Kategorien
Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Thom Luz, Traurige Zauberer

Das Stück, das im Staatstheater Mainz läuft, wurde auch nach Berlin eingeladen. Es geht um das, was uns verborgen ist. Zunächst: Im Programmheft findet sich dieser Text, den ich persönlich (mancheiner wird es nachvollziehen können) sehr gut verstehe. Ein schönes Bild:

Die „normale“ Identität ist von Anfang an eine mutierbare und transformierbare Entität; sie ist immer bereit sich aus dem Staub zu machen oder Adieu zu sagen. Zumeist fließt das Leben dahin wie ein Fluss. Die zu diesem Leben gehörenden Veränderungen und Metamorphosen, die infolge von Zufällen oder Schwierigkeiten auftreten oder einfach mit dem natürlichen Gang der Dinge zusammenhängen, tauchen auf wie die Spuren und Falten einer beständigen, fast logischen Vollendung, die bis zum Tod führt.

Manchmal jedoch verlässt der Fluss sein Bett, ohne dass es einen geologischen Grund oder eine unterirdische Verwerfung gäbe, um diese Überschwemmung oder jene Abweichung zu erklären. Die plötzlich abweichende oder umgeleitete Form dieses Lebens hat eine explosive Plastizität, die sich bis dahin unter der polierten Erscheinung des Subjekts verbirgt wie vergrabener Sprengstoff unter der Pfirsichhaut des Seins zum Tode. Eine neue, noch nie dagewesene Person tritt zur alten dazu und nimmt schließlich den ganzen Platz ein. Ein neues Wesen kommt zum zweiten Mal auf die Welt, aus einer tiefen Spalte, die sich in der Biographie aufgetan hat.

(Catherine Malabou)

So. Und zum Stück noch: Es ist eine „Einladung, eine Welt kennen zu lernen, die man so vielleicht noch nicht kennt„, so der Autor und Regisseur des Stückes, der junge Schweizer Thom Luz. Es ist kein „problembezogenes“ Stück, wie etwa Five Easy Pieces oder Der Schimmelreiter. Es ist einfach – könnte ich sagen – „lebensbewusst“. Wer es sich leisten kann – ich meine zeitlich und emotional und von seiner ganzen Lebenssituation her! Es entstand wohl schlicht aus Thom Luz‘ persönlichen thematischen Vorlieben heraus: Das Leben und all das eigentlich uns Verborgene, versunkene Vergangenheiten, Unwirkliches, das Verschwinden, Nebel, Unfassbares, die Welten hinter der vorderen Welt, Traum, Scheintod, Tod, das sind ein paar der Begriffe und Vorlieben von Thom Luz. Ihn interessieren, sagt er, Menschen, die in einer verschwindenden oder verschwundenen Vergangenheit leben. Daher das Stück „Traurige Zauberer“. Ein schöner und widersprüchlicher Titel (schon das …au…  …au… der Wörter). „Lukullisch“ nennt ihn Thom Luz auch. Und: Erst kam der Titel, dann der Inhalt. Zauberer passen ja in diese Themenwelt.

Inhaltlich ist es entsprechend schwer zu fassen. Es mag an der ungünstigen Akustik und der fehlenden Unmittelbarkeit der Aufführung gelegen haben (ich habe es im Rahmen des Public Viewing im SONY-Center am Potsdamer Platz auf einer Großleinwand gesehen) Ich hatte es in vielerlei Hinsicht einfach nicht verstanden! Gott sei Dank lief es bzw. läuft es (noch für wenige Tage) in der MEDIATHEK von 3Sat! Ich habe es mir dort noch einmal angesehen. Sehr hilfreich ist vor allem das ebenfalls dort zu findende Interview mit Thom Luz. Es ist ein völlig bizarrer Inhalt. Man blickt auf die riesige schwarze Bühne, seitlich ein paar Gerüste, Requsiten.Viel Platz. Es scheint der Raum hinter einer Bühne zu sein. Zwei Zauberer scheinen sich auf ihren Auftritt vorzubereiten. Dann merkt man, das es um eine Schiffsreise geht. Später merkt man, dass das Schiff sogar untergegangen ist, alle Passagiere gestorben sind. Was auf der Bühne passiert, verwundert alle. Auch die Schauspieler zeigen ihr Unverständnis über das Wenige, stehen oft staunend auf der Bühne, blicken auf all das Eigenartige, was sich hier in aller Ruhe ereignet. Bizarre Musik trägt das Stück. Es sind lange Blicke in Verschwundenes, in Spiegel, sich Ergebendes. Und so weiter. Da könnte ich noch einiges schreiben, aber man muss es dazu ja gesehen haben!

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Milo Rau, Five Easy Pieces

Ein weiteres Stück der diesjährigen 10er – Auswahl des Theatertreffens. Five Easy Pieces des Schweizers Milo Rau (Konzept, Text und Regie). Milo Rau, der demnächst am international renommierten Theater in Gent arbeitet. In dem seit Mai 2016 in höchsten Tönen gefeierten Stück (es hat auch den 3Sat-Preis des Theatertreffens erhalten) geht es tatsächlich um den belgischen Kindermörder Marc Dutroux! Was für ein Unterschied zu den anderen Abenden! Was Theater alles versucht! Warum dieses Thema? Was ist der Kern des Stückes? Ich habe noch keine Kritik dazu gelesen, möchte erst meine eigenen Schlüsse ziehen. Meine Überlegungen sind:

  1. Theater ist hier der Versuch, etwas Grauenhaftes, das ganz Belgien – und Europa – erschüttert hatte, ein wenig aufzuarbeiten. Schon einmal gut! Es geht ja bei allem nicht immer nur um Nachrichten! Wobei: Es geht bei alledem hier auch um eine ganz andere Frage: Können sich gerade Kinder solch einem Thema – überhaupt dem Thema Leben und Tod – schauspielerich irgendwie in ihrer Art annähern? Es spielen ja Kinder!!
  2. Es ist ein zutiefst berührendes Stück, das mitunter zu Tränen rührt. Natürlich ist man auch wieder fassungslos über das Geschehene. Aber irgendwie ist man auch versöhnt, ein bisschen versöhnt. Es kann einem danach durchaus etwas besser gehen und das hilft! Es ist nicht eine Dokumentation, an deren Ende man nur sagen würde: „Was war das für ein grauenhafter Mensch!“ Das würde einen ja wieder einmal völlig hilflos und ratlos und beschwert zurücklassen. Das tut das Stück nicht! Nein, das Stück erleichtert ein wenig! Vielleicht weil man sieht, dass sich Kinder dem Thema genähert haben.
  3. Es wird nicht etwa dolumentarisch gearbeitet oder etwa nach Erklärungen für das Verhalten von Marc Dutroux gesucht. Darum geht es nicht. Kurz nur wird auf belgische Vergangenheit eingegangen. Dutroux’s Vater war in der Kolonialzeit im Kongo, Dutroux ist im Kongo geboren.
  4. Das Auffallende ist dann, dass das Stück so arbeitet, dass man (im Wesentlichen jedenfalls) in erträglicher Distanz zu Marc Dutroux und dem so unglaublich grauenhaften Schicksal einiger belgischer Kinder bleibt! Wie? Der Gesamtkomplex wird möglichst weit weggezogen. Es werden verschiedene Ebenen dazwischen gelegt: Ebenen, die es dem Zuschauer und hoffentlich den darstellenden Kindern erst ermöglichen, sich dem Thema anzunähern. Welche Ebenen? Eine Ebene ist das tatsächliche Geschehen. Eine zweite Ebene: Einzelne Szenen  und Personen des Geschehens werden ausgewählt. Die dritte Ebene: Die ausgewählten Personen und Szenen werden auf einer Leinwand von Erwachsenen schauspielerisch nachgestellt (die Beerdigung eines der Kinder etwa – die Eltern eines verschwundenen Mädchens etwa – etc.). Eine vierte Ebene:  Vor der Leinwand spielen die Kinder auf der kargen Bühne diese Rollen der Erwachsenen genau nach, übernehmen deren Rollen. In derselben Kleidung. Eine fünfte Ebene: Die Kinder spielen die Rollen ja, weil sie auf der Bühne schauspielende Kinder spielen! Schauspielernde Kinder, die – zum Teil jedenfalls – von einem Erwachsenen, ihrem Regisseur, mit einer Kamera aufgenommen werden. Das sieht der Zuschauer. Eine sechste Ebene sind dann erst die schauspielenden Kinder selbst, ganz real. Sie werden anfangs allesamt wie bei einem Casting mit ihren richtigen Namen vorgestellt. Fragen werden ihnen gestellt. Etwa, ob sie schon einmal getötet oder den Tod erlebt haben. Der das verarbeitende Zuschauer ist ansich eine letzte Ebene. Es sind somit oftmals sechs/sieben Ebenen, die zwischen dem Zuschauer bzw. den Kindern und Marc Dutroux liegen.
  5. Das Stück wird tatsächlich von Kindern gespielt! Von Kindern! Obwohl in den fünf Szenen des Stückes („Five Easy Pieces“ gibt es auch von Igor Strawinsky – HIER) grauenhafte Kernelemente des Geschehens erzählt werden: Der Bericht der exakten Tatschilderung durch Marc Dutroux nach der Festnahme. Er hatte die Kinder teils bewusstlos, aber lebend begraben. Ein unglaublich bewegender Brief eines der Mädchen aus ihrem Kerker an ihre Eltern. Das Mädchen sollte nie wieder das Tageslicht sehen und verhungerte. Eine Szene mit den Eltern eines der Mädchen. Eine Szene mit dem Vater von Marc Dutroux. Spielt das Stück mit den Emotionen der Zuschauer? Nein, diesen Charakter hat es nicht. Das Stück schafft dem Zuschauer und den Kindern vielmehr einen Ausweg: Denn thematisch baut sich für die Kinder in dem Stück neben dem Grauenhaften eben ein ganz anderes Feld auf! Es geht wie gesagt darum, was Kinder schauspielerisch überhaupt leisten können. Was spielen sie da? Können sie so etwas spielen? An dieser Stelle bin ich noch etwas ratlos. Was nimmt der Zuschauer mit? Jetzt lese ich mal ein paar Materialien zum Stück und ergänze den Bericht dann.
    1. Ergänzung: Milo Rau sagt zum Thema Kindertheater: „Kindertheater für Erwachsene ist – im ästhetischen Bereich und natürlich im metaphorischen Sinne – was Pädophilie beziehungstechnisch ist: Keine gegenseitig verantwortliche Liebes-, sondern eine einseitige Machtbeziehung, zu der sich der schwächere Teil, also die Kinder, verhalten müssen. Anders ausgedrückt: Beim Kindertheater für Erwachsene kommt die postmoderne Vorliebe für Medienkritik zu ihrem ursprünglichen Angriffspunkt: Sie wird wieder Wirklichkeitskritik. Theater mit Kindern zu machen, heißt Begriffe wie „Figur“, „Realismus“, „Illusion“ und eben „Macht“ existenziell in Frage zu stellen. Diesen Vorgang wollen wir auch bei „Five Easy Pieces“ zeigen, indem die „Stücke“ immer schwieriger werden: Was mit Rollenspielen beginnt – also mit der guten alten Cindy-Sherman-Frage: Wie können wir Patrice Lumumba oder den Vater Dutroux auf der Bühne nachmachen? – führt zu grundsätzlichen Fragen über inszenatorische Gewalt. Aus naturalistischer Mimikry, aus dem gruseligen Spaß am Nachäffen wird nach und nach eine Art Meta-Studie zur Performancekunst und ihren Verwandlungs-, Unterwerfungs- und Rebellions-Praktiken.Wir machen ja seit bald 15 Jahren Theater und Filme. Von der minimalistischen Performance über die politische Aktion bis zur iro-nischen Gesellschaftsrevue haben wir alles Mögliche gemacht – dazu Hörspiele, Videoclips, Filme, Bücher, Prozesse… In diesem Frühjahr bekommen wir den „Welttheaterpreis“ vom Internationalen Theaterinstitut, eine Art Lebenswerkpreis. Da fragt man sich schon: Ja, was kommt denn jetzt? Einfach nochmal fünfzig Stücke, Filme, Bücher? Kurzum, es ist der richtige Zeitpunkt, ein Projekt zu machen, in dem es um völlig grundsätzliche Dinge geht. Was heißt es, „jemand an-deres“ zu sein auf der Bühne? Was heißt „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“? Wie geht man damit um, angeschaut zu werden? Wie erklärt und wie macht man das? Und diese grundsätzliche Befragung des Theaters ist ja keine intellektuelle Entscheidung: Dinge, die für erwachsene Performer völlig selbstverständlich sind, sind mit Kindern moralisch oder technisch unmöglich. Die ganzen kleinbürgerlichen Stanislawski-Tricks, den ganzen Intensitäts-Mythos der Performance-Tradition kann man wegschmeißen. Bevor wir das erste Mal zu den Proben nach Gent gefahren sind, sagte ich scherzhaft in einem Interview: Das macht mir mehr Angst als ein Trip nach Aleppo. Und es war tatsächlich so. Also Theater mit Kindern geht gar nicht, ist Pädophilie! Und dennoch versucht er, sich den Dingen wie „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“ zu nähern. Gut gelöst! Ergreifend!
Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Forced Entertainment , Real Magic

Forced Entertainment (HIER), die Performance Gruppe aus Sheffield, wurde 1994 gegründet. Das „Stück“ Real Magic wurde als eines der zehn „bemerkenswertesten Stücke“ des Jahres zum Theatertreffen eingeladen. Das Stück wird in Berlin am HAU (Hebbel am Ufer) gezeigt. Als erste Kompanie erhielt Forced Entertaiment übrigens im März 2016 den „International Ibsen Award“, einen der renommiertesten Theaterpreise weltweit (den es aber erst seit 2007 gibt). Der Preis wurde bisher nur an einzelne Protagonisten der Theaterwelt wie Heiner Goebbels, Peter Handke oder Ariane Mnouchkine verliehen. Soviel zur Stellung von Forced Entertainment in der Theaterwelt. Mit Real Magic scheint es – sagt der künstlerische Leiter der Truppe, Tim Etchell -, als seien sie „zum ersten Mal auf zuvor unerreichte Weise zu dem vorgestoßen, was sie mit Forced Entertainment eigentlich wollen„, und als hätten sie hier ihr „Anliegen endlich auf den Punkt gebracht„.

Eine Schleife der permanenten Wiederholung ist es. Immer wieder die gleiche Szene. Gut 50 mal. Es könnte auch Straßentheater sein, das man sich endlos anschaut. Ganz einfach. Es amüsiert, man lacht, es wird immer absurder und zeigt immer mehr die Tatsache, dass alle drei Darsteller gefangen sind. Und dann geht man weiter. Fürchterlich gefangen lässt man sie dann zurück, in der immer gleichen Szene. Sie versuchen es ständig, kommen aber nicht heraus aus der Situation. Alle drei spielen ihren Part – als ModeratorIn, als KandidatIn oder als der denkende Richard – in immer etwas anderer Verfassung. Mal angestrengt, mal lässig, mal stolz (dass der Andere es nicht erraten hat), mal wichtigtuerisch, mal traurig (dass der Andere es nicht erraten hat), mal hektisch und so weiter und so weiter. Es hilft nichts! Sie sind alle drei gefangen in einer vollig illusorischen Szene, Sie stehen vor einer unlösbaren Aufgabe, ohne es so zu sehen: „Richard is now thinking of a word. ….. Are you ready? What is the word Richard is thinking of?“, fragt der Moderator. „You have three chances!“.  Die Szene einer TV-Show, die immer wieder dargestellt wird. Immer mit dem Moderator, einem Kandidaten und Richard. Mehr nicht.

Gefangen, absurd, ein ständiges Versuchen, eine unlösbare Aufgabe, dennoch sind alle drei ständig emotional voll dabei. Eine endlose Vergeblichkeit. Es werden immer die gleichen Antworten. Das Lösungswort wird der Kandidatin sogar einmal vom „Denkenden“  auf dem großen Schild, das der Denkende immer bei sich hat, gezeigt. Die Kandidatin bleibt aber bei ihren drei falschen Antworten. Natürlich liegt der Vergleich mit dem Leben, mit der Welt nahe. Tim Etchell nennt den Kapitalismus, die Globalisierung, Fremdenfeindlichkeit. Auch Beckett wird von Tim Etchell genannt. Ich selber dachte an persönliche Gefangenheit. An die Unmöglichkeit, jemand anderen jemals zu verstehen. Schwer genug! Aber es war mehr, das wäre zu banal gedacht. Es berührt das ganze Leben, die Welt, das Sein. Große Worte, aber sie kommen wahrlich mit dieser einen banalen Szene diesen Punkten nahe. Ohne ein Theaterstück. Wieder können wir nur sagen: Take it easy!

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Explorer/Prometheus unbound

Eine fast erschreckende Darbietung im Rahmen des umfangreichen Programms des Theatertreffens. EXPLORER/Prometheus unbound: Zum ersten Mal bin ich in diesem Maße einigen Möglichkeiten heutiger 3 D Technik ausgesetzt. Es beginnt mit einer Liebesgeschichte. Allerdings schon die wird in der „Motion Capture 3D-Technik“ gezeigt. D. h. die performenden „Schauspieler“ werden mit Sonden am Körper ausgestattet und ihre Bewegungen werden in eine Virtual Reality Show implantiert: Sie spielen die virtuellen Personen, die der Zuschauer sieht. Manchmal sieht man auch die „echten“ Schauspieler. Es kommt dann hinzu, dass die virtuelle Realität alles, was undenkbar ist, zulässt. Sprünge durch Wände, Stürze auf einsame Inseln, abstrakte Räume, Verschwinden und abstruse Verformungen der Körper und und und. Gesteigert durch mehr und mehr laute Musik und abstrakte Videodarstellungen. Wo menschlich echte Emotionen sind? Weg!! Wahrlich erschreckend. Wo führt das hin? Wie leer man sich da fühlt! Im Grunde kann man nur hoffen, dass die Darbietung eine Form der Kritik an diesen Möglichkeiten darstellen soll.

In der Ankündigung der Veranstaltung hieß es:

1994. Das Jahr, in dem das World Wide Web explodiert. Das Jahr des großen Versprechens. The point of no return. Neue Schichten der Realität werden erkundet. TUNE IN für die Liebesgeschichte von Bridget und Deacon im virtuellen Paradies. TURN ON die Cybershow. BOOT UP. JACK IN. DROP OUT. EXPLORE. Die erfolgreich durch die Niederlande tourende Arbeit „Explorer / Prometheus unbound“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach die erste Theaterproduktion, die die Motion Capture 3D-Technik auf der Bühne einsetzt. Sie ist aus einer Zusammenarbeit des Performancekollektivs Urland (Rotterdam) und CREW – der Organisation des Virtual Reality-Pioniers und Künstlers Eric Joris (Brüssel) – entstanden. Mit CREWs technologischem Instrumentarium und Kenntnissen über immersive Technologien, taucht Urland auf sehr eigene Art in den Cyberspace ein.

Kategorien
Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Theodor Storm, Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter, gezeigt im Hamburger Thalia Theater, sollte mein zweites Stück auf dem Theatertreffen 2017 werden. Es wurde leider kurzfristig abgesagt, da ein Schauspieler erkrankte und nicht ersetzt werden kann. Der Regisseur: Johan Simons. Statt des Stückes wurde mit den verbleibenden Schauspielern eine Lesung des Schimmelreiter gebracht. Anschließend ein Klavierkonzert von Beethoven. Beides passte wunderbar zusammen. Schade trotzdem! Johan Simons erklärte im anschließenden Publikumsgespräch, warum der erkrankte Schauspieler in diesem Fall einfach nicht ersetzt werden konnte. Er war wohl zu bedeutend für die Aufführung.

Das Stück wird sehenswert sein – für diejenigen, die in Hamburg leben oder dort hin kommen. Der erkrankte Schauspieler wird allerdings gut sechs Wochen lang ausfallen.

Der Schimmelreiter: Thema: Wie schwer es ist, Neues zu etablieren.

In der Novelle geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien. Oft sitzt Hauke bis tief in die Nacht am Deich und beobachtet die Wellen, die an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man die Deiche zur See hin flacher anlegt.

Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle. Er wird angenommen. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt ein Konflikt zwischen Hauke und dem Großknecht Ole auf. Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke nicht zu. Gegenüber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke – Tochter des verstorbenen Deichgrafen – das Wort und erklärt, Hauke werde durch die Hochzeit mit ihr das Land ihres Vaters bekommen und damit genügend Grundbesitz aufweisen. Hauke wird Deichgraf.

Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: Einen edel aussehenden Schimmel, den er krank und verkommen einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hatte. Der Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Hauke setzt die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind dagegen. Doch Hauke setzt sich durch. Vor einem Teil des alten Deiches lässt er einen neuen bauen, es entsteht mehr Ackerfläche.

Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges (Landes) weiterhin verläuft und dort die vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung durch den alten Großknecht Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem alten Deich keine umfassenden Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer gemeinsamen Tochter Wienke, die geistig behindert ist, aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss dieser mit ansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser, die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“

Kategorien
Allgemein

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Anton Tschechow, Drei Schwestern

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, auch Sex, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so  lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits immer mehr ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss! Ich sicherlich zu selten! So kann aber doch das Leben sein, wenn man ganz dicht dran ist, sich dem eigenen Glück, dem Unglück, der Freude oder den Sorgen hingibt! Schon anhand Tschechows Stück wunderbar zu zeigen, in ganz moderner Zeit. Auch wenn jeder doch sehr mit sich selbst kämpft. Drei Schwestern von Anton Tschechow.

Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Fast gleichgültig ist jeder am Anfang, es ist einfach ein Treffen im Ferienhaus. Was harmlos beginnt, endet aber tragisch. Das erste Stück der 10er-Auswahl des Theatertreffens 2017 wurde am Samstag im Berliner Festspielhaus aufgeführt.
Ich empfehle: Seht es Euch an, es kann in der 3Sat-Mediathek aufgerufen werden. Wie? Ganz einfach: www.3Sat.de aufrufen – dort die „Mediathek“ anklicken – dann den Reiter „Sendung verpasst“ anklicken – das Datum „Samstag, 06.05.2017“ anklicken – dann die Aufzeichnung der Aufführung „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow anklicken und ansehen!

Oder noch einfacher: HIER klicken! Man kann es noch wenige Tage ansehen.

Oder: Nach Basel fahren, um diese Inszenierung von Simon Stone am Theater Basel anzusehen! (Warum nicht? Basel hat ja z. B. noch das schöne MUSEUM FONDATION BEYELER):

Simon Stone ist Hausregisseur am Theater Basel. Seine Bearbeitung von Ibsens „Gabriel Borkmann“ wurde von der Zeitschrift Theater heute zur besten Inszenierung 2016 gewählt und auch schon zum Theatertreffen 2016 eingeladen.

Die Bühne: Ein sich immer wieder langsam drehendes Ferienhaus mit großen Glasfronten. Ein schöner Anblick. Man hat Einsicht in alle Zimmer auf beiden Etagen und folgt so dem modernen alltäglichen Geschehen. Weihnachtsvorbereitungen etwa. Gurke schneiden etwa. Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Wie in unserem richtigen Leben: Gleichzeitigkeit. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Freunden zusammen.

Drei Szenen: Das erste Treffen im Frühling, die Weihnachtsfeier im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil. Mehr und mehr wird im Kreis der Freunde aufgedeckt: Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und teils auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören. Oder er trägt schon länger Unglück mit sich herum.

Allein Olga, die älteste der Schwestern, sie ist es, die das sieht. Sie schreit gegen Ende, wild durch das Ferienhus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es aber nicht aufhalten. Olga wird wahrlich fantastisch gespielt von Barbara Horvath. Aber jeder im Ensemble (etwa die anderen Schwestern Mascha – Franziska Hackl – und Irina – Liliane Amuat) besticht durch wunderbar natürliches Verhalten. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen.

Kurze Andeutungen zu einzelnen Zerstörungen des Glücks:

Mascha ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht aber Ehebruch mit Alexander, dem Gast. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder (seine Familie bewohnt ein Haus in der Nachbarschaft) und begeht somit seinerseits Ehebruch. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. auf 3Sat ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. auf 3Sat ansehen! Irina, die jüngste der Schwestern, trennt sich von Nikolai. Was macht Nikolai? Auf 3Sat ansehen! Andrej wiederum, der Bruder der Schwestern, ist drogensüchtig. Seinen Job hat er aufgegeben. Roman, der etwas älterer Freund im Kreis, steckt im Nihilismus/Existenzialismus fest und … auf 3Sat ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister verkaufen es. Natascha, die erste Frau von Andrej: Sie kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej, dass das zweite Kind … auf 3Sat ansehen.

Und mehr …. auf 3Sat ansehen!

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Kategorien
Allgemein

THEATER: Das Theatertreffen in Berlin 2017

Um die gerne gesehene Theaterwelt nicht aus den Augen zu verlieren: Ich berichte über meine Berlinfahrt zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin ein wenig hier im Blog.

MUSIK: Bob Dylan

Bob Dylan hat in Stockholm nun doch den Literaturnobelpreis – auf seinen Wunsch unter Ausschluss der Öffentlichkeit! – entgegengenommen. Letzte Woche, am Samstag; den 01.04.2017, überreichte die Jury dem Musiker die Auszeichnung für seine Songliteratur. Am Abend gab er dort noch ein schon länger geplantes Konzert.

Er wird übrigens jetzt im April im Rahmen seiner Tournee für fünf Konzerte in Deutschland zu Gast sein! In Hamburg (11. April), Lingen (12. April), Düsseldorf (13. April), Frankfurt (25. April) und Hannover (26. April). Auf seiner „Never Ending Tour“.

Hier der Song „Knocking On Heavens Door„. Sprachlich ist das schon klasse! Das harte Knocking (hartes „kn“, hartes „ock“) – man hört es fast Klopfen – und das weiche Heavens Door (weiches „h“, weiches „d“, weiches „ea“, weiches „oo“). Man hat geradezu ein Bild vor Augen. Also ganz ehrlich, ich hätte es nicht besser gekonnt!

Der Song passt auch zum letzten Blogpost (siehe vorherigen Blogbeitrag): Der „Weg in den Tod“ und Betrachtungen dazu. In der Form eines „Installationstheaters“ an den Münchner Kammerspielen, wo derzeit das Stück „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugendes „gebracht“ wird bzw. Anlass für die Installation ist. Aber das wusste Bob Dylan damals höchstwahrscheinlich noch nicht. Weder dass das Stück gebracht wird, noch dass ich im Blog darüber schreibe.

Um das Preisgeld für den Literaturnobelpreis – acht Millionen schwedischen Kronen (rund 838.000 Euro)! – behalten zu dürfen, muss Bob Dylan innerhalb eines halben Jahres nach der Feier die traditionelle Nobelvorlesung halten. Die kann er auch als Video einreichen, bis zum 10. Juni bleibt ihm Zeit. Eine aufgenommene Version kann dann auch zu einem späteren Zeitpunkt gesendet werden.

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Jeffrey Eugenides, Die Selbstmord-Schwestern

Gestern in den Münchner Kammerspielen die Premiere der „Selbstmord-Schwestern“, ein Stück nach Jeffrey Eugenides‘ gleichnamigen Buch. Das Stück ist inszeniert von Susanne Kennedy.

Susanne Kennedy:
An den Münchner Kammerspielen inszenierte Susanne Kennedy  2011 zunächst „They don’t shoot horses, don’t  they?“ und dann 2013 Marieluise Fleißers Erstlingsstück „Fegefeuer in Ingolstadt“, für das sie von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Nachwuchsregisseurin des Jahres“ gewählt wurde. Das Stück wurde zum Theatertreffen 2014 in Berlin eingeladen und Susanne Kennedy erhielt dafür den 3sat-Preis. Mit ihrer Fassbinder-Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok?“ wurde sie 2015 erneut zum Theatertreffen eingeladen. Sie wird ab der kommenden Spielzeit in Berlin im „Künstlerischen Beirat“ am Berliner Volkstheater unter Chris Dercon arbeiten. Ich denke, man wird sie weiterhin an beiden Orten sehen.

Meine Eindrücke (mehr geht nicht):

  • Man muss den Abend sehr vorsichtig angehen. Man sieht kein Theaterstück, obwohl man in den Kammerspielen sitzt. Man sieht eine „lebende Installation“. Eine Installation einer Art, wie man sie – wenn überhaupt – selten sieht. Wie wenn man lange Zeit einem Kunstwerk gegenübersitzt. (Das Bühnenbild von Lena Newton und die Kostüme von Teresa Vergho vor allem sind wahre Kunstwerke!) Es ist wirklich alles eliminiert, was man im Theater erwartet oder irgendwie gewohnt ist: Man folgt keinem konkreten Geschehen, man folgt keiner Entwicklung von Dingen, man sieht keine Erzählung, man ist in keiner Zeit, man ist an keinem Ort (die Bühne ist allenfalls weit entfremdet ein „Ort“, ein Altarraum), man kann die „Schauspieler“ nicht charakterlich erkennen, man erkennt keine Mimik, sie sprechen nicht real, sie spielen in Masken, die „Musik“ ist nicht Musik – es sind Töne, es wird aus dem Nichts gesprochen, es geht nicht einmal um Gefühle. So, wie das Alltagsleben den 5 Mädchen im Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ rigoros vorenthalten wird, wird hier dem Zuschauer in jeder denkbaren herkömmlichen Form das Theater vorenthalten. Es wird dem Zuschauer also irgendwie auch das Leben, das im Theater so oft gezeigt wird, vorenthalten. Eine irre Situation. Man sieht etwas völlig anderes.
  • Und doch oder gerade dadurch ist man als Zuschauer mitgenommen. Mitgenommen auf eine Reise in eine andere Dimension. Irgendwie wird fast das (banale) Leben zu Grabe getragen. Da müssen wir ja alle durch. Man kann aber nicht einmal sagen, der Abend wäre dadurch negativ angehaucht oder ähnlich. Soviel Farbe, soviel Buntes, soviel Leben, und doch das Thema „Tod“. Fast widersprüchlich. Das kann aber nicht negativ sein! Im Gegenteil! Bei diesen Kostümen, dieser Bühne. Es geht nur nicht um die Fragen, die sich so ständig aus dem Leben heraus stellen, es geht um etwas darüber hinaus gehendes.
  • Man reist durch ein Puzzle aus Bildern, Videos, Youtubefilmen, Stimmen, Musik, den entpersonalisierten Schauspielern, ihren Bewegungen, Fragmenten aus dem Roman „Die Selbstmord-Schwestern“, Opferhandlungen der ehemaligen Beobachter der 5 Mädchen und psychedelischen Eindrücken vom Nachtod. Aber es ist vielleicht auch einer der Antriebe von Susanne Kennedy, uns Dimensionen zu zeigen, die wir nicht sehen. Die aber von Timothy Leary – mit seinen Beschreibungen des LSD-Trips – und vom Tibetanischen Totenbuch – mit seiner Beschreibung von 7 mal 7 Tagen, die es braucht nach dem Tod bis zur Wiederauferstehung – angesprochen werden. Damit nähert sich Susanne Kennedy (anhand der grundlegenden Motive des Buches) riesigen Fragen, die immer über uns stehen werden.
  • Man muss sich diesem Abend hingeben, darf nichts erwarten, muss sich mitziehen lassen. Dazu fordert auch anfangs der Avatar auf, der immer wieder von einem der Bildschirme Texte von Timothy Leary spricht. Timothy Leary, der LSD-Guru. Es eröffnen sich Dimensionen, die wir in unserem Leben eigentlich immer wegsperren, verdrängen oder garnicht sehen – wenn wir nicht in einem solchen Abend sitzen. Die nicht unserem Alltag entsprechen. Insoweit ist dieser Abend ein Abend, der über das Theater hinausgeht. Wir Menschen kennen so wenige Dimensionen.
  • Man bekommt ein sehr spezielles Verhältnis zu „Leben und Tod“ geboten: Während der Theaterzuschauer sich seit hunderten von Jahren mit dem gespielten Tod auf der Bühne auseinandersetzt, also den Tod als Weiterlebender anschaut, scheint es hier ernst zu werden. Der Zuschauer sieht eben nicht irgendein Geschehen, das letztlich wieder einmal in den Tod führt, er sieht eher eine Dimension, die der Tod selbst sein könnte. Eine Lehrstunde, eine „Ideenstunde“, der man sich hingeben kann (auch im Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ gibt es kein Geschehen, das zum Tod führt. Nur „Beweismittel“). Es geht in der Tat um den Weg in den Tod und den Weg in 49 Tagen zurück zur Wiederauferstehung. Tibetanisches Tagebuch. Und LSD. Was ist dann das Leben? Auch auf diese Frage wird man damit zwangsläufig zurückgeworfen und erkennt Dinge in anderer Art und Weise. So bunt und vielfältig, aber auch so künstlich ist das Bühnenbild. Wie die Coca Cola, die die Schauspieler trinken. Wie die in den Vitrinen wachsenden Donuts. Wie die Youtube-Tutorials über Schminktipps.  Und gerade dadurch kommen andere Dinge zum Vorschein. Wesentlichere Dinge? Was kann schon wesentlich sein! Wir wissen es ja nicht. Wollten die 5 Mädchen das alles nicht erleben oder durften sie nicht?
  • Man kann diesen Abend in keine Kategorie des Theaterwesens einordnen. Auch eigentlich keine „Kritik“ schreiben. Im Bayerischen Rundfunk heißt es zur gestrigen Premiere (Autor Herr Rickleffs): „Susanne Kennedy erzählt keine Geschichte, wärmt keinen Roman noch einmal auf, nein, sie versucht mit ihrer ebenso irritierenden wie betörenden Version der „Selbstmord-Schwestern“ dem Tod selbst eine Bühne zu bieten. Was sie dem Zuschauer damit bietet, ist die Möglichkeit sich diesem und damit auch seinem eigenen Tod nah zu fühlen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Wer dazu bereit ist, dem kann dieses Theater zur Offenbarung werden.
  • Es ist also ein lohnender, auch sehr schöner, wenn auch verstörender Abend, WENN man sich all diesen Aspekten hingibt, vorsichtig hingibt. Und: VORSICHT; THEATER KANN NICHT NUR BELLEN, ES KANN AUCH BEISSEN!
Kategorien
Allgemein Gesehen und gehört

THEATER: Kammerspiele – No Theater

Ein Beitrag eher für Münchner:

Am Samstag war wieder eine: Uraufführung des Stückes „Nō Theater“ des japanischen Autors Toshiki Okada in den Münchner Kammerspielen. Ich verlinke hier zur zuerst erschienenen Besprechung auf www.nachtkritik.de, in der man auch ein paar der Einzelheiten zu der alten traditionellen japanischen Form des No Theater lesen kann.

Es geht – grob gesagt – im streng formalisierten Nō Theater darum, dass die Geister verstorbener Menschen in der aktuellen Welt noch Dinge erledigen müssen, um das Leben des Verstorbenen wirklich abschließen zu können. Der verstorbene Mensch befindet sich also noch in einem Übergang. Daher stellt in diesem Stück die Bühne sehr gut passend und beeindruckend eine U-Bahn-Station in Tokio dar, die U-Bahn ist nun einmal gerade in Japan Ort des Übergangs, jeder kommt und geht woanders hin.

Mein Eindruck zum Stück: Die Münchner Kammerspiele schaffen Wunderbares, WENN man sich darauf einlässt. Wieder einmal wurde der Zuschauer durch ein sehr besonderes Stück in einen speziellen, eigenen und dadurch wertvollen Zustand versetzt. Man kann das Theater bereichert verlassen. Allein das Erleben dieses Zustandes ist das Stück wert! Es muss nicht immer das schnell gedachte Konsumergebnis „Es war eine Klasse-Umsetzung des Klassikers xy“ am Ende stehen, um zu überzeugen!

Es wird Ruhe produziert, das Geschehen wird ungewohnt und wohltuend entschleunigt, mit einer gewissen Zartheit und Zurückhaltung – typisch japanisch? – werden schwere aktuelle Probleme der japanischen Gesellschaft angesprochen. Von den Geistern zweier Verstorbener, auf zwei unterschiedlichen U-Bahn-Stationen in Tokio. Perplex beobachtet ein junger Mann (Thomas Hauser) die Lage, wird in die Atmosphäre des Stückes hineingezogen.Wie alle Regiearbeiten Okadas ist „Nō Theater“ dabei geprägt von der Diskrepanz zwischen Bewegung und Sprache. Die Schauspieler tragen meist statisch stehend mit unbewegten Mienen ihren Text vor. „Mal hebt sich ein Fuß, mal greifen Hände in die Luft, mal beugt oder wiegt sich ein Körper sachte“, schreibt zurecht Petra Hallmayer auf http://www.nachtkritik.de. Auch dies sind Elemente des japanischen Nō Theaters.

Inhaltlich: Man wurde mit Problemen konfrontiert, die sicherlich besonders auf der japanischen Gesellschaft lasten. Warum wird es bei uns gezeigt? Nun, etwa weil viele Japaner hier leben und zu uns kommen. Oder einfach aus Interesse an der japanischen Denkweise und Gefühlslage, als immer nötiger werdender Blick über den Tellerrand. Oder auch, weil es sich lohnt zu überlegen, ob es nicht genausogut Probleme unserer Gesellschaft sind (Tenor: Das grenzenlose Treiben des Finanzwesens – „the bubble“ – und der Feminismus zerstören die Zukunft der japanischen Gesellschaft!). Oder, weil es einfach auch interessant ist zu lernen, dass man auch sehr reduziert – mit dem ruhigen Abstand der Geister – Probleme betrachten und angehen kann, nicht hektisch nach Lösungen greifen muss, die die nächsten Fehler beinhalten. Auf einen abschließenden Lösungsvorschlag kommt es angesichts dessen garnicht entscheidend an. Der Anstoß ist es! Getragen wurden die Zuschauer im Übrigen von bizarren und einzigartigen „Klängen“ des auf der Bühne sitzenden japanischen Musikers. Der Musiker, der auch auf der anschließenden Premierenfeier – zusammen mit Jelena Kulic – etwas spielte.

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Der Kirschgarten von Anton Tschechow

Der Kirschgarten von Anton Tschechow hatte gestern an den Münchner Kammerspielen Premiere. Vorab: Der Blog ist kein reiner Theaterkritik – Blog, dennoch heute wieder meine Einschätzung. Natürlich, ich wende mich mit dem Blog auch an Leser, die nicht in München leben, das Stück also nicht sehen werden. Ich will auch nicht sagen: „Schaut mal, was ich wieder Tolles gemacht habe!“ Nein, ich will Anregungen geben. Anregungen, sich Themen zu nähern. Ich habe dazu mehr Zeit als viele andere und möchte es nur ein wenig weitergeben.

Zur gestrigen Premiere insoweit Folgendes:

Man kennt Theater ja oftmals so, dass dann, wenn alte „Klassiker“ gespielt werden, gerne der Inhalt mehr oder weniger plump auf neue Zeiten übertragen wird, abgeändert wird, eventuell etwas politisiert gebracht wird, etc. Manchmal mit etwas belehrender Attitude. Denn die Situation ist dann doch schnell diejenige, dass der Zuschauer – bequem – einer bestimmten „Belehrung“ folgt. Wie etwa sicherlich schnell bei „Der Kirschgarten“, dem letzten Stück, das Anton Tschechow geschrieben hatte. Ein gerne und oft genommenes Stück, das – denke ich (ich habe nicht sehr viele verschiedene Inszenierungen des Stückes gesehen) – schon oft in derartiger Form behandelt wurde. An den Münchner Kammerspielen wurde es etwa zuletzt vor 10 Jahren aufgeführt. Übrigens war es damals für Brigitte Hobmeier – eine der besonders herausragenden Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses – die erste Rolle an den Kammerspielen, nun ist es die letzte. So erzählt sie im kürzlich erschienenen Interwiew in der Münchener Abendzeitung. Sie hat leider bekanntlich ihren Vertrag bei den Kammerspielen mit Wirkung zum Ende dieser Spielzeit gekündigt. Auch der damalige Regisseur Lars-Ole Walburg hatte die Geschichte – ohne Ablauf oder Namen zu verändern – aktualisiert nach Deutschland verlegt. Thematisch ist das bei diesem Stück natürlich gut machbar, geht es doch im „Kirschgarten“ – grob gesagt – um das immer relevante Thema: Das schöne „Alte“ – der Kirschgarten – muss aufgegeben werden, man steht vor noch unbekanntem „Neuen“. Kann man sich im Leben vom schönen „Alten“, das einen geprägt hat, trennen? Kann man wirklich zu „Neuem“ aufbrechen? Wie verhält man sich im Übergang zwischen Alt und Neu? Das beleuchtete Anton Tschechow anhand der zwölf in seinem Stück dargestellten Personen in der damaligen russischen Lebenssituation.

Der Kirschgarten von Anton Tschechow hatte gestern an den Münchner Kammerspielen also Premiere. Der Regisseur des Stückes, Nicolas Stemann, Hausregisseur der Kammerspiele, ist bislang vor allem bekannt geworden als derjenige, der Elfriede Jelinek mit aktuellen Themen auf die Bühne bringt. Etwa nach den Attentaten von Paris das Stück „Wut“ – auch an den Kammerspielen. Nun wollte er einen Klassiker bringen, er sah es als eine persönliche Herausforderung an. Der Ansatz von Stemann ist: Er verpflanzt das Stück NICHT nach Deutschland oder irgendwohin. Er politisiert NICHT mit aktuellen Themen. Er belässt es – auf sehr zeitloser, völlig karger Bühne – beim allgegenwärtigen Thema! Er belädt die Bühne NICHT in „vielsagender“, die Interpretation dann doch schon deutlich lenkender Weise. Alles bleibt offen. Es kommen nur die Personen zum Tragen! Schön, da die schauspielerischen Leistungen so – das war mein deutlicher Eindruck – noch viel deutlicher werden. Etwa diejenigen von Brigitte Hobmeier, von Peter Brombacher, von Samouil Stojanow, Damian Rebgetz. In Tschechows Stück treten 12 Personen auf, die mit der Situation umgehen, dass der schöne Kirschgarten, den alle als Teil ihrer Vergangenheit kennen, versteigert wird. Stemann besetzt jede Rolle, so sieht man einen wunderbar großen Teil des guten Ensembles der Kammerspiele zusammen auf der Bühne. Nur der hohe, schwere, dunkelrote Vorhang der Bühne spielt in der ersten Hälfte herein. Er geht permanent auf und zu, fährt durch die Bühne. Ein Symbol für Anfang und Ende konnte er sein, dachte ich etwa. Oder für die schöne alte Zeit, der Prunkvorhang. Bis er abstürzt. Ein Schauspieler etwa sagte mir nach der Aufführung, der Vorhang könne auch in verschiedener Hinsicht unsere Zeit zeigen, diese irre Situation, die alles durchschneidet, Trump etc.  Dieser Wandel. Wie verhält man sich! Darauf führt Nicolas Stemann die Inszenierung zurück.

Nochmal: Man bekommt nicht eine bestimmte Meinung serviert, man verlässt das Theater nicht „meinungsgesättigt“, sondern erhält die Anregung, selber zu denken! Das ist auch der Ansatz dieses Blogs: Kunst ist nicht Konsum! So haben sich die Zeiten geändert. Einige Münchner scheinen damit – in Erinnerung an alte Zeiten – immer noch Probleme zu haben.

Auffallend dabei: Die Inszenierung von Stemann fordert viel von den Schauspielern. Jede der Personen des „Kirschgarten“ hat ein anderes Verhältnis zum Untergang des Alten und zeigt sich entsprechend. So auch hier deutlich. Manchmal im Monolog vor dem geschlossenen Vorhang; wunderbar etwa Brigitte Hobmeier und Samouil Stojanow. Jeder Schauspieler zeigt sich dadurch noch dazu irgendwie deutlicher sogar, als in anderen Stücken, war mein Endruck. Schön! Hier würde ich nur sagen: Die ein oder andere Person des „Kirschgarten“ – etwa die von Annette Paulmann oder Julia Riedler dargestellten Personen – könnte sogar noch deutlicher dargestellt werden. Vielleicht muss man das Stück aber auch einfach zweimal ansehen. Es lohnt sich! Thematisch und als Theaterfreund im Sinne des Nachdenkens, nicht Konsumierens.

Gesehenes

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Shakespeare – Hamlet

Warum? Warum tun wir uns das an? Etwa die – beeindruckende – Aufführung von Shakespeares HAMLET, am Donnerstag, 19.01.2017, war Premiere in den Kammerspielen! Wir verlassen das Theater – und dann? Eine unglaubliche schauspielerische Leistung – mehr geht kaum, ein „Blutbad“ mit 240 Litern Blut auf der Bühne. Eine hochambitionierte Aufführung. Aber Hamlet, Hamlet! Das hat doch jeder schon x-fach gesehen, gelesen, davon gehört. „Sein oder Nichtsein“. Alle sterben am Ende, Hamlet hat alle und sich auf dem Gewissen. Aber was bringt es? Warum? Nur eine Ablenkung – wie Fernsehen? Nein, das wäre schade. Das kann es nicht sein. Nein, auch die Kammerspiele – der junge Hausregisseur Christopher Rüping – wählen ja den Ansatz: Erzählen! Man MUSS Hamlet erzählen. Also die alte Story des Prinzen, dessen Mutter ihren Ehemann, Hamlets Vater, umbringen lässt und sich mit dessen Bruder vermählt! Auch die Liebe – zu Ophelia – kann Hamlet nicht mehr retten. Er muss den Vater rächen! Alles ist nichts wert! Wir brauchen eine neue Welt, sagt er sich. „Geh weg!“ schreit er Ophelia an. Nicht als Zweifler, sondern als rasend Opponierender. Nur er zählt! Der sterbende Hamlet selbst sagt dann zu seinem überlebenden Freund Horatio: Erzähle der Welt meine Geschichte (in Rüpings Inszenierung tritt Horatio in drei Personen auf, die auch die anderen Rollen spielen). Horatio erzählt Hamlets wahnsinnigen Weg. Aber immer wieder die Frage: Warum? Nun, Theater stellt immer einen – erkennbaren oder verborgenen – Bezug zur Gegenwart dar. Es sitzen ja nicht Historiker im Publikum und man blättert ja nicht in einer viele Jahre alten Zeitung, quasi um Vergangenes anzusehen. Nein, es soll uns – die Zuschauer – HEUTE bewegen. Darum geht man doch hin.

Die Aufführung in den Kammerspielen gibt keine Antwort oder Interpretation vor. Sie überlässt es im Grunde jedem Zuschauer, für sich selbst einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Ein schöner Ansatz, Hamlets Weg wahrlich so unglaublich radikal und intensiv zu beschreiben – schauspielerisch, bildlich, textlich, akustisch – dass jeder, der sich Gedanken macht, durch die Intensität geradezu angestoßen ist, sich seinen eigenen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Kunst ist Gegenwart!

Ansätze für Interpretationen? Ein Ansatz wäre etwa: Hamlet zerstört die Alte Welt um sich herum – trägt auch immer wieder einen schwarzen Kapuzenpulli -, wie ein Amokläufer, der ein Blutbad anrichtet! Der auch meint, er folge einem „Auftrag“, der sich „auserkoren“ fühlt. Aber Halt! Kann es um Verständnis für Amokläufer gehen? Nein! Andere in den Tod schicken wird bei Hamlet nicht als Lösung gezeigt. Es geht ihm um Rebellion gegen den Mord an seinem Vater, er steigert es zu totaler Ich-Bezogenheit, Selbstüberschätzung und in den Glauben, auserkoren zu sein, den Vater zu rächen. Doch letztlich bringt ihm das selbst den Tod. Hamlet wollte nicht sterben, er war kein Selbstmörder. Das „Nichtsein“ war ihm ja suspekt.

Oder ein anderer Ansatz: Donald Trump! Heute, am 20.01.2017,  wurde er zum amerikanischen Präsidenten ernannt! Nur er zählt! Er wütet gegen all das, was wir gewohnt sind. Hilft es ihm? Wird es ihm schaden?

Und man kann auch da weiterdenken: Soll man ihn verdammen? Wie Hamlet von seiner Mutter und dem Onkel als Staatsgefahr verdammt und nach England in den Tod geschickt wurde, weil er „wahnsinnig“ sei? Und um das Bewährte zu erhalten, um alles zu vertuschen. Nein! Es geht natürlich immer wieder gegen das Alte! Das muss sein! Auch in unserer Zeit. Da müßen wir durch! Nur wer dabei so, wie Hamlet, wütet, schadet sich am Ende selbst.

Oder: Eine kaputte Liebe. Ist hier Wüten angebracht? Zerstören? Man geht auch da oft selber kaputt, wie man an Hamlets Weg sieht. Oder oder oder.

Das Stück endet insoweit sehr treffend mit dem Schriftzug: „Weiter, weiter!“

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Kammerspiele

 

Kategorien
Gelesen und geblättert

LITERATUR: Albert Camus und Kamel Daoud

Zwei Bücher, die denselben Vorgang zum Anlass ihrer Erzählung nehmen, ihn und seine Folgen aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven erzählen: Albert Camus schrieb „Der Fremde„, in dem der Franzose Meursault am Strand in Algerien einfach einen „Araber“ erschießt, Kamel Daoud beschrieb dazu jetzt in seinem vor allem in Frankreich äußerst erfolgreichen Buch die Sichtweise des Bruders des „Arabers“ in „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung„. Kamel Daoud hat am 27.09.2016 in den Münchner Kammerspielen aus dem Buch gelesen und darüber diskutiert und am 29.09.2016 war in den Kammerspielen die Premiere des Stückes „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“. Hierzu heißt es – dem internationalen Ansatz des Theaters entsprechend – im Programm: Der aus dem Iran kommende international renommierte Regisseur Amir Reza Koohestani verlässt für seine erste Produktion an den Kammerspielen die rein postkoloniale Perspektive und sucht über sie hinausgehend allgemeine Prinzipien von Unterdrückung, Wiederaneignung und Selbstbehauptung darzustellen. Mit Hilfe von SchauspielerInnen mit iranischen, libanesischen, lettischen, bulgarischen, schweizerischen und deutschen Wurzeln setzt er Daouds Roman in ein multiperspektivisches Sprachpanorama. Mal sehen.

Während Camus existentialistisch und nüchtern die Nichtigkeit selbst des Todes eines „Arabers“ beschreibt, greift Daoud in sehr subjektiver Sprache die Befindlichkeiten der Mutter und des Bruders des „Arabers“ auf. Daouds Buch stellt in nicht einfacher, aber sehr lesenswerter Form dar, wie der Tod des „Arabers“ das Leben seiner Mutter und des Bruders zerstört hat, er kommt dabei aber immer wieder auch auf die Befindlichkeit der Algerier vor und nach dem Unabhängigkeitskrieg. Aber nicht nur das. Er findet schöne Gedanken bei alledem.

Zum Theaterstück:

Die Kritiken zum Stück sind zu Recht durchgehend positiv! SZ, Deutschlandfunk, FAZ, Frankfurter Rundschau etc. Ein schönes Theaterereignis. Dank einer klasse Umsetzung des Buches auf die Bühne durch den Regisseur Amir Reza Koojestani. Er spielt ständig mit verschiedenen Ebenen, thematisch und zeitlich. Man wird hin und her getragen. Unabhängig davon, denke ich, wird das Buch „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ von Kamel Daoud überinterpretiert. Vielleicht wundert sich Kamel Daoud selber darüber. Die Umsetzung des Buches durch Koohestani jedenfalls vermeidet Gott sei Dank eine derartige Überinterpretation. Petra Hallmeyer schreibt in http://www.nachtkritik.de dazu etwa: „In einer Collage zeitlich versetzter Szenen erzählt er (Koohestani) mit stilisierten, starken Bildern die Geschichte von Musas Bruder Harun (die Schreibweise der Namen weicht von der Vorlage ab) und dessen Mutter. Wir begegnen Harun als Kind, als jungem und altem Mann. Wir sehen Meursault (Gundars Āboliņš), der die Leiche Musas brutal mit dem Fuß in eine Grube stößt, aus der ein geköpfter Mann auftaucht. Unter der kreisrunden Scheibe des Mondes tritt der Tote seinem Mörder gegenüber und erklärt ihm beharrlich unzählige Male ´’Du hast mich erschossen‘.“

Und so weiter.

Wie stehen beide Bücher zu einander? Camus zeigt einen existenzialistischen Menschen, dem letztlich alles egal ist. Alles. Anfangs schon die Tatsache, dass seine Mutter stirbt. Dann tötet er sogar einen „Araber“ am Strand. Wegen der Sonne. Egal sind ihm auch Religionen etc. Alles ohne Regung. Eigenlich perfekt fürchterlich und schrecklich nüchtern geschrieben. Seiner Haltung tritt aber das gesellschaftliche System entgegen: Er kommt ins Gefängnis, es gibt einen Prozess – auch das ist ihm egal, er findet es eher „interessant“ – und er wird zum Tode verurteilt. Den Gegensatz Existenzialismus – „gesellschaftliche Funktionsfähigkeit“ zeigt Camus damit auf. Das gesellschaftliche System gewinnt. Kamel Daoud greift dieses Geschehen auf, zeigt es aber von einer äußerst emotionalen, lebensnahen Seite der Mutter und des Bruders des getöteten Arabers. Auch der Bruder tötet sogar jemanden, einen Franzosen. Er tötet aber nicht als Existenzialist, als gefühlsloser, philosophischer Mensch, sondern in völliger emotionaler Verstrickung, um einen Ausweg zu finden. Damit wird Camus‘ Geschehen von Kamel Daoud komplett auf den Kopf gestellt. Auch die Erschießung des Franzosen ist ein Mord. In seinem Fall hat der Bruder des ursprünglich getöteten Arabers aber das Glück, dass das gesellschaftliche Leben NICHT mit einer Bestrafung reagiert. Es herrschte – bis einen Tag vor der Ermordung des Franzosen – der algerische Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich, da war Töten ein anderes Thema. Der Bruder des ursprünglich getöteten Arabers wird daher nicht bestraft. Die Subjektivität gewinnt bei Daoud. In der von Daoud dargestellten lebensbestimmenden Subjektivität zeigt sich durchaus ein Unterschied zwischen westlicher und arabischer Welt. Themen wie Islam, Fremde, Kolonialismus, Orient – Okzident etc. spielen aber nur nebenbei herein. Aber sie spielen etwas herein. Die Subjektivität ist davon getragen. Schon das ist interessant. Hier beginnt aber oft, denke ich, die Überinterpretation. Es geht Daoud, vermute ich, eigentlich nicht um politische Aussagen, sondern eher um die subjektiven Empfindungen der Familie des erschossenen Arabers. Etwa in wunderbaren Worten, wenn es um eine Definition von Liebe geht! Es ist m. E. kein Protestbuch! Eher ein Buch, das dem schmerzlosen Existenzialismus von Camus den Realismus und die sehr schmerzhafte Subjektivität von Daoud gegenüberstellt.

Bildergebnis für camus daoud

Kategorien
Gelesen und geblättert

THEATER: Theater des Jahres

Das Berliner Maxim- Gorki-Theater und die Berliner Volksbühne sind gleichberechtigt von der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Theater des Jahres“ gekürt worden. Wer mir zu dort gesehenen Stücken ein paar Zeilen schreibt, wird hier veröffentlicht. Einfach den grauen Kommentar-Button rechts oben anklicken. Chris Dercon, der kommende Intendant der Berliner Volksbühne, ist ja sehr in der Kritik. Die Auszeichnung gebührt dem scheidenden Leiter der Berliner Volksbühne Frank Castorf.

HIER die Links zu den Theatern und zu Theater heute:

http://www.gorki.de

https://www.volksbuehne-berlin.de

http://www.theaterheute.de

http://www.theaterheute.de/images/theaterheute.jpg

 

 

 

 

 

 

 

Kategorien
Gesehen und gehört

THEATER: Theaterwelten

Nach hinten schauen und zurückblicken ist immer mal angebracht und hilfreich. Aber auch nach vorne sehen, auf Neues zugehen, Entwicklungen aufgreifen, dazu Stellung beziehen, das ist mindestens genauso wichtig. Und dazu hilft das ein oder andere Theater auch. Manche  Theater verändern sich derzeit. Wie so vieles momentan. Extreme Veränderungen erlebt derzeit das Publikum der Münchner Kammerspiele. Was hier – an den Kammerspielen – passiere, sei „ein Stück Theatergeschichte“, sagte kürzlich Phillipp Ruch, Gründer des Berliner Zentrums für politische Schönheit. Die letzten beiden Aufführungen der Kammerspiele zeigten wieder einmal den Gegensatz: Am Sonntag  war die absolut klassischer Aufführung der Maria Stewart von Friedrich Schiller. Die Geschichte der zaudernden englischen Königin Elisabeth und der gefangenen schottischen Königin Maria Stewart. Es wirkte schon fast unzeitgemäß. Macht und Recht, ein Dauerthema. Man konnte sich aber fast verhohnepiepelt vorkommen. Alte Sprache, karge Bühne, starr stehende Schauspieler, kein Gegenwartsbezug etc.  Hat auch was, aber trotzdem! Warum? Am Montag war dann eine Aufführung nach dem Roman  America von T. C. Boyle. Die tragische Geschichte von mexikanischen Einwanderern und amerikanischer Abschottung. Es war die sehr aufwühlende umfangreiche Erzählung des Romans von T. C. Boyle in vielen wunderbaren Bildern, wunderbaren Szenen, mit guten schauspielerischen Leistungen, mit Film, Bildern, Monologen, Dialogen, Aktualität (Ausschnitte von Reden von Donald Trump wurden eingespielt), wechselnder Bühne etc. Wer hingehen kann: Ich empfehle beides, besonders Amerika von T. C. Boyle.

Gesehenes

 

Kategorien
Gelesen und geblättert Sonstiges

SONSTIGES: Skylla und Charybdis

So läuft das zurzeit: Gestern abend … ich war „überraschenderweise“ in den Kammerspielen, Lange Nacht der neuen (deutschsprachigen) Dramatik (war gut, fünf Stücke wurden vom gesamten Ensemble gelesen und teilweise gespielt) … in der Pause habe ich dann ein Büchlein  von Frank Wedekind gekauft, Frühlings Erwachen … weil ich demnächst wiederum (vielleicht) in den Kammerspielen das Stück 50 Grades of Shame ansehen möchte, das auf Wedekinds Frühlings Erwachen beruht … und im Text von Wedekind heißt es dann: „Ich glaube, das ist eine Charybdis, aus der sich jeder stürzt, der sich aus der Skylla …. emporgerungen … ich war früher am humanistischen Gymnasium … also fragte ich mich kurz: Was war das nochmal mit Skylla und Charybdis? … ich habe nachgelesen, man liest ja manchmal „Zwischen Skylla und Charybdis„: In Homers Odyssee haust das Ungeheuer Skylla auf dem größeren von zwei sich gegenüberstehenden Felsen der Meerenge und Charybdis unterhalb des kleineren Felsens, auf dem ein großer Feigenbaum steht. Sie (Charybdis) saugt dreimal am Tag das Meerwasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog geraten, sind verloren, nicht einmal der Meeresgott Poseidon vermag diese Schiffe zu retten. Auf den Rat von Kirke meidet Odysseus die Charybdis, gerät dabei aber unweigerlich so nahe an Skylla heran, dass sie sechs der Gefährten tötet und frisst. Auf der Rückfahrt von der Insel des Helios kommen die übrigen Gefährten wegen der verbotenen Tötung von Helios‘ Rindern bei einem Sturm ums Leben, sodass Odysseus auf dem zertrümmerten Schiff die Meerenge allein passieren muss. Als Charybdis das Schiff einsaugt, klammert er sich am Feigenbaum fest, bis es wieder ausgespien wird, und rudert auf den Trümmern mit den Händen davon.

Tja, so ist das Leben. Mal sehen, wohin mich Wedekind noch treibt in meiner Odyssee.

http://www.sigmabooks.gr/images/mapEurope_Argonauts_small_tasks/mapEurope_Argonauts_small_tasks_19Scylla_ge.jpg

 

 

Kategorien
Gesehen und gehört

LITERATUR: Thomas Bernhard, eine Biografie und „Die Auslöschung“ als Theaterstück

Manfred Mittermayer hat eine Biografie zu Thomas Bernhard (vgl. Buchtipp), dem großen „Übertreibungskünstler“, geschrieben. Schon 2006 hatte er eine kürzere Biografie gebracht, jetzt eine umfassende. Eine Besprechung dieser Biografie kam am 07. Februar 2016 im Deutschlandfunk. Erschienen ist die Biografie im Suhrkamp – Verlag.

Hier das Podcast: Thomas Bernhard Biografie

Und HIER  der Link zur Seite des Residenzverlags zur Biografie.

UND: Bernhards Prosawerk „Auslöschung“ wird in Wien als Theaterstück gebracht. Auch dazu eine Besprechung aus dem Deutschlandfunk, vom 26. Februar 2016. Es heißt online beim Deutschlandfunk: Die Uraufführung der kritischen Erzählung vom katholischen Nazistaat Österreich am Theater in der Josefstadt in Wien begeisterte Kritiker und Publikum.

Hier das Podcast: Thomas Bernhard „Auslöschung“

The 70s. retro boom box stock photo

Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976. (picture alliance / dpa / Votava)