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THEATER: Toshiki Okada – No Sex

Toshiki Okada greift einen Aspekt auf: Man stellt in Japan fest, dass knapp 50 % der 18 bis 24-jährigen noch keinen Sex hatten. Hat sich (vielleicht nicht nur in Japan) das Verhältnis junger Menschen zum Sex verändert? Sicherlich, allein die vielfältigen Möglichkeiten und Beeinflussungen im Internet! Früher war es geradezu einmal spannend, ein Playboy-Heft in die Hand zu bekommen. Heute gewährt einem ein Klick im Internet Einblick in alles. Da ist es doch sehr angebracht, einmal über Entwicklungen nachzudenken. Offensichtlich gibt es in Japan bereits eine statistisch erwiesene Entwicklung.

No Sex“ von Toshiki Okada hatte am Samstagabend Premiere in den Kammerspielen. Es geht letztlich auch um die unausweichlichen Unterschiede zwischen Jung & Alt. Wir alle sind mal jung und mal alt. Eine Parabel fast auf die Welt der Münchner Kammerspiele.

Vier junge Männer kommen in eine Karaokebar und singen Lieder. Dazwischen unterhalten Sie sich. Alles wird von ihnen im Gespräch fein säuberlich völlig übertrieben analysiert, Emotionen gibt es nicht. Man liest im Programmheft auch etwa von Aspekten des Kapitalismus, der das Thema der Emotionen ausschlachtet. Werbeindustrie etc. Aber die Folge ist laut Okada gerade, dass sich die jungen Barbesucher dem Sex verweigern. Ist ja an sich seltsam: Einerseits geht es heute viel mehr um Selbstverwirklichung, andererseits – in Japan jedenfalls – weniger um Sex, Gefühlsaustausch. Es herrscht eine Abwehrhaltung geradezu. Vielleicht sind es besondere Aspekte in Japan. Das Verhalten der jungen Besucher wundert den Betreiber der Bar (Stefan Merki) und seine Reinigungskraft (Annette Paulmann). Sie besonders verteidigt herkömmliche kleine Aspekte der Liebe. Da können die jungen Besucher nur ungläubig und unwillig staunen.

Mein erstes Urteil, bevor ich es mir noch einmal anschauen:

Insgesamt ein – ich möchte sagen – „recht gelungenes“ Stück. Nicht aufwühlend, nicht „mit dem Finger in die Wunde“, wie es ein Milo Rau immer wieder macht, eher analysierend, eine eigentlich schreckliche Entwicklung in bekannter Situation darstellend, einen Aspekt aufgreifend, der ziemlich untergeht. Die Besonderheit war für mich an diesem Abend, dass ich garnicht alles beurteilen möchte. Es waren eher einzelne Teilaspekte der Inszenierung, die hervorstachen und denen ich auch gerne noch länger zugesehen hätte. Anderes war unbedeutend. Sehr gelungen war etwa die Besetzung. Stefan Merki und Annette Paulmann als die Alten und Franz Rogowski, Thomas Hauser, Christian Löber und Benjamin Radjaipour als das junge Team (das „cluster“). Man merkte, sie hatten Spaß. Ihre Zusammensetzung herrlich und jeder Einzelne war klasse. Gelungen – fand ich – waren die höchst absurden, aber fast philosophischen Unterhaltungen der jungen Menschen untereinander. Gelungen waren auch – fand ich – ihre höchst absurden Bewegungen (ähnliche Bewegungen zeigten die Schauspieler auch in Okadas Stück Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech, das auch in den Kammerspielen lief). Allein, dass sie sich ständig verrenken, es aber keinen stört. Sehr gelungen – nein: außergewöhnlich stark! –   sind außerdem übrigens die Fotos im Programmheft! Sehenswert! (Urheber: Julian Baumann) Nicht besonders auffallend dagegen war der Versuch von Stefan Merki in der Rolle des Barbesitzers, sich dem Team der jungen Leute zu nähen, Sie zu verstehen. War recht zurückhaltend. Immerhin versuchte er es, nach all seiner Verunsicherung. Das ist ja immer wieder die fürchterliche Aufgabe der alten gegenüber den Jungen: Man kapselt sich schnell ab, wenn man nicht versucht, die Jungen zu verstehen. Siehe Kammerspiele und die Diskussion über die Intendanz von Matthias Lilienthal. Stefan Merki als Barbesitzer überlegte lange, wie er das Verhalten der Gruppe nennen könnte. Er nennt es letztlich „neu“. Immerhin nicht abwertend.

Ich hätte dem Stück aufgrund der genannten Aspekte noch lange zusehen können, ich verstand irgendwie beide Seiten. Mein erster Eindruck war aber auch: Okada hätte noch mehr aus dem Thema machen können.

Ich werde das Stück wieder ein zweites Mal ansehen – was ich ja immer empfehle – und dann mehr darüber schreiben oder den obigen Text ändern.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

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THEATER: Lion Feuchtwanger – Wartesaal

Was Theater kann? Beispielsweise das kann man sagen:
„Wie alt ein Stück auch sein mag, wie futuristisch oder naturalistisch das Bühnenbild, wie realistisch oder theatralisch der Spielstil: Schauspieler und Zuschauer sind Zeitgenossen. Dies bietet dem Theater enormes Potenzial, nämlich, mit jeder Vorstellung von neuem mit dem Zuschauer das Gespräch zu suchen über die Zeit, in der wir leben. Es gibt keine Kunstform, die diesen „Bewusstseinsbonus“ mehr in sich trägt als das Theater. Es gibt für mich nichts schöneres als Zeuge zu sein, wie Schauspieler und Zuschauer zusammen aus toter Materie ein lebendes Gespräch entstehen lassen.“

(Brief an das Publikum, Kammerspiele Spielzeit 2010/2011)

Und  wie siehts mit „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger aus? Ich habe es jetzt gesehen.

„Wartesaal“ ist inszeniert von Stefan Pucher, wird derzeit an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Trilogie (Erfolg – Geschwister Oppermann – Exil) über die Zeit des Aufkommens der Nazis vor dem II. Weltkrieg. Tote Materie. Gut, man könnte sagen, auch heute kommt irgendetwas auf uns zu, die Dinge ändern sich, wir schauen nur zu. Aber die Inszenierung (es geht um den Teil „Exil“) gehört m. E. wahrlich nicht zu den Stücken, die den obigen engagierten Sätzen über Theater gerecht werden.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Wartesaal“ ist eine durchaus beeindruckende Nacherzählung des umfangreichen Romans „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Ich hatte ihn davor gelesen. Manche finden die Inszenierung gar fulminant, man liest etwa:
Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann (Wolf Bernatzki, www.theaterkritiken.com).
Oder die Münchner Abendzeitung: Sie hat die Inszenierung zum Theaterstück des Jahres gekürt – der kulturelle Münchner Höhepunkt des Jahres 2017 im Bereich Theater!
Andere sind nicht so überzeugt, etwa die Süddeutsche Zeitung, etwa die neue Zürcher Zeitung (siehe die Kritikenrundschau auf www.nachtkritik.de).
Ich sage nicht: „Fulminant!“ Ich würde sagen: „Eine schöne Inszenierung“, mehr nicht. Die Inszenierung wird m. E. aber einem irgendwie gearteten progressiven Charakter – dem Charakter der Kammerspiele – nicht gerecht. Das ist nicht harte Kritik, es ist meine Erfahrung nur. Progressiv im Sinne von: Man wird angeregt, man denkt nach, man sieht Dinge neu, anders, sieht Dinge aus anderer Perspektive, erhält neue Perspektiven, es kann unbequem sein, kann stören, man wird manchmal leicht oder stark gerüttelt und so weiter. Aber was derart Progressives angeht, hatte ich nach diesem Abend sogar gedacht: Diese Inszenierung ist der Kammerspiele nicht würdig! Das spricht nicht gegen die Inszenierung! Wer den Roman nicht kennt, wird wunderbar durchgeführt. Es kann auch beeindruckende Inszenierungen dieser nur „darstellenden“ Art geben, keine Frage. Es geht nicht immer um „politisches Theater“. Ich meine nur, dass man sich hier leider als Zuschauer nicht mit progressiver Darstellung irgendeiner Art oder aufrüttelnden Gedanken oder ähnlichen Anreizen auseinandersetzen musste/konnte. Es ist brav. Brav auf sehr hohem Niveau!
Und wenn ich etwas zur Inszenierung sagen kann: Sie ist in jedem Detail schön gemacht. Das Bühnenbild etwa: Dieser gekachelte Wartesaal, diese mehrfachen Ebenen. Aber auch dort, finde ich, wären deutlichere Wege möglich gewesen. Zu brav. Gut, ich war vorbelastet durch das Lesen des Romans. Liest sich ja nicht an einem Tag! (Schöner und meine Erachtens eindringlicher geschrieben ist übrigens der Roman „Erfolg“!). Ich hatte auch eine deutlichere Orientierung in der damaligen Zeit erwartet. Erst der vorletzte Teil, in dem Annette Paulmann vor geschlossener Bühnenwand (auf die Bilder der damaligen Zeit projiziert werden) über die Exilanten der damaligen Zeit liest/spricht, holt den Zuschauer deutlich in die damalige Zeit. Schön, wie die Schauspieler des Ensembles in die Bilder integriert werden.
Oder die schauspielerischen Leistungen: Gut und brav zum Großteil! Samouil Stoyanov und Maja Beckmann haben mich am meisten beeindruckt. Ich finde, Sepp Trautwein (Samouil Stoyanov), um den sich letztlich alles dreht, hätte – so habe ich den Roman vor Augen – mehr Raum in der Inszenierung verdient gehabt. Zumal dann die wunderbare Leistung von Samouil Stoyanov verdientermaßen hervorstechen hätte können. Schade. Julia Riedler hatte es dagegen schwer: Drei Rollen, aber die unterschiedlichen Charaktere wurden bei ihr m. E. nicht richtig deutlich. Auch schade! Ich war vorbelastet!
Auch die Videotechnik war interessant eingesetzt. Immer zugunsten der Schauspieler!
Ich werde es noch einmal ansehen, wie so oft! Schön und auf seine Art sehr gelungen ist es allemal!
Copyright des Beitragsfotos: Arno Declair, Kammerspiele

THEATER: „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht

Eigenartig! Gestern war in den Kammerspielen die „Premiere“ der ZWEITEN Version von „Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Ich wieder hin! (Damit sich der geneigte Blogleser nicht wundert: Ich wohne ca. 100 m entfernt von den Kammerspielen und habe nun einmal – nach mehreren Operationen vor ein paar Jahren, die mich aus dem Beruf geholt haben – für all das viel viel Zeit. Und Freude, Interesse und hohen Respekt vor der Theaterwelt insgesamt, aber speziell vor den Leistungen und besonders dem spirit der Münchner Kammerspiele, den dort jeder bei sich hat.)

Also, gestern: Eine kleine Abänderung von der Originalversion ist es nur, die dazu führt, dass diese zweite Inszenierung dann nicht „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht (Originalversion), sondern „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht genannt wird. (Siehe meinen Blogbeitrag zur Originalversion HIER.) Es hat sich nicht viel geändert in dieser zweiten Version, nur der Schluss. Die Hauptfigur Andreas Kragler entscheidet sich nach Kriegsrückkehr nicht für die Liebe, sondern für die Revolution, damals der Spartacusaufstand. Bertolt Brecht war ja immer wieder unzufrieden mit der Entscheidung in der Originalversion, also der Entscheidung für die Liebe, nicht für die Revolution. Daher wird in den Kammerspielen derzeit auch die Alternativversion gebracht.

Und doch habe ich das Theater dieses Mal völlig unzufrieden und orientierungslos verlassen. Vielleicht lag es an mir, ich muss es mir noch einmal ansehen. Ich habe es nicht verstanden. Wenn es nicht an mir lag: Die so gute Inszenierung von Christopher Rüping, von der ich in der ersten Version sehr überzeugt war, geriet irgendwie in der zweiten Version aus den Fugen! Nach dem Motto: Es zählt nicht der Mensch, sondern die Idee! Die Idee! Vielleicht ist uns dieser Gedanke heutzutage einfach völlig fremd geworden! Vielleicht war es aber auch zu wortgewaltig, zu kompliziert in der Alternativversion. Irgendwie passte mir der Schluss dieses Mal überhaupt nicht. Es bleibt insgesamt aber bei der sehr gelungenen Inszenierung insgesamt. Vor allem, wie gesagt, waren wieder die Leistungen von Christian Löber und Damian Rebgetz wahrlich überzeugend. Obwohl ich den Eindruck hatte, als hätten sie am vergangenen Donnerstag noch euphorischer gespielt! Vielleicht hatte ich aber auch nur einen schlechten Tag.

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

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THEATER: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht VON Bertold Brecht

Jeder kann doch nur das machen, was er braucht und was er überhaupt kann. Mehr geht nicht. Wir sind keine Übermenschen! So hat es vielleicht auch Bertolt Brecht gesehen, als er für das Stück „Trommeln in der Nacht“ ein Ende gesucht hatte. Es war das zweite Werk des damals 24-Jährigen. Gestern war Premiere in den Kammerspielen,Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Inszeniert von Christopher Rüping.

Ja, wir können nur das machen, was wir brauchen und können, also schaffen. Wir sind keine Übermenschen! Vielleicht hat Brecht gesehen, dass ein Mann, der nach dem I. Weltkrieg und vier Jahren Kriegsaufenthalt in Afrika nach Hause kommt, nicht gleich an einer Revolution teilnehmen kann. Auch nicht aus Frust. Irgendwo hört es doch auf! Der tot geglaubte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler – gespielt von Christian Löber – sucht Halt in seinem Leben. Es hat sich in seiner Abwesenheit alles weiterentwickelt. Er gehört da kaum mehr hin. Er sucht und braucht Vertrautes! Seine Verlobte Anna sollte schon einen Anderen heiraten, sie ist sogar schon schwanger von ihm, er selber galt als tot, erscheint wie eine Leiche auf der Bühne, die Fabrik des Schwiegervaters in spe stellte um auf Kinderwägen. Und er: Vier Jahre Afrika, völlig fertig, zurück in der alten Heimat. Wenn das nicht zu Orientierungslosigkeit führt! So kann es übrigens auch Flüchtlingen gehen, die derzeit hier in Deutschland sind. Andreas Kragler entscheidet sich im Stück „Trommeln in der Nacht“ VON Brecht originalgetreu aber dennoch – Anna kehrt zu ihm zurück – für seine damalige Liebe, für Anna. Ich verstehe diese Variante sehr gut, die Revolution war doch wohl eher etwas für daheim Gebliebene.

Es gibt zwei Versionen der Inszenierung, die künftig abwechselnd gezeigt werden: Einmal „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht und einmal „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht. Die Version Trommeln der Nacht VON Bertolt Brecht ist die von Brecht geschriebene Version. Bertolt Brecht hatte dann jahrelang mit diesem Ende gehadert, mit der Entscheidung für die Liebe und gegen die Revolution.

In der zweiten Version der Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht, wird sich Andreas Kragler anders entscheiden. Was ja zumindest „auch“ im Sinne von Bertolt Brecht sein kann! Er wird sich für die Revolution entscheiden. Ich bin gespannt, am Sonntag Abend ist die Premiere dieser zweiten Inszenierung. Ich werde auch über die zweite Fassung berichten. Brechts Stück sollte ursprünglich „Spartacus“ heißen, da es in der Zeit des Spartacus – Aufstandes nach dem I. Weltkrieg geschrieben war. Das deutet in der Tat auf das Interesse Brechts an der Revolution hin. Obwohl er eben letztlich ein Ende gegen die Revolution gewählt hatte.

Zur Inszenierung: Es ist eine sehr gelungene Inszenierung. Getragen von einem überzeugenden Ensemble. Starke und sehr glaubhaft prägende Bühnenpräsenz haben vor allem Damian Rebgetz (als Journalist Barbusch) und Christian Löber (als Andreas Kragler), auch Wiebke Mollenhauer (als Anna). Es ließe sich so viel dazu sagen. Es gibt so viele Aspekte! Was da alles aus dem Text herausgeholt wird! Allein die Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die immer wunderbar zur Brechtschen Zeit passenden Elemente, auch wenn stückchenweise Andeutungen zu modernerer Zeit gebracht werden, wenn etwa Damian Rebgetz „I shot the sheriff“ singt. Oder wenn die Modernität in der späteren Kostümierung und im Bühnenbild (etwa die herabgelassenen Neonröhrenkonstrukte) Einzug erhalten. Bertolt Brecht wurde damit aber, war mein Eindruck, in keiner Weise ausgehebelt. Es bleibt ein Brechtabend.

Zuerst wird man zurückgeführt in den ersten Akt der Inszenierung von 1922. Deutlich ironisch wird im alten Stil gespielt. Die Zeiten im Theater haben sich geändert! Die Uraufführung 1922 fand damals in den Münchner Kammerspielen statt (an anderem Ort). Das gleiche Bühnenbild wurde jetzt rekonstruiert. Dann rutscht man langsam in modernere Zeiten. Dennoch bleibt man voll und ganz im Thema von Bertolt Brecht. Es zerfaselt nicht! Weitere „Schicht“: Der Journalist Barbusch begleitet das Bühnengeschehen in immer wieder anderer Form auf süffisante Art und Weise. Er singt, er beobachtet, er erklärt einer fiktiven Person neben der Bühne den Inhalt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung: Die Einbeziehung des Publikums. Es gelingt, das Publikum nicht beim bloßen Glotzen zu belassen. „Glotzt nicht so romantisch“ hatte Bertolt Brecht schon in seiner Uraufführung 1922 im Foyer der Kammerspiele plakatiert. Auch er richtete sich damit schon an das Publikum. Das Publikum, das auf der Bühne so gerne mit Dramatik, mit Mord und Totschlag amüsiert werden will, wird wachgerüttelt. Christian Löber – unterstützt von weiteren Schauspielern – wendet sich gegen Ende kämpferisch an das Publikum: Sinngemäß: „Nein, wir bieten Euch kein Drama, da müsst ihr schon selber dafür sorgen, wenn sich was ändern soll!“

Die Inszenierung bleibt insgesamt irgendwie nah dran an Bertold Brecht, der vor fast 120 Jahren in Augsburg geboren wurde. Allenfalls etwas ratlos hatte ich die Kammerspiele verlassen. Ich musste die Vielzahl der Aspekte erst einmal verdauen. Aber dafür habe ich ja auch noch die Aufführung der zweiten Versionam Sonntag, die sich nur am Ende von der gestrigen Inszenierung unterscheiden wird.

Wieder einmal sage ich: Hingehen!

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

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THEATER: Uisenma Borchu – Nachts, als die Sonne für mich schien

„Ich finde Kunst, ist so etwas wie die Lunge einer Gesellschaft, die Kiemen bei den Fischen, man braucht sie einfach, wenn wir so ein Ventil nicht haben, würden wir ersticken.“ Ein schönes Zitat von Uisenma Borchu.

„Nachts, als die Sonne für mich schien“ heißt das Theaterdebüt der Filmemacherin Uisenma Borchu, gezeigt wird es derzeit an den Münchner Kammerspielen. Uisenma Borchu sorgte 2015 mit ihrem Spielfilmdebüt „Schau mich nicht so an“ für Aufmerksamkeit. Sie hatte ihre Filmausbildung an der HFF in München gemacht.

Es ist ein sehr persönlicher Theaterabend. Kein Theaterstück, eher eine Aufarbeitung. Mathias Lilienthal hat ihr die Chance gegeben, dies in den Kammerspielen zu bringen. Es muss ja auch ein Wahnsinn sein, in der Mongolei geboren zu sein, dort aufgewachsen zu sein, in der Steppe, in einem Zelt (man sieht anfangs sehr ruhige Bilder), dann im Alter von 5 Jahren mit der Familie in die DDR – in ein kleines Städtchen in Sachsen-Anhalt – zu wechseln (wechseln zu müssen) und schließlich nach der Wende in der Bundesrepublik Deutschland zu landen (man sieht gegen Ende des Abends schnell wechselnde Betonlandschaten). Größer kann die Spanne kaum sein. Und meist – das zeigt der Abend besonders – umgeben zu sein von Anfeindungen wegen der eigenen Herkunft. Uisenma Borchu muss ein sehr zerrissener Mensch sein. Andererseits wohl sehr tough, sie hat sich durchgesetzt, hat viel Erfolg. Und sicher sehr sensibel. Was für ein Beispiel für Flüchtlinge, die hier ihren Weg gehen wollen! Uisenma Borchus Vergangenheit spielt aber auch an diesem Abend permanent im Bühnenhintergrund ganz entscheidend mit. Als würde es garnicht gehen ohne diesen Hintergrund. Der Vater, mongolischer Künstler, malt während des Stückes ein großes Gemälde – wie er es in der Mongolei tat. Vor ihm auf der Bühne wird gespielt. Das Stück ist recht kurz, was vielleicht Uisenma Borchus fehlende Erfahrung mit einer Theaterproduktion zeigt. Und es mag viel mehr Facetten ihres extremen Lebens geben. Etwa ihre Mutter, mit der sie sich künstlerisch noch nicht beschäftigen kann, wie sie sagt. Aber es lohnt sich, schon oder auch wegen des schönen Auftrittes von Ensemblemitglied Christian Löber, der den jungen Vater Borchu spielt (siehe auch das Foto).

Das Foto: Copyright Josef Beyer/Kammerspiele

 

MUSIK: Scott Matthew, Rodrigo Leao – Life is Long

Jetzt bin ich weit weg, in einem kleinen Albergo, mitten in der Toskana! Nicht am Meer, mitten im Land. In einem kleinen italienischen Zimmer! „Casteldelpiano“ heißt der Ort. Deswegen wird es bis Ende September etwas weniger Beiträge im Blog geben. Und trotzdem fällt mir etwas zum Blog ein! Also: In den Münchner Kammerspielen treten am Donnerstag, den 05. Oktober – also kurz nach den Theaterferien – Scott Matthew und Rodrigo Leao auf. Es wird sicher ein eigenwilliges Konzert: Melancholie und Stimme (Scott Matthew), Tango, Pop, Klassik (Rodrigo Leao). Scott Mathew war schon einmal in den Kammerspielen, vor vier Jahren. Beide haben jetzt zusammen ein „Album“ herausgebracht. Mit dem Titel Life is long. Und genau so heißt der Song, den ich hier bringe. Der Song geht langsam los, wird aber schön. Wie das Leben hoffentlich bei vielen! Auch auf der Bühne sieht man es: Es beginnt recht dunkel und farblos und dann kommen die Farben und das Licht!

 

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THEATER: GefahrBar

hier nur ein schönes Bild, siehe oben. Es gefällt mir, daher ist es hier zu sehen. Man muss es sich vergrößern, um den Text lesen zu können. Das wird hoffentlich gelingen. Ein Bild, in Postkartenformat, mit dem die gestrige GefahrBar in den Kammerspielen angekündigt war. Die GefahrBar ist ein kleiner Abend an den Kammerspielen, an dem ausschließlich Absurdes mit Gästen (meist Ensemblemitglieder) und Musik geboten wird, es findet etwa alle zwei Monate einmal statt. Mehr nicht. Es kommt nur zur Aufführung, was höchstens acht Stunden alt ist. Wenn man einfach einmal etwas hören/sehen will, das absolut keinen Sinn macht. Das muss ja auch mal sein. Dieses ständige Erforschen von Sinn und Bedeutung und Ursache und Konsequenz und Folge und Analyse und Ernsthaftigkeit und und und kann ja nicht alles sein! Ein Stück etwa war gestern: Eine Art Vortrag über die Entwicklung und die einzelnen Strömungen innerhalb des Fäkalismus. Auch wenn es den geben sollte, der Vortrag war natürlich höchst absurd in seiner Ernsthaftigkeit.

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THEATER: Ersan Mondtag und Christoph Marthaler an den Münchner Kammerspielen

Zwei weitere Ereignisse bringe ich in den kommenden Tagen ausführlicher. Beides Fälle, in denen Theaterfreunde sagen können: Klasse, dass sie in München etwas auf die Bühne bringen!

  • Am Donnerstag, den 22.06.2017 war an den Kammerspielen die Premiere des Stückes DAS ERBE unter der Regie von Ersan Mondtag (Text Olga Bach).
  • Und heute, Samstag, den  24.06.2017,ist an den Kammerspielen dann die Premiere des Stückes TIEFER SCHWEB von Christoph Marthaler.

Beide Regisseure sind in der Theaterwelt renommiert für ihre Arbeiten. Der junge Regisseur Ersan Mondtag (Jahrgang 1987) war mit den Inszenierungen „Tyrannis“ und „Die Vernichtung“ (ebenfalls ein Text von Olga Bach, mit der er schon mehrfach zusammen arbeitete) zuletzt zweimal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen (vgl. meine Blogbeiträge aus Berlin 2017). Der ältere schweizerische Regisseur Christoph Marthaler (Jahrgang 1951) ist bekannt für seine eigenwilligen und poetischen Musiktheaterabende. Er kehrt (wieder mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) mit der Inszenierung Tiefer Schweb (so heißt eine der tiefsten Stellen im Bodensee) nach vielen Jahren zurück nach München an die Kammerspiele.

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SONSTIGES: Politik – Etwas über die neue Welt

Ein Gedanke zur globalen Entwicklung: Die indischstämmige in Französisch schreibende Schriftstellerin Shumona Sinha hat für Mathias Lilienthal – ganz im Sinne seines internationalen Ansatzes – einen Artikel im aktuellen Programmheft der Münchner Kammerspiele geschrieben. Interessant! Hieraus zitiere ich weiter unten.

Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren, lebt in Paris, hat Literaturwissenschaft an der Sorbonne studiert. Mit ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ hatte sie besonders in Fankreich für Furore und Skandalisierungen gesorgt und es auf die Shortlist des renommierten französischen Prix Renaudot geschafft. Neben „Erschlagt die Armen!“ (2011) erschienen von ihr bisher „Calcutta“ (2013) sowie ihr Erstlingsroman „Fenêtre sur l’Abîme“. 2001 war sie als Migrantin nach Frankreich gekommen, wo sie zunächst – wie die Protagonistin in „Erschlagt die Armen!“ – als Dolmetscherin in einer Asylbehörde arbeitete. Es war eine Tätigkeit, die sie nach Erscheinen ihres Romans gezwungen wurde einzustellen. Die Entlassung aus der Behörde führte zu erhitzten Gemütern in der französischen Öffentlichkeit. Eine polarisierende Debatte war damit in der Welt: Was heißt es, das Leid Schutzsuchender verwalten, reglementieren und kartografieren zu müssen? Und was bedeutet es für die Antragstellenden, ihr Leid zu Markte zu tragen, um Asyl zu erhalten? Sie konnte diese Themen anstoßen, da sie intime Kenntnisse über den bürokratischen Apparat in der „Abteilung Migration“ erhalten hatte.

Für die Kammerspiele schreibt sie in diesem Sinne über das Erfordernis, unsere soziokulturellen Umgangsformen zu überdenken, nach neuen humanistischen Lösungen zu suchen. Ein sehr weites Feld, aber, denke ich, richtig und wichtig. Man sollte es – auch meines Erachtens – nicht aus dem Auge verlieren, wenn es um die globalen Krisenherde, Flüchtlingsströme und sonstigen Entwicklungen geht. Die Fenster und Türen zu schließen und einfach so weiter zu machen, wie bisher, wäre ja schön, aber es ist keine Lösung in der globalisierten Welt. Und nur nach altem Muster irgendwelches abwehrendes oder schnell integrierendes Werkzeug anzuwenden, ist auch nicht genug. Andererseits: Bei allem sollte natürlich, denke ich, darauf geachtet werden, dass die wertvolle, weltweit bewunderte deutsche „Marke“ – Fleiß, Erfolg, Korrektheit, Bildung, Sozialstaat, Wohlstand, Export etc. – nicht verwässert. Nicht leicht, aber darum muss gekämpft werden. Und darum, die Lebensbedingungen anderer in der Welt nicht auszubeuten, sondern zu verbessern.

Shumona Sinha schreibt am Ende des Aufsatzes also:

„Der entfesselte Kapitalismus hat mit seinem Werkzeug, der Globalisierung, den Planeten zerstückelt und aus dem Gleichgewicht gebracht, die Menschen überschreiten die roten Linien auf die gleiche Weise, wie es das Geld und die Waren tun – nichts und niemand wird diese Bewegung aufhalten. Wir können nur hoffen, dass es uns gelingt, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem wir nach neuen soziokulturellen Umgangsformen, nach neuen humanistischen Lösungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene suchen, um nebeneinander zu leben, um zusammen zu leben, in einer Illusion von Harmonie.“

 

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THEATER: Immer wieder die Liebe

Es geht immer wieder auch um die Liebe, wer braucht sie nicht? Allein in den letzten Tagen traf ich auf folgende Darstellungen:

Münchner Kammerspiele : Premiere „Hot Pepper, Air Conditioner and The Farewell Speech“

Hier geht es unter anderem um die Unfähigkeit, in der Arbeitswelt eines Unternehmens Nähe zu bewerkstelligen, die verkrampfte Unfähigkeit, sich dort ehrlich und privat auszudrücken. Der japanische Regisseur und Autor Toshiki Okada bringt „Hot Pepper, Air Conditioner and The Farewell Speech“, das schon an vielen Orten Erfolg hatte, auf die Bühne der Kammerspiele. In dem Stück (eine kleine, sehr gelungene Trilogie) geht es zunächst um das Leiden der Leiharbeiter eines Unternehmens, die den Abschied einer Kollegin planen, aber Angst um ihren eigenen Job haben (Hot Pepper), die Klage einer Mitarbeiterin über die Klimaanlage, die ein Arbeitskollege – völlig unfähig, hilflos, aber urkomisch und tragisch – zu einem Annäherungsversuch nutzen will (Air Conditioner) und schließlich um die fast traurige, auch hilflose Abschiedsrede der Leiharbeiterin (The Farewell Speech) vor den Kollegen. Das Stück ist noch mehrfach zu sehen, aber kurzfristig!

Filmfestes München BEAT BEAT HEART von Luise Brinkmann

Der schöne Abschlussfilm einer Studentin der IFS Internationale Filmschule Köln. Alles improvisiert, gut und sehr glaubhaft gelungen! Ein Aspekt: Der Glaube an die romantische Liebe, Kerstin denkt an ihren Ex-Freund Thomas, auf dessen Rückkehr sie immer noch hofft. Ein anderer Aspekt: Statt ihm steht Kerstins Mutter Charlotte vor der Tür, Mitte 50, jüngst von ihrem Partner getrennt. Sie zieht in Kerstins WG ein und lässt sich von einer weiteren Mitbewohnerin dazu inspirieren, sich eine Dating-App zum Kennenlernen neuer Herrschaften hochzuladen. Alle Versuche scheitern. Weiterer Aspekt: Kerstin verliebt sich wieder, bekommt Ärger mit der bisherigen Freundin des  Begehrten. Weiterer Aspekt: Die Mitbewohnerin, die zwar Sex will, aber keine Beziehung. Weil das nur zu Komplikationen führen würde. Alles in kleinem ruhigen Rahmen erzählt, ohne „Action“. Und durch die konsequente Improvisation sehr glaubhaft, humorvoll. Der Film ist im Rahmen des Filmfestes München noch zu sehen am Mittwoch (HFF) und am Freitag (ARRI Kino). Es wird sich danach herausstellen, ob er auch ins Kino kommt.

Demnächst:

Dieses Jahr erscheint (hoffentlich) noch meine Erzählung „Das Frühlingsfest„, in der es um eine Gruppe Jugendlicher geht, deren unterschiedliche Beziehungssschwierigkeiten unter anderem dargestellt werden. Neben anderen Ereignissen. Man kann die Erzählung auch hier im Blog lesen! Siehe oben im Header des Blogs.

Und: Dieses Jahr erscheint hoffentlich auch noch ein kleines Buch „Momente“ mit einer Auswahl meiner Gedichte – auch die Liebe wird mehrfach Thema sein – und Fotografien dazu von Gregor Kuhlmann. Ich gebe Bescheid, wenn es – in Kürze – soweit ist.

Love card in many languages - valentines day stock photo

MUSIK: Johannes Brahms

Der Blog greift Kulturthemen auf, die mir begegnen: Derartiges dann weiterzugeben, ist heute mit Internet ein Leichtes: Das Stück Mittelreich von Josef Bierbichler (siehe letzten Blogbeitrag) ist derzeit an den Kammerspielen zu sehen. Es ist geprägt von dem Requiem „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms. Im Roman wird dieses Stück bei der Beerdigung des alten Seewirtes gespielt. Im Theater gesungen vom „Jungen Vokalensemble München“. Es wird a capella am 29.04.2016 in der Uni Augsburg und am 30.04.2016 in der LMU München (Große Aula, 19.00 Uhr) gesungen werden. Ein imposantes Stück.

Zwar ein durchaus schweres, trauriges Stück. Es sollte aber, so Brahms, etwas Stabilisierendes haben. Es sollte nicht (nur) die Trauer um eine(n) Verstorbene(n) ausdrücken , sondern vor allem den Hinterbliebenen Trost geben.

Choir singers holding musical score stock photo

Hier eine Aufführung des WDR – Synphonieorchesters:

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THEATER: Josef Bierbichler – Mittelreich

Hier ein Blogbeitrag eher für Münchner. Als Anregung für Erlebnisse in München. Gerne werden ähnliche Gastbeiträge aus anderen Städten aufgenommen. Kurze Berichte von Erlebtem:

Mittelreich von Josef Bierbichler in den Kammerspielen/Schauspielhaus: Ein Dorf am Starnberger See im Spiegel der Generationen, Erinnerungsfragmente. Der Seewirt, dem Zweiten Weltkrieg entronnen, übernimmt das Erbe des Vaters. Die Welt verändert sich zu dem, was man modernes Leben nennen wird, und doch bleibt alles überschattet von den Erfahrungen, die sich dem Leben eingeprägt haben. Eine neue Generation wächst heran, die aus der Vergangenheit ausbrechen will und doch verstrickt bleibt. Am Grab des Seewirts erklingt Brahms´ „Ein deutsches Requiem“, das die Lebenden trösten soll. Ausgehend von der Aufführung dieses Requiems inszeniert die Regisseurin Anna-Sophie Mahler Bierbichlers Roman, ein Musiktheater. Sehr, sehr gute schauspielerische Leistung!

La Sonnambula von Vincenzo Bellini in den Kammerspielen/“Opernhaus“: Ständig ausverkauft, Restkarten! Ein wunderbare Inszenierung des Opernstoffes. Die Geschichte der Schlafwandlerin Amina wird unpompös und immer wieder mit der schönen Belcanto-Musik näher gebracht. Eine besonders gut zusammen passende Besetzung! Lohnt sich auf jeden Fall!

Gurnemaz Schlaflos nach Richard Wagners Parsifal in den … Kammerspielen/“Opernhaus“; Als Gegenüber eines großen Opernsängers (Viktor van Halem) und eines Schauspielers (Gundars Abonis) inszeniert, ebenfalls eine besonders unpompöse Szene (Hotelszene) und Einblicke in die Oper. Gurnemaz kann man nicht mehr sehen, es lief nur zwei Mal.

War and Peace nach Krieg und Frieden von Leo Tolstoi in den … Kammerspielen/ Schauspielhaus; Ein Zusammentreffen von Schauspiel und Performance 8siehe Blogbeitrag). Meines Erachtens noch nicht vollends gelungen. Es ist eine klasse Annäherung an das Mammutwerk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, aber welche Ausssage hat die Performance? Es ist m. E. noch zu wenig diskursfordernd, obwohl gerade das der Ansatz ist! Die Gedanken zu Krieg und Frieden. Mehrere Zuschauer werden mit einbezogen.

Reihe „Episode“ in den … Kammerspielen: Die Folge Sportpalastwalzer der TV-Serie Der Alte wurde angesehen und besprochen mit Dominik Graf und dem Filmkritiker Bert Rebhandl. Interessant, Der Alte löste den Fall NICHT! Nächstes Mal House of Cards am 25. April.

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THEATER: Rimini Protokoll, Gob Squad, SheShePop

In München leuchtet derzeit die Performancewelt. Zur Irritation der Münchner holt der neue Intendant Matthias Lilienthal einige der besten deutschsprachigen Performancekollektive, Rimini Protokoll, Gob Squad oder SheShePop  an die Kammerspiele. Gestern war wieder eine Premiere: Eine Annäherung an das Mammutwerk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es hieß War an Peace. Keine Frage: Das geht zu Lasten des guten Ensembles der Kammerspiele, denn eine Performance lebt nicht von Schauspiel! Aber es bleibt eine jedenfalls für diese Spielzeit interessante Erfahrung! Man mag hoffen, dass Matthias Lilienthal in den kommenden Spielzeiten das wertvolle Ensemble der Kammerspiele wieder mehr schätzt. Auch um es nicht zu vergraulen. Man sieht sie fast garnicht mehr! Aber für diese Spielzeit kann man sich sagen: Theater mit Performances zu kombinieren ist ein für München auf jeden Fall interessanter Versuch, der einige aus dämmerigen Schlummerschlaf aufrütteln kann. Frage: Wo liegt der Unterschied zwischen Theaterschauspiel und Performance?

Performance als Kunstrichtung gibt es seit den 60er-Jahren, beeinflusst u. a. durch den Dadaismus (siehe Blogbeitrag). Performance ist häufig ortsgebunden, kann jedoch überall, zu jeder Zeit und ohne zeitliche Begrenzung stattfinden. Dabei kommen vier Grundelemente ins Spiel: Zeit, Raum, der Körper des Künstlers und eine Beziehung zwischen dem Künstler und dem Zuschauer. Es wird nicht „ein Stück aufgeführt“, sondern die Entwicklung im Ablauf einer Performance ist ein wesentliches Element. Nicht selten sind Performances offene künstlerische Versuchsanordnungen ohne Ablaufkonzept.

Rimini Protokoll (zeigte kürzlich Qualitätskontrolle, das Leben einer Querschnittsgelähmten) schreibt: Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Weiterentwicklung der Mittel des Theaters, um ungewöhnliche Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit zu ermöglichen.

Für Gob Squad (zeigt derzeit War and Peace von Leo Tolstoi) wird eine Grenze überschritten, wenn sie mit Schauspielern zusammenarbeiten, wie jetzt bei War and Peace. Sie arbeiten nicht mit einem Regisseur.  Jeder auf der Bühne ist Miturheber der Performance. Es geht um Selbstreflexion der Akteure zu einem bestimmten Thema, evtl. unter Einbezug des Publikums, der Passanten etc.

SheShePop (zeigt derzeit 50 Grades of Shame) schreibt: Wir sind keine Darstellerinnen. Vielmehr stellen wir uns selbst und gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf offener Bühne. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage. Das wird mitunter als autobiografisches Theater gedeutet. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode, nicht das Thema. Durch Verdichtung entsteht aus dem persönlichen Material eine erkennbare künstlerische Strategie und eine ins Beispielhafte stilisierte Position. Das Eigene ist dabei das Fremde, Monströse. Das gilt neuerdings auch umgekehrt: In einigen unserer neueren Shows bearbeiten wir bekannte monströse Texte aus dem literarischen Kanon mit eben dieser autobiografischen Methode.

So näherte sich auch das Konzeptkollektiv Gob Squad dem Thema Krieg und Frieden und dem Buch Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es bleibt spannend und mag jedem ein Anreiz sein, sich einmal über den Tellerrand hinaus mit Performances und damit der sehr subjektiven, fast autobiografischen Befassung von Performern mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen.

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SONSTIGES: Skylla und Charybdis

So läuft das zurzeit: Gestern abend … ich war „überraschenderweise“ in den Kammerspielen, Lange Nacht der neuen (deutschsprachigen) Dramatik (war gut, fünf Stücke wurden vom gesamten Ensemble gelesen und teilweise gespielt) … in der Pause habe ich dann ein Büchlein  von Frank Wedekind gekauft, Frühlings Erwachen … weil ich demnächst wiederum (vielleicht) in den Kammerspielen das Stück 50 Grades of Shame ansehen möchte, das auf Wedekinds Frühlings Erwachen beruht … und im Text von Wedekind heißt es dann: „Ich glaube, das ist eine Charybdis, aus der sich jeder stürzt, der sich aus der Skylla …. emporgerungen … ich war früher am humanistischen Gymnasium … also fragte ich mich kurz: Was war das nochmal mit Skylla und Charybdis? … ich habe nachgelesen, man liest ja manchmal „Zwischen Skylla und Charybdis„: In Homers Odyssee haust das Ungeheuer Skylla auf dem größeren von zwei sich gegenüberstehenden Felsen der Meerenge und Charybdis unterhalb des kleineren Felsens, auf dem ein großer Feigenbaum steht. Sie (Charybdis) saugt dreimal am Tag das Meerwasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog geraten, sind verloren, nicht einmal der Meeresgott Poseidon vermag diese Schiffe zu retten. Auf den Rat von Kirke meidet Odysseus die Charybdis, gerät dabei aber unweigerlich so nahe an Skylla heran, dass sie sechs der Gefährten tötet und frisst. Auf der Rückfahrt von der Insel des Helios kommen die übrigen Gefährten wegen der verbotenen Tötung von Helios‘ Rindern bei einem Sturm ums Leben, sodass Odysseus auf dem zertrümmerten Schiff die Meerenge allein passieren muss. Als Charybdis das Schiff einsaugt, klammert er sich am Feigenbaum fest, bis es wieder ausgespien wird, und rudert auf den Trümmern mit den Händen davon.

Tja, so ist das Leben. Mal sehen, wohin mich Wedekind noch treibt in meiner Odyssee.

http://www.sigmabooks.gr/images/mapEurope_Argonauts_small_tasks/mapEurope_Argonauts_small_tasks_19Scylla_ge.jpg

 

 

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Gelesen und geblättert Sonstiges

SONSTIGES/POLITIK: Piketty lesen III

Wie gesagt: In den Kammerspielen wird alle 14 Tage weiter gelesen in diesem auch angeblich von Barack Obama gelobten Buch. Zwei junge VWL-Experten suchen die wesentlichen Passagen heraus, die gemeinsam gelesen werden, und sprechen über die Anmerkungen der Leser. Am Montag war erst der Erste Teil des Buches dran: Einkommen und Kapital.

Weiterhin viele Fragen, noch keine Antworten: Piketty stellt vor allem die Frage, warum eigentlich zwischen dem Arbeiter, der die „Rendite “ erarbeitet, und demjenigen, der sie erhält, so ein großer Unterschied sei. Das war schon immer so. Früher landete die Rendite der Arbeit beim Grundbesitzer, dann beim Eigentümer der Maschinen und heute ... . Die Frage, ob nicht die Erschaffer des Kapitals irgendwie mehr oder anders an der Rendite beteiligt sein sollten, ist in der Tat ein interessanter Ansatz.

Übrigens: Im verlinkten Interview der beiden Urheber des uraufgeführten Hörspiels zum 100ten Geburtstag des Dada(ismus) (siehe Blogeintrag) sprechen diese von der zunehmenden „Diktatur des Kapitals“. Mal sehen, was Piketty uns sagt. „… stellt sich die Frage, welche Verteilung der Wertschöpfung zwischen Arbeit und Kapital ‚richtig‘ ist“, schreibt er ja auch. Er nennt einige Faktoren, die man dabei beachten muss, etwa, dass ja immer wieder Investitionen erforderlich sind etc. Und: Die Unterschiede innerhalb der Gruppen Arbeitseinkommen und Kapitalbesitz lässt er erst einmal unbeachtet, sagt er. Das wars schon wieder.

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THEATER: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Ein Kontrastprogramm zum „wortlosen“ Stück Caspar Western Friedrich von Philippe Quesne in den Kammerspielen: Das bekannte Beziehungsdrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee im Residenztheater. Es läuft dort seit Herbst 2014, wurde 1962 in New York uraufgeführt. Zwei Ehepaare, die an einem Abend unter Alkohol gnadenlos ihre extremen Scheinwelten aufdecken. Und ebenso extrem wird es gespielt – vor einem übrigens langweiligen Bühnenbild. Man liest im Spielplan: Bereits in seinen Inszenierungen Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Fassbinder) und Hedda Gabler (Henrik Ibsen) widmet sich Martin Kušej den düsteren Beziehungsspielen des gehobenen Bürgertums. Sein Interesse gilt den Schaukämpfen der modernen Gefühlswelt, deren Verletzungen sich tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten wühlen, bis ins Mark. Mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf wird dem Zuschauer allerdings eine zugespitzte Szene vorgehalten, die sich in der Realität niemals so drastisch abspielen wird. Bei Caspar Western Friedrich dagegen sitzt man vor einem Thema, das jeden betrifft – Mensch und Natur. Und gerade durch die „Wortlosigkeit“ hat jeder Gelegenheit, auf sich selber zu schauen. Auch wenn die Schauspieler weit mehr können, ich finde den Ansatz von Quesne gut. Neuartiger, modern und schon deswegen gut! Meine schlaue Überlegung: Gibt es nicht eigentlich zwei unterschiedliche „Ebenen“ auf der Welt, auf denen wir alle jonglieren? Eine „Scheinebene“ unserer Beziehung zu anderen Menschen und allen Dingen – immer mit Lüge und Selbstbetrug verbunden – und eine andere Ebene der wahrhaftigen Wahrnehmung unserer Stellung zu allem in der jeweiligen Zeit, vor allem in der aktuellen Zeit? Dann war Wer hat Angst vor Virginia Woolf der ersten Ebene zuzuordnen und Caspar Western Friedrich der zweiten Ebene. Die Welt ändert sich momentan rapide und ich denke, die „zweite Ebene“ ist es wert, eine überwiegende Berücksichtigung zu finden. Genau das tun die Kammerspiele derzeit!

©️ des Beitragesbildes: Andreas Pohlmann

 

 

 

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SONSTIGES/Vorschau

Speziell für Münchenfreunde: Die Münchner – scheint es – warten seit Beginn der Intendanz von Matthias Lilienthal auf das gewohnt hervorragende konventionelle Theater der Kammerspiele. Es gibt durchaus herkömmliche Stücke (Der Spieler, Der Kaufmann von Venedig, Jagdszenen in Niederbayern, Susn etc.), aber Matthias Lilienthal, ehemals freier Journalist, Dramaturg, künstlerischer Direktor und zuletzt Chef des Berliner HAU (Hebbel am Ufer, Berlin), legt sehr viel Wert auf unkonventionelle, aktuelle, internationale, junge Projekte. Das ist ein neuer Schwerpunkt des Theaters, die Bühnen in „Kammer 2“ und „Kammer 3“ sind auf dem Weg, brisant und neu für München zu werden. Es sind hochinteressante Themen und Performances, die gezeigt werden und die vor allem das Befinden unserer Gesellschaft aufgreifen. Gut so! München wird dadurch offener, weltstädtischer. München kann Neues immer gebrauchen.
Ein schönes Beispiel (eine Vorschau): Am Mittwoch, 17.02.2016 bis Dienstag, 23.02.2016: 
EUROPOLY – Performances und Filme über das neue alte Europa, ein Festival des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele. 
Zitat: „The FILMS will be launched weekly, starting December 2015, celebrating their worldwide premiers online. … The PERFORMANCES will be developed in the LAB until being shown live during the

EUROPOLY festival at the Münchner Kammerspiele, 17-23 February 2016. To find out more about EUROPOLY click here.

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