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SONSTIGES: Haus der Kunst

Jeder Münchner kennt es. Der Block mit der Säulenreihe an der Prinzregentenstraße. An Schlichtheit und Kühle ist es nicht zu übertreffen. Und meist weiß man auch: Es ist ein Hitlerbau. Hier steht Münchner Geschichte in pompöser Vollendung. Es wurde von 1933 bis 1937 unter persönlicher Anteilnahme Adolf Hitlers nach Plänen von Paul Ludwig Troost in monumentalem Neoklassizismus als Haus der Deutschen Kunst errichtet. In der NS-Kulturpolitik war das Gebäude als der maßgebliche Ausstellungsbau des Deutschen Reiches vorgesehen. Die ab 1936 für Berlin geplante Kunsthalle sollte ausdrücklich nicht in Konkurrenz zum Haus der Deutschen Kunst stehen. Damit sollte auch die Rolle Münchens als führende Kunststadt Deutschlands wieder hergestellt werden, die sich im NS-Ehrentitel „Hauptstadt der deutschen Kunst für München niederschlug. Und weiter: Meist war man auch schon drinnen. Das Haus hat keine eigene Sammlung, es organisiert und zeigt aber interessante Ausstellungen zeitgenössischer und moderner Kunst. Es ist zweifelsohne eines der bedeutenden Museen Münchens. Jetzt soll es von David Chipperfield zaghaft renoviert werden. Eine umfassende Ausschreibung gab es nicht, daher bat die SZ Münchner Architekturstudenten, Entwürfe zu erarbeiten. Sie können im nachfolgenden link angesehen werden. Sehr interessant, finde ich. Schließlich „trifft alt auf neu“. Die junge Generation legt Hand an das Alte. Aber meine Kritik: Die Entwürfe sind oftmals fast zu herkömmlich. Wo ist der große Wurf? Ich finde am besten den Entwurf der Tieferlegung durch Anhebung des Vorplatzes ( Entwurf von Franziska Gareis und Anja Kopp, Bild 24) und die Verlegung der Tunneleinfahrt ostwärts (Entwurf von Wes Boven, Bild 26), sodass ein Platz vor dem Haus der Kunst entsteht und das HdK erheblich angenehmer, aber nicht geändert wird.

Hier der link zu den insgesamt interessanten Entwürfen Münchner Studenten:

Ideenwettbewerb

 

 

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SONSTIGES: Fischessen

Bei vielen Dingen wägt man gerne genau ab, was man denn kaufen soll. Aber an der Fischtheke? Fisch? Egal! Dabei ist es ganz einfach! Ich empfehle die einfach gehaltene App „Einkaufsberater Fisch“ von Greenpeace. Ich habe sie mir heruntergeladen. Ganz schnell weiß man, welchen Fisch man noch kaufen darf. Es geht nur mit guter Information! Gerade Weihnachten ist ja für viele eine willkommene Gelegenheit, im Kreise der Familie ein schönes Fischessen zu geben.

Die SZ hatte am vorletzten Wochenende der Fischerei vier Seiten gewidmet („Buch zwei“). Man kann den dortigen Angaben hoffentlich Glauben schenken. Die FAO, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, stellte demnach schon 2012 fest, dass nur noch 13 % der Fischbestände in den Weltmeeren groß genug sind, um sich problemlos zu regenerieren. Und die Aquakulturen – die Zuchtanlagen – sind auch oftmals für Mensch und Tier (wegen Antibiotika und Tierhaltung) und für die Natur (völlige Überfüllung mit Exkrementen) sehr mies. Die Zuchtanlagen müssen teilweise wegen Umweltzerstörung alle drei/vier Jahre den Standort wechseln.

„Noch empfehlenswert“ sind laut der App von Greenpeace nur noch: Hering, Karpfen (schön für Weihnachten!), der afrikanische Wels und generell eher einheimische Süßwasserfische. Alle anderen Arten sind nur in – mehr oder weniger großen – Ausnahmefällen empfehlenswert.

Generell gilt einfach: Gerne Fisch, aber man muss beim Einkaufen genau hinsehen! Es kommt immer auf das Fanggebiet und sogar auf den lateinischen Namen, also die genaue Fischart, an, die angeboten wird. Karpfen ist nicht gleich Karpfen!

Gütesiegel ist auch nicht gleich Gütesiegel! Am verlässlichsten sind die Siegel von MSC/ASC  (Marine Stewartship Council und Aquaculture Stewartship Council), GLOBAL G.A.P . und FOTS (Friends of the Sea)!

Also: Einfach die App herunterladen und sich mit der App an der Theke informieren, bevor man kauft. Sonst heißt es: „Wie, Du kaufst Fisch ohne die App?“

Bildergebnis für fischtheke

MUSIK: Mercedes Sosa

Endlich wieder ein Blogbeitrag! Umzugsbedingte Verzögerungen hatten sich ausgewirkt. Ein Song der lateinamerikanischen Nationalstimme Mercedes Sosa. Geboren am 04. Juli 1935 in San Miguel de Tucuman, Argentinien, gestorben am 04. Oktober 2009 im Alter von 74 Jahren in Buenos Aires. Solo le pido a Dios.

1980 – 1982 ging sie wegen der immer drohender werdenden Militärdiktatur doch noch ins Exil nach Madrid, 1982 kehrte sie wieder zurück. Die argentinische Regierung sah sich 1982 infolge des Falklandkrieges gezwungen, die Macht an eine zivile Regierung abzugeben. Ihr Konzert 1982 im Opernhaus Buenos Aires wird sogar als Schlüsselsituation in der Übergangszeit gewertet und steht für eine politische und musikalische Erneuerung der argentinischen Kultur. Das Doppelalbum Mercedes Sosa en Argentina (1982) schrieb landesweit Musikgeschichte.

Musiktipp der Woche

MUSIK: Antony – If It Be Your Will

Leonhard Cohen. Natürlich schnulzig, aber weltweit. Das muss man auch erst einmal schaffen. Und irgendwie ein versteckter Teil meiner Generation. Gestern gestorben, hier ein Song von ihm, den ich in den vergangenen Wochen schon herausgesucht hatte. If it be your will. Recht traurig, aber das passt ja jetzt. Besonders gesungen von Antony. Antony ist transgender, in England geboren. Und in Erinnerung an ihn das Lied – mit lyrics – von ihm gesungen. „If it be your will that I speak no more …“

Musiktipp der Woche

 

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SONSTIGES: Before the flood

Den Finger in die Wunde legen, das muss sein. Die Klimaerwärmung: Wir kommen nicht umhin, denken aber: „Naja, uns hier betrifft es nicht!“ Der Film Before the flood von Leonardo di Caprio ist gerade im Gerede. Er ist noch bis Sonntag auf Youtube und danach bei Sky zu sehen. Hier der link zu einem aktuellen Beitrag aus der heutigen FAZ online. Am Ende des Beitrags ist dann der Film anzuklicken! Man muss sich eben einmal eineinhalb Stunden Zeit nehmen! Also heute abend nicht den TATORT ansehen, sondern diesen Film!

HIER Before the flood

 

MUSIK: Me and Marie – Where‘s Your Soul?

Frühere Beiträge bleiben unbedingt lesenswert! Aber es ist eben das Los der Blogbeiträge, dass  mit jedem neuen Beitrag alle bisherigen etwas nach hinten rutschen. Hier dennoch die Musik der Woche. Nichts Berauschendes, aber schön, finde ich. Me + Marie mit dem Song Where’s your soul? In einer Tageszeitung hatte ich kürzlich gelesen, dass sie einen Auftritt irgendwo in München haben/hatten. Ich habe auf Youtube Songs von ihnen angehört und diesen hier gefunden:

Musiktipp der Woche

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LITERATUR: Schweigeminute

Die Verfilmung des vielleicht schönsten Buches von Siegfried Lenz, „Schweigeminute“, kommt heute abend um 20.15 Uhr im ZDF. Sehenswert. Innerhalb von fünf Monaten wurden mehr als 250 000 Exemplare des Buches verkauft. Der Verlag freute sich: „Bislang hat sich kein Buch von Siegfried Lenz in so kurzer Zeit so gut verkauft, nicht einmal die „Deutschstunde“ (siehe meinen früheren Blogbeitrag).Es ist die Liebesgeschichte eines Schülers und seiner Lehrerin, die nur ein paar Wochen dauerte. Anlässlich der Gedenkfeier für die verstorbene Geliebte erinnert sich der Achtzehnjährige an die gemeinsamen Erlebnisse mit ihr.“Wir haben meinem Freund Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes„, hatte Marcel Reich-Ranicki gesagt.

Schweigeminute - Sommerausgabe

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SONSTIGES: Bundespräsident

Ich habe mir natürlich Gedanken darüber gemacht, wer mein nächster Bundespräsident werden soll. Soll mir ja gefallen. Und ich habe einen Kandidaten gefunden! Martin Roth. Er ist Kulturwissenschaftler, Kulturmanager und war zuletzt (von 2011 bis 2016) Direktor des Victoria and Albert Museums (V & A) in London.Er wurde vom Präsidium des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) einstimmig zu seinem neuen ehrenamtlichen Präsidenten gewählt (Amtsantritt Mitte 2017). Das ifa ist Teil der bundesdeutschen Kultur- und Bildungspolitik und soll den weltweiten Austausch von Kunst und Kultur fördern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte Roths Wahl als „Zeichen des Aufbruchs“ gefeiert und sich gefreut, dass es gelungen sei, „einen der renommiertesten und international erfolgreichsten Kulturmanager wieder nach Deutschland zurückzuholen“.

Im Juli war das V&A zum Museum des Jahres in Großbritannien gewählt worden. Die Herzogin von Cambridge hatte bei der Ehrung erklärt, unter seiner Führung habe sich das Museum nicht nur zu einem der beliebtesten Museen Englands entwickelt – in diesem Jahr 3,8 Millionen Besucher –, es sei das beste Museum der Welt.

Also ein international und zeitgemäß denkender Mann, parteineutral, man müsse sich der Euroskepsis und dem aufkommenden Nationalismus stellen, hatte er kürzlich gesagt, und ein Mann, dem man offenbar auch Politik zutraut.

Na, dann hätten wir das ja auch geklärt, den Konsenskandidaten der GroKo gefunden!

MUSIK: Marianne Faithful – The Eyes Of Lucy Jordan

Man liest, Marianne Faithfull hat ein neues „Album“ herausgebracht. No Exit, bestückt mit Best-of-Livemittschnitten der letzten Jahre. Zu ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum und ihrem 70ten Geburttag. Sie soll ja eine besondere, sehr große Bühnenpräsenz haben. Hier der bekannte Song The ballad of Lucy Jordan, der auch auf dem neuen Album zu finden ist. Es fällt auf, finde ich, dass sie diesen Song heute mit viel mehr Gewicht auf dem Text singt.

 

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LITERATUR: Stephan Lessenich – ein Nachtrag

Zum Blogbeitrag „Stephan Lessenich“ hier ein kleiner Nachtrag. Auf der derzeit stattfindenden Frankfurter Buchmesse wurde er von der SZ interviewt.

Frage des SZ-Redakteurs Jens Bisky etwa: Für wie wahrscheinlich halten Sie es denn, dass Menschen gegen ihre alltäglichen Interessen Strukturen verändern, von denen sie spürbar profitieren?

Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Aber wir haben in den letzten anderthalb Jahren erlebt, welche Konsequenzen unsere Externalisierungsgesellschaft hat. Flucht und Migration werden uns weiter beschäftigen. Da wir Probleme produzieren, die auf uns zurückschlagen, wäre es im Sinne der Vernunft und der vorausschauenden Einsicht, vom globalen Norden aus umzusteuern. Das wäre im wohlverstandenen langfristigen Eigeninteresse. Langfristige Interessen sind freilich immer schwer anzusprechen und umzusetzen. Ich glaube, die Veränderung wird ohnehin vom globalen Süden ausgehen. Dort gibt es politische Bewegungen, dort gibt es Sozialmilieus, die für eine andere Weltwirtschaftsordnung streiten. Wir täten gut daran, diesen Kampf zu unterstützen.

Also: Augen auf! HIER der link:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologe-stephan-lessenich-im-gespraech-wer-fuer-unseren-konsum-zahlt-1.3215858

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SONSTIGES: F. aus Afghanistan

Er ist geboren in Afghanistan, in einem kleinen Dorf. Und er ist allein auf dieser Welt! Seit etwas mehr als zwei Jahren ist er in Deutschland. Was hat er alles erlebt! Ich schildere es hier grob, um einmal zu zeigen, was erlebt wird.

Als er noch ein Kind war, kamen eines Nachts Taliban – Männer. Sie klopften am Haus, die Mutter öffnete, sie fragten nach dem Vater. Der Vater kam, sie nahmen ihn mit. Verschwunden für immer. Er hat ihn nie wieder gesehen. Die Taliban ist gegen schlaue Menschen, erklärt er mir. F’s Vater war Lehrer, hatte in Kabul gearbeitet. Er war also zu schlau! Seitdem lebte F allein mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern. Aus Angst verbot die Mutter ihm und den Schwestern, das Haus zu verlassen. Eine Kindheit im Zimmer. Er passte auf die Schwestern auf.

Die Mutter wurde in der Folgezeit von einem offenbar hohen Vertreter derjenigen Menschen unterstützt, die gegen die Taliban waren. Die Mutter wohnte zusammen mit ihren drei Kindern im bewachten Haus des Mannes. Es gab einen großen, gefährlichen Wachhund, erzählt er.  Said Jwar Bahonar hieß der Mann. F. zeigt mir Fotos von ihm. So etwas wie der Bürgermeister des Ortes. Ein Mann, der gegen die Taliban kämpfte, der mit den Amerikanern in Kontakt stand. Das brachte weitere Schwierigkeiten. Dieser Mann konnte zwar irgendwann zusammen mit seiner Familie aus Afghanistan fliehen, um sein Leben zu retten. Die Taliban setzte aber daraufhin F’s Mutter unter Druck, ihr zu verraten, wo der Mann denn sei. Obwohl sie es nicht wusste. Auch für die Kinder wuchs die Bedrängung. Die Taliban drohten, den Kindern etwas anzutun, ihnen immer wieder etwas abzuschneiden, ohne sie zu töten. Die um ihr und ihrer Kinder Leben besorgte Mutter floh mit ihren Kindern in den Iran. Dort gab es aber wieder Schwierigkeiten.

Die iranische Polizei griff F, der im Iran etwas arbeitete, um Geld für seine Mutter zu verdienen, aber keinen Pass hatte, auf und steckte ihn ins Gefängnis. Normalerweise schmeißen sie Afghanen ohne Pass raus. Iraner mögen Afghanen nicht, erklärt er mir. Afghanistan war vor langer Zeit Teil des Iran und habe sich irgendwann vom Iran gelöst, verselbständigt. Durch Vermittlung eines anderen Polizisten kam F frei. Ihm wurde von diesem Mann allerdings nahegelegt, sich ausbilden zu lassen und nach Syrien zu gehen, um dort für den Dschihad zu kämpfen. Die Mutter war verzweifelt. Sie sammelte ihr Geld und vertraute sich in Angst um ihre Kinder – durch Vermittlung einer Nachbarin – einem Schleuser an. Eine Gruppe von vierzig/fünfzig Afghanen – darunter F mit seiner Mutter und beide Schwestern – wurde zur iranisch/türkischen Grenze gefahren.

Zu Fuß ging es an der iranisch/türkischen Grenzer nachts durch die Berge. Ich halte mich kurz, es klingt alles glaubwürdig. So lügt man nicht. Es sind zu viele Einzelheiten. Die Gruppe der Menschen  stand an der Grenze. Einige Männer – darunter F – standen auf einer Mauer, die es zu überwinden galt. Eine Grenzmauer zwischen dem Iran und der Türkei. Sie wollten die unten an der Mauer wartenden Menschen – darunter F’s Schwestern und seine Mutter – auf die Mauer ziehen, ihnen über die Mauer helfen. Die Polizei tauchte plötzlich mit Lichtstrahlern auf, es enstand große Aufregung. Drei Schüsse wurden in die Luft abgegeben. Er lief auf der Mauer ein Stückchen entlang, um sich zu schützen. Die Menge vor der Mauer verteilte sich wahrscheinlich in alle Richtungen. F zeigt mir an der Wand seines Zimmers, wie hoch die Mauer war, auf der er stand. Irgendwann sprang er auf die türkische Seite hinter der Mauer. Er blieb im Stacheldraht hängen, der hinter der Mauer aufgerollt war. Stunden später riss er sich aus dem Draht. Er blutete stark, zeigt mir seine Narben. Die Mutter und die Schwestern waren im nächtlichen Chaos im Iran geblieben, unfreiwillig für immer (?) von F getrennt. Er weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. Ein internatinaler Suchauftrag beim Roten Kreuz blieb ergebnislos. Auch die Nachbarin im Iran ließ er fragen. Kein Ergebnis. Er selber verbrachte die Nacht mit anderen Geflohenen in einen hohen Feld. „Wo ist meine Mama, wo ist meine Schwester?“ waren seine Fragen am nächsten Tag. F war fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Seine Mutter und seine Schwestern hat er seit dieser Nacht nicht mehr gesehen.

Es folgte ein langer Weg, den ich hier nur kurz schildere, um nichts Falsches zu schreiben. Er legte – ich verstehe: mit einem Pferd, wobei sich der Eigentümer letztlich darüber beschwert habe, dass F das weiße Pferd mit seinem Blut verdreckt hätte – eine bestimmte Strecke in der Türkei zurück. Als nächstes kam er – ich weiß nicht, wie – nach Istanbul. Davon hatte ich zunächst nichts gewusst. Er erzählte es später. In Istanbul lebte er eine Woche lang im Freien. Ein anderer, etwa 20-jähriger Afghane war bei ihm. Er vermittelte ihm und zahlte ihm letztlich zm Teil einen Arztbesuch. 300 Dollar kostete es. Ein anderer Mann/Junge gab ihm 100 Dollar, er selbst kratzte sein letztes Geld zusammen. Der Arzt sagte F, er habe viel Glück gehabt, hätte sich leicht infizieren können mit den groben Verletzungen. F hatte die Wunden immer selbst verbunden gehabt. Die Hand war schon dick geschwollen, der Arm eingewickelt. Ein Kompagnon (en anderer Flüchtling?) in Istanbul fragte ihn einmal, was er denn am Unterarm habe, es solle es ihm einmal zeigen. F wickelte den Arm aus, der Kompagnon fiel bewusstlos um! Man habe am Arm bis auf die Sehnen schauen können. Die Narbe ist mittlerweile gut verheilt.

Einige Zeit lebte er in der Türkei wohl an einem Strand, verkaufte Wasser an Touristen, das er zuvor selber gekauft hatte. Von der Türkei aus wollte er eigentlich wieder in den Iran zurück. Er wurde aber von anderen überzeugt, dass das nicht gut sei. Er müsse weiter. In einem überfüllten Boot ging es daher dann später auf einer wohl fünftägigen Seefahrt nach Sizilien. Er erzählt von den Wellen, die – er war durchnässt auf Deck – über das kleine Boot schlugen. Von Sizilien aus ging es irgendwann per Flugzeug – er weiß nicht, wer es gezahlt hatte – nach Rom. Dort riet ihm bald eine Frau, Italien zu verlassen, er werde dort nicht ausgebildet werden, er werde als Penner enden. F will aber lernen, er ist schlau, seine Mutter war immer dafür gewesen, dass er wie der Vater wird. Er zog daher mit einer kleineren Gruppe von Flüchtlingen hoch an die italienisch/französische Grenze am Mittelmeer. Dort ging es nun – wieder mit einem Schleuser – in die Berge. Sie schlugen sich nach Cannes durch. Die Berge hoch, die Berge hinunter. Die Polizei griff ihn in Cannes auf und fuhr ihn zurück in die Berge. Er solle nach Italien zurückgehen. Nach langem Fußmarsch hinunter kam er wieder in Italien an. Doch er und andere versuchten es erneut – mehrfach, verstehe ich -, nach Frankreich zu kommen. Immer wieder derselbe Weg nach Cannes, immer wieder – dreimal? viermal? – bringt ihn die französische Polizei an die Grenze zurück. Er erzählt mir von einem Polizisten, der ihm erklärte, er müsse es so machen, er sei zwar Vater, aber er bekomme sonst Ärger. Schließlich lernt er irgendwann rechtzeitig in Cannes einen Mann kennen, der ihm ein Zugticket nach Paris zahlt. (In der NEW YORK TIMES erschien kürzlich ein Bericht über einen Franzosen, der den Flüchtlingen an der italienisch/französischen Grenze hilft, weiterzukommen). F landet durch die Hilfe vielleicht genau dieses Mannes in Paris und geht dort – nachts unter der Brücke schlafend – bald zur Polizei. Zu Einzelheiten ab hier weiß ich weniger. Er sei so jung, er brauche Hilfe, war sein Begehren bei der Polizei. Allein auf der Welt, minderjährig. Die Polizei antwortet ihm, er solle Fankreich verlassen. Auf Wegen, die ich noch nicht verstanden habe, kommt er letztlich nach Deutschland. Jetzt ist er im Süden Münchens, in einer Flüchtlingsunterkunft. Kein Zelt, immerhin ein Haus.

Ich werde ihn am Mittwoch zum Asylgespräch begleiten und sehen, wie man ihn behandelt. Es geht um ihn, nicht um mich.

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LITERATUR: Stephan Lessenich

Wieder hatte ich Zeit, mich einem Thema zu widmen: So, wie sich Umweltzerstörung wahrlich nicht mehr als Gespinst wegdiskutieren lässt, lässt sich auch ein anderes globales Phänomen – das allerdings noch ein Schattendasein führt – nicht wegdiskutieren. Und so, wie die Umweltprobleme zu uns kommen, werden uns auch Probleme aus dem anderen Phänomen einholen. Die Flüchtlingskrise ist ein Element davon.

Es geht darum: Die wohlhabende Welt lebt auf Kosten der armen Welt. „Neben uns die Sinflut“ war ein sehr interessantes Gespräch der Journalistin Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung) mit dem Soziologen Stephan Lessenich über sein neues Buch „Neben uns die Sinflut“. Es fand wieder statt in den sehr global denkenden Kammerspielen. Zum Inhalt des Buches und des Gespräches: Wer zahlt den Preis für unseren westlichen Wohlstand in der globalisierten und zunehmend kapitalisierten Welt? Dem Westen – dem reichen Norden – geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo – im armen Süden – schlecht geht. Augen auf! Wir „externalisieren“ möglichst viel von dem, was den Wohlstand stört. Etwa Umweltprobleme. Wir machen andere Länder platt und sagen: Naja, dort herrschen ja katastrophale Zustände. Aber wir wissen es alle: Wir holen uns etwa die Rohstoffe aus den armen Ländern, um selber gut leben zu können. Etwa Silizium für unsere Handys, Bauxit für die Aluminiumherstellung etc. Wir lassen oft auch schmutzig und zur Not völlig umweltschädlich in den armen Ländern produzieren – um selber schön leben zu können. Armut, Schmutz, Sozoialprobleme, Abfall, Ungerechtigkeit etc. werden systematisch ausgelagert, der westliche Anteil an dieser Praxis wird verdrängt. Auch nach Lessenichs Auffassung wird das künftig mehr und mehr zurückschlagen. In seiner neusten Publikation bietet der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Stephan Lessenich eine Analyse dieser Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft. Aber was kann man machen? Eine schwere Frage. Ich meine: Erst einmal aufklären und Bewusstsein schaffen: Angesprochen wurde auch: Politisch werden, individuell handeln … Die Diskssion war ein Beitrag zu diesen Ansätzen. Das Buch ist sehr lesenswert und zeigt viele Beispiele.

Neben uns die Sintflut

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LITERATUR: Teresa Präauer, Oh Schimmi

Teresa Präauer ist eine junge, 37-jährige österreichische Schriftstellerin. In der ZEIT war kürzlich ein längerer Bericht über sie und ihr neues Buch „Oh Schimmi“ zu lesen. Sie ist bildende Künstlerin und Schriftstellerin, „von Realismus“ – schreibt die ZEIT – „hält sie wenig“. Gerade das ist reizvoll. Es muss nicht immer alles wahr, authentisch, autobiografisch, historisch oder schön recherchiert sein. Die ZEIT schreibt weiter: „Verrückt, verstörend, sehr komisch und auch tragisch, ein virtuoser Sprachexzess mitten aus unserer Gegenwart – und doch tatsächlich das absolute Gegenprogramm zur gängigen Literatur von heute.“

Schimmi heißt Jimmy. Er lebt mit seiner – halbseidenen – Mutter (er sagt manchmal  „Motter“) in einem nicht näher verorteten Hochhausturm, soll immerzu Tierfilme gucken, liebt Süßes, das ihm aus Krankheitsgründen verboten ist, und wählt Abzocke-Sexnummern aus dem TV (Zindy: „Ruf mich an!“), bis die Mama das Handy einzieht. Das Apartment darf er, behindert, wie er ist, nicht verlassen, also startet er eher bemitleidenswerte Ausbruchsversuche, die früher oder später grandios scheitern. Eine Asiatin namens Maguro hat er aus dem Nagelstudio entführt und hält sie unter seinem Bett gefesselt, ernährt sie mit Marshmallows und Cola. Besessen ist Schimmi („Isch bin ein Multitalent!„) von Konsum und Sex und von Ninni, die in einem anderen Hochhausturm in Sichtweite lebt. Man erfährt Einiges aus seiner Sicht  über seine Lebenssituation. Über seinen Vater und den Stiefvater etwa. Das schöne Ende des ZEIT – Artikels (von Alexander Camann): „Es ist ein ironischer Spiegel, den Präauer unserer Epoche vorhält, zwischen autistischer Not und phrasenhafter Großkotzigkeit.“

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Langdon, Wallstein Verlag

Hier ein Foto aus dem Buch als kleine Leseprobe, die den Schreibstil dieses angenehm verrückten und doch realistischen Buches zeigt: Schimmi kommt gerade in die Diskothek XXL und findet sich – natürlich völlig zu unrecht – wahnsinnig cool. Etwas später fliegt er wieder heraus.

Teresa Präauer

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MUSIK: Wanda – Bologna

Österreich? Klar: Wanda mit dem Erfolgssong Bologna! Meine kleine Österreichreihe geht also weiter. Auch der in Kürze folgende Blogbeitrag wird übrigens doch noch Österreich betreffen. Österreichische Literatur, aber nicht Thomas Bernhard, von dem natürlich auch jede Menge gebracht werden könnte.

Kurz zurück in der Geschichte. Was ist Österreich? Hier ein paar wesentliche Stationen, die ja irgendwie jeder Österreicher mit sich trägt.

Die seit 976 bestehende „Markgrafschaft Österreich“ wurde 1156 von Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) auf dem Hoftag in Kreuzhof bei Regensburg zu einem eigenständigen, von Bayern unabhängigen „Herzogtum Österreich“ erhoben. Damit beginnt die eigentliche Geschichte Österreichs als selbständiges Territorium innerhalb des Heiligen Römischen Reiches.

Nach dem Aussterben des Geschlechts der Babenberger 1246 setzte sich dann das Haus Habsburg im Kampf um die Herrschaft in Österreich durch. Franz I. (von Lothringen) gründete 1804 das Kaisertum Österreich und nahm als Franz I. (der Ehemann von Maria Theresia; der Tochter von Karl IV., daher das Haus Habsburg-Lothringen) den Titel Kaiser von Österreich an, um die Gleichrangigkeit mit dem neuen französischen Kaiser zu wahren. 1806 legte er dann unter dem Druck Napoleons die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder, womit dieses zu bestehen aufhörte. Das Kaisertum Österreich war ein Vielvölkerstaat gewesen, in dem außer Deutsch auch Ungarisch, Italienisch, Tschechisch, Polnisch, Ukrainisch, Rumänisch, Kroatisch, Serbisch, Slowakisch und Slowenisch gesprochen wurde. Mit seinen vormals zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Gebieten gehörte es ab 1815 zum Deutschen Bund, in dessen Bundesversammlung der österreichische Gesandte den Vorsitz führte.

Im Kampf um die Vormachtstellung im Deutschen Bund erzwang Preußen unter Bismarck eine Entscheidung im Sinn der kleindeutschen Lösung ohne Österreich. Im Deutschen Krieg 1866 unterlag Österreich den Preußen in der Schlacht bei Königgrätz. Der Deutsche Bund löste sich auf.

Österreich war dann die eine Reichshälfte der 1867 errichteten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Die ungarischen Gebiete erlangten damit mehr Unabhängigkeit.

Die heutige Republik entstand ab 1918, nach dem für Österreich-Ungarn verlorenen Ersten Weltkrieg, als die Siegermächte die Vereinigung Deutschösterreichs mit der Weimarer Republik verhinderten. Vom sogenannten „Anschluss“ 1938 an, dem Wechsel von der Ständediktatur in die nationalsozialistische, war Österreich bis 1945 Teil des Deutschen Reiches. Von den Siegern des Zweiten Weltkriegs neuerlich als eigenständiger Staat errichtet, erklärte Österreich nach dem Ende der Besatzung 1955 seine dauernde Neutralität.

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THEATER: Der Fall Meursault

Ich hatte im Blog über beide Bücher – Albert Camus, Der Fremde und Kamel Daoud, Der Fall Meursault, eine Gegendarstellung – geschrieben. Blogbeitrag „Albert Camus – Kamel Daoud“. Jetzt habe ich die Premiere des Stückes Der Fall Meursault in den Münchner Kammerspielen gesehen. Sehr gut und es bekam viele gute Kritiken. Es ist meines Erachtens ein sehr sehenswertes Stück. Ich habe den Blogbeitrag „Albert Camus – Kamel Daoud“ entsprechend ergänzt.

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©️ Judith Buss

MUSIK: Christine & The Queens – Tilted

Bevor ich in der kommenden Woche die große österreichische Welle beenden werde, schiebe ich diese Woche einen anderen Song dazwischen. Auch nicht schlecht. Abwechslung ist ein Motto des Blogs! Der bekannteste Song „Tilted“ von Christine & the Queens aus Frankreich. Sängerin, Songwriterin und Tänzerin ist sie. Zierlich, aber mit Power. Diese Video ist zum Ansehen, nicht NUR zum Hören.

Wikipedia schreibt: Sie „mischt das klassische französische Chanson mit modernem Rhythm and Blues, angereichert mit Pop- und minimalistischen Electro-Elementen. Ihre Texte wechseln zwischen Englisch und Französisch. Ihre Auftritte sind theatralische Performance-Aktionen“.

Und: „Die Tochter eines Lehrerehepaars lernte früh Klavier zu spielen und entdeckte schon als Kind ihre Liebe zur Bühne. Ihren Tanzunterricht musste sie wegen einer Verletzung aufgeben und wandte sich dem Modern Jazz zu. Nach einem Schauspielstudium in Lyon und Paris ging sie 2010 nach London, wo sie sich mit einer Gruppe singender Drag Queens anfreundete, die sie zum Singen überredeten“.

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SONSTIGES: Politik – Etwas über die neue Welt

Ein Gedanke zur globalen Entwicklung: Die indischstämmige in Französisch schreibende Schriftstellerin Shumona Sinha hat für Mathias Lilienthal – ganz im Sinne seines internationalen Ansatzes – einen Artikel im aktuellen Programmheft der Münchner Kammerspiele geschrieben. Interessant! Hieraus zitiere ich weiter unten.

Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren, lebt in Paris, hat Literaturwissenschaft an der Sorbonne studiert. Mit ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ hatte sie besonders in Fankreich für Furore und Skandalisierungen gesorgt und es auf die Shortlist des renommierten französischen Prix Renaudot geschafft. Neben „Erschlagt die Armen!“ (2011) erschienen von ihr bisher „Calcutta“ (2013) sowie ihr Erstlingsroman „Fenêtre sur l’Abîme“. 2001 war sie als Migrantin nach Frankreich gekommen, wo sie zunächst – wie die Protagonistin in „Erschlagt die Armen!“ – als Dolmetscherin in einer Asylbehörde arbeitete. Es war eine Tätigkeit, die sie nach Erscheinen ihres Romans gezwungen wurde einzustellen. Die Entlassung aus der Behörde führte zu erhitzten Gemütern in der französischen Öffentlichkeit. Eine polarisierende Debatte war damit in der Welt: Was heißt es, das Leid Schutzsuchender verwalten, reglementieren und kartografieren zu müssen? Und was bedeutet es für die Antragstellenden, ihr Leid zu Markte zu tragen, um Asyl zu erhalten? Sie konnte diese Themen anstoßen, da sie intime Kenntnisse über den bürokratischen Apparat in der „Abteilung Migration“ erhalten hatte.

Für die Kammerspiele schreibt sie in diesem Sinne über das Erfordernis, unsere soziokulturellen Umgangsformen zu überdenken, nach neuen humanistischen Lösungen zu suchen. Ein sehr weites Feld, aber, denke ich, richtig und wichtig. Man sollte es – auch meines Erachtens – nicht aus dem Auge verlieren, wenn es um die globalen Krisenherde, Flüchtlingsströme und sonstigen Entwicklungen geht. Die Fenster und Türen zu schließen und einfach so weiter zu machen, wie bisher, wäre ja schön, aber es ist keine Lösung in der globalisierten Welt. Und nur nach altem Muster irgendwelches abwehrendes oder schnell integrierendes Werkzeug anzuwenden, ist auch nicht genug. Andererseits: Bei allem sollte natürlich, denke ich, darauf geachtet werden, dass die wertvolle, weltweit bewunderte deutsche „Marke“ – Fleiß, Erfolg, Korrektheit, Bildung, Sozialstaat, Wohlstand, Export etc. – nicht verwässert. Nicht leicht, aber darum muss gekämpft werden. Und darum, die Lebensbedingungen anderer in der Welt nicht auszubeuten, sondern zu verbessern.

Shumona Sinha schreibt am Ende des Aufsatzes also:

„Der entfesselte Kapitalismus hat mit seinem Werkzeug, der Globalisierung, den Planeten zerstückelt und aus dem Gleichgewicht gebracht, die Menschen überschreiten die roten Linien auf die gleiche Weise, wie es das Geld und die Waren tun – nichts und niemand wird diese Bewegung aufhalten. Wir können nur hoffen, dass es uns gelingt, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem wir nach neuen soziokulturellen Umgangsformen, nach neuen humanistischen Lösungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene suchen, um nebeneinander zu leben, um zusammen zu leben, in einer Illusion von Harmonie.“