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Gesehen und gehört

THEATER: Karen Breece – Oradour

Es gab verschiedene „schnelle“ Gründe, „Oradour“ von Karen Breece im HochX anzusehen. Ein heikles Thema ist es ohnehin, siehe weiter unten. Es geht ja wieder einmal um das Erinnern an Gräueltaten der Nazis. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die nach Renovierungsarbeiten im Herbst 2016 wiedereröffnet wurde.

Gezeigt werden im HochX in der Regel Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance und Medienkunst mit Gastspielen der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals der Landeshauptstadt München wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO.

Das Stück Oradour ist (vorerst) noch zweimal zu sehen, am 23. und am 24. Februar 2018.

Ein Grund, es anzusehen, war: Oradour ist ein Stück, das von der Amerikanerin Karen Breece geschrieben wurde. Sie arbeitet fast dokumentarisch und übersetzt es in Theaterproduktionen. Karen Breece bringt demnächst an den Kammerspielen das Stück Don’t Forget To Die. Es wird um das Altern gehen.

Nächster Grund: Oradour wird gespielt von Benny Claessens und Katja Bürkle, zwei sehr unterschiedlichen Vollblutschauspielern, die mich schon oft überzeugt haben. Gerade diese Kombination machte es interessant.

Weiter: Benny Claessens war einige Jahre lang teils umstrittenes, teils gefeiertes Ensemblemitglied bei den Kammerspielen. Er bringt in Kürze an den Kammerspielen die wohl sehr persönliche Performance Hello Useless – for W and Friends.

Und: Auch Katja Bürkle war einige Jahre lang in den Kammerspielen. Sie ist seit kurzem am Residenztheater in München. Dort ist sie bisher im furiosen Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und im Stück „Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr zu sehen. Jeweils in Hauptrollen. Beides sehenswert. Die Inszenierung „Jagdszenen aus Niederbayern“ wiederum lief auch an den Münchner Kammerspielen.

Noch ein Grund: Das Stück Oradour im HochX wird in Kooperation mit den Kammerspielen gezeigt, von denen ich ja oft berichte.

Noch einer: Im weit bekannten Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink geht es – wie im Stück „Oradour“ – um ein Kriegsverbrechen, das (im Roman) demjenigen von Oradour zumindest sehr ähnelt. 642 Einwohner des Dorfes Oradour sur Glane wurden ermordet. Die Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in einer Kirche zusammen getrieben, die von deutschen Soldaten beschossen und in Brand gesetzt wurde. Bis heute wurde keiner der Täter vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt.

Also wahrlich viele schnelle Gründe, das Stück anzusehen. Oradour sur Glane, der französische Ort, an dem die Deutschen am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, dieses zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieg in West Europa verübt hatten.

Gleichzeitig fand in München die Sicherheitskonferenz statt, auf der es wieder einmal um weltweite Konflikte geht. Man lernt nicht aus der Vergangenheit!

Es lässt sich viel sagen zu dem Stück. Dementsprechend weit gefächert sind auch die Kritiken. Das Thema ist ja: Wie erinnert man sich an diese Gräueltaten? Man hat ja nichts anderes mehr, als die Erinnerung. Man hat ja nur noch die Nachfahren. Wie soll man damit umgehen? Es ist noch nicht lange her! Vergessen wäre wahnsinnig! Benny Claessens stellt es einmal mit dem Wort „Schlussstrich“ in den Raum.

Mein Eindruck: Die Inszenierung bringt als solche eine durchaus beeindruckende Annäherung an das Thema. Man muss schlichtes, konzentrierts Theater mögen. Kein Brimborium, zwei wunderbare Schauspieler, schlichte Bühne, konzentrierte Texte. Ein grüner Rasen, Mikrofone und Kopfhörer. Interessant etwa, dass Katja Bürkle hier im Gegensatz zu ihren aktuellen sonstigen Stücken (auch Hamlet in den Kammerspielen) m. E. nachdenklicher, nicht so intensiv spielt. Benny Claessens dagegen zeigt viel von der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und dem Abstand dessen, der mit diesem  Erinnern konfrontiert ist. Andererseits aber frage ich mich, warum es Karen Breece um das Thema der Erinnerung geht. Die Erinnerung muss sein, aber sie bleibt natürlich hilflos! Die hohe Politik, die für derartige Gräuel verantwortlich ist, erinnert sich nicht! Siehe Syrien. Aber sie muss bleiben, die Erinnerung! Die Erinnerung, die beide Schauspieler teils durch Kopfhörer an den Bühnenwänden aufnehmen und in einzelnen Szenen zeigen. Eine Gedenkfeier alter Nazis, ein kleines Mädchen, das dem Grauen entkam, ein Veteran etc.

Copyright des Beitragsbildes: Lothar Reichel

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Gesehen und gehört

MUSIK: Matija

Matija. Matija Kovac. Ich hatte ihn mal vor zwei Jahren etwa auf einer kleinen Session erlebt. In einem kleinen Popup-Store in der Hildegardstraße in München, M+. Er hatte was, fand ich! Er hatte damals gerade sein Abitur auf dem Maxgymnasium gemacht. Matija nannte damals seine Band noch „The Capitols“. Jetzt hatte ich irgendetwas von ihm gelesen. Im März hat er einen Auftritt in München. Und es gibt eine CD: 5th Avenue. Mir gefällt nicht alles von ihm, ich bin ja oft eher für recht bedächtige Musik. Daher hier der Song Justify Your Love.

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Sonstiges

THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation „50 Jahre nach 1968“ gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung „1968„. Man kann sagen „politisches Theater“. Ein Transparent „KEINE ANGST“ hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“, das 2016 in der Zeitschrift „Liberation“ veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema „Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon „post-“ (postmodern etc.), wir sind zu spät!“. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.“

Die französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“ ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen „besetzten“. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: „Teach-In’s“ vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine „Speakers Corner“ vor dem Theater und in München, der „begehbare Tempel“ T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher „Reader“ mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: „Wo stehen wir heute?“, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter „belästigt“.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: „Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes „Vietnam-Diskurs“ zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein „ästhetischer Approach“ an die damaligen Themen, nach dem Motto „Wir stellen das alles nochmal schön dar!“. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns“. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.

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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. „Die Gleichung des Lebens“ von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den „Oderbruch“, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt„, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: „… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …„, oder „Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.“ Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

MUSIK: Noga Erez – Black Friday

Eine israelische Sängerin – Noga Erez – jung – 2017 ihr Debutalbum – ich weiß nicht viel über sie. Sie mag Israel, aber nicht die Politik Israels. Am 08. und 09. Juni ist sie in München! Ihre Website ist HIER.

Israelische Medien feiern sie als Stimme einer Generation junger Israelis, die sich nicht mit Premier Benjamin Netanyahu und seiner konservativ-orthodoxen Sicherheits- und Siedlungspolitik identifizieren können. Einer Generation junger Israelis, die von Gewalt und Terrorangst genug haben und sich nach Frieden in ihrem geteilten Land sehnen. Frustrationen und Ängste kann man auch in ihrer Musik hören. Hier der Song Black Friday, mit fast vorwurfsvoller junger Power, aber nicht nur Protest! Es hat durch den Hintergrundsound und auch durch die Bühnenbeleuchtung etwas von einem U-Boot. „Schiffe versenken“.

 

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THEATER: Die 10er – Auswahl

BRANDAKTUELL: Vor 15 Minuten kam die Info: Die 10 bemerkenswertesten Stücke deutschsprachiger Bühnen, die zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen werden, sind gerade bekannt  gegeben worden! Die Münchner Kammerspiele sind ZWEIMAL vertreten! Hier die Pressemitteilung:

Die Kritiker*innen Margarete Affenzeller, Eva Behrendt, Wolfgang Höbel, Andreas Klaeui, Dorothea Marcus, Christian Rakow und Shirin Sojitrawalla sichteten und diskutierten im Zeitraum vom 28. Januar 2017 bis 21. Januar 2018 insgesamt 409 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gestern Abend, in der finalen Jurysitzung, trafen sie ihre Auswahl der 10 „bemerkenswerten Inszenierungen“ der Saison, die für eine Einladung zum 55. Theatertreffen nominiert wurden:

„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek
Regie Falk Richter | Deutsches Schauspielhaus Hamburg

„BEUTE FRAUEN KRIEG“ Ein Zyklus im Schiffbau
Fassung unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel nach Euripides (Interlinearübersetzung Gregor Schreiner) und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima nach Euripides.
Regie Karin Henkel | Schauspielhaus Zürich

„Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer“
Regie Antú Romero Nunes | Thalia Theater, Hamburg

„Die Welt im Rücken“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle
Regie Jan Bosse | Burgtheater, Wien

„Faust“ nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie Frank Castorf | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
(Intendanz Frank Castorf)

„Mittelreich“ Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler
Konzept und Regie Anta Helena Recke | Münchner Kammerspiele

„Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge / Ida Müller
Nationaltheater Reinickendorf, Berlin. Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele/Immersion

„Rückkehr nach Reims“ nach dem gleichnamigen Roman von Didier Eribon
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. In einer Fassung der Schaubühne.
Regie Thomas Ostermeier | Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Koproduktion mit dem Manchester International Festival (MIF), HOME Manchester und dem Théâtre de la Ville Paris

„Trommeln in der Nacht“ von/nach Bertolt Brecht
Regie Christopher Rüping | Münchner Kammerspiele

„Woyzeck“ Schauspiel von Georg Büchner
Regie Ulrich Rasche | Theater Basel
Zum PDF mit den Jurybegründungen

Die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer zur diesjährigen Auswahl:
Die Arbeiten der diesjährigen Auswahl zeigen durch die unterschiedlichen Generationen und Kontexte hindurch entschiedene Perspektiven auf unsere komplexe Gegenwart. Das Theater vertraut dabei auf seine genuinen Mittel und die Lust am Spiel. Die Protagonist*innen sind oft zerbrochene und zerbrechende Charaktere, die die Welt durch ihre individuelle Wahrnehmung filtern und so neue Realitäten erzeugen. Hervorgebracht werden sie von Ausnahmespieler*innen, die sowohl im Ensemble als auch auf Solowegen ihre Kraft entfalten. Sie stellen, ebenso wie die Regisseur*innen, die Fragen: Wer spricht, wer darf sprechen und was wird eigentlich erzählt?

 

Die Gesamtliste der von der Jury diskutierten Inszenierungen ist ab sofort auf der Webseite der Berliner Festspiele veröffentlicht.

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Gelesen und geblättert

LITERATUR: Teju Cole – Open City

Durchaus ein Tipp: Man liest Bücher, in denen irgendwelche Handlungen oder Verstrickungen dargestellt werden. Das Buch von Teju Cole, Open City, ist anders: Es passiert nichts! Aber es fesselt einen. Das macht das Buch aus, es ist zu empfehlen! Ich habe es in Englisch gelesen, es gibt auch die deutsche Übersetzung.
Julius geht durch New Yorks Straßen. Und – kürzer – durch Brüssels Straßen. Er will seine dort vielleicht noch lebende Großmutter aufsuchen. Streifzüge durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York (allerdings 2011, also deutlich vor Donald Trump geschrieben!). Wer New York kennt, wird allein schon vieles wieder erkennen. Er geht und beobachtet. Es sieht Menschen, er spricht mit Menschen, er beschreibt Szenen, ihm fallen Dinge auf. Mit wenigen Worten kann er die Dinge wunderbar ausdrücken. Immer mit dem Wechsel zwischen dem, was er sieht, und dem, was er damit assoziiert oder für was es steht. Immer wieder kommen Gedanken – eigene Gedanken und die Gedanken derer, mit denen er spricht – an große und kleine Zusammenhänge zum Vorschein. An Aktuelles und an Vergangenes. Und er erinnert sich. Er ist ein junger Psychiater mit afrikanischen Wurzeln (Nigeria). Das Buch wird nicht nur von Beobachtungen getragen, auch von seinen persönlichen Erinnerungen. Seine Kindheit, seine Familie, seine Ausbildung, sein Job. Alles ganz normal, aber eben doch mit Besonderheiten, die in jedem Leben geschehen. Jeder trägt und trug so etwas mit sich herum. Es ist überall anders, aber jeder hat seine Dinge um sich und mit Recht. Es geht um Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen, das vergangene Leben, das aktuelle Leben. Auffallend ist die gelassene große Distanz, mit der er alles beobachtet, anhört, durchdenkt. In Amerika war das Buch es ein großer Erfolg! Sein zweites Buch beschäftigt sich dann mit Nigeria.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe (Suhrkamp);
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.
HIER ein interessantes langes Portrait über Teju Cole von Deutschlandradio Kultur.
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THEATER und MUSIK: Florence and The Machine – Various Storms and Saints

Der Blogbericht und die Musik unten gehen zurück auf die Inszenierung „Juliet & Romeo“ in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des US-Amerikaners Trajal Harell. Ich hatte es schon gesehen, HIER mein damaliger Blogbericht. Ich habe es ein zweites Mal angesehen, wie so oft. Theaterstücke zweimal anzusehen kann ich empfehlen! Es müsste ein vergünstigtes Angebot zum Kauf von Karten zweier Aufführungen desselben Stückes geben! Einmal ansehen ist oft nur halb ansehen!

Juliet & Romeo geht zurück auf Romeo und Julia von Shakespeare. Die Inszenierung von Trajal Harell ist ein Extrakt der Geschichte um Romeo und Julia. Es geht nicht um die altbekannte Geschichte: Romeo flieht nach der Ermordung des Cousins von Julia, Tybald, nach Mantua, Julia soll verheiratet werden, nimmt einen Schlaftrunk, stellt sich tot, jemand berichtet Romeo fälschlicherweise, Julia sei tatsächlich gestorben. Romeo eilt zurück und bringt sich angesichts seiner Liebe und Trauer um Julia um, Julia wacht wieder auf, tötet sich daraufhin auch angesichts des Todes von Romeo. Im Zentrum der Aufführung von Trajal Harell steht die Trauer. Die Trauer und Erinnerung von Julias Amme. Alles ist nur noch Erinnerung. Die Bühne zeigt am Boden zwei tiefergelegte Gräber, eines in mattten Blautönen, eines in matten Rottönen. Mehr ist nicht auf der Bühne. Das „Geschehen“ der Inszenierung findet um die Gräber herum statt. Trajal Harell selbst spielt die Amme. Im Zentrum der Trauer steht ein Tanz von Trajal Harell, untermalt von der Musik, die ich hier bringe: Florence and The Machine mit Various Storms and Saints. Zugegeben kein lustiges Lied. Trajal Harell drückt in wunderbaren Bewegungen sitzend Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus. Das muss man erst einmal schaffen!

Shakespeares Drama ist für Harrell initiierendes Sprungbrett für sein Unterfangen. Harells Trauer – als Amme – befasst sich grundsätzlich mit dem Tod und der Erinnerung. In der modernen Zeit findet er einen Ansatz in Fashion Shows, ebenfalls Sinnbild für Vergänglichkeit. Und überall spielt der Tod hinein. Wir können uns noch so sehr präsentieren, gegeneinander kämpfen etc., schön machen, behaupten: Der Tod spielt überall mit. Haltung und Formgebung bleiben letztlich sinnlos. Erstmals arbeitet Trajal Harell mit Schauspielern. Ein weiterer Eindruck: Trajal Harell vereint am Rande der Bühne eine Art Gesamtschmerz in sich, ein Schmerz, der die Welt regiert, der auch heute gegenwärtig ist. Dessen wir uns auch immer bewusst sein müssen. Die anderen Mitwirkenden, allesamt mänliche Tänzer und Schauspieler, zeigen dagegen Konkreteres. Sie deuten Motive aus Romeo & Julia an, sie deuten das Verhalten von Models auf Fashion Shows an. Sie zeigen Trauer, aber die konkretere Trauer von Romeo und Julia. Sehr beeindruckend die Szene, in der Thomas Hauser in langen Zügen Julias Trauer und Selbstmord zeigt! Dass keine weiblichen Tänzerinnen/Schauspielerinnen mitwirken, passt gut, um dem Stück nicht zu nahe zu kommen.

Zwei der acht Mitwirkenden sind Schauspieler der Kammerspiele, Thomas Hauser und Damian Rebgetz.

Zum Video: Der Song beginnt nach 50 Sekunden! HIER der Songtext. Es ist wahrlich kein einfacher Text. Er wird Passendes ausdrücken! Ich werde ihn mehrfach lesen müssen.

 

Copyright des Blogbildes: Orpheas Emirzas

MUSIK: Amy Winehouse – „I love you more than you’ll ever know“ und „Wake Up Alone“

Die phantastische Amy Winehouse wurde nur knapp 28 Jahre alt! Sie wurde am 14. September 1983 in Southgate, London, geboren und starb am 23. Juli 2011 in Camden, London. Ich bringe unten zwei Songs, einen ganzen Abend könnte ich mit ihrer Musik gestalten. I love you more than you’ll ever know und Wake Up Alone.

Sie hätte mehr verdient gehabt: Nach ihrem internationalen Durchbruch hatte sie mit Drogenmissbrauch und mit psychischen Problemen zu kämpfen. Mitschuld an ihrer Drogensucht wurde entsetzlicherweise ihrem Ehemann Blake Fielder-Civil zugeschrieben, mit dem sie 2007 bis 2009 verheiratet war. Er gestand sogar, sie an harte Drogen herangeführt zu haben und sie daran gehindert zu haben, eine Entziehungskur zu machen. Man sieht ihn, Blake Fielder-Civil, in der Sequenz 0:42 des Videos zu Wake Up Alone. Amy Winehouse schaut erst längere Zeit auf den Balkon – die Hand zum Schutz gegen die Lichtstrahler über den Augen. Und dann sagt sie zu ihm in dieser Sequenz sogar: „I love you!“. Man kann es ihren Lippen ablesen!

Von 2007 bis Ende 2008 litt sie außerdem an Bulimie, die durch die Drogensucht ausgelöst worden war. Erst als sie sich Ende 2008 von Blake Fielder-Civil getrennt hatte, gelang es ihr, von den harten Drogen loszukommen. Sie hatte aber wiederum Alkoholprobleme, die sich während ihrer Engiftung verschlimmerten! Am 23. Juli 2011 ist sie an einer Alkoholvergiftung mit 4,16 Promille im Blut (!) tot aufgefunden worden. Sie wurde auf dem Edgwarebury Jewish Cemetery im London Borough of Barnet, einem nördlichen Stadtbezirk von London, beigesetzt.

MUSIK: Lady Gaga – Million Reasons

Ihre Stimme ist einfach gut! Daher hier auch einmal ein Song von ihr – ein recht ruhiger Song. Sorry, es ist simpler Pop, nichts Besonderes, aber für meine Party jetzt auch mal ganz gut! „Ladies and Gentlemen, the incredible Lady Gaga“ mit Million Reasons. Und das Video: Kleider machen Leute!

Wikipedia sagt: Sie wurde am 28. März 1986 als Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York geboren, ist Golden Globe- und sechsfache Grammy-Preisträgerin. Mit dem Debütalbum „The Fame“ gelang ihr 2008 der internationale Durchbruch. Sie zählt mit über 150 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart.

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LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

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Sonstiges

ENDE 2017

Stay with your feet on the ground, but keep reaching for the stars!

Ich erinnere mich: Casey Kasem, Moderator der „American Top 40“ auf AFN Radio. Er beendete seine wöchentliche Radiosendung mit diesem Satz. Von 1970 bis 2004 moderierte er die Musiksendung, die weltweit Beachtung fand. Ich erinnere mich auch an seine Rubrik „Long Distance Dedication“, die innerhalb dieser „American Top 40“ gebracht wurde. Voneinander entfernt wohnende Liebende hatten Gelegenheit, sich mit einem Musikwunsch zu grüßen.

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Allgemein Gesehen und gehört

MUSIK: Kinks – Lola

Die Musik, die ich hier im Blog bringe, hat manches Mal Erinnerungswerte. Nicht immer, aber oft. So etwa das Lied von SIMPLE MINDS, „Don’t you (forget about me)“. Freunde werden dieses Lied immer mit mir verbinden. Stichwort Lausanne, 1983/84. Es wird heute noch angestimmt, wenn es um meine schäbige Vergangenheit geht. Es war ein wunderbares Studienjahr in Lausanne. Heute „Lola“ von den Kinks. Auch dort spielen sie rein, meine Erinnerungen.

In der jährlichen Sommerzeit, in meiner Kindheit und Jugendzeit, verbrachten wir immer drei/vier Wochen auf Sylt, dieser so trostlosen Insel, diesem deutschen Problemviertel! Ich mit den überforderten Eltern und meinen beiden Geschwistern, dem Bruder und der Schwester. Es war jedes Jahr großer Sommerurlaub. Angereist kamen wir mit dem irgendwie finanzierten Auto. Wir, die kleinen Kinder, lagen damals tatsächlich noch unangeschnallt hinten: Einer auf der Fensterablage, einer auf der Rücksitzbank, einer im Fußbereich (!). Ich sehe mich noch im Fußbereich – die Mittelverstrebung störte immer. Ich erinnere mich gut.

Wir wohnten in einem dieser verfallenen, dreckigen, wertlosen Häuschen in Kampen. „Kampen“ klingt schon wie „Lumpen“. Eine armselige Hütte war es. Es gab aber fließend Wasser! Es waren trotzdem schöne Zeiten! Tagsüber lümmelten arme Menschen am Strand „Buhne 16“ in ihren kaputten und verschmutzten Strandkörben – zerschunden, abgearbeitet, müde, ungewaschen, alkoholisiert, stinkend, krank, verletzt, entstellt. Sie lümmelten dort und warteten auf nichts, einfach nichts. Wünschten sich höchstens, dass der Tag doch bitte so bleibe … oder doch bitte vorübergehe. Manche gingen ins kalte Wasser der Nordsee, auch bei Flut.

Am späten Nachmittag sah man sie dann wieder. Man sah sie im Ort, diese Clochards, Bettler, arme unrasierte Menschen. Sie kannten sich alle, von irgendwelchen Brücken im Hamburger Hafen wahrscheinlich. Im „Gogärtchen“ standen sie, die Ärgernisse des Tages mit einem Gläschen Champagner oder schon wieder mit einem Drink – am besten mit beidem – herunterspülend. Es war deprimierend, ja traurig.

Abends und nachts, nachdem sie mit ihren zerkratzten, verbeulten und klappernden Lamborghinis oder Porsches in ihre erbärmlichen, dem Verfall preisgegebenen, mit Reet notdürftig gedeckten Hütten in Kampen/Wattseite auf Sylt gerumpelt waren, kamen einige wieder in die Dorfstraße. In den „Rauchfang“ etwa, schräg gegenüber vom billigen „Gogärtchen“, der Absteige, in der erst einmal noch der Dreck des Nachmittags beseitigt werden musste. Ich glaube der Treffpunkt am Abend hieß „Rauchfang“. Dort sah man sie also wieder, diese ungepflegten, schmutzigen Clochards, ihre billigen Frauen (oder waren es Nutten?). Sie trugen ihr letztes Hemd, ihre letzte verdreckte und eingerissene Hose, meist abgelatschte, verbrauchte und verdreckte Schuhe. Sonnenbrand auf der Stirn. Und dort kam auch dieses Lied von den Kinks, „Lola“. Jeden Abend kam es.

Ich sehe sie dann auf den wackelnden Tischen herumzappeln, sie ließen sich hemmungslos gehen. Es war der Höhepunkt des Abends. Ein Ritual. Als hätten sie tatsächlich Spaß am Leben. Betrunken grölte man auf den Tischen „Lola“ mit. Ich sehe es vor mir. Hier also das Lied:

THEATER: „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht

Eigenartig! Gestern war in den Kammerspielen die „Premiere“ der ZWEITEN Version von „Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Ich wieder hin! (Damit sich der geneigte Blogleser nicht wundert: Ich wohne ca. 100 m entfernt von den Kammerspielen und habe nun einmal – nach mehreren Operationen vor ein paar Jahren, die mich aus dem Beruf geholt haben – für all das viel viel Zeit. Und Freude, Interesse und hohen Respekt vor der Theaterwelt insgesamt, aber speziell vor den Leistungen und besonders dem spirit der Münchner Kammerspiele, den dort jeder bei sich hat.)

Also, gestern: Eine kleine Abänderung von der Originalversion ist es nur, die dazu führt, dass diese zweite Inszenierung dann nicht „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht (Originalversion), sondern „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht genannt wird. (Siehe meinen Blogbeitrag zur Originalversion HIER.) Es hat sich nicht viel geändert in dieser zweiten Version, nur der Schluss. Die Hauptfigur Andreas Kragler entscheidet sich nach Kriegsrückkehr nicht für die Liebe, sondern für die Revolution, damals der Spartacusaufstand. Bertolt Brecht war ja immer wieder unzufrieden mit der Entscheidung in der Originalversion, also der Entscheidung für die Liebe, nicht für die Revolution. Daher wird in den Kammerspielen derzeit auch die Alternativversion gebracht.

Und doch habe ich das Theater dieses Mal völlig unzufrieden und orientierungslos verlassen. Vielleicht lag es an mir, ich muss es mir noch einmal ansehen. Ich habe es nicht verstanden. Wenn es nicht an mir lag: Die so gute Inszenierung von Christopher Rüping, von der ich in der ersten Version sehr überzeugt war, geriet irgendwie in der zweiten Version aus den Fugen! Nach dem Motto: Es zählt nicht der Mensch, sondern die Idee! Die Idee! Vielleicht ist uns dieser Gedanke heutzutage einfach völlig fremd geworden! Vielleicht war es aber auch zu wortgewaltig, zu kompliziert in der Alternativversion. Irgendwie passte mir der Schluss dieses Mal überhaupt nicht. Es bleibt insgesamt aber bei der sehr gelungenen Inszenierung insgesamt. Vor allem, wie gesagt, waren wieder die Leistungen von Christian Löber und Damian Rebgetz wahrlich überzeugend. Obwohl ich den Eindruck hatte, als hätten sie am vergangenen Donnerstag noch euphorischer gespielt! Vielleicht hatte ich aber auch nur einen schlechten Tag.

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

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LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

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LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“!  Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!

München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt –  ins Gefängnis kam.

Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)

Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.

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THEATER: Gutes Wedding, schlechtes Wedding

Ein kleiner Theatertipp aus Berlin für einen lustigen Abend:

Wer wissen will, warum alles so ist, muss hin. Etwa warum Orkan mit der flotten Arzthelferin Yasemin in ein französisches Feinschmeckerrestaurant geht. Oder wer wissen will, ob beide im Restaurant tatsächlich erst einmal Ayran bestellen. Oder wer wissen will, ob die beiden Politikertypen die Kiezschlampen-Mutter Petra oder deren unangemeldet erscheinende viel attraktivere Schwester Ursula zum Abendessen bevorzugen. Oder wer die dickliche Tina erleben will oder den neuen Werbespot für eine Weddinger Druckerei sehen will, oder oder. Der sollte hingehen. Nein, auch der, der einfach lachen will. Hingehen in das Prime Time Theater in Berlin Wedding. Es läuft die 113. Folge der Sitcom „Gutes Wedding schlechtes Wedding“. Man hat einen herrlich komischen Abend vor sich. Seit 2004 (!) läuft die „einzige Theater-Sitcom der Welt“! Mit Geschichten aus Berlin – über Generationskonflikte, Selbstfindung, Dönerbuden-Lifestyle und Beziehungen aller Art. Mit jeder Menge Humor, Ironie, Selbstironie, Schauspielfreude etc. kommen immer wieder auch – heißt es – „topaktuelle Themen“ auf den Tisch. Die GWSW-Figuren spielen seit über 100 Folgen die herrliche Comedy und ziehen alles Mögliche gekonnt mit viel Klischees und Absurditäten durch den Kakao. Das Hauptfigurenpersonal ist konstant, z.B. Üwele (schwäbischer Sexkundelehrer), Orkan und Taifun (Zwillingstürken aus Kreuzberg), Sabrina (Weddings Kiezschlampe), Kalle (lispelnder Postbote), Ratte (Weddinger Punkerin) und die Prenzlwichser (egozentrische Künstlern).

Die aktuelle Folge 113 heißt „P.S. Ick liebe Dir“. HIER der link zur Website des Theaters. Sie machen es gut, eine runde Sache!