THEATER und LITERATUR: „The Vacuum Cleaner“ und „Ich nannte ihn Krawatte“

DER ROMAN: Es ist die Erzählung über einen „Hikikomori“. Unter anderem zumindest. Ich bin andererseits durch ein Theaterstück auf das Buch gekommen. Es wurde mir dazu empfohlen. DAS THEATERSTÜCK: „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada, das an den Münchner Kammerspielen läuft.

„Ich nannte ihn Krawatte“ heißt der ROMAN von Milena Michiko Flašar. Es geht, wie im THEATERSTÜCK, um einen sogenannten „Hikikomori“. „Hikikomori“ werden in Japan Menschen genannt, die sich jahrelang von der Außenwelt abkapseln und – anstatt etwa irgendwann in jungen Jahren von zu Hause auszuziehen – nurmehr in ihren vier Wänden leben. Kein Kontakt zur Außenwelt! Schluss mit Gesellschaft! Es soll etwa eine Million Hikikomori in Japan geben – wobei die Zahlen sehr schwanken.

Die INSZENIERUNG „The Vacuum Cleaner“ wiederum ist zum Theatertreffen 2020 nach Berlin eingeladen, das im Mai stattfindet. Es wurde als eine der „10 bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres“ (die sogenannte „10er-Auswahl“) nach Berlin eingeladen. Das wiederum hatte mich angesichts der unspektakulären Inszenierung übrigens etwas gewundert, aber gut! Ich schreibe hier wenig über die Inszenierung.

HIER vielmehr „nur“ der Link zur Stückeseite, auf die ich schlicht verweise. HIER noch ein Video mit der Begründung der Jury des Berliner Theatertreffens zur Auswahl von „The Vacuum Cleaner!.

Es ist jedenfalls keineswegs eine irgendwie aufwühlende Inszenierung, eher ruhig und überschaubar. So arbeitet Toshiki Okada immer wieder an gesellschaftlichen Erscheinungen aus Japan – zum vierten Mal an den Münchner Kammerspielen. Immer etwas zurückhaltend und wahrscheinlich erkennen wir nicht alle Andeutungen und Anspielungen seiner „japanisch“ leisen und natürlich japanisch vornehmen und zurückhaltenden Arbeiten.

Meine Bewertung des Romans „Ich nannte ihn Krawatte“ jedenfalls, um den es hier im Folgenden gehen soll: 6 von 10 Punkten.

Man hält ein recht schmales „Büchlein“ in der Hand. Ein Büchlein aber – sah ich – mit über einhundert ganz kurzen, kleinen Kapiteln – mal ist es eine Seite, mal sind es eineinhalb Seiten, fast nie mehr. Auch inhaltlich ist es – merkte ich dann – keineswegs nur ein „Büchlein“. Das geschilderte Geschehen ist zwar äußerst überschaubar – hauptsächlich eine Unterhaltung des Hikikomori auf einer Parkbank mit einem Herrn, den er eben „Krawatte“ nannte.

Schlicht also, es werden aber viele viele Eindrücke von beiden „Protagonisten“ erzählt, angesprochen. Zu viele für meinen Geschmack. Fast jedes der Geschehen, die so angesprochen werden, wäre für sich gesehen einen eigenen Roman wert. Es sind im Wesentlichen folgende Geschehen, die angesprochen werden und mit denen der Leser also konfrontiert wird :

  • Der Hikikomori wagt sich tatsächlich von zuhause heraus! Er geht in einen Park, sitzt auf einer Bank. „Krawatte“ sitzt ihm wochenlang gegenüber.
  • „Krawatte“ wiederum hat kürzlich seinen Job verloren und traut sich nicht, es seiner Frau zu gestehen, er tut so, als würde er täglich zur Arbeit gehen.
  • „Krawatte“ ist – liest man dann – Vater eines behinderten Sohnes gewesen. Er verlor seinen Sohn sehr früh – als Säugling starb es schon. Davon erzählt er dem Hikikomori.
  • Der Hikikomori wiederum hatte durch einen Unfall einen Freund fast verloren. Das war der Anlass für ihn, sich aus dem Leben zurückzuziehen, er wollte nicht mehr in das Leben andere „hineingezogen“ werden. Schuldgefühle und Scham.
  • Weiter: Der Hikikomori war – fast noch als Kind – in das eigenwilligste Mädchen der Straße verliebt. Der Hikikomori verlor dieses Mädchen, sie beging Selbstmord, weil sie in der Schule, scheint es, gemobbt wurde.
  • Und weiter: Der Hikikomori traf aus zunächst unerfindlichen Gründen „Krawatte“ nicht mehr im Park an – sieben Wochen lang , bis er erfuhr, dass „Krawatte“ genau an dem Tag, an dem er – auch auf Anraten des Hikikomori – seiner Frau vom Jobverlust erzählen wollte … und so weiter.
  • „Krawattes“ Frau erzählt dem Hikikomori dann später, sie habe ….

Ich will nicht alles verraten. Soviel erfährt man jedenfalls. Puh! Ich muss gestehen: Ich dachte, es ginge in dem Roman hauptsächlich um die Gedanken eines Hikikomori. Aber es geht eher um „Krawatte“:

Es ist gut geschrieben, schön zu lesen, aber eben alles etwas viel. So viele erschütternde Ereignisse in diesem Roman! Wirklich schön sind aber die immer wieder auftauchenden, sensiblen wunderbaren Gedanken zum Leben – das Leben, was ist das schon? Das wiederum sind wohl Gedanken eines Hikikomori! Wegen dieser Gedanken lohnt es!

MUSIK: The Rolling Stones – Sympathy for the Devil

Einer meiner Lieblingssongs der Rolling Stones – das muss jetzt auch mal sein. In meine Musiksammlung gehören sie.

Unten der Song. Hier erst einmal die Lyrics:

Please allow me to introduce myself
I’m a man of wealth and taste
I’ve been around for a long, long year
Stole many a man’s soul and fate
I was ‚round when Jesus Christ
Had his moments of doubt and pain
Made damn sure that Pilate
Washed his hands and sealed his fate

Pleased to meet you
Hope you guess my name, oh yeah
But what’s puzzling you
Is the nature of my game
I stuck around St. Petersburg
When I saw it was a time for a change
Killed the Czar and his ministers
Anastasia screamed in vain
I rode a tank
Held a General’s rank
When the Blitzkrieg raged
And the bodies stank

Pleased to meet you
Hope you guess my name, oh yeah
What’s puzzling you
Is the nature of my game, oh yeah
I watched the glee
While your kings and queens
Fought for ten decades
For the Gods they made
I shouted out
„Who killed the Kennedys?“
Well after all
It was you and me
Let me please introduce myself
I’m a man of wealth and taste
And I laid traps for troubadours
Who get killed before they reached Bombay

Pleased to meet you
Hope you guess my name, oh yeah
But what’s puzzling you
Is the nature of my game, oh yeah
Pleased to meet you
Hope you guess my name, oh yeah
But what’s confusing you
Is just the nature of my game, ooh yeah
Just as every cop is a criminal
And all the sinners saints
As heads is tails just call me Lucifer
I’m in need of some restraint

So if you meet me, have some courtesy
Have some sympathy and some taste
Use all your well learned politics
Or I’ll lay your soul to waste, mmm yeah
Pleased to meet you
Hope you guess my name, mmm yeah
But what’s puzzling you
Is the nature of my game, get down
Woo hoo, ah yeah, get on down, oh yeah
Tell me, baby, what’s my name?
Tell me, honey, baby guess my name
Tell me, baby, what’s my name?
I’ll ya one time you’re to blame
What’s my name?
Tell me, baby, what’s my name?
Tell me, sweetie, what’s my name?

Es gibt natürlich auch Coverversionen des Songs. Eine von The Neptunes fand ich gut. Sie unterscheidet sich im Grunde nur leicht vom Original, ist einfach moderner. Auch andere Versionen gibt es natürlich, etwa von Motörhead. Aber die Version von The Neptunes bringe ich ganz unten noch.

Hier erst einmal das Original:

ANKÜNDIGUNG: Georg Büchner – Woyzeck

Tipp für die Theaterfreunde des Blogs: Als „HÖRSPIEL DES MONATS“ bringt der Deutschlandfunk (nicht Deutschlandfunk Kultur!) am Samstag, den 7. März 2020, um 20:05 Uhr das Hörspiel „Woyzeck“.

Gesprochen u.a. von Markus Meyer nach dem gleichnamigen Theaterstück von Georg Büchner. Markus Meyer ist derzeit Mitglied des Ensembles des Wiener Burgtheaters. Kann doch interessant sein, diesen Klassiker als Hörspiel zu verfolgen, nur dem Text intensiv zu folgen.

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury dann aus den zwölf Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.

Woyzeck, der aus Liebe – oder eher weil er an der Gesellschaft zerbricht – seine Geliebte ermordet.

HIER der link zur Website der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste mit der Begründung der Auswahl und einem Archiv aller bisherigen Auswahlen.

Das Blogbild entstammt übrigens einer Woyzeck-Inszenierung des Akademietheaters in Wien. Sie hatte im April 2019 Premiere, müsste noch laufen, Näheres finde ich allerdings nicht. Es ist eine Inszenierung von Johan Simons, mit Steven Scharf und Anna Drexler etwa, beide waren ja zuvor auch im Ensemble der Münchner Kammerspiele. HIER ein Trailer.

Copyright des Beitragsbildes: Reinhard Werner

THEATER: Bertolt Brecht – Im Dickicht der Städte

Kämpfen war in den letzten Wochen – mit verschiedenen Schwerpunkten – das Motto an den Münchner Kammerspielen: Es geht uns ja eigentlich täglich um einen Kampf – den Kampf gegen große und kleine Widrigkeiten, den täglichen Kampf der Selbstbehauptung.

Es begann mit dem kleinen Festival „Friendly Confrontations“, vor etwa zwei Wochen. Man konnte unter anderem einen dokumentarischen Film sehen, in dem gezeigt wurde, wie Boxsportler des TSV 1860 München in ein Trainingslager nach Ghana fuhren. Danach konnte man einen Abend lang Boxduelle verschiedener Gewichtsklassen zwischen Boxsportlern des TSV 1860 München und denjenigen einer ghanaischen Auswahl – wohl der Nationalmannschaft – ansehen. Richtige Boxkämpfe – im Theater, in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele.

Dahinter stand sportliche Freundschaft zwischen Boxern verschiedener Nationen. Kampf und Freundschaft. Kampf muss nicht immer gehässig sein. Hier ein eigenhändig geschossenes Bild:

Kurze Zeit später das Bochumer Gastspiel der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des Klassikers von Johan Simons. HIER mein Bericht dazu. Auch dort ging es um Kampf. Penthesilea muss Achill besiegen, sie liebt ihn. Und Achill liebt Penthesilea. Kampf und Liebe.

Und jetzt Premiere von Bertolt Brechts sehr frühem Stück „Im Dickicht der Städte“. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, der mittlerweile – er war ja mehrere Jahre lang an den Münchner Kammerspielen – Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich ist.

Noch früher hatte Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“ geschrieben, das Christopher Rüping ebenfalls inszeniert hatte. Und auch jetzt wieder geht es ums Kämpfen. Man hörte immer wieder auch bei dieser Inszenierung den Gong für die Einleitung einer weiteren „Runde“. Bertolt Brecht schildert einen „Kampf“ zwischen einem Holzhändler (Shlink) und einem kleinen Angestellten einer Buchhandlung (Garga). Der Holzhändler fordert den Kampf – man weiß gar nicht warum. Des Kämpfens willen? Der Selbstbehauptung willen? Er gibt alles auf, schenkt es Garga. Alles kommt ins Wanken. Schwer zu verstehen, was Bertolt Brecht dabei dachte. Kampf und Soziales sicher auch. Auch Kampf gegen Einsamkeit, Kampf gegen Aussichtslosigkeit. Kampf jedes/r einzelnen.

Bertolt Brecht Stück ist insgesamt äußerst schwer verständlich. Ich könnte es dreimal lesen, würde es nur bruchstückhaft verstehen. Hieraus eine Inszenierung zu machen, ist erstaunlich. Christopher Rüpings Inszenierung folgt zwar dem Verlauf des von Bertolt Brecht geschriebenen Stückes. Vor allem viele soziale Aspekte aber, die Bertolt Brecht in seinem Stück brachte und die ihm wahrscheinlich wichtig waren, verschwinden bei der Inszenierung von Christopher Rüping. Rüping holt Bertolt Brecht Stück in die mittlerweile völlig veränderte Gegenwart, legt den Schwerpunkt eher auf die Isolierung jedes einzelnen Menschen.

Beginnend schon vor der Aufführung, wenn sich im Foyer des Theaters Schauspieler/innen in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel aufhalten und nur auf ihr Handy starren. Sie hören nichts, sehen niemanden an. Die chaotische Bühne ist nur mit Rollkisten für Requisiten vollgestellt. Das Ensemble leistet durchgehend wieder Erstaunliches in dieser sehr freien Inszenierung. Jede/r spielt jede/n, es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Dickicht von Großstädten, auch so holt Christopher Rüping das Stück in die Gegenwart.

Und jeder kämpft irgendwie um Liebe, ohne zum Ziel zu gelangen, ohne auch zur Liebe fähig zu sein, ohne auf Gegenliebe zu stoßen … Schwerpunkt dieser Inszenierung: Liebe und Anerkennung, nicht – wie eher bei Brecht – Soziales. Ich habe das Stück erst im Nachhinein gelesen und werde mir die Aufführung ein weiteres Mal ansehen. Erst dann, glaube ich, kann ich mehr beurteilen. Erst dann werde ich mehr darüber schreiben können.

Es wird sich empfehlen, Bertolt Brechts Stück „Im Dickicht der Städte „ vorab gelesen zu haben, auch wenn Brecht einen wohl anderen Schwerpunkt im Auge hatte. Und auch, wenn es schwer fallen wird, Brechts Originalstück zu verstehen.

Sehen kann man diese Inszenierung im März an vier Terminen. Ein Theaterabend fürs irgendwie freie Theater, nicht klassisch, nicht umwerfend. Vielleicht auch an Bertolt Brechts Original vorbei. Aber es heißt ja auch: „Im Dickicht der Städte“ NACH Bertolt Brecht. Es hätte auch heißen können: „Im Dickicht der Städte HEUTE“

HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER: Heinrich von Kleist – Penthesilea

Von ganz oben hängen hinten an der Rückwand der Bühne und an den Seitenwänden tiefschwarze Vorhänge herab. Vorne ist der Bühnenboden – vielleicht in einem Meter Breite – grell von unten beleuchtet, ein Plexiglasboden vielleicht. Ein grelles dünnes Lichtband. Und zwei Personen: Penthesilea und Achill. Mehr nicht.

Ein Gastspiel des Schauspielhauses Bochum. Inszenierung von Johann Simons. Klingt ja interessant. Schauspieler sind noch dazu die renommierten Sandra Hüller (als Penthesilea ) und Jens Harzer (als Achill). Starbesetzung. „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, Textfassung von Vasko Boenisch.

Ein alter Stoff? Nun: Es ist doch immer wieder erstaunlich, was die „alten“ Griechen schon an Konflikten in ihren Mythen, Erzählungen, Dramen etc. kreiert oder beschrieben hatten. Erwähnt wird Penthesilea etwa in der Aithiops, einem Epos, das einem gewissen Arktinos von Milet um 750 v. Chr. zugeschriebenen wird. Und um 20 v. Chr. wird sie kurz in der Aeneis von Vergil erwähnt. Heinrich von Kleist hat in seinem Drama „Penthesilea“ den Mythos um Penthesilea allerdings stark verändert. Dennoch, der geschilderte, behandelte Konflikt um Penthesilea bleibt: Liebe und Kampf.

Die Zeit des griechischen Altertums, sie ist andererseits nicht lange her: Meine beiden Großväter etwa, die ich noch persönlich kannte, waren Ende des 19. Jahrhunderts geboren! Ich kannte sie. 1899 war der eine von ihnen geboren, 1883 der andere. Heinrich von Kleist starb auch im 19. Jahrhundert, wenige Jahre davor. Er brachte ja seine Freundin und dann sich selbst im Jahre 1811 um. Heute leben wir im 21. Jahrhundert. So schnell vergeht die Zeit.

Und etwas weiter zurückgeblickt ins Mittelalter und ins Altertum sind es dann auch nur nur wenige Generationen. Wenige Generationen! Noch im Mittelalter „überlegte“ man etwa, ob nicht Latein, das „alte“ Latein, die große europäische Sprache werden könnte oder müsste. Es wurde Englisch, aber man sieht: Es liegt alles nah beieinander!

Und Henrich von Kleist – auch die Griechen – werden im Grunde ihres Herzens oft auch so gefühlt haben, wie wir es heute tun. Der Mensch hat sich ja nicht völlig verändert. Er und seine Gefühlswelt jedenfalls. Die Lebensweise schon. Heinrich von Kleist hatte eben die Gabe, diese Gefühlswelten in seinen Werken darzustellen.

Zum Abend an den Kammerspielen: Zwei Aufführungen von „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist gab es an den Kammerspielen. Das Stück läuft weiterhin im Schauspielhaus Bochum. Der Spielplan des Schauspielhauses Bochum ist ja im Blog rechts oben in der Rubrik „Websites und Spielpläne von Theatern“ leicht zu finden. Sandra Hüller spielt derzeit übrigens in Bochum auch in der zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladenen (!) Inszenierung von Shakespeares Hamlet von Johan Simons. Sie spielt die Rolle des Hamlet.

Und: Am Schauspielhaus Bochum gibt es die Reihe „Johans Happy Hour“. Johan Simons im Gespräch mit SchauspielerInnen/RegisseurInnen der Produktionen. Am 17.2.2020 führt er dort ein Gespräch mit Sandra Hüller.

Und noch etwas: In der neuen Ausgabe von DIE DEUTSCHE BÜHNE gibt es ein Interview mit Sandra Hüller. Sie ist also in aller Munde – nicht erst seit dem großen Filmerfolg „Toni Erdmann“.

„Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, die Amazonenkönigin, die sich vor Trojas Toren Achill als Liebschaft auserwählt. Die Amazonen wählten ja immer wieder Männer aus, um mit ihnen lustvoll auf dem so genannten Rosenfest Nachkommen zur Erhaltung des Geschlechtes der Amazonen zu zeugen. Auch Achill liebt Penthesilea. Es ist der Wahnsinn zwischen Liebe und Kampf, sowohl auf Seiten von Penthesilea, als auch auf Seiten von Achill. Heinrich von Kleist verdeutlichte dieses Duo „Liebe und Kampf“ noch.

Steckt hinter diesem „Duo“ nicht sogar der Gedanke: Liebe hat immer etwas mit Kampf zu tun! Liebe ist Kampf, wenn auch ganz versteckt. Eine Überlegung für Sigmund Freud. Mit Liebe wird der Geliebte oder die Geliebte irgendwie niedergerungen, könnte man sagen! Ein weites Feld! Kämpft nicht jeder Mensch gegen sein Gegenüber? Vor allem in der Liebe? Er oder sie ist es ja, die „Recht haben“ will. Genau so lässt sich jedenfalls Penthesileas Geschichte von Heinrich von Kleist komplett lesen.

Die Inszenierung von Johann Simons wagt sich allerdings nicht an solche Überlegungen heran. Auch nicht die Textfassung von Vasko Boenisch. Leider. Man verfolgt bei dieser Inszenierung eher das äußere Geschehen um Penthesilea und Achill. Das ist schade. Dem wunderbaren Text von Heinrich von Kleist wird so meines Erachtens zuviel Sensibilität genommen. Auch Sandra Hüller und Jens Harzer können dem nichts entgegensetzen. So großartig ihre Arbeit am Text ist – es fehlte meines Erachtens – jedenfalls an diesem Abend – eine irgendwie erregende Sensibilität. Es fehlte vielleicht das eigentliche Thema von Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Das Zusammenwirken von Sandra Hüller und Jens Harzer – Träger des berüchtigten Iffland-Ringes – auf der Bühne strahlte meines Erachtens zu wenig den Aspekt der Liebe aus. Vielleicht war alles auch nur zu textlastig.

Insoweit war der begeisterte Applaus eher der großen Textleistung von Sandra Hüller und Jens Harzer geschuldet – oder allein ihren Namen. Mit Hamlet scheint Sandra Hüller derzeit am Schauspielhaus Bochum mehr zu überzeugen.

HIER der link zur Stückeseite. Und HIER ein Trailer zu „Penthesilea“.

Copyright des Beitragsbildes: Monika Rittershaus

THEATER: Anne-Cécile Vandalem – Die Anderen

Premiere von „Die Anderen“ war an der Berliner Schaubühne am 28. November 2019. Buch und Regie kommen von der Belgierin Anne-Cécile Vandalem. Es heißt über sie:

Geboren 1979 in Lüttich … Regisseurin, Autorin und Schauspielerin … Gründung von Das Fräulein (Kompanie) 2008 … im gleichen Jahr ihr Stück »(Self)Service«  am Théâtre Vidy-Lausanne (2008) … erster Teil einer Trilogie … zweiter und dritter Teil »Habit(u)ation« (Théâtre de Namur, 2010) und »After the Walls (UTOPIA)« (Théâtre de Namur, 2013), welche zum Kunstenfestivaldesarts in Brüssel eingeladen wurden … jüngste Arbeiten »Tristesses« (Théâtre de Liège, 2016) und »ARCTIQUE« (Théâtre national de Belgique, 2018) … Einladung zum Festival d’Avignon und FIND an der Schaubühne — Soundinstallationen – u. a. »Michel Dupont, réinventer le contraire du monde« (Théâtre de la Manufacture Avignon, 2011) … multimediale Installationen – z. B. »Looking for Dystopia« (2014) … Videoinstallationen – u. a. »Still too sad to tell you« (Théâtre national de Belgique, 2015) … Performative Projekte im öffentlichen Raum – wie »Que puis-je faire pour vous?« (2014-15).

Sie ist also sehr vielseitig. HIER ein Interview mit ihr.

Zum Stück „Die Anderen“:

Vandalem entwirft – auch mit „Die Anderen“ – gerne fiktive Geschehen. Schön ist insoweit ihre Sichtweise im obigen Interview (am Ende):

„… die Realität, in der wir alle feststecken … Mithilfe der Fiktion können wir der Realität entfliehen und andere politische Möglichkeiten aufzeigen.“

Und es ist ein anderer Theaterabend (oder besser: Nachmittag), als man es meist erlebt. Es ist nicht freie Kunst, nicht Interpretation, es ist feine Dokumentation einer abstrusen Geschichte. Das Stück wird im März mehrfach an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin im Rahmen des dortigen Festivals FIND gezeigt werden. HIER der link zur Website der Schaubühne und HIER der direkte link zur Stückeseite.

Alles wirkt sachlich, wie eine Dokumentation. Und gleichzeitig wie ein Krimi. Man verfolgt, wie gesagt, ein seltsames Geschehen – in einem Hotel in einem völlig verlassenen Dorf. Man blickt auf düstere Atmosphäre.

HIER ein Trailer zum Stück.

Irgendetwas steckt hinter dem eigenartigen Geschehen, den eigenartigen Andeutungen und Reaktionen der Personen. Im Dorf leben keine Kinder. Der Sohn des Hotelbetreiberpaares, Emil, wird mehrfach angesprochen, tritt aber nie in Erscheinung. Auch der Mann von Marge, ein Lehrer. Erst spät, kurz vor Ende des Stückes, erfährt man weitgehend alle Einzelheiten.

Es geht dabei um einen „Anderen“. Die Anderen. Kann man ihnen immer die Schuld geben? Es wird nicht ausgesprochen, aber es scheint ein Ausländer, ein Flüchtling, zu sein, der zu Beginn im Dorf landet, nachdem er angefahren wurde. Er wird dort festgehalten. Die Dorfbewohner haben ein schreckliches Ereignis hinter sich. Sie versuchen es zu verarbeiten, leben seit Jahren mit dem Ereignis. Haben ihre Schlüsse gezogen, machen anderen Menschen Vorwürfe, haben Schuldgefühle, irgendwie spielt auch Rache an Anderen eine Rolle, sie verarbeiten es auf ganz besondere Weise … auch der Flüchtling und später eine Sozialarbeiterin, die nach dem Flüchtling sucht, spielen dabei eine Rolle. Sie werden als „Blitzableiter“ gebraucht. Und in dem Ereignis, das Jahre zurückliegt, spielte auch ein „Anderer“ eine Rolle. Auch ihm gibt man die Schuld.

In diesem Fall ist der oben genannte Trailer eine aussagekräftige Hilfe. Er zeigt den düsteren, dokumentarischen Charakter des Stückes.

Es ist kein Stück, in dem man den Schauspielern näher kommt. Man betrachtet ein fremdes Geschehen. Schauspielerisch empfand ich es daher fast etwas zu kurz gekommen. Andererseits: Sie spielen allesamt schräge Gestalten in natürlicher Einfachheit. Dokumentarisch eben.

Die still und düster im Hintergrund mitschwingende Musik basiert auf Kompositionen von Pierre Kissling. Alle Titel sind HIER zu hören.

Das Stück ist eine Zuspitzung. Es geht um das Eindringen Anderer in das Leben in dem kleinen Dorf. Zwar hält man immer die Anderen für schuldig, so ist es aber (wohl) nicht. Man könnte also sagen: Es ist ein Stück für Fremdenfreundlichkeit und darüber, dass die Probleme nicht immer von den Fremden kommen! Man sieht ein Dorf, das die Schuld am Scheitern bzw. Zusammenbrechen seiner Existenz den „Anderen“ in die Schuhe schiebt, ohne die eigene Verwicklung zu erkennen oder zu berücksichtigen. Eine Aussage vor dem Hintergrund viel größerer Dimension? Gesellschaftskritik? Ja, Ansätze sind dabei.