Heute etwas Schöngeistiges. Angesichts der Zeiten momentan hat man fast ein schlechtes Gewissen, so schöngeistig daherzukommen. Aber es wird sich im Blog wieder ändern. Ich habe z. B. schon einen alles andere als schöngeistigen Musiktippp für die nächste Woche in peto.
Also: In meiner Wohnung liegt ein Buch herum. Von Peter Sloterdijk, Titel Du musst Dein Leben ändern. Sloterdjik ist zurzeit heftig angegriffen. Ich weiß noch nicht genau, warum. Jedenfalls: Ich habe das Buch nie zu Ende gelesen, werde es jetzt wieder aufgreifen. Interessiert mich. Der Titel des Buches stammt vom bekanntesten Vers von Rainer Maria Rilke. Das Gedicht Archaischer Torso des Apollo. Er beschreibt die erstaunliche Strahlkraft des steinernen, kopflosen und gliederlosen Torso des Apollo. Es endet dann plötzlich mit dem Satz: Du musst Dein Leben ändern. An dieser Stelle völlig unverständlich und viele Kenner haben über diesen berühmten Satz nachgedacht und geschrieben. Hier das Gedicht („Sonett“):
Ganz grob gesagt: Es geht nicht um irgendeine Lebensweisheit (etwa: „Mach mehr Sport!“), sagt man.Es geht um Kunst. Was Kunst mit uns macht oder so. Wenn wir dazu bereit sind oder so. Das Leben ist einfach ständige Veränderung. Nicht nur ein „Zustand“. Sloterdijk schreibt wohl einiges dazu. Ich werde diesen Blogbeitrag ergänzen, wenn ich ihn verstehe.
Wer A sagt, kann auch oft B sagen: Hier wurde kürzlich das Buch Wäldchestag von Andreas Maier empfohlen. Er hat weitere schöne Erzählungen (Romane?) geschrieben. Ich empfehle noch Klausen, Kirillow und Sanssouci. Wer an etwas skurrilen Personen, an nicht zuviel wirrer Handlung, köstlichen Beschreibungen, recht einfacher Sprache und durchaus an Hintergrundgedanken zum Geschehen interessiert ist, dem kann all das gut gefallen:
Es geht grob gesagt um Folgendes: (Texte vom Suhrkamp-Verlag)
Kirillow:
Franz Kober und Julian Nagel sind mehr als Freunde, fast schon Wahlbrüder. Eingeschrieben an der Uni Frankfurt, studieren sie jedoch weniger ein bestimmtes Fachgebiet als vielmehr die prinzipielle Frage, wie falsches und wahres Leben voneinander zu unterscheiden sind. Unversehens verstrickt uns Andreas Maier mit Kirillow in das Beziehungs- und Redegeflecht der beiden jungen Männer und ihrer Clique, die ständig in Bewegung sind: auf der Suche nach Erleuchtung, einem Lebensziel, einem Partner, Anerkennung, mehr Alkohol und mehr Würstchen und einem Schlafplatz für den Rest der Nacht. Ebenso unterhaltend wie bestechend wirkt die Komik, mit der Maier den Ernst der Krankheit Jugend zum Gegenstand seines Erzählens macht.
Klausen:
»Klausen ist ein Tatort.« Was wirklich in diesem Südtiroler Ferienidyll für vor allem deutsche Touristen passiert ist, darüber gehen die Meinungen leidenschaftlich auseinander. Man erzählt von einem Überfall, gar einem gezielten Schuß aus dem Hinterhalt. Wer ist das Opfer, wer der Täter? Darüber gibt es zunächst nur abenteuerliche Spekulationen. Erste Verdächtigungen gehen naturgemäß in Richtung der Pakistani und der Albaner auf der Ploderburg, aber bald geraten Hintermänner in den Blick, deren Grundstücksspekulationen die Vorgänge halbwegs plausibel zu machen scheinen. Jedoch werden nicht der einschlägig vorbestrafte Laner und sein Kontrahent Zurner verhaftet, sondern Gasser und seineSaufkumpane. Was beginnt wie eine Provinzposse, wächst sich aus: Ist Klausen gar Umschlagplatz eines internationalen Drogenkartells? Wie sich Öffentlichkeit bildet, wie eine Verwirrung die nächste stiftet, bis alle Gewißheiten (oder was wir dafür halten) immer wahnhaftere Züge annehmen und schrill auf unser Handeln zurückwirken, das komponiert Andreas Maier zu einer bitterbösen Komödie über dieses vielleicht doch nicht so weltabgelegene Klausen.
Sanssouci:
„Wäldchestag“ in Potsdam: ein skrupelloses Zwillingspaar, ein orthodoxer Mönch, eine sadistische Vegetarierin und ihre Opfer, ein Fernsehredakteur und der Bürgermeister: Sie alle stolpern übereinander, fallen sich in den Arm oder gehen sich aus dem Weg nach dem Unfalltod des Regisseurs Max Hornung, der als Wessi Potsdam mit der Fernsehserie „Oststadt“ verewigt und in Empörung und Dankbarkeit gespalten hat. Tatsächlich hat die Stadt auch einen realen doppelten Boden: ein Gangsystem unter dem Schloßpark, in dem man sich zu Zeitvertreib, Quälereien und Okkultismus trifft.
Copyright des Beitragsbildes: Jürgen Bauer, Suhrkamp
Man kann ab und an über den Baufortschritt des Berliner Stadtschlosses lesen. Es soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2019 eröffnet werden. Frage: Was war es ehemals für ein Bau? Viel Geschichte! Eine Zusammenfassung:
Beginn 1442: Es wurde 1442 im Auftrag der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg auf der Spreeinsel in Alt-Cölln im heutigen Ortsteil Mitte erbaut. Als Residenz der Hohenzollern. Das Schloss bzw. sein ältester Flügel war schon da, als Brandenburg also noch Kurfürstentum (im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation) war. Die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches war 1806.
1640-1713: Die Stadterweiterungen der Kurfürsten (der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm I., 1640-88, und Friedrich III.) und des Königs (Friedrich I. in Preußen, 1688-1713), machten das Schloss zur Mitte der Stadt und des Landes. „Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss“, sagt Wolf-Jobst Siedler.
1702-1871: Das Schloss wurde 1702 zur königlich-preußischen und ab 1871 zur kaiserlichen Residenz im Deutschen Kaiserreich. Seit der Zeit der Weimarer Republik beherbergte es das Kunstgewerbemuseum Berlin und andere Institutionen, im Schlüterhof fanden Konzerte statt. 1950 beschloss die SED, das zum größten Teil ausgebrannte Gebäude vollständig zu beseitigen und den Marx-Engels-Platz anzulegen. Diese Vernichtung von Kulturgut wurde weltweit öffentlich kritisiert. Ab 1973 entstand auf dem Gelände des Schlosses der modernistische Palast der Republik, der wiederum zwischen 2006 und 2009 abgerissen wurde. Jetzt wird das Stadtschloss wieder aufgebaut.
Man kann sich dazu „rückwärts“ die Deutsche Geschichte vergegenwärtigen, als kleine Erinnerungshilfe:
1989: Fall der Mauer, Wiedervereinigung, 1950 – 1960: Nachkriegszeit, 1938 – 1942: II. Weltkrieg, 1918 – 1938: Weimarer Republik, 1914 – 1918: I. Weltkrieg
1871 – 1918: Deutsches Kaiserreich
Die Kaiser waren:
1871 – 1888 Kaiser Wilhelm I., Krönung zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles
1888 Kaiser Friedrich III.
1888 – 1918 Kaiser Wilhelm II.
Das ist nicht lange her! Mein Großvater war 1899 geboren.
1871 – 1890 war Otto von Bismarck der Reichskanzler
1870/1871: Deutsch-Französischer Krieg
1867 – 1871: Norddeutscher Bund. Die zunehmenden Spannungen zwischen den deutschen Führungsmächten Österreich und Preußen hatten sich im offenen Machtkampf entladen. Preußen siegte, so dass der Norddeutsche Bund unter preußischer Vorherrschaft gebildet wurde.
1815 – 1866: Deutscher Bund. Ein vom Kaisertum Österreich und dem Königreich Preußen dominierter Staatenbund mit 38 Staaten. Während der Revolution 1848–1849 bildete sich mit der Frankfurter Nationalversammlung das erste deutsche Parlament, das jedoch nur ein Jahr überdauerte. Der Deutsche Bund bestand bis 1866.
1814–1815: Der Wiener Kongress restaurierte weitgehend die alten monarchischen Herrschaftsverhältnisse zum Deutschen Bund, nach der Niederlage Napoleons 1815
Zeit vor Napoleon: Man liest in Wikipedia: Nach dem mit hohen Todesopfern und verbundenen Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der sowohl durch konfessionelle als auch durch habsburgisch-französische Gegensätze ausgelöst worden war, hatte der römisch-deutsche Kaiser infolge der Regelungen des Westfälischen Friedens und des ihm folgenden Jüngsten Reichsabschieds eine geschwächte, eher auf die Repräsentation des Reichs beschränkte Machtstellung. Die Reichsfürsten gingen dagegen gestärkt aus diesem Konflikt hervor, hatten sie mit dem Frieden sogar das Recht erhalten, mit auswärtigen Mächten Verträge abzuschließen. Das Reich wurde dadurch de facto zu einem Staatenbund, de jure blieb es bis zum Ende 1806 ein monarchisch geführtes und ständisch geprägtes Herrschaftsgebilde, in denen die einzelnen Reichsglieder jedoch weitgehend unabhängig agierten. Ab 1663 erörterten Kaiser und Reichsfürsten ihre politischen Angelegenheiten im Reichstag durch ihre Gesandten permanent.
Der politische Aufstieg Preußens im 18. Jahrhundert führte zum Konflikt mit dem Hause Habsburg. Im 17./18. Jahrhundert entwickelte sich nach französischem Vorbild der Absolutismus, der jedoch anders als dort nicht die königliche Zentralgewalt, sondern einzelne Fürstentümer zu bürokratisch organisierten, frühmodernen Staaten werden ließ. Manche Herrscher, insbesondere König Friedrich II. von Preußen, aber partiell auch seine kaiserlichen Rivalen Maria Theresia, Franz I. und Joseph II., öffneten sich dem philosophischen Zeitgeist. Dieser Zustand währte bis 1806, als Napoleon Mitteleuropa eroberte und das schwache Reichsgebilde zum Einsturz brachte. Der letzte Kaiser des nur noch formell bestehenden Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Franz II., der erst 1804 auch Kaiser des durch ihn gegründeten österreichischen Vielvölkerstaates geworden war, legte die Reichskrone nieder. Damit erlosch das Reich.
Das Foto zeigt den aktuellen Bauzustand. Die Fassade steht fast.
So läuft das zurzeit: Gestern abend … ich war „überraschenderweise“ in den Kammerspielen,Lange Nacht der neuen (deutschsprachigen) Dramatik (war gut, fünf Stücke wurden vom gesamten Ensemble gelesen und teilweise gespielt) … in der Pause habe ich dann ein Büchlein von Frank Wedekind gekauft, Frühlings Erwachen … weil ich demnächst wiederum (vielleicht) in den Kammerspielen das Stück 50 Grades of Shame ansehen möchte, das auf Wedekinds Frühlings Erwachen beruht … und im Text von Wedekind heißt es dann: „Ich glaube, das ist eine Charybdis, aus der sich jeder stürzt, der sich aus der Skylla …. emporgerungen … ich war früher am humanistischen Gymnasium … also fragte ich mich kurz: Was war das nochmal mit Skylla und Charybdis? … ich habe nachgelesen, man liest ja manchmal „Zwischen Skylla und Charybdis„: In Homers Odyssee haust das Ungeheuer Skylla auf dem größeren von zwei sich gegenüberstehenden Felsen der Meerenge und Charybdis unterhalb des kleineren Felsens, auf dem ein großer Feigenbaum steht. Sie (Charybdis) saugt dreimal am Tag das Meerwasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog geraten, sind verloren, nicht einmal der Meeresgott Poseidon vermag diese Schiffe zu retten. Auf den Rat von Kirke meidet Odysseus die Charybdis, gerät dabei aber unweigerlich so nahe an Skylla heran, dass sie sechs der Gefährten tötet und frisst. Auf der Rückfahrt von der Insel des Helios kommen die übrigen Gefährten wegen der verbotenen Tötung von Helios‘ Rindern bei einem Sturm ums Leben, sodass Odysseus auf dem zertrümmerten Schiff die Meerenge allein passieren muss. Als Charybdis das Schiff einsaugt, klammert er sich am Feigenbaum fest, bis es wieder ausgespien wird, und rudert auf den Trümmern mit den Händen davon.
Tja, so ist das Leben. Mal sehen, wohin mich Wedekind noch treibt in meiner Odyssee.
Etwas Zeitgeschichte: Die Zeitschrift VOGUE feiert 2016 ihr 100jähriges! Es gibt eine Ausstellung in der National Portrait Gallery in London, die ich leider nicht sehen kann. Sie läuft vom 11. Februar bis 22. März 2016. Man sieht 100 Jahre Mode, 100 Jahre Fotografie, 100 Jahre Stilgeschichte, 100 Jahre schöne Frauen! Und gleichzeitig wird in der wöchentlichen New York Times Beilage der SZ ein Artikel veröffentlicht, dass es im Gaza-Streifen ein paar wenige Frauen gewagt haben, FAHRRAD ZU FAHREN. Sie wurden laut dem Bericht von einem Muslim“verabscheuungswürdig und hässlich“ bezeichnet. Schön übrigens die kleinen „Verbindungen“: Virginia Woolf (siehe meinen kürzlich erschienenen Blogbeitrag Wer hat Angst vor Virginia Woolf) war regelmäßig Autorin in der britischen VOGUE-Ausgabe. Und in der Februarausgabe der britischen VOGUE ist die Schauspielerin Dakota Johnson auf dem Cover, die in 50 Grades of Grey mitspielt. In München werde ich demnächst 50 Grades of Shame in den Kammerspielen von She She Pop ansehen.
Ich war am Wochenende in Prag eingeladen. Für den Blog überlege ich: Welche bekannten Schriftsteller lebten eigentlich in Prag und Böhmen? Eine ganz grobe Annäherung:
Karl Kraus, geboren am 28. April 1874 nicht in Prag, sondern in Jičín, Böhmen, gestorben am 12. Juni 1936 in Wien, Die letzten Tage der Menschheit, Die dritte Walpurgisnacht etc.
Rainer Maria Rilke, geboren am 04. Dezember 1875 in Prag; gestorben am 29. Dezember 1926 in Valmont bei Montreux, Schweiz. Wikipedia schreibt: Mit seiner in den „Neuen Gedichten“ vollendeten, von der bildenden Kunst beeinflussten Dinglyrik gilt er als bedeutender Dichter der literarischen Moderne. Aus Rilkes Werk sind etliche Erzählungen, ein Roman und Aufsätze zu Kunst und Kultur sowie zahlreiche Übersetzungen von Literatur und Lyrik bekannt.
Franz Kafka, geboren am 3. Juli 1883 in Prag , gestorben am 3. Juni 1924 in Klosterneuburg . Die Verwandlung, In der Strafkolonie, Forschungen eines Hundes, Das Schloss, Der Prozess, Die Verwandlung etc.
Max Brod, geboren am 27. Mai 1884 in Prag , gestorben am 20. Dezember 1968 in Tel Aviv . War mit Franz Kafka eng befreundet und wurde nach dessen Tod zum Nachlassverwalter von dessen Gesamtwerk.
Egon Erwin Kisch, geboren am 29. April 1885 in Prag , gestorben am 31. März 1948 ebenda.Einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus. Auch als „der rasende Reporter“ bekannt
Franz Werfel, geboren am 10. September 1890 in Prag , gestorben am 26. August 1945 in Beverly Hills . Schrieb Lyrik, Dramen, Erzählungen, Novellen, Essays. Wikipedia schreibt: Seine Popularität beruht vor allem auf seinen erzählenden Werken und Theaterstücken, über die aber Werfel selbst seine Lyrik setzte. Mit seinem Roman Verdi. Roman der Oper (1924) wurde Werfel zu einem Protagonisten der Verdi-Renaissance in Deutschland. Besonders bekannt wurden sein historischer Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933/47) und Das Lied von Bernadette (1941)
Jaroslav Hašek, geboren am 30. April 1883 in Prag, gestorben am 03. Januar 1923 in Lipnice, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Milan Kundera,am 01. April 1929 nicht in Prag, sondern in Brünn geboren, Das Buch der lächerlichen Liebe, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
Natürlich habe ich mich bei Wikipedia teilweise etwas schlau gemacht.
Ein Muss in meiner Literaturliste: Thomas Bernhard, am 12. Februar 1989 in Österreich gestorben. Er hat ja unzählig viele kleine und große Werke hinterlassen. Beispielhaft nenne ich eines, das ich köstlich fand: Holzfällen. Es ist natürlich unspektakulär, aber seine Gedankengänge sind einfach wieder einmal köstlich. Nicht lustig oder albern oder gekünstelt, nein, wie immer sehr treffend, bissig. Andreas Maier (siehe Blogbeitrag) hat übrigens über Thomas Bernhard promoviert. Von beiden werde ich weitere Bücher empfehlen.
Holzfällen ist die Geschichte eines »künstlerischen Abendessens« in Wien, in der Gentzgasse. Eine „Erregung“, wie es im Untertitel heißt. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, sitzt auf dem Ohrensessel und beobachtet die Gesellschaft, die auf den Schauspieler des Burgtheaters wartet, der versprochen hatte, gegen halb zwölf zu diesem Essen zu kommen. Ich kann es empfehlen, wenn man seine Schreibart mag oder kennen lernen möchte!
Im Februar 2018 ist sie außerdem erschienen: Die komplette Bernhard-Ausgabe mit Kommentar, herausgegeben von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. HIER zur Suhrkampseite der Gesamtausgabe!
Wie gesagt: In den Kammerspielen wird alle 14 Tage weiter gelesen in diesem auch angeblich von Barack Obama gelobten Buch. Zwei junge VWL-Experten suchen die wesentlichen Passagen heraus, die gemeinsam gelesen werden, und sprechen über die Anmerkungen der Leser. Am Montag war erst der Erste Teil des Buches dran: Einkommen und Kapital.
Weiterhin viele Fragen, noch keine Antworten: Piketty stellt vor allem die Frage, warum eigentlich zwischen dem Arbeiter, der die „Rendite “ erarbeitet, und demjenigen, der sie erhält, so ein großer Unterschied sei. Das war schon immer so. Früher landete die Rendite der Arbeit beim Grundbesitzer, dann beim Eigentümer der Maschinen und heute ... . Die Frage, ob nicht die Erschaffer des Kapitals irgendwie mehr oder anders an der Rendite beteiligt sein sollten, ist in der Tat ein interessanter Ansatz.
Übrigens: Im verlinkten Interview der beiden Urheber des uraufgeführten Hörspiels zum 100ten Geburtstag des Dada(ismus) (siehe Blogeintrag) sprechen diese von der zunehmenden „Diktatur des Kapitals“. Mal sehen, was Piketty uns sagt. „… stellt sich die Frage, welche Verteilung der Wertschöpfung zwischen Arbeit und Kapital ‚richtig‘ ist“, schreibt er ja auch. Er nennt einige Faktoren, die man dabei beachten muss, etwa, dass ja immer wieder Investitionen erforderlich sind etc. Und: Die Unterschiede innerhalb der Gruppen Arbeitseinkommen und Kapitalbesitz lässt er erst einmal unbeachtet, sagt er. Das wars schon wieder.
Er starb am Rosenmontag! Unten bringe ich ein Zitat von ihm, das mein Thema der „Bedeutung der Kunst“ aufgreift (siehe dazu oben: Was siehst Du in diesem Blog?). Kunst hilft uns, uns zu entgrenzen und damit zu erkennen und zu verändern. Aber Achtung: Kunstbetrachtung und Kunsterstellung passieren in einem „System“! In unserem System! Und damit wird alles schon genormt. Dann hilft es wenig, wenn wir uns erkennen. Uns wird damit ja nicht geholfen, das System zu überdenken. Da passt der Dada – Gedanke gut: Man muss das System eigentlich beseitigen, um die Kunst wirklich „freilegen“ zu können und ihr dieses Erkenntnispotential zu verschaffen. Das heißt nicht Anarchie, es zeigt nur die dauernde Gefahr, finde ich, dass man – ohne es zu merken – Kunst durch unsere „Systembrille“ betrachtet und sich doch gewöhnt. Das wäre immer wieder schade – für uns und die Kunst in uns.
Hier ein Bericht von „vor Ort“, der m. E. viele Dinge anspricht, die auch gesehen werden müssen. Er folgt der Linie „Wir schaffen das„, auch wenn wir es natürlich irgendwie begrenzen müssen: Unten bitte auf das Datum klicken.
Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur…
Zweite Lesung des Buches Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty. Kammerspiele München. Immer noch die Einleitung, aber es wird schon konkret. Kleiner Makel vorab: Er untersucht hauptsächlich die USA und Europa/Frankreich. Dabei ist eine weltweite Betrachtung mittlerweile auch interessant. In China etwa entkommenja durch die wirtschaftliche Entwicklung viele, viele Menschen der absoluten Armut. Das Buch befasst sich mit den Einkommen und mit dem Vermögen. Die zentrale Frage sei dabei natürlich, ob es „gute Gründe für die Ungleichheiten“ in diesen Bereichen gäbe. Dann sagt er, dass vor allem die Konzentration und Akkumulation von Vermögen destabilisierende Wirkungen habe. Neben – zweitens – der Abkoppelung der Spitzengehälter von den „normalen“ Einkommen. Er bringt schon hier zwei Kurven: Eine Kurve zum Anteil der hohen 10 % der Einkommen am Nationaleinkommen. In den USA. Sie zeigt den Anstieg der hohen Einkommen am Nationaleinkommen. Und eine Kurve zum Verhältnis des Vermögens zum Einkommen – in Europa. Sie zeigt, dass auch dieses Verhältnis auseinandergeht: Das Kapital wächst im Verhältnis zum Nationaleinkommen. Seit dem II. WK.
Ich habe ein kleines schwieriges Buch zu „Islam und Moderne“ gelesen. Musste es dreimal lesen und biete eine einfachere Zusammenfassung an. In zwei Teilen. Hier ist der erste Teil, bitte anklicken.
Gestern in Deutschlandradio wurde eine Lesung von „Die Glut“ von Sandor Marai gebracht. Ein sehr „dramatisches“ Buch, eine Story, die das Leben schreibt:
Eine Ehe. Die Frau und der allerbeste Freund des Ehemannes haben eine Affaire. Nicht bekannt, wie lange. Sie sind sich von ihren Wesen her einfach näher, beide sind Menschen der Musik, Für den Ehemann eine fremde Welt. Näher, als sich die Frau und ihr Ehemann sind. Zwischen der Frau und dem Ehemann war es eher große „Dankbarkeit“ ihrerseits für das sorgenlose, reiche Leben des Ehemannes, dem General, zwischen der Frau und dem Freund war es dagegen große Liebe, jedenfalls absolute Seelenverwandtschaft. Auf der Jagd will der Freund den Ehemann erschießen, tut es aber nicht. Er „flieht“ am nächsten Tag für immer. Auch für die Frau bricht die Welt zusammen. Der Ehemann zieht in ein Landhaus, er spricht nie wieder mit seiner Frau, die dann 8 Jahre später stirbt. Weil er weiß, dass es aus ist. Er erkennt alles. Kurz vor Lebensende kommt der Freund doch noch einmal zum Ehemann. Sie reden über den Vorfall, der vierzig Jahre zurückliegt. Der Ehemann sieht sich und den Freund als schuldig an, da sie die Frau überlebt haben. Die Frau konnte mit dem Tod antworten, er und der Freund haben nie geantwortet. Das will der Ehemann dem alten Freund klarmachen.
Eine interessante Inszenierung in den Kammerspielen, die sich sehr mit dem klaren Thema des Romans auseinandersetzt: Geld und Liebe. Viel Liebe, aber alle warten hier erst auf Geld, Reichtum. Genauer: Auf den Tod der reichen Tante in Russland. Der Roman stellt das Dilemma „Geld und Liebe“ bekanntlich speziell durch die „Roulettebrille“ dar. Das Thema wird man heute – vor allem abseits der Rouletteburgen – anders behandeln. Die Inszenierung ist intensiv, fast anstrengend. Man sollte den Roman danach lesen oder über die Inszenierung reden. Nur konsumieren ist hier zu wenig. Die Inszenierung hat m. E. einen Nachteil: Es spielen die falschen Schauspieler die falschen Rollen. Einzig Thomas Schmauser, der sich verausgabt, kommt erkennbar rüber. Es fällt ansonsten schwer, den einzelnen Schauspielern die verkörperten Personen abzunehmen. Und an ihnen die Beziehungen zu den anderen Personen zu erkennen. Etwa Anna Drexler, sie spielt leider wieder einmal eine unsichere Person, die sie allzu oft spielt. Man erkennt nicht die Person, die F. Dostojewski hier meinte und die sie verkörpern will. Das Buch ist sicherlich auch kein literarischer Höhepunkt, Dostojreski hat ihn ganz schnell geschrieben, unter Fristdruck.
Auch in den Kammerspielen. Alle zwei Wochen eine interne/externe Lesung des Buches „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty. Wohl ein sehr gutes Buch, auch von Barack Obama und dem Papst gelesen (?). Immer Montags, 10 Uhr. Mit zwei jungen VWL-Experten der LMU München. Man bespricht es. Interessierte Menschen, aber es ist ein Gespräch von Laien, etwas schade, weil zu wirr. Allerdings Mal sehen, wie es wird. Kernfrage ist für Piketty: Das Leistungsprinzip, demokratisch wesentlich, werde infrage gestellt, wenn die „Kapitalrendite dauerhaft höher sei, als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen. Genau dazu, sagt er, möchte er „Vorschläge machen“.
Vor allem: entscheidend ist natürlich nicht, wer das Geld hat, sondern was mit dem Kapital gemacht wird. Gibt es eine gesteigerte Verantwortung bei gesteigertem Kapital? Schön wäre es. Gibt es dafür ein Bewusstsein? Geld ist schließlich Macht!
Es bleibe natürlich ein sehr subjektives Thema, jeder hat so seine Erfaherungen und die Demokratie dürfe keine „Expertendemokratie“ werden, dennoch sei eine genaue Untersuchung wichtig. Mal sehen.