Kategorie: Gesellschaft
Es gab im vergangenen und im ablaufenden Jahr eine Ausstellung „Manifesto“ mit 12 Videos. Genannt „Kunstinstallation“. Ab 23. November kommt das Ganze im Kino! Die Ausstellung war in Berlin und München zu sehen. In den Videos spielt die australische Schauspielerin Cate Blanchett 13 Rollen. Rollen, in denen sie jeweils nur ein künstlerisches Manifest spricht. Es spielen keine anderen Schauspieler (mit Text). Die Manifeste sind zusammengestellt aus existierenden künstlerischen Manifesten der letzten hundert Jahre zum Thema: Was ist Kunst? Sind die Aussagen in den Manifesten – und hier in den erstelllten „Manifestcollagen“ – heute noch verständlich? Wie hört man sie heute? Gerade dieser Kontrast zwischen den (damaligen) Manifesten und dem heutigen (Alltags-)Leben zeigt sich in den Videos.
Situationismus – Futurismus – Architektur – Blauer Reiter/Expressionismus – Kreationismus – Konstruktivismus – Dada – Surrealismus – Pop Art – Fluxus/Performance – Konzeptkunst/Minimalismus – Film.
HIER ein Interview mit dem Regisseur Julian Rosefeldt. Der Film lohnt sich schon wegen Cate Blanchetts wirklich außergewöhnlicher Leistung und wegen der 12 Videos insgesamt. Es heißt: „Eine Hommage an die poetische Sprengkraft der großen Künstlermanifeste der letzten hundert Jahre.“ Diese Sprengkraft wird durch das Gegenüber der Manifesttexte und der modernen Alltagssituationen auf die Spitze getrieben.
Wieder gibt es Querverbindungen: Julian Rosefeldt lernte – so liest man in der ZEIT – Cate Blanchett über THOMAS OSTERMEIER kennen. Thomas Ostermeier ist seit September 1999 Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung der SCHAUBÜHNE in Berlin. Er hat z. B: in München an den Kammerspielen das wunderbare Stück SUSN von Herbert Achternbusch inszeniert.
HIER der link zur Website zum Film und HIER der Filmtrailer.
Und hier unten als Beispiel für Cate Blanchetts wirklich beeindruckende Leistung (alles wurde innerhalb von drei – drei! – Tagen gedreht, glaube ich mich zu erinnern) noch ein Bild zu einem der Videos. Ein Bild aus dem Buch zur Ausstellung. Im Buch finden sich alle Manifestcollagen auf Englisch und in einem Beihefter auf Deutsch, plus Aufnahmen und weitere Texte zum Thema. Interessantes Buch, siehe das Blogbild. Es lohnt, erst die Manifestcollagen zu lesen und dann den Film zu sehen!


Julian Rosefeldt, © Jens Kalaene/dpa/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Für den Theaterfreund: Premiere an der Berliner Volksbühne! Das erste Stück unter dem neuen, dem höchst umstrittenen Intendanten CHRIS DERCON. Fast das Ereignis des Theaterjahres. Nach dem Abgang des Intendanten Frank Castorf. Castorf war Intendant der Volksbühne seit 1992! Die Kritiken sind durchgehend verheerend! „Selten bis nie“ … liest man solch niederschmetternde, krasse Premierenkritiken. Etwa in der FAZ: Eine „Beleidigung“ für Publikum wie für Darsteller sei der Eröffnungsabend gewesen; es zeuge von höhnischem Hochmut, dazu überhaupt einzuladen. !!
HIER ein Presserundschau von Deutschlandradio Kultur. HIER die Kritik der Sueddeutschen Zeitung. HIER die Kritik der FAZ.
Es bleibt spannend an der Volksbühne! Immerhin arbeiten mit Chris Dercon so interessante Personen wie SUSANNE KENNEDY oder ALEXANDER KLUGE! Susanne Kennedy hat ja beispielsweise an den Münchner Kammerspielen zuletzt Die Selbstmord-Schwestern nach Motiven des Romans von Jeffrey Eugenides inszeniert . HIER mein damaliger Bericht im Blog. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Volksbühne Berlin, wo sie ab Frühjahr 2018 im Repertoire zu sehen sein wird.
SONSTIGES: mut in Bayern
Ich hatte es schon einmal erwähnt: Es gibt eine neue Partei in Bayern: mut. Finde ich interessant! „Es ist Zeit zu handeln“ war zu Beginn vor vier Monaten Slogan der Initiative. Mittlerweile gibt es den Parteinamen „mut“. Gut, wir leben im wunderbaren Bayern oder wunderbaren Deutschland. Aber viele Menschen sehen, dass es „so nicht weitergeht“. Der Wohnungsmarkt, Fragen zur Flüchtlingssituation, die soziale Schere, Sozialberufe, Pflegedienst, Klimaschutz, Kohleausstieg, Tierhaltung, Umweltschutz etc. Die Liste ist lang. Es gibt viele Punkte, die einmal neu gedacht und bearbeitet werden könnten. Mich interessiert vor allem, ob und wie es gelingen kann, Themen wirklich mit neuen Ansätzen anzugehen. Ich verfolge die Aktivitäten der neuen Partei mut und bin Mitglied geworden. Es geht darum, bestimmte Werte nicht mehr und mehr verkommen zu lassen. Die WERTE der Partei sind Schutz der Bürgerrechte/Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Vielfalt, ökologische Transformation und nachhaltige Friedenssicherung/Asyl und Migration. Wen es auch interessiert, der findet hier die Kopie des letzten Mitgliederschreibens und oben den Link auf die Website der Partei. Es sind sicherlich Themen, die nicht nur Bayern betreffen.
Die Sondierungsgespräche in Berlin steuern ja auch nicht gerade auf klare Ergebnisse zu. Mal sehen.
Liebe Mitglieder,
neben unseren vielfältigen Aktivitäten, zuletzt z.B. der mut-Regionalkonferenz in Bamberg am 22. Oktober und der Mahnwache vor dem dortigen Aufnahme- und Abschiebelager für Geflüchtete am selben Tag, haben wir uns am letzten Oktober-Wochenende ein wenig Zeit genommen, um uns über Inhalte und Strategien mit Blick auf die bayerische Landtagswahl 2018 auszutauschen.
Im Zentrum der Diskussionen stand dabei neben organisatorischen Fragen insbesondere die Auswahl inhaltlicher Schwerpunktthemen für das kommende Jahr. Wichtig erschien uns dabei, dass wir uns im Wahljahr auf einige wenige inhaltliche Schwerpunkte konzentrieren. Auf der Klausur haben wir uns darauf geeinigt, dass wir neben einer menschenwürdigen Politik von A bis Z (Asyl bis Zuwanderung) vor allen Dingen auch die Problematik des Wohnens und der Wohnungspolitik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken wollen, die nicht nur in den bayerischen Städten, sondern auch im ländlichen Raum immer drängender wird. Zudem wollen wir Fragen der Kinderarmut thematisieren sowie, als einen konkreten Reformbaustein, die Diskussion um die Gemeinschaftsschule konsequent vorantreiben. Natürlich gibt es Querschnittsthemen, die immer eine Rolle spielen werden – schon aus dem Selbstverständnis von mut, wie etwa das der fraglosen Anerkennung der vielfältigen Lebensentwürfe in unserer Gesellschaft. Und es gibt selbstverständlich weitere Fragen, auf die wir eine Antwort haben müssen, wie die der Energieversorgung in Bayern, die wir neben unseren aktiven Schwerpunkten systematisch weiterverfolgen werden.
All diese Fragen wollen wir immer vor dem Hintergrund unserer programmatischen Eckpunkte thematisieren und ausbuchstabieren: Die unbedingte, unteilbare und gleiche Achtung der Würde und der Rechte aller Menschen ist unsere oberste Leitlinie, ganz gleich ob es um Wohnungs- oder Schulpolitik oder jede andere Frage gesellschaftlicher Gestaltung geht.
Nach wie vor suchen wir dabei engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die mit mut nach Veränderung streben. Um bei den Landtagswahlen mit Erfolgsaussichten antreten zu können, brauchen wir Aktive, Mitglieder und Organisationsstrukturen in ganz Bayern – noch aber gibt es einige mutlose Flecken auf der bayerischen Landkarte. Wir möchten Euch daher ermutigen, Euch nach wie vor oder auch noch mehr als bislang bei uns einzubringen. Anbei findet Ihr eine Liste mit Themen – wir bitten Euch anzukreuzen, wo Ihr Euch gern einbringen würdet. Und überlegt doch bitte ganz konkret, wo Ihr Menschen kennt, die Ihr für die Ideen von mut gewinnen könnt. Für die Wahl werden wir nicht nur in allen Regierungsbezirken des Freistaats, sondern auch möglichst in allen Stimmkreisen Präsenz zeigen müssen – nicht zuletzt mit Menschen, die für mut kandidieren wollen. Also macht mit, sprecht andere an, meldet Euch bei uns, bringt Euch ein! Gemeinsam können wir es schaffen, im nächsten Landtag eine lautstarke Stimme für Menschenwürde zu sein.
Herzliche Grüße
Stephan für den Vorstand
Heute eine kleine Empfehlung:
Auf 3sat kann man am SAMSTAG, DEN 11.11.2017 um 20.55 Uhr eines der Stücke ansehen, die 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Es lohnt sich für den Theaterfreund! Gezeigt werden dort ja jährlich die zehn beeindruckendsten Stücke deutschsprachiger Bühnen. Die Räuber von Friedrich Schiller, Inszenierung vom Münchner Residenztheater wird gezeigt. Es ist eine beeindruckende Inszenierung! Ich fand damals, es kam einer Operninszenierung nahe. Vom Bühnenbild her, von der Art der Darbietung, von der Musik! In Berlin konnte es nicht gezeigt werden wegen der Komplexität des Bühnenapparates. 3sat schreibt zurecht: Ein Klang-Raum-Sprachspektakel entsteht, dessen Sog man sich nur schwer entziehen kann. Überwältigungs-Theater. Ich hoffe nur, dass das im Fernsehen auch rüberkommt. Am besten mit Kopfhörer ansehen!
HIER der link zur 3sat-Seite über das Stück.
Davor, um 20.15 Uhr, kann man sich übrigens auch auf 3sat schon eine kleine Dokumentation über das Stück und verschiedene Inszenierungen dazu in der Reihe WAHNSINNSWERKE ansehen. Samy Deluxe hat einen Rap dazu komponiert.
HIER noch der link zur Seite des Münchner Residenztheaters zum Stück.
Copyright des Blogbildes: Andreas Pohlmann
Es könnte doch ein Theaterabend werden, der irgendwie lohnt, dachte ich. Es geht um die moderne Arbeitswelt, hier in einer Kulturredaktion einer New Yorker Zeitschrift. Gloria heißt das Stück, von Branden Jacobs-Jenkins. Branden Jacobs-Jenkins wird in einem Interview – zu lesen bei http://www.residenztheater.de (HIER) – beschrieben als „one of the most exciting young dramatists working today,” und man zähle ihn zu den in den USA „most original and illuminating writers.” Branden Jacobs-Jenkins hat eine Zeitlang im Magazin The New Yorker gearbeitet. Ich kenne die Verlagsbranche in- und auswendig, habe fast 15 Jahre lang ausschließlich als Rechtsanwalt für das Verlagshaus BURDA gearbeitet. Ich kenne jede Abteilung. Und: Im Stück spielen zwei neue Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters mit: Cynthia Micas und Lilith Hässle. Also es gab Gründe, hinzugehen.
Zum Inhalt:
Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines New Yorker Magazins. Jeder denkt nur an sich. Vieles am Job ist eigentlich (wie es oft im Stück heißt) „scheiße“. Es ist eben ein Sprungbrett für die Karriere. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und (wie die Bloggerin Kendra) auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet sind. Dean, der „Dienstälteste“ der Redaktion, fühlt sich als Romanautor. In Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Eine ganz moderne Situation. Für das Magazin schreiben tut eigentlich keiner, sie haben alle kleinere Aufgaben. So kommt es, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria ist seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben. Sie hat keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs. Keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert.
Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende von Glorias Amoklaufs am Tag nach ihrer Party in der Redaktion – sie erschießt manche ihrer Kollegen und sich selbst – und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten. Wieder: Die persönliche Karriere, der persönliche Erfolg! Ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf können gleichermaßen zu trauriger Berühmtheit führen, die sie ja alle weiterhin anstreben.
Also: Ein Amoklauf als letzter Aufschrei mangels jeder Art persönlichen Erfolges und sozialer Anerkennung und dann sogar der Versuch der Überlebenden, daraus Kapital zu schlagen für die eigene Karriere. Das wird gezeigt. Das Ganze vor dem Hintergrund einer recht desolat dargestellten Medienwelt (fake news!). Naja, fragwürdig. Zum Einen: Ich habe nicht erlebt, dass die Redaktionswelt sooo desolat ist. Zum Anderen: Das Stück wurde in den USA sogar für den Pulitzerpreis vorgeschlagen! Was beschwert man sich da eigentlich gegen Amokläufer, wenn die Veständlichkeit des Amoklaufes hier sogar locker und harmlos mit sozialen Defiziten unserer (Arbeits-)Welt erklärt wird und die Schleife dann sogar im Theater mit denselben fragwürdigen Marktmethoden (Stichworte Aufmerksamkeit, Ichbezogenheit, Karriere, Geld) weitergedreht wird. Es wird auf fast lustige Art gezeigt, wie es funktioniert. Aber soll es zum Nachdenken anregen? Bei mir hat das nicht gewirkt. Da muss man schon sehr kritisch rangehen, um eine Art Selbstkritik an unserer Arbeitswelt oder anderes herauszufiltern. Das Stück gibt dazu kaum etwas her. Da kommt eher braver Applaus.
Auch die Inszenierung: Sie war unspektakulär, harmlos, auch das Bühnenbild. Keine/r der SchauspielerInnen war, fand ich, besonders hervorstechend. Ihre Rollen hatten aber auch keinerlei besondere Prägnanz, keine Entwicklungslinien, keine Brüche. Es hätte um Soziales gehen können, um Amokläufe, um heutige Ichbezogenheiten, um die Medienwelt, die Arbeitswelt. Aber es wurde alles nur gestreift. Also ich weiß nicht. Im Programmheft zum Stück kommen einige interessante Aspekte zur Sprache. Auf der Bühne aber verflachte es. Da passt es, dass Donald Trump jetzt – nach dem Attentat in einer texanischen Kirche – von „Problemen mit geistiger Gesundheit“ faselt. Anstatt einmal auf die gesellschaftlichen Gründe zu schauen. Alles hätte im Stück viel viel desolater gezeigt werden müssen!
Da finde ich das politische Theater von MILO RAU interessanter, auch wenn der das Publikum geradezu quält. An äußerste Grenzen geht. Aber unsere Grenzen sind selbstgemacht und daher immer diskussionswürdig! Der hochaktive und engagierte Milo Rau ist übrigens als Nächstes am 19. November mit seinem Dokumentarfilm „Das Kongo Tribunal“ und einem anschließenden Symposium (HIER der link) zu Gast am Residenztheater. Zwei Jahre nach den tatsächlichen Anhörungen und nur wenige Tage nach seinem Kinostart am 16. November. Ist zwar ausverkauft, aber vielleicht gibt es Restkarten.
Copyright des Blogbildes: Adrienne Meister
MUSIK: Roxette – It must have been love
Achtung! Es kann sein, dass der PC/Laptop zu tropfen anfängt, so triefend kitschig ist das Lied. Bitte etwas unterlegen, sonst bleiben unangenehme Fettflecken! Nicht dass ich Ärger bekomme! Aber es ist live, das ist doch etwas. Hier also Roxette mit It must have been love. Es geht eigentlich nach 2:20 Minuten des Videos richtig los. Spätestens dann sollte man also aufhören, zu weinen. Oder anfangen zu weinen.
Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.
Aber man kann Milo Rau’s Inszenierung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.
Einen Trailer zum Stück „Die 120 Tage von Sodom“ findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.
Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik „Saló“ – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.
Mein Eindruck: „REIBUNGSFLÄCHE“ steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit „Die 120 Tage von Sodom“ seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine „Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren“ heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: „Die 120 Tage von Sodom“, gespielt von geistig behinderten Kindern!
Es sollte damals eine „Gesellschaftsdiagnose“ sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.
Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. „Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust“ sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.
Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!
Den Blog gibt es seit fast zwei Jahren, es begann im Januar 2016. Der dritte damals überhaupt gepostete Musiktitel war der Song „Dancing in the Dark“, gesungen von Amy MacDonald. HIER der link zum damaligen post. Es ist eigentlich ein Bruce-Springsteen-Song. Daher bringe ich hier das Springteen – Original. Beide Interpretationen sind so schön unterschiedlich! Ich empfehle, beide anzuhören! Hier also das Original, Dancing in the Dark von Bruce Springsteen. Schön ist aber auch wieder einmal das Video, es ist ja schon ein paar Jahre her!
Ich schreibe viel über Theaterbesuche. ABER: Ich bin kein professioneller Theaterkritiker!
Es geht hier nicht um Kritik, es geht um Eindrücke. Ich will ja Anregungen geben, es soll Spaß machen, den Blog zu lesen. Ich will Gelegenheiten aufzeigen. Sonst wäre es Zeitverlust für den Blogbesucher. Und für mich. So berichte ich in der Regel z. B. nicht über Theaterstücke, die nicht mehr gezeigt werden. Ein Gedanke dazu, der hoffentlich nicht zu schwerfällig klingt: Nun, kulturelle Einflüsse sind doch mindestens so wichtig für uns persönlich und für unsere Gesellschaft wie wirtschaftliche Erwägungen, politische, organisatorische, wissenschaftliche, technische etc. Mir tun sie jedenfalls gut! Sie gehen nur viel eher unter, obwohl sie viel anregender sind oder jedenfalls sein können. In der Organisation des Alltags spielen all die anderen Aspekte meist eine viel größere Rolle. Es ist aber wichtig, anregend, aufwühlend, beruhigend, öffnend etc., finde ich, wenn persönliche Entwicklungen und Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens auch kulturell/künstlerisch begleitet werden. Genau das macht das Theater oft. Dadurch wird Phantasie freigesetzt, entstehen neue Blicke, werden Grenzen aufgezeigt oder gesprengt und und und. Gut für den Alltag.
Vor wenigen Tagen war ich etwa wieder einmal im Münchner Residenztheater. An deren kleinerer Bühne Marstall, der ehemaligen „Experimentierbühne“ des Residenztheaters. Es ging sehr um das Persönliche, was am Stück lag. Es lief ein Stück nach einem Film von Rainer Maria Fassbinder. Fassbinder! Was für ein Kampfer mit sich und dem Leben! „In einem Jahr mit 13 Monden“ hieß der Film und das gleichnamige Theaterstück. Fassbinder wird im Vorspann des Films als einziger für Idee, Buch, Produktion, Ausstattung, Schnitt, Kamera und Regie genannt. Typisch, obwohl z.B. Juliane Lorenz den Film geschnitten hatte.
Worum es geht (hier frei nach der Ankündigung des Stückes im Spielplan des Residenztheaters – HIER)? Die desasteröse Suche des Erwin (später Elvira) nach Liebe. Erwin sehnt sich nach nichts mehr als nach Liebe. Früher hatte Erwin so etwas wie ein normales Leben geführt, mit Frau und Kind und einer Arbeit als Metzger. Doch dann hat Erwin Anton Saitz kennengelernt, sich verliebt, ungeheuer und bedingungslos, hat sich deswegen sogar in Casablanca zu einer Frau umoperieren lassen. Er tat das in blinder Hoffnung, irrational und rücksichtslos gegen sich selbst, getrieben von einer kaum auszuhaltenden schmerzhaften Sehnsucht. Fassbinder! Die Rechnung geht aber nicht auf. Erwin hat in eine unmögliche Liebe investiert, er hat seine geschlechtliche Identität einer Illusion geopfert, das Verhältnis zu Anton Saitz endet schnell. Nunmehr – hier beginnt eigentlich das Stück – ist er/sie hineingeworfen in einen chancenlosen, verzweifelten Kampf, sich mit dem neuen Körper zurechtzufinden. Jeder Versuch, hineinzupassen, akzeptiert zu werden, scheitert an einer seltsam distanzierten Umgebung, die zur Empathie, geschweige denn zur Liebe, unfähig ist. Er verzweifelt an sich, an den anderen, an der Gesellschaft. Er versucht es auch damit, dass er selber viel Liebe gibt (den erfolglosen Christoph unterstützt), um selber Liebe zu bekommen. Aber auch das nützt nicht. Solange, bis Erwin/Elvira schließlich kapituliert und – sich selbst entfremdet, anhaltend einsam – zugrunde geht.
In einem Jahr mit 13 Monden wird als einer der persönlichsten Filme Fassbinders bezeichnet, entstand aus seiner privaten Situation heraus. Im Mai 1978 hatte sich Armin Meier das Leben genommen, nachdem sich Fassbinder von ihm getrennt hatte. Fassbinder plagten Schuldgefühle und Selbstzweifel; er verarbeitete die persönliche Krise mit dem Film. Erst im Anschluss an diesen Film wurden übrigens die im allgemeinen bekanntesten seiner Filme gedreht, etwa 1980 Berlin Alexanderplatz (nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin) und Lili Marlen (nach der Autobiographie „Der Himmel hat viele Farben“ von Lale Andersen), 1981 Lola (aus der BRD Trilogie, Teil 3), 1982 Die Sehnsucht der Veronika Voss (aus der BRD Trilogie, Teil 2) und Querelle (nach dem Roman „Querelle de Brest/Querelle“ von Jean Genet). In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen sollen Depressionen besonders heftig auftreten. 1978 war so ein Jahr.
Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Der Film wird angesehen als Abrechnung mit Frankfurt, das aus Fassbinders Sicht in den 70er-Jahren – also jetzt bald genau 50 Jahre nach den 68ern – immer mehr zum Prototyp einer sozial kalten und vom Geld beherrschten Großstadt wurde. Das kommt in der Inszenierung aber nicht zur Geltung.
Ein kleiner weiterer Aspekt des Filmes – auch das spielt aber in der Inszenierung im Marstall keine Rolle: Fassbinder zielte wohl auch gegen Ignaz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der – wie Anton Saitz im Film – sein Vermögen auch in Frankfurt durch Immobiliengeschäfte gemacht hatte.
Mein Eindruck: Man folgt – natürlich recht distanziert – der desaströsen Lage von Erwin/Elvira. Das Thema des Filmes ist kein Thema, das irgendeinen aktuellen Bezug hätte. Muss ja auch nicht! Ich nehme gerne etwas mit aus solch einem Theaterabend, irgendein Stimmungsbild, irgendeinen Gedanken, Überlegungen, mal viel, mal wenig. Hier aber kann man dem trostlosen Kampf des Protagonisten Erwin/Elvira um die Liebe nur fassungslos zusehen. Das Desaster beobachten. Sein Zerschellen an der Gesellschaft. Gut, die Liebe ist für uns immer ein Thema! Und die Gesellschaft auch! So hat es sich also natürlich gelohnt. Man kann sich etwa über die Exzentrik Gedanken machen, an der Erwin/Elvira und auch Fassbinder persönlich zerschellen. Über seine Lage vor der Gesellschaft.
Thomas Loibl war als Erwin/Elvira die zentrale Figur des Stückes. Um ihn und seine verzweifelte Lage und die Konsequenzen seiner verlorenen Suche nach der wahren Liebe dreht es sich. Mit tragischem Ende. Es ist eine sehr reduzierte Inszenierung, konzentriert auf Elvira. Auf der Bühne sieht man nichts außer zwei Matratzen, zwei Plastiktüten, die Schauspieler, das war es fast schon. Besonders Thomas Loibl überzeugt, alle anderen sind ohnehin eher unwichtig! Erwins einseitige eingebildete Liebe zu Anton Saitz, seine heillose Sehnsucht nach Liebe – auch geliebt zu werden, sein Schmerz, seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, seine Kritik an der Gesellschaft, seine Verlorenheit auf der zerstörenden Suche nach Liebe, sein Unvermögen, mit sich selbst etwas anzufangen, seine Verzweiflung, sein Unvermögen, den Halt zu erkennen, den ihm seine Familie (seine Frau Irene seine Tochter Anna-Marie) doch irgendwie immer weiter geben will. Und und und. Darum geht es. Wenn man schon vor dem Stück von all diesen Aspekten in Erwin/Elvira weiß, kann man ihm/ihr an diesem Abend wunderbar – durch Thomas Liobl – folgen.
»Five Easy Pieces« wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ich habe das beeindruckende Stück gesehen und HIER darüber berichtet. Ab der Saison 2018/19 übernimmt Er die Direktion des Nationaltheaters in Gent.
Angekündigt ist außerdem am Residenztheater München für den 1. Februar 2018 die Uraufführung von Jeanne d’Arc.
Alles kreist bei Milo Rau um das von ihm im Jahre 2007 gegründete IIPM, das International Institute of Political Murder, mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland. Es ist seine „Produktionsgesellschaft für Theater, Film und Soziale Plastik“ und kümmert sich um die Produktionen und internationalen Verwertungen seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme. Man liest auf der Website des IIPM:
„Die bisherigen Produktionen des IIPM stießen international auf große Resonanz und stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – „Real-Theater“, wie Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal nannte. Seit 2007 hat das IIPM mehr als 50 Theaterinszenierungen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Aktionen realisiert.
Die Stücke des IIPM tourten durch bisher über 30 Länder und wurden an alle bedeutenden internationalen Festivals eingeladen. Bisherige Projekt- und Essaybände des IIPM wurden mehrfach aufgelegt („Die letzten Tage der Ceausescus“, 2010), von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Schulbücher nachgedruckt („Hate Radio“, 2014) und von der taz zum „Buch des Jahres“ gewählt („Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“, 2013). Für 2017 entstehen der ästhetiktheoretische Band „Wiederholung und Ekstase“ (Diaphanes Verlag, Abschlussband zu einem Forschungsprojekt, das das IIPM an der Zürcher Hochschule der Künste zum Realismus in den Künsten durchführte), die beiden Projektbände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ (beide Verbrecher Verlag) sowie das Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Rowohlt Verlag).“
Beispielsweise zum GENERAL ASSEMBLY, das vom 3. bis 5. November in Berlin stattfinden wird, heißt es:
3. November 2017: Konstituierende Sitzung
4. November 2017: 1. Plenarsitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege; 2. Plenarsitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft; 3. Plenarsitzung: Migration und Grenzregime
5. November 2017: 4. Plenarsitzung: Cultural Global Commons; 5. Plenarsitzung: Natural Global Commons; Schlusssitzung
Also: Wer in Berlin oder Hamburg ist …
(Copyright des Blogbildes: re alliance/ZB)
Hier habe ich etwas Schönes: Ich bin leider nicht Musiker, habe nie ein Instrument gelernt, finde es aber sehr interessant, wie Chilly Gonzales hier etwa musiktheoretisch wesentliche Charakterzüge des weltbekannten Songs Don’t let me be misunderstood erklärt. Auch andere Songs erklärt er wunderbar in der immer wieder erstaunlichen Reihe „Pop Music Masterclass“. Und er springt in alle möglichen Musikrichtungen, wenn er ein musikalisches Phänomen erklären will. Es lohnt sich, ein paar Videos anzusehen/-hören. Man kann das Video unten einfach weiterlaufen lassen, es öffnen sich einige andere Videos der Reihe von Chilly Gonzales.
THEATER: Rinks und lechts
Hier einige links zu den Internetauftritten bekannter deutschsprachiger Theater: Es lohnt sich, einmal reinzusehen. Ich hatte mir die Mühe gemacht, sie einmal anzusehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie man die Internetauftritte der beiden großen Münchner Bühnen – der Münchner Kammerspiele (Stadttheater) und des Residenztheaters (Staatstheater) – im Vergleich beurteilen kann. Abgesehen davon: Man bekommt einen ganz guten Eindruck von der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Es sind schöne Internetauftritte dabei! Mein Ergebnis: München ist und bleibt eben leider – finde ich – wieder einmal konservativer als andere! Obwohl die Stadt München seit 1948 – eine Ausnahme: Erich Kiesl (CSU) von 1978 bis 1984 – von der SPD regiert wird!
Ich werde die Liste gelegentlich ergänzen und im Blog sichtbar positionieren.
Basel: THEATER BASEL
Berlin: BERLINER ENSEMBLE
Berlin: HEBBEL AM UFER
Berlin: MAXIM GORKI THEATER
Berlin: SOPHIENSAELE
Berlin: VOLKSBÜHNE AM ROSA – LUXEMBURG – PLATZ
Bern: THEATER BERN
Bremen: THEATER BREMEN
Frankfurt: SCHAUSPIEL FRANKFURT
Hamburg: THALIA THEATER
Köln: SCHAUSPIEL KÖLN
Leipzig: SCHAUSPIEL LEIPZIG
Mainz: STAATSTHEATER MAINZ
München: RESIDENZTHEATER
München: MÜNCHNER KAMMERSPIELE
Stuttgart: STAATSTHEATER STUTTGART
Wien: BURGTHEATER
Zürich: SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

Zum Roman heißt es im Spielzeitheft weiter: „Der Roman On The Road markierte den Vorabend jenes gesellschaftlichen Aufbruchs, der ab dem Ende der 60er Jahre die Welt nachhaltig veränderte. Erleben wir nach den Wahlen in den Vereinigten Staaten und angesichts des weltweiten Siegeszugs populistischer Kräfte eine historische Zäsur, die das Ende dieser Entwicklungen einläutet? Die Agenda von PolitikerInnen wie Donald Trump, Marine Le Pen oder Theresa May lässt sich kurz und knapp als der Versuch zusammenfassen, alle Errungenschaften von 1968, so kritikwürdig Teile davon auch für VertreterInnen der politischen Linken mittlerweile sein mögen, ein für allemal rückgängig zu machen.“
In der Ankündigung der Inszenierung von David Marton wiederum heißt es: „Der Regisseur David Marton, der in den vergangenen zwei Spielzeiten an den Kammerspielen ein Opernhaus gründete und darin u.a. „La Sonnambula“ und „Figaros Hochzeit“ zur Aufführung brachte, spürt mit seiner Truppe von SchauspielerInnen und MusikerInnen den Sehnsüchten einer Clique nach, die Freiräume schafft und doch gegen Wände läuft. Die Rhythmen des Bebop verweben die JazzmusikerInnen auf der Bühne mit Kerouacs eigenartig musikalischem Textfluss zu Klangflächen, die Wort und Musik verknüpfen. David Martons Musiktheater führt so in die Geschichten der GlückssucherInnen und ihrer Reise in die Zwischenräume des Lebens hinein.“
Klingt interessant. Aber ob David Marton mit dieser Inszenierung wirklich voll zufrieden ist? Man merkt als Zuschauer fast – so ging es mir jedenfalls -, wie sehr sich Marton bemühte, die Stimmung des Romans und der Beatnik-Generation mit Text und Musik einzufangen und zu zeigen. Er hat ja im Grunde ein gutes Gespür für die Kombination von Musik und Schauspiel und auch die Beatnik-Generation war der Musik nahe. Sex and Drugs and Jazz. Bewiesen hatte David Marton sein Gespür ja vor allem mit der Inszenierung von La Sonnambula, die im vergangenen Jahr fast zum Berliner Theatertreffen (die 10er – Auswahl) eingeladen worden ist.
Es gelingt aber irgendwie kaum, den Text mit der Musik zu verweben, zu zeigen, dass Text und Musik irgendwie zusammengehören, die gleiche Stimmung rüberbringen. Es wirkte für mich leider fast wie ein Kampf, Text und Musik auf einen Nenner zu bekommen. Auch wenn im Laufe des Stückes sogar mehrmals die Musik den Text übertönt. Gut, die Geschichte, die erzählt wird, ist nicht sehr aufregend, eine damals große Reise mit dem Greyhound-Bus oder als Anhalter in Amerika von Ost nach West nach Süd. Das ist das Buch. Es gibt allerdings meines Erachtens in der Inszenierung nur vereinzelt Szenen, in denen es wunderbar – dann aber wunderbar – gelingt, die Stimmung dieses damaligen Aufbruchs zu transportieren. Andere Szenen scheinen mir Fehlgriffe zu sein, sagen einfach zu wenig aus. Die wenigen so einleuchtenden Szenen etwa: Das Gespräch der beiden besten DarstellerInnen des Stückes, Julia Riedler und Thomas Schmauser, auf Gartenstühlen mit dem Rücken zum Publikum. Oder beide an den Tresen, sie bringt den letzten „applepie“, er reißt stupide permanent ein Whiskyglas vom Tresen. Ich fragte mich im Nachhinein aber: Was macht eigentlich ein Damaturg? Hier gab es zwei Dramaturgen: Christine Milz und Christoph Gurk. Hätte nicht ein/e DramaturgIn hier sagen können: „Mehr Mut, mehr Mut“, „Mehr Deutlichkeit, mehr Deutlichkeit“, „Mehr Prägnanz“, „Andere Szenen“, „Mehr Ideen“? Sofern der Regisseur auf so etwas hört, ich weiß es nicht. Aber ein Dramaturg beobachtet doch die Entwicklung einer Inszenierung, die Ideen des Regisseurs und deren Umsetzung, denke ich. Hätte nicht ein/e DramaturgIn hier merken und sagen können, dass einige Einzelheiten, die eigentlich die Stimmung des Buches auf die Bühne bringen sollten, auf der recht chaotischen, aber ideenlosen Bühne letztlich verloren gehen? Oder dass es überhaupt ungünstige Einzelheiten sind, die auf die Bühne gebracht werden? War etwa das Gezeter um den Kinderwagen aussagekräftig? Ich finde nicht. Oder: Sich auf eine Leiter zu stellen und stumm gegen die Rückwand der Bühne zu blicken, mag der damaligen Stimmung entsprechen, aber es kann auf der Bühne vielleicht doch zu wenig sein! Oder: Wenn die Truppe der Schauspieler mehrfach dem Kinderwagen folgend um die Blechhütte auf der Bühne herumgeht. Warum? Was macht da der/die DramaturgIn eigentlich?
Es fiel recht schwer, ein Gefühl für die Stimmung der Zeit des Aufbruchs zu mehr Freiheit zu entwickeln. Trotz aller Bemühungen. Ein Gefühl für die Wildheit und Ziellosigkeit der „beatnik generation“. Für das beginnende Streben gegen das Establishment. Ansätze waren – wie gesagt – da, aber es verpuffte, denke ich, leider zu schnell. Vielleicht auch, weil die ursprünglich deutlich längere Inszenierung dann doch zeitlich stark gekürzt werden musste.
Gerne hätte ich etwa die Jazzmusik des so guten Trompeters Paul Brady durch mehr Hervorhebung seiner schönen Einsätze erlebt. Gleiches gilt auch für den wunderbaren und so gekonnten rauhen Gesang von Jelena Kulic. Durch Lichteinsatz oder wie auch immer. Es hätte ja jede Menge Möglichkeiten gegeben. Man sieht es ja sehr schön etwa am derzeit auch zu sehenden Stück „Der erste fiese Typ“ nach dem Buch „The first bad man“ von Miranda July. Aber die opulente Bühnentechnik der Kammerspiele kam hier praktisch nicht zum Einsatz. David Marton mag sie, scheint mir, nicht. Auch La Sonnambula (ohnehin auf der kleineren Bühne) und Figaros Hochzeit sind ja insoweit absolut „statisch“. Beides – die Verstärkung der Trompeteneinsätze von Paul Brady und der Gesangseinsätze von Jelena Kulic – hätte dem Stück so gut getan! Hätten damit auf der anderen Seite wahrscheinlich auch den Einsätzen der Schauspieler gut getan!
Dennoch: Hingehen, der Applaus war überzeugend, vielleicht kann man es auch anders erleben!
„Ich finde Kunst, ist so etwas wie die Lunge einer Gesellschaft, die Kiemen bei den Fischen, man braucht sie einfach, wenn wir so ein Ventil nicht haben, würden wir ersticken.“ Ein schönes Zitat von Uisenma Borchu.
„Nachts, als die Sonne für mich schien“ heißt das Theaterdebüt der Filmemacherin Uisenma Borchu, gezeigt wird es derzeit an den Münchner Kammerspielen. Uisenma Borchu sorgte 2015 mit ihrem Spielfilmdebüt „Schau mich nicht so an“ für Aufmerksamkeit. Sie hatte ihre Filmausbildung an der HFF in München gemacht.
Es ist ein sehr persönlicher Theaterabend. Kein Theaterstück, eher eine Aufarbeitung. Mathias Lilienthal hat ihr die Chance gegeben, dies in den Kammerspielen zu bringen. Es muss ja auch ein Wahnsinn sein, in der Mongolei geboren zu sein, dort aufgewachsen zu sein, in der Steppe, in einem Zelt (man sieht anfangs sehr ruhige Bilder), dann im Alter von 5 Jahren mit der Familie in die DDR – in ein kleines Städtchen in Sachsen-Anhalt – zu wechseln (wechseln zu müssen) und schließlich nach der Wende in der Bundesrepublik Deutschland zu landen (man sieht gegen Ende des Abends schnell wechselnde Betonlandschaten). Größer kann die Spanne kaum sein. Und meist – das zeigt der Abend besonders – umgeben zu sein von Anfeindungen wegen der eigenen Herkunft. Uisenma Borchu muss ein sehr zerrissener Mensch sein. Andererseits wohl sehr tough, sie hat sich durchgesetzt, hat viel Erfolg. Und sicher sehr sensibel. Was für ein Beispiel für Flüchtlinge, die hier ihren Weg gehen wollen! Uisenma Borchus Vergangenheit spielt aber auch an diesem Abend permanent im Bühnenhintergrund ganz entscheidend mit. Als würde es garnicht gehen ohne diesen Hintergrund. Der Vater, mongolischer Künstler, malt während des Stückes ein großes Gemälde – wie er es in der Mongolei tat. Vor ihm auf der Bühne wird gespielt. Das Stück ist recht kurz, was vielleicht Uisenma Borchus fehlende Erfahrung mit einer Theaterproduktion zeigt. Und es mag viel mehr Facetten ihres extremen Lebens geben. Etwa ihre Mutter, mit der sie sich künstlerisch noch nicht beschäftigen kann, wie sie sagt. Aber es lohnt sich, schon oder auch wegen des schönen Auftrittes von Ensemblemitglied Christian Löber, der den jungen Vater Borchu spielt (siehe auch das Foto).
Das Foto: Copyright Josef Beyer/Kammerspiele