THEATER: Vor dem Auftritt

Die Theatersaison rückt näher, der Blick wird wieder geschärft.  Es geht auch in München in Kürze wieder los.  Die Leser werden es merken. Gestern gab es  schon einmal eine Ausstellung der Fotografin Cordula Treml, gezeigt werden Aufnahmen  von SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihren Auftritten.  Ich hatte im Vorfeld  einige Fragen an Cordula Treml, die Antworten dazu werde ich in Kürze in einem weiteren Beitrag hier bringen.

Die teilweise wunderbaren Fotografien können in verschiedenen Größen auch käuflich erworben werden. Gestern, am 13. September 2018, war die Vernissage, die Ausstellung läuft noch bis Freitag, den 21. September 2018. Sie ist zu sehen im Schauraum 1899 in der Landwehrstraße 67 in München.

Die SchauspielerInnen: Man sieht sie immer „nur“ auf der Bühne. Nie aber kurz vor oder kurz nach ihren Auftritten. Erst wiederum etwas später nach ihren Auftritten erlebe ich sie oft in den Kantinen der Theater. Doch das sind ja schon wieder ganz andere Momente. Fröhlichere Momente. Als wären sie dann wieder in ihr eigenes Leben zurückgekehrt.

Bei Cordula Treml geht es um die Momente kurz VOR einem Auftritt. Genau so interessieren mich die Momente der SchauspielerInnen kurz NACH ihren Auftritten. Auch dazu gibt es Fotografien. Ich  bemühe mich derzeit, auch Zugang zu diesen Aufnahmen zu erhalten und werde dann darüber schreiben. Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich aus Berlin (bis vor kurzem war sie liiert mit dem bekannten Schauspieler Martin Wuttke) hat die Momente unmittelbar NACH den Auftritten in Fotografien erfasst. Und es gibt eine Menge interessanter Aufnahmen von SchauspielerInnen IM UMFELD ihrer Auftritte vom Münchner Fotografen Johannes Seyerlein. Auch Portraitaufnahmen. Auch zu ihm habe ich Kontakt aufgenommen. Mal sehen, inwieweit ich all diese Momente im Blog bringen kann. SchauspielerInnen neben der Bühne gewissermaßen! Vielleicht  kann ich etwas auf einer Extraseite machen. Es würde meine Theaterberichte so gut ergänzen.

Zur Ausstellung „Vor dem Auftritt“:

Schon die hier (oben und unten) gebrachten Bilder zeigen, dass besondere Situationen erfasst sind, wenn SchauspielerInnen kurz vor ihren Auftritten „erwischt“ werden. Fast alle der von Cordula Treml gebrachten Fotografien zeigen SchauspielerInnen, die sehr konzentriert, in sich gekehrt, ja fast durchgehend traurig erscheinen. Siehe das Bild oben! Möglicherweise ergibt sich ja eine gewisse Traurigkeit, wenn man fremde Schicksale auf der Bühne verkörpern will. Wer verinnerlicht schon gerne fremde Schicksale und fremde Einstellungen, SchauspielerInnen tun es! Jedes Schicksal ist auch für sich genommen irgendwie traurig! Traurig im weitesten Sinne, nicht gleich zum Weinen traurig. Vielleicht hat es auch etwas mit Demut zu tun.  Vielleicht sehen es aber junge SchauspielerInnen von heute wiederum etwas anders! Performance, Selbstverwirklichung etc! Die „Schauspielerei“ hat sich sicherlich geändert.  Es ist eben längst nicht mehr alles „Sprechtheater“.  Vielleicht wollen junge SchauspielerInnen heute viel mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit auf die Bühne mitnehmen.

Im Katalog zur Ausstellung sind im Gegensatz zur Ausstellung selbst zu fast jedem Foto kurze Aussagen zu den Momenten vor dem Auftritt enthalten.  Michael Maertens vom Wiener Burgtheater bringt es auf den Punkt:

Ich hasse Maske. Ich brauche Maske.

Ich bin in der Maske ängstlicher als auf der Bühne. Ich will mich ja immer so gerne verstecken. Es geht in der Maske nicht. Aber auf der Bühne habe ich dann Maske und kann mich wunderbar verstecken. Dank der Maske.„

In der Maske sitzen somit zwei Personen, und genau das werden die SchauspielerInnen merken: Sie sitzen dort persönlich – vor dem Spiegel – und werden Stück für Stück verwandelt in eine andere Person. Auf der Bühne wiederum erscheint dann nur diese andere Person. Wie gesagt: Vielleicht legen junge SchauspielerInnen heute ihre eigene Person nicht mehr in der Maske ab, sondern nehmen Sie mit auf die Bühne.

Der Katalog  zur Ausstellung kann käuflich erworben werden (Euro 24), er enthält alle Aufnahmen. Wer Interesse hat, kann sich auch bei mir melden, ich würde Anfragen weiterleiten.

HIER  die Website von Cordula Treml.

Und hier noch zwei Aufnahmen (Oben: Bettina Stucky. Unten links: Sophie von Kessel. Unten rechts: Eva Meckbach). Da steckt doch auch eine gewisse Traurigkeit drin, nicht nur Anspannung, oder?

©️ aller Aufnahmen:  Cordula Treml

 

LITERATUR: Maria Duenas – Wenn ich jetzt nicht gehe

Bevor die Theatersaison wieder beginnt: Ich habe mir dieses Buch angetan, ohne irgendeine Rezension im Internet dazu zu finden.  Auch nicht auf http://www.perlentaucher.de. Dann schreibe ich eben eine. Ich bin auf das Buch gekommen, da ich in letzter Zeit mehrfach etwas von spanischen Autoren gelesen hatte und da der Insel Verlag es mir – danke! – als Rezensionsbuch  zur Verfügung gestellt hatte.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Maria Duenas, geboren 1964, lehrte in Murcia englische Literatur, bis ihr Debütroman 2009 alle Rekorde brach. Mittlerweile ist ihr Werk in 35 Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und in eine Fernsehserie verwandelt. „Wenn ich jetzt nicht gehe“ ist ihr dritter Roman und war 2015 das meistverkaufte Buch Spaniens.

Also eine extrem erfolgreiche Schriftstellerin! Mein Gesamteindruck: Etwas kitschig, etwas umfangreich die Handlung, bei den Personen und ihren verschiedensten Beziehungen untereinander (über die Kontinente hinweg) bin ich fast durcheinander gekommen. Von der Idee her aber ganz interessant.  Vielleicht soll es ja geradezu lehrreich sein. Während ich es gelesen hatte, dachte ich schon, dass es sich wie ein Drehbuch liest. Und tatsächlich: Auch dieses Buch soll zu einer Serie verfilmt werden.  Die Idee hinter dieser Geschichte: Ein Mann (Mauro Larrea) steht wieder auf!  Nach dem Motto:  Hingefallen, Staub abwischen und wieder aufstehen! Er hat sehr klein angefangen, wurde sehr reich, hat plötzlich alles verloren und sich dann komplett auf ein neues Leben eingestellt.  Reisen von Mexiko nach Kuba und Spanien prägten seinen weiteren Weg. Auch dieser weitere Weg führte letztlich wieder zum Erfolg,  wenn auch auf einem völlig anderen Gebiet, als demjenigen, den er früher gewohnt war.  Also: Sich immer wieder mit Überzeugung auf Neues einlassen! Er war früher Bergarbeiter und Bergbauunternehmer und dann kam Neues.  Das ganze wird natürlich noch geschmückt von seiner Leidenschaft zu einer Frau und einer sich letztlich noch erfüllenden Liebe.

Man kann diese Geschichte erzählen, aber ein besonderer Lesereiz ist es meines Erachtens nicht! Literarisch gesehen nicht auffallend! Da finde ich einige andere Schriftsteller deutlich gewitzter und interessanter.

 

MUSIK: Tash Sultana – Jungle

Zugegeben: Ich habe gerade von ihr erstmals gelesen: Tash Sultana. Was Wikipedia über sie schreibt? Tash Sultana sei am 18. Juni 1995 in Melbourne geboren, heiße eigentlich Natasha Sultana, sei eine australisch- maltesische „Singer-Songwriterin, Multiinstrumentalistin, Beatboxing- und Looping-Künstlerin“. Das ist doch was. Sie bezeichne ihre Musik als nicht-Genre-basiert. Ihr Sound stelle eine Mischung aus Electronic Indie, Folk, Jazz, Reggae, Rock und Soul dar.

Zu Beginn ihrer Musikkarriere habe sich Tash Sultana, lese ich, mit Straßenauftritten einen Namen in der lokalen Musikszene gemacht. Bekanntheit habe sie im April 2016 erlangt, als ein Repost des von ihr im Oktober 2015 auf Facebook hochgeladenen Videos einer Liveversion ihres Songs „Jungle“ (siehe unten) innerhalb weniger Tage mehr als eine Million Aufrufe erreichte. Weitere Aufnahmen von Livesessions in ihrem Wohn- oder Kinderzimmer, den von ihr benannten „Live Bedroom Recordings“, die sie auf YouTube verbreitete, erhielten danach große Resonanz.

Wer mich gut kennt, könnte merken, dass der Song unten irgendwie mein Rhythmus ist oder – in jüngeren Jahren immer war. Betonung auf 2, nicht auf 1! Aber in meinen jungen Jahren, den wirklich jungen Jahren, war Trash Sultana ja noch nicht einmal geboren!

Tja, wieder knapp zu spät, um sie zu entdecken, sie ist schon bekannt! Aber ich konnte schlecht durch Melbourne laufen und sie als Straßenmusikantin entdecken. Ich war nie in Melbourne!

Diesen Song widme ich Hajü Staudt, der meinen Blog gerne las, wie er mir mehrmals gesagt hatte. Er ist vor wenigen Wochen völlig überraschend und viel zu früh an einem Herzinfarkt verstorben! An einem Montag morgen. Zwei Tage davor hatte er es mir noch gesagt, dass er den Blog und so.

Trash Sultana kommt nächstes Jahr für zwei Konzerte nach Deutschland: Am 26.07.2019 nach Köln und am 27.07.2019 nach Berlin! 

HIER ihre Website.

Hier also ihr Song Jungle von den Live Bedroom Recordings:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MUSIK: Rachel’s – Systems/Layers

Gleich noch etwas sehr Ruhiges, zum Entspannen, ist immer noch gut. Ich bin gerade in der ruhigen Ecke. Dann wird es bald wieder lebhafter. Rachel’s heißt die Band, Warm Body heißt das Stück. Eine schöne Mischung aus fast psychedelischen Klängen (Streichinstrumente, Gitarre, Piano, Elektro) und Drums. Aus dem Album Systems/Layers. Die Drums setzen nicht sofort ein, aber gerade die Kombination Streicher und Piano mit den Drums gefällt mir. Der Gründer Jason Noble ist dem verstorbenen Esbjörn Svensson (HIER) ähnlich! Und die Musik hat etwas von Ari Ben Meyers, der ja z. B. letztens (er hat aber schon wieder andere Sachen gemacht) die Musik zum beeindruckenden Theaterstück „Die Räuber“ von Schiller im Residenztheater  (HIER mein damaliger Wahnsinnsbeitrag dazu) gemacht hat – mit Streichern und E-Gitarre und Drums.

HIER die Website der Band.

Ein Video von Warm Body gibt es nicht mehr. Daher hier das Video zum full album Systems/Layers:

MUSIK: Max Richter – Dream 13 (minus even)

Ich stoße momentan auf sehr ruhige Musik. Aber das ist auch eine interessante Ecke! Heute Max Richter mit Dream 13 aus dem Album „Sleep“. Ein schönes, sicher sehr persönliches Video! HIER seine Website. Er lebt in Berlin. Ist Komponist, macht auch Filmmusik. Er hat etwa die Filmmusik zu dem sehr beeindruckenden Film Waltz with Bashir über den Einmarsch der Israeli im Libanon 1982 gemacht. Ein Dokumentarfilm als Zeichentrickfilm! Er hat auch schon mit Wayne McGregor zusammengearbeitet (siehe meinen Beitrag über Wayne McGregor). In Zusammenarbeit mit Wayne McGregor und dem Künstler Julian Opie schrieb er die Musik zu dem Ballettstück „Infra“, das 2008 in London uraufgeführt wurde.

MUSIK: Olafur Arnalds – Happiness Does Not Wait

Olafur Arnalds (geb. am 03. 11. 1986) ist ein isländischer Musiker aus der bekannten Metropole Mosfellsbaer. Wer kennt ihn nicht, diesen pulsierenden Moloch. Arnalds war Mitglied mehrerer Bands und ist seit 2007 hauptsächlich als Solomusiker tätig. Ruhige Kompositionen macht er, ist ja auch mal gut! Er macht auch Filmmusik, hat auch mit Nils Frahm zusammengearbeitet. Auch übrigens mit dem Ballettchoreografen Wayne McGregor, über den ich auch schon einmal geschrieben hatte („Portrait Wayne McGregor“).

Am 5. bis 8. Oktober tourt er ein wenig durch Deutschland (Hamburg; Dortmund, Wiesbaden, Ludwigsburg):

HIER seine Website.

Copyright des Bildes: Von z3To – 2118435587, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7498907

Hier das Stück Happiness Does Not Wait:

THEATER: Johann Wolfgang von Goethe – Faust

Heute ist es ein Beitrag mit ziemlich vielen links. Manche sind wunderbar! Schwerpunkt auch: Bühnenbildner Aleksandar Denic. Tja, ich habe ihn also wieder einmal gesehen, unseren großen Faust von Johann Wolfgang von Goethe.

Im Münchener Residenztheater gibt es eine Inszenierung von Martin Kusej, die seit 2014 läuft. Am 1. November, also in der nächsten Spielzeit, wird sie zum 60. Mal gezeigt. Zuletzt war es natürlich angebracht, ihn zu zeigen, in München lief bis Ende Juli ein übertriebenes Faust Festival. Ich halte den Faust – Hype ja für fragwürdig. Unten komme ich drauf zurück. Jedenfalls empfehle ich, sich VOR dem Besuch der Inszenierung auf der umfangreichen Faust – Website des Residenztheaters in Ruhe umzusehen (HIER der Link) und dort am besten den gesamten Text der Inszenierung herunterzuladen und zu lesen (er wird komplett als PDF zur Verfügung gestellt). Der Regisseur – und derzeitige Intendant des Residenztheaters Martin Kusej (er geht zum Wiener Burgtheater) – hat nämlich Textpassagen aus Faust II und Faust I gemischt. So entstand ein neues Textgebilde. In der Aufführung kann man dem Text kaum folgen.

Über zwei Aspekte schreibe ich hier: Zum Einen sage ich etwas zum Bühnenbild. Zum Anderen bringe ich ein paar Gedanken zum Faust.

Also zum Bühnenbild:

Ein bisschen namedropping: Ich bin auf die Faust-Inszenierung von Martin Kusej auch deshalb gekommen, weil Aleksandar Denic wieder einmal das Bühnenbild gemacht hat. Aleksandar Denic hat jahrelang in der Volksbühne (und anderswo) mit Frank Castorf zusammengearbeitet. Die Bühnenbilder von Aleksandar Denic sind berüchtigt, sie haben die Arbeiten von Frank Castorf wesentlich geprägt. Sie sind sehr eigen, sind sich aber andererseits auch meist recht ähnlich, soweit ich sie kenne. Hier ein Bild von Aleksandar Denic:

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© Bojana Denić

Ich habe jetzt Denics Bühnenbilder gesehen in Les Miserables (XXL-Version) von Frank Castorf am Berliner Ensemble (HIER mein Blogbeitrag), in Faust von Frank Castorf am Berliner Theatertreffen 2018 (HIER mein Blogbeitrag) uns jetzt in Faust von Martin Kusej am Residenztheater. Schade, im Rahmen der Salzburger Festspiele 2018 bringt Frank Castorf im August wiederum zusammen mit Aleksandar Denic „Hunger“ von Knut Hansum. Ich kann aber leider nicht hinfahren. HIER der link zur Seite zur Inszenierung von „Hunger“ bei den Salzburger Festspielen. Und HIER eine erste kurze Besprechung von „Hunger“ im Deutschlandfunk Kultur.

Übrigens: Auf der Website zu „Hunger“ ist eine Bildergalerie. Sehr schön! Das sieht nach einer gelungenen Inszenierung aus! Und so sieht wieder einmal das Bühnenbild von Denic in Salzburg aus:

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© Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Aber interessant und bei Denic eher ungewohnt: Andere Szenen sind topmoderner Alltag. Siehe Bildergalerie.

Das Bühnenbild im Residenztheater war ein wenig ruhiger, als von Denic gewohnt. Wieder eine Drehbühne, wieder ein zweistöckiges Gebilde darauf, wieder düstere Stimmung. Irgendwie kaputte Welt. Oben hinter hohem Maschendraht ein Kran und eine „Kampffläche“ für Boxer etc., unten verschiedene dunkle Räume, rückseitig helle Räume.

Unglaublich übrigens, was für eine Arbeit drin steckt, ein solches Bühnenbild auf das Parkett zu bringen! HIER ein eindrucksvolles Video zum Aufbau der Bühne! (Wer wenig Zeit hat – also alle: Nach 1 min 35 sec wird es im Video interessant.)

Aber es war, schien mir, ein wenig an München angepasst: Etwas ordentlicher, etwas übersichtlicher. Auf Videoleinwände wurde sogar – für mich erstmals bei Denic – verzichtet. Und teils der gern gesehene weiße leere Raum.

Meine Gedanken zum Faust:

Erste Überlegung: Ich weiß ja nicht! Da tun wir Deutschen immer so, als sei der Faust das Maß aller Dinge. Als würde dort das ganze Leben drin stecken. Ist aber ziemlich egozentrisch! Meines Erachtens ist der Faust veraltet. Auch wenn man ständig meint, er wäre immer wieder aktuell. Deswegen war für mich auch dieses wahnsinnig groß aufgezogene Faustfestival in München, das monatelang lief, fragwürdig. Es ist einfach mittlerweile anders, es geht zwar allen um Selbstentwicklung, aber nicht so einseitig, wie im Faust gebracht! Gut, manche wollen das Leben voll auskosten, etwa übrigens Benjamin von Stuckradt-Barre, siehe meine kürzlich gebrachte Besprechung von „Panikherz“ HIER. Aber da waren viele Drogen im Spiel.

Zweite Überlegung: Eigenartig, es gibt, glaube ich, Theateraufführungen, die großartig sein können, bei denen aber der Funke zum Publikum einfach nicht überspringt. Zu komplex vielleicht. So kam es mir bei der Faust-Inszenierung im Residenztheater vor. An sich war es eine – finde ich – gute Inszenierung, aber irgendwie begeistert schien mir das Publikum im ausverkauften Haus nicht zu sein. Vielleicht konnte man den Text gar nicht verarbeiten. Der Text war ja schwierig. Schon das Lesen des Faust erfordert ja höchste Konzentration.

Dritte Überlegung: Irgendwie hat mich das Schicksal von Faust nicht gepackt. Matthias Wölbern mag den Faust sehr gut gespielt haben, die Interpretation des Faust, die er spielen sollte, war aber meines Erachtens eben nicht mehr zeitgemäß. Die Versuche (auch durch das Bühnenbild), das Geschehen zeitgemäß darzustellen, waren meines Erachtens nicht wirklich modern oder cool. Das alte Thema: Der Mann, der noch einmal jung sein möchte und sich verlieben möchte. Der sich in das Leben hinein wirft. Im Pakt mit Mephisto. Für den die Zeit nicht still stehen darf. Sicher, so leben wir. Aber diese krankhafte Ichbezogenheit hat heute einfach andere Ausprägungen, Ursachen und Folgen. Feinsinniger komplexer, individueller. Es endet nicht einfach mit dem Tod einer Person. Insoweit war es inhaltlich nicht großartig.

MUSIK: Lou Doillon – Where To Start

Ich hatte Lou Doillon ganz zu Beginn des Blogs einmal gebracht. Vor zweieinhalb Jahren. Da viele sie wahrscheinlich nicht kennen, bringe ich sie hier noch einmal, mit dem Song Where To Start: Das kann nicht schaden. Sie ist die Tochter von Jane Birkin und mütterlicherseits die Schwester von Charlotte Gainsburg. Wie man eben so geboren wird. Ich bin auch der Sohn meiner Eltern und der Bruder meiner Geschwister! Man hört leider in den letzten Jahren wenig von ihr. „Where To Start“ ist der erste Song ihres wunderbaren Albums „Lay Low“. Unten folgen die Lyrics.

Lyrics:

 

Let’s just pretend for a little while
That all there is here and now
And you and I
Hey, oh
Let’s turn our backs
To all the reasons why we shouldn’t
Let us lay low, in each other’s stare
Hey, ohIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, ohAnd I know it wasn’t wise
To look straight back into your eyes
And I don’t need you to tell me so
Hey, ohAnd I don’t want to think, no
I don’t want to know
You tell me when it’s my time to go
Hey, oh
In the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay lowIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, ohLet’s just pretend for a little while
That all there is here and now
And you and I
Hey, oh
Let’s turn our backs
To all the reasons why we shouldn’t
Let us lay low, in each other’s stare
Hey, ohIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay lowIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, oh – Hey, oh – Hey, oh – Hey, oh

MUSIK: Lambchop – When you were mine

When You Were Mine ist eigentlich ein Song von Prince, aus seinem Album „Dirty Mind“. Über eine unglückliche Liebe. Hier ein Cover von Lambchop, die den Song sehr ruhig spielen. Etwas zum Entspannen auf meiner Party ist ja auch mal ganz gut. Unten die lyrics.

Lyrics:
When you were mine
I gave you all of my money
Time after time
You done me wrong
It was just like a dream
You let all my friends come over and meet
And you were so strange
You didn’t have the decency to change the sheets
Oh girl, when you were mine
I used to let you wear all my clothes
You were so fine (so fine)
Maybe that’s the reason that it hurt me so
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine
You were kinda, sorta my best friend
So I was blind (so blind)
I let you fool around
I never cared (didn’t care)
I never was the kind to make a fuss
When he was there
Sleeping in between the two of us
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine
you were all I ever wanted to do
Now I spend my time
Following him whenever he’s with you
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine, yeah, oh no
Love you, baby, love you, baby
When you were mine

THEATER, LITERATUR: Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

Endsation Sehnsucht von Tennessee Williams. Oft gehört, nie gelesen. Blanche, eine Frau aus gutsituierten Kreisen, verliert den ererbten Wohlstand, landet bei ihrer Schwester in einfachen Verhältnissen, die mit dem Rüpel Stanley verheiratet ist. Wer gewinnt den Kampf? Blanche zerbricht, landet in der psychiatrischen Anstalt. Eigentlich eine interessante Story. „Sehnsucht“ (Desire) hieß einmal eine Endstation der Straßenbahn in New Orleans. Ich habe das Buch jetzt gelesen, da es am Berliner Ensemble von Michael Thalheimer inszeniert wurde. Ich habe dazu letztens in Berlin auch die Inszenierung gesehen, die in der gerade beendeten Spielzeit gebracht wurde und wohl auch in der kommenden Spielzeit gebracht wird.

Die vordergründige Geschichte ist ja so: Blanche lebte im relativen Wohlstand und hat alles verloren. Das Haus der Familie wurde gepfändet, ihr Ehemann war schwul und hatte sich schon vor Jahren umgebracht, ihren Job als Lehrerin hat Blanche auch verloren. Sie – nebenbei: durch sexuelle Hingabe suchte sie schon irgendwo Halt, bevor sie zu Stella kam – sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in ganz einfachen Verhältnissen lebt und mit Stanley verheiratet ist. Und damit prallen eben zwei Welten aufeinander. Blanche, die ihre Welt erhalten und Stanley nicht ausstehen kann, versucht immer wieder, ihre Schwester Stella dazu zu bringen, ihren Mann zu verlassen. Stella ist ihrem Mann aber in Liebe oder jedenfalls aus sexuellem Antrieb heraus hingegeben und weiß, dass sie ihn nicht ändern kann. Dass sie nichts ändern kann. Blanche wird schließlich von Stanley sogar vergewaltigt. Die irgendwie irreale, von viel Einbildung geprägte Welt der Blanche und die reale derbe Welt von Stella. Schon die Sprache der Personen zeigt im Buch (Originaltext) die Unterschiede deutlich. Man liest teils derben Slang (interessant!) neben der „besseren“ Sprache . Ich empfehle das Buch gerade jüngeren Lesern auf Englisch.

Die Inszenierung von Michael Thalheimer dagegen hat mich überhaupt nicht überzeugt. Erstaunlich, wenn die FAZ schreibt:

„Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennesse Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren.“

Eigenartige Kritik. Der große Clou sollte wohl die schiefe Bühne sein (siehe das Blogbild oben). Alles weitere war aber konventionell, teilweise affektiert, zu gewollt, zu darstellerisch. Ich meine, aus dem Buch hätte man einiges mehr un d interessanter herausholen können. Hinter der vordergründigen Story stecken schließlich viele kleine Themen. Allein das Verhältnis zwischen Blanche und ihrer Schwester Stella. Oder der Umgang von Blanche mit ihrem persönlichen „Niedergang“. Das wird in der Inszenierung alles zwar angerissen, aber meines Erachtens ohne Herzblut! Andreas Döhler (Stanley) ist da vielleicht am ehesten wieder einmal die Ausnahme. Aber selbst er: Im Buch erscheint mir Stanley noch rüder, krasser, unnachgiebiger, derber. Was man sich zu diesem Buch alles denken kann, wird etwa im Programmheft zur Inszenierung angerissen. Zu wenig davon war auf der Bühne zu sehen. Vielleicht haben es auch die Schauspieler nicht geschafft, die jeweiligen Positionen der Personen besser darzustellen. Ihre Zweifel, ihre Kämpfe untereinander, ihre so unterschiedlichen Positionen. Vor allem Cordelia Wege als Blanche spielte für mich nur eines: Affektiert. Modernes Theater sieht anders aus. Aber vielleicht sollte sie so spielen. Wahrscheinlich sogar, wenn man sieht, wie sie sich am Ende mit rotem Lippenstift das Gesicht vollmalt – ein alter Hut! Es war herkömmlich, es wurden von den Schauspielern keine Grenzen der schauspielerischen Darstellung eingerissen. Offenbar hat Michael Thalheimer keine Freiheit gelassen. Oder dieses Bühnenbild war zu starr! Den Eindruck hatte ich. Wie sollte man da auch erkennbar aus sich herausgehen! Ich mag ja immer das Nicht-affektierte, das Überraschende, das Persönliche, das Interpretierte. Nicht das Herkömmliche. Die Inszenierung von Michael Thalheimer ist aber herkömmlich.

Nun gut, einen ersten – vielleicht anderen – Eindruck gibt HIER die Online-Seite des BE zum Stück.

Und HIER die Seite des Cornelsen Verlags zum Buch in englischer Sprache mit Anmerkungen am Schluss zu den Südstaaten, New Orleans etc., und mit Fußnoten zu seltenen Wörtern.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn, Berliner Ensemble

MUSIK: Millie Jackson – The Rap

Der Soul-Song The Rap von Millie Jackson, der US-amerikanischen R&B- Sängerin und Songwriterin, die große Erfolge in den 1970er Jahren hatte. Zu ihren erfolgreichsten Werken gehören die Alben Caught Up (1974), Feelin’ Bitchy (1977) und Get It Out’cha System (1978), die in den USA jeweils über 500.000 Mal verkauft und mit Gold ausgezeichnet wurden. Schön, wie sie hier teils spricht, teils singt. Vergangene Woche, am 15. Juli, hatte sie ihren 74ten Geburtstag. Irgendwann sage ich auch, wie ich auf den Song gekommen bin. Interessant ist auch, dass Farben alt werden können! Etwa der Gelbton des Albums Caught Up, von dem der Song The Rap ist.

Das Album ist ein Konzept-Album. Eine Erzählung über eine Frau, die eine Affaire mit einem verheirateten Mann hat (das ist nicht der Grund bei mir). Die Vorderseite der LP bringt Songs aus Sicht der Geliebten, die Rückseite aus Sicht der Ehefrau. Hier der Song The Rap (Vorderseite) und unten die schönen Lyrics:

Lyrics:

You see, the terrible thing about being in love with a married man is the fact that you can’t see him when you really want to and that can get to you sometimes
Late in the midnight hour, when you really feel like you need a little loving, the man ain’t nowhere around and that can get to you sometimes
Early in the morning, when you really feel like you need someone to hold on to, the man ain’t nowhere around and that can really get to you sometimes
But what gets to you most of all is when the holidays roll around
You gotta always be by yourself, ‚cause that’s the time when the families get together
All the in-laws come to visit, so he has to stay home and play the part of the good and faithful husband
But I ain’t worried about it, ‚cause I found out that when a man starts tipping away from home, somebody at home has fallen down on the homefront
That’s because when those women marry these men, they have a tendency to take advantage of them
They forget about all the sweet things they say to get them, that they have to keep on saying them to keep them
‚Cause you got a whole lot of women out there these days just like me who will tell a man anything in the world he feel like he might wanna hear
I know, ‚cause I’m going with a married man and last New Year’s Eve, I was lonesome as a micky ficky
But J1, the man came on in like he was supposed to
And I don’t mind waiting that one day, ‚cause anything worth having is worth waiting on
So when the man came in, J1, I was right there waiting on him to tell him them sweet things his wife haven’t told him over the holidays
And you can think of a whole lot of good stuff to tell a nigga when you’re by yourself
So the minute my man came in the door, J1, I start laying it on him
I said oooh, baby
Ooh, baby
Ooh, baby
My baby
You’re the sweetest thing I know, yes you are
You dim the rainbow’s glow, yes you do, baby
There ain’t no power, no power, no power on this earth
To ever, oh, oh Lord, separate us, baby
‚Cause you are my sunshine, my only little sunshine
You are my sunshine, my sunshine
And I love you, baby
I can’t help but love you, baby
I love you, baby
I couldn’t give up if I wanted to
You know I don’t wanna leave you with a one-sided conception over this thing
Anyone out there in my shoes this evening, I want you to know what I’m talking about
I want you to know there’s two sides to this thing
There’s a good side to being in love with a married man and I like it, ‚cause you see
When you’re going with a married man, he can come over two or three times a week and give you a little bit
That means you’re two up on the wife already, ‚cause once you marry one, you don’t get it but once a week
Another sweet thing is on pay day, he can come over and give you a little bread and I like that
But the sweetest thing about the whole situation is the fact that when you go to the Laundromat
You don’t have to wash nobody’s funky drawers but your own and I like it like that
I wanna keep my situation just the way it is
And to make sure it stays like that, when my man comes over here two or three times a week to give me my piece
I set the clock so he can get up and go home on time, don’t want him to be late
Sometimes it’d be kind of hard for me to do, but I’ll force myself anyway. I tell him…
Listen to the clock on the wall
Hey, hey
Listen to the clock on the wall right now, baby
Tick on, clock
Listen to the clock on the wall
Hey, hey
Oh, forget about the clock on the wall
I don’t wanna be right this morning

 

THEATER, LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

LITERATUR: Teju Cole – Blinder Fleck

Im Grunde geht es um ein Buch: „Blinder Fleck“ von Teju Cole.

Also: Da saß ich im Zug von Berlin nach München und wir redeten darüber, was „Kunst“ ist. Es war ein anstrengendes Wochenende in Berlin. Sie studiert Kunstwissenschaften in Berlin, spezialisiert auf Fotografiekunst. Fotografiekunst. Was ist denn erst mal „Kunst“? Das sei doch sicher eine Grundfrage ihres Studiums. Zum Beispiel Fotokunst: Heutzutage macht doch jeder mit seinem Handy ständig Fotos. Ist das immer Kunst? Oder besser: Wann ist ein Foto Kunst? Sie meinte, Kunst sei es immer dann, wenn es ein Ausdruck ist, über den sich der Betrachter Gedanken machen kann. Also ein Verkehrsschild nicht, sagte ich. Nein, sagte sie, da sei ja vorbestimmt, was man sich denken und was es bedeuten soll. Aber zum Beispiel ein schwarzer Strich auf weißer Leinwand, das könne durchaus Kunst sein! 

Ich erzählte ihr nicht vom gestrigen Besuch im Pergamonmuseum. Daran dachte ich auch erst im Nachhinein. Das große Ishtartor: Ishtar war die Stadtgöttin von Babylon, 600 Jahre vor Christi Geburt. Dargestellt wurde sie als Löwin. Das riesige Vortor des noch viel größeren richtigen Ishtartores steht im Pergamonmuseum, Vorderasiatischer Teil. Kräftig blaue Kacheln, auf denen – fast dreidimensional – in beige Tiergestalten, unter anderem Löwen, dargestellt sind. Zur Abschreckung von Feinden. War das Kunst? Ich finde zum Beispiel die Art, wie man damals schon etwas darstellte, war unfassbar stilvoll und kunstfertig! Steht heute einfach so in Museen. Es sollte jedenfalls Furcht und Respekt einflössen, also den Betrachter anregen. Also Kunst? Kunst für den Herrscher? Hat Kunst auch Funktionen? Funktionen gehabt? Verloren? Heute? Ein weites Feld!

Ich erzählte ihr – zum Thema Fotokunst – von einem Buch, das ich seit Wochen immer wieder in der Hand habe. „Blinder Fleck“ eben, von Teju Cole. Über Teju Cole hatte ich kürzlich schon im Blog geschrieben, über sein gutes Buch Open City. HIER der damalige Beitrag. Er schreibt dort über seine Streifzüge durch New York und seine Überlegungen dazu, seine Erinnerungen. Das Buch „Blinder Fleck“ wiederum ist ein viel weiterer Streifzug. Ein Streifzug über die ganze Welt. Teju Cole reist offenbar sehr sehr viel. Eine Übersicht über alle Orte, an denen Texte oder Fotos entstanden sind, sind am Ende als Anhang aufgelistet. Er erzählt (auch) in diesem Buch nicht etwas, der Band enthält einfach immer wieder Paare: Ein Foto (meist rechts) und ein meist kurzer Text dazu (meist links).

Anfangs kann man sich bei den Bildern denken: Naja, nichts sagende Banalitäten. Ich sagte meiner Zugbegleiterin: Hier im Zug hätte er den Mitteltisch mit einer Coladose darauf fotografiert. Mehr nicht. Man kann sich dazu auch denken, Teju Cole muss einsam sein. Man sieht auf den Fotos extrem selten eine menschliche Person, und wenn, dann von hinten, weggehend. Eine Ausnahme gibt es, einen afrikanischen Jungen, dessen Foto er zweimal bringt, mittendrin und ganz am Ende.

Mehr und mehr merke ich aber, dass die Bilder große, teilweise sehr große POWER haben. Meine Zugbegleiterin meinte, dann werde es zur Kunst! Ein ganz bestimmtes Feeling entsteht auch durch die Texte im Buch, die jeweils ein Foto begleiten. Als würde man merken, dass Teju Cole dem Leben näher kommen wollte. Indem er einerseits durchgehend banalste Blicke fotografiert, die wir ständig unbeachtet lassen, die aber genauso etwas aussagen, wie das, was wir zu beachten glauben. Die ansich genauso viel Wert sind und ihm Anlass gegeben haben, etwas zu schreiben. Und wenn es nur ein Gedanke war. Die Fotos verlieren dadurch mehr und mehr ihre Banalität. Und andererseits zeigt er etwas vom Leben eben durch diese Texte. Die Texte sind oft völlig weit hergeholte Gedanken zu einem Foto. Aber auch kleine Situationsachilderungen, abstrakte Überlegungen, historische Rückblicke, Erinnerungen, Grundsätzliches, Kleines, alles. Mal kurz, mal etwas länger. Wie im richtigen Leben. Und das macht diese Kombination der Texte mit den Fotos aus! Vielfalt und Banalität. Unbeachtetes und weit Zurückliegendes, Fernliegendes, Dinge, die wir sehen und wissen. Es sind Gedanken über Dinge, die er weiß. Und er weiß viel! So ist nichts banal.  Oder alles banal! Ich nehme dieses Buch seit Wochen in die Hand und werde immer wieder überrascht. Man kann es garnicht in einem Schwung durchlesen oder durchblättern. Mehr und mehr verstehe ich die banalen Fotografien und die Texte dazu. Dieses Buch kann ein sehr anspruchsvolles Geschenk für einen guten Freund, eine gute Freundin, sein.

HIER die Seite des Hanser Verlags zum Buch mit einer Leseprobe.

MUSIK: Jorja Smith – Teenage Fantasy

Ich habe in der taz über sie gelesen:

Das Pop-Jahr 2018 … schüttelt nun das nächste Ass aus dem Ärmel: Das am stärksten erwartete R&B-Album stammt von Jorja Smith.“

Und

„Hochgradig eigenständig, dennoch angeschlossen an die Tradition von R&B-Sängerinnen wie Erykah Badu oder Amy Winehouse: „Lost & Found“, das Debütalbum von Jorja Smith

heißt es zu Beginn des Artikels. Sie ist Britin, liest man. Viel mehr weiß ich noch nicht über sie. Es lohnt sich aber wirklich, reinzuhören:

THEATER, LITERATUR: T. C. Boyle – America

Ich hatte mir das Theaterstück vor Jahren in den Kammerspielen schon angesehen, Premiere war schon im Mai 2016. Jetzt kam es zum allerletzten Mal an den Münchner Kammerspielen: America nach dem Roman von T. C. Boyle. Ich schreibe ja nicht gerne über Dinge, die kein Mensch mehr erleben kann. In diesem Fall kann ich aber zumindest über den Roman schreiben, ich habe ihn noch einmal zur Begleitung des Theaterabends gelesen.

Mein Fazit vorweg: Es ist eigentlich eine erschütternde Geschichte über das Schicksal illegaler mexikanischer Einwanderer nach Amerika. Als Roman ist die Geschichte noch weit erschütternder, als es in den Kammerspielen inszeniert war. Regisseur war Stefan Pucher. Durchaus gelungen konnte er die zwei Welten, um die es geht, nebeneinander auf die Bühne bringen. Gut gemacht mit den Schaukästen, den Videos über der Bühne, den gestellten „Interviews“ mit zwei der prägenden Beteiligten. Stefan Pucher ist an sich sehr bekannt, an den Münchner Kammerspielen hatte er zuletzt den „Wartesaal“ nach Lion Feuchtwanger (HIER mein Blogbericht dazu) und „Die Zofen“ von Jean Genet inszeniert. Stefan Puchers Inszenierungen sind immer wieder beliebt und anerkannt. Er war schon einige Male zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Vielleicht aber ist er für aktuelle Verhältnisse fast schon zu harmlos. So ja auch in seiner Inszenierung des „Wartesaal“. Auch in „America“ kommt die Dramatik des Geschehens trotz allem  irgendwie zu kurz. Die Angst, die beide Seiten prägt, kommt im Buch besser zur Geltung.

Man erkennt es schon am Beitragsbild oben: Es geht in der Tat um zwei verschiedene Welten: T. C. Boyle lässt beide voll aufeinanderprallen. Einerseits die ärmliche, trostlose Welt mexikanischer Einwanderer und andererseits die heile Welt wohlhabender Amerikaner, die sich von den Mexikanern bedroht fühlen. Es beginnt einfach mit einem kleinen Autounfall, der reiche Amerikaner fährt einen armen Mexikaner an, der die Canyonstraße überqueren will. Mit 20 Dollar wird alles erledigt. Es spitzt sich aber immer mehr zu. Die wohlhabenden Amerikaner in ihrer Wohnsiedlung, ihrem Wohnareal – hauptsächlich dargestellt mit den Personen Delaney und Kyra Mossbacher – wollen sich (vordergründig auch gegen die Tierwelt, Kojoten) immer mehr schützen und einsperren. Das mexikanische Paar Candido und America dagegen muss sich in den Schluchten eines benachbarten Canyons durchschlagen. Kein Geld, keine Unterkunft, keine Arbeit, kein Essen, es wird immer schlimmer, es kommt immer wieder etwas dazu.  Ich will nicht zuviel verraten. T. C. Boyle schafft es, beide Welten im Roman sehr plastisch darzustellen.

Er schafft es auch, die Geschichte wie einen „pageturner“ zu erzählen. Ich jedenfalls wollte das Buch kaum mehr weglegen, obwohl ich die Geschichte kannte. Es wird auch nichts Unnötiges erzählt. Das Gesamtbild trifft er immer wieder gut! Offenbar besteht ja ein gravierender Unterschied: Während Flüchtlinge in Europa von Sozialsystemen aufgefangen werden, scheinen Mexikaner völlig auf sich selbst gestellt zu sein. So auch wird es gezeigt am grauenhaften Schicksal der von T. C. Boyle dargestellten Mexikaner Candido und America, die sich doch so sehr mögen! Interessant auch: Die Gefühlswelt kommt allenfalls auf Seiten von Candido und America zur Sprache, auf der Seite von Delaney und Kyra ist alles eher von logischen Überlegungen getragen! Das Ende ist etwas fragwürdig allenfalls.

HIER der link auf die Seite des dtv zum Buch!

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

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SONSTIGES: Ballett – Portrait Wayne McGregor

(Copyright des Beitragsfotos: Wilfried Hösl, Bay. Staatsballett München)

Ich hatte kürzlich das Privileg, im Nationaltheater das Bayerische Staatsballett mit dem Stück „Portrait Wayne McGregor“ sehen zu können. HIER ein interessanter Einblick, ein „video magazine“ des Bayerischen Staatsballetts.  Ich weiß, das hat mit der harten Welt nichts zu tun! Aber das kann ja auch mal sein! Schön war, dass ich inmitten einer Schulklasse (8. Klasse?) saß, die ein Tanzprojekt vorbereitete. Hehre Ziele und höchstes Anschauungsmaterial!

Ein Tipp übrigens: Auf http://www.staatsoper.tv wird dieses Stück am Samstag, den 23.6.2018 live um 19:30 Uhr übertragen. Ich finde es irre, Körper sprechen zu lassen, Gefühle, Interaktionen, … Und als Video on Demand ist es am Sonntag und Montag vormittag noch zu sehen.

HIER der Weg zu Trailern und zu einer Fotogalerie.

Drei verschiedene Stücke werden gezeigt: „Kairos“, „Sunyata“ und „Borderlands“. Während das erste Stück noch etwas klassischer Natur ist, sind das zweite und das dritte Stück kaum mehr klassisch zu nennen. Umso interessanter. Wayne McGregor scheint bekannt dafür zu sein, dass er vom klassischen Ballett ausgehend Grenzen überschreitet. Auch in alle neuen Medien hinein. Auch in Technologie und Wissenschaft hinein. Er gilt als einer der großen Choreographen dieser Zeit.

Natürlich kenne ich mich mit Ballett viel zu wenig aus. Allein die drei folgenden Textauszüge aus dem Programmbuch zeigen, worum es gehen kann. Das Programmbuch mit einigen schönen lyrischen Texten ist im Shop des Bayerischen Staatsballetts erhältlich. Hier Stichworte und sich dann die Übertragung (oder erst die Trailer) ansehen:

Kairos:

… 2014 für das Ballett Zürich entstanden … Kairos, der richtige Augenblick … es geht um den günstigsten Zeitpunkt für eine Entscheidung, den rechten Augenblick sozusagen … Max Richter Bearbeitung von Antonio Vivaldis die vier Jahreszeiten … Recomposed … endlos aneinandergewebte rhythmisierte Strukturen, die sich harmonisch nicht mehr auflösen wollen … McGregor entwickelt Motive, die aus dem Unisono in Chaos verbreitende Vereinzelungen driften … scharfe Ausführung der Bewegungen… Emotionalität der Musik…

Sunyata:

Kreation für das bayerische Staatsballett… begann er quasi im nichts… buddhistisches Konzept… einen Raum, in dem sich alles gegenseitig bedingt, in dem alles aber auch nichts ist – ein Nichts, in dem das Potenzial zur Kreation steckt… Fixpunkt Musik… Zeitgenössische finnische Komponistin Kaija Saariaho… Orchester und Elektronik…

Borderlands:

2013 kreiert für das San Francisco Ballet … als Medium der Farben bekommt das Licht in Borderlands besonderes Gewicht … die Arbeit ist inspiriert von den Bildern des deutsch-amerikanischen Bauhauskünstlers Josef Albers … Optische Täuschung, das Wundern und Staunen über die Gliedmaßen, die man nicht mehr zuordnen kann … Suche nach dem Gegenüber … dröhnende Synthesizer- Wolken

 

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SONSTIGES: Film – Esbjörn Svensson

Ein Hinweis:

Kürzlich hatte ich im Blog Musik des Esbjörn Svensson Trio eingestellt. Der Jazzpianist Esbjörn Svensson ist ja vor genau zehn Jahren (unglaublich!) bei einem seiner ersten Tauchgänge vor Stockholm in jungen Jahren, im Alter von 44 Jahren, ums Leben gekommen. Für viele Jazzfanatiker bis heute tragisch! Heute, am Donnerstag, den 14. Juni 2018, bringt der bayerische Rundfunk auf BR-Klassik um 23:05 Uhr eine Hommage zum zehnten Todestag von Esbjörn Svensson. Auch online zu hören.

HIER der link zum Podcast der Sendung auf der BR – Homepage!

Das Esbjörn Svensson Trio galt ja schon als ganz große Jazzgruppe der damaligen Zeit. Sie hätten einen „herausragenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Jazz“ geleistet. Kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir.

Ebenfalls hörenswert: Vor kurzem kam tatsächlich noch eine CD von e.s.t. heraus, rechtzeitig vor dem 10. Todestag: e.s.t. Live in London, eine Aufnahme aus dem Mai 2005. HIER hier eine Besprechung der CD auf BR-Klassik.

Das Hamburg-Konzert des Esbjörn-Svensson-Trios „e.s.t. live in Hamburg“ wiederum ist ja 2010 von der britischen Zeitung „The Times“ zum Jazz-Album des Jahrzehnts gekürt worden.

Hier ein Ausschnitt aus der CD „e.s.t. live in Hamburg“: