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THEATER: Ödön von Horváth – A Matz bist scho

Die Version des THEATER_PERLACH ist kurzfristiger zu sehen. Deren leider recht wenigen Termine (auch gestern Abend, am 18.09.2025) sind oben im Bild zu sehen.

Schon die Spielstätten beider Versionen sind extrem unterschiedlich! Die Version des THEATER_PERLACH wird an einem Spielort gebracht, der das glatte Gegenteil ist zum Münchner Residenztheater in seiner feinen Atmosphäre. Gezeigt wird die Version des THEATER_PERLACH nämlich im MUCCA im sich fast selbst überlassenen Areal an der Schwere-Reiter-Straße/Ecke Dachauer Straße, das mit heruntergekommenen Industriehallen bebaut ist, von verschiedensten Initiativen kurz- oder langfristig kreativ genutzt wird und von der Stadt München zum „Kreativquartier“ entwickelt werden soll. Das Residenztheater ist da ein klein wenig anders.

Vom THEATER_PERLACH hört man nicht oft. Es ist eine private Initiative, sie bringen pro Jahr eine Inszenierung auf die Bühne, es ist aber nicht etwa eine „Laientruppe“, nein, das Ensemble besteht aus jungen ausgebildeten Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich vor allem mit der Unterstützung von Ferdinand Leopolder als „Produzent“ und Andrea Funk meist als „Regisseurin“ sehr engagiert der Theatersache annehmen. So sieht Theaterbegeisterung aus! Man muss hoffen, dass die städtische Förderung nicht versiegt, sie ist geringer geworden, hört man! Eine feste Spielstätte hat das THEATER_PERLACH nicht. Umso mehr lohnt es sich, jetzt zum MUCCA zu gehen!

Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ kennt man ja, es passt zur jetzt beginnenden Wiesn! Wie man sich (absichtlich) verliert auf der Wiesn, sich selbst und eben auch (unabsichtlich) den Freund/die Freundin, Kasimir etwa die Karoline! Eine „Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut“ nennt Ödön von Horváth seine Geschichte von Kasimir, der, arbeitslos geworden, auf dem Oktoberfest seine Braut Karoline für immer verliert. Das Oktoberfest, also die „gewählte“ Gaudi, und die „ungewählte“ Realität mischen sich fatalerweise bei Horváth. Aufs Oktoberfest geht man ja eigentlich auch heute noch, um sich für kurze Zeit in eine andere Welt zu versetzen, um sich von der Realität zu entfernen, sie einfach auszublenden! Die Realität kommt ja am Tag danach wieder ins Spiel! Aber die Trennung Wiesn/Realität geht eben nicht immer, vor allem eben nicht bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.

Karoline ist bei Ödön von Horváth die „Wiesnbraut“. Sie will auf der Wiesn auch natürlich Amusement, aber im Amusement will sie doch auch das „bessere Milieu“, will höher hinaus und verliert dabei ihren Kasimir, weil sie eben doch im Amusement gleichzeitig die (schwierige) Realität vor Augen hat. Kasimir fragt Karoline noch: „Was willst Du denn durch diese Herrschaften dort erreichen?“ Eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“, antwortet sie.

Die Inszenierung des THEATER_PERLACH ist an mancher Stelle wortgetreu Ödön von Horváth, was auch kaum anders geht bei diesem Stück. Es heißt in der Ankündigung „frei nach Ödön von Horváth“, passt auch alles bestens zusammen. Man sitzt in der hohen Halle des MUCCA an drei Seiten um die Bühnenfläche herum, jeder sieht (fast) jeden, wie auf der Wiesn. In der Mitte der etwas höher gelegten Bühnenfläche steht ein Baumstamm, geschmückt mit langen Bändern, die auch immer wieder wie beim Schäfflertanz benutzt werden. Über 50 Bierkrüge werden an die Spiegelwand im Hintergrund gehängt, es gibt immer wieder kürzere musikalische und tänzerische bayerische „Einlagen“, wie im Originalstück manch Lied gesungen, manch Wiesnmusik angespielt wird, dafür gibt es einen Musiker mit Ziehharmonika, auch die Kostümierung ist schön farbenfroh, es sind aber nicht etwa alle in Tracht! Die Wiesn, sie wird hier eher dezent angedeutet.

Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielen es wirklich gut! Es wird dabei nicht der noch weit schickere heutige Wiesnkult dargestellt, nein, man bleibt eher in der Horváth’schen Zeit oder zeitlos. Nicht zwanghaft bleibt man dort, aber doch eher eben in Horváths Zeit, nicht deutlich in der heutigen extremeren Wiesn-Welt. Sie spielen es auch allesamt nicht übertrieben, Kasimir mit seiner Melancholie und seinem Unverständnis sehr gut, der Schürzinger sehr gut, der Rauch und der Speer schön besetzt, Karoline auch gut, es wird von allen gut gespielt! Es ist nicht leicht, alle Personen des Stückes über den Horváth’schen Text hinaus prägnant auf die Bühne zu bringen. Wie sie alle in etwas hineinschlittern! Der ein oder anderen Person des Stückes hätte mit Text und Darstellung vielleicht noch mehr Deutlichkeit gut getan, aber das ist eine Frage der Inszenierung. So basiert der Abend trotz der guten Einlagen sehr auf dem Text, den Dialogen! Auch das geht aber kaum anders bei diesem Stück. Im Orignaltext von „Kasimir und Karoline“ stecken die Charaktere des Stückes im Grunde ja herrlich hinter den meist kurzen banalen Sätzen und kurzen Unterhaltungen in seinen 117 „Szenen“. Schwer auf der Bühne. Ich fand es aber insgesamt gut gelungen, gerne mehr vom THEATER_PERLACH mit den jungen SchauspielerInnen!

Eine schlicht wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! HIER der Trailer, man wird es sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist beides: Hin ins MUCCA UND den Film ansehen! Vielleicht demnächst auch noch „Kasimir und Karoline“ im Residenztheater sehen. Unterschiede sind immer gut!

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THEATER: Premieren 2025/2026

Achtung, die Premierentermine sind in der Übersicht kaum erkennbar genannt, aber sie sind drin! Etwas schade etwa für München: Es sind nur öffentliche Häuser genannt, auch die nicht vollständig (Volkstheater etwa nicht), und es sind die Bühnen des freien Theaters (HochX, Zentraltheater, PATHOS Theater u.v.m.) nicht genannt.

HIER der Link zum pdf.

Das Heft kann auch als Print Version erworben werden! HIER der Link zur Bestellmöglichkeit (auch der anderen Ausgaben von DIE DEUTSCHE BÜHNE).

Auf dem Cover des SONDERHEFTES (siehe das Beitragsbild oben): „Der zerbrochne Krug“, das in der vergangenen Spielzeit 2025/26 die meisten Premieren verzeichnet. Gezeigt ist die Inszenierung von Elsa-Sophie Jach am Schauspiel Leipzig mit Teresa Schergaut und Sonja Isemer. Foto: Rolf Arnold

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THEATER: William Shakespeare – Richard II., eine Inszenierung von Claus Peymann

HIER der Link. Es ist eine gerade gegen das Ende hin großartige Inszenierung! Schauspielerisch ganz wunderbar!

Die Aufführung ist ZUM EINEN für jeden/jede, der/die eindrucksvolle schauspielerische Leistung erleben will, ein wahrer Genuss! Michael Maertens spielt den englischen König Richard II. schlicht großartig, es ist fast einer Soloaufführung! Aber auch die anderen SchauspielerInnen: Wunderbar, auch durch die ständigen Nahaufnahmen der Aufzeichnung. Michael Maertens ist heute übrigens („aktuell“) im Ensemble des Wiener Burgtheaters, vor wenigen Jahren spielte er den Jedermann bei den Salzburger Festspielen, die ja gerade wieder (auch „aktuell“) stattfinden.

Wenn allerdings der Regisseur einer Inszenierung auch für die schauspielerische Leistungen an sich ausschlaggebend ist oder sein kann, dann ist diese Inszenierung wohl nicht nur ein großes Werk von Michael Maertens, sondern auch ein großes Werk des kürzlich (auch „aktuell“) verstorbenen Claus Peymann!

ZUM ANDEREN: Dieses Stück von William Shakespeare, das selten auf der Bühne zu sehen ist, hat sogar eine gewisse inhaltliche Aktualität: Ich hatte im Blog einmal über das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt geschrieben, ein Buch über William Shakespeares „Machtkunde“, HIER der Link. Dort heißt es auf Seite 10 – und man denkt an das heutige Amerika:

“Wie kann es sein, so fragte er (Shakespeare), dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung hat, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen würden Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Es passt nicht eins zu eins auf Donald Trump (auch „aktuell“), aber annähernd. Und auch in „Richard II“ greift Shakespeare diese Fragen auf. Für Shakespeare drohte vor allem eine tiefe Spaltung oder Teilung Englands bei einer Machtübernahme nach Richard II. durch Bolingbroke, später Heinrich IV.. Bolingbroke wäre hier Donald Trump, der allerdings sogar gewählt wurde. Eine Folge, wie sie Shakespeare anspricht (Spaltung des Landes), zeigt sich allerdings in den USA noch nicht.

Zu William Shakespeare muss man immer wissen: Er wählte „Historiendramen“, da er nicht direkt in die aktuellen politischen Diskussionen der Zeit um 1590 eingreifen durfte. Bloß nichts Aktuelles, der todbringende Vorwurf des Hochverrates lag damals schnell nahe! Die Zeiten von Shakespeare waren in England hochriskant und hochkontrovers. Der immer schwelende Konflikt von Protestantismus (Königin Elisabeth) gegenüber Katholizismus (Königin Maria) rüttelte lange Zeit heftig an England, die heutige Teilung Irlands ist ja immer noch ein Zeichen davon. Auch gegen die protestantische Königin Elisabeth gab es zu Shakespeares Zeiten natürlich Putschversuche. Königin Elisabeth und Königin Maria (katholisch) waren ja Töchter von Heinrich VIII.

Zu Richard II. sollte man wissen: Er war König von England von 1377 bis 1399, Stichwort „Historiendrama“, wurde dann abgesetzt und ermordet. Darum geht es in Shakespeares „Richard II.“. Nach ihm kamen u.a. Heinrich IV.-VI. und Eduard IV. und V., 1483 kam Richard III. Und so weiter.

Die Inszenierung von Claus Peymann fällt ansonsten noch auf durch ihre klare Sprache, durch das klares so schlichte Bühnenbild und ganz vereinzelt durch eine seltene ganz kurze plötzlicheWendung in einen heutigen Gesprächston hinein, nur einzelne Wörter lang. Sehenswert.

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THEATER: Asiimwe Deborah Kawe – Das gelobte Land

„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.

Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.

Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.

„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.

Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:

Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.

Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.

Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.

Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.

Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.

Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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LITERATUR: Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen?

Der Titel klingt fast provokant: Sofort weiß man doch: „Aber bitte! Flüsse sind doch keine Lebewesen!“. Wir müssen aber umdenken und man ist auch bereit, umzudenken, wenn man dieses Buch sorgfältig gelesen hat. Ich habe es zweimal gelesen. Der entscheidende Schritt: Wir müssen uns öffnen und dazulernen, wir müssen dabei lernen, das Wort „Leben“ und „Lebewesen“ neu zu denken. Wir müssen uns öffnen dahin, dass alles auf der Welt in Verbindung zueinander steht. Dass wir selbst nicht alles in Subjekt – Objekt einteilen dürfen. Ein Fluss ist nicht nur ein Fluss. Ein Wald ist nicht nur ein Wald. Im Buch heißt es an einer Stelle: „Leben ist Verbindung!“. Ein großer Satz. Alles ist somit Subjekt, nicht nur der Mensch.

Im Buch von Robert MacFarlane kann man anhand von drei ausführlichen Reiseberichten erfahren, dass gerade Flüsse mit allem in Verbindung stehen. Nicht nur mit ihrem Ufer, mit dem angrenzenden Wald, den Lebewesen im Wald, den Pflanzen und Pilzen (!), den Lebewesen im Wasser und in der Luft, nicht nur mit dem kleinen und großen Klima, nein, auch mit den Menschen, die am Fluss leben, letztlich mit den Menschen insgesamt! Wer konnte all das jahrhundertelang besser erkennen, als die indigenen Völker, die in so wertvollen Flussgegenden wohnten und wohnen? Sie kämpfen darum! Es geht dann am Ende des Buches – fast ratlos – in die Richtung „Flüsse sind Gottheiten“, Gottheiten, die wir nicht verstehen.

Das Buch will nicht etwa mit einer hilflosen Theorie „überzeugen“. Wie gesagt, es enthält drei Reiseberichte zu drei riesigen wieder einmal bedrohten Flussgebieten: a) Zu den „Los Cedros“, einem aktuell von Bergbau bedrohten Nebelwald in Ecuador, b) zu einem fast schon „abgestorbenen“ riesigen Flussdelta bei Chennai in Südindien und c) zum reißenden Fluss Muthehekau Shipu in der Nähe von Québec in Kanada, der bald durch riesige Staudämme gebändigt werden soll.

Die auch mal etwas langatmigen Schilderungen der Naturerlebnisse vor Ort gehören dabei dazu, um das Wesen der von Robert Macfarlane besuchten Flüsse verstehen zu können. Diese teils sehr schönen Naturschilderungen werden immer wieder verbunden mit Schilderungen der ortskundigen Personen, die Robert Macfarlane begleiteten und die er traf. Meist Menschen, die sich für den Schutz der jeweiligen Flüsse einsetzen. Die Schilderungen werden auch verbunden mit Schilderungen der ersten Entscheidungen durch Gerichte oder Behörden, auch Gesetze, mit denen Flüssen eigenständige Rechte zugebilligt werden. Wie soll sonst deren Zerstörung verhindert werden! Die Geltendmachung der Rechte ist dann das Problem. Es geht ja nicht nur darum, Naturschutzgebiet zu bestimmen. Wir können die Natur nicht „einsperren“.

Gerahmt sind die Schilderungen von Robert Macfarlane des Weiteren von guten theoretischen Worten am Anfang und am Ende des Buches.

Grundsätzliches zur „Rights of Nature“ – Bewegung:

Der „Rights of Nature“-Bewegung liegt das Verständnis zugrunde, dass die Natur und die Menschheit zwei Seiten derselben Medaille sind, keine getrennten Lebewesen. Die Natur ist nicht nur Objekt unserer Eingriffe (oder unserer Schutzmaßnahmen), sie ist mit den Menschen zusammen Subjekt allen Handelns, sie braucht Rechte. So geschah es …:

In Ecuador und Bolivien sind die Rechte von Mutter Erde seit 2008 und 2010 verfassungsrechtlich anerkannt.

Im Jahre 2016 kam es zu einem bahnbrechenden Urteil: Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach dem Fluss Atrato die Rechte auf Regeneration, Pflege, Erhaltung und Schutz zu.

Im Jahr 2018 verlieh der Oberste Gerichtshof Kolumbiens dem Amazonas – dem längsten Fluss der Welt – den Status einer Rechtspersönlichkeit.

In Ecuador bestätigte ein Grundsatzurteil die verfassungsmäßigen Rechte des Los Cedros-Schutzgebietes gegen den Bergbau. 

In der Côte-Nord-Region der kanadischen Provinz Québec wurde vor Kurzem der Rivière Magpie zu einer juristischen Person erklärt. In der Sprache der First Nations der Innu trägt das 290 Kilometer lange Gewässer den Namen Mutuhekau Shipu. Er ist der erste Fluss Kanadas mit diesem Status. Er verfügt dadurch über neun Rechte: unter anderem das zu Fließen, frei von Verschmutzung zu sein, seine Artenvielfalt zu erhalten – und zu klagen.

Jüngst haben wir auch in Europa einen ersten Meilenstein gesehen: Die Salzwasserlagune Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste wurde im Frühjahr 2022 als erste Natur-Entität Europas zur juristischen Person ernannt.

Wissenschaftler:innen haben übrigens gemeinsam die Online-Plattform Eco Jurisprudence Monitor gegründet: Auf einer interaktiven Landkarte werden dort mehr als 300 Fälle weltweit sichtbar, wo derzeit Rechte für die Natur verhandelt werden oder schon durchgesetzt sind.

Ich empfehle das Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, wenn man bereit ist, weiter zu gehen, als es die herkömmliche Politik es tut: Nämlich wenn man bereit ist, den Gedanken für die Anerkennung des Prinzips „Leben ist Verbindung“ und die Anerkennung der „Rights of Nature“-Bewegungen offen gegenüberzutreten, sie mitzutragen und zu fördern.

Es gibt außerdem die Zeitschrift „Good Impact“ aus Berlin. HIER der Link zur Magazinseite. No. 1 des Magazins (unter seinem neuem Titel) hatte das Thema „EINSPRUCH FÜRS KLIMA – Wie wir das Recht für unseren Planeten nutzen können“. Darin geht es ab Seite 58 um das Thema: „Die Rechte und Pflichten des Wassers“. (Auch interessant im selben Heft, Seite 48: „Believe the hype – Klimaklagen gegen Staaten“.)

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Unglaublich passend zu diesem erstaunlichen Buch sind übrigens in ihrer Kombination das nachfolgende Video und der Musiktitel „Vladimir’s Blues“ dazu von Max Richter. Bild und Ton sind sich oft wiederholend, aber in ihrer ganzen Länge und Ruhe sind sie zusammen passend zum ewigen Fließen des Wassers, zum Fließen des Lebens. Πάντα ρει.

HIER der Link zu einem Artikel in der National Geographic.

HIER nochmals der Link zum Good Impact Magazine.

HIER der Link zur interessanten Website „Eco Jurisprudence Monitor“.

HIER der Link zur Verlagsseite zum Buch.

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THEATER: Franz Xaver Kroetz – Gschichtn vom Brandner Kaspar

In den letzten Jahren war es ruhig um ihn, jetzt war er wieder aktiv! Nicht provokant, nicht mit Blick auf die Gesellschaft, sondern schlicht bayerisch, menschlich. Er ist ja Münchner und Bayer. Er schrieb – als „Auftragsarbeit“ für das Residenztheater, wie er im Interview mit der SZ gleich betonte – eine neue Fassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“. Auch auf ihn bezieht sich damit wohl der Spruch über dem Eingang des Residenztheaters: „Da waar i wieda amoi“. Der Satz, mit dem die Kroetzsche Neufassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“ beginnt.

Ja, er war wieder einmal da, nach der Premiere stand er – auf Bitten der SchauspielerInnen – kurz auf (war es Reihe 8?) und winkte ins Publikum. Der „Brandner Kaspar“ ist natürlich weder ihm – Franz Xaver Kroetz – noch dem „Münchner an sich“ oder dem „Bayer an sich“ unbekannt. Ganz im Gegenteil: Franz Xaver Kroetz spielte den Kaspar schon in einer Verfilmung aus dem Jahre 2008. Und der Münchner weiß: Der „Brandner Kaspar“ (von Franz von Kobell aus dem Jahre 1871) lief früher schon jahrelang (bis vor knapp 25 Jahren) legendär am Münchner Residenztheater, dann lief er für etwa 20 Jahre am Münchner Volkstheater und jetzt kehrt er ans Residenztheater zurück.

Man erlebt hier aber nichts „Kroetz-Provokantes“, Gesellschaftskritisches. Nein, Gott sei Dank nicht, jede tiefe Änderung des „Brandner Kaspar“ würde ihn nur verfälschen. Diese Geschichte ist, wie sie ist. Man erlebte aber eine textliche Neufassung des „Brandner Kaspar“ von Franz Xaver Kroetz und dazu die neue Inszenierung von Philipp Stölzl. Beides ist absolut gelungen! Auf WhatsApp hatte ich einen Tag nach der Premiere von Mittwochabend geschrieben: „Gestern Premiere Brandner Kaspar am Residenztheater, muss man sich als bayerisches Kulturgut ansehen! Neufassung von Franz Xaver Kroetz, sehr gut!

Warum „sehr gut“?

  • Die „textliche Umschreibung“, die Franz Xaver Kroetz – ausgehend vom Original – vorgenommen hat, ist immer wieder schön hintersinnig, ansonsten: Der Brandner Kaspar hat Frau und Tochter verloren, nicht seine zwei Söhne, etc.. Der Brandner Kaspar bleibt aber der Brandner Kaspar, leicht modernisiert bleibt er ein bayerisches Kulturgut!
  • Der Brandner Kaspar wird hier jedenfalls nicht so dunkel/düster erzählt, wie es frühere Fassungen wohl etwas mehr waren, sondern amüsanter, heiterer. Aber: Das Besondere ist ja, der Brandner Kaspar hat bei allem Humor für jeden Menschen immer auch etwas Ernstes: „Was passiert denn nach dem Tod?“ ist ja die Frage!
  • Der „Boanlkramer“, also der Tod, wird dabei gespielt von Florian von Manteuffel, der Brandner Kaspar von Günther Maria Halmer. Auch letzterer seit Längerem wieder einmal auf der Bühne des Residenztheaters! Er spielt den Brandner Kaspar ganz souverän, mit allen Höhen und Tiefen, herrlich melancholisch. Eine Idealbesetzung für dieses Bayerische Kulturgut! Noch prägender für diese Inszenierung ist meines Erachtens aber sogar – ohne Günther Maria Halmers schöne Leistung damit auch nur irgendwie schmälern zu wollen – Florian von Manteuffel als der „Boanlkramer“. Er verschafft dem Boanlkramer etwas Trottliges, Neben-sich-Stehendes, Chaotisches, trotz seines ernsten Auftrags von Petrus. Er spielt den Boanlkramer so, dass man schmunzelnd meinen kann: Der Boanlkramer zweifelt fast an sich selbst! Der Boanlkramer von Florian von Manteuffel ist das Salz in der Suppe. Und es bleibt trotzdem die Kobell‘sche kurze Erzählung vom „Brandner Kaspar!
  • Die Inszenierung insgesamt ist nicht zuuu urbayerisch, zu derb bayerisch geworden. Natürlich ist sie bayerisch, schon die Sprache, es soll ja ein „Volksstück“ bleiben, inszeniert mit eher einfachen Mitteln, kein moderner Technikkram, Livekamera oder so etwas. Aber irgendwie wird man nicht „erschlagen“ vom Bayerischen. Trotz des bayerischen Bühnenbildes, trotz des großen bayerischen Holzfensters, durch das man bei geöffneten riesigen Holzfensterläden (die natürlich bemalt sind mit einer bayerischen Berglandschaft) alles sieht, trotz der musikalischen Einlagen. Gitarre, Bass, Quetschkommode, Gesang. Gerade die musikalische Begleitung und die Einlagen zwischen den Akten des Stückes sind eher fein, nicht derb, manchmal begleiten sie die Szenen ganz zart mit einem einzigen (melancholischen) Ton. Es passt alles gut zusammen.
  • Es endete dann am Premierenabend fast seltsam – aber auch bezeichnend: Als man das Residenztheater nach der Vorstellung – mehr als üblich zusammen mit ZuschauerInnen in Lederhosen bzw. Dirndl – verließ, sah man: Der wirkliche Himmel über München sah in dem Moment genauso aus wie der so idealisierte Himmel, den man doch gerade noch auf der Bühne gesehen hatte! Der Himmel, in dem der Petrus sitzt und – gemäß seiner genauen Buchführung übrigens, wie man dann wieder weiß – uns alle irgendwann empfängt, auch den Brandner Kaspar. So sah es am Mittwoch um etwa 21:30 Uhr vor dem Residenztheater aus:

Vielleicht ist es wieder der Beginn einer jahrelangen Reihe von Vorstellungen des Brandner Kaspar am Residenztheater. So müsste es eigentlich sein, es ist ein Stück, eine Inszenierung, die jeder sehen muss, es ist heiter und auch ernst, es betrifft jeden von uns – der Tod und das Leben, Himmel und Erde. Ein Lebensgefühl eben, wenn man mal nicht das (meist ja unerfreuliche) gesellschaftliche Alltagsgeschehen um einen herum sehen und hören will, nicht daran denken möchte.

HIER der Link Stückeseite des Brandner Kaspar auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Foto der Inszenierung:

Copyright der Bilder von der Inszenierung: Sandra Then

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THEATER: William Shakespeare- Romeo und Julia

Da ist zum Einen die manchmal (nicht oft) erscheinende riesige Videofläche über der Bühne, auf der Livebilder – etwa von Julia in Großaufnahme – eingeblendet werden. Man ist kleinere Videoflächen gewohnt. So kommt man Romeo und Julia kurz sehr nah, ein lohnender Effekt. Es passt sehr gut zum Drama „Romeo und Julia“, sie beide möglichst nah zu sehen, der Liebe ins Auge zu sehen.

Da ist des Weiteren die so groß wirkende Bühne des Residenztheaters, die man hier bis hinter zu den Backsteinmauern sieht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die SchauspielerInnen durchgehend – leider – besonders laut und deutlich reden – fast „schreien“ – müssen. Vielleicht ist mir das aber auch nur aufgefallen, da ich zuletzt Theaterstücke auf sehr sehr kleinen Bühnen besucht hatte. Vielleicht liegt es aber auch an der oft im Hintergrund mitspielenden Livemusik, auch wenn diese nicht sehr laut ist.

Da ist weiter etwas ganz Prägendes, siehe die Bilder des Beitrags: Zentral auf der Bühne steht eine große weiße bewegliche (drehbare) „Trennwand“, etwa vier Meter hoch, nicht ganz vom linken Bühnenrand bis nicht ganz zum rechten Bühnenrand. Sie dreht sich manchmal. Diese Trennwand dominiert die Inszenierung. Das Material der Trennwand – dicht aneinander gelegte Eisenträger (Aluminiumgestänge?) horizontal und vertikal – hat die Regisseurin (Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach) in anderen Inszenierungen schon ähnlich eingesetzt. Die untere Hälfte dieser hohen Wand des Gestänges ist beweglich, das Gestänge – an dem auch herumgeklettert wird – kann sich durch automatische „Auffächerung“ (herausgezogen wie Schubladen) in beide Richtungen zu einer breiten Treppe entwickeln, was sie auch oft tut. Man kann so beide Seiten der Trennwand über diese Treppen hinweg betreten, oben entlanggehen. Trennung und Durchlässigkeit.

Damit ist man dann auch schon im Thema von „Romeo und Julia“: Die Trennung zweier Welten, die zwei verfeindeten Familien – die Familie Capulet und die Familie Montague. Bekanntlich die Feindschaft der Familien einerseits und die Liebe zwischen Romeo (Montague) und Julia (Capulet) andererseits. So versteht man das Bühnenbild sehr gut (Bühnenbild: Marlene Lockemann).

Das Geschehen um Romeo und Julia wird hier klassisch, nicht etwa stark modernisiert erzählt. Es wird auch umfassend erzählt, mitsamt der Kampfszenen. Die Kostümierung, sie zeigt, dass zumindest eine gewisse Zeitlosigkeit erzielt werden soll: Fast alle Kostüme weisen sich – besonders farblich – durch eine schöne Mischung von modern und klassisch (damalige Zeit) aus (Kostüme: Johanna Stenzel). Da wird auch mal eine moderner anmutende Sonnenbrille getragen (Julias Vater – Oliver Stokowski). Das ist schön gelungen, irgendwie auch von Fantasie getragen.

Inhaltlich: Anfang und Ende. Pia Händler (eigentlich die Amme) und Nicola Mastroberardino (für den Rest des Abends Pater Lorenzo) begrüßen das Publikum als Totengräber. Und Julias letzte Worte sind „tot oder nicht tot“. Es geht eben um die Liebe eingerahmt vom Tod. Liebe extrem. Wobei sich der Zusammenhang von Liebe und Tod doch wohl in heutiger Wirklichkeit Gott sei Dank extrem selten stellt. Am intensivsten erlebt man dann auch Julia (Lea Ruckpaul) und Romeo (Vincent zur Linden), man spürt permanent die Anziehung beider zueinander, sehr gut, manchmal werden sie in ihren Gesprächen von Livemusik begleitet, die fast an Wagners Tannhäuser erinnert. Horngebläse …

Es sind viele Eindrücke, wenn man sich dieses „Klassikers par excellence“ einmal doch noch recht klassisch – dezent modernisiert – annehmen will. Weit modernisierter geht es dagegen etwa zurzeit in der Inszenierung „Romeo und Julia“ am Staatstheater Nürnberg und in der Live-Schalte „Mixtape“ dazu, vom Nürnberger Plärrer, Stadtzentrum, zu. HIER der Link zur Stückeseite der Inszenierung „Romeo und Julia“ von Joanna Praml am Staatstheater Nürnberg und HIER der Link zur Stückeseite von „Mixtape“ von Boris Nikitin ebenfalls am Staatstheater Nürnberg.

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung am Residenztheater, der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach.

Und hier der Trailer zur Münchner Inszenierung.

HIER der Link zur Stückeseite von „Romeo und Julia“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Lion Christ – Sauhund

Es ist wieder eine Empfehlung! Feinfühlig schildert der Roman mit einer „einfachen“ Story, wie der in Wolfratshausen lebende homosexuelle junge Flori damals nach München wechselte, die Freiheit suchte, sein Leben suchte. Er „geriet“ – oder besser: „wollte“ – in die Homosexuellenszene, die damals in München so blühte. Er ging aber zunächst in der Großstadt unter und es wurde auch für ihn eine Konfrontation mit AIDS, ein Thema, dem sich die Stadt München und das Land Bayern damals besonders radikal „entgegenstellten“. „Sauhund“ ist aber kein politischer Roman, es ist keine politische Inszenierung. Der „kleine“ Werdegang von Flori aus Wolfratshausen wird geschildert, aber genau daran kann man viel erkennen.

Denn es geht nicht nur um AIDS in den achtziger Jahren! Es geht eben in dieser schönen Geschichte wie gesagt auch darum, wie der junge Homosexuelle aus Wolfratshausen, der Flori, sein Leben sucht, sich selbst sucht. Diese „Lebenssuche“ bleibt vielleicht, auch wenn sich das Thema AIDS im Laufe der Jahre entschärft haben mag, besonders für Homosexuelle ein besonderes Thema! Dafür schafft „Sauhund“ ein Bewusstsein auch für heute, das schaffen die drei SchauspielerInnen wirklich wunderbar.

Es ist eine ruhige Inszenierung, nichts Aufbrausendes, mit schönem Lokalkolorit in den Dialogen vor allem, in den Alltagssituationen und mit Floris mitschwingendem Bezug zu seiner Herkunft, seiner Mutter, der Freundin Theresa, seinem ersten Freund Gregor, auch wenn er sich ja von ihnen durch seinen Wechsel nach München und durch sein Leben in München distanziert. Man kann Flori in seiner verwirrenden Lage emotional gut folgen!

Passend zu Ruhe der Bühnenfassung werden alle im Roman erscheinenden Figuren von nur drei SchauspielerInnen dargestellt, nicht mehr: Von Annette Paulmann, Elias Krischke und Edmund Telgenkemper. Es ist ein Genuss, dieses Trio so zusammen zu sehen, ein großartiges Trio! Die Erfahrenen, Annette Paulmann – in ihr so gut passenden Paraderollen – und Edmund Telgenkemper – wandelungsfähig wie immer – geben den auftreten Personen ganz erstaunlich sofort ihre Farbe, ihren Charakter – sie müssen fast nur auf der Bühne erscheinen, müssen garnichts sagen. Der Neuere im Ensemble, Elias Krischke als Flori, braucht und hat dagegen mehr Zeit, seinen Flori zu entwickeln, was eben am Roman liegt. Auch das macht er aber großartig!

Es passt auch schon die Kostümierung: Nicht übertrieben, eher dezent an die damalige Zeit erinnernd (Kostüme: Jaqueline Elaine Koch), Alltagskleidung der 80er-Jahre.

Das Politische in dieser Zeit in Bayern und München, der krasse Umgang mit AIDS, kommt zur Geltung, bleibt aber – wiederum passend – klar im Hintergrund. Auf Videoleinwänden sind im Hintergrund Fotos und Videos zu sehen, die das Thema berühren. Gauweiler und Seehofer sind nicht zu sehen, dafür Münchner Demonstrationen. Man hat es vielleicht vergessen oder in der damaligen Gegenwart garnicht genau beachtet, wie das Thema AIDS hier anfangs behandelt wurde. „Wegsperren“ …! Dies hier noch einmal im Hintergrund angedeutet zu sehen und am Flori „hautnah“ das Thema (ohne konkrete Konfrontation mit dem Politischen) zu erleben, ist ein Verdienst des Stückes auch für den heutigen Umgang mit AIDS. Wir erkennen eben die Gegenwart immer erst im Nachhinein.

Insgesamt und vor allem: Schauspielerisch ist „Sauhund“ eine wahre Freude!

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite von „Sauhund“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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MUSIK: Led Zeppelin – Going to California

Hier ein recht ruhiger Song von ihnen, Going to California. Es gibt auch einige vor allem Mandolin-Versionen des Songs, eine davon siehe unten.

Eine Mandolinversion:

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THEATER: „Double Feature“ – Erlebnisse eines Schauspielschülers und die Welt eines „Medienhauses“

Beide Romane sind wenige Jahre alt. Beide Romane und damit auch beide Bühnenfassungen sind außerdem sehr ähnlicher Machart: Eine Hauptperson wendet sich an den Leser/das Publikum und erzählt ihre Erlebnisse – auf der Bühne szenisch ergänzt und umgesetzt. Ein schönes Duo zweier Theaterbesuche, eine Art „Double Feature“.

Die eine der beiden Erzählungen schildert die Welt des Schauspielschülers Joachim Meyerhoff in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“, noch zu sehen am Metropoltheater. Es geht um die Otto-Falckenberg-Schule, die Schauspielschule der Münchner Kammerspiele. Die andere Erzählung erzählt aus der Sicht des „besten Freundes eines Eigentümers eines Medienhauses“ mit Hauptsitz in Berlin, in Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“, noch zu sehen am Münchner Zentraltheater, man denkt an den Springer-Verlag, an die BILD-Zeitung.

Hinter beiden Romanen stecken persönliche Erfahrungen. Joachim Meyerhoff hatte im Alter von 20 Jahren seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule absolviert, Benjamin Stuckradt-Barre hat in seinem turbulenten Leben seine Einblicke in die Medienwelt vor allem bei einer Musikzeitschrift (Zeitschrift Rolling Stone), im Fernsehen (zunächst für die Harald Schmidt Show, dann für Einiges mehr), aber auch in einigen anderen Medienbereichen gewonnen. Also:

Zunächst zu Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“:

Es ist eine Wiederaufnahme am Metropoltheater in München-Freimann. Der Roman erschien 2016 – als dritter Teil einer auf vier Romane angelegten Erzählung von Meyerhoffs Vergangenheit. Man hat meist davon gehört, wenn nicht es gar gelesen: Meyerhoff erzählt autobiografisch, sicher aber auch fiktional skurril von seinem Wechsel nach München, wo er – aus dem hohen Norden kommend – in die Schauspielausbildung an der Münchner Falkenberg-Schule „hineinschlitterte“.

Skurril ist der Roman nicht deswegen, weil Joachim Meyerhoff aus dem hohen Norden kommt, „culture clash“, sondern weil er für die Jahre der Schauspielausbildung bei seinen Großeltern in Nymphenburg wohnte. Skurril empfindet er dann nicht nur seine Großeltern, sondern gleich auch die Schauspielausbildung. Und so überspitzt, wie das Buch wohl ist (ich habe es noch nicht gelesen), ist auch die Inszenierung. Der Witz liegt wahrlich in der Zuspitzung der Umstände, denen sich der 20 Jahre junge Joachim Meyerhoff – sehr gut und passend und sympathisch dargestellt von James Newton – ausgesetzt sieht. Ein ständiges Hin und Her, die Schauspielschule einerseits und die Großeltern in ihrem edlen, skurrilen und vom Alkohol begleiteten Lebenswandel, beides wird auch auf der Bühne ständig gewechselt. Lucca Züchner etwa spielt ständig wechselnd die Großmutter und im nächsten Moment die ebenso skurrile Schauspiellehrerin.

Das Zugespitzte darf einem hier aber nicht zu weit gehen, die Szenen der Schauspielschule als auch die Szenen der Großeltern darf man nicht ernst nehmen (Ich glaube allerdings, man hätte die durchgehende Zuspitzung auch verstanden, wenn sie nicht so überdeutlich auf die Bühne transportiert worden wäre, wie es etwa Lucca Züchner und Thorsten Krohn als Joachims Großeltern, tun. Aber es mag am Roman liegen, der es natürlich gerade darauf anlegt!).

Nun gut, es bleibt eine köstliche Schilderung der absurden Jahre von Joachim Meyerhoff in München, vielleicht etwas zu sehr veralbert, bevor es für Meyerhoff als Schauspieler in den Norden und ans Burgtheater in Wien ging. Störend ist dementsprechend fast der sehr realistische Teil gegen Ende, in dem eben noch erwähnt wird, wie erfolgreich Joachim Meyerhoff dann wirklich noch wurde, entgegen aller ursprünglichen Hindernisse. Aber auch das wird der Roman sein.

An den Münchner Kammerspielen stellt Joachim Meyerhoff am 19. Juni übrigens seinen neuen Roman vor. Er kann ja sehr witzig schreiben.

Hier noch ein Foto der Bühnenfassung am Metropoltheater:

Von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es ab heute, 07.06.2025, bis zur Sommerpause noch fünf Termine, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters in Freimann.

Nun zu Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“:

Mit anderem Humor, bissig-frech, rasant, ein Sittengemälde aus unserem modernen Leben, soll heißen aus dem Leben eines „Medienhauses“ und der „Medienmenschen“, geschrieben so, wie man spricht, mit gutem Blick für das Verhalten und die heutigen Sprech- und Handlungsweisen der Beteiligten, eigentlich von uns allen heute: So schrieb Benjamin von Stuckrad-Barre 2023 den Roman „Noch wach?“. Es geht um Machtmissbrauch, Machtstrukturen, #Meetoo, der „beste Freund eines Eigentümers eines Medienhauses in Berlin“ gerät in eine sich entwickelnde #Meetoo-Aktion vieler Mitarbeiterinnen an diesem Medienhaus. Beginnend mit der Weinstein-Affäre in Amerika. Dieses Buch habe ich gelesen, ganz köstlich!

Es wird nicht leicht sein, diese rasante Geschichte, die im Buch – bei diesem ernsten Thema (ernster als bei Joachim Meyerhoff ) – von einer großen Portion Bissigkeit und Humor in jeder Zeile lebt, auf die Bühne zu holen. Es ist gelungen, an dieser so kleinen Bühne! Vor allem Benjamin Berger als der „Ich-Erzähler“ des Romans schafft das herrlich! Wieder einmal ist es auch herrlich, in einem so kleinen Theater so gute schauspielerische Leistung so nah erleben zu können! Eine Theaterfreude! Wobei: Jede(r) spricht fast jede(n) in der Erzählung des Geschehens, was manchmal nicht leicht zu verstehen ist, das Buch hilft! Und das Publikum davor und danach so hautnah und angenehm zu erleben, das hat für den Theaterfreund auch etwas.

Das Bühnenbild ist natürlich reduziert, aber auch für die Verhältnisse gut gemacht! Yana Robin La Baume – nicht zum ersten Mal am Zentraltheater – würde ich neben Benjamin Berger noch hervorheben wollen, ohne die übrigen Schauspielerinnen daneben schwächen zu wollen.

Sie schaffen es in einer ebenso rasanten Inszenierung von Beginn an, die Geschehnisse frech und zeitgemäß auf die Bühne zu bringen, so rasant, dass es fast anstrengend wird. Sowohl im Buch, als auch auf der Bühne ist dann nur festzustellen, dass gegen Ende der Geschichte – in der Bühnenfassung mit Pause – der Humor leider etwas abnimmt und eher die Entwicklung der Geschichte relevant wird. Da gewinnt die Schnelligkeit auf der Bühne die Oberhand über den Humor der ersten Hälfte.

Das Stück ist am Münchner Zentraltheater noch zweimal zu sehen, am 01.07. und am 02.07.. Es lohnt sich, es ist eine Geschichte zu Verhältnissen, die so oder ähnlich bei uns möglicherweise oft unter den Tisch gekehrt werden.

Hier noch ein Foto:

Und HIER der Link zum Zentraltheater.

Fotograf zu „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: Jean-Marc Turmes

Fotograf zu „Noch wach?“: Lea Mahler

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THEATER: Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Nur so geht es. Die Inszenierung ist unverständlich für jemanden, der dies nicht getan hat. Sie lebt – Thom Luz-typisch – von sehr eigenwilligen (ruhigen) Andeutungen an Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ und daneben – diese Kombination prägt die Arbeit von Thom Luz – von Andeutungen (etwas deutlicher) an das Leben und den Tod von Stefan Zweig. Beides zusammen mit noch etwas hat Magisches, siehe unten im Text.

Diese Gedanken tun sich auf:

  • Stefan Zweig: Er, der sensible Pazifist, Humanist, Brieftexte von ihm werden ab und an vorgelesen, er mochte sicher das Bestehende, er war kein „Veränderer“, er suchte das Beständige. Und dann wurde gerade ihm durch das Naziregime sein Leben entrissen, er floh (er war Jude) 1933 nach London und wechselte zuletzt nach Brasilien, Petropolis, lebte dort völlig entwurzelt noch ein paar Jahre bis zu seinem Freitod 1942. Er muss verzweifelt gewesen sein. Ein schönes Bild etwa, wie ihm – redend zum Publikum in Gestalt von Nicola Mastroberardino – ein Styroporgegenstand übergestülpt wird, er zum Verstummen gebracht wird, darauf außen herumgeklopft wird, …
  • Die Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“: Auch sie zeigen, dass Stefan Zweig das Bestehende mochte. Er äußert in diesen so wortakrobatischen – heute sicher etwas veraltet wirkenden – Erzählungen nicht etwa Kritik, er schildert, wie ganz wenige Sekunden, Wimpernschläge, kurze Entscheidungen, „Sternstunden der Menschheit“ eben, die Entwicklung der Menschheit beeinflusst haben. Fast bewundernd beschreibt er ja diese Sternstunden. Wie anders hören sich da seine trüben Gedanken an, die in dieser Inszenierung mit den „Sternstunden der Menschheit“ frei kombiniert werden! Wie gesagt, man sollte die „Sternstunden der Menschheit“ davor gelesen haben, um Andeutungen erkennen und heraushören zu können. Um das Spiel mit diesen Andeutungen erkennen zu können, den Widerspruch zu erkennen. Erzählt werden diese Sternstunden nicht!
  • Das Bühnenbild: Man sieht eine Kammer der Geschichte, in Regalen gelagerte und herumstehende Styroporgegenstände! Man erkennt in den Gegenständen Andeutungen an einzelne Erzählungen der „Sternstunden der Menschheit“. Die SchauspielerInnen spielen fast mit diesen Gegenständen der Sternstunden. Man hört dazu Stefan Zweig aus alten Lautsprechern (siehe Bild unten), man hört Schilderungen von Gesprächspartnern von ihm, SchauspielerInnen lesen Texte von Stefan Zweig, man liest auch Texte von Stefan Zweig, die auf die Bühne projiziert werden. Das hat Melancholisches. Zweigs teils verzweifelte Gedanken, warum der Mensch nicht „einfach normal“ sein kann! Gedanken, die in den „Sternstunden der Menschheit“ nicht geäußert werden.
  • Der Mensch ansich: Man könnte sagen: Ein Leben lang wuchtet der Mensch sinnlos Gegenstände hin und her. So auch hier auf der Bühne, vor den Regalen der Geschichte. Der Mensch baut ständig etwas – was später wieder zugrunde geht! Ein schönes Bild etwa: Nicola Mastroberardino (wieder) baut aus vielen kleinen und größeren Styroporquadern, die ihm gereicht werden, einen wackeligen hohen Turm, der „bis zum Himmel“ reichen soll. Es fällt um, alles stürzt auf der Bühne durcheinander. Das ist der Mensch! Der Mensch sieht die Geschichte, er staunt darüber, versteht sie aber nicht ganz. Bis er sich selber in die Regale legt. Damit befasst sich Thom Luz in dieser Inszenierung.
  • Thom Luz: Wie immer, versucht Thom Luz, seine Gedanken fast poetisch – wieder mit (wenigen) Instrumenten musikalisch – auf die Bühne zu bringen. Wie immer, eine Inszenierung mit denjenigen SchauspielerInnen, die schon bei früheren Inszenierungen von Thom Luz mitgewirkt haben. Es gab schon poetischere Inszenierungen von ihm, aber man findet es auch hier!
  • Das Magische an der Inszenierung: Es sind ja drei sehr unterschiedliche Ansätze, die zusammen auf die Bühne kommen und frech ineinandergreifen: Sie zusammen machen die Inszenierung aus! 1. Das „positive“ Denken in den Erzählungen der „Sternstunden, der Menschheit“. Da ist die Welt für Stefan Zweig noch in Ordnung. 2. Auf diese Welt trifft parallel aber die Erzählung des traurigen Todes von Stefan Zweig. 3. Garniert wird noch dazu alles mit (Stefan Zweigs) Gedanken über den Menschen an sich, mit schönen Äußerungen von ihm zu Überlegungen, die heute noch unverändert gelten.

HIER Der Link zur Stückeseite von „Sternstunden der Menschheit“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Noch zwei Bilder der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Marieluise Fleißer – Eine Zierde für den Verein

Kleine Zusammenhänge dazu: Marie Luise Fleißer war befreundet mit Bertolt Brecht. Bertolt Brecht hatte ja zur damaligen Zeit Premieren an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater, sie lernten sich dann kennen. Von ihm ist just zurzeit am Residenztheater die Inszenierung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ zu sehen. Und weiter: Marieluise Fleißer war auch mit Lion Feuchtwanger befreundet, es war eine Freundschaft für die Lebenszeit. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ ist just derzeit ebenfalls am Münchner Residenztheater inszeniert.

Alle drei Autoren lebten also in derselben Zeit, Bertolt Brecht starb im Jahre 1956, Lion Feuchtwanger im Jahre 1958, Marieluise Fleißer im Jahre 1974. Sie lebten in den Jahren vor den, während der und nach den beiden Weltkriegen. Marieluise Fleißer verbindet man ja vor allem mit ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt Ingolstadt.

Ebenso wie bei Lion Feuchtwanger und bei Bertolt Brecht kann man auch bei Marieluise Fleißer daher nicht etwa übermäßig Bezüge zu unserer Gegenwart erwarten, zu sehr waren sie jeweils ihren so schwierigen Zeiten verhaftet! So beschränkt sich nun auch die Inszenierung von „Eine Zierde für den Verein“ im Marstalltheater letztlich auf die Darstellung des Romans in seiner damaligen Zeit, was aber Gelegenheit sein kann, sich mit der interessanten Person Marieluise Fleißer auseinander zu setzen.

Das Bühnenbild erschreckt am Anfang. Denn lange stellt sich die Frage, wie man auf dieses Bühnenbild kommen kann: Es ist ein hellblau gepolstertes, stufenmäßig ansteigendes Amphitheater-ähnliches Gebilde, recht gedrungen auf der kleinen Bühne, nach vorne hin offen. Siehe das Bild unten. Dieses Amphitheater kann immer wieder nach vorne hin von einem großen Plastikvorhang zugezogen werden.

Die SchauspielerInnen benutzen dieses Amphitheater immer wieder dazu, um daran herauf- oder davon hinabzusteigen, zu stürzen, zu kämpfen, unter ihm zu verschwinden, seitlich von außerhalb zu erscheinen etc. Es ist ein Spiel mit dem Raum, an das man sich gewöhnt. Seltsamerweise bleibt die Inszenierung aber gerade dadurch recht „raumlos“, es bleiben abstrakte Räume. Die vorherrschende Farbe hellblau im Innenbereichen mag dabei – fast zu naheliegend – daran liegen, dass die Hauptfigur Gustl, um den herum sich alles abspielt, ein erfolgreicher Schwimmer ist oder war, sein Bekannter Rhi ein Turmspringer (Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović).

Teils sind außerdem große Videoaufnahmen auf dem zugezogenen Plastikvorhang zu sehen. Mit Live-Kamera aufgenommene Szenen, die sich im Hintergrund des Vorhangs oder durch das Raumgebilde verdeckt uneinsehbar abspielen, was durchaus Erinnerungen an Frank Castorfs Inszenierungen provoziert (Inszenierung Elsa-Sophie Jach).

Dem Roman entsprechend werden die verschiedenen Charaktere entwickelt, Charaktere einer bayerischen Kleinstadt im Jahre 1920. Gustl eröffnet ein kleines Geschäft, Gustl der ehemals erfolgreiche Schwimmer, seine Mutter redet auf ihn ein, seine anfängliche Liebe Frieda, Linchen im Kloster Friedas Schwester, Minze der Sohn des Vermieters, Rhi also der Turmspringer, sein Name „Rhi“ Spitzname für Riebsand, der Sportverein und weiteres. Alles für Marieluise Fleißer sogar recht autobiographisch. Marieluise Fleißers sehr eigene Sprache im Roman, das irgendwie Wortkarge, trotzdem sehr Detaillierte, kommt natürlich im Roman selbst anders zur Geltung, kommt auf der Bühne natürlich etwas kurz. Jeder/jede schaut auf sich, sieht aber immer den anderen/die andere als Ursache für Ungemach, für die Schwierigkeiten. Das zeigt Marieluise Fleißers Roman sehr gut, kommt in der Inszenierung eher phasenweise deutlich zum Ausdruck. Das wiederum war ein Zeichen der Zeit: Es sind immer die anderen! So entstanden die Weltkriege. Und das sollte nicht heute wieder zum Zeichen der Zeit werden!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Marion Siéfert und Matthieu Bareyre – Daddy

Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar die erste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.

Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.

“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!

Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.

Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!

Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.

Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:

Hier der französische Trailer:

HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch eine Aufnahme vom „Grillabend“:

Copyright der Bilder: Adrienne Meister

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THEATER: Franz Kafka – Bericht für eine Akademie

Ich mag daher das sehr kleine Zentraltheater in München, ich mag das kleine Metropoltheater in Freimann, ich war letztens in der kleinen Bühne 3 des Münchner Volkstheaters (im ersten Stock), ich mag das Marstalltheater, die kleine Bühne des Residenztheaters hinter dem Stammhaus, ich mag das kleine HochX und ich mag die beiden kleinen Bühnen der Münchner Kammerspiele. Es gibt noch einige mehr davon! Kleine Bühnen sind ein Muss für Theaterfreunde, sie schaffen immer ein anderes Erlebnis als es ein Abend vor großer Bühne schafft!

München hat jetzt noch eine neue kleine Bühne! Das Münchner Residenztheater wird künftig im schönen alten Gebäude des Marstalltheaters (siehe Beitragsbild oben) auch einen Teil der ersten Etage „bespielen“! Siehe übrigens die Geschichte des „Marstalls“ HIER! Ein Teil dieser oberen Etage des riesig hohen Gebäudes war bisher bekannt als das „Marstall Café“, sie wird nun um eine kleine Bühnenfläche daneben erweitert und heißt künftig MARSTALL SALON, etwas geändert gestaltet, vor allem mit einem riesigen eigenwilligen Lüster.

Im Marstall Salon soll es beispielsweise (neben Lesungen, Musik, Theater, Premierenfeiern etc.) künftig auch sogenannte „Ensembleabende“ geben, was wohl von einzelnen Ensemblemitglieder des Residenztheaters frei gestaltbare Abend sein werden. Ich habe den Ensembleabend am Donnerstag besucht, was künftig kommen wird, konnte ich leider nicht erfahren.

Ensemblemitglied Max Mayer präsentierte am Donnerstagabend (spät um 22:00 Uhr) seine eigene Aufführung von Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Die Zuschauer wurden in dünne weiße Overalls gesteckt, schon war man gefangen, ent-individualisiert, was hier Sinn machte, eine runde Sache. Eine intensive, engagierte schauspielerische Leistung von Max Mayer, ein Soloabend natürlich – dem Text entsprechend! Max Mayer hat ihn mit wenigen Partnern entwickelt (etwa einem Künstler, der während der Aufführung eine nicht einsehbare Leinwand bemalte). Er präsentierte den „Bericht für eine Akademie“ (ganz leicht gekürzt) frei – was ich allein schon irre fand. Schauspielerisch sehr intensiv, so intensiv kannte ich Max Mayer nicht von großer Bühne. Und gegen Ende las dazu der junge Schüler Oskar Probst sehr gut (ruhig und langsam) und sehr passend einen Text über eine Person mit dem Tourettesyndrom vor und war dann noch der „Mensch“ gegenüber dem „ehemaligen Affen“. Das Tourettesyndrom: Es sind Menschen, die plötzlich wie von einem Wirbelsturm erfasst die Identitäten aller weiteren anwesenden Personen aufnehmen, sekundenschnell, wie in einem „Bombardement“, und die dabei kurz vielleicht ihre eigene Identität verlieren. Wie sollte es auch gelingen, die eigene Identität in diesen Momenten zu behalten? Eine große Frage: Wie findet man seine Identität in all dem Wirrwarr? In Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ geht es zwar nicht direkt um das Finden der Identität, der Affe sieht es ja nur als „Ausweg“, sich den Menschen anzupassen, nicht etwa als Weg (zurück) in die „Freiheit“. Da ist mir der Zusammenhang zwischen Kafkas Text und dem Tourettesyndrom nicht ganz klar. Kafka lässt aber viel Interpretation zu! Aber selbst wenn es zwei verschiedene Gedanken sind, es war eine klasse Darbietung!

Der Marstall Salon, ein schöner Ort, um auch hier wieder hinzugehen und kleine Aktionen mit viel Engagement zu erleben!

Hier noch eine Lesung des Textes „Ein Bericht für eine Akademie“, der sich lohnt!

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THEATER: William Shakespeare- Was ihr wollt

Diese und andere Fragen zur Liebe hat William Shakespeare in „Was ihr wollt“ aufgegriffen, einem Stück einmal ohne Tod und Schicksal etc. Ergänzt wird Shakespeares Werk „Was ihr wollt“ in der Inszenierung, die am Donnerstag an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, durch Texte der niederländischen Regisseurin Lies Pauwels, in denen alles noch weitergetrieben wird.

So sitzt man zwischen allen Stühlen, nicht nur Shakespeare folgend inhaltlich, sondern – wirklich sehr gelungen – in fast jeder Hinsicht: Textlich: Textvermischung inhaltlich und sprachlich, mal Shakespeare-Englisch, mal (etwa in Songs) modernes Englisch, mal Deutsch. Mal Shakespeare, mal Pauwels. Dann: Man erlebt die höfische Barockwelt des Shakespeare-Stückes zum Teil in der Kostümierung, die SchauspielerInnen tragen aber immer eng anliegende, modern gehaltene (radrennfahrertrikotähnliche) „Sportkleidungen“ darunter. Sportkleidungen, die noch dazu völlig „geschlechtsneutral“ sind. Oder sie tragen allesamt Marilyn-Monroe-Perücken. Sie schminken sich im Hintergrund an und ab. Musikalisch: Man trifft auf barocke Musik genauso wie auf moderne Musik. Gesang trifft auf Schauspiel. Gesang spielt hier ohnehin eine etwas größere Rolle. Und man trifft auf weitere Elemente der modernen Welt: Mikrofone sind durchgehend im Einsatz, Bilder von Roy Lichtenberg kommen auf die Bühne etc.

Die Mikrofone kommen (performanceähnlich) ohnehin fast durchgehend bei Text zum Einsatz, was das Persönliche des jeweils Gesagten verstärkt (Vielleicht kommen sie auch deshalb zum Einsatz, da immer wieder Musik das Spiel im Hintergrund unterlegt. Ein guter Nebeneffekt zumindest.)

So kann man im Grunde sogar sagen: Mit dieser Inszenierung mischt sich Schauspiel mit Performance! Man betritt eine Zwischenwelt von Schauspiel und Performance.

Shakespeare hat es in „Was ihr wollt“ dabei durchaus kompliziert gemacht, das sollte jedoch vom Besuch der Inszenierung in keiner Weise abschrecken! Ja, das Personaltableau und die Verwirrungen der Liebe sind in „Was ihr wollt“ kompliziert. Die Gründe der Verwirrung sind ja etwa zum Einen, dass es verwechselbare Zwillinge gibt (Viola – als Cesario verkleidet – und Sebastian) und zum Anderen natürlich, dass jede(r) seine Liebe irgendwie in eine andere Richtung fühlt. Nichts funktioniert, keine Liebe wird erwidert. Chaos wie ein Wirbelsturm.

Das Interessante dabei ist, dass in dieser Inszenierung wiederum alles – man glaubt es kaum – langsam und deutlich verhandelt wird, nicht im Sturm. Die Gefühlslagen der Beteiligten von „Was ihr wollt“ werden fast langsam entfaltet, sie werden durch Lies Pauwels Texte dazu noch gewissermaßen gestreckt, in die Tiefe gezogen.

Das führt vor allem zu schauspielerisch wunderbaren Leistungen! Schon das Minenspiel der SchauspielerInnen wird wichtig. Christian Löber etwa – Meister des Minenspiels – als Viola/Cesario! Oder Johanna Eiworth mit einem wunderbaren (immer mehr geschrieenen) Monolog. [Dazu übrigens: ich habe in mehreren Theaterstück der letzten Wochen erlebt, dass Kernstücke der Abende mit einer gewissen Verzweiflung zum Publikum geschrieen wurden! Etwa Thomas Hauser gegen Ende in „77 Versuche …“, oder Edmund Telgenkämper am Ende in „Katzelmacher“. Oder andere. Was für ein Zeichen der Zeit! „Wir müssen deutlich werden!“].

Der Shakespeare-Inhalt von „Was ihr wollt“ ist bei alledem zwar erkennbar, aber garnicht so entscheidend. Die niederländische Regisseurin Lies Pauwels – erstmals (hoffentlich nicht das letzte Mal) mit einer Arbeit an den Kammerspielen – schafft es mit ihrer Inszenierung, dem Inhalt von „Was ihr wollt“ zu folgen, ihn aber nicht erzählerisch darzubieten, sondern im Hintergrund zu halten und alles mehr auf die Innenschau der Personen auszurichten.

So kann man sagen: Es ist eine Freude, auf Basis von Shakespeare diese „Grenzwelt“ zwischen Schauspiel und Performance mit allen möglichen Vermischungen und Verwirrungen zu erleben! Es ist ein SchauspielerInnen-Abend, wirklich ein gelungener Abend!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Festival „Radikal jung“ 2025 – Der Publikumspreis

Den Publikumspreis hat dieses Jahr die Performance von Lulu Obermayer mit Rachel Troy, „Rachel und ich“, erhalten. Es ist eine Produktion des Münchner HochX Theaters und des Live Art München e.V. in Koproduktion mit dem Theater „Sophiensæle“ in Berlin und dem „Theater Rampe“ in Stuttgart.

Ich habe dieses Jahr nicht viele Produktionen des Festivals gesehen, nur die – sehr engagierte – Produktion „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ aus Osnabrück, davor „Caligula“ von Albert Camus vom Münchner Volkstheater, sowie die Produktion „Rachel und ich“ von Lulu Obermayer und Rachel Troy. Zu „Caligula“ ist HIER mein Bericht. Die Produktion „Rachel und ich“ war auf Bühne 3 des Münchner Volkstheaters, der im Vergleich zu Bühne 1 und 2 viel kleineren Zusatzbühne, zu sehen.

Rachel und ich“ ist die Erzählung einer Freundschaft, sehr autobiografisch, nicht fiktiv. Rachel Troy und Lulu Obermayer kennen sich seit vielen vielen Jahren, haben sich in ihren Ausbildungsjahren in New York kennengelernt. Lulu Obermeier ist ja Münchnerin, Rachel Troy stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Freundschaft war/ist belastet durch die jüdische Vergangenheit der Familie von Rachel Troy. Damit setzt sich diese Produktion auseinander. Freundschaft mit Blick zurück vor dem Hintergrund persönlicher Vergangenheit und historischer Vergangenheit. Sie haben es nicht erlebt, aber natürlich konnten und können beide in diesem Verhältnis (eine Deutsche, eine Jüdin) die historische Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs – zum Beispiel auch in Gesprächen mit ihren Eltern und Großeltern oder Gesprächsversuchen oder eigentlich Gesprächsunterlassungen – nicht ausblenden, nicht vergessen. Erstaunlich in ihren damals jungen Jahren, aber ok.

Ich fand allerdings die sehr engagierte Produktion „Kohlhaas …“ sogar interessanter. Eine Produktion auf großer Bühne, insgesamt viel aufwändiger, wild und inhaltlich mit interessanten, auch gewagten, auf die Spitze getriebenen Ansätzen, schauspielerisch (oder besser: „handlungstechnisch“ – sie schauspielern kaum) überzeugend. Der Gedanke dort ist ja: Der Gerechtigkeitsfanatiker und Rebell Michael Kohlhaas mit Blick auf die heutige Zeit! Eine wilde Übertragung des Dramas von Heinrch Kleist aus dem 17. Jahrhundert in die heutige Zeit. Ein Parforceritt.

„Rachel und ich“ dagegen: Auf kleiner Bühne, ganz schlicht gehalten, nicht extrem, mehr eine Erzählung als eine Produktion. Sie hat mir zu wenig Gedanken über das Entstehen und die Entwicklung der offenbar schnell entstandenen Freundschaft zwischen Lulu und Rachel erlaubt und ich fand zum Thema der fürchterlichen jüdischen Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs keine besondere Herangehensweise. Doch: Der Vergangenheit nachspüren – Schuldgefühle – Vorwürfe – Zerwürfnis – Verzeihen, das war die Entwicklung. Treffend sicher, aber eben nicht sehr speziell.

Lulu und Rachel sind ja aus der Generation, die allenfalls noch mit den Großeltern oder Eltern über den zweiten Weltkrieg sprechen kann oder konnte. Daher das große Thema, das immer bleibt: Das Nachwirken von Geschichte in späteren Generationen! Wichtig und interessant, dennoch wundere ich mich doch ein wenig über den Publikumspreis 2025 und frage mich: Wie wird eigentlich die Publikumsbewertung gewichtet, wenn Produktionen auf der sehr kleinen Bühne 3 des Volkstheaters gezeigt werden, während andere Produktionen vor der vielleicht acht- oder zehnfachen Menge des Publikums gezeigt werden?

Nun gut, ich gehe davon aus, dass beide Produktionen noch zu sehen sind, jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Ich vermute, dass die mit den Publikumspreis ausgezeichnete Produktion „Rachel und ich“ etwa irgendwann noch einmal im Münchner Theater HochX zu sehen ist. Zuletzt war sie dort im Januar zu sehen. Und „Kohlhaas …“ in Osnabrück etwa?

Hier noch Eindrücke:

„Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“:

Publikumsgespräche offiziell und privat:

Copyrights der Bilder: Beitragsbild: Julian Baumann Bild 1: Uwe Lewandowski Bild 2 und 3: Gabriela Neeb

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THEATER: Kyung-Sung Lee – 77 Versuche, die Welt zu verstehen

Es wird kein „Stück gespielt!“ Es werden Überlegungen präsentiert. Das macht es interessant. Ich habe nicht mitgezählt, aber es werden 77 verschiedene Überlegungen sein, wie der Titel sagt. Allerdings selbst formulierte Überlegungen zum Verhältnis „Die Welt – das Theater“. Hinter allem steht eben Bertolt Brecht, der auch als fremde Stimme („Bot“) und teils in Person von Thomas Hauser zu hören/sehen ist. Es geht um die Sicht auf die Welt speziell aus der Sicht des Theaters.

Eines möchte ich gleich hervorheben: Thomas Hauser, einer der vier Ensemblemitglieder des Stückes, hält gegen Ende einen Monolog, blickt von der dunklen Bühne, am hinteren Rand in der Ecke stehend, auf eine offene Tür, durch die wiederum grelles Licht scheint. Er blickt vom Theater hinaus in die grelle Welt. Dieser – leider sogar zu kurze – Monolog wird von ihm großartig gehalten! Für mich ein Erlebnis, der Kern des Abends, ein Erlebnis, das allein den Besuch wert ist!

Es ist ohnehin eine überzeugende Leistung der vier – insgesamt eher sympathisch auftretenden – Ensemblemitglieder an diesem nicht sehr langen Abend im Marstalltheater, speziell aber von Thomas Hauser. Thomas Hauser hat derzeit noch recht wenig Rollen am Residenztheater, es werden hoffentlich bald mehr! Seine hier oft ratlose, sich vielleicht gewollt „unwohl“ fühlende, eher zweifelnde und im Monolog geradezu verzweifelnde und verzweifelte Art, die Überlegungen zu präsentieren, sticht hervor! Motto: Die Welt ist so anders als das Theater! Melancholie schwingt bei vielen der Überlegungen durchaus mit, kommt gut zum Ausdruck! Die Melancholie lässt aber auch der Hoffnung Platz! Es ist kein negativer Abend. Und passend ist, dass der Abend in keiner Weise überladen wird.

Was macht das Theater mit der Welt? Die Welt ändert sich doch ständig, wird immer unberechenbarer. Ohnehin, die Gegenwart vergeht, Künftiges können wir nicht vorhersehen, nicht lenken! Wird Theater da irgendwie gebraucht? Werden die richtigen Menschen angesprochen? Tragen sich die Überlegungen des Theaters „draußen“ in der Welt herum? Und so weiter. Es sind große Fragen des Theaters, und es sind viele Überlegungen! Viele, die aber allesamt eher spielerisch und fein dargeboten werden, ohne zu schwer zu wirken. Siehe das Beitragsbild. Es werden an den Abenden wohl verschiedene Dinge auf den Boden geschrieben. Es hieß etwa: „Ich habe mehr Gefühl als eine Teesorte!“ … Die Teesorte als unsere Werbewelt …

An dieser Stelle sei aus dem Programmheft zitiert:

Kyung-Sung Lee arbeitet vorwiegend im Stil des «devised theatre» – der Theatertext entsteht im künstlerischen Kollektiv. Er bemüht sich, Schauspie- lerinnen und künstlerisches Team kennenzulernen und sich sowohl ihren gemeinsamen als auch ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten anzunähern. Dabei versteht er Theater als einen Raum, der uns lehrt, dass wir im Leben nicht alles wissen können, und dass das Besondere oft in den kleinen Dingen und Momenten liegt. «77 Versuche, die Welt zu verstehen» ist das Ergebnis eines mehrwöchigen Dialogs zwischen südkoreanischen und deutschen Theatermacherinnen, die über ihre Realität, die Gesellschaft, die Welt und Bertolt Brechts Versuch, das Theater in seiner Zeit der Unsicherheit neu zu begreifen, diskutiert haben. Ausgehend von diesen Eindrücken hat Lee gemeinsam mit dem ebenfalls koreanischen Autor Hong-Do Lee eine Szenencollage entwickelt, in denen die Bühne zum (Schutz-)Raum für Versuche wird, die Welt im Theater zu reflektieren. In der Spielzeit 2024/25 verbringt Hong-Do Lee im Rahmen von WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik eine mehrmonatige Schreibresidenz in München.

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zum Text „Kleines Organon für dasTheater“ von Bertolt Brecht.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld