereich Tanztheater. The Garden of Falling Sands“ ist wiederum eingeladen zur Freiburger Tanzplattform 2024. HIER das Programm zur Tanzplattform. Das sind erste Eckdaten des Abends.

Es war eine interessante, schöne und überzeugende, sympathische Produktion. Es zeigte wieder einmal, wie wunderbar durch Körperbewegungen Emotionen und Stimmungen produziert werden können! Vier junge, sehr unterschiedliche TänzerInnen aus Mexiko/Kolumbien haben einen Tanz gezeigt, der im Norden Mexikos getanzt wird. Einen Tanz zur lateinamerikanischen Cumbia-Musik, der „Cumbia Colombiana“.

In extrem langsamen Bewegungen beginnen die Vier, ihre Bewegungen werden dann zunehmend getragen von lautem, klarem Rhythmus eingespielter Schlagzeuginstrumente. Die Bewegungen werden deutlicher und steigern sich. Die TänzerInnen wachen geradezu auf, interagieren untereinander, erhalten ganz langsam ihr Selbstbewusstsein. Man kann sich in sie hinein fühlen. Sie werden getragen vom Rhythmus! Sie genießen den starken Rhythmus. Sie werden dann immer freier, wilder auch, beruhigen sich dann zwischendurch wieder. Die Vier wenden sich auch mit Grimassen an das Publikum. Auch das eine Art Selbstbewusstsein. Es ist nicht etwa hochakrobatisch, aber es geschieht alles tänzerisch mit wunderbarem Gefühl für den Rhythmus, immer wieder mit Bewegungen, die man wirklich selten sieht, weil sie eben für diesen Tanz typisch sind.

Fazit: Es war sehr interessant und anregend, auf diese gelungene Art – die mit sehr begeistertem Applaus belohnt wurde! – musikalisch und tänzerisch einen Blick auf ein Lebensgefühl in Mexiko werfen zu können! Ich freue mich auf die nächste, die letzte Veranstaltung der Reihe. HIER ein Link zum Programm.

HIER noch der Link zu einer etwas umfangreichere Pressemitteilung zum Festival Split and Merge.

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SONSTIGES: HafnerBurgmayr – mimpfmöh, alois oder nichts

Es heißt: „HafnerBurgmayr präsentieren einen Abend voller Lieder und Gedichte, die es gestern noch nicht gab, die aber heute schon Gassenhauer sind: Streichle Blumen, Alois oder nichts, lüzlü no, Friedel der Weps, Ampi ölei, Walzer mit Meer, Brez Brez usw.“.

Kurz:

Es hat etwas von bayerischem Humor: Die beiden nehmen sich nicht ernst. Das mag der Bayer. Sie beginnen den Abend – die Treppe herunter kommend – dementsprechend mit Posaune (Florian Burgmayr) und einem Jodler (Maria Hafner). Der Abend endet auch mit dem Jodler, einem sehr gelungenen, schönen Jodler, der mich an den bekannten „Juchitzer“ von Hubert von Goisern & Zabine erinnerte (HIER), den man kennen muss. Es folgen absurde Musikstücke, absurde Texte oder besser Wortfindungen, Sinnloses, manchmal am Rand des Sinnvollen, sodass man etwa 70 Minuten lang amüsiert zuhören kann. Auch das mag der Bayer. Die lockere Atmosphäre des Vorraumes passt gut dazu!

Florian Burgmayr und Maria Hafner haben auch Spaß daran, merkt man. So hat man einen lockeren, lustigen Abend vor sich, an dem man einfach nicht zu viel nachdenken muss. Mag das nicht auch der Bayer? Besonders Maria Hafner hat dabei mit starker und sicherer Stimme eine schöne Präsenz, oft begleitet sie sich und ihre Stimme mit ihrer Violine, während Florian Burgmayr meist die Ziehharmonika oder das Piano einsetzt. Beide stammen auch aus Bayern. Andererseits: Es ist kein betont bayrischer Abend, die Verbindung liegt nur etwas nahe. Ein Abend mit viel Phantasie, die sich hoffentlich bei beiden fortsetzt.

Die Fotorechte des Beitragsbildes oben werden den beiden gehören.

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THEATER: Christoph Frick und Lothar Kittstein – Land

Es ist ein Abend über die Landwirtschaft, ihre Beziehung zur Natur. Der Abend befasst sich mit ganz speziellen Blicken in die Vergangenheit, mit Blicken auf verschiedene Zeiten, auf „drei Zeitbilder aus Bayern“, heißt es, und nach den doch sehr düsteren Blicken in die Vergangenheit will das Universum am Ende doch für die Zukunft Hoffnung geben. Die Blicke der Menschen gehen ja im Grunde immer nach vorne, es bleibt ja nichts anderes, alles geht eben immer weiter! Glaube – Liebe – Hoffnung!

Das positive „Statement“ des Universums am Ende der Inszenierung steht aber im Grunde völlig im Kontrast zu dem, was im Stück geboten wird: Die Blicke zurück sind sehr düster, die Blicke in die Gegenwart – auch die gibt es – sind kaum angenehmer. Es ist eigentlich geradezu ein Untergangsstück und das hat durchaus Berechtigung! Die Blicke des Stückes richten sich nämlich (am Beispiel einer Bauersfamilie aus Bayern) auf die Entwicklung der Welt hin zum Untergang des Menschen und der Erde. Aber eben mit diesem (fast hilflosen) Schlusssatz des Universums.

Gezeigt wird alles anhand der Leben einer Bauersfamilie im bayerischen Land in drei Epochen: In den Jahren 1815, 1973 und 2024. Es ist – daher der Titel „Land“ – als „Stück über die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und den Umgang des Menschen mit der Natur“ gedacht. Regisseur Christoph Frick und Autor Lothar Kittstein hatten sich bereits in der Vergangenheit in verschiedenen Formen mit der Klimakrise und Szenarien für ein nachhaltiges Zusammenleben beschäftigt. Das ist im Grunde auch Thema des Abends, wenn auch als „Land“ etwas verpackt, auf die Landwirtschaft bezogen.

Die drei Zeitebenen, die aufgezeigt werden, werden ständig gewechselt:

  • 1815: Der gigantische Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien, der 1816 selbst in Bayern für Kälte und den Ausfall des Sommers sorgte. Es wurde eine Hungerkatastrophe. Auch die Landwirtschaft war am Boden. Aber es ging weiter.
  • 1973: Der Vater der Bauersfamilie schuftet und schuftet für seinen Landwirtschaftsbetrieb. Er muss größer werden, immer mehr Tiere und Subventionen! Immer mehr Schulden. Und seine Kinder möchten den Hof nicht übernehmen! Sie möchten Schluss machen mit der Schufterei! Und die Landwirtschaft schlittert wieder in das Elend: Die Ölkrise, Butterberge, …
  • 2024: die Enkelin des Bauern hat den Hof geerbt. Sie arbeitet für ein startup-Unternehmen, das mittels der Genscheretechnik Lebensmittel produzieren möchte. Nicht mehr auf dem Land, nicht auf dem Boden, in der Natur, sondern in riesigen Hallen, die auf der Hoffläche und benachbarten Hofflächen entstehen sollen, sollen die Lebensmittel entstehen. Schluss mit Landwirtschaft!

Ja, es ist ein etwas einseitiger, aber realistischer Blick auf die Entwicklung der Landwirtschaft, allerdings etwas stark verpackt durch die ständigen Zeitsprünge und durch den Blick auf den Hof in Bayern. Ob auch wirklich die Hungerkatastrophe von 1816/1817 Teil der Entwicklung der Landwirtschaft ist, kann fraglich sein. Vielleicht hätten die anderen beiden Zeitebenen genügt. Es gibt ja mittlerweile – Gott sei Dank – neben der chemischen Ideenvielfalt auch jede Menge Ansätze für eine regionale naturgebundene Produktion der Lebensmittel! Das wiederum geht an dieser Inszenierung vorbei. Vielleicht hätte die Inszenierung noch mehr Vorbereitungszeit und mehr Ruhe benötigt, um die Situationen und die Entwicklung feiner herauszuarbeiten.

Fazit: Das Thema brennt, es gibt viele Ansätze, die Inszenierung verpufft dabei leider ein wenig.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel

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THEATER: Harold Pinter – Der stumme Diener

HIER der Link zur Website des Zentraltheaters.

Winzig, aber sympathisch. Man kann sich im eher dunkel, aber angenehm gestalteten Vorraum des Theaters nicht erwehren, begnügt sich mit Wein, Wasser oder Bier. Mehr gibt es – außer am Premierenabend – nicht. Schöne Mäßigung statt Übersättigung mit allem! (Falls man doch noch etwas möchte: Ich habe einen Tipp für danach, siehe unten!)

Hier, am Zentraltheater, sieht man die schauspielerischen Leistungen mit anderen Augen, nicht aus der Ferne auf die weite Bühne eines der großen Häuser blickend. Die Nähe zur Bühne und damit zu den Schauspielern und zum Stück ist einer der besonderen Vorzüge des Münchner Zentraltheaters. Bei der aktuellen Inszenierung von „Der stumme Diener“ hat dies den schönen Effekt, dass man auf diese Weise zwei Schauspieler erlebt, die man etwa vom Münchner Residenztheater kennt! Bijan Zamani und Götz Schulte. „Der stumme Diener“ ist ein Stück nur für diese beiden Schauspieler.

Es ist ja ein Stück, das ausschließlich durch die Art und Weise, wie es von beiden Schauspielern dargeboten wird, lebt! Die Bühnenbilder – das Stück wird derzeit etwa auch am Schauspielhaus Bochum gebracht – sind meist ähnlich. Schauspielerisch zu überzeugen, das gelingt – sieht man eben aus nächster Nähe – den beiden Schauspielern Bijan Zamani und Götz Schulte wunderbar. Mit ihrer großen Erfahrung kommt Humorvolles genauso wie Ernstes, kommen die Stimmungslagen, die Spannungen zwischen beiden, herrlich zum Tragen. Es sind ja beim etwa einstündigen Stück „Der stumme Diener“ zwei im Grunde ganz verschiedene Charaktere, die seit Jahren als Auftragskiller immer wieder dasselbe miteinander erleben, sie ziehen es immer nach ganz festem Schema durch. Nur diesmal eben nicht. Der Eine der beiden, Ben (Götz Schulte), ist schon etwas länger im Geschäft als der Andere, Gus (Bijan Zamani), der sich immer wieder Gedanken über alles macht.

Der britische Theaterautor und Regisseur Harold Pinter, gestorben 2008, schrieb 1957 dieses kurze Gangsterdrama, das gleichzeitig Krimi und Komödie ist. Es geht darum, wie die Wirklichkeit plötzlich außer Kontrolle geraten kann, wenn es einmal nicht so läuft, wie es doch immer läuft. Und wie zerbrechlich dann menschliche Beziehungen werden können. Die Beiden werden ja überrascht von völlig unverständlichen „Eingriffen“ von außen in ihre gewohnte Welt. Sie werden beide auf ihre Art nervös und am Ende …

Und hier mein Tipp: Danach (das Stück „Der stumme Diener“ ist ja, wie gesagt, relativ kurz) kann man noch gut für einen Drink in die – ebenfalls etwas „versteckte“ – Bar Gabanji gehen! Sie ist vom Zentraltheater zu Fuß 5 Minuten entfernt, am Beethovenplatz 2. Auch sie ist eher klein. HIER der Link zur Bar Gabanji. Betrieben wird die Bar – ein verstecktes Juwel – im Souterrain mit exzellenten Drinks seit Jahren vom ehemaligen Whiskyexperten der Bar Schumanns. Die Bar hatte „vor Corona“ sogar kleine „Hauskonzerte“ etwa einmal pro Monat für Musiker verschiedenster Musikrichtungen gegeben, sie tut es momentan leider nicht mehr. Ich weiß noch nicht, warum.

Nach dem Zentraltheater jedenfalls auch noch dort hingehen und schon hat man zweifach einen wunderbaren Abend erlebt!

Copyright des Beitragsbildes: Baran Sönmez

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THEATER: A. L. Kennedy – Als lebten wir in einem barmherzigen Land

Theater brauchen Identifikationsfiguren, denke ich. Wiebke Puls ist ohne Frage eine solche für die Münchner Kammerspiele! Seit 2005 ist sie im Ensemble des Theaters! Edmund Telgenkemper wiederum war zunächst von 2006-2015 im Ensemble, wechselte dann nach Zürich und ist nun seit 2020 wieder hier am Haus. Er arbeitet sich gewissermaßen hoch zu einer der Identifikationsfiguren, hatte seit seiner Rückkehr zahlreiche interessante Rollen, mehr Rollen und auch prägendere Rollen, als andere, ist mein Eindruck. Eine „aktuelle Identifikationsfigur“ ist er gewissermaßen.

Weitere Einzelheiten zu allen derzeitigen Schauspielern der Münchner Kammerspiele können HIER nachgelesen werden.

Beide, Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper, verausgaben sich also an diesem Abend bei „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“. Die Inszenierung basiert auf dem neuesten Roman der englischen Schriftstellerin A.L. Kennedy. A. L. Kennedy kannte ich bisher nicht, ich habe mich auf den Abend „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ auch nicht besonders vorbereitet. Den Roman werde ich nachträglich lesen. Neun Romane hat sie bisher geschrieben, neben vielen anderen Werken.

„Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ ist die Geschichte zweier Personen. Die Geschichte der Grundschullehrerin Anna und des früheren Polizeispitzels und späteren Auftragsmörders Buster. In jungen Jahren waren beide schon zusammengetroffen: Anna war damals rebellisch für ein Straßentheater aktiv, Buster wurde Mitglied der Gruppe, spitzelte aber nur für die Polizei. Das hat Anna nie verwunden.

Ab hier wird es im Einzelnen kompliziert, vielleicht, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Anna erzählt etwa zu Beginn ausführlich das Märchen vom Rumpelstilzchen und nennt jemanden wie Buster in Anlehnung daran das „Stilzchen“. Schon die Verbindung von Anna und Buster zu diesem Märchen ist mir nicht ganz klar gewesen. Anna möchte Buster stellen, als sie ihn Jahre später wieder trifft. Buster wiederum schildert an diesem Abend recht ausführlich seine früheren Morde. Er sucht aber bei Anna letztlich Vergebung, Barmherzigkeit. Themen kommen zur Sprache: Was mache ich? Wer bin ich? Bin ich nicht doch ein anderer, als derjenige, der etwas macht? Kann man nicht alles vergeben?

Die großen Leistungen von Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper hätten es verdient, dass deren Geschichten noch besser verstanden werden. Akustisch wird es manchmal auch dadurch erschwert, dass der Abend durchgehend musikalisch – durchaus passend – von sphärenhafter Synthesizermusik live begleitet wird.

Auch das Bühnenbild erschließt sich nicht leicht. Anna sieht man – vor allem anfangs – öfters wohl behütet sich räkelnd in einem großen Ballen aus Ästen und Zweigen. Buster tritt – auch vor allem anfangs – in einem Glaskubus auf. Später sieht man auch Anna in diesem Glaskubus, Buster im gemütlichen Ballen, alles in einem recht kleinen vorderen Bereich der Bühne.

Ich konnte also die schauspielerischen Leistungen genießen, werde aber über das Stück allerdings noch nachdenken und den Roman lesen. Vielleicht sollte man den Roman davor gelesen haben.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel


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THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

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THEATER: Aischylos – Agamemnon

Die Geschichte von Agamemnon ist bekannt. Er, der Grieche, zog aus Mykene in den Krieg gegen Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, löste den Trojanischen Krieg aus, um die Frau seines Bruders Menelaos, Helena, zu befreien bzw. ihren Raub zu rächen. Ein Trojaner nämlich, der Königssohn Paris, hatte Helena, die hübscheste Frau der damaligen Zeit, geraubt, da sie ihm in einem Schönheitswettbewerb (welche Göttin ist die schönste Göttin?) von der Göttin Aphrodite versprochen worden ist. Das geht natürlich nicht.

Zehn Jahre lang wurde Troja von den Griechen (unter der Anführerschaft von Agamemnon) belagert, bevor es von ihnen – angeblich – zerstört wurde. Agamemnon kehrte dann nach Beendigung des Krieges nach Mykene zurück. Hier beginnt im Grunde das Werk „Agamemnon“ von Aischylos. Agamemnons Frau Klytaimnestra hatte zehn Jahre lang auf ihn gewartet. Er kommt stolz zurück, auch wenn er nicht weiß, wo sein Bruder Menelaos geblieben ist (wahrscheinlich auch umgekommen). Allerdings empfängt Klytaimnestra ihn nur zum Schein sehr freudig. Im Grunde ist sie längst entschlossen, zusammen mit ihrem Geliebten (Aigisthos) Agamemnon aus Rache zu töten. Denn Agamemnon hatte vor seiner Reise nach Troja – wiederum auf göttliches Geheiß hin – die mit Klytaimnestra gezeugte Tochter Iphigenie geopfert, allein um günstige Winde für seine Seefahrt nach Troja zu bekommen. Was für eine Verstrickung insgesamt von Kriegsgeschehen und Rache, Liebe und Hass, Stolz und Ehre, Gott und Mensch!

Aischylos, einer der drei großen griechischen Dichter (Euripides, Sophokles, Aischylos), hatte diese Rückkehr Agamemnons nach Mykene nach dem Trojanischen Krieg schon etwa fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt im ersten Teil seiner Trilogie „Orestie“ beschrieben.

Ich persönlich sage meinen Nachhilfeschülern in solchen Momenten gerne: „Ihr müsst wissen, ein Herr Aischylos ist damals tatsächlich durch die Straßen gelaufen. Es gab ihn, er hat es geschrieben!“ Und vielleicht gab es auch den Herrn Agamemnon und Troja. Unglaublich!

Allerdings war damals noch eine Zeit, in der der Mensch das Göttliche und das Menschliche einfach nicht voneinander trennen konnte. Die Götter mischten überall mit. Orakel führten die Schicksalswege der Menschen. Auch der Raub der Helena und dann der Trojanische Krieg schließlich gehen aus ihrer Sicht auf das göttliche Mitwirken von Aphrodite zurück, siehe oben. Auch in das Kriegsgeschehen selbst griff die Götterwelt immer wieder ein. Jedenfalls glaubten die Menschen damals, von Göttern geführt zu sein. Was für eine Zeit!

Nun hat sich am Münchner Residenztheater der Regisseur Ulrich Rasche des Werkes „Agamemnon“ von Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens angenommen. Wer Ulrich Rasches Arbeiten kennt, erahnt sofort, was ihn erwartet. Wer ihn nicht kennt, muss es sich schon der Darbietungsform wegen ansehen! Was Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne bringt, ist nicht Theater im „herkömmlichen“ Sinne, es ist eine – fast immer düster wirkende – Literaturshow besonderer Art, manchmal bedrängend, manchmal großartig, mit ganz festen Prinzipien der jeweiligen Darbringung, absolut textlastig. Hier zwei Eindrücke:

Auch dieses Mal ist es in jeder Beziehung düster, martialisch, dunkel, bedrängend, fast schwer verkraftbar. Mit – typisch Ulrich Rasche – wieder extrem pompöser Bühnentechnik könnte alles eine auf die Personen reduzierte Optik erhalten, akustisch durch rhythmisches Trommeln unterstützt, die Personen permanent nur langsam und etwas unnatürlich auf einer Drehscheibe „voranschreitend“, dem Schicksal entgegen gehend. In diesem Fall scheint es aber auf die Spitze getrieben zu sein.

Nicht nur das oft laute Trommeln (oder manch andere schiefe Geräusche), nicht nur die Dunkelheit, nicht nur die schwarze Kleidung, das Thema „Trojakrieg“, das langsame Dahinschreiten der Personen, nicht nur die manchmal sich ergebende Spiegelung der Bühne von weit oben, die Lichteffekte, alles in Nebel getränkt, das extrem deutliche und laute Sprechen, das Chorische immer wieder, nein, alles zusammen. Alles zusammen erreicht ein inszenatorisches Ausmaß, das den Inhalt fast vergessen lässt. Es war in diesem Fall vielleicht zu viel von Ulrich Rasche!

Denn warum tötet ein Vater seine Tochter? Löst einen Krieg aus? Die Tötung der eigenen Tochter, zehn Jahre Krieg und schließlich die Zerstörung einer ganzen Stadt – alles wegen der Entführung der schönen Frau des Bruders. Ist es absolute Egomanie? Es heißt einmal mit der Stimme des Chores zu Agamemnon: „Töricht schienst du mir zu sein: Ein König, der den Sinn nicht steuern kann, nicht die Gedanken, nicht sein Herz.“ Ja, es schien eine völlig übertriebene Reaktion zu sein, die natürlich unfassbaren Gram und Wut bei den zurückgebliebenen hervorrief, nicht nur bei den leidenden Frauen der kämpfenden und gestorbenen Soldaten, sondern vor allem auch bei Agamemnons Frau, Klytaimnestra. Auf eine üble Tat folgt dann auch immer die nächste üble Tat. Rache, Rache, Rache, nur das kann der Mensch wohl, scheint Aischylos und die alte Welt schon gesehen zu haben. Man hat es damals auf einen Fluch und auf Rachegötter zurückgeführt, aber im Grunde ist es heute immer noch so, siehe Israel/Palästina. Auch dort folgt zum x-ten Mal Rache auf Rache. Aischylos hat den Menschen beschrieben.

Am Ende stehen lange Zeit Klytämnestra (Pia Händler) und schließlich auch Aigisthos (Lukas Rüppel) splitternackt vor dem Publikum und bringen die letzten Sätze. Kann ihre Nacktheit – sie sind den Personen Klytämnestra und Aigisthos entschlüpft – zeigen, dass es nicht nur um die beiden, um Klytämnestra und Aigisthos, geht, sondern um alle Menschen? Das kann es.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Nächste Termine sind am 22. Dezember, 28. Dezember und 29. Dezember.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld