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THEATER: Ödön von Horvath- Jugend ohne Gott

Ödön von Horvath also: Er mochte es, relativ „gängig“ wirkende Geschichten, „Alltagsgeschichten“, mit seinen tiefergehenden literarischen, gesellschaftlichen und moralischen Themen – in den Jahre kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – zu verbinden! So auch hier, in einem seiner letzten Werke, in „ Jugend ohne Gott“. Die Inszenierung ist seit kurzem an den Münchner Kammerspielen zu sehen. HIER ein Teaser. Es ist eine Inszenierung von Felicitas Brucker mit Texten von Anne Habermehl.

Es ging Ödön von Horvath in Jugend ohne Gott wieder nicht „nur“ um den Mordfall! Es ging ihm um die Jugend, um eine Veränderung der Verhaltensweisen in den Zeiten des Aufkommens des Nationalsozialismus, um einen Gesinnungswandel. Angesichts des heute so starken Aufkommens der in wahrscheinlich großen Teilen rechtsextremen AfD ist es sehr berechtigt, dieses Stück zu bringen! Wir leben wieder in Zeiten des Umbruchs. Nicht aber ist das Stück aktuell berechtigt etwa „angesichts der heutigen Jugend“! Das darf nicht verwechselt werden! (Gefährlicherweise wird an diesem Abend einmal „Gen Z regelt“ erwähnt, die gerade an diesem Abend auch in München demonstrierten, es sind aber Radikale, die die berechtigten friedlichen Demonstrationen der jungen Leute ausnutzen!)

Ödön von Horvath sah es damals jedenfalls: Für ihn kam damals tatsächlich ein „Zeitalter der Fische“ auf! Gefühllos, stumpf, ohne Moral, „ohne Gott“, mit Orientierung zum Militärischen.

Die Inszenierung: Sie bringt – fast schon ein wenig anstrengend – extrem viel von alldem, was man so in einer tollen Inszenierung auf die Bühne bringen kann: Es gibt schöne Lichteffekte, immer wieder interessant bespielte Videowände (über der Bühne hängen fast religiös drei Videowände), es gibt dort Videos von Außenaufnahmen des Teams der SchauspielerInnen (siehe Teaser), es gibt Nahaufnahmen von der Bühne, Gesangseinlagen mit Mikrofon, kurze Einbindungen des Publikums, Läufe der SchauspielerInnen in einer Mittelschneise durch das Publikum, Regen auf der Bühne, dazu eine kurze Sprung-/Tanzeinlage in den Pfützen auf der Bühne, zwei große bewegliche Bühnenelemente, die im Hintergrund von Bühnenmitarbeitern jeweils verschoben werden, und und und. All das ist meines Erachtens sehr fantasievoll eingesetzt, wirklich hoch gelungen und absolut passend zum Stück. (Regie Felicitas Brucker, Bühne Bettina Pommer, Video Lion Bischof!)

So ist es eine insgesamt sehr fantasievolle, ästhetisch passende, bildstarke Inszenierung – man kann nur sagen: Viele der Elemente hätten mehr Zeit verdient, hätten einen langen Abend füllen können. Allein: Die inhaltlich kaum zuzuordnenden, absolut nüchternen Bühnenelemente der beiden mehrstufigen weißen großen Tribünenteile (siehe Foto) fallen dabei fast etwas ab, sie geben diesem Stück keine Orientierung. Außer vielleicht: Die Tribünen als Stichwort zu den „Beobachtungen des Lehrers“.

Und es besteht m. E. bei alledem fast ein wenig die Gefahr, dass man inhaltlich den Faden nicht findet! Gefühllose Jugend? Sie spielen anfangs ja zusammen Fußball auf der Bühne! Der Z liebt die E! Z schreibt ein Tagebuch! Das sind doch Gefühle! Andererseits finden alle das „Militärische“ gut, auch wenn sie den „Feind“ nicht erkennen. Gehorsam gefällt ihnen schon besser als Moral!

Ödön von Horvath sah damals eben den Wandel, keinen Endzustand, er sah das langsame Aufkommen der Naziwelt. So gibt es in „Jugend ohne Gott“ etwa den T in der Klasse … hier aber keinen Spoiler!

Und da ist der Lehrer – Thomas Schmauser spielt ihn wieder einmal überzeugend – der das Verhalten der Schüler beobachtet! Er erkennt, dass doch jeder für sich irgendwie am Tod des N eine Schuld mitträgt! Jeder, auch er selbst, da er ja das Tagebuch des Z heimlich „gebrochen“ hat und danach alles seinen Lauf nimmt. Die Moral, die nur der Lehrer aber untergehen sieht, führt ihn persönlich dazu: Er zerstört seine berufliche lebenslange Sicherheit und gesteht im Prozess das „Aufbrechen“ des Tagebuchs! Nur er ist für die Wahrheit, nicht für die Lüge.

Ja, wir leben auch heute in Zeiten des Wandels! Wir sollten auch heute aufpassen. Allerdings sollten wir nicht der Jugend einen Vorwurf machen. Das will die Inszenierung von Felicitas Brucker an den Münchner Kammerspielenaber auch nicht. Sie kann aber wachrütteln!

Hier noch zwei Aufnahmen:

Copyright der Fotos: Julian Baumann

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.