Teil 2. „Bye Bye Lolita“ von Lea Ruckpaul im Cuvilléstheater
Dreifach Residenztheater und Co. Hier Teil zwei. Ich hatte diesmal auf http://www.nachtkritik.de die Kritik gelesen, bevor ich hier nun schreibe. Es geht um „Bye Bye Lolita“ am Cuvilléstheater. Hier ist der Link zur nachtkritik-Besprechung.
„Bye Bye Lolita“ und der gleichnamige Roman von Lea Ruckpaul basieren ja auf dem Welterfolg „Lolita“ des russisch-amerikanischen Autors Vladimir Nabokov. Es geht dort bekanntlich um die pädophile Beziehung des Erzählers Humbert Humbert zur anfänglich zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Wegen Lolita heiratet er ihre Mutter und kommt Lolita näher, entführt sie. Nabokovs Roman ist vollständig aus der Sicht von Humbert Humbert geschrieben. Dem setzt Lea Ruckpaul in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ nun ihre Version entgegen, in der sich eine fiktiv älter gewordene Lolita mit ihren Erinnerungen an das damalige Geschehen und mit dessen Verarbeitung auseinandersetzt.
Ich kommentiere hier also die Inszenierung von „Bye Bye Lolita“ von Nora Schlocker, Bühnenbild und Kostüme sind dabei von Marie Caroline Rössle. Ich kann mit der Kritk und den Kommentaren zu „Bye Bye Lolita“, die ich auf http://www.nachtkritik.de gelesen habe, gut zurecht kommen. Die Inszenierung wird – wenn auch mit kontroversen Nebentönen – gelobt und als guter Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Kindesmissbrauch gesehen.
Ja, das Thema Kindesmissbrauch bleibt auch heute unbedingt beachtenswert! Vielleicht hat das Problem sogar zugenommen, Stichwort „Netzwerke im Internet“ usw. Insoweit ist es in der Tat wertvoll, sich hier nun zu fragen, wie Dolores Haze alias Lolita vielleicht ihre Erlebnisse mit ihren Augen gesehen haben mag und wie sie sie im weiteren Verlauf ihres (hier unterstellten) weiteren Lebens vielleicht zu verarbeiten vermochte. Wie gesagt: Die Inszenierung wird meist als wertvoll angesehen, um sich diesem fürchterlichen immer wieder aktuellen Thema zu nähern.
Einige Dinge der Inszenierung am Cuvilléstheater sehe ich allerdings doch anders, als es bisher zumeist auf http://www.nachtkritik gesehen wird. Man kann aber gleich sagen: Das Thema selbst provoziert Subjektivität, der Umgang mit Kindesmissbrauch ist einerseits (hoffentlich) klar, andererseits aber ist es in der Darstellung im Theater natürlich ein schwieriges Unterfangen.
Dass man hier dem Geschehen um Lolita fast wie einem niedlichen Puppenspiel zusieht, liegt zunächst an der Bühnengestaltung und der Kostümierung. Kindesmissbrauch ist kein Puppenspiel, es soll hier natürlich auch nicht etwa so gezeigt werden, es ging aber leider fast ein wenig – mir zu sehr – in diese Richtung. „Haarscharf“ am Kitsch vorbei, schreibt der Münchner Merkur. Vielleicht geschieht dies aber gerade absichtlich, um Lolitas kindliche Lebenswelt zu verdeutlichen. Alles rosa, mit roten Herzen …
Zur Kostümierung: Hier war für mich fast störend, dass (die fünffach erscheinende) Lolita stereotyp mit strohblonder, etwas eigenartiger Perücke gezeigt wird. Ebenso die übergroßen hellrosafarbenen Sweatshirts, in denen „die Lolitas“ durchgehend gezeigt werden, wirkten für mich zu klischeehaft. Klar, auch das repräsentiert Lolitas junges Alter, 12 Jahre alt war sie! Trotzdem war es für mich auch hier insoweit zu direkt, zu sehr „mit dem Hammer drauf“.
Zur Bühnengestaltung: Auch der flauschige Teppichboden – rot – der leicht nach hinten ansteigenden Bühne verlieh dem Ganzen einen für mich zu direkten Eindruck. Auch so wurde meines Erachtens unnötig auf Lolitas Kindesalter hingewiesen. Es sollte wohl so sein, etwa auch der übergroße rote Lollie, den Lolita einmal lutscht.
Man könnte sich sogar fragen: Passt dieses Stück überhaupt ins Cuvilléstheater? Das Cuvilléstheater ist ja selber wiederum fast ein Puppentheater, jedenfalls ein Schmuckkästchen. Wie kann man dem schweren Thema Kindesmissbrauch in dieser extrem reichhaltigen und vor Schmuck überbordenden Atmosphäre nahekommen? Aber auch das soll wohl so sein. Man kann es auch verstehen, Lolita lebte – missbrauchte Kinder tun es – in einer Kinderwelt, nicht in einer Erwachsenenwelt! Das ist es ja, was oftmals ausgenutzt wird, und dann wird drumherum eine Scheinwelt aufgebaut. Insoweit ist alles sehr verständlich! Und so ist es auch verständlich, dass sogar eine Gruppe von jungen Mädchen auftritt und singt bzw. erzählt, wenn auch das schnell etwas zu klischeehaft wirken kann.
Über diese Äußerlichkeiten hinweg hatte ich allerdings teils auch Störgefühle mit Textaussagen. Lea Ruckpaul lässt Lolita in ihrem Roman „Bye Bye Lolita“ zurückdenken und auch mit einer Freundin und ihrer Mutter fiktiv darüber reden. Interessante Blicke von Lolita sind es, ihre Wut, ihre heftigen Vorwürfe gegen ihre Mutter, ihr Schmerz und und und. Ja, Lolitas Mutter rückt in den Focus. Dann aber wird es teils doch etwas vage. So auch am Ende:
„Ich bin porös, durch mich pfeift der Wind und da ist kein Unterschied zwischen dem Sand, dem Handtuch und meinem Fleisch. Ich bin sehr glücklich. Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück.“
Fazit: Wie auch immer, die Inszenierung „Bye Bye Lolita“ gibt Gelegenheit, sich mit dem fürchterlichen Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Wenn die Inszenierung einiges recht klischeehaft zeigt, mag genau das bezweckt sein: Gerade das kann zum Nachdenken anregen!
Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld