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THEATER: Katzelmacher – nach Rainer Werner Fassbinder

  • Zu Beginn sitzt man vor der mit einer Stoffplane komplett verhangenen Bühne, man erkennt schon, dass nur ein kleinerer Ausschnitt davon das Bühnenbild sein wird. Videoprojektionen bespielen später die hellgraue Stoffplane insgesamt, fast immer wieder gleich. Zehnmal öffnet sich die kleinere Ausschnittsfläche, zeigt „unsere Welt“, schließt sich später wieder. Die kleinere Ausschnittsfläche könnte – so die immer wiederkehrende Videobespielung – ein schweres Eisentor sein, eine Trennwand, die sich hebt und senkt. Das Drumherum wird immer wieder bildlich von schwarzen Flüssigkeiten überschwemmt. Siehe das Beitragsbild oben. Soviel zum Thema „Einwanderung“ … man ist sofort im Thema.
  • Es beginnt dann mit der heilen Welt der Katzen. Man besucht ja das Stück „Katzelmacher“ nach Rainer Werner Fassbinder. Uraufgeführt 1968, ein wortarmes Stück, als Fernsehfilm fast statisch mit einer Kamera gefilmt, schwarz/weiß, über das Niederbayerische und einen der damaligen Arbeitsmigranten, damals waren es Griechen, Türken, Italiener …, das Entstehen von Hass. Heute – man rutscht ja sofort in die heutige Zeit – sind diese wiederum kaum mehr Thema, mit „Migranten“ meint man heute Syrer, Afghanen, Afrikaner … Eine erste Verwirrung! Sind das nicht sehr unterschiedliche Themen, völlig andere Zeiten? Nein, es passt im Grunde so, weil „Katzelmacher“ von Regisseur Emre Akal auf eine „abstraktere“ Ebene gehoben wird. Er zeichnet im Grunde ein zeitloseres Gemälde. Prägnanter allerdings, fast brutaler, zugespitzter als das Fassbinder-Original. Der Text allerdings ist weitgehend – trotz Kürzungen – der Text von Fassbinders „Katzelmacher“, die andere Welt von 1968. Puh! Das Abstrakte dieser sehr besonderen, großartigen Inszenierung, dieses „Gemäldes“, an das man sich dann aber gerade gewöhnt hat, verschwindet dann doch wieder, wenn man die überdeutlichen konkreten Anspielungen an unsere heile Welt in Deutschland und die Kriege „draußen“ im Hintergrund eingespielt sieht, wenn man sieht, wie wir trotz der Ferne dieser Kriege in unserer heilen Welt erschrecken, total erschrecken. Also alles abstrakter, aber dann doch auch wieder konkret. Unsere Träume nkpokale fallen vom Tisch! Puh!
  • Emre Kazal greift mit dem Stück völlig zurecht natürlich in den aktuellen politischen Diskurs über Migranten ein, will aber natürlich dabei nicht alle Aspekte „politisch“ berücksichtigen. Das Stück zeigt, wie Hass automatisch entsteht! Er soll wieder weg, der Ausländer! Eine weit verbreitete Haltung! Was (mich) daran weiter verwirrte: Man denkt ja schnell umfassend politisch, denkt an verschiedenste Aspekte, wird aber fast bedrängt von dem – unschönen – Blick darauf, wie schnell eben Hass gegen das undefiniert „Fremde“ entsteht. Es bleibt also bei Emre Kazal einseitig – man muss das „politische Denken“ ausschalten, aber mit guten Gründen! Wir sind ja nicht in einem Seminar! Emre Kazal (auf Basis von Rainer Werner Fassbinder) will mit Fassbinders Milieufilm aus den Sechzigern auf den Wahnsinn hinweisen, den wir heute immer noch haben, der doch sogar noch schlimmer geworden ist und der eben hinter der gesamten politischen Diskussion liegt. Die schnell entstehende Einstellung gegen „Fremde“. Das „Gemälde“ „Katzelmacher“ als Mahnung! So auch am Ende der „Epilog“ von Emre Kazal!
  • Dass die Inszenierung trotz der inhaltlich also manchmal entstehenden Verwirrung großartig ist, liegt am Regisseur Emre Akal und dem Künstler-Duo Mehmet & Kazim, die sie gestaltet haben. Sie entwerfen in dieser Inszenierung (nicht nur in dieser) eine assoziative künstliche Welt, das „Gemälde“, in der analoge und digitale Mittel zu einer eigenen Illusion verschwimmen. So wird es mehr ein „künstlerisches Gesamtwerk“ als eine „Inszenierung“. Siehe auch die Bilder unten. Sehr eigen, sehr beeindruckend, sehr prägnant, frech fast, so sieht man es selten. Die zehn Szenen, die man sieht, sind sehr verschieden gestaltet, man erkennt aber den „Faden“ der Erzählung von „Katzelmacher“. „Katzelmacher nach Rainer Werner Fassbinder“.
  • Dass die Inszenierung so gelungen ist, liegt auch an den SchauspielerInnen, ich würde sagen, allen voran sehr überzeugend und prägnant Stefan Merki, aber sie spielen das „Gemälde“ letztlich alle klasse! Edmund Telgenkämper, der zurzeit ja an einer ganzen Reihe der Inszenierung mitwirkt, und auch Annika Neugart vor allem mit ihrer kleinen Gesangseinlage möchte ich noch nennen. Es liegt des Weiteren auch an der Kostümierung und der Mischung der digitalen und der realen Welt.

Fazit: Wenn man mitverfolgt, dass derzeit leider bundesweit Kulturetats zu erheblichen Kürzungen führen, kann man nur dankbar sein, wenn Inszenierungen wie diese entstehen. Daher: Hingehen und den Kammerspielen die Bude einrennen (im positiven Sinne)!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Spielfilm Katzelmacher:

Hier noch zwei Fotos der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Gabriela Neeb