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Gesehen und gehört Gesellschaft

THEATER: Toshiki Okada – No Sex

Toshiki Okada greift einen Aspekt auf: Man stellt in Japan fest, dass knapp 50 % der 18 bis 24-jährigen noch keinen Sex hatten. Hat sich (vielleicht nicht nur in Japan) das Verhältnis junger Menschen zum Sex verändert? Sicherlich, allein die vielfältigen Möglichkeiten und Beeinflussungen im Internet! Früher war es geradezu einmal spannend, ein Playboy-Heft in die Hand zu bekommen. Heute gewährt einem ein Klick im Internet Einblick in alles. Da ist es doch sehr angebracht, einmal über Entwicklungen nachzudenken. Offensichtlich gibt es in Japan bereits eine statistisch erwiesene Entwicklung.

„No Sex“ von Toshiki Okada hatte am Samstagabend Premiere in den Kammerspielen. Es geht letztlich auch um die unausweichlichen Unterschiede zwischen Jung & Alt. Wir alle sind mal jung und mal alt. Eine Parabel fast auf die Welt der Münchner Kammerspiele.

Vier junge Männer kommen in eine Karaokebar und singen Lieder. Dazwischen unterhalten Sie sich. Alles wird von ihnen im Gespräch fein säuberlich völlig übertrieben analysiert, Emotionen gibt es nicht. Man liest im Programmheft auch etwa von Aspekten des Kapitalismus, der das Thema der Emotionen ausschlachtet. Werbeindustrie etc. Aber die Folge ist laut Okada gerade, dass sich die jungen Barbesucher dem Sex verweigern. Ist ja an sich seltsam: Einerseits geht es heute viel mehr um Selbstverwirklichung, andererseits – in Japan jedenfalls – weniger um Sex, Gefühlsaustausch. Es herrscht eine Abwehrhaltung geradezu. Vielleicht sind es besondere Aspekte in Japan. Das Verhalten der jungen Besucher wundert den Betreiber der Bar (Stefan Merki) und seine Reinigungskraft (Annette Paulmann). Sie besonders verteidigt herkömmliche kleine Aspekte der Liebe. Da können die jungen Besucher nur ungläubig und unwillig staunen.

Mein erstes Urteil, bevor ich es mir noch einmal anschauen:

Insgesamt ein – ich möchte sagen – „recht gelungenes“ Stück. Nicht aufwühlend, nicht „mit dem Finger in die Wunde“, wie es ein Milo Rau immer wieder macht, eher analysierend, eine eigentlich schreckliche Entwicklung in bekannter Situation darstellend, einen Aspekt aufgreifend, der ziemlich untergeht. Die Besonderheit war für mich an diesem Abend, dass ich garnicht alles beurteilen möchte. Es waren eher einzelne Teilaspekte der Inszenierung, die hervorstachen und denen ich auch gerne noch länger zugesehen hätte. Anderes war unbedeutend. Sehr gelungen war etwa die Besetzung. Stefan Merki und Annette Paulmann als die Alten und Franz Rogowski, Thomas Hauser, Christian Löber und Benjamin Radjaipour als das junge Team (das „cluster“). Man merkte, sie hatten Spaß. Ihre Zusammensetzung herrlich und jeder Einzelne war klasse. Gelungen – fand ich – waren die höchst absurden, aber fast philosophischen Unterhaltungen der jungen Menschen untereinander. Gelungen waren auch – fand ich – ihre höchst absurden Bewegungen (ähnliche Bewegungen zeigten die Schauspieler auch in Okadas Stück Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech, das auch in den Kammerspielen lief). Allein, dass sie sich ständig verrenken, es aber keinen stört. Sehr gelungen – nein: außergewöhnlich stark! –   sind außerdem übrigens die Fotos im Programmheft! Sehenswert! (Urheber: Julian Baumann) Nicht besonders auffallend dagegen war der Versuch von Stefan Merki in der Rolle des Barbesitzers, sich dem Team der jungen Leute zu nähen, Sie zu verstehen. War recht zurückhaltend. Immerhin versuchte er es, nach all seiner Verunsicherung. Das ist ja immer wieder die fürchterliche Aufgabe der alten gegenüber den Jungen: Man kapselt sich schnell ab, wenn man nicht versucht, die Jungen zu verstehen. Siehe Kammerspiele und die Diskussion über die Intendanz von Matthias Lilienthal. Stefan Merki als Barbesitzer überlegte lange, wie er das Verhalten der Gruppe nennen könnte. Er nennt es letztlich „neu“. Immerhin nicht abwertend.

Ich hätte dem Stück aufgrund der genannten Aspekte noch lange zusehen können, ich verstand irgendwie beide Seiten. Mein erster Eindruck war aber auch: Okada hätte noch mehr aus dem Thema machen können.

Ich werde das Stück wieder ein zweites Mal ansehen – was ich ja immer empfehle – und dann mehr darüber schreiben oder den obigen Text ändern.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

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Gelesen und geblättert Gesellschaft

THEATER: Chris Dercon

EILMELDUNG: Chris Dercon tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zurück!

Man hat ihn fertig gemacht! Mein kleiner Kommentar dazu:

– Eigentlich liegt die Verantwortung – mindestens auch – beim jetzigen Regierenden Bürgermeister Berlins, unter dessen Ägide der damalige Kultursenator Tim Renner damals Chris Dercon geholt hatte. Dann muss man ihn auch machen lassen, finde ich. Jetzt haben sie, lese ich, einen neuen Kultursenator, von der Linkspartei, der erst einmal Dercon abserviert. Was ist das denn für ein Stil, ihn so abzuservieren! Er hätte volle Rückendeckung benötigt! Gut, ich lebe nicht in Berlin, es mag einige Versuche der Rückendeckung gegeben haben. Der Senat hätte intensiv mit den Berliner Theaterfreunden diskutieren müssen. Schließlich hatte Dercon so gute Personen wie Susanne Kennedy und Alexander Kluge an Bord! Wir sehen es ja gerade in München, dass eine Intendanz Zeit braucht.

– Eines ist doch klar: Chris Dercon hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Haus der Kunst in München, Tate Gallery in London etc. Er hat in seinem Leben große Erfolge gehabt! Wie kann man ihn jetzt so fertig machen! Auch für die Berliner Theaterfreunde kein Ruhmesblatt! Darüber muss noch geredet werden, denke ich. Ihre Art. Das ging ja hin bis zu Kot an der Intendantentür, lese ich!

– Ich meine generell: Die Zeiten haben sich auch für die Volksbühne in Berlin geändert. Das Theater Volksbühne war ein Ost-Theater. Das Emblem OST stand immer auf dem Dach des Theaterbaus. Nach der Grenzöffnung wurde die Volksbühne berüchtigt! Auch und vor allem dank Frank Castorf. Die Zeiten haben sich aber geändert. Das Zeichen OST auf dem Dach ist abmontiert. Ost-West ist nicht mehr das Thema. Jedenfalls nicht mehr das prägende Thema für die Volksbühne. Auch die Volksbühne hat das Recht und die Aufgabe, sich der Welt zu öffnen, oder? Und dazu war ein Mann wie Chris Dercon durchaus geeignet, denke ich. Auch wenn sich damit das Programm der Volksbühne ganz entscheidend änderte. Aber wahrscheinlich haben die Fans der Volksbühne eine ganz andere Sicht auf die Volksbühne. Die Volksbühne als Lebensentwurf oder Lebensantwort oder Hort der Andersdenkenden oder was weiß ich. Gerade nicht mit der Aufgabe, sich einfach mal zu öffnen. Clash der Kulturen ist dem Volksbühnenfan zu wenig. Verstehe ich auch. Das ist ja fast schon Mainstream.

Übrigens: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film „Partisan“ (es geht um 25 Jahre Castorf an der Volksbühne) wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt! Ein Muss für Theaterfreunde!

 

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Gesehen und gehört Gesellschaft

MUSIK: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Frances McDormand hat den Oscar 2018 für die beste Hauptdarstellerin bekommen. Sam Rockwell hat den Oscar 2018 für die beste Nebenrolle bekommen. Ich gehe nicht häufig ins Kino, fand beide aber grandios. Ich und mein elitäres Leben mit solchen Dingen! (Ich glaube aber, dass ich kein elitäres Gehabe an den Tag lege!) Beide Schauspieler haben den Oscar für ihre Rollen im Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bekommen, der derzeit läuft. Ich würde nicht schreiben, wenn ich ihn nicht empfehlen könnte. Es ist ein Film, der vielen gefallen wird, die nicht unbedingt Klamauk sehen wollen.

Es geht im Prinzip, denke ich,  darum: Wie geht man miteinander um? Rücksichtslos? Brutal? Verständnisvoll? Man sieht viele krasse Verhaltensweisen, rüden, selbstherrlichen Umgang miteinander, und nichts kommt voran. Dann am Ende aber zeigt einer der Polizisten Verständnis für die Frau, deren Tochter brutal vergewaltigt und getötet wurde. Es gibt auf Youtube auch Clips, in denen ein Film genauer erklärt wird, muss ich mir mal ansehen, sollte man öfters machen. Etwa DEN HIER, der nach dem Sinn des Endes des Films fragt.

Der Soundtrack des Films war auch für den Oscar 2018 nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Mir hat er sehr gefallen. Verantwortlich für die Musik: Carter Burwell, einige Stücke hat er selbst komponiert.  Er arbeitet viel mit den Coen – Brüdern zusammen, wobei übrigens Joel Coen mit Frances McDormand verheiratet ist!

Also hingehen, ist mein Tip!

Hier ein kurzes, aber schönes Stück des Soundtracks. „Billboards on Fire“ von Carter Burwell:

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Gesehen und gehört Gesellschaft

THEATER: Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Es klingt im ersten Moment aggressiv und arrogant: „Erschlagt die Armen!“ So heißt das Stück, das derzeit auf der Bühne im Werkraum des Residenztheaters gezeigt wird. Es ist eine Inszenierung nach dem Buch „Assomons les pauvres“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha. Das Buch hatte, liest man, bei seinem Erscheinen in Frankreich 2011 viel Aufsehen erregt. Es geht um das Asylsystem. Sinha hatte einige Jahre in Frankreich alles miterlebt, als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches hat sie ihren Job verloren.

Das Buch ist eine Art Rundumschlag gegen das letztlich verlogene Asylsystem. Aus der Sicht einer Dolmetscherin, die sich zwischen den Welten unwohl fühlt. Wut und Angst verspürt.

Warum der Titel? Er geht zurück auf ein gleichnamiges Prosagedicht von Charles Baudelaire, erschienen 1865. In dem Prosagedicht schlägt ein wohlsituierter Mann auf einen Bettler ein, der dann aber heftig zurückschlägt. Er zeigt sich ebenbürtig, was dem Mann wiederrum offenbar gefällt. Entweder deswegen oder um sich selber zu schützen, gibt er dem Bettler dann doch die Hälfte seines Geldes, er habe seine Würde bewiesen.

Zur Inszenierung: Ich mag Theaterabende, an denen wenige Schauspieler teilnehmen. Dieses Stück ist sogar ein Solostück. Noch dazu spielt Anna Drexler. Anna Drexler war längere Zeit an den Kammerspielen. Ich kenne und schätze sie aus einigen Auftritten. Ich muss sagen, ich wunderte mich etwas: Ich finde, sie kann noch mehr! Sie hat sehr viel Text, so ging vielleicht freie und deutlichere Spielweise flöten. Sehr schade, neue Facetten habe ich an ihr nicht gesehen. Irgendwie etwas zu einstudiert. Es war aber eben verdammt viel Text! Vielleicht passten auch das Bühnenbild und die Kostüme herum nicht zu ihr. Beides war sehr nüchtern. Auch das fand ich schade. Viele Neonröhren standen senkrecht um die schiefe Bühnenfläche herum. Grelles weißes Licht. Hautfarbener langweiliger Anzug. Viele Kopfhörer hängen von der Decke. Mehr war nicht. Nun ja. Wobei ich wahrlich nicht meine, das Bühnenbild müsse unbedingt viel aussagen!

Und zum Inhalt: Es war auch für den Zuschauer viel Text. Viele Aspekte, die man in dieser einstündigen Aufführung verarbeiten soll, was sicherlich an einem kurzen Abend schwerer fällt, als wenn man das Buch liest. Ich habe es nicht geschafft, allem zu folgen. Vielleicht lag es an mir. Zu Beginn zieht Anna Drexler – in ihrer Rolle als die Übersetzerin – eine Plastikfolie vom Theaterboden. Sie enthüllt damit die Doppelbödigkeit des Asylystems. Recht aussagekräftig ist folgende Textstelle (ich habe sie im Nachgang dem Sprechtext des Stückes entnommen):

„Ich hatte Lust, ihm (Anm: Herrn K., der die festgenommene Übersetzerin vernimmt, nachdem sie aus „Wut und Angst“ einem Asylsuchemden in der U-Bahn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen hatte) zu erzählen, wie ich gelernt hatte, das Elend zu meiden, mich auf dem Absatz umzudrehen, die Brücken hinter mir einzureißen. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, dass diese Leute ihr Land verlassen wie Ratten ein untergehendes Schiff und dass ich sie insgeheim verstehen konnte.“

Hintergrund: Sie sieht in ihren Verfahren immer wieder, dass die Asylsuchenden Asylgründe nennen, aber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind. Lügensystem nennt sie das Asylsystem. Und die Härte der Beamten oder Richter – die die Wahrheit hören wollen – zerreißt die Dolmetscherin persönlich. Sie hat es geschafft. Sie hat Asyl bekommen. Ist damit aber getrennt von ihrer Heimat. Sie „hat die Tür zugeschlagen“. Sie ist nur andererseits auch nicht zu Hause dort, wo sie lebt. Und sie sieht und kennt die wirtschaftlichen oder ökologischen Notlagen der Asylsuchenden. Das ganze Asylsystem gehe an diesen Problemen vorbei, könnte es heißen. Damit hat die Übersetzerin ihr großes Problem.

Aber warum der Titel? Es bleibt – vor allem mit solchen Vorüberlegungen – ein sehenswertes Stück. Vielleicht spielt Anna Drexler im Laufe der Zeit auch noch intensiver. Sie neigt ja zu Zurückhaltung, was manchmal wunderbar ist.

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THEATER: Milo Rau – LENIN

Ich habe Wattestäbchen gekauft! Auf der Packung steht: „It’s the little things in life“. Andererseits habe ich das Stück LENIN von Milo Rau an der Berliner Schaubühne gesehen. Und Lenin und seine Idee waren alles andere als „little“. Die Revolution musste für ihn weltweit sein, erst dann wäre sie gelungen. Etwas größeres gab es eigentlich in den letzten 100 Jahren nicht. Größer als jedes Wattestäbchen.

100 Jahre nach der Oktoberrevolution 1917 in der Sowjetunion hat Milo Rau „LENIN“ inszeniert. Im Programmheft (eher ein Programmbuch mit interessanten Einblicken zu Lenin und Trotzki, auch mit dem gesamten Text der Inszenierung!) sagt Milo Rau: „Ich warte schon seit meiner Jugend auf dieses Jubiläumsjahr.“ Und: „Über die Jahrzehnte habe ich Dutzende, vielleicht hunderte von Büchern gelesen über die russische Revolution, ihre Folgen, ihre Gründe.“

Wie will man die komplexe Geschichte Lenins und damit Russlands und des Kommunismus einfangen? Milo Rau stellt  einen der im Grunde letzten Lebenstage Lenins auf einer Datscha dar. Eine sich durchgehend ganz langsam drehende Bühne, düstere Stimmung, vier Räume, die einzeln immer wieder zum Vorschein kommen. Gleichzeitig sieht man das Geschehen auf einer großen Leinwand über der Bühne. Wunderbare Nahaufnahmen, Lenin, Trotzki, Stalin, Lenins Frau, ein Arzt, ein Leibwächter etc. Man spürt vor allem geradezu: Die Zeit war stehen geblieben. So wird es gespielt, ein beeindruckendes Gefühl. Die Zeit war stehen geblieben, weil sich plötzlich Wissenschaft (Lenin hatte in der Schweiz Hegel gelesen), Idee, Politik, persönliche Schicksal, die Kleinheit des Lebens, Brutalität, Liebe, alles vor dem völlig hilflosen Lenin auftürmte. Er wurde mehr und mehr vom ZK abgeschnitten, Stalin bereitete sich bereits vor. Das Menschenleben Lenins und damit die Idee Lenins wurden immer unbedeutender. Er wollte Stalin noch verhindern.

Verbunden war es mit typischen Elementen von Milo Rau: Lenin wird gespielt von einer Frau, von Ursina Lardi. Denn es wird gefragt: Muss Lenin überhaupt aussehen wie Lenin? Es gebe sowieso nichts Gleiches im Leben. Eine der Theaterfragen Rau’s. Derartige Fragen schwingen ja oft bei ihm mit (Was kann Theater, was können Schauspieler, wie ist das Verhältnis Schauspieler – Theater – Publikum? Vgl. Five Easy Pieces, vgl. Die 100 Tage von Sodom): Und neben der Tribüne ein Schminktisch, an dem der ein oder andere Schauspieler zwischenzeitlich sitzt. Und als Schauspieler aus einer realen Erinnerung erzählt. Bis hin zur RAF. Einmal erzählt Trotzki von einer Aufführung im Burgtheater („Frühlings Erwachen“), eigentlich redet aber der Schauspieler persönlich.

Wie gesagt: Man merkt, die Zeit war für einen Tag stehen geblieben. Und genau das kommt wunderbar rüber. Ich fand vor allem Ursina Lardi super. Kurz dachte ich nur: Sie ist ja fast zu perfekt, die Inszenierung! Es driftet ja fast in Kitsch ab! Aber nur fast.

Also der Tenor: Was waren Lenin und seine Idee schon wert nach seinem Tod? Obwohl die Idee der Gleichheit ja irgendwie viel Berechtigung hat. Es war ein Wahnsinnsidealismus, von dem Russland getroffen wurde. Es ist und bleibt ein besonderes Schicksal Russlands. Andererseits: Wo ist Idealismus heute?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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THEATER: Werner Fritsch – Null

Nichts – Null

Das Nichts ist aber nicht nichts, es ist etwas, oder nicht? Bevor etwas beginnt, besteht vielleicht schon etwas? In der Bibel heißt es ja auch: „IM Anfang war das Wort, nicht AM Anfang“. Da war also schon was! Da war – laut Bibel – der Anfang, bevor es überhaupt anfing

Und Faust überlegt ja in Goethes „Faust“, ob im Anfang das Wort war oder die Tat oder was

Obwohl es ein großes Loch sein könnte, das Nichts. Wie die Null optisch

„Schicker Gürtel“ sagt dann die Null zur Acht

Auch das Jahr Christi Geburt trägt eigentlich die Ziffer NULL, wenn das nicht was ist!        Im Programmheft steht: Wir sagen zwar im Jahr 2000 „2000 Jahre nach Christi Geburt“, es sind aber erst 1999 Jahre. Man habe das Jahr seiner Geburt schon mit der Ziffer EINS belegt. Obwohl erst das Folgejahr das Jahr 1 nach Christi Geburt wäre – ich habe es nicht überprüft       

Das Nichts ist dann also mehr als große Leere, es ist große Freiheit. Camus sagte angeblich irgendwo: Abgesehen vom Tod ist das Leben vor allem eines, Freiheit         

Und mit der Freiheit im Nichts wollte Fritsch etwas machen, eine Annäherung an die Null

Die Theaterbühne nicht als Bühne für ein (klassisches) Stück, an dem man sich (Zuschauer, Schauspieler, Regisseur, alle) orientiert, sondern bloß für eine verrückte Annäherung an diese Null. An die Freiheit

Sich endlich einmal mit dem Nichts beschäftigen, nicht angestrengt und übertrieben mit irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Text

Obwohl Fritschs letzte Stücke „Pfusch“ und „Murmel Murmel“ auch schon Richtung Null gingen. Ich kann Fritsch aber gut verstehen, nach all den Jahren

Nichts ist irgendwann genauso viel wert wie Anderes, wir sind nur dazu verdammt, ständig aus dem Nichts etwas zu machen

Ein bunter Abend, ein Bühnenwerk, man kann sich nichtige Gedanken machen, auch grundsätzlich über das Leben

Erst einmal pendeln und schwingen alle an Seilen, im Nichts

Pastellfarbene Kostüme, knallige Farben dazu, Scheinwerferlicht, einer der Wahnsinne von Fritsch

Eine riesige mechanische Hand schwebt später über allem und eine gut 10 m hohe Table-Dance-Stange steht im Raum, mehr nicht, es genügt. Später kommt ein Gabelstapler hinzu

Die drei Gegenstände sind die einzigen Anzeichen dafür, dass etwas „ist“. Dass „etwas gemacht“ wird, dass „eingegriffen“ wird. Die Hand etwa will (ferngesteuert senkt und bewegt sie sich manchmal) eingreifen, tut sie aber nicht: Die Schauspieler suchen sogar Schutz unter ihr. Dann wirkt sie wieder bedrohlich. Der Mensch macht eben alles (kaputt)

Der Gabelstapler mit Warnblinker hat mehr Einsatz: Weil er so sinnlos ist, hebt er wenigstens einen Schauspieler auf etwa 8 m Höhe an die Table-Dance-Stange, was soll er auch machen. Der rutscht langsam wieder herunter auf den Boden des Nichts. So auch später eine andere Schauspielerin

Der Gabelstapler verschwindet auch einmal im Bühnenboden, kommt aber wieder hoch, und er führt fast einen Tanz auf. Etwas Sinnloseres könnte er kaum machen

Oder das Konzert mit den Blasinstrumenten, mit Dirigent. Wir erwarten ja immer viel, wir erwarten Musik, Töne. Es kommt aber nur Luft, kein einziger Ton. Und die Schauspieler verneigen sich später vor dem Publikum, präsentieren die Instrumente

Schön, dass man sich auch einmal mit nichts beschäftigt, es muss für die Schauspieler geradezu erfrischend sein

Auch als Zuschauer kann man den Abend erleichtert beenden. Man darf nur nichts erwarten. Und dann ein Glas Wein etwa, ein Gläschen vom guten Tropfen, null/eins oder null/zwei. Man hat nichts gesehen, das war doch was!

Herbert Fritsch hat an der Berliner Schaubühne also „NULL“ inszeniert! Ich hatte einmal – im Residenztheater München 2013: „Der Revisor“ – etwas von ihm gesehen, es aber vergessen. Also wurde es Zeit, hinzufahren. Er hatte jahrelang als Schauspieler (Ausbildung an der Schauspielschule der Kammerspiele, der Otto-Falckenberg-Schule) und später als Regisseur bis 2017 an der legendären Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gearbeitet. Einer der großen Namen der Theaterwelt. Seine Stücke waren 2011 (zweifach) bis 2014 durchgehend sowie 2016 und 2017 (Abschiedsstück von der Volksbühne) zum Berliner Theatertreffen eingeladen!

Seine letzten Stücke hießen „Murmel Murmel“, “ Zeppelin“ und „Pfusch“. In Murmel Murmel wird eineinhalb Stunden lang nur das Wort Murmel gesprochen. Fast schon wie Null. Zeppelin ging auf Ödon von Horvath zurück und das Stück Pfusch war – wie so oft bei ihm – eine große Bühnenschau. Ein Abschied von der Volksbühne.

Wie das Stück NULL entstanden ist? „Ich hatte Null Ideen, was ich machen könnte“, war die Ausgangslage für seine jetzt zweite Arbeit an der Schaubühne. Vielleicht hat er wieder Kraft getankt für mehr?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin
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Gelesen und geblättert Gesellschaft

SONSTIGES: Politik – mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

„mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen! … Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

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THEATER: Kevin Barz – Saal 600

Wenn sich junge Leute heute noch mit dem „alten“ Thema der Naziverbrechen beschäftigen und dies zu einem Theaterabend machen, bin ich natürlich dabei. Wie nähern sie sich heute dem Thema? Es könnte ja auch sein, dass sie sich sagen: „Ach nein, bitte nicht das schon wieder!“

Es gibt natürlich noch jede Menge Wahnsinnige, die die Nazis und die Naziverbrechen auch heute noch rechtfertigen oder gar verehren. Aber von denen möchte ich hier nicht schreiben. „Saal 600“ hieß die Inszenierung heute Abend in den Münchner Kammerspielen. Ob und wo sie noch einmal zu sehen sein wird, weiß ich gar nicht. Ich schreibe eigentlich nur über Aufführungen, die man noch sehen kann, aber hier einmal eine Ausnahme. Es war ein „dokumentarischer“ Theaterabend, habe ich im Programmfolder gelesen. Im Schwurgerichtssaal 600 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptangeklagten verhandelt. Die Abschlussinszenierung eines Regieschülers der Falkenbergschule, der Schauspielschule der Kammerspiele. Kevin Barz.

Auf die Geschichte der Nürnberger Prozesse und die unsäglichen Verbrechen, die zum Thema werden, kommt man in dieser Inszenierung dadurch, dass sich drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler – junge Schauspielschüler der Falkenbergschule – in die Position der damaligen DolmetscherInnen begeben, die das Unsägliche übersetzen mussten. Man saß vier Dolmetscherkabinen gegenüber.

Als Zuschauer wurde man dann hauptsächlich mit diesem Unsäglichen konfrontiert – nur zaghaft mit schauspielerischen Leistungen. Es beginnt mit Worten aus der grundlegenden Rede des amerikanischen Hauptanklägers Jackson. Langsam merkte man dann (sehr zaghaft allerdings), wie das Gesagte und Übersetzte die DolmetscherInnen belastete. Manchmal war es auch akustisch schwer verständlich, weil die Musik die Sprache überlagerte. Aber die Musik spielte auch eine wichtige Rolle in der Inszenierung, da Paul Brody die Musik anhand der Sprachmelodie von Angeklagten wie Hermann Göring oder Albert Speer komponiert hat. Ich fand es Alles in Allem aber eine gelungene Inszenierung. Es war durchaus sensibel, nicht platt, gemacht. Man war zurecht immer noch betroffen. Vielleicht war es dann gerade gut, dass man nicht von schauspielerischen Leistungen abgelenkt wurde. So kam einfach die Stimmung der Nürnberger Prozesse durch.

Und ich weiß nicht warum: Ich hatte die Überlegung, warum man nicht heute wieder wegen der grauenhaften Gräueltaten gegen Unschuldige (Syrien etc.) einen ähnlichen Prozess anstrengt. Aber Gründe gibt es leider: Alle großen Mächte sind heute in die Kriege involviert, es gibt keinen „besiegten Staat“, es gibt keine „Siegermächte“, die die „Kompetenz“, die (moralische) „Berechtigung“ hätten, die heutigen Gräueltaten anzuklagen usw. Jackson hatte in der Inszenierung in seinen original zu hörenden Worten sinngemäß gesagt: Wenn die Gräueltaten der Nazis nicht bestraft werden, können die Menschen nicht weiter leben. Aber so sehr unterscheiden sich die heutigen Gräuel von den damaligen gar nicht mehr! Wir sind vielleicht abgestumpft. Vielleicht aber gibt es auch einfach niemanden mehr, der nach Strafe rufen dürfte.

Copyright des Beitragsbildes: Milena Wojhan

 

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THEATER: Amir Reza Koohestani – Die Attentäterin

Warum macht eine Frau das? Sich selbst in die Luft sprengen und weit mehr als zehn Kinder mit in den Tod reißen! Sie waren gerade auf einer Geburtstagsfeier. Sie war Palästinenserin und hat sich in Tel Aviv in die Luft gejagt.

Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Attentäterin“ des Algeriers Jasmina Khadra (sein Künstlername). Der Ehemann der Attentäterin kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau das getan hat. Er bezweifelt sogar lange, dass sie es überhaupt getan haben könnte. Warum auch? Er möchte dann den Gründen näher kommen. Einer der bedeutenden iranischen Theatermacher, Amir Reza Koohestani, hat aus dem Roman eine Theaterfassung entwickelt, die am vergangenen Freitag Premiere an den Münchner Kammerspielen hatte. Es war ein anderer Theaterabend, als meine vorherigen, die viel mehr auch  „Blicke in die Vergangenheit“ waren (Lion Feuchtwanger – „Wartesaal“, Bertolt Brecht – „Trommeln in der Nacht“, Der Abend „1968“ über die Studentenunruhen 1968, Maxim Gorki – „Kinder der Sonne“ am Residenztheater, „Oradour“ im HochX, „Les Miserables“, die Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble etc., ). „Die Attentäterin“ ist leider immer wieder aktuell. Hier mit der Besonderheit, dass es eine Frau ist, die den Selbstmord begeht.

Zum Stück: Es war eine zurückhaltende, textlastige Inszenierung. Politisches Theater. Eine derart zurückhaltende Inszenierung zeigt Koohestani ja auch im Stück „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ nach dem gleichnamigen Roman von Kamel Daoud. Auch diese Inszenierung läuft noch in den Kammerspielen (Freitag, 6. April).

Der Zuschauer verfolgt die Suche des Ehemanns nach einer Erklärung. Man folgt ihm auch nach Palästina zu ihrer Familie. In der Inszenierung sieht der Zuschauer immer wieder auf der Rückwand der Bühne schwarz-weiß und übergroß ein, zwei oder mehrere Gesichter der sprechenden Personen. Nur die Gesichter. Die Personen sitzen meist an einem lang gezogenen Tisch. Es geht um die Gespräche und um die Reaktionen der Personen. Und um „die Situation“ zwischen Israel und Palästina. Sehr intensiv. Wir in Deutschland sind sicherlich nicht in der Lage zu sagen, warum eine Frau so etwas tut. Sicherlich sind Jasmina Khadra und Amir Reza Koohestani um einiges näher dran. Die Attentäterin habe doch jeden Luxus gehabt, sagte einmal etwa der israelische Kommissar. Eine vordergründige Überlegung. Stand eine Terrororganisation dahinter? Auch eine Überlegung. Gespielt wird der Kommissar übrigens von Samouil Stojanov, der wie immer eine fantastische Bühnenpräsenz hat. Ihm müsste man mal einen ganzen Abend geben, auf dem er solo spielen, „brüllen“ und tanzen kann. Beide letztgenannten Dinge sind bei ihm sehr beeindruckend. Auch in „Die Attentäterin“ brüllt er den Ehemann am Tisch an, insgesamt seien bis heute 2300 palästinensische Minderjährige durch Selbstmordattentate umgekommen, während es 145 Minderjährige aus Israel seien. Und alles geht immer weiter. Der Abend endet auch damit, (ACHTUNG: Nicht weiterlesen, wer das Stück sehen will!) dass eine israelische Bombe die palästinensische Familie auslöscht. So verlängert sich ganz einfach die Kette der sinnlosen Massaker. Man bekommt auch keine fertige Lösung dafür, warum die Attentäterin sich und – angeblich – viele Kinder in die Luft gesprengt hat. Sie sagt – nach ihrem Tod – etwa einmal: „Was nützt unser Glück, wenn wir es nicht teilen können?“ Teilen mit wem? Mit allen, die dort unten leiden? Und dann selbst Leid zufügen? Ich verstehe es nicht ganz. Aber der psychische Druck auf bestimmte Menschen – wie die Attentäterin – muss extrem sein! Andererseits erlebt man die Attentäterin – in der Inszenierung taucht sie nach ihrem Tod mehrfach auf und spricht zu ihrem Ehemann – nicht als mit Druck oder gar Hass belastete Person. Ganz und gar nicht. Sie wird fast als die „gute Seele“ des Stückes gezeigt … was ich irgendwie auch nicht verstanden habe. Es bleiben viele Ansätze. Auch generell die Rolle arabischen Frauen in der Gesellschaft mag ein Aspekt sein. Ob die Frauenrolle gar Motiv für den Suizid und Mord sein kann, bleibt offen, das zu beantworten war nicht Intention des Abends. Man muss jedenfalls als Zuschauer dem Text genau folgen, um die verschiedenen Überlegungen und Nuancen gut zu erkennen. Aber das macht den Abend wertvoll. So kommt die „Situation“, die wir nur von Schlagzeilen kennen (Israel/Palästina und die Selbstmordanschläge), hier auf die Bühne! „In „Die Attentäterin“ versuchen wir, eine Schlagzeile in ein Drama zu verwandeln„, sagt Koohestani im Programmheft. Ohne Partei zu ergreifen übrigens. Sonst wäre so ein Abend auch sinnlos.

HIER die Besprechung des Deutschlandfunks (als Audio abhörbar).

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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Gesehen und gehört Gesellschaft

SONSTIGES: Sarah Sze

Eine kleine Anregung:

Die amerikanische Künstlerin Sarah Sze hat für das HAUS DER KUNST die Installation Centrifuge gemacht. Sie steht in der Mittelhalle des Museums. Kleinste Objekte werden filigran zu einem Mosaik organisiert, das „alle gängigen Kategorien durchkreuzt“. Von überall werden Einzelteile beleuchtet. Feinarbeit. Minilichtquellen, Miniteilchen, Minifilmchen, alle Farben. Szes Konstellationen von Objekten, Bildern und Skizzen „sträuben sich gegen definitive Interpretationen“ heißt es so schön. Man steht davor und denkt an alles. Von fern ist es ein Verhau, je näher man aber kommt, umso interessanter wird es. Man sieht etwa irgendwelche bewegte Bilder auf Papierfetzen … wie das Gehirn kommt es einem vor.

Es war bedeutungsschwanger zu lesen: Die Installation … bringt das Wahrnehmungsfeld der Mittelhalle zum Explodieren … verformt sich dynamisch nach außen in den umliegenden Raum (bewegte Bilder oder Schemen werden in der Tat von der Installation ausgehend an alle Wände der riesigen Halle projeziert. Man fragt sich: Wo kommen die denn her?) … schafft ein intimes, fesselndes Feld, worin sich Schwerkraft, Maßstab und Zeit zu verwandeln scheinen …. erinnert an subatomare Teilchen, die sich in einem Quantenfeld verwandeln und entwickeln … deuten auf eine Unbestimmtheit hin.

Und schöne Worte der Künstlerin:

„Die innere Skulptur von Centrifuge scheint in einem unbestimmbaren Zustand zwischen Wachstum und Zerfall gefangen. Wenn sich der Betrachter nähert, fühlt er sich im Inneren in eine Mikrodimension versetzt, während die Skulptur, die sich in den größeren Raum der Halle ausdehnt, gleichzeitig eine Makrodimension eröffnet. Sie fungiert als Schauplatz von Aktivität und ist zugleich ein Projektor, der die Decke beleuchtet und dem Raum die Offenheit eines Palazzos oder städtischen Platzes verleiht.“

Tja, die Kunst. Was soll man da sagen.

 

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Gesellschaft

THEATER: Partisan – Frank Castorf

Auf der Biennale wurde der Film „Partisan“ gezeigt. Der Berliner Tagesspiegel schreibt: „Eine pure Hommage. Die Dokumentation „Partisan“ über die Höhen und Tiefen der Ära Castorf an der Volksbühne“. Der Film verdankt seinen Titel einem Zitat von Frank Castorf („Theater ist der letzte Partisan“) und versucht, 25 wildbewegte Jahre in 130 Minuten zu packen.

Die Produktionsfirma solo:film schreibt:

in einer gesellschaft, die sich zunehmend gegenüber neuen denkweisen und ästhetischen grenzüberschreitungen abschottet, sagt frank castorf, sei das theater der letzte partisan. als regisseur und intendant hat castorf die berliner volksbühne seit anfang der 1990er jahre zu solch einem ort des aufbruchs und der avantgarde werden lassen. mit der radikalen reaktion auf gesellschaftliche umbrüche und der erprobung neuer theatermittel wurde die volksbühne zum wichtigsten theater deutschlands mit großer internationaler strahlkraft.

der film begleitet castorf bei seiner abschiedsinszenierung an der volksbühne, dem „faust“, und wirft zugleich einen blick in den maschinenraum dieser theaterfabrik. mitstreiter wie sophie rois, herbert fritsch oder alexander scheer erzählen von den speziellen arbeitszusammenhängen an diesem haus, in news-flashbacks werden besondere momente der letzten 25 jahre wieder lebendig. „partisan“ ist eine hommage an ein theater und sein team, das nun vergangenheit ist, aber als kraftvolles beispiel für ästhetischen eigensinn noch lange nachwirken wird.

Bisher bekannte Vorführungen:

25. februar 2018, 13:00 uhr, cinestar 7

3. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)
5. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)
10. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)

Ich werde beobachten, ob der Film auch an anderen Orten, vor allem München, läuft.

Nachtrag: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt!

Hier der TRAILER.

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Gesehen und gehört Gesellschaft

THEATER: Karen Breece – Oradour

Es gab verschiedene „schnelle“ Gründe, „Oradour“ von Karen Breece im HochX anzusehen. Ein heikles Thema ist es ohnehin, siehe weiter unten. Es geht ja wieder einmal um das Erinnern an Gräueltaten der Nazis. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die nach Renovierungsarbeiten im Herbst 2016 wiedereröffnet wurde.

Gezeigt werden im HochX in der Regel Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance und Medienkunst mit Gastspielen der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals der Landeshauptstadt München wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO.

Das Stück Oradour ist (vorerst) noch zweimal zu sehen, am 23. und am 24. Februar 2018.

Ein Grund, es anzusehen, war: Oradour ist ein Stück, das von der Amerikanerin Karen Breece geschrieben wurde. Sie arbeitet fast dokumentarisch und übersetzt es in Theaterproduktionen. Karen Breece bringt demnächst an den Kammerspielen das Stück Don’t Forget To Die. Es wird um das Altern gehen.

Nächster Grund: Oradour wird gespielt von Benny Claessens und Katja Bürkle, zwei sehr unterschiedlichen Vollblutschauspielern, die mich schon oft überzeugt haben. Gerade diese Kombination machte es interessant.

Weiter: Benny Claessens war einige Jahre lang teils umstrittenes, teils gefeiertes Ensemblemitglied bei den Kammerspielen. Er bringt in Kürze an den Kammerspielen die wohl sehr persönliche Performance Hello Useless – for W and Friends.

Und: Auch Katja Bürkle war einige Jahre lang in den Kammerspielen. Sie ist seit kurzem am Residenztheater in München. Dort ist sie bisher im furiosen Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und im Stück „Jagdszenen aus Niederbayern„ von Martin Sperr zu sehen. Jeweils in Hauptrollen. Beides sehenswert. Die Inszenierung „Jagdszenen aus Niederbayern“ wiederum lief auch an den Münchner Kammerspielen.

Noch ein Grund: Das Stück Oradour im HochX wird in Kooperation mit den Kammerspielen gezeigt, von denen ich ja oft berichte.

Noch einer: Im weit bekannten Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink geht es – wie im Stück „Oradour“ – um ein Kriegsverbrechen, das (im Roman) demjenigen von Oradour zumindest sehr ähnelt. 642 Einwohner des Dorfes Oradour sur Glane wurden ermordet. Die Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in einer Kirche zusammen getrieben, die von deutschen Soldaten beschossen und in Brand gesetzt wurde. Bis heute wurde keiner der Täter vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt.

Also wahrlich viele schnelle Gründe, das Stück anzusehen. Oradour sur Glane, der französische Ort, an dem die Deutschen am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, dieses zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieg in West Europa verübt hatten.

Gleichzeitig fand in München die Sicherheitskonferenz statt, auf der es wieder einmal um weltweite Konflikte geht. Man lernt nicht aus der Vergangenheit!

Es lässt sich viel sagen zu dem Stück. Dementsprechend weit gefächert sind auch die Kritiken. Das Thema ist ja: Wie erinnert man sich an diese Gräueltaten? Man hat ja nichts anderes mehr, als die Erinnerung. Man hat ja nur noch die Nachfahren. Wie soll man damit umgehen? Es ist noch nicht lange her! Vergessen wäre wahnsinnig! Benny Claessens stellt es einmal mit dem Wort „Schlussstrich“ in den Raum.

Mein Eindruck: Die Inszenierung bringt als solche eine durchaus beeindruckende Annäherung an das Thema. Man muss schlichtes, konzentrierts Theater mögen. Kein Brimborium, zwei wunderbare Schauspieler, schlichte Bühne, konzentrierte Texte. Ein grüner Rasen, Mikrofone und Kopfhörer. Interessant etwa, dass Katja Bürkle hier im Gegensatz zu ihren aktuellen sonstigen Stücken (auch Hamlet in den Kammerspielen) m. E. nachdenklicher, nicht so intensiv spielt. Benny Claessens dagegen zeigt viel von der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und dem Abstand dessen, der mit diesem  Erinnern konfrontiert ist. Andererseits aber frage ich mich, warum es Karen Breece um das Thema der Erinnerung geht. Die Erinnerung muss sein, aber sie bleibt natürlich hilflos! Die hohe Politik, die für derartige Gräuel verantwortlich ist, erinnert sich nicht! Siehe Syrien. Aber sie muss bleiben, die Erinnerung! Die Erinnerung, die beide Schauspieler teils durch Kopfhörer an den Bühnenwänden aufnehmen und in einzelnen Szenen zeigen. Eine Gedenkfeier alter Nazis, ein kleines Mädchen, das dem Grauen entkam, ein Veteran etc.

Copyright des Beitragsbildes: Lothar Reichel

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Gesehen und gehört Gesellschaft

MUSIK: Matija

Matija. Matija Kovac. Ich hatte ihn mal vor zwei Jahren etwa auf einer kleinen Session erlebt. In einem kleinen Popup-Store in der Hildegardstraße in München, M+. Er hatte was, fand ich! Er hatte damals gerade sein Abitur auf dem Maxgymnasium gemacht. Matija nannte damals seine Band noch „The Capitols“. Jetzt hatte ich irgendetwas von ihm gelesen. Im März hat er einen Auftritt in München. Und es gibt eine CD: 5th Avenue. Mir gefällt nicht alles von ihm, ich bin ja oft eher für recht bedächtige Musik. Daher hier der Song Justify Your Love.

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Gelesen und geblättert Gesellschaft

LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. „Die Gleichung des Lebens“ von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den „Oderbruch“, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

„Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt„, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: „… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …„, oder „Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.“ Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

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Gelesen und geblättert Gesellschaft

LITERATUR: Teju Cole – Open City

Durchaus ein Tipp: Man liest Bücher, in denen irgendwelche Handlungen oder Verstrickungen dargestellt werden. Das Buch von Teju Cole, Open City, ist anders: Es passiert nichts! Aber es fesselt einen. Das macht das Buch aus, es ist zu empfehlen! Ich habe es in Englisch gelesen, es gibt auch die deutsche Übersetzung.
Julius geht durch New Yorks Straßen. Und – kürzer – durch Brüssels Straßen. Er will seine dort vielleicht noch lebende Großmutter aufsuchen. Streifzüge durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York (allerdings 2011, also deutlich vor Donald Trump geschrieben!). Wer New York kennt, wird allein schon vieles wieder erkennen. Er geht und beobachtet. Es sieht Menschen, er spricht mit Menschen, er beschreibt Szenen, ihm fallen Dinge auf. Mit wenigen Worten kann er die Dinge wunderbar ausdrücken. Immer mit dem Wechsel zwischen dem, was er sieht, und dem, was er damit assoziiert oder für was es steht. Immer wieder kommen Gedanken – eigene Gedanken und die Gedanken derer, mit denen er spricht – an große und kleine Zusammenhänge zum Vorschein. An Aktuelles und an Vergangenes. Und er erinnert sich. Er ist ein junger Psychiater mit afrikanischen Wurzeln (Nigeria). Das Buch wird nicht nur von Beobachtungen getragen, auch von seinen persönlichen Erinnerungen. Seine Kindheit, seine Familie, seine Ausbildung, sein Job. Alles ganz normal, aber eben doch mit Besonderheiten, die in jedem Leben geschehen. Jeder trägt und trug so etwas mit sich herum. Es ist überall anders, aber jeder hat seine Dinge um sich und mit Recht. Es geht um Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen, das vergangene Leben, das aktuelle Leben. Auffallend ist die gelassene große Distanz, mit der er alles beobachtet, anhört, durchdenkt. In Amerika war das Buch es ein großer Erfolg! Sein zweites Buch beschäftigt sich dann mit Nigeria.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe (Suhrkamp);
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.
HIER ein interessantes langes Portrait über Teju Cole von Deutschlandradio Kultur.
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Gesellschaft

THEATER: Maxim Gorki – Kinder der Sonne

„Uns geht es doch gut!“. Und diejenigen, denen es gut geht, sitzen gerne unter ihrer Käseglocke. Es war schon immer so und wird so bleiben. Man kennt es auch aus aktuellen Zeiten, Nationalismus etc. Es war auch um 1900 in Russland der Anlass für Maxim Gorki, das Stück „Kinder der Sonne“ zu schreiben. Das Stück wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Ich habe es am Wochenende gesehen.
Außerhalb der Käseglocke, unter der die „Kinder der Sonne“ lebten, wütete damals – als Maxim Gorki das Stück geschrieben hatte – Armut und Wut, soziale Unruhen kamen auf, Revolutionsgedanken. Eine große Cholerepidemie lag damals gerade ein paar Jahre zurück. (Gorkis Vater war Opfer einer noch früheren Choleraepidemie gewesen, war daran gestorben.) Die Cholera hatte natürlich vor allem die armen Schichten ergriffen. Die Epidemie um 1900 war also auch ein soziales Thema. Es kam im Anschluss zum  „blutigen Sonntag“ in Petersburg, der brutalen Niederschlagung einer Demonstration. Maxim Gorki kam ins Gefängnis.

Aber unterhalb der Käseglocke ging alles schön weiter. Beziehungen, Wissenschaft, Kunst etc.  Klamauk. Die sozialen Unruhen „draußen“ werden in der Inszenierung des Stückes „Kinder der Sonne“ vielleicht fünfmal kurz erwähnt,  Lisa, die Schwester des Wissenschaftlers Protassow, spricht es (siehe das Beitragsbild, Mathilde Bundschuh) in zwei kurzen Monologen deutlich an und vier/fünf Rabauken stürmen am Ende des Stückes die Bühne. Davor konnte man über mehr als zwei Stunden lang dem Klamauk einer Beziehungsgeschichte unter der Käseglocke folgen. Es wird leider auch durchgängig gespielt wie ein Boulevardstück. Vor allem Norman Hacker als Wissenschaftler Protassow wirkt manches Mal zu boulevardmäßig in seiner hilflosen Art. Ob Maxim Gorki das Stück, das er immerhin nachts mit Sondererlaubnis im Gefangnis geschrieben hatte, so klamaukhaft verstanden hat, bezweifele ich. Aber das Münchner Publikum scheint zufrieden. Die Käseglocke wird nur kurz gelüftet. Dann wird es doch ein „schöner Theaterabend“. „Wir haben Maxim Gorki gesehen!“.

Wir haben die Käseglocke, gerade in Bayern und in München! Nur spielt sich außerhalb der Käseglocke heute anderes ab. Aber damit wird das Münchner Publikum durch diese Inszenierung nicht belästigt. Erstaunlich, dass im Programmheft des Residenztheaters auf Cholerafälle in Jordanien verwiesen wird. Schrecklich genug, aber es wäre fast verlogen, das als Anlass für die Inszenierung zu nennen. Als haben wir nicht ganz andere Themen! Es geht nicht mehr um soziale Unruhen in Russland! Aufkommender Nationalismus, Umweltzerstörung weltweit, vieles im Bereich „Produktionsweise für unseren Konsum“, Armut, etc. Das als Beispiele! Davon will der Münchner Theatergänger aber nichts wissen. Obwohl die Inszenierung durchaus in der heutigen Zeit ansetzt. So das Bühnenbild, so die Kostümierung. So auch etwa Einzelheiten wie das Staubsaugen mit Handstaubsauger durch Fima (das Dienstmädchen). Ich hätte mir z. B. gewünscht (ein Milo Rau hätte es wahrscheinlich gemacht), dass in dem Moment, wo die Rabauken die Bühne einnehmen, im Hintergrund auf Leinwand wirklich aktuelle Bilder des Weltgeschehens gezeigt werden. Bilder von „Außerhalb der Käseglocke“. Es hätte dem Stück schlagartig Brisanz gegeben. Dann hätte man Angst bekommen können. Im Programmheft heißt es ja, den Personen unter der Käseglocke stecke die Angst in den Knochen. Aber offenbar soll in dieser Inszenierung quasipolitisch nichts ausgesagt werden. Es wird nur etwas angedeutet. Und das, obwohl die Inszenierung, wie gesagt, bewusst in die heutige Zeit geholt wird.  Es war insoweit harmlos, der Blutdruck solle geschont werden.

Man kann sogar weiter gehen: Die Inszenierung führt den Zuschauer in die Irre. Und es zeigt sich noch etwas:  Das Residenztheater zeichnet sich großteils (mein Eindruck) dadurch aus, dass die fast immer sehr gut besuchten Stücke im wesentlichen von älteren Menschen besucht werden. Das ist ncht negativ gemeint. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Der gediegene Münchner geht aber gerne für einen schönen Theaterabend ins Residenztheater! Von daher ist der Charakter der dortigen Inszenierungen nicht unbedingt progressiv. Aber mit „Kinder der Sonne“ wird es schon fast auf die Spitze getrieben.
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich persönlich gerne Theaterabende erlebe, die aufrütteln, beunruhigen, Neues zeigen, irritieren etc.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Dashuber

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Gesehen und gehört Gesellschaft

THEATER und MUSIK: Florence and The Machine – Various Storms and Saints

Der Blogbericht und die Musik unten gehen zurück auf die Inszenierung „Juliet & Romeo“ in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des US-Amerikaners Trajal Harell. Ich hatte es schon gesehen, HIER mein damaliger Blogbericht. Ich habe es ein zweites Mal angesehen, wie so oft. Theaterstücke zweimal anzusehen kann ich empfehlen! Es müsste ein vergünstigtes Angebot zum Kauf von Karten zweier Aufführungen desselben Stückes geben! Einmal ansehen ist oft nur halb ansehen!

Juliet & Romeo geht zurück auf Romeo und Julia von Shakespeare. Die Inszenierung von Trajal Harell ist ein Extrakt der Geschichte um Romeo und Julia. Es geht nicht um die altbekannte Geschichte: Romeo flieht nach der Ermordung des Cousins von Julia, Tybald, nach Mantua, Julia soll verheiratet werden, nimmt einen Schlaftrunk, stellt sich tot, jemand berichtet Romeo fälschlicherweise, Julia sei tatsächlich gestorben. Romeo eilt zurück und bringt sich angesichts seiner Liebe und Trauer um Julia um, Julia wacht wieder auf, tötet sich daraufhin auch angesichts des Todes von Romeo. Im Zentrum der Aufführung von Trajal Harell steht die Trauer. Die Trauer und Erinnerung von Julias Amme. Alles ist nur noch Erinnerung. Die Bühne zeigt am Boden zwei tiefergelegte Gräber, eines in mattten Blautönen, eines in matten Rottönen. Mehr ist nicht auf der Bühne. Das „Geschehen“ der Inszenierung findet um die Gräber herum statt. Trajal Harell selbst spielt die Amme. Im Zentrum der Trauer steht ein Tanz von Trajal Harell, untermalt von der Musik, die ich hier bringe: Florence and The Machine mit Various Storms and Saints. Zugegeben kein lustiges Lied. Trajal Harell drückt in wunderbaren Bewegungen sitzend Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus. Das muss man erst einmal schaffen!

Shakespeares Drama ist für Harrell initiierendes Sprungbrett für sein Unterfangen. Harells Trauer – als Amme – befasst sich grundsätzlich mit dem Tod und der Erinnerung. In der modernen Zeit findet er einen Ansatz in Fashion Shows, ebenfalls Sinnbild für Vergänglichkeit. Und überall spielt der Tod hinein. Wir können uns noch so sehr präsentieren, gegeneinander kämpfen etc., schön machen, behaupten: Der Tod spielt überall mit. Haltung und Formgebung bleiben letztlich sinnlos. Erstmals arbeitet Trajal Harell mit Schauspielern. Ein weiterer Eindruck: Trajal Harell vereint am Rande der Bühne eine Art Gesamtschmerz in sich, ein Schmerz, der die Welt regiert, der auch heute gegenwärtig ist. Dessen wir uns auch immer bewusst sein müssen. Die anderen Mitwirkenden, allesamt mänliche Tänzer und Schauspieler, zeigen dagegen Konkreteres. Sie deuten Motive aus Romeo & Julia an, sie deuten das Verhalten von Models auf Fashion Shows an. Sie zeigen Trauer, aber die konkretere Trauer von Romeo und Julia. Sehr beeindruckend die Szene, in der Thomas Hauser in langen Zügen Julias Trauer und Selbstmord zeigt! Dass keine weiblichen Tänzerinnen/Schauspielerinnen mitwirken, passt gut, um dem Stück nicht zu nahe zu kommen.

Zwei der acht Mitwirkenden sind Schauspieler der Kammerspiele, Thomas Hauser und Damian Rebgetz.

Zum Video: Der Song beginnt nach 50 Sekunden! HIER der Songtext. Es ist wahrlich kein einfacher Text. Er wird Passendes ausdrücken! Ich werde ihn mehrfach lesen müssen.

 

Copyright des Blogbildes: Orpheas Emirzas