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THEATER: Franz Xaver Kroetz – Gschichtn vom Brandner Kaspar

In den letzten Jahren war es ruhig um ihn, jetzt war er wieder aktiv! Nicht provokant, nicht mit Blick auf die Gesellschaft, sondern schlicht bayerisch, menschlich. Er ist ja Münchner und Bayer. Er schrieb – als „Auftragsarbeit“ für das Residenztheater, wie er im Interview mit der SZ gleich betonte – eine neue Fassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“. Auch auf ihn bezieht sich damit wohl der Spruch über dem Eingang des Residenztheaters: „Da waar i wieda amoi“. Der Satz, mit dem die Kroetzsche Neufassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“ beginnt.

Ja, er war wieder einmal da, nach der Premiere stand er – auf Bitten der SchauspielerInnen – kurz auf (war es Reihe 8?) und winkte ins Publikum. Der „Brandner Kaspar“ ist natürlich weder ihm – Franz Xaver Kroetz – noch dem „Münchner an sich“ oder dem „Bayer an sich“ unbekannt. Ganz im Gegenteil: Franz Xaver Kroetz spielte den Kaspar schon in einer Verfilmung aus dem Jahre 2008. Und der Münchner weiß: Der „Brandner Kaspar“ (von Franz von Kobell aus dem Jahre 1871) lief früher schon jahrelang (bis vor knapp 25 Jahren) legendär am Münchner Residenztheater, dann lief er für etwa 20 Jahre am Münchner Volkstheater und jetzt kehrt er ans Residenztheater zurück.

Man erlebt hier aber nichts „Kroetz-Provokantes“, Gesellschaftskritisches. Nein, Gott sei Dank nicht, jede tiefe Änderung des „Brandner Kaspar“ würde ihn nur verfälschen. Diese Geschichte ist, wie sie ist. Man erlebte aber eine textliche Neufassung des „Brandner Kaspar“ von Franz Xaver Kroetz und dazu die neue Inszenierung von Philipp Stölzl. Beides ist absolut gelungen! Auf WhatsApp hatte ich einen Tag nach der Premiere von Mittwochabend geschrieben: „Gestern Premiere Brandner Kaspar am Residenztheater, muss man sich als bayerisches Kulturgut ansehen! Neufassung von Franz Xaver Kroetz, sehr gut!

Warum „sehr gut“?

  • Die „textliche Umschreibung“, die Franz Xaver Kroetz – ausgehend vom Original – vorgenommen hat, ist immer wieder schön hintersinnig, ansonsten: Der Brandner Kaspar hat Frau und Tochter verloren, nicht seine zwei Söhne, etc.. Der Brandner Kaspar bleibt aber der Brandner Kaspar, leicht modernisiert bleibt er ein bayerisches Kulturgut!
  • Der Brandner Kaspar wird hier jedenfalls nicht so dunkel/düster erzählt, wie es frühere Fassungen wohl etwas mehr waren, sondern amüsanter, heiterer. Aber: Das Besondere ist ja, der Brandner Kaspar hat bei allem Humor für jeden Menschen immer auch etwas Ernstes: „Was passiert denn nach dem Tod?“ ist ja die Frage!
  • Der „Boanlkramer“, also der Tod, wird dabei gespielt von Florian von Manteuffel, der Brandner Kaspar von Günther Maria Halmer. Auch letzterer seit Längerem wieder einmal auf der Bühne des Residenztheaters! Er spielt den Brandner Kaspar ganz souverän, mit allen Höhen und Tiefen, herrlich melancholisch. Eine Idealbesetzung für dieses Bayerische Kulturgut! Noch prägender für diese Inszenierung ist meines Erachtens aber sogar – ohne Günther Maria Halmers schöne Leistung damit auch nur irgendwie schmälern zu wollen – Florian von Manteuffel als der „Boanlkramer“. Er verschafft dem Boanlkramer etwas Trottliges, Neben-sich-Stehendes, Chaotisches, trotz seines ernsten Auftrags von Petrus. Er spielt den Boanlkramer so, dass man schmunzelnd meinen kann: Der Boanlkramer zweifelt fast an sich selbst! Der Boanlkramer von Florian von Manteuffel ist das Salz in der Suppe. Und es bleibt trotzdem die Kobell‘sche kurze Erzählung vom „Brandner Kaspar!
  • Die Inszenierung insgesamt ist nicht zuuu urbayerisch, zu derb bayerisch geworden. Natürlich ist sie bayerisch, schon die Sprache, es soll ja ein „Volksstück“ bleiben, inszeniert mit eher einfachen Mitteln, kein moderner Technikkram, Livekamera oder so etwas. Aber irgendwie wird man nicht „erschlagen“ vom Bayerischen. Trotz des bayerischen Bühnenbildes, trotz des großen bayerischen Holzfensters, durch das man bei geöffneten riesigen Holzfensterläden (die natürlich bemalt sind mit einer bayerischen Berglandschaft) alles sieht, trotz der musikalischen Einlagen. Gitarre, Bass, Quetschkommode, Gesang. Gerade die musikalische Begleitung und die Einlagen zwischen den Akten des Stückes sind eher fein, nicht derb, manchmal begleiten sie die Szenen ganz zart mit einem einzigen (melancholischen) Ton. Es passt alles gut zusammen.
  • Es endete dann am Premierenabend fast seltsam – aber auch bezeichnend: Als man das Residenztheater nach der Vorstellung – mehr als üblich zusammen mit ZuschauerInnen in Lederhosen bzw. Dirndl – verließ, sah man: Der wirkliche Himmel über München sah in dem Moment genauso aus wie der so idealisierte Himmel, den man doch gerade noch auf der Bühne gesehen hatte! Der Himmel, in dem der Petrus sitzt und – gemäß seiner genauen Buchführung übrigens, wie man dann wieder weiß – uns alle irgendwann empfängt, auch den Brandner Kaspar. So sah es am Mittwoch um etwa 21:30 Uhr vor dem Residenztheater aus:

Vielleicht ist es wieder der Beginn einer jahrelangen Reihe von Vorstellungen des Brandner Kaspar am Residenztheater. So müsste es eigentlich sein, es ist ein Stück, eine Inszenierung, die jeder sehen muss, es ist heiter und auch ernst, es betrifft jeden von uns – der Tod und das Leben, Himmel und Erde. Ein Lebensgefühl eben, wenn man mal nicht das (meist ja unerfreuliche) gesellschaftliche Alltagsgeschehen um einen herum sehen und hören will, nicht daran denken möchte.

HIER der Link Stückeseite des Brandner Kaspar auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Foto der Inszenierung:

Copyright der Bilder von der Inszenierung: Sandra Then

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THEATER: William Shakespeare- Romeo und Julia

Da ist zum Einen die manchmal (nicht oft) erscheinende riesige Videofläche über der Bühne, auf der Livebilder – etwa von Julia in Großaufnahme – eingeblendet werden. Man ist kleinere Videoflächen gewohnt. So kommt man Romeo und Julia kurz sehr nah, ein lohnender Effekt. Es passt sehr gut zum Drama „Romeo und Julia“, sie beide möglichst nah zu sehen, der Liebe ins Auge zu sehen.

Da ist des Weiteren die so groß wirkende Bühne des Residenztheaters, die man hier bis hinter zu den Backsteinmauern sieht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die SchauspielerInnen durchgehend – leider – besonders laut und deutlich reden – fast „schreien“ – müssen. Vielleicht ist mir das aber auch nur aufgefallen, da ich zuletzt Theaterstücke auf sehr sehr kleinen Bühnen besucht hatte. Vielleicht liegt es aber auch an der oft im Hintergrund mitspielenden Livemusik, auch wenn diese nicht sehr laut ist.

Da ist weiter etwas ganz Prägendes, siehe die Bilder des Beitrags: Zentral auf der Bühne steht eine große weiße bewegliche (drehbare) „Trennwand“, etwa vier Meter hoch, nicht ganz vom linken Bühnenrand bis nicht ganz zum rechten Bühnenrand. Sie dreht sich manchmal. Diese Trennwand dominiert die Inszenierung. Das Material der Trennwand – dicht aneinander gelegte Eisenträger (Aluminiumgestänge?) horizontal und vertikal – hat die Regisseurin (Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach) in anderen Inszenierungen schon ähnlich eingesetzt. Die untere Hälfte dieser hohen Wand des Gestänges ist beweglich, das Gestänge – an dem auch herumgeklettert wird – kann sich durch automatische „Auffächerung“ (herausgezogen wie Schubladen) in beide Richtungen zu einer breiten Treppe entwickeln, was sie auch oft tut. Man kann so beide Seiten der Trennwand über diese Treppen hinweg betreten, oben entlanggehen. Trennung und Durchlässigkeit.

Damit ist man dann auch schon im Thema von „Romeo und Julia“: Die Trennung zweier Welten, die zwei verfeindeten Familien – die Familie Capulet und die Familie Montague. Bekanntlich die Feindschaft der Familien einerseits und die Liebe zwischen Romeo (Montague) und Julia (Capulet) andererseits. So versteht man das Bühnenbild sehr gut (Bühnenbild: Marlene Lockemann).

Das Geschehen um Romeo und Julia wird hier klassisch, nicht etwa stark modernisiert erzählt. Es wird auch umfassend erzählt, mitsamt der Kampfszenen. Die Kostümierung, sie zeigt, dass zumindest eine gewisse Zeitlosigkeit erzielt werden soll: Fast alle Kostüme weisen sich – besonders farblich – durch eine schöne Mischung von modern und klassisch (damalige Zeit) aus (Kostüme: Johanna Stenzel). Da wird auch mal eine moderner anmutende Sonnenbrille getragen (Julias Vater – Oliver Stokowski). Das ist schön gelungen, irgendwie auch von Fantasie getragen.

Inhaltlich: Anfang und Ende. Pia Händler (eigentlich die Amme) und Nicola Mastroberardino (für den Rest des Abends Pater Lorenzo) begrüßen das Publikum als Totengräber. Und Julias letzte Worte sind „tot oder nicht tot“. Es geht eben um die Liebe eingerahmt vom Tod. Liebe extrem. Wobei sich der Zusammenhang von Liebe und Tod doch wohl in heutiger Wirklichkeit Gott sei Dank extrem selten stellt. Am intensivsten erlebt man dann auch Julia (Lea Ruckpaul) und Romeo (Vincent zur Linden), man spürt permanent die Anziehung beider zueinander, sehr gut, manchmal werden sie in ihren Gesprächen von Livemusik begleitet, die fast an Wagners Tannhäuser erinnert. Horngebläse …

Es sind viele Eindrücke, wenn man sich dieses „Klassikers par excellence“ einmal doch noch recht klassisch – dezent modernisiert – annehmen will. Weit modernisierter geht es dagegen etwa zurzeit in der Inszenierung „Romeo und Julia“ am Staatstheater Nürnberg und in der Live-Schalte „Mixtape“ dazu, vom Nürnberger Plärrer, Stadtzentrum, zu. HIER der Link zur Stückeseite der Inszenierung „Romeo und Julia“ von Joanna Praml am Staatstheater Nürnberg und HIER der Link zur Stückeseite von „Mixtape“ von Boris Nikitin ebenfalls am Staatstheater Nürnberg.

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung am Residenztheater, der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach.

Und hier der Trailer zur Münchner Inszenierung.

HIER der Link zur Stückeseite von „Romeo und Julia“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Lion Christ – Sauhund

Es ist wieder eine Empfehlung! Feinfühlig schildert der Roman mit einer „einfachen“ Story, wie der in Wolfratshausen lebende homosexuelle junge Flori damals nach München wechselte, die Freiheit suchte, sein Leben suchte. Er „geriet“ – oder besser: „wollte“ – in die Homosexuellenszene, die damals in München so blühte. Er ging aber zunächst in der Großstadt unter und es wurde auch für ihn eine Konfrontation mit AIDS, ein Thema, dem sich die Stadt München und das Land Bayern damals besonders radikal „entgegenstellten“. „Sauhund“ ist aber kein politischer Roman, es ist keine politische Inszenierung. Der „kleine“ Werdegang von Flori aus Wolfratshausen wird geschildert, aber genau daran kann man viel erkennen.

Denn es geht nicht nur um AIDS in den achtziger Jahren! Es geht eben in dieser schönen Geschichte wie gesagt auch darum, wie der junge Homosexuelle aus Wolfratshausen, der Flori, sein Leben sucht, sich selbst sucht. Diese „Lebenssuche“ bleibt vielleicht, auch wenn sich das Thema AIDS im Laufe der Jahre entschärft haben mag, besonders für Homosexuelle ein besonderes Thema! Dafür schafft „Sauhund“ ein Bewusstsein auch für heute, das schaffen die drei SchauspielerInnen wirklich wunderbar.

Es ist eine ruhige Inszenierung, nichts Aufbrausendes, mit schönem Lokalkolorit in den Dialogen vor allem, in den Alltagssituationen und mit Floris mitschwingendem Bezug zu seiner Herkunft, seiner Mutter, der Freundin Theresa, seinem ersten Freund Gregor, auch wenn er sich ja von ihnen durch seinen Wechsel nach München und durch sein Leben in München distanziert. Man kann Flori in seiner verwirrenden Lage emotional gut folgen!

Passend zu Ruhe der Bühnenfassung werden alle im Roman erscheinenden Figuren von nur drei SchauspielerInnen dargestellt, nicht mehr: Von Annette Paulmann, Elias Krischke und Edmund Telgenkemper. Es ist ein Genuss, dieses Trio so zusammen zu sehen, ein großartiges Trio! Die Erfahrenen, Annette Paulmann – in ihr so gut passenden Paraderollen – und Edmund Telgenkemper – wandelungsfähig wie immer – geben den auftreten Personen ganz erstaunlich sofort ihre Farbe, ihren Charakter – sie müssen fast nur auf der Bühne erscheinen, müssen garnichts sagen. Der Neuere im Ensemble, Elias Krischke als Flori, braucht und hat dagegen mehr Zeit, seinen Flori zu entwickeln, was eben am Roman liegt. Auch das macht er aber großartig!

Es passt auch schon die Kostümierung: Nicht übertrieben, eher dezent an die damalige Zeit erinnernd (Kostüme: Jaqueline Elaine Koch), Alltagskleidung der 80er-Jahre.

Das Politische in dieser Zeit in Bayern und München, der krasse Umgang mit AIDS, kommt zur Geltung, bleibt aber – wiederum passend – klar im Hintergrund. Auf Videoleinwänden sind im Hintergrund Fotos und Videos zu sehen, die das Thema berühren. Gauweiler und Seehofer sind nicht zu sehen, dafür Münchner Demonstrationen. Man hat es vielleicht vergessen oder in der damaligen Gegenwart garnicht genau beachtet, wie das Thema AIDS hier anfangs behandelt wurde. „Wegsperren“ …! Dies hier noch einmal im Hintergrund angedeutet zu sehen und am Flori „hautnah“ das Thema (ohne konkrete Konfrontation mit dem Politischen) zu erleben, ist ein Verdienst des Stückes auch für den heutigen Umgang mit AIDS. Wir erkennen eben die Gegenwart immer erst im Nachhinein.

Insgesamt und vor allem: Schauspielerisch ist „Sauhund“ eine wahre Freude!

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite von „Sauhund“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: „Double Feature“ – Erlebnisse eines Schauspielschülers und die Welt eines „Medienhauses“

Beide Romane sind wenige Jahre alt. Beide Romane und damit auch beide Bühnenfassungen sind außerdem sehr ähnlicher Machart: Eine Hauptperson wendet sich an den Leser/das Publikum und erzählt ihre Erlebnisse – auf der Bühne szenisch ergänzt und umgesetzt. Ein schönes Duo zweier Theaterbesuche, eine Art „Double Feature“.

Die eine der beiden Erzählungen schildert die Welt des Schauspielschülers Joachim Meyerhoff in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“, noch zu sehen am Metropoltheater. Es geht um die Otto-Falckenberg-Schule, die Schauspielschule der Münchner Kammerspiele. Die andere Erzählung erzählt aus der Sicht des „besten Freundes eines Eigentümers eines Medienhauses“ mit Hauptsitz in Berlin, in Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“, noch zu sehen am Münchner Zentraltheater, man denkt an den Springer-Verlag, an die BILD-Zeitung.

Hinter beiden Romanen stecken persönliche Erfahrungen. Joachim Meyerhoff hatte im Alter von 20 Jahren seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule absolviert, Benjamin Stuckradt-Barre hat in seinem turbulenten Leben seine Einblicke in die Medienwelt vor allem bei einer Musikzeitschrift (Zeitschrift Rolling Stone), im Fernsehen (zunächst für die Harald Schmidt Show, dann für Einiges mehr), aber auch in einigen anderen Medienbereichen gewonnen. Also:

Zunächst zu Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“:

Es ist eine Wiederaufnahme am Metropoltheater in München-Freimann. Der Roman erschien 2016 – als dritter Teil einer auf vier Romane angelegten Erzählung von Meyerhoffs Vergangenheit. Man hat meist davon gehört, wenn nicht es gar gelesen: Meyerhoff erzählt autobiografisch, sicher aber auch fiktional skurril von seinem Wechsel nach München, wo er – aus dem hohen Norden kommend – in die Schauspielausbildung an der Münchner Falkenberg-Schule „hineinschlitterte“.

Skurril ist der Roman nicht deswegen, weil Joachim Meyerhoff aus dem hohen Norden kommt, „culture clash“, sondern weil er für die Jahre der Schauspielausbildung bei seinen Großeltern in Nymphenburg wohnte. Skurril empfindet er dann nicht nur seine Großeltern, sondern gleich auch die Schauspielausbildung. Und so überspitzt, wie das Buch wohl ist (ich habe es noch nicht gelesen), ist auch die Inszenierung. Der Witz liegt wahrlich in der Zuspitzung der Umstände, denen sich der 20 Jahre junge Joachim Meyerhoff – sehr gut und passend und sympathisch dargestellt von James Newton – ausgesetzt sieht. Ein ständiges Hin und Her, die Schauspielschule einerseits und die Großeltern in ihrem edlen, skurrilen und vom Alkohol begleiteten Lebenswandel, beides wird auch auf der Bühne ständig gewechselt. Lucca Züchner etwa spielt ständig wechselnd die Großmutter und im nächsten Moment die ebenso skurrile Schauspiellehrerin.

Das Zugespitzte darf einem hier aber nicht zu weit gehen, die Szenen der Schauspielschule als auch die Szenen der Großeltern darf man nicht ernst nehmen (Ich glaube allerdings, man hätte die durchgehende Zuspitzung auch verstanden, wenn sie nicht so überdeutlich auf die Bühne transportiert worden wäre, wie es etwa Lucca Züchner und Thorsten Krohn als Joachims Großeltern, tun. Aber es mag am Roman liegen, der es natürlich gerade darauf anlegt!).

Nun gut, es bleibt eine köstliche Schilderung der absurden Jahre von Joachim Meyerhoff in München, vielleicht etwas zu sehr veralbert, bevor es für Meyerhoff als Schauspieler in den Norden und ans Burgtheater in Wien ging. Störend ist dementsprechend fast der sehr realistische Teil gegen Ende, in dem eben noch erwähnt wird, wie erfolgreich Joachim Meyerhoff dann wirklich noch wurde, entgegen aller ursprünglichen Hindernisse. Aber auch das wird der Roman sein.

An den Münchner Kammerspielen stellt Joachim Meyerhoff am 19. Juni übrigens seinen neuen Roman vor. Er kann ja sehr witzig schreiben.

Hier noch ein Foto der Bühnenfassung am Metropoltheater:

Von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es ab heute, 07.06.2025, bis zur Sommerpause noch fünf Termine, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters in Freimann.

Nun zu Benjamin von Stuckrad-Barre‘s „Noch wach?“:

Mit anderem Humor, bissig-frech, rasant, ein Sittengemälde aus unserem modernen Leben, soll heißen aus dem Leben eines „Medienhauses“ und der „Medienmenschen“, geschrieben so, wie man spricht, mit gutem Blick für das Verhalten und die heutigen Sprech- und Handlungsweisen der Beteiligten, eigentlich von uns allen heute: So schrieb Benjamin von Stuckrad-Barre 2023 den Roman „Noch wach?“. Es geht um Machtmissbrauch, Machtstrukturen, #Meetoo, der „beste Freund eines Eigentümers eines Medienhauses in Berlin“ gerät in eine sich entwickelnde #Meetoo-Aktion vieler Mitarbeiterinnen an diesem Medienhaus. Beginnend mit der Weinstein-Affäre in Amerika. Dieses Buch habe ich gelesen, ganz köstlich!

Es wird nicht leicht sein, diese rasante Geschichte, die im Buch – bei diesem ernsten Thema (ernster als bei Joachim Meyerhoff ) – von einer großen Portion Bissigkeit und Humor in jeder Zeile lebt, auf die Bühne zu holen. Es ist gelungen, an dieser so kleinen Bühne! Vor allem Benjamin Berger als der „Ich-Erzähler“ des Romans schafft das herrlich! Wieder einmal ist es auch herrlich, in einem so kleinen Theater so gute schauspielerische Leistung so nah erleben zu können! Eine Theaterfreude! Wobei: Jede(r) spricht fast jede(n) in der Erzählung des Geschehens, was manchmal nicht leicht zu verstehen ist, das Buch hilft! Und das Publikum davor und danach so hautnah und angenehm zu erleben, das hat für den Theaterfreund auch etwas.

Das Bühnenbild ist natürlich reduziert, aber auch für die Verhältnisse gut gemacht! Yana Robin La Baume – nicht zum ersten Mal am Zentraltheater – würde ich neben Benjamin Berger noch hervorheben wollen, ohne die übrigen Schauspielerinnen daneben schwächen zu wollen.

Sie schaffen es in einer ebenso rasanten Inszenierung von Beginn an, die Geschehnisse frech und zeitgemäß auf die Bühne zu bringen, so rasant, dass es fast anstrengend wird. Sowohl im Buch, als auch auf der Bühne ist dann nur festzustellen, dass gegen Ende der Geschichte – in der Bühnenfassung mit Pause – der Humor leider etwas abnimmt und eher die Entwicklung der Geschichte relevant wird. Da gewinnt die Schnelligkeit auf der Bühne die Oberhand über den Humor der ersten Hälfte.

Das Stück ist am Münchner Zentraltheater noch zweimal zu sehen, am 01.07. und am 02.07.. Es lohnt sich, es ist eine Geschichte zu Verhältnissen, die so oder ähnlich bei uns möglicherweise oft unter den Tisch gekehrt werden.

Hier noch ein Foto:

Und HIER der Link zum Zentraltheater.

Fotograf zu „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: Jean-Marc Turmes

Fotograf zu „Noch wach?“: Lea Mahler

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THEATER: Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Nur so geht es. Die Inszenierung ist unverständlich für jemanden, der dies nicht getan hat. Sie lebt – Thom Luz-typisch – von sehr eigenwilligen (ruhigen) Andeutungen an Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ und daneben – diese Kombination prägt die Arbeit von Thom Luz – von Andeutungen (etwas deutlicher) an das Leben und den Tod von Stefan Zweig. Beides zusammen mit noch etwas hat Magisches, siehe unten im Text.

Diese Gedanken tun sich auf:

  • Stefan Zweig: Er, der sensible Pazifist, Humanist, Brieftexte von ihm werden ab und an vorgelesen, er mochte sicher das Bestehende, er war kein „Veränderer“, er suchte das Beständige. Und dann wurde gerade ihm durch das Naziregime sein Leben entrissen, er floh (er war Jude) 1933 nach London und wechselte zuletzt nach Brasilien, Petropolis, lebte dort völlig entwurzelt noch ein paar Jahre bis zu seinem Freitod 1942. Er muss verzweifelt gewesen sein. Ein schönes Bild etwa, wie ihm – redend zum Publikum in Gestalt von Nicola Mastroberardino – ein Styroporgegenstand übergestülpt wird, er zum Verstummen gebracht wird, darauf außen herumgeklopft wird, …
  • Die Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“: Auch sie zeigen, dass Stefan Zweig das Bestehende mochte. Er äußert in diesen so wortakrobatischen – heute sicher etwas veraltet wirkenden – Erzählungen nicht etwa Kritik, er schildert, wie ganz wenige Sekunden, Wimpernschläge, kurze Entscheidungen, „Sternstunden der Menschheit“ eben, die Entwicklung der Menschheit beeinflusst haben. Fast bewundernd beschreibt er ja diese Sternstunden. Wie anders hören sich da seine trüben Gedanken an, die in dieser Inszenierung mit den „Sternstunden der Menschheit“ frei kombiniert werden! Wie gesagt, man sollte die „Sternstunden der Menschheit“ davor gelesen haben, um Andeutungen erkennen und heraushören zu können. Um das Spiel mit diesen Andeutungen erkennen zu können, den Widerspruch zu erkennen. Erzählt werden diese Sternstunden nicht!
  • Das Bühnenbild: Man sieht eine Kammer der Geschichte, in Regalen gelagerte und herumstehende Styroporgegenstände! Man erkennt in den Gegenständen Andeutungen an einzelne Erzählungen der „Sternstunden der Menschheit“. Die SchauspielerInnen spielen fast mit diesen Gegenständen der Sternstunden. Man hört dazu Stefan Zweig aus alten Lautsprechern (siehe Bild unten), man hört Schilderungen von Gesprächspartnern von ihm, SchauspielerInnen lesen Texte von Stefan Zweig, man liest auch Texte von Stefan Zweig, die auf die Bühne projiziert werden. Das hat Melancholisches. Zweigs teils verzweifelte Gedanken, warum der Mensch nicht „einfach normal“ sein kann! Gedanken, die in den „Sternstunden der Menschheit“ nicht geäußert werden.
  • Der Mensch ansich: Man könnte sagen: Ein Leben lang wuchtet der Mensch sinnlos Gegenstände hin und her. So auch hier auf der Bühne, vor den Regalen der Geschichte. Der Mensch baut ständig etwas – was später wieder zugrunde geht! Ein schönes Bild etwa: Nicola Mastroberardino (wieder) baut aus vielen kleinen und größeren Styroporquadern, die ihm gereicht werden, einen wackeligen hohen Turm, der „bis zum Himmel“ reichen soll. Es fällt um, alles stürzt auf der Bühne durcheinander. Das ist der Mensch! Der Mensch sieht die Geschichte, er staunt darüber, versteht sie aber nicht ganz. Bis er sich selber in die Regale legt. Damit befasst sich Thom Luz in dieser Inszenierung.
  • Thom Luz: Wie immer, versucht Thom Luz, seine Gedanken fast poetisch – wieder mit (wenigen) Instrumenten musikalisch – auf die Bühne zu bringen. Wie immer, eine Inszenierung mit denjenigen SchauspielerInnen, die schon bei früheren Inszenierungen von Thom Luz mitgewirkt haben. Es gab schon poetischere Inszenierungen von ihm, aber man findet es auch hier!
  • Das Magische an der Inszenierung: Es sind ja drei sehr unterschiedliche Ansätze, die zusammen auf die Bühne kommen und frech ineinandergreifen: Sie zusammen machen die Inszenierung aus! 1. Das „positive“ Denken in den Erzählungen der „Sternstunden, der Menschheit“. Da ist die Welt für Stefan Zweig noch in Ordnung. 2. Auf diese Welt trifft parallel aber die Erzählung des traurigen Todes von Stefan Zweig. 3. Garniert wird noch dazu alles mit (Stefan Zweigs) Gedanken über den Menschen an sich, mit schönen Äußerungen von ihm zu Überlegungen, die heute noch unverändert gelten.

HIER Der Link zur Stückeseite von „Sternstunden der Menschheit“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Noch zwei Bilder der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Sandra Then

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Sonstiges

THEATER: Florentina Holzinger

Sie wird von den Medien momentan absolut gehypt. Siehe etwa das Beitragsbild, die aktuelle Ausgabe des feministischen Missy Magazine: „MESSIAH DER BÜHNE“ schreiben sie dort. Nicht … DES THEATERS, sondern … DER BÜHNE. Nacktheit, echtes Blut, Selbstverletzungen und und und. „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Die Erfolgswelle, auf der sie momentan surft – oder auf der sie getrieben wird – sieht unter anderem so aus: Im Mai etwa war ihr „SANCTA“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, also doch Theater, eine Mischung von vielem eben. Auch das neue Stück „A Year Without Summer“ (Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz) macht irgendwie Furore. Ab Mitte 2026 wird sie zusammen mit Marlene Monteiro Freitas das künstlerische Board der Berliner Volksbühne (Intendant Mathias Lilienthal) bilden, also das Programm der Volksbühne entscheidend mit prägen! Wirklich Theater, spannend! Sie spielt – es war ab Oktober 2024 zu sehen – auch erstmals in einem Kinofilm mit, in „Mond“ – als Hauptdarstellerin. Nächstes Jahr, 2026, wird sie auf der Biennale in Venedig den österreichischen Pavillon gestalten. Und so weiter. Tänzerin, Choreografin, Schauspielerin, Theatermacherin, Regisseurin, Künstlerin, Aktivistin …

HIER ein Trailer zu ORPHELIA‘s GOT TALENT. HIER ein Trailer zu SANCTA. HIER der Link zur Stücke Seite von A YEAR WTHOUT SUMMER. Und HIER ein Gespräch mit ihr im ORF. HIER der Trailer zum Film „Mond“.

Ich will mir kein vorschnelles Bild über Florentina Holzingers Bühnenaktionen machen. Was sie macht, ist ja offenbar irgendwie Zeitgeschehen. Da muss doch etwas sein! Was passiert da? Ist es Feminismus, ist es Aktionismus, Provokation, etwas anderes, mit dem man konfrontiert wird? Die Leute rennen hin. Ich selber habe noch nichts gesehen von ihr! Daher hat mich zB das Interview des Missy Magazine interessiert. Der Bericht über das Treffen mit ihr ist aber leider nicht die Wiedergabe eines Interviews, es ist ein Artikel über Florentina Holzinger, ein Versuch der Interpretation ihrer Arbeit nach einem nicht wiedergegebenen Gespräch. Ich denke mir jedenfalls, die Nacktheit der (jede für sich selbständig entscheidenden) Frauen auf der Bühne, ihre Aktionen, haben hier eine andere Funktion, als „sich selbstbewusst zu zeigen“. Die Nacktheit, die sie einsetzt, holt den weiblichen Körper aus dieser (immer männlich gedachten) Ecke des „schönen Körpers“ heraus, oder so etwa …

HIER ist der Link zum Missy Magazine, das es ja seit 17 Jahren gibt.

Man schreibt dort in „Über Missy“:

Missy ist das Magazin für Pop, Politik und Feminismus. 2008 von Stefanie Lohaus, Chris Köver, Sonja Eismann und Margarita Tsomou gegründet, steht das Missy Magazine heute mit sechs Ausgaben im Jahr für unabhängigen, feministischen Journalismus.

Wir schreiben über trans Familien, Sexarbeit, Rechtsruck, Coding, Fat Acceptance, Vereinbarkeit, Anal Plugs, Care-Arbeit, Rap, Katzen, Menstruation in Horrorfilmen, Asyl und Alltag, Achselhaare und neue Serienhighlights. Wir interviewen und porträtieren Künstler*innen und Aktivist*innen. Futtern und Fashion sind für uns ebenso Themen wie queere Pornografie oder Organisationen, die sich weltweit für sichere Abtreibungen einsetzen.

All das passiert mit einer Attitüde, die beständig den Status quo mit einem Grinsen infrage stellt. Weil wir immer noch nicht in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. Weil es noch viel zu diskutieren und zu verbessern gibt.

Feminismus ist für uns kein Trend, sondern unsere Haltung. Intersektional und inklusiv. Missy schreibt gegen Sexismus, Rassismus, Klassismus, Homofeindlichkeit Transfeindlichkeit, Ableismus und Antisemitismus. Das Missy Magazine fokussiert heute konsequent die Perspektiven von FLINT und BIPoC. Popkulturell, politisch, manchmal mit Humor, manchmal ohne.

Es bleibt spannend!

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THEATER: Marieluise Fleißer – Eine Zierde für den Verein

Kleine Zusammenhänge dazu: Marie Luise Fleißer war befreundet mit Bertolt Brecht. Bertolt Brecht hatte ja zur damaligen Zeit Premieren an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater, sie lernten sich dann kennen. Von ihm ist just zurzeit am Residenztheater die Inszenierung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ zu sehen. Und weiter: Marieluise Fleißer war auch mit Lion Feuchtwanger befreundet, es war eine Freundschaft für die Lebenszeit. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ ist just derzeit ebenfalls am Münchner Residenztheater inszeniert.

Alle drei Autoren lebten also in derselben Zeit, Bertolt Brecht starb im Jahre 1956, Lion Feuchtwanger im Jahre 1958, Marieluise Fleißer im Jahre 1974. Sie lebten in den Jahren vor den, während der und nach den beiden Weltkriegen. Marieluise Fleißer verbindet man ja vor allem mit ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt Ingolstadt.

Ebenso wie bei Lion Feuchtwanger und bei Bertolt Brecht kann man auch bei Marieluise Fleißer daher nicht etwa übermäßig Bezüge zu unserer Gegenwart erwarten, zu sehr waren sie jeweils ihren so schwierigen Zeiten verhaftet! So beschränkt sich nun auch die Inszenierung von „Eine Zierde für den Verein“ im Marstalltheater letztlich auf die Darstellung des Romans in seiner damaligen Zeit, was aber Gelegenheit sein kann, sich mit der interessanten Person Marieluise Fleißer auseinander zu setzen.

Das Bühnenbild erschreckt am Anfang. Denn lange stellt sich die Frage, wie man auf dieses Bühnenbild kommen kann: Es ist ein hellblau gepolstertes, stufenmäßig ansteigendes Amphitheater-ähnliches Gebilde, recht gedrungen auf der kleinen Bühne, nach vorne hin offen. Siehe das Bild unten. Dieses Amphitheater kann immer wieder nach vorne hin von einem großen Plastikvorhang zugezogen werden.

Die SchauspielerInnen benutzen dieses Amphitheater immer wieder dazu, um daran herauf- oder davon hinabzusteigen, zu stürzen, zu kämpfen, unter ihm zu verschwinden, seitlich von außerhalb zu erscheinen etc. Es ist ein Spiel mit dem Raum, an das man sich gewöhnt. Seltsamerweise bleibt die Inszenierung aber gerade dadurch recht „raumlos“, es bleiben abstrakte Räume. Die vorherrschende Farbe hellblau im Innenbereichen mag dabei – fast zu naheliegend – daran liegen, dass die Hauptfigur Gustl, um den herum sich alles abspielt, ein erfolgreicher Schwimmer ist oder war, sein Bekannter Rhi ein Turmspringer (Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović).

Teils sind außerdem große Videoaufnahmen auf dem zugezogenen Plastikvorhang zu sehen. Mit Live-Kamera aufgenommene Szenen, die sich im Hintergrund des Vorhangs oder durch das Raumgebilde verdeckt uneinsehbar abspielen, was durchaus Erinnerungen an Frank Castorfs Inszenierungen provoziert (Inszenierung Elsa-Sophie Jach).

Dem Roman entsprechend werden die verschiedenen Charaktere entwickelt, Charaktere einer bayerischen Kleinstadt im Jahre 1920. Gustl eröffnet ein kleines Geschäft, Gustl der ehemals erfolgreiche Schwimmer, seine Mutter redet auf ihn ein, seine anfängliche Liebe Frieda, Linchen im Kloster Friedas Schwester, Minze der Sohn des Vermieters, Rhi also der Turmspringer, sein Name „Rhi“ Spitzname für Riebsand, der Sportverein und weiteres. Alles für Marieluise Fleißer sogar recht autobiographisch. Marieluise Fleißers sehr eigene Sprache im Roman, das irgendwie Wortkarge, trotzdem sehr Detaillierte, kommt natürlich im Roman selbst anders zur Geltung, kommt auf der Bühne natürlich etwas kurz. Jeder/jede schaut auf sich, sieht aber immer den anderen/die andere als Ursache für Ungemach, für die Schwierigkeiten. Das zeigt Marieluise Fleißers Roman sehr gut, kommt in der Inszenierung eher phasenweise deutlich zum Ausdruck. Das wiederum war ein Zeichen der Zeit: Es sind immer die anderen! So entstanden die Weltkriege. Und das sollte nicht heute wieder zum Zeichen der Zeit werden!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Marion Siéfert und Matthieu Bareyre – Daddy

Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar die erste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.

Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.

“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!

Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.

Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!

Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.

Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:

Hier der französische Trailer:

HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch eine Aufnahme vom „Grillabend“:

Copyright der Bilder: Adrienne Meister

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THEATER: Franz Kafka – Bericht für eine Akademie

Ich mag daher das sehr kleine Zentraltheater in München, ich mag das kleine Metropoltheater in Freimann, ich war letztens in der kleinen Bühne 3 des Münchner Volkstheaters (im ersten Stock), ich mag das Marstalltheater, die kleine Bühne des Residenztheaters hinter dem Stammhaus, ich mag das kleine HochX und ich mag die beiden kleinen Bühnen der Münchner Kammerspiele. Es gibt noch einige mehr davon! Kleine Bühnen sind ein Muss für Theaterfreunde, sie schaffen immer ein anderes Erlebnis als es ein Abend vor großer Bühne schafft!

München hat jetzt noch eine neue kleine Bühne! Das Münchner Residenztheater wird künftig im schönen alten Gebäude des Marstalltheaters (siehe Beitragsbild oben) auch einen Teil der ersten Etage „bespielen“! Siehe übrigens die Geschichte des „Marstalls“ HIER! Ein Teil dieser oberen Etage des riesig hohen Gebäudes war bisher bekannt als das „Marstall Café“, sie wird nun um eine kleine Bühnenfläche daneben erweitert und heißt künftig MARSTALL SALON, etwas geändert gestaltet, vor allem mit einem riesigen eigenwilligen Lüster.

Im Marstall Salon soll es beispielsweise (neben Lesungen, Musik, Theater, Premierenfeiern etc.) künftig auch sogenannte „Ensembleabende“ geben, was wohl von einzelnen Ensemblemitglieder des Residenztheaters frei gestaltbare Abend sein werden. Ich habe den Ensembleabend am Donnerstag besucht, was künftig kommen wird, konnte ich leider nicht erfahren.

Ensemblemitglied Max Mayer präsentierte am Donnerstagabend (spät um 22:00 Uhr) seine eigene Aufführung von Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Die Zuschauer wurden in dünne weiße Overalls gesteckt, schon war man gefangen, ent-individualisiert, was hier Sinn machte, eine runde Sache. Eine intensive, engagierte schauspielerische Leistung von Max Mayer, ein Soloabend natürlich – dem Text entsprechend! Max Mayer hat ihn mit wenigen Partnern entwickelt (etwa einem Künstler, der während der Aufführung eine nicht einsehbare Leinwand bemalte). Er präsentierte den „Bericht für eine Akademie“ (ganz leicht gekürzt) frei – was ich allein schon irre fand. Schauspielerisch sehr intensiv, so intensiv kannte ich Max Mayer nicht von großer Bühne. Und gegen Ende las dazu der junge Schüler Oskar Probst sehr gut (ruhig und langsam) und sehr passend einen Text über eine Person mit dem Tourettesyndrom vor und war dann noch der „Mensch“ gegenüber dem „ehemaligen Affen“. Das Tourettesyndrom: Es sind Menschen, die plötzlich wie von einem Wirbelsturm erfasst die Identitäten aller weiteren anwesenden Personen aufnehmen, sekundenschnell, wie in einem „Bombardement“, und die dabei kurz vielleicht ihre eigene Identität verlieren. Wie sollte es auch gelingen, die eigene Identität in diesen Momenten zu behalten? Eine große Frage: Wie findet man seine Identität in all dem Wirrwarr? In Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ geht es zwar nicht direkt um das Finden der Identität, der Affe sieht es ja nur als „Ausweg“, sich den Menschen anzupassen, nicht etwa als Weg (zurück) in die „Freiheit“. Da ist mir der Zusammenhang zwischen Kafkas Text und dem Tourettesyndrom nicht ganz klar. Kafka lässt aber viel Interpretation zu! Aber selbst wenn es zwei verschiedene Gedanken sind, es war eine klasse Darbietung!

Der Marstall Salon, ein schöner Ort, um auch hier wieder hinzugehen und kleine Aktionen mit viel Engagement zu erleben!

Hier noch eine Lesung des Textes „Ein Bericht für eine Akademie“, der sich lohnt!

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THEATER: William Shakespeare- Was ihr wollt

Diese und andere Fragen zur Liebe hat William Shakespeare in „Was ihr wollt“ aufgegriffen, einem Stück einmal ohne Tod und Schicksal etc. Ergänzt wird Shakespeares Werk „Was ihr wollt“ in der Inszenierung, die am Donnerstag an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, durch Texte der niederländischen Regisseurin Lies Pauwels, in denen alles noch weitergetrieben wird.

So sitzt man zwischen allen Stühlen, nicht nur Shakespeare folgend inhaltlich, sondern – wirklich sehr gelungen – in fast jeder Hinsicht: Textlich: Textvermischung inhaltlich und sprachlich, mal Shakespeare-Englisch, mal (etwa in Songs) modernes Englisch, mal Deutsch. Mal Shakespeare, mal Pauwels. Dann: Man erlebt die höfische Barockwelt des Shakespeare-Stückes zum Teil in der Kostümierung, die SchauspielerInnen tragen aber immer eng anliegende, modern gehaltene (radrennfahrertrikotähnliche) „Sportkleidungen“ darunter. Sportkleidungen, die noch dazu völlig „geschlechtsneutral“ sind. Oder sie tragen allesamt Marilyn-Monroe-Perücken. Sie schminken sich im Hintergrund an und ab. Musikalisch: Man trifft auf barocke Musik genauso wie auf moderne Musik. Gesang trifft auf Schauspiel. Gesang spielt hier ohnehin eine etwas größere Rolle. Und man trifft auf weitere Elemente der modernen Welt: Mikrofone sind durchgehend im Einsatz, Bilder von Roy Lichtenberg kommen auf die Bühne etc.

Die Mikrofone kommen (performanceähnlich) ohnehin fast durchgehend bei Text zum Einsatz, was das Persönliche des jeweils Gesagten verstärkt (Vielleicht kommen sie auch deshalb zum Einsatz, da immer wieder Musik das Spiel im Hintergrund unterlegt. Ein guter Nebeneffekt zumindest.)

So kann man im Grunde sogar sagen: Mit dieser Inszenierung mischt sich Schauspiel mit Performance! Man betritt eine Zwischenwelt von Schauspiel und Performance.

Shakespeare hat es in „Was ihr wollt“ dabei durchaus kompliziert gemacht, das sollte jedoch vom Besuch der Inszenierung in keiner Weise abschrecken! Ja, das Personaltableau und die Verwirrungen der Liebe sind in „Was ihr wollt“ kompliziert. Die Gründe der Verwirrung sind ja etwa zum Einen, dass es verwechselbare Zwillinge gibt (Viola – als Cesario verkleidet – und Sebastian) und zum Anderen natürlich, dass jede(r) seine Liebe irgendwie in eine andere Richtung fühlt. Nichts funktioniert, keine Liebe wird erwidert. Chaos wie ein Wirbelsturm.

Das Interessante dabei ist, dass in dieser Inszenierung wiederum alles – man glaubt es kaum – langsam und deutlich verhandelt wird, nicht im Sturm. Die Gefühlslagen der Beteiligten von „Was ihr wollt“ werden fast langsam entfaltet, sie werden durch Lies Pauwels Texte dazu noch gewissermaßen gestreckt, in die Tiefe gezogen.

Das führt vor allem zu schauspielerisch wunderbaren Leistungen! Schon das Minenspiel der SchauspielerInnen wird wichtig. Christian Löber etwa – Meister des Minenspiels – als Viola/Cesario! Oder Johanna Eiworth mit einem wunderbaren (immer mehr geschrieenen) Monolog. [Dazu übrigens: ich habe in mehreren Theaterstück der letzten Wochen erlebt, dass Kernstücke der Abende mit einer gewissen Verzweiflung zum Publikum geschrieen wurden! Etwa Thomas Hauser gegen Ende in „77 Versuche …“, oder Edmund Telgenkämper am Ende in „Katzelmacher“. Oder andere. Was für ein Zeichen der Zeit! „Wir müssen deutlich werden!“].

Der Shakespeare-Inhalt von „Was ihr wollt“ ist bei alledem zwar erkennbar, aber garnicht so entscheidend. Die niederländische Regisseurin Lies Pauwels – erstmals (hoffentlich nicht das letzte Mal) mit einer Arbeit an den Kammerspielen – schafft es mit ihrer Inszenierung, dem Inhalt von „Was ihr wollt“ zu folgen, ihn aber nicht erzählerisch darzubieten, sondern im Hintergrund zu halten und alles mehr auf die Innenschau der Personen auszurichten.

So kann man sagen: Es ist eine Freude, auf Basis von Shakespeare diese „Grenzwelt“ zwischen Schauspiel und Performance mit allen möglichen Vermischungen und Verwirrungen zu erleben! Es ist ein SchauspielerInnen-Abend, wirklich ein gelungener Abend!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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THEATER: Festival „Radikal jung“ 2025 – Der Publikumspreis

Den Publikumspreis hat dieses Jahr die Performance von Lulu Obermayer mit Rachel Troy, „Rachel und ich“, erhalten. Es ist eine Produktion des Münchner HochX Theaters und des Live Art München e.V. in Koproduktion mit dem Theater „Sophiensæle“ in Berlin und dem „Theater Rampe“ in Stuttgart.

Ich habe dieses Jahr nicht viele Produktionen des Festivals gesehen, nur die – sehr engagierte – Produktion „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ aus Osnabrück, davor „Caligula“ von Albert Camus vom Münchner Volkstheater, sowie die Produktion „Rachel und ich“ von Lulu Obermayer und Rachel Troy. Zu „Caligula“ ist HIER mein Bericht. Die Produktion „Rachel und ich“ war auf Bühne 3 des Münchner Volkstheaters, der im Vergleich zu Bühne 1 und 2 viel kleineren Zusatzbühne, zu sehen.

Rachel und ich“ ist die Erzählung einer Freundschaft, sehr autobiografisch, nicht fiktiv. Rachel Troy und Lulu Obermayer kennen sich seit vielen vielen Jahren, haben sich in ihren Ausbildungsjahren in New York kennengelernt. Lulu Obermeier ist ja Münchnerin, Rachel Troy stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Freundschaft war/ist belastet durch die jüdische Vergangenheit der Familie von Rachel Troy. Damit setzt sich diese Produktion auseinander. Freundschaft mit Blick zurück vor dem Hintergrund persönlicher Vergangenheit und historischer Vergangenheit. Sie haben es nicht erlebt, aber natürlich konnten und können beide in diesem Verhältnis (eine Deutsche, eine Jüdin) die historische Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs – zum Beispiel auch in Gesprächen mit ihren Eltern und Großeltern oder Gesprächsversuchen oder eigentlich Gesprächsunterlassungen – nicht ausblenden, nicht vergessen. Erstaunlich in ihren damals jungen Jahren, aber ok.

Ich fand allerdings die sehr engagierte Produktion „Kohlhaas …“ sogar interessanter. Eine Produktion auf großer Bühne, insgesamt viel aufwändiger, wild und inhaltlich mit interessanten, auch gewagten, auf die Spitze getriebenen Ansätzen, schauspielerisch (oder besser: „handlungstechnisch“ – sie schauspielern kaum) überzeugend. Der Gedanke dort ist ja: Der Gerechtigkeitsfanatiker und Rebell Michael Kohlhaas mit Blick auf die heutige Zeit! Eine wilde Übertragung des Dramas von Heinrch Kleist aus dem 17. Jahrhundert in die heutige Zeit. Ein Parforceritt.

„Rachel und ich“ dagegen: Auf kleiner Bühne, ganz schlicht gehalten, nicht extrem, mehr eine Erzählung als eine Produktion. Sie hat mir zu wenig Gedanken über das Entstehen und die Entwicklung der offenbar schnell entstandenen Freundschaft zwischen Lulu und Rachel erlaubt und ich fand zum Thema der fürchterlichen jüdischen Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs keine besondere Herangehensweise. Doch: Der Vergangenheit nachspüren – Schuldgefühle – Vorwürfe – Zerwürfnis – Verzeihen, das war die Entwicklung. Treffend sicher, aber eben nicht sehr speziell.

Lulu und Rachel sind ja aus der Generation, die allenfalls noch mit den Großeltern oder Eltern über den zweiten Weltkrieg sprechen kann oder konnte. Daher das große Thema, das immer bleibt: Das Nachwirken von Geschichte in späteren Generationen! Wichtig und interessant, dennoch wundere ich mich doch ein wenig über den Publikumspreis 2025 und frage mich: Wie wird eigentlich die Publikumsbewertung gewichtet, wenn Produktionen auf der sehr kleinen Bühne 3 des Volkstheaters gezeigt werden, während andere Produktionen vor der vielleicht acht- oder zehnfachen Menge des Publikums gezeigt werden?

Nun gut, ich gehe davon aus, dass beide Produktionen noch zu sehen sind, jeder kann sich sein eigenes Bild machen. Ich vermute, dass die mit den Publikumspreis ausgezeichnete Produktion „Rachel und ich“ etwa irgendwann noch einmal im Münchner Theater HochX zu sehen ist. Zuletzt war sie dort im Januar zu sehen. Und „Kohlhaas …“ in Osnabrück etwa?

Hier noch Eindrücke:

„Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“:

Publikumsgespräche offiziell und privat:

Copyrights der Bilder: Beitragsbild: Julian Baumann Bild 1: Uwe Lewandowski Bild 2 und 3: Gabriela Neeb

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THEATER: Kyung-Sung Lee – 77 Versuche, die Welt zu verstehen

Es wird kein „Stück gespielt!“ Es werden Überlegungen präsentiert. Das macht es interessant. Ich habe nicht mitgezählt, aber es werden 77 verschiedene Überlegungen sein, wie der Titel sagt. Allerdings selbst formulierte Überlegungen zum Verhältnis „Die Welt – das Theater“. Hinter allem steht eben Bertolt Brecht, der auch als fremde Stimme („Bot“) und teils in Person von Thomas Hauser zu hören/sehen ist. Es geht um die Sicht auf die Welt speziell aus der Sicht des Theaters.

Eines möchte ich gleich hervorheben: Thomas Hauser, einer der vier Ensemblemitglieder des Stückes, hält gegen Ende einen Monolog, blickt von der dunklen Bühne, am hinteren Rand in der Ecke stehend, auf eine offene Tür, durch die wiederum grelles Licht scheint. Er blickt vom Theater hinaus in die grelle Welt. Dieser – leider sogar zu kurze – Monolog wird von ihm großartig gehalten! Für mich ein Erlebnis, der Kern des Abends, ein Erlebnis, das allein den Besuch wert ist!

Es ist ohnehin eine überzeugende Leistung der vier – insgesamt eher sympathisch auftretenden – Ensemblemitglieder an diesem nicht sehr langen Abend im Marstalltheater, speziell aber von Thomas Hauser. Thomas Hauser hat derzeit noch recht wenig Rollen am Residenztheater, es werden hoffentlich bald mehr! Seine hier oft ratlose, sich vielleicht gewollt „unwohl“ fühlende, eher zweifelnde und im Monolog geradezu verzweifelnde und verzweifelte Art, die Überlegungen zu präsentieren, sticht hervor! Motto: Die Welt ist so anders als das Theater! Melancholie schwingt bei vielen der Überlegungen durchaus mit, kommt gut zum Ausdruck! Die Melancholie lässt aber auch der Hoffnung Platz! Es ist kein negativer Abend. Und passend ist, dass der Abend in keiner Weise überladen wird.

Was macht das Theater mit der Welt? Die Welt ändert sich doch ständig, wird immer unberechenbarer. Ohnehin, die Gegenwart vergeht, Künftiges können wir nicht vorhersehen, nicht lenken! Wird Theater da irgendwie gebraucht? Werden die richtigen Menschen angesprochen? Tragen sich die Überlegungen des Theaters „draußen“ in der Welt herum? Und so weiter. Es sind große Fragen des Theaters, und es sind viele Überlegungen! Viele, die aber allesamt eher spielerisch und fein dargeboten werden, ohne zu schwer zu wirken. Siehe das Beitragsbild. Es werden an den Abenden wohl verschiedene Dinge auf den Boden geschrieben. Es hieß etwa: „Ich habe mehr Gefühl als eine Teesorte!“ … Die Teesorte als unsere Werbewelt …

An dieser Stelle sei aus dem Programmheft zitiert:

Kyung-Sung Lee arbeitet vorwiegend im Stil des «devised theatre» – der Theatertext entsteht im künstlerischen Kollektiv. Er bemüht sich, Schauspie- lerinnen und künstlerisches Team kennenzulernen und sich sowohl ihren gemeinsamen als auch ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten anzunähern. Dabei versteht er Theater als einen Raum, der uns lehrt, dass wir im Leben nicht alles wissen können, und dass das Besondere oft in den kleinen Dingen und Momenten liegt. «77 Versuche, die Welt zu verstehen» ist das Ergebnis eines mehrwöchigen Dialogs zwischen südkoreanischen und deutschen Theatermacherinnen, die über ihre Realität, die Gesellschaft, die Welt und Bertolt Brechts Versuch, das Theater in seiner Zeit der Unsicherheit neu zu begreifen, diskutiert haben. Ausgehend von diesen Eindrücken hat Lee gemeinsam mit dem ebenfalls koreanischen Autor Hong-Do Lee eine Szenencollage entwickelt, in denen die Bühne zum (Schutz-)Raum für Versuche wird, die Welt im Theater zu reflektieren. In der Spielzeit 2024/25 verbringt Hong-Do Lee im Rahmen von WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik eine mehrmonatige Schreibresidenz in München.

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zum Text „Kleines Organon für dasTheater“ von Bertolt Brecht.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Katzelmacher – nach Rainer Werner Fassbinder

  • Zu Beginn sitzt man vor der mit einer Stoffplane komplett verhangenen Bühne, man erkennt schon, dass nur ein kleinerer Ausschnitt davon das Bühnenbild sein wird. Videoprojektionen bespielen später die hellgraue Stoffplane insgesamt, fast immer wieder gleich. Zehnmal öffnet sich die kleinere Ausschnittsfläche, zeigt „unsere Welt“, schließt sich später wieder. Die kleinere Ausschnittsfläche könnte – so die immer wiederkehrende Videobespielung – ein schweres Eisentor sein, eine Trennwand, die sich hebt und senkt. Das Drumherum wird immer wieder bildlich von schwarzen Flüssigkeiten überschwemmt. Siehe das Beitragsbild oben. Soviel zum Thema „Einwanderung“ … man ist sofort im Thema.
  • Es beginnt dann mit der heilen Welt der Katzen. Man besucht ja das Stück „Katzelmacher“ nach Rainer Werner Fassbinder. Uraufgeführt 1968, ein wortarmes Stück, als Fernsehfilm fast statisch mit einer Kamera gefilmt, schwarz/weiß, über das Niederbayerische und einen der damaligen Arbeitsmigranten, damals waren es Griechen, Türken, Italiener …, das Entstehen von Hass. Heute – man rutscht ja sofort in die heutige Zeit – sind diese wiederum kaum mehr Thema, mit „Migranten“ meint man heute Syrer, Afghanen, Afrikaner … Eine erste Verwirrung! Sind das nicht sehr unterschiedliche Themen, völlig andere Zeiten? Nein, es passt im Grunde so, weil „Katzelmacher“ von Regisseur Emre Akal auf eine „abstraktere“ Ebene gehoben wird. Er zeichnet im Grunde ein zeitloseres Gemälde. Prägnanter allerdings, fast brutaler, zugespitzter als das Fassbinder-Original. Der Text allerdings ist weitgehend – trotz Kürzungen – der Text von Fassbinders „Katzelmacher“, die andere Welt von 1968. Puh! Das Abstrakte dieser sehr besonderen, großartigen Inszenierung, dieses „Gemäldes“, an das man sich dann aber gerade gewöhnt hat, verschwindet dann doch wieder, wenn man die überdeutlichen konkreten Anspielungen an unsere heile Welt in Deutschland und die Kriege „draußen“ im Hintergrund eingespielt sieht, wenn man sieht, wie wir trotz der Ferne dieser Kriege in unserer heilen Welt erschrecken, total erschrecken. Also alles abstrakter, aber dann doch auch wieder konkret. Unsere Träume nkpokale fallen vom Tisch! Puh!
  • Emre Kazal greift mit dem Stück völlig zurecht natürlich in den aktuellen politischen Diskurs über Migranten ein, will aber natürlich dabei nicht alle Aspekte „politisch“ berücksichtigen. Das Stück zeigt, wie Hass automatisch entsteht! Er soll wieder weg, der Ausländer! Eine weit verbreitete Haltung! Was (mich) daran weiter verwirrte: Man denkt ja schnell umfassend politisch, denkt an verschiedenste Aspekte, wird aber fast bedrängt von dem – unschönen – Blick darauf, wie schnell eben Hass gegen das undefiniert „Fremde“ entsteht. Es bleibt also bei Emre Kazal einseitig – man muss das „politische Denken“ ausschalten, aber mit guten Gründen! Wir sind ja nicht in einem Seminar! Emre Kazal (auf Basis von Rainer Werner Fassbinder) will mit Fassbinders Milieufilm aus den Sechzigern auf den Wahnsinn hinweisen, den wir heute immer noch haben, der doch sogar noch schlimmer geworden ist und der eben hinter der gesamten politischen Diskussion liegt. Die schnell entstehende Einstellung gegen „Fremde“. Das „Gemälde“ „Katzelmacher“ als Mahnung! So auch am Ende der „Epilog“ von Emre Kazal!
  • Dass die Inszenierung trotz der inhaltlich also manchmal entstehenden Verwirrung großartig ist, liegt am Regisseur Emre Akal und dem Künstler-Duo Mehmet & Kazim, die sie gestaltet haben. Sie entwerfen in dieser Inszenierung (nicht nur in dieser) eine assoziative künstliche Welt, das „Gemälde“, in der analoge und digitale Mittel zu einer eigenen Illusion verschwimmen. So wird es mehr ein „künstlerisches Gesamtwerk“ als eine „Inszenierung“. Siehe auch die Bilder unten. Sehr eigen, sehr beeindruckend, sehr prägnant, frech fast, so sieht man es selten. Die zehn Szenen, die man sieht, sind sehr verschieden gestaltet, man erkennt aber den „Faden“ der Erzählung von „Katzelmacher“. „Katzelmacher nach Rainer Werner Fassbinder“.
  • Dass die Inszenierung so gelungen ist, liegt auch an den SchauspielerInnen, ich würde sagen, allen voran sehr überzeugend und prägnant Stefan Merki, aber sie spielen das „Gemälde“ letztlich alle klasse! Edmund Telgenkämper, der zurzeit ja an einer ganzen Reihe der Inszenierung mitwirkt, und auch Annika Neugart vor allem mit ihrer kleinen Gesangseinlage möchte ich noch nennen. Es liegt des Weiteren auch an der Kostümierung und der Mischung der digitalen und der realen Welt.

Fazit: Wenn man mitverfolgt, dass derzeit leider bundesweit Kulturetats zu erheblichen Kürzungen führen, kann man nur dankbar sein, wenn Inszenierungen wie diese entstehen. Daher: Hingehen und den Kammerspielen die Bude einrennen (im positiven Sinne)!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Spielfilm Katzelmacher:

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Gabriela Neeb

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THEATER: Samuel Beckett – Warten auf Godot

Samuel Beckett konnte die Frage, wer denn Godot sei, selber nicht beantworten, sagte er, sonst hätte er das Stück „nicht geschrieben“. So kann man nur rätseln, auf wen oder was hier gewartet wird und was man in diesem Stück überhaupt sieht, das gilt auch für diese Inszenierung. Einen Handlungsstrang gibt es nicht im Geringsten, man erlebt – absolut wortgetreu dem Text folgend – nur Absurdes, braucht Fantasie und Interpretationsfreude. Für die Vorstellung am Residenztheater kann sich beispielsweise jeder für sich etwa folgende Interpretationen „mitnehmen“:

  • Die historische Deutung: Samuel Beckett hat Warten auf Godot kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Bezüge zum millionenfachen Schicksal der Juden sind auch kurz in der Inszenierung von Claudia Bauer (auf der Videowand im Hintergrund) zu finden. Die historische Frage: Wie kann man mit diesen Tatsachen, mit diesen gigantischen Verbrechen, dieser Schuld, umgehen für das weitere Leben? Estragon etwa vergisst einfach … spricht mehrfach vom Selbstmord …
  • Es gibt eine Yin-Yang-These: Wladimir ist ein Idealist, sein Freund Estragon hat dagegen eher resigniert und ist – wie gesagt – vergesslich. Beide stellen somit die Gegenpole Geist und Körper dar oder, mit den Begriffen aus der chinesischen Philosophie, die Prinzipien Yin und Yang.
  • Eine sozialistische These dagegen besagt, dass „Warten auf Godot“ ein Drama über Armut, Hunger, Elend und Sklaverei, über das Verhältnis von Herr und Sklave ist. Schließlich treten ja (als im Grunde einzige weitere Personen) Pozzo und sein Sklave Lucky im Stück auf. Hiermit würde aber doch m. E. zu einseitig auf die beiden Personen Pozzo und Lucky abgestellt, obwohl diese in beiden Hälften des Stückes auftreten.
  • Eine andere, die existenzialistische These, drängt sich vielleicht am ehesten auf: Nicht das Warten auf Godot, eine bestimmte Person, ist das Thema des Stücks, sondern das Warten an sich, das Leben ein Wartezustand. Warten auf etwas, ohne wissen zu können, auf was wir warten. Das absurde Theater, das sinnlose Sich-Ablenken, wie es Wladimir und Estragon ja immer wieder – mit meist nicht einmal vorhandenen Dingen – tun, deren Ratlosigkeit.
  • Eine christliche These wiederum sagt schlicht, Warten auf Godot sei mit der Suche nach Gott gleichzusetzen. Wer auf Godot wartet, stellt die Glaubensfrage.
  • Oder eine zivilisationskritische Interpretation: Die Einschätzung der modernen westlichen Zivilisation, dass alles einen Sinn und einen Zweck haben muss, wird auf den Kopf gestellt.
  • Auch eine nihilistische These gibt es: Beckett zeige die Welt nach der Atombombe. Im Programmheft heißt es etwa: „Die Welt – eine tote Hose im leeren Zirkus des Universums …“
  • Oder auch eine sprachkritische Betrachtung, die zur Interpretation führt, Sprache verselbstständige sich. Es findet keine Kommunikation statt. Die Figuren wollen nichts mitteilen oder ausdrücken.

Es ist schwer, ja es war immer schon unlösbar, dem Stück selbst eine bestimmte besonders treffende Interpretation zuzuschreiben, was an der Inhaltlosigkeit, an den nicht gerade leichten „Konversationen“, Äußerungen und Handlungen der Beteiligten liegt. Auch Claudia Bauer versucht nun natürlich mit ihrer Inszenierung – im engen Rahmen, den Samuel Becketts testamentarische Vorgaben für Aufführungen dieses Stückes machen – in gewisser Weise eine mögliche Interpretation. Prägend ist bei ihr die Zirkusmusik, die fast durchgehend den Abend im Hintergrund mal lauter, mal leiser begleitet. Das Spiel. Prägend ist bei ihr damit nicht das Tragische, sondern eher das Spielerische, das Zeitvertreiben der beiden wartenden Landstreicher. Auch diese Interpretation macht es nicht einfach, dem Stück etwas zu entnehmen. Man muss viel darüber nachdenken. Warum das Clowneske?

Das Bühnenbild ist dabei völlig zeit- und orientierungslos gehalten – wie das „Geschehen“. Das unterstreicht das Theoriehafte des Stückes, das absolut Absurde. Aber hierzu gilt: „Geschmeidigkeit geht anders!“ Die „Spielfläche“ ist eine große eckige, schräg abfallende Plattform, eine „unschöne“ Bühne auf der Bühne. Alle Beteiligten fallen auch mindestens einmal von dieser „Bühne auf der Bühne“, wollen aber wieder zurück, sie ist ja ihre „Welt“. Unter der „Bühne auf der Bühne“ kommt oft das Gewirr der tragenden Metallstangen zum Vorschein. Das ist theaterhaft – wie auch zu Beginn und am Ende Wladimir und Estragon vor dem Schminkspiegel – aber auch nicht gerade schön. Über der „Bühne auf der Bühne“ befinden sich – auch das alles andere als „schön“ – Reihen von Neonröhren, parallel ausgerichtet, auch sie hängen insgesamt schräg. Mehr gibt es natürlich nicht (der Baum natürlich noch, und die riesige Videowand hinten manchmal). Aber „Schönheit“ spielt natürlich überhaupt keine Rolle bei „Warten auf Godot“.

Claudia Bauer mag sich bei alledem über die engen Vorgaben von Samuel Beckett „geärgert“ haben, denn diese Vorgaben werden immer wieder auf der riesigen Leinwand im Hintergrund von Samuel Beckett persönlich (mit verfremdeter Stimme und verfremdetem Mund) eingespielt, fast hilflos folgen die beiden Landstreicher diesen Anweisungen, rennen auf der Bühne (wieder eher clownesk) hin und her, schaffen es kaum.

Ein Fazit: Claudia Bauer drängt im Grunde bei aller unschönen „Schrägheit“, auf die man blickt und die man erlebt, mit verschiedenen Elementen hauptsächlich wohl zu einer „lustigen“ Interpretation: Das clowneske Verhalten von Estragon und Wladimir, deren Kleidung, das Zirkushafte immer wieder, die Musik. All das führt dann aber dazu, dass die „schwereren“, die tragischen, philosophischen Aspekte dieses so unverständlichen Stückes etwas in den Hintergrund treten. Sie finden zwar auch irgendwie ohne besondere Betonung alle ihren Platz, das aber verwirrt dann vor der „Zirkuswelt“ eher (was aber auch am Stück selbst liegt). Im Ergebnis verlässt man damit aber das Theater doch recht ratlos. Man muss eben darüber nachdenken, reden.

HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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Sonstiges

SONSTIGES: Michel Friedman – Gespräche

Ich habe nun erst zum ersten Mal einem der Gesprächsabende von Michel Friedman an den Münchner Kammerspielen beigewohnt! Es war das Gespräch mit dem Makrosoziologen Heinz Bude, der von 2000 bis 2023 eine Professur für Makrosoziologie an der Universität Kassel innehatte.

Michel Friedman ist ja äußerst gesprächsfreudig, kritisch, scharfsinnig, sehr klug und thematisch immer im Dienste der Allgemeinheit. Er fordert seine Gesprächspartner! Ganz grundsätzlich gilt ja: Wir müssen reden! Wir müssen Gesprächskultur üben! Wir müssen uns mehr denn je auseinandersetzen mit den Themen! Nicht nur rein politisch, auch philosophisch. Dazu trägt Michel Friedman extrem bei, nicht nur derzeit an den Münchner Kammerspielen, er hatte auch eine Gesprächsreihe am Berliner Ensemble, auch an der Frankfurter Oper, er hat Runden immer wieder an anderen Orten und und und.

Ich möchte hier nicht den Inhalt des Gespräches mit Heinz Bude wiedergeben. Es war sehr vielfältig, kontrovers, lässt sich nicht kurz zusammenfassen. Es ging philosophisch zu, anfangs fast schon zu philosophisch, bis hin zu Camus, es wurde politisch und es wurde auch rein menschlich/persönlich. Wobei die große Prämisse von Michel Friedman immer ist: Nicht persönliche Eindrücke mit der sachlichen Argumentation vermischen! Nur sachlich diskutieren, das ist für Michel Friedman Diskussion! Natürlich, er pflegt die langen Sätze, die nicht immer ganz leicht zu verstehen sind, aber es wird diskutiert am Thema.

Ich kann es jedenfalls empfehlen, sich die Gespräche des intelligenten Michel Friedman an den Münchner Kammerspielen (oder wo auch immer) anzuhören. An den Münchner Kammerspielen wird er in dieser Spielzeit in den nächsten Monaten weiterhin jeweils ein Gespräch führen. HIER der Link zu den Terminen.

Meine Überlegung: Schön wäre es, wenn man diese Gespräche auch online nachhören könnte. Auf der Website von Michel Friedman (HIER) konnte man seine Gespräche am Berliner Ensemble hören (mir gelingt es allerdings nicht mehr, die Gespräche aufzurufen), als Anregung.

Und es wäre schön, wenn man nicht nur das „gepflegte Publikum“ erreichen könnte, wo ist die Jugend, die es erleben muss, wie diskutiert werden kann, wo sind die Mitbürger, die täglich Probleme haben? Aber gut, man kann nicht alles haben!

Es verbleibt jedenfalls hoher Respekt für Michel Friedman!

Die nächsten Gespräche an den Münchner Kammerspielen:

Mit Natalie Amiri über das Thema „Macht“ 29.04.2025 , 20.00 Uhr

Mit Alena Buyx über das Thema „Vertrauen“ 21.05.2025 , 20.00 Uhr

Mit Ronen Steinke über das Thema „Gerechtigkeit“ 06.06.2025 , 20.00 Uhr

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THEATER: Leon Engler – Wasserstoffbrennen

Und da sitze ich im kleinen Zentraltheater in München, in Deutschland, in Europa, auf einem Kontinent der Erdkugel, irgendwo im Weltall, abends, die Sonne ist „untergegangen“, beziehungsweise die Erde, unser Planet, hat sich gedreht. Erste Reihe, kleiner Raum, kleine Bühne, Holzklappstühle, vielleicht sind es 10 Stuhlreihen á 12 Plätze? Die Bühne: Etwa 15 m x 8 m Fläche. Der schwarze Bühnenboden ist etwas erhöht, er steht auf etwa 30 cm hohen Stahlträgern, Teile des Bühnenbodens fehlen, es sind zwei Ebenen, die Wand im Hintergrund ist bespannt mit einem dunklen Tuch mit Sternen-ähnlichen silbernen Punkten. Da sitze ich. Es soll um Liebe gehen. Der Abend beginnt, es ist dunkel, man erahnt zwei Personen auf dem Bühnenboden stehend. Michaela Weingartner und Franz-Xaver Zeller. Beide haben vor Jahren eine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Zerboni gemacht, etwa 2014 – 2016. Die Schauspielschule Zerboni und das Zentraltheater teilen sich die Räumlichkeiten in der Paul-Heyse-Straße 28. Ich mag das kleine Theater. Man ist mitten drin. „Wasserstoffbrennen“ von Leon Engler hatte hier im Mai 2017 Premiere, jetzt die Wiederaufnahme mit derselben Besetzung! Michaela Weingartner sagte mir nach der Vorführung: Durch das eigene Älterwerden versteht man den Text wieder anders/besser! Auch heute Abend, am Mittwoch, 12. März, läuft es, es ist aber wohl ausverkauft. Michaela Weingartner ist mittlerweile vor allem als Kommissarin in den „Rosenheim Cops“ zu sehen, Franz-Xaver Zeller ist derzeit schauspielerisch in London tätig.

Als Nächstes soll am Zentraltheater Benjamin Stuckrad-Barre’s „Noch wach?“ kommen.

Es geht bei „Wasserstoffbrennen“ um die lebenslange Liebe (war es Liebe?) von Nico und Mascha, erzählt in 17 Teilen, alles nicht leicht verständlich irgendwie. Es ist ja angelegt auf diese Mischung von ganz nüchternen Schilderungen physikalischer, astrologischer Gegebenheiten mit Schilderungen aus dem Leben von Nico und Mascha. Also die Frage: „Was soll das alles?“ Es mag unzählig viele Universen geben, heißt es etwa. Was soll alles?

Ich habe den Text danach gelesen und muss sagen: Auf der Bühne ist mir der Ausdruck dieser Wahnsinnsfrage „Was soll das alles“ etwas zu schnell vorbeigesaust. Schade, es war gut gespielt/erzählt, aber teils sehr schnell. Vor allem doch durchgehend in diesem Tempo. Vor allem bei Franz-Xaver Zeller dachte ich das ein oder andere Mal: „Nicht so schnell bitte, ich komme durcheinander.“ Aber man kann nicht alles haben!

Es endet mit der Feststellung: „Die Asche wird im Erdreich verteilt. Und dreißigtausend Jahre später stößt ein winziger Partikel von Nico auf einen winzigen Partikel von Mascha.“ Hm, möglich, aber ernüchternd. Aber was sind schon dreißigtausend Jahre, wir wissen es nicht. Jedenfalls gab es Gott sei Dank nach der Vorstellung noch ein kaltes Buffet des Theaters und ein geselliges Beisammensein. Das war hier auf der Erde! Was wir so machen!

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THEATER: Klaus Mann – Mephisto

Es ist ja fast bestürzend: So, wie das „Singspiel“ am Münchner Nockherberg zur aktuellen politischen Lage kann man bis zur Pause des dreieinhalbstündigen Abends diesen „Mephisto“ sehen und verstehen. Bissig, aktuell und verschiedene Betroffene und deren unterschiedliche Verhaltensweisen zeigend. Man müsste am Text vor der Pause fast nichts ändern, man müsste die Aufführung nur mit aktuellen Personen (nicht nur mit Politikern) besetzen, vielleicht etwas kürzen, fertig, schon wäre man in der heutigen Zeit und einer ihrer großen Problemlagen, nicht nur in Deutschland!

Nach der Pause ändert sich die Ausgangslage: Hendrik Höfgen in Klaus Manns Roman „Mephisto“ ist dann gänzlich in die Maschinerie der Nazis integriert, er wechselt nach Berlin, hat nazikonforme Erfolge, rechtfertigt sich, sieht keinen anderen Weg, verliert Freunde, andere verhalten sich anders, sogar Adolf Hitler tritt auf und und und. Das ist dann nicht mehr „aktuelles Singspiel“ – soweit sind wir noch nicht -, sondern dann ist es die Zeit des Romans „Mephisto“ von Klaus Mann, erschienen 1936.

Neben dieser erschreckenden verdeckten Aktualität der ersten Hälfte (Thema: Unser auch heutiges Verhalten im „Rechtsruck“) sticht hervor, dass es sich hier insgesamt um eine rundum gelungene Inszenierung handelt. Man sieht ja immer wieder gerne Inszenierungen, die schon durch besondere Elemente oder Personen hervorstechen. Besonders schön ist es aber dann, wenn man merkt: Hier stimmt einfach alles! Das war mein Eindruck.

Alle Einzelheiten betonen etwas: Die Schauspieler/innen, deren Zusammensetzung, das Bühnenbild, das Licht, der Text, die Verbindung zur heutigen Zeit etwa durch das Schlagzeugspiel live, Kleinigkeiten wie der mehrfache Einsatz des roten Bühnenvorhangs und Theateranweisungen aus dem Off …, etwas Humor, alles fließt zusammen und trägt zu einem gelungenen Gesamtbild bei.

Die Schauspieler/innen: Die Schauspieler (Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper, Bless Amada, Erwin Aljukic, Martin Weigel und Elias Krischke) spielen etwas auffälliger als die Schauspielerinnen (Linda Pöppel, Maren Solty und Johanna Eiworth). Das liegt sicherlich auch an den bedeutenderen, vielseitigeren Rollen dieser Personen im Roman. Daher: Immer wieder wunderbar anzusehen Thomas Schmauser, er muss allenfalls aufpassen, mein Eindruck, dass seine Rollen nicht zu ähnlich bleiben! Zuletzt ist er als Baumeister Sollnes und hier als Hendrik Höfgen gar nicht einmal so deutlich unterschiedlich! Wirklich hervorragend auch wieder Edmund Telgenkämper in drei völlig verschiedenen Rollen, ebenso Erwin Aljukic in sehr verschiedenen Rollen. Er spielt Adolf Hitler, Gottfried Benn und und. Sehr gut und auch das passt so gut, dass gerade er diese Rolle spielt! Und sehr gut und beeindruckend die Gastbesetzung Bless Amada vom Wiener Burgtheater (Beitragsbild oben),

Das Lichtdesign: Auch das ist durchaus auffallend an diesem Abend! Immer wieder durchqueren etwa breite helle Lichtsäulen den dunklen Zuschauerraum und fokussieren eine Person auf der Bühne. Ein Element, das verspielt zusätzlich an die Nazizeit denken lässt! Lichtsäulen!

Die Bühne wird geprägt von zwölf etwa zweieinhalb Meter hohen, etwa zwei Meter breiten mobilen, beleuchtbaren „Schachteln“, die durch viel Bewegung immer wieder in neue Position gebracht werden und Räume schaffen!

Der Text, also die Bühnenfassung von Emilia Henrich, Jette Steckel (Regisseurin) und Johanna Höhmann, legt es auf eine leichte Verbindung der damaligen Zeit mit der heutigen Zeit an. Etwa wenn von den unzufriedenen jungen Menschen in Niederbayern gesprochen wird.

Fazit: Meines Erachtens könnte die Inszenierung durchaus (durch die Aktualität, durch das Zusammenwirken aller Elemente) bei der Auswahl zum Theatertreffen 2025/2026 eine Rolle spielen! Schade ist nur: Dieses Stück müssten diejenigen sehen, die hinsichtlich des Rechtsruckes (wir wissen ja nicht, was uns noch bevorsteht) sensibilisiert werden müssen! Ich vermute, dass die Zuschauer der Kammerspiele insoweit nicht sensibilisiert werden müssen, sie werden es schon sein. Das Stück müsste etwa für Schulen gezeigt werden. Oder warum nicht einmal im Fernsehen frei für „jedermann“? Oder als Streamingangebot! Sind wir dazu nicht verpflichtet? Die Kammerspiele, Theater der Stadt!

Das traditionelle Nockherberg-Singspiel 2025 ist übrigens heute Abend, am Mittwoch, 12. März, im Fernsehen zu sehen, der „Mephisto“ von Klaus Mann ist noch öfter an den Münchner Kammerspiele zu sehen! Die nächste Aufführung an den Kammerspielen ist am 18. März.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic