Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.
Wie gesagt: In den Kammerspielen wird alle 14 Tage weiter gelesen in diesem auch angeblich von Barack Obama gelobten Buch. Zwei junge VWL-Experten suchen die wesentlichen Passagen heraus, die gemeinsam gelesen werden, und sprechen über die Anmerkungen der Leser. Am Montag war erst der Erste Teil des Buches dran: Einkommen und Kapital.
Weiterhin viele Fragen, noch keine Antworten: Piketty stellt vor allem die Frage, warum eigentlich zwischen dem Arbeiter, der die „Rendite “ erarbeitet, und demjenigen, der sie erhält, so ein großer Unterschied sei. Das war schon immer so. Früher landete die Rendite der Arbeit beim Grundbesitzer, dann beim Eigentümer der Maschinen und heute ... . Die Frage, ob nicht die Erschaffer des Kapitals irgendwie mehr oder anders an der Rendite beteiligt sein sollten, ist in der Tat ein interessanter Ansatz.
Übrigens: Im verlinkten Interview der beiden Urheber des uraufgeführten Hörspiels zum 100ten Geburtstag des Dada(ismus) (siehe Blogeintrag) sprechen diese von der zunehmenden „Diktatur des Kapitals“. Mal sehen, was Piketty uns sagt. „… stellt sich die Frage, welche Verteilung der Wertschöpfung zwischen Arbeit und Kapital ‚richtig‘ ist“, schreibt er ja auch. Er nennt einige Faktoren, die man dabei beachten muss, etwa, dass ja immer wieder Investitionen erforderlich sind etc. Und: Die Unterschiede innerhalb der Gruppen Arbeitseinkommen und Kapitalbesitz lässt er erst einmal unbeachtet, sagt er. Das wars schon wieder.
Hier ein – finde ich – schönes Stück. Miley Cyrus, Karen don’t be said. Weil gerade Karneval war, passt es – wenn man Miles Cyrus und die Musiker im Hintergrund sieht. Und für uns alle, die wir so gut und fließend spanisch/portugiesisch können, sind auch spanische (oder portugiesische?) Untertitel zu sehen. Wie sagt sie so schön: „Voce tem falado com aqueles tolos novamente„. Wie recht sie hat. Und: Angesagt wird das Stück von einer Frau, die sich als Hillary Clinton, die Demokraten-Bewerberin im US-Präsidentschaftsrennen, verkleidet hat. Auch originell! Viel Spaß.
Er starb am Rosenmontag! Unten bringe ich ein Zitat von ihm, das mein Thema der „Bedeutung der Kunst“ aufgreift (siehe dazu oben: Was siehst Du in diesem Blog?). Kunst hilft uns, uns zu entgrenzen und damit zu erkennen und zu verändern. Aber Achtung: Kunstbetrachtung und Kunsterstellung passieren in einem „System“! In unserem System! Und damit wird alles schon genormt. Dann hilft es wenig, wenn wir uns erkennen. Uns wird damit ja nicht geholfen, das System zu überdenken. Da passt der Dada – Gedanke gut: Man muss das System eigentlich beseitigen, um die Kunst wirklich „freilegen“ zu können und ihr dieses Erkenntnispotential zu verschaffen. Das heißt nicht Anarchie, es zeigt nur die dauernde Gefahr, finde ich, dass man – ohne es zu merken – Kunst durch unsere „Systembrille“ betrachtet und sich doch gewöhnt. Das wäre immer wieder schade – für uns und die Kunst in uns.
Ich war schon wieder aktiv: Ein grauer Sonntag – München (ich wohne zentral) – die Pinakothek der Moderne – Karel Appel. Es ist eine von mehreren Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne, vergangenen Donnerstag eröffnet. Er war bekannt als Mitglied der Künstlergruppe CoBrA (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam), lebte 1921 – 2006 und hat sogar noch 2005 gemalt. Künstler der Gruppe CoBrA waren etwa: Pierre Alechinsky, Constant, Corneille, Asger Jorn, Eugéne Brands, Henry Heerup. Karel Appel erlebte auch Folgeeinflüsse des Dadaismus (1916 ff), dachte ich gestern. Man sieht etwa zwei schöne Collagen. Der „Dadaismus“ (oder: das Dada) hatte ja u.a. das Prinzip, alles Bestehende – Verfahren, Formen, Handlungsweisen, die Kunst selbst, das Gewohnte, das Politische etc. – aufzulösen, in Schnipsel zu zerreißen, um es dann erst wieder unbefangen, ungeschönt neu betrachten, erfahren zu können. Wie das Hörspiel (vgl. Blogeintrag), bezogen auf das aktuelle Leben. So erfährt man auch bei Karel Appel durch fast alle Bilder – man sieht Zeichnungen und Gemälde) alles anders. Unglaublich auch, welche Schaffenskraft (über 10.000 Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen, Gemälde!) er hatte. Wunderbar! Nicht realistisch, expressionistisch, manchmal rein abstrakt, nicht surrealistisch (ich bin allerdings nicht Fachmann dieser Begriffe). Man steht vor wunderbaren Bildern und sieht, dass man die teils zu erahnenden Dinge (oftmals Frauen oder Tiere) auch völlig anders sehen kann. Lohnt sich! Sehr vielfältig, die nachfolgenden Bilder sind nicht im Geringsten allein typisch!
Gestern abend im Deutschlandfunk: Uraufführung eines Hörspiels zum 100ten Geburtstag des Dadaismus. Anstatt mir wieder irgendetwas im Fernsehen stumpf reinzuziehen, dachte ich mir: Was ist der Dadaismus eigentlich? Ich habs mir angehört und fand es klasse. Hier der link, dauert knapp 50 Minuten. Am besten bitte – wenn schon – dann mit Kopfhörer und in aller Ruhe anhören. Nicht einfach so nebenbei laufen lassen. Hier der link: Dada Hörspiel. 100 Jahre nach einem wohl legendären Eröffnungsabend des Cabaret Voltaire in Zürich konfrontiert das uraufgeführte Hörspiel „Gadji Beri # 2016“ die heutige Lebenswirklichkeit mit DADA. Was ist oder war Dadaismus? Wikipedia schreibt: „Der Begriff Dada(ismus) steht im Sinne der Künstler für totalen Zweifel an allem, absoluten Individualismus und die Zerstörung von gefestigten Idealen und Normen. Man ersetzte die (damals) durch Disziplin und die gesellschaftliche Moral bestimmten künstlerischen Verfahren durch einfache, willkürliche, meist zufallsgesteuerte Aktionen in Bild und Wort. Die Dadaisten beharrten darauf, dass Dada(ismus) nicht definierbar sei.“
Na, denke ich mir, das klingt doch modern: Zweifel an vielem können immer wieder gut sein, sie sind ja nicht gleich destruktiv, sondern können auch konstruktiv sein. Und Individualität ist heute ohnehin angesagt. Und in der Tat: Der Dadaismus war Grund für viele moderne Kunstansätze, Performances etc. Also interessant! So war auch das Hörspiel!
Als der Dadaismus sich zu festigen begann, riefen die Dadaisten dazu auf, diese Ordnung wieder zu vernichten, da es ja eben das war, was sie zerstören wollten. Das machte den Dadaismus wieder zu dem, was er sein wollte: vollkommene Anti-Kunst, die unklassifizierbar war. Hier noch ein link zu einem Interview mit den Urhebern des Hörspiels: Dada Interview
WER HAT ANGST VOR VIRGINA WOOLF?
von Edward Albee
Premiere am 18. September 2014 im Residenztheater
Mit: Bibiana Beglau (Martha), Nora Buzalka (Honey), Norman Hacker (George), Johannes Zirner (Nick)
Regie Martin Kušej
Bühne + Kostüme Jessica Rockstroh
Licht Tobias Löffler
Dramaturgie Andrea Koschwitz
v.l. Norman Hacker (George), Bibiana Beglau (Martha), Nora Buzalka (Honey), Johannes Zirner (Nick)
Ein Kontrastprogramm zum „wortlosen“ Stück Caspar Western Friedrich von Philippe Quesne in den Kammerspielen: Das bekannte Beziehungsdrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee im Residenztheater. Es läuft dort seit Herbst 2014, wurde 1962 in New York uraufgeführt. Zwei Ehepaare, die an einem Abend unter Alkohol gnadenlos ihre extremen Scheinwelten aufdecken. Und ebenso extrem wird es gespielt – vor einem übrigens langweiligen Bühnenbild. Man liest im Spielplan: Bereits in seinen Inszenierungen Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Fassbinder) und Hedda Gabler (Henrik Ibsen) widmet sich Martin Kušej den düsteren Beziehungsspielen des gehobenen Bürgertums. Sein Interesse gilt den Schaukämpfen der modernen Gefühlswelt, deren Verletzungen sich tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten wühlen, bis ins Mark. Mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf wird dem Zuschauer allerdings eine zugespitzte Szene vorgehalten, die sich in der Realität niemals so drastisch abspielen wird. Bei Caspar Western Friedrich dagegen sitzt man vor einem Thema, das jeden betrifft – Mensch und Natur. Und gerade durch die „Wortlosigkeit“ hat jeder Gelegenheit, auf sich selber zu schauen. Auch wenn die Schauspieler weit mehr können, ich finde den Ansatz von Quesne gut. Neuartiger, modern und schon deswegen gut! Meine schlaue Überlegung: Gibt es nicht eigentlich zwei unterschiedliche „Ebenen“ auf der Welt, auf denen wir alle jonglieren? Eine „Scheinebene“ unserer Beziehung zu anderen Menschen und allen Dingen – immer mit Lüge und Selbstbetrug verbunden – und eine andere Ebene der wahrhaftigen Wahrnehmung unserer Stellung zu allem in der jeweiligen Zeit, vor allem in der aktuellen Zeit? Dann war Wer hat Angst vor Virginia Woolf der ersten Ebene zuzuordnen und Caspar Western Friedrich der zweiten Ebene. Die Welt ändert sich momentan rapide und ich denke, die „zweite Ebene“ ist es wert, eine überwiegende Berücksichtigung zu finden. Genau das tun die Kammerspiele derzeit!
Zum Erwachsenwerden hatte ich kürzlich drei meiner Gedichte eingestellt: An Kassandra I, II und III. Dieses alte Thema hatte u. a. auch John Lennon beschäftigt. Es war eine andere Zeit, er hat es sehr krass gesehen damals. Dennoch hier sein Song Working Class Hero unten mit dem Text auf Deutsch:
Den Text entnehme ich dem letzten Buch von Arno Gruen Wider die kalte Vernunft, in dem es ebenfalls um dieses Thema geht. Arno Gruen war Psychologe, Schriftsteller, Psychoanalytiker, Professor, Praktiker, hat gut und interessant geschrieben, soweit ich es beurteilen kann. Ein schlauer, wohl nicht eingebildeter Kopf! Er starb im vergangenen Oktober in Zürich im Alter von 92 Jahren. Ich kenne sein 2013 erschienenes Buch Dem Leben entfremdet. Gruen schrieb dazu: „Dieses Buch spiegelt die Entwicklung meines Denkens, das mit dem Verrat am Selbst begann. … Wie in Shakespeares Hamlet vollzieht unsere Kultur ein Nichtsein, das auf abstraktem Denken beruht und unser grundlegendes empathisches Bewusstsein verneint und verleugnet. Es geht darum, dieses wieder zum Herzstück unseres Seins zu machen“. Das Buch ist eine Fundamentalkritik der bestehenden Zivilisation. Über die „zerstörerische Dynamik des Gehorsams“ legte Gruen 2014 ein weiteres Essay-Buch vor. „Gehorsam meint, dass man das eigene Selbst nicht wirklich entwickeln kann“, lautet seine Grundthese, und: „dass man keine wirkliche Verantwortung für sich selbst entwickelt.“
Du bist kaum auf der Welt, da sorgen sie
schon dafür, dass du dich klein fühlst
Indem sie dir überhaupt keine Zeit schenken statt alle Zeit der Welt
Bis der Schmerz so groß ist, dass du gar nichts mehr fühlst
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Zu Hause tun sie dir weh, und in der Schule schlagen sie dich
Sie hassen dich, wenn du clever bist,
und einen Dummen verachten sie
Bis du so verrückt bist, dass du ihren Regeln
nicht mehr folgen kannst
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Wenn sie dich dann über zwanzig Jahre lang
gefoltert und eingeschüchtert haben
Erwarten sie von dir, dass du dich für eine Karriere entscheidest
Wo du doch mittlerweile so voller Angst bist, dass du
gar nicht mehr richtig funktionierst
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Sie stellen dich ruhig mit Religion und Sex und Fernsehen
Und du meinst, du bist so clever und klassenlos und frei
Aber so wie ich das sehe, murkst du immer noch Bauern ab
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
Ein Held der Arbeiterklasse, das wär doch was
An der Spitze ist noch Platz,
jedenfalls behaupten sie das immer noch
Aber erstmal musst du lernen, wie du lächelst, während du tötest
Speziell für Münchenfreunde: Die Münchner – scheint es – warten seit Beginn der Intendanz von Matthias Lilienthal auf das gewohnt hervorragende konventionelle Theater der Kammerspiele. Es gibt durchaus herkömmliche Stücke (Der Spieler, Der Kaufmann von Venedig,Jagdszenen in Niederbayern, Susn etc.), aber Matthias Lilienthal, ehemals freier Journalist, Dramaturg, künstlerischer Direktor und zuletzt Chef des Berliner HAU (Hebbel am Ufer, Berlin), legt sehr viel Wert auf unkonventionelle, aktuelle, internationale, junge Projekte. Das ist ein neuer Schwerpunkt des Theaters, die Bühnen in „Kammer 2“ und „Kammer 3“ sind auf dem Weg, brisant und neu für München zu werden. Es sind hochinteressante Themen und Performances, die gezeigt werden und die vor allem das Befinden unserer Gesellschaft aufgreifen. Gut so! München wird dadurch offener, weltstädtischer. München kann Neues immer gebrauchen.
Ein schönes Beispiel (eine Vorschau): Am Mittwoch, 17.02.2016 bis Dienstag, 23.02.2016:
EUROPOLY – Performances und Filme über das neue alte Europa, ein Festival des Goethe-Instituts und der Münchner Kammerspiele.
Zitat: „The FILMS will be launched weekly, starting December 2015, celebrating their worldwide premiers online. … The PERFORMANCES will be developed in the LAB until being shown live during the
EUROPOLY festival at the Münchner Kammerspiele, 17-23 February 2016. To find out more about EUROPOLY click here.
Hier ein Bericht von „vor Ort“, der m. E. viele Dinge anspricht, die auch gesehen werden müssen. Er folgt der Linie „Wir schaffen das„, auch wenn wir es natürlich irgendwie begrenzen müssen: Unten bitte auf das Datum klicken.
Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur…
Wir und die Natur. Es war alles einmal anders, vor garnicht allzu langer Zeit. Das zeigt uns der Abend der Premiere von Caspar Western Friedrich an den Münchner Kammerspielen: Caspar Western Friedrich, eine Performance oder Inszenierung von Philippe Quesne.
Caspar Western Friedrich hinterfragt – anhand des „Westerns“ und anhand „Caspar David Friedrich“ – den Platz des Menschen in der Welt. Ausgehend von unserem Fernsehwissen über den Western und ausgehend von der bildhaften Reflexion der Natur durch Caspar David Friedrich stellt die Inszenierung unsere Verbindung zur Natur dar. Zwischen dem Willen sie zu beherrschen – der Western – und dem Wunsch sie zu beschützen, zu betrachten – Caspar David Friedrich. Zwischen Eroberung und Kontemplation, zwischen Ausbeutung und Ökologie.
Ein modernes Thema, auf das der Zuschauer durch Philippe Quesne sehr eigenwillig gestoßen wird. Sehr sensibel, wortkarg, wunderschön! Wahrlich kein Sprechtheater. Eher eine Stimmungslage, ein Bild. Die Schauspieler spielen nicht ein Stück, sie räumen um, sie schauen, gehen herum, musizieren, lesen das an die Wand Projezierte, erzählen ein wenig. Für Phillipe Quesne ist der Spagat zwischen Caspar David Friedrich und dem Western ein logischer: In beiden Welten ist die Natur allumfassend und der Mensch ist in ihr verloren, der „lonesome rider“ wie der Mönch am Meer.
Philippe Quesne konzipiert Arbeiten, die, heißt es, auf einer starken Verbindung zwischen Raum, Bühnenbild und Körpern basieren. Seine multidisziplinaren Performances seien international auf Festivals zu sehen. Seit 2014 leitet er das Theater Nanterre – Amandiers in Paris.
Ein, fand ich, in der Tat beeindruckender Abend, an dem der Mensch der Natur gegenübersteht. Man muss sich auf die Sensibilität einstellen, mit der Philipp Quesne dieses Thema angeht. Und mit der man auf sich zurückgeworfen wird. Die Schlichtheit des Abends überzeugt dann sehr. Sie tut gut. Es ist kein theatraler Kampf der Charaktere, kein Theaterstück. Die Münchner hatten mit diesem Stück ein Problem! Leider! Sie haben es nicht verstanden, es fehlte ihnen das „Theatrale“. Aber es passt so, wie es ist: Es ist ein langsames, ruhiges Herantasten an das Verhältnis des Menschen zur Natur – wie es heute nicht mehr ist. Getragen von wunderbaren Bildern und schöner Musik. Früher stand der einsame Mönch vor der gewaltigen Natur (Caspar David Friedrich) und der einsame Cowboy vor der gewaltigen Natur. Und die Cowboys packen die Natur in ein Museum. Stehen andererseits staunend vor der Natur. Und somit auch vor sich.
In den ersten Wochen der Beschäftigung mit meinem kleinen Blog machte ich mir natürlich auch Gedanken darüber, was der Blog künftig enthalten wird. Der Ansatz könnte sein: Ich habe zweifellos Zeit, mich mit kulturellen Angeboten zu befassen und möchte – wenn möglich – Zusammenhänge aufzeigen. Kultur ist mehr als nur Konsum. Es geht nicht darum, meinen Kulturkonsum zu beschreiben, sondern es geht um die Befassung mit den Themen, die kulturell aufgegriffen werden. Es geht also darum, Themen klarzumachen. Das wird nicht immer gelingen, aber hoffentlich manchmal. Es geht ja meistens um Themen, die uns alle betreffen. Die Kultur greift immer wieder Themen auf, schildert Gedanken zu Themen. Die Kultur gibt uns damit Gelegeheiten, die Gegenwart zu erfassen. Es ist eben nicht immer nur eine politische, eine technische, eine wissenschaftliche, eine wirtschaftliche Befassung mit den Themen der Zeit möglich oder nötig oder hilfreich. Ganz im Gegenteil.
Ästhetik und Rausch- Der Mensch will Beides, er will immer die Ästhetik und er will den Rausch. In allem will er es, wenn man ehrlich ist. Die private Ästhetik ist schon das, was ihm so im großen und im kleinen gelingt. Der private Rausch ist schon die Erkenntnis, dass es nicht nur auf Ästhetik ankommt. Der Abstand von Ästhetik und die Begeisterung, das Rauschhafte, Ungeordnete. Die äußere Form und das Innere. Das Appollonische (Form) und das Dionysische (Rausch). Wir leben gerne in Ästhetik, suchen aber eigentlich ständig den Rausch, den kleinen oder den großen Rausch. Allein Ästhetik ist unmöglich, allein Rausch ist auch unmöglich. Auch Musik ist Rausch. Andreas Spechtl kombiniert beides in beeindruckender Form. Er war mit seiner ersten „Soloplatte“ Sleep in den Kammerspielen. Die Videos auf der großen Leinwand im Hintergrund waren durchgehend hochästhetisch, die Musik war konträr dazu, war brutal, bizarr, laut, aber harmonisch, ein Rausch! Das Projekt SpechtlPlaysSleep in den Kammerspielen traf insoweit ins Schwarze.
Das Beitragsbild ist aus einem anderen Video von Andreas Spechtl. Aus „The Age of Ghost“. Ich gehe davon aus, dass das Profilbild das Profil von Andreas Spechtl ist.
Hier der Song Dancing In The Dark von Amy MacDonald, ursprünglich von Bruce Springsteen. Siehe auch den Titel Stay In The Dark von Lambert. „Dark“ klingt düster, aber es geht um den Funken, der – egal bei was – Licht bringt. You can’t light a fire without a spark heißt es! Es geht in dem Song wohl um eine schreibende Person, die den Blick einer geliebten anderen Person als Funken wünscht, oder so.
Heute der dritte und letzte Teil der Gedichte An Kassandra, in denen es um das Erwachsenwerden geht. Ausgehend, wie gesagt, von Kassandra von Christa Wolf. Siehe die Einträge vom 18. Januar und 16. Januar. Auch diese Gedichte werden Teil des Buches sein, das bald fertig ist.
ERWACHSENWERDEN – AN KASSANDRA III
Nein, Kassandra, ich verlor nichts, als ich erwachsen wurde. Durch das Erwachsenwerden gewann ich! Ich gewann Nähe zu mir, ich kannte mich nicht. Natürlich hat man mir vieles beigebracht, damals, als ich mich nicht wehren konnte. Vieles, was ihnen entsprach, sollte ich machen, selten das, was mir entsprach. Aber im Laufe der Jahre, Kassandra, da hatte ich es geahnt und dann verstanden, dass ich mich wehren musste, und ich wehrte mich gegen das, was ich nicht wollte. Nicht machen wollte, nicht sein wollte. Überall waren Grenzen, gegen die ich mich wehrte. Und ich überlegte, was ich machen wollte und was ich sein wollte. Ich überlegte und konnte sogar begreifen, wer ich war. Aber erst, Kassandra, als ich erwachsen war, begriff ich. Als ich erwachsen war. Da war es zu spät, meinst Du? Nein, glaube ich nicht. Es war nur weit weg, was ich noch suchte, hinter den Grenzen. Also musste ich mich anstrengen und das ging, weil ich erwachsen war. So ist es! Ich suche und suche aber als Erwachsener sehe ich, auf welche Reise ich gehe. So komplizierte und schöne Reisen kann ich als Erwachsener gehen! Früher habe ich Grenzen entdeckt und eingerissen
aber jetzt geht es weiter hinaus. Und ich suche nicht, weil ich mich verloren hätte, nein, ich suche, weil ich finden werde, was ich noch nicht sehe, und weil ich merke, wie reichhaltig die Suche noch sein kann für mich, Kassandra.
Heute gleich noch ein Stück Musik. Stay In The Dark von Lambert. Der Titel und das schöne Stück klingen traurig, aber ich finde, man kann es auch verdammt positiv hören. Lambert tritt leider immer mit Gesichtsmaske auf, das finde ich sehr unangenehm. Unabhängig davon bleibt dieses kurze Stück schön.
In Kürze werde ich noch das Lied Dancing in the Dark von Bruce Springsteen, interpretiert von Amy MacDonald, bringen. Passt zum Thema, hat auch etwas Positives. Man muss sich sicher auch vielem Negativen stellen, immer wieder, das kann ja auch lehrreich sein, ist es meistens sogar, aber dann gerne wieder hin zum Positiven, wenns geht.
Das ist ein großes Thema. Überall. Zum Aktuellen: Man kann auch Flüchtlingen erst einmal positiv gegenüber auftreten, nicht mit einem schnellen: Halt, hier ist kein Platz, wir machen dicht!