Ein wahrer „Dreierpack“ hat mich an diesem Wochenende an die drei Bühnen des Münchner Residenztheater geführt: “Reigen.Variationen” im Marstall, “Bye Bye Lolita” im Cuvillestheater und “Dreigroschenoper” im Residenztheater. Drei Vorstellungen nach den ersten drei Premieren der neuen Spielzeit 2026/2027.
Ich berichte über die drei Stücke in Einzelbeiträgen:
- „Reigen.Variationen“ frei nach Arthur Schnitzler im Marstall:
Ich muss gestehen, den „Reigen“ von Arthur Schnitzler habe ich noch nie gesehen. Es heißt ja, das Stück war einer der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts, erschien 1900. Viele Jahre lang war es verboten, erst 1982 wurde es freigegeben – heute inhaltlich völlig unvorstellbar. Zehnmal treffen einzelne Personen auf ein gegengeschlechtliches Gegenüber; sie führen zehn Dialoge und jedes Mal kommt es zum Geschlechtsverkehr, der jedoch im Text durch Gedankenstriche angedeutet wird und auf der Bühne eine Leerstelle bleibt. Als Strukturprinzip verwendet Schnitzler die Tanzform des Reigens, indem eine Figur immer zwei Szenen hintereinander hat. Damit hat jede Figur zwei Sexualpartner.
Interessant ist die jetzige Fassung „Reigen.Variationen“ im Marstall schon deswegen, weil die Szenerie in die heutige Zeit verlegt ist. Ort: Laut Text der Englische Garten, die Bühne bleibt aber neutral.Der Text ist von Anja Hilling, Regie führte der junge Israeli Ran Chai Bar-Zvi.
Interessant ist ja grundsätzlich das Konzept von 10 verschiedenen Dialogen von zufällig zusammentreffenden Personen. Wie verhalten Sie sich zum Thema Liebe, Kennenlernen, Begierde, Sexuelles, Nähe, auch gesellschaftliche „Rangordnung“, jede Person hat ja einen anderen Background.
Weiter interessant ist das Bühnenbild von Ansgar Prüwer, der schon öfters mit Ran Chai Bar-Zvi zusammenarbeitete. Die Personen stehen schemenhaft erkennbar zwischen drei Schichten Plastikplanen, die die Bühne bis oben verdecken, nur dann, wenn sie agieren, treten sie vor die erste Plastikplane, sind dann klar erkennbar. So jedenfalls in der ersten Hälfte der Inszenierung, in der die zehn Einzeldialoge gezeigt werden. Wie auf Datingplattformen: Fotos sieht man nur schemenhaft, außer man begibt sich in den Kreis der Abonnenten. Oder generell: Jeder Mensch taucht ja in jedem Gespräch kurz aus seiner Verschleierung auf … Was kann man schon erkennen!
Es gibt bei Anja Hilling eine zweite Hälfte: die Plastikplanen verdecken dann nicht mehr die Sicht, die fünf Personen zeigen sich dauerhaft. Hier ergänzt Anja Hilling den Reigen, all die Gespräche werden fortgeführt, ergänzt, betreffen weitere Gedanken der Beteiligten. Nähe, Distanz, Realität, Wunsch, einiges mehr. Es sind Erklärungsversuche jeder Person, sie hadern ja alle mit der Unerreichbarkeit des anderen, auch mit der Liebe, dem Zusammensein. Sie sagen immer, es seien ihre Gedanken während des Geschlechtsverkehrs gewesen! Da kamen ihre Befindlichkeiten hoch.
Aber so ist das eben mit dem Plastikplanen im Leben, die uns immer verschleiern!
Es sind viele interessante Gedanken in der zweiten Hälfte, man kann leider kaum alle aufnehmen. Das schmälert den Abend aber kaum! Ich fand ihn gelungen, eine gute Inszenierung, gute Bühne, schauspielerisch zum Teil fast zu zurückhaltend, Florian Jahr erschien mir am ergriffensten von dem, was er sagte, Schnitzlers „Reigen“ war gut weitergedacht!
Copyright der Fotos: Sandra Then