In der vergangenen Woche war Premiere von „Sauhund“ an den Münchner Kammerspielen, basierend auf Lion Christs gleichnamigem Debut-Roman, der 2023 erschien. Es geht um München in den 80er Jahren, das damals besonders schillernde Szenenleben Münchens, Homosexualität und AIDS in dieser Zeit.
Es ist wieder eine Empfehlung! Feinfühlig schildert der Roman mit einer „einfachen“ Story, wie der in Wolfratshausen lebende homosexuelle junge Flori damals nach München wechselte, die Freiheit suchte, sein Leben suchte. Er „geriet“ – oder besser: „wollte“ – in die Homosexuellenszene, die damals in München so blühte. Er ging aber zunächst in der Großstadt unter und es wurde auch für ihn eine Konfrontation mit AIDS, ein Thema, dem sich die Stadt München und das Land Bayern damals besonders radikal „entgegenstellten“. „Sauhund“ ist aber kein politischer Roman, es ist keine politische Inszenierung. Der „kleine“ Werdegang von Flori aus Wolfratshausen wird geschildert, aber genau daran kann man viel erkennen.
Denn es geht nicht nur um AIDS in den achtziger Jahren! Es geht eben in dieser schönen Geschichte wie gesagt auch darum, wie der junge Homosexuelle aus Wolfratshausen, der Flori, sein Leben sucht, sich selbst sucht. Diese „Lebenssuche“ bleibt vielleicht, auch wenn sich das Thema AIDS im Laufe der Jahre entschärft haben mag, besonders für Homosexuelle ein besonderes Thema! Dafür schafft „Sauhund“ ein Bewusstsein auch für heute, das schaffen die drei SchauspielerInnen wirklich wunderbar.
Es ist eine ruhige Inszenierung, nichts Aufbrausendes, mit schönem Lokalkolorit in den Dialogen vor allem, in den Alltagssituationen und mit Floris mitschwingendem Bezug zu seiner Herkunft, seiner Mutter, der Freundin Theresa, seinem ersten Freund Gregor, auch wenn er sich ja von ihnen durch seinen Wechsel nach München und durch sein Leben in München distanziert. Man kann Flori in seiner verwirrenden Lage emotional gut folgen!
Passend zu Ruhe der Bühnenfassung werden alle im Roman erscheinenden Figuren von nur drei SchauspielerInnen dargestellt, nicht mehr: Von Annette Paulmann, Elias Krischke und Edmund Telgenkemper. Es ist ein Genuss, dieses Trio so zusammen zu sehen, ein großartiges Trio! Die Erfahrenen, Annette Paulmann – in ihr so gut passenden Paraderollen – und Edmund Telgenkemper – wandelungsfähig wie immer – geben den auftreten Personen ganz erstaunlich sofort ihre Farbe, ihren Charakter – sie müssen fast nur auf der Bühne erscheinen, müssen garnichts sagen. Der Neuere im Ensemble, Elias Krischke als Flori, braucht und hat dagegen mehr Zeit, seinen Flori zu entwickeln, was eben am Roman liegt. Auch das macht er aber großartig!
Es passt auch schon die Kostümierung: Nicht übertrieben, eher dezent an die damalige Zeit erinnernd (Kostüme: Jaqueline Elaine Koch), Alltagskleidung der 80er-Jahre.
Das Politische in dieser Zeit in Bayern und München, der krasse Umgang mit AIDS, kommt zur Geltung, bleibt aber – wiederum passend – klar im Hintergrund. Auf Videoleinwänden sind im Hintergrund Fotos und Videos zu sehen, die das Thema berühren. Gauweiler und Seehofer sind nicht zu sehen, dafür Münchner Demonstrationen. Man hat es vielleicht vergessen oder in der damaligen Gegenwart garnicht genau beachtet, wie das Thema AIDS hier anfangs behandelt wurde. „Wegsperren“ …! Dies hier noch einmal im Hintergrund angedeutet zu sehen und am Flori „hautnah“ das Thema (ohne konkrete Konfrontation mit dem Politischen) zu erleben, ist ein Verdienst des Stückes auch für den heutigen Umgang mit AIDS. Wir erkennen eben die Gegenwart immer erst im Nachhinein.
Insgesamt und vor allem: Schauspielerisch ist „Sauhund“ eine wahre Freude!
Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic
HIER der Link zur Stückeseite von „Sauhund“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.