Hier eine kleine Zusammenfassung meiner letzten Besuche kleinerer, nicht häufig zu sehender Aufführungen an den Münchner Kammerspielen und am Münchner Residenztheater. Und dazu ein paar Anregungen für noch Laufendes auf diesen Bühnen – Aufführungen, zu denen ich gerne zweite – immer lohnende – Besuche einrichten werde, wenn möglich.
Zusammenfassung:
JCOM: Mendele Lohengrin:
An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Jüdische Klezmermusik trifft auf Richard Wagner. Ein Dilemma, Wagner war Antisemit. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Musikers, der in Wien erstmals Richard Wagners Lohengrin hört und völlig verblüfft ist von dieser umwerfenden Musik! Heinrich York-Steiner schrieb 1898 die Geschichte von Mendele, Stefan Merki liest den Text, Ethel Merhaut singt dazu, das Orchester des Jewish Chamber Orchestra Munich spielt dazu ein Konzert, das hauptsächlich von Klezmermusik getragen ist, aber auch Wagners Lohengrin und anderes anklingen lässt. Was soll Mendele machen? Die umwerfende Musik Wagners verachten wegen seines Antisemitismus? Aufhören mit Musik? Ist Musik von allem losgelöst?
Rania Mleihi: My personal ten years – Wir schaffen das:
An den Münchner Kammerspielen ist es am 8. Februar wieder zu sehen. Sehr persönlich erzählt Rania Mleihi vor allem mit Bildern und Videos auf der Leinwand. Die syrische Theatermacherin Rania Mleihi sitzt davor an einemTisch, wortlos bastelt sie mit Sand. Es ist ihre eigene Biografie vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse: Angela Merkels „Wir schaffen das“ und dem jüngsten Umbruch in Syrien nach der Flucht von Diktator Bashar al-Assad. Nähe und Ferne, Heimat und Flucht, Familie und Trennung, wann lebt man vor diesem Hintergrund wirklich in Deutschland. Viele spannende Fragen, die m. E. schwer erkennbar Antworten finden, die bleibende Zerrissenheit der geflüchteten Syrerin bleibt hier das Thema.
ManfredZapatka: Lesung „Beton“ von Thomas Bernhard:
Hierzu gibt es leider derzeit keinen weiteren Ausführungstermin. Aber das Residenztheater bringt ja immer wieder gerne etwas von Thomas Bernhard. Zuletzt Minetti, ebenfalls mit Manfred Zapatka. HIER.
Die Lesung aus Thomas Bernhards „Beton“ hat es etwa nur zur Hälfte geschafft, das Residenztheater zu füllen. So viele Fans von Thomas Bernhard gibt es wohl doch nicht, obwohl er immer empfehlenswert ist und bleibt! Seine Theaterstücke! Seine Romane! Er ist und bleibt einzigartig! Er schreibt so subjektiv – auch in „Beton“ natürlich -, fast absurd, aber doch erkennt man sich ständig, wenn man ehrlich ist. Manfred Zapatka liest ihn wunderbar! Die Bernhard’sche Kunst, ständig über banale Dinge zu schreiben und doch mehr zu sagen: Zapatka gelingt es wunderbar, sie in seiner Lesung zu zeigen, was nicht leicht ist!
Wiederholungen, erneute Besuche von Stücken, die ich bereits gesehen habe und gerne ein zweites Mal sehen möchte, sind meist sehr lohnend. Es beginnt morgen, Mittwoch den 04.02., an den Kammerspielen mit Mephisto von Klaus Mann, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. HIER der Link zur Stückeseite.
Für erneut sehenswert halte ich außerdem an den Kammerspielen etwa Wachse oder weiche, Sauhund, Katzelmacher und Wallenstein und am Residenztheater etwa Drei Schwestern, das ebenfalls (2017) zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, HIER, Kasimir und Karoline, Warten auf Godot und 77 Versuche, die Welt zu verstehen.
Ich hatte zuletzt von „zwei Soloabenden“ geschrieben, hatte dann zunächst einmal über den ersten der beiden geschrieben (HIER). Jetzt komme ich zum zweiten: „Heartship“ von Caren Jeß im Marstall Salon, der immer noch recht neuen, kleinsten Spielstätte des Münchner Residenztheaters. In gewisser Weise ist Heartship auch ein Solo, ein „Solo für zwei Personen“. Nicola Kirsch als Sara und Hannah Scheibe als Ann, die sich kennenlernen und miteinander reden.
Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.
Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.
Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.
In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.
HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.
Im Münchner Marstalltheater ist derzeit eine Inszenierung des 2023 erschienenen Romans von Irmgard Keun „Nach Mitternacht“ zu sehen. Zwei Tage aus der Zeit unmittelbar vor der Machtübernahme durch die Nazis, 1936. Beobachtungen von „Sanna“ zum Verhalten der Personen in ihrer Umgebung.
Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.
Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.
Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.
Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.
Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.
Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.
Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.
Noch eine Aufnahme:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Es ist eine so klare, übersichtliche Geschichte, die Ödön von Horváth da geschrieben hat, sie ist aber dennoch nicht leicht zu „greifen“. Dann etwa, wenn man sieht, wann und unter welchen (politischen) Umständen er „Kasimir und Karoline“ geschrieben hat. Das muss doch Auswirkungen gehabt haben.
Deshalb: Ging es Ödön von Horváth in „Kasimir und Karoline“ um die Liebe? Oder ging es ihm um das Wirtschaftliche (Weltwirtschaftskrise)? Oder um den Charakter der Menschen? Oder einfach um Irrungen und Sehnsüchte auf dem Oktoberfest (die „Wiesnbraut“)? Alles zusammen eher, wie sich alles gegenseitig beeinflusst! Im Programmheft der Inszenierung kann man gut Einiges über Gedanken zu „Kasmir und Karoline“ nachlesen, was auch fast nötig, jedenfalls hilfreich ist! Folgendes dazu:
Zunächst zum Inhalt
Man kennt den Inhalt ja grob: Kasimir verliert seinen Job, Karoline möchte auf die Wiesn. Kasimir geht mit. Kasimir ist durch den Verlust seines Jobs völlig verunsichert, er zweifelt an allem, auch an Karoline, er beleidigt sie auch. Karoline, die sich eigentlich nur amüsieren wollte (nur ein „Eis essen“ wollte, sagt sie immer), stört sich an Kasimirs Verhalten, gerät selber in den Strudel des Amusements und trennt sich von Kasimir. Später – immer noch auf dem Oktoberfest – möchte Kasimir sich bei ihr entschuldigen, auch Karoline möchte sich einmal wieder an Kasimir wenden. Es klappt aber nicht mehr. „Tot ist tot!“. Und so weiter. Und alles, weil Kasimir den Job verloren hat! Kerngedanke etwa: Wirtschaftliche Probleme können den Menschen und seine Liebe zerstören, die ihm doch allein Halt gäbe. Überhaupt des Menschen Gesinnung kann durch wirtschaftliche Einflüsse nur leiden! Das wäre ein Fazit.
Regie von Barbara Frey
Es ist nicht Barbara Freys erste Inszenierung am Münchner Residenztheater, aber lange ist es her, 20 Jahre! Barbara Frey hat ja wahrlich jede Menge Erfahrung, hat irrsinnig viel inszeniert, im Grunde hat sie schon jeden Klassiker der Theaterwelt irgendwann und an irgendeinem der großen deutschsprachigen Theaterhäuser inszeniert. Sie war etwa 10 Jahre lang Intendantin am Schauspielhaus Zürich und zuletzt (Spielzeiten 2021-2023) Leiterin der Ruhrtriennale. Was für ein Theaterleben!
Nun hat sie am Münchner Residenztheater also Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ inszeniert. Es mag eine für sie vielleicht typisch eher ruhige, in nichts „überdrallerte“ Inszenierung sein, sie setzt (soweit ich das beurteilen kann) selten auf große Effekte. Da kommt ihr Ödön von Horváth vielleicht sehr entgegen, ihm waren die Worte und sogar die Pausen zwischen den Sätzen, zwischen den Menschen, wichtig. Dementsprechend gestaltet sieht man jetzt auch am Residenztheater ihre ruhige, geradezu langatmige Inszenierung des „Kasimir und Karoline“. Man sollte sich auf jeden Fall auf einen Abend zum genauen Hinhören einstellen, nicht auf Effekte. Ist auch der schönere Ansatz fürs Theater, denke ich.
Wie anders war da übrigens – ein Blick zurück – die Inszenierung von „Kasimir und Karoline“, die 2011 auch am Münchner Residenztheater gezeigt worden war! Es war eine damals recht umstrittene, wilde Inszenierung von Frank Castorf, mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek. Ich hatte sie – leider, bei den SchauspielerInnen – nicht sehen können. Hier aber ein Trailer:
Also jetzt die Inszenierung von Barbara Frey gewissermaßen als ein Gegenstück dazu. Und Barbara Frey folgt damit insgesamt dem Denken von Ödön von Horváth – auch wenn es damit für den Zuschauer durchgehend an diesem Abend sehr ruhig zugeht! Stellen Sie sich eben auf einen Abend des genauen Hinhörens ein, auf Horváth’s Worte kommt es an, auf nichts anderes.
Die Zeitumstände 1932
Ödön von Horvath lebte so kurz! Im Alter von 37 Jahren schon, im Jahre 1938, wurde er bekanntlich in Paris von einem herabfallenden Ast erschlagen! Er war von Wien über Mailand und Zürich nur kurz für ein Treffen nach Paris gereist.
Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth angeblich u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot von Freunden, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei. Stattdessen machte er sich zu Fuß auf den Weg … im Juni 1938.
1938 hatte Horváth schon jede Menge produziert gehabt, sein „Kasimir und Karoline“ hatte im November 1932 Uraufführung, kurz danach, im Folgejahr 1933, sollte sein „Glaube Liebe Hoffnung“ zur Uraufführung kommen, wurde aber untersagt, es hatte dann 1936 unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ Uraufführung …
Ganz kurz nach der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, es war der Beginn der schrecklichen Zeit der Naziherrschaft. Horváth wurde im März 1933 in „Schutzhaft“ genommen, er verließ Deutschland zunächst nach Österreich, sein Haus in Murnau wurde auch 1933 durchsucht. Weit vor all diesen Ereignissen, im Jahre 1916 schon, war er übrigens kurz am Münchner Wilhelmsgymnasium gewesen, an dem ich selber mein Abitur gemacht habe! Wegen schlechter Leistungen musste er allerdings sehr bald auf ein „Realgymnasium“ wechseln.
Und: Da war 1932 die Weltwirtschaftskrise! Das war für Ödön von Horváth sicher auch einer der ausschlaggebenden Umstände, die ihn zu „Kasimir und Karoline“ geleitet haben. Siehe oben zum Inhalt. Liebe bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten, bei Verlust des Jobs (Kasimir), die Liebe und die Sehnsucht (Karolines Sehnsucht) nach Besserem, nach sozialem Aufstieg, der Verlust von Halt, von Sicherheit im Leben bei Verlust von Job und Liebe (Kasimir). Überhaupt: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der Charakter, das „Zu-kriminellen-Taten-verleitet-werden“ (die anderen), auch ein Gesichtspunkt (Kasimir betont demgegenüber immer wieder, dass er doch anständig ist). Im Grunde sind bei diesem Stück am Ende jedenfalls alle für sich irgendwie Verlierer. Das ist das Stück.
Das Bühnenbild, die Kostümierung:
Das Bühnenbild stammt von Martin Zehetgruber, Kostüme von Esther Geremus. Vor dem Hintergrund der oben geschilderten Zusammenhänge könnte man sagen: Bühnenbild und Kostümierung waren fast zu schön! Man sitzt ja eineinhalb Stunden lang wie „eingelullt“ oder „sediert“ vor der ansprechenden, fast schicken Bühnenwelt, selbst die drei wirklich riesigen Bierkrüge auf der Bühne sind ja fast schick, die Kleidung gepflegt, farblich abgestimmt, die Drehbühne modern. (Es gab übrigens auf dem Oktoberfest 1932 in der Tat noch keine Bierbänke, es gab Stühle). Die Weltwirtschaftskrise steckt damit letztlich allein im schlampigen Hemd, das Kasimir (Simon Zagermann) trägt. Aber andererseits, das ist Ödön von Horvath eben, das muss man zugestehen: Es soll ja bei ihm alles stilisiert sein, nicht realistisch. Dann eben so! Aber gleich so schön stilisiert? Hm, diese „Sedierung“ durch Bühne und Kostüm kann auch von der Prägnanz der Horváth’schen Aussagen um Wirtschaft, Charakter und Liebe in „Kasimir und Karoline“ ablenken. Fast einzig nicht stilisiert ist übrigens das Zeichen HB auf den Bierkrügen! Aber: Beeindruckend schön als Andeutung des Oktoberfestes ist das Bühnenbild!
Horváths „Gebrauchsanweisung“ für seine Stücke:
Wichtig bei Ödön von Horvath ist die „Gebrauchsanweisung“, die er kurz nach der Premiere von „Kasimir und Karoline“ für alle seine Stücke geschrieben hat. Mit dem Obersatz „Das dramatische Grundmotiv aller meiner Stücke ist der ewige Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein.“
HIER die Gebrauchsanweisung, die auch im Programmheft abgedruckt ist. Barbara Frey hält sich sehr genau daran! (An Eines nicht: „Vor einem Vorhang“ soll nach Ödön von Horváth am besten gespielt werden, der Vorhang fährt hier erst am Ende langsam herunter). So führt aber die strenge Horváth’sche Herangehensweise von Barbara Frey in der Tat dazu, dass man wunderbar auf den Text achtet, wie von Horváth gewünscht, nicht etwa auf irgendetwas „Realistisches“. Man erlebt es wie eine dezent schauspielerisch unterstützte Lesung von „Kasimir und Karoline“, was zur Verdeutlichung des Stückes beiträgt! Man braucht nur Ruhe bei sich und Geduld!
Zu den SchauspielerInnen:
Dazu ganz subjektiv: Anna Drexler und Simon Zagermann sind fast meine Favoriten des derzeitigen Ensembles des Residenztheaters. Seltsamerweise aber konnte mich gerade dieses Duo, auf das ich mich gefreut hatte, hier nicht überzeugen. Es war für mich irgendwie unpassend, dass sie beide im Stück als Kasimir und Karoline verliebt gewesen sein sollen, ein Paar waren. Als würden sie einfach nicht zusammenpassen. Ihre Liebe wird ja auch nie gezeigt, sie kommt allenfalls zwischen den Zeilen zum Ausdruck, bei der selbstsicheren Anna Drexler/Karoline mehr als beim verzweifelnden Simon Zagermann/Kasimir. Sie stehen jedenfalls von Beginn an jeder allein für sich. Und ansonsten: Man spielt es sehr stilisiert. Stilisierter, als es kürzlich das THEATER_PERLACH in „A Matz bist scho“ nach Horváths „Kasimir und Karoline“ zeigte (mein Bericht HIER), was auch gut war.
Meine Empfehlung:
Hingehen, aber zur gedanklichen Unterstützung das Programmheft lesen (auch die Horváth’sche „Gebrauchsanweisung“ darin), dann kann ein Schuh draus werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass es an einem etwas zu sehr vorbei plätschert, es ist ja, wie gesagt, nicht so, dass Handlung die Prägnanz des Stückes fördert. Aber auch da wieder: Gerade das kann gefallen, die Ruhe, es ist hier ja extra so angelegt!
Eine wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! Ich hatte die Verfilmung kürzlich schon im Beitrag zu „A Matz bist scho“ erwähnt. HIER der Trailer zum Film, man wird ihn sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist Beides zusammen: Hingehen ins Residenztheater UND den Film ansehen!
Hier noch ein Foto:
HIER der Link zur Stückeseite von „Kasimir und Karoline“ auf der Website des Residenztheaters.
In München sind in diesen Wochen zwei (wahrscheinlich) völlig unterschiedliche Versionen des schönen Stückes „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth zu sehen. Durch Unterschiede sieht man besser! Genauer gesagt: Die erste Version (THEATER_PERLACH unter dem Titel „A Matz bist scho“) hatte vorgestern, Mittwoch, den 17. September, Premiere, ich habe sie gesehen, die zweite Version (Münchner Residenztheater unter dem Titel „Kasimir und Karoline“) hat in der kommenden Woche, am 24. September, Premiere. Ich werde sie auch sehen.
Die Version des THEATER_PERLACH ist kurzfristiger zu sehen. Deren leider recht wenigen Termine (auch gestern Abend, am 18.09.2025) sind oben im Bild zu sehen.
Schon die Spielstätten beider Versionen sind extrem unterschiedlich! Die Version des THEATER_PERLACH wird an einem Spielort gebracht, der das glatte Gegenteil ist zum Münchner Residenztheater in seiner feinen Atmosphäre. Gezeigt wird die Version des THEATER_PERLACH nämlich im MUCCA im sich fast selbst überlassenen Areal an der Schwere-Reiter-Straße/Ecke Dachauer Straße, das mit heruntergekommenen Industriehallen bebaut ist, von verschiedensten Initiativen kurz- oder langfristig kreativ genutzt wird und von der Stadt München zum „Kreativquartier“ entwickelt werden soll. Das Residenztheater ist da ein klein wenig anders.
Vom THEATER_PERLACH hört man nicht oft. Es ist eine private Initiative, sie bringen pro Jahr eine Inszenierung auf die Bühne, es ist aber nicht etwa eine „Laientruppe“, nein, das Ensemble besteht aus jungen ausgebildeten Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich vor allem mit der Unterstützung von Ferdinand Leopolder als „Produzent“ und Andrea Funk meist als „Regisseurin“ sehr engagiert der Theatersache annehmen. So sieht Theaterbegeisterung aus! Man muss hoffen, dass die städtische Förderung nicht versiegt, sie ist geringer geworden, hört man! Eine feste Spielstätte hat das THEATER_PERLACH nicht. Umso mehr lohnt es sich, jetzt zum MUCCA zu gehen!
Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ kennt man ja, es passt zur jetzt beginnenden Wiesn! Wie man sich (absichtlich) verliert auf der Wiesn, sich selbst und eben auch (unabsichtlich) den Freund/die Freundin, Kasimir etwa die Karoline! Eine „Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut“ nennt Ödön von Horváth seine Geschichte von Kasimir, der, arbeitslos geworden, auf dem Oktoberfest seine Braut Karoline für immer verliert. Das Oktoberfest, also die „gewählte“ Gaudi, und die „ungewählte“ Realität mischen sich fatalerweise bei Horváth. Aufs Oktoberfest geht man ja eigentlich auch heute noch, um sich für kurze Zeit in eine andere Welt zu versetzen, um sich von der Realität zu entfernen, sie einfach auszublenden! Die Realität kommt ja am Tag danach wieder ins Spiel! Aber die Trennung Wiesn/Realität geht eben nicht immer, vor allem eben nicht bei Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.
Karoline ist bei Ödön von Horváth die „Wiesnbraut“. Sie will auf der Wiesn auch natürlich Amusement, aber im Amusement will sie doch auch das „bessere Milieu“, will höher hinaus und verliert dabei ihren Kasimir, weil sie eben doch im Amusement gleichzeitig die (schwierige) Realität vor Augen hat. Kasimir fragt Karoline noch: „Was willst Du denn durch diese Herrschaften dort erreichen?“ „Eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“, antwortet sie.
Die Inszenierung des THEATER_PERLACH ist an mancher Stelle wortgetreu Ödön von Horváth, was auch kaum anders geht bei diesem Stück. Es heißt in der Ankündigung „frei nach Ödön von Horváth“, passt auch alles bestens zusammen. Man sitzt in der hohen Halle des MUCCA an drei Seiten um die Bühnenfläche herum, jeder sieht (fast) jeden, wie auf der Wiesn. In der Mitte der etwas höher gelegten Bühnenfläche steht ein Baumstamm, geschmückt mit langen Bändern, die auch immer wieder wie beim Schäfflertanz benutzt werden. Über 50 Bierkrüge werden an die Spiegelwand im Hintergrund gehängt, es gibt immer wieder kürzere musikalische und tänzerische bayerische „Einlagen“, wie im Originalstück manch Lied gesungen, manch Wiesnmusik angespielt wird, dafür gibt es einen Musiker mit Ziehharmonika, auch die Kostümierung ist schön farbenfroh, es sind aber nicht etwa alle in Tracht! Die Wiesn, sie wird hier eher dezent angedeutet.
Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielen es wirklich gut! Es wird dabei nicht der noch weit schickere heutige Wiesnkult dargestellt, nein, man bleibt eher in der Horváth’schen Zeit oder zeitlos. Nicht zwanghaft bleibt man dort, aber doch eher eben in Horváths Zeit, nicht deutlich in der heutigen extremeren Wiesn-Welt. Sie spielen es auch allesamt nicht übertrieben, Kasimir mit seiner Melancholie und seinem Unverständnis sehr gut, der Schürzinger sehr gut, der Rauch und der Speer schön besetzt, Karoline auch gut, es wird von allen gut gespielt! Es ist nicht leicht, alle Personen des Stückes über den Horváth’schen Text hinaus prägnant auf die Bühne zu bringen. Wie sie alle in etwas hineinschlittern! Der ein oder anderen Person des Stückes hätte mit Text und Darstellung vielleicht noch mehr Deutlichkeit gut getan, aber das ist eine Frage der Inszenierung. So basiert der Abend trotz der guten Einlagen sehr auf dem Text, den Dialogen! Auch das geht aber kaum anders bei diesem Stück. Im Orignaltext von „Kasimir und Karoline“ stecken die Charaktere des Stückes im Grunde ja herrlich hinter den meist kurzen banalen Sätzen und kurzen Unterhaltungen in seinen 117 „Szenen“. Schwer auf der Bühne. Ich fand es aber insgesamt gut gelungen, gerne mehr vom THEATER_PERLACH mit den jungen SchauspielerInnen!
Eine schlicht wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! HIER der Trailer, man wird es sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist beides: Hin ins MUCCA UND den Film ansehen! Vielleicht demnächst auch noch „Kasimir und Karoline“ im Residenztheater sehen. Unterschiede sind immer gut!
Im Juni fand am Münchner Residenztheater zum 3. Mal das Festival WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik statt. Asiimwe Deborah Kawe’s Stück „Das gelobte Land“ war Teil des Festivals.
„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.
Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.
Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.
„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.
Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:
… nach fünfzehn Jahren die Polizei kommt (Hinweis der Nachbarschaft, der alten Bekannten Kat) und Achen aus dem mühsam von ihr aufgebauten Leben reißt.
Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.
Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.
Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.
Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.
Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.
Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.
Hier noch ein Foto:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Franz Xaver Kroetz war viele Jahre lang sehr produktiv mit Herz und Hirn für das Nicht-Privilegierte, nicht für das Konventionelle, Gediegene. Theater, Film, Fernsehen, Literatur, Autor, Regisseur, Schauspieler … Und wer kennt ihn nicht in seiner (komödiantischeren) Rolle als „Baby Schimmerlos“ in Helmut Dietls damaliger Fernsehserie „Kir Royal“, in der so köstlich und bissigdie Münchner Schickeria aufs Korn genommen wurde.
In den letzten Jahren war es ruhig um ihn, jetzt war er wieder aktiv! Nicht provokant, nicht mit Blick auf die Gesellschaft, sondern schlicht bayerisch, menschlich. Er ist ja Münchner und Bayer. Er schrieb – als „Auftragsarbeit“ für das Residenztheater, wie er im Interview mit der SZ gleich betonte – eine neue Fassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“. Auch auf ihn bezieht sich damit wohl der Spruch über dem Eingang des Residenztheaters: „Da waar i wieda amoi“. Der Satz, mit dem die Kroetzsche Neufassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“ beginnt.
Ja, er war wieder einmal da, nach der Premiere stand er – auf Bitten der SchauspielerInnen – kurz auf (war es Reihe 8?) und winkte ins Publikum. Der „Brandner Kaspar“ ist natürlich weder ihm – Franz Xaver Kroetz – noch dem „Münchner an sich“ oder dem „Bayer an sich“ unbekannt. Ganz im Gegenteil: Franz Xaver Kroetz spielte den Kaspar schon in einer Verfilmung aus dem Jahre 2008. Und der Münchner weiß: Der „Brandner Kaspar“ (von Franz von Kobell aus dem Jahre 1871) lief früher schon jahrelang (bis vor knapp 25 Jahren) legendär am Münchner Residenztheater, dann lief er für etwa 20 Jahre am Münchner Volkstheater und jetzt kehrt er ans Residenztheater zurück.
Man erlebt hier aber nichts „Kroetz-Provokantes“, Gesellschaftskritisches. Nein, Gott sei Dank nicht, jede tiefe Änderung des „Brandner Kaspar“ würde ihn nur verfälschen. Diese Geschichte ist, wie sie ist. Man erlebte aber eine textliche Neufassung des „Brandner Kaspar“ von Franz Xaver Kroetz und dazu die neue Inszenierung von Philipp Stölzl. Beides ist absolut gelungen! Auf WhatsApp hatte ich einen Tag nach der Premiere von Mittwochabend geschrieben: „Gestern Premiere Brandner Kaspar am Residenztheater, muss man sich als bayerisches Kulturgut ansehen! Neufassung von Franz Xaver Kroetz, sehr gut!
Warum „sehr gut“?
Die „textliche Umschreibung“, die Franz Xaver Kroetz – ausgehend vom Original – vorgenommen hat, ist immer wieder schön hintersinnig, ansonsten: Der Brandner Kaspar hat Frau und Tochter verloren, nicht seine zwei Söhne, etc.. Der Brandner Kaspar bleibt aber der Brandner Kaspar, leicht modernisiert bleibt er ein bayerisches Kulturgut!
Der Brandner Kaspar wird hier jedenfalls nicht so dunkel/düster erzählt, wie es frühere Fassungen wohl etwas mehr waren, sondern amüsanter, heiterer. Aber: Das Besondere ist ja, der Brandner Kaspar hat bei allem Humor für jeden Menschen immer auch etwas Ernstes: „Was passiert denn nach dem Tod?“ ist ja die Frage!
Der „Boanlkramer“, also der Tod, wird dabei gespielt von Florian von Manteuffel, der Brandner Kaspar von Günther Maria Halmer. Auch letzterer seit Längerem wieder einmal auf der Bühne des Residenztheaters! Er spielt den Brandner Kaspar ganz souverän, mit allen Höhen und Tiefen, herrlich melancholisch. Eine Idealbesetzung für dieses Bayerische Kulturgut! Noch prägender für diese Inszenierung ist meines Erachtens aber sogar – ohne Günther Maria Halmers schöne Leistung damit auch nur irgendwie schmälern zu wollen – Florian von Manteuffel als der „Boanlkramer“. Er verschafft dem Boanlkramer etwas Trottliges, Neben-sich-Stehendes, Chaotisches, trotz seines ernsten Auftrags von Petrus. Er spielt den Boanlkramer so, dass man schmunzelnd meinen kann: Der Boanlkramer zweifelt fast an sich selbst! Der Boanlkramer von Florian von Manteuffel ist das Salz in der Suppe. Und es bleibt trotzdem die Kobell‘sche kurze Erzählung vom „Brandner Kaspar!
Die Inszenierung insgesamt ist nicht zuuu urbayerisch, zu derb bayerisch geworden. Natürlich ist sie bayerisch, schon die Sprache, es soll ja ein „Volksstück“ bleiben, inszeniert mit eher einfachen Mitteln, kein moderner Technikkram, Livekamera oder so etwas. Aber irgendwie wird man nicht „erschlagen“ vom Bayerischen. Trotz des bayerischen Bühnenbildes, trotz des großen bayerischen Holzfensters, durch das man bei geöffneten riesigen Holzfensterläden (die natürlich bemalt sind mit einer bayerischen Berglandschaft) alles sieht, trotz der musikalischen Einlagen. Gitarre, Bass, Quetschkommode, Gesang. Gerade die musikalische Begleitung und die Einlagen zwischen den Akten des Stückes sind eher fein, nicht derb, manchmal begleiten sie die Szenen ganz zart mit einem einzigen (melancholischen) Ton. Es passt alles gut zusammen.
Es endete dann am Premierenabend fast seltsam – aber auch bezeichnend: Als man das Residenztheater nach der Vorstellung – mehr als üblich zusammen mit ZuschauerInnen in Lederhosen bzw. Dirndl – verließ, sah man: Der wirkliche Himmel über München sah in dem Moment genauso aus wie der so idealisierte Himmel, den man doch gerade noch auf der Bühne gesehen hatte! Der Himmel, in dem der Petrus sitzt und – gemäß seiner genauen Buchführung übrigens, wie man dann wieder weiß – uns alle irgendwann empfängt, auch den Brandner Kaspar. So sah es am Mittwoch um etwa 21:30 Uhr vor dem Residenztheater aus:
Vielleicht ist es wieder der Beginn einer jahrelangen Reihe von Vorstellungen des Brandner Kaspar am Residenztheater. So müsste es eigentlich sein, es ist ein Stück, eine Inszenierung, die jeder sehen muss, es ist heiter und auch ernst, es betrifft jeden von uns – der Tod und das Leben, Himmel und Erde. Ein Lebensgefühl eben, wenn man mal nicht das (meist ja unerfreuliche) gesellschaftliche Alltagsgeschehen um einen herum sehen und hören will, nicht daran denken möchte.
HIER der Link Stückeseite des Brandner Kaspar auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch ein Foto der Inszenierung:
Copyright der Bilder von der Inszenierung: Sandra Then
Es ist eine in mehrerer Hinsicht durchaus „groß“ angelegte Inszenierung. William Shakespeares „Romeo und Julia“ am Münchner Residenztheater. „Groß“ etwa in solcher Hinsicht:
Da ist zum Einen die manchmal (nicht oft) erscheinende riesige Videofläche über der Bühne, auf der Livebilder – etwa von Julia in Großaufnahme – eingeblendet werden. Man ist kleinere Videoflächen gewohnt. So kommt man Romeo und Julia kurz sehr nah, ein lohnender Effekt. Es passt sehr gut zum Drama „Romeo und Julia“, sie beide möglichst nah zu sehen, der Liebe ins Auge zu sehen.
Da ist des Weiteren die so groß wirkende Bühne des Residenztheaters, die man hier bis hinter zu den Backsteinmauern sieht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die SchauspielerInnen durchgehend – leider – besonders laut und deutlich reden – fast „schreien“ – müssen. Vielleicht ist mir das aber auch nur aufgefallen, da ich zuletzt Theaterstücke auf sehr sehr kleinen Bühnen besucht hatte. Vielleicht liegt es aber auch an der oft im Hintergrund mitspielenden Livemusik, auch wenn diese nicht sehr laut ist.
Da ist weiter etwas ganz Prägendes, siehe die Bilder des Beitrags: Zentral auf der Bühne steht eine große weiße bewegliche (drehbare) „Trennwand“, etwa vier Meter hoch, nicht ganz vom linken Bühnenrand bis nicht ganz zum rechten Bühnenrand. Sie dreht sich manchmal. Diese Trennwand dominiert die Inszenierung. Das Material der Trennwand – dicht aneinander gelegte Eisenträger (Aluminiumgestänge?) horizontal und vertikal – hat die Regisseurin (Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach) in anderen Inszenierungen schon ähnlich eingesetzt. Die untere Hälfte dieser hohen Wand des Gestänges ist beweglich, das Gestänge – an dem auch herumgeklettert wird – kann sich durch automatische „Auffächerung“ (herausgezogen wie Schubladen) in beide Richtungen zu einer breiten Treppe entwickeln, was sie auch oft tut. Man kann so beide Seiten der Trennwand über diese Treppen hinweg betreten, oben entlanggehen. Trennung und Durchlässigkeit.
Damit ist man dann auch schon im Thema von „Romeo und Julia“: Die Trennung zweier Welten, die zwei verfeindeten Familien – die Familie Capulet und die Familie Montague. Bekanntlich die Feindschaft der Familien einerseits und die Liebe zwischen Romeo (Montague) und Julia (Capulet) andererseits. So versteht man das Bühnenbild sehr gut (Bühnenbild: Marlene Lockemann).
Das Geschehen um Romeo und Julia wird hier klassisch, nicht etwa stark modernisiert erzählt. Es wird auch umfassend erzählt, mitsamt der Kampfszenen. Die Kostümierung, sie zeigt, dass zumindest eine gewisse Zeitlosigkeit erzielt werden soll: Fast alle Kostüme weisen sich – besonders farblich – durch eine schöne Mischung von modern und klassisch (damalige Zeit) aus (Kostüme: Johanna Stenzel). Da wird auch mal eine moderner anmutende Sonnenbrille getragen (Julias Vater – Oliver Stokowski). Das ist schön gelungen, irgendwie auch von Fantasie getragen.
Inhaltlich: Anfang und Ende. Pia Händler (eigentlich die Amme) und Nicola Mastroberardino (für den Rest des Abends Pater Lorenzo) begrüßen das Publikum als Totengräber. Und Julias letzte Worte sind „tot oder nicht tot“. Es geht eben um die Liebe eingerahmt vom Tod. Liebe extrem. Wobei sich der Zusammenhang von Liebe und Tod doch wohl in heutiger Wirklichkeit Gott sei Dank extrem selten stellt. Am intensivsten erlebt man dann auch Julia (Lea Ruckpaul) und Romeo (Vincent zur Linden), man spürt permanent die Anziehung beider zueinander, sehr gut, manchmal werden sie in ihren Gesprächen von Livemusik begleitet, die fast an Wagners Tannhäuser erinnert. Horngebläse …
Es sind viele Eindrücke, wenn man sich dieses „Klassikers par excellence“ einmal doch noch recht klassisch – dezent modernisiert – annehmen will. Weit modernisierter geht es dagegen etwa zurzeit in der Inszenierung „Romeo und Julia“ am Staatstheater Nürnberg und in der Live-Schalte „Mixtape“ dazu, vom Nürnberger Plärrer, Stadtzentrum, zu. HIER der Link zur Stückeseite der Inszenierung „Romeo und Julia“ von Joanna Praml am Staatstheater Nürnberg und HIER der Link zur Stückeseite von „Mixtape“ von Boris Nikitin ebenfalls am Staatstheater Nürnberg.
Hier noch zwei Fotos der Inszenierung am Residenztheater, der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach.
Und hier der Trailer zur Münchner Inszenierung.
HIER der Link zur Stückeseite von „Romeo und Julia“ auf der Website des Residenztheaters.
Salzburger Festspiele Sternstunden der Menscheit -vlnr.: Barbara Melzl, Evelyne Gugolz, Isabell Antoni Höckel,, Vincent Glander, Nicola Mastroberadino,
Meine Empfehlung in diesem Fall: Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ lesen! Das lohnt immer! Dann sich ein wenig mit dem Leben von Stefan Zweig befassen und dann im Münchner Residenztheater „Sternstunden der Menschheit“ ansehen, eine Inszenierung von Thom Luz.
Nur so geht es. Die Inszenierung ist unverständlich für jemanden, der dies nicht getan hat. Sie lebt – Thom Luz-typisch – von sehr eigenwilligen (ruhigen) Andeutungen an Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ und daneben – diese Kombination prägt die Arbeit von Thom Luz – von Andeutungen (etwas deutlicher) an das Leben und den Tod von Stefan Zweig. Beides zusammen mit noch etwas hat Magisches, siehe unten im Text.
Diese Gedanken tun sich auf:
Stefan Zweig: Er, der sensible Pazifist, Humanist, Brieftexte von ihm werden ab und an vorgelesen, er mochte sicher das Bestehende, er war kein „Veränderer“, er suchte das Beständige. Und dann wurde gerade ihm durch das Naziregime sein Leben entrissen, er floh (er war Jude) 1933 nach London und wechselte zuletzt nach Brasilien, Petropolis, lebte dort völlig entwurzelt noch ein paar Jahre bis zu seinem Freitod 1942. Er muss verzweifelt gewesen sein. Ein schönes Bild etwa, wie ihm – redend zum Publikum in Gestalt von Nicola Mastroberardino – ein Styroporgegenstand übergestülpt wird, er zum Verstummen gebracht wird, darauf außen herumgeklopft wird, …
Die Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“: Auch sie zeigen, dass Stefan Zweig das Bestehende mochte. Er äußert in diesen so wortakrobatischen – heute sicher etwas veraltet wirkenden – Erzählungen nicht etwa Kritik, er schildert, wie ganz wenige Sekunden, Wimpernschläge, kurze Entscheidungen, „Sternstunden der Menschheit“ eben, die Entwicklung der Menschheit beeinflusst haben. Fast bewundernd beschreibt er ja diese Sternstunden. Wie anders hören sich da seine trüben Gedanken an, die in dieser Inszenierung mit den „Sternstunden der Menschheit“ frei kombiniert werden! Wie gesagt, man sollte die „Sternstunden der Menschheit“ davor gelesen haben, um Andeutungen erkennen und heraushören zu können. Um das Spiel mit diesen Andeutungen erkennen zu können, den Widerspruch zu erkennen. Erzählt werden diese Sternstunden nicht!
Das Bühnenbild: Man sieht eine Kammer der Geschichte, in Regalen gelagerte und herumstehende Styroporgegenstände! Man erkennt in den Gegenständen Andeutungen an einzelne Erzählungen der „Sternstunden der Menschheit“. Die SchauspielerInnen spielen fast mit diesen Gegenständen der Sternstunden. Man hört dazu Stefan Zweig aus alten Lautsprechern (siehe Bild unten), man hört Schilderungen von Gesprächspartnern von ihm, SchauspielerInnen lesen Texte von Stefan Zweig, man liest auch Texte von Stefan Zweig, die auf die Bühne projiziert werden. Das hat Melancholisches. Zweigs teils verzweifelte Gedanken, warum der Mensch nicht „einfach normal“ sein kann! Gedanken, die in den „Sternstunden der Menschheit“ nicht geäußert werden.
Der Mensch ansich: Man könnte sagen: Ein Leben lang wuchtet der Mensch sinnlos Gegenstände hin und her. So auch hier auf der Bühne, vor den Regalen der Geschichte. Der Mensch baut ständig etwas – was später wieder zugrunde geht! Ein schönes Bild etwa: Nicola Mastroberardino (wieder) baut aus vielen kleinen und größeren Styroporquadern, die ihm gereicht werden, einen wackeligen hohen Turm, der „bis zum Himmel“ reichen soll. Es fällt um, alles stürzt auf der Bühne durcheinander. Das ist der Mensch! Der Mensch sieht die Geschichte, er staunt darüber, versteht sie aber nicht ganz. Bis er sich selber in die Regale legt. Damit befasst sich Thom Luz in dieser Inszenierung.
Thom Luz: Wie immer, versucht Thom Luz, seine Gedanken fast poetisch – wieder mit (wenigen) Instrumenten musikalisch – auf die Bühne zu bringen. Wie immer, eine Inszenierung mit denjenigen SchauspielerInnen, die schon bei früheren Inszenierungen von Thom Luz mitgewirkt haben. Es gab schon poetischere Inszenierungen von ihm, aber man findet es auch hier!
Das Magische an der Inszenierung: Es sind ja drei sehr unterschiedliche Ansätze, die zusammen auf die Bühne kommen und frech ineinandergreifen: Sie zusammen machen die Inszenierung aus! 1. Das „positive“ Denken in den Erzählungen der „Sternstunden, der Menschheit“. Da ist die Welt für Stefan Zweig noch in Ordnung. 2. Auf diese Welt trifft parallel aber die Erzählung des traurigen Todes von Stefan Zweig. 3. Garniert wird noch dazu alles mit (Stefan Zweigs) Gedanken über den Menschen an sich, mit schönen Äußerungen von ihm zu Überlegungen, die heute noch unverändert gelten.
HIER Der Link zur Stückeseite von „Sternstunden der Menschheit“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Wie alles zusammenhängt: Im Marstalltheater, der kleineren Bühne des Münchner Residenztheaters, ist zurzeit eine Inszenierung des einzigen Romans von Marie Luise Fleißer, (geboren 1901), eine Inszenierung des Romans „Eine Zeit für den Verein“ zu sehen.
Kleine Zusammenhänge dazu: Marie Luise Fleißer war befreundet mit Bertolt Brecht. Bertolt Brecht hatte ja zur damaligen Zeit Premieren an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater, sie lernten sich dann kennen. Von ihm ist just zurzeit am Residenztheater die Inszenierung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ zu sehen. Und weiter: Marieluise Fleißer war auch mit Lion Feuchtwanger befreundet, es war eine Freundschaft für die Lebenszeit. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ ist just derzeit ebenfalls am Münchner Residenztheater inszeniert.
Alle drei Autoren lebten also in derselben Zeit, Bertolt Brecht starb im Jahre 1956, Lion Feuchtwanger im Jahre 1958, Marieluise Fleißer im Jahre 1974. Sie lebten in den Jahren vor den, während der und nach den beiden Weltkriegen. Marieluise Fleißer verbindet man ja vor allem mit ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt Ingolstadt.
Ebenso wie bei Lion Feuchtwanger und bei Bertolt Brecht kann man auch bei Marieluise Fleißer daher nicht etwa übermäßig Bezüge zu unserer Gegenwart erwarten, zu sehr waren sie jeweils ihren so schwierigen Zeiten verhaftet! So beschränkt sich nun auch die Inszenierung von „Eine Zierde für den Verein“ im Marstalltheater letztlich auf die Darstellung des Romans in seiner damaligen Zeit, was aber Gelegenheit sein kann, sich mit der interessanten Person Marieluise Fleißer auseinander zu setzen.
Das Bühnenbild erschreckt am Anfang. Denn lange stellt sich die Frage, wie man auf dieses Bühnenbild kommen kann: Es ist ein hellblau gepolstertes, stufenmäßig ansteigendes Amphitheater-ähnliches Gebilde, recht gedrungen auf der kleinen Bühne, nach vorne hin offen. Siehe das Bild unten. Dieses Amphitheater kann immer wieder nach vorne hin von einem großen Plastikvorhang zugezogen werden.
Die SchauspielerInnen benutzen dieses Amphitheater immer wieder dazu, um daran herauf- oder davon hinabzusteigen, zu stürzen, zu kämpfen, unter ihm zu verschwinden, seitlich von außerhalb zu erscheinen etc. Es ist ein Spiel mit dem Raum, an das man sich gewöhnt. Seltsamerweise bleibt die Inszenierung aber gerade dadurch recht „raumlos“, es bleiben abstrakte Räume. Die vorherrschende Farbe hellblau im Innenbereichen mag dabei – fast zu naheliegend – daran liegen, dass die Hauptfigur Gustl, um den herum sich alles abspielt, ein erfolgreicher Schwimmer ist oder war, sein Bekannter Rhi ein Turmspringer (Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović).
Teils sind außerdem große Videoaufnahmen auf dem zugezogenen Plastikvorhang zu sehen. Mit Live-Kamera aufgenommene Szenen, die sich im Hintergrund des Vorhangs oder durch das Raumgebilde verdeckt uneinsehbar abspielen, was durchaus Erinnerungen an Frank Castorfs Inszenierungen provoziert (Inszenierung Elsa-Sophie Jach).
Dem Roman entsprechend werden die verschiedenen Charaktere entwickelt, Charaktere einer bayerischen Kleinstadt im Jahre 1920. Gustl eröffnet ein kleines Geschäft, Gustl der ehemals erfolgreiche Schwimmer, seine Mutter redet auf ihn ein, seine anfängliche Liebe Frieda, Linchen im Kloster Friedas Schwester, Minze der Sohn des Vermieters, Rhi also der Turmspringer, sein Name „Rhi“ Spitzname für Riebsand, der Sportverein und weiteres. Alles für Marieluise Fleißer sogar recht autobiographisch. Marieluise Fleißers sehr eigene Sprache im Roman, das irgendwie Wortkarge, trotzdem sehr Detaillierte, kommt natürlich im Roman selbst anders zur Geltung, kommt auf der Bühne natürlich etwas kurz. Jeder/jede schaut auf sich, sieht aber immer den anderen/die andere als Ursache für Ungemach, für die Schwierigkeiten. Das zeigt Marieluise Fleißers Roman sehr gut, kommt in der Inszenierung eher phasenweise deutlich zum Ausdruck. Das wiederum war ein Zeichen der Zeit: Es sind immer die anderen! So entstanden die Weltkriege. Und das sollte nicht heute wieder zum Zeichen der Zeit werden!
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
„Daddy“ – ein Stück am Münchner Residenztheater (am Marstalltheater) über die Verschmelzung von realer und digitaler Welt, der heute die jungen Generationen vor allem in Verbindung mit „Gaming“ unweigerlich ausgesetzt sind.
Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar dieerste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.
Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.
“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!
Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.
Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!
Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.
Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:
Hier der französische Trailer:
HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Kleine Bühnen können viel interessanter sein als große Bühnen! Die räumliche Nähe schafft immer wieder eine tolle Nähe zur Aufführung und extreme Nähe zu den SchauspielerInnen!
Ich mag daher das sehr kleine Zentraltheater in München, ich mag das kleine Metropoltheater in Freimann, ich war letztens in der kleinen Bühne 3 des Münchner Volkstheaters (im ersten Stock), ich mag das Marstalltheater, die kleine Bühne des Residenztheaters hinter dem Stammhaus, ich mag das kleine HochX und ich mag die beiden kleinen Bühnen der Münchner Kammerspiele. Es gibt noch einige mehr davon! Kleine Bühnen sind ein Muss für Theaterfreunde, sie schaffen immer ein anderes Erlebnis als es ein Abend vor großer Bühne schafft!
München hat jetzt noch eine neue kleine Bühne! Das Münchner Residenztheater wird künftig im schönen alten Gebäude des Marstalltheaters (siehe Beitragsbild oben) auch einen Teil der ersten Etage „bespielen“! Siehe übrigens die Geschichte des „Marstalls“ HIER! Ein Teil dieser oberen Etage des riesig hohen Gebäudes war bisher bekannt als das „Marstall Café“, sie wird nun um eine kleine Bühnenfläche daneben erweitert und heißt künftig MARSTALL SALON, etwas geändert gestaltet, vor allem mit einem riesigen eigenwilligen Lüster.
Im Marstall Salon soll es beispielsweise (neben Lesungen, Musik, Theater, Premierenfeiern etc.) künftig auch sogenannte „Ensembleabende“ geben, was wohl von einzelnen Ensemblemitglieder des Residenztheaters frei gestaltbare Abend sein werden. Ich habe den Ensembleabend am Donnerstag besucht, was künftig kommen wird, konnte ich leider nicht erfahren.
Ensemblemitglied Max Mayer präsentierte am Donnerstagabend (spät um 22:00 Uhr) seine eigene Aufführung von Franz Kafkas „EinBericht für eine Akademie“. Die Zuschauer wurden in dünne weiße Overalls gesteckt, schon war man gefangen, ent-individualisiert, was hier Sinn machte, eine runde Sache. Eine intensive, engagierte schauspielerische Leistung von Max Mayer, ein Soloabend natürlich – dem Text entsprechend! Max Mayer hat ihn mit wenigen Partnern entwickelt (etwa einem Künstler, der während der Aufführung eine nicht einsehbare Leinwand bemalte). Er präsentierte den „Bericht für eine Akademie“ (ganz leicht gekürzt) frei – was ich allein schon irre fand. Schauspielerisch sehr intensiv, so intensiv kannte ich Max Mayer nicht von großer Bühne. Und gegen Ende las dazu der junge Schüler Oskar Probst sehr gut (ruhig und langsam) und sehr passend einen Text über eine Person mit dem Tourettesyndrom vor und war dann noch der „Mensch“ gegenüber dem „ehemaligen Affen“. Das Tourettesyndrom: Es sind Menschen, die plötzlich wie von einem Wirbelsturm erfasst die Identitäten aller weiteren anwesenden Personen aufnehmen, sekundenschnell, wie in einem „Bombardement“, und die dabei kurz vielleicht ihre eigene Identität verlieren. Wie sollte es auch gelingen, die eigene Identität in diesen Momenten zu behalten? Eine große Frage: Wie findet man seine Identität in all dem Wirrwarr? In Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ geht es zwar nicht direkt um das Finden der Identität, der Affe sieht es ja nur als „Ausweg“, sich den Menschen anzupassen, nicht etwa als Weg (zurück) in die „Freiheit“. Da ist mir der Zusammenhang zwischen Kafkas Text und dem Tourettesyndrom nicht ganz klar. Kafka lässt aber viel Interpretation zu! Aber selbst wenn es zwei verschiedene Gedanken sind, es war eine klasse Darbietung!
Der Marstall Salon, ein schöner Ort, um auch hier wieder hinzugehen und kleine Aktionen mit viel Engagement zu erleben!
Hier noch eine Lesung des Textes „Ein Bericht für eine Akademie“, der sich lohnt!
Kaum ein literarisches Werk hat so viele verschiedene und widersprüchliche Interpretationen hervorgerufen, wie „Warten auf Godot“ des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Jetzt gibt es eine Inszenierung am Münchner Residenztheater, Regie führt die im niederbayerischen Landshut geborene seit Jahren erfolgreiche Claudia Bauer, die seit der Spielzeit 2024/2025 Hausregisseurin am Residenztheater ist.
Samuel Beckett konnte die Frage, wer denn Godot sei, selber nicht beantworten, sagte er, sonst hätte er das Stück „nicht geschrieben“. So kann man nur rätseln, auf wen oder was hier gewartet wird und was man in diesem Stück überhaupt sieht, das gilt auch für diese Inszenierung. Einen Handlungsstrang gibt es nicht im Geringsten, man erlebt – absolut wortgetreu dem Text folgend – nur Absurdes, braucht Fantasie und Interpretationsfreude. Für die Vorstellung am Residenztheater kann sich beispielsweise jeder für sich etwa folgende Interpretationen „mitnehmen“:
Die historische Deutung: Samuel Beckett hat Warten auf Godot kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Bezüge zum millionenfachen Schicksal der Juden sind auch kurz in der Inszenierung von Claudia Bauer (auf der Videowand im Hintergrund) zu finden. Die historische Frage: Wie kann man mit diesen Tatsachen, mit diesen gigantischen Verbrechen, dieser Schuld, umgehen für das weitere Leben? Estragon etwa vergisst einfach … spricht mehrfach vom Selbstmord …
Es gibt eine Yin-Yang-These: Wladimir ist ein Idealist, sein Freund Estragon hat dagegen eher resigniert und ist – wie gesagt – vergesslich. Beide stellen somit die Gegenpole Geist und Körper dar oder, mit den Begriffen aus der chinesischen Philosophie, die Prinzipien Yin und Yang.
Eine sozialistische These dagegen besagt, dass „Warten auf Godot“ ein Drama über Armut, Hunger, Elend und Sklaverei, über das Verhältnis von Herr und Sklave ist. Schließlich treten ja (als im Grunde einzige weitere Personen) Pozzo und sein Sklave Lucky im Stück auf. Hiermit würde aber doch m. E. zu einseitig auf die beiden Personen Pozzo und Lucky abgestellt, obwohl diese in beiden Hälften des Stückes auftreten.
Eine andere, die existenzialistische These, drängt sich vielleicht am ehesten auf: Nicht das Warten auf Godot, eine bestimmte Person, ist das Thema des Stücks, sondern das Warten an sich, das Leben ein Wartezustand. Warten auf etwas, ohne wissen zu können, auf was wir warten. Das absurde Theater, das sinnlose Sich-Ablenken, wie es Wladimir und Estragon ja immer wieder – mit meist nicht einmal vorhandenen Dingen – tun, deren Ratlosigkeit.
Eine christliche These wiederum sagt schlicht, Warten auf Godot sei mit der Suche nach Gott gleichzusetzen. Wer auf Godot wartet, stellt die Glaubensfrage.
Oder eine zivilisationskritische Interpretation: Die Einschätzung der modernen westlichen Zivilisation, dass alles einen Sinn und einen Zweck haben muss, wird auf den Kopf gestellt.
Auch eine nihilistische These gibt es: Beckett zeige die Welt nach der Atombombe. Im Programmheft heißt es etwa: „Die Welt – eine tote Hose im leeren Zirkus des Universums …“
Oder auch eine sprachkritische Betrachtung, die zur Interpretation führt, Sprache verselbstständige sich. Es findet keine Kommunikation statt. Die Figuren wollen nichts mitteilen oder ausdrücken.
Es ist schwer, ja es war immer schon unlösbar, dem Stück selbst eine bestimmte besonders treffende Interpretation zuzuschreiben, was an der Inhaltlosigkeit, an den nicht gerade leichten „Konversationen“, Äußerungen und Handlungen der Beteiligten liegt. Auch Claudia Bauer versucht nun natürlich mit ihrer Inszenierung – im engen Rahmen, den Samuel Becketts testamentarische Vorgaben für Aufführungen dieses Stückes machen – in gewisser Weise eine mögliche Interpretation. Prägend ist bei ihr die Zirkusmusik, die fast durchgehend den Abend im Hintergrund mal lauter, mal leiser begleitet. Das Spiel. Prägend ist bei ihr damit nicht das Tragische, sondern eher das Spielerische, das Zeitvertreiben der beiden wartenden Landstreicher. Auch diese Interpretation macht es nicht einfach, dem Stück etwas zu entnehmen. Man muss viel darüber nachdenken. Warum das Clowneske?
Das Bühnenbild ist dabei völlig zeit- und orientierungslos gehalten – wie das „Geschehen“. Das unterstreicht das Theoriehafte des Stückes, das absolut Absurde. Aber hierzu gilt: „Geschmeidigkeit geht anders!“ Die „Spielfläche“ ist eine große eckige, schräg abfallende Plattform, eine „unschöne“ Bühne auf der Bühne. Alle Beteiligten fallen auch mindestens einmal von dieser „Bühne auf der Bühne“, wollen aber wieder zurück, sie ist ja ihre „Welt“. Unter der „Bühne auf der Bühne“ kommt oft das Gewirr der tragenden Metallstangen zum Vorschein. Das ist theaterhaft – wie auch zu Beginn und am Ende Wladimir und Estragon vor dem Schminkspiegel – aber auch nicht gerade schön. Über der „Bühne auf der Bühne“ befinden sich – auch das alles andere als „schön“ – Reihen von Neonröhren, parallel ausgerichtet, auch sie hängen insgesamt schräg. Mehr gibt es natürlich nicht (der Baum natürlich noch, und die riesige Videowand hinten manchmal). Aber „Schönheit“ spielt natürlich überhaupt keine Rolle bei „Warten auf Godot“.
Claudia Bauer mag sich bei alledem über die engen Vorgaben von Samuel Beckett „geärgert“ haben, denn diese Vorgaben werden immer wieder auf der riesigen Leinwand im Hintergrund von Samuel Beckett persönlich (mit verfremdeter Stimme und verfremdetem Mund) eingespielt, fast hilflos folgen die beiden Landstreicher diesen Anweisungen, rennen auf der Bühne (wieder eher clownesk) hin und her, schaffen es kaum.
Ein Fazit: Claudia Bauer drängt im Grunde bei aller unschönen „Schrägheit“, auf die man blickt und die man erlebt, mit verschiedenen Elementen hauptsächlich wohl zu einer „lustigen“ Interpretation: Das clowneske Verhalten von Estragon und Wladimir, deren Kleidung, das Zirkushafte immer wieder, die Musik. All das führt dann aber dazu, dass die „schwereren“, die tragischen, philosophischen Aspekte dieses so unverständlichen Stückes etwas in den Hintergrund treten. Sie finden zwar auch irgendwie ohne besondere Betonung alle ihren Platz, das aber verwirrt dann vor der „Zirkuswelt“ eher (was aber auch am Stück selbst liegt). Im Ergebnis verlässt man damit aber das Theater doch recht ratlos. Man muss eben darüber nachdenken, reden.
HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Die Inszenierung am Münchner Residenztheater wurde vor wenigen Tagen als eine der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten zwölf Monate zum Berliner Theatertreffen eingeladen (10er- Auswahl). Ein Stück von Bertolt Brecht („Die Gewehre der Frau Carrar“) mit einem zweiten Teil, einer „Fortschreibung“ („Würgendes Blei“). Das Theatertreffen findet wieder in Berlin von Anfang bis Mitte Mai statt.
Regie hat die Thüringerin Luise Voigt (HIER mehr über sie), die – meines Wissens – erstmals am Residenztheater inszeniert. Die Fortschreibung des Brecht‘schen Teils – eine Auftragsarbeit des Residenztheaters – stammt von Björn SC Deigener (mehr zu ihm auf der Stückeseite auf der Website des Residenztheaters, siehe am Ende des Textes).
Die Arbeit wird an der schönen kleinen Bühne des Residenztheaters, im Marstalltheater, gebracht. Die Bühne wird, vor allem im ersten Teil, sogar noch verkleinert, denn alles spielt sich in einem kleinen holzvertäfelten Raum mit Tisch und Stühlen (mehr fast nicht) allein auf der vorderen Hälfte der Bühne ab, siehe das Foto unten. Enge Atmosphäre, passend zum Thema.
Das Brecht’sche Thema: Frau Carrar ist überzeugte Pazifistin, sie will ihre beiden Söhne nicht in den Krieg gegen Franco ziehen lassen. Geht ihre Rechnung auf? Unterstützt sie damit nicht Franco? Muss man sich denn nicht verteidigen, wenn man angegriffen wird, auch wenn man noch so pazifistisch denkt? Stichwort Ukraine. Einer der beiden Söhne von Frau Carrar wird dann getötet und so wird alles anders (ich will nicht spoilern).
Die Inszenierung des ersten Teils des Abends, des Brecht’schen Teils, ist „Bertolt Brecht pur“. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Farbwahl (wirklich alles ist – fast emotionslos – in matt beigefarbenem Holz und in schwarz gehalten) lassen allesamt schon fast keinen anderen Schluss zu. Auch schauspielerisch ist es zurückhaltend – aber sehr gut! Nicht sofort einleuchtend ist es daher aber, warum die Inszenierung insoweit als „bemerkenswert“ bezeichnet wird. Bemerkenswert kann im Grunde nur die freie Kombination mit der „Fortschreibung“ des Brecht‘schen Teils genannt werden. Und bemerkenswert macht die Inszenierung die Tatsache, dass man Brechts Stück in der Tat (so auch die Theatertreffen – Jurorin) als „das Stück der Stunde“ bezeichnen muss.
Letzterer Aspekt („das Stück der Stunde“) überzeugt mich am ehesten. Die Fortschreibung des Brecht’schen Teils wiederum weniger, sie ist – mein Eindruck – im Ansatz und der Herangehensweise an eine Fortschreibung gut, driftet dann allerdings (etwa mit einem Monolog eines Maschinengewehrs) doch etwas flach ab.
Fazit: Zurecht kann man das kleine, nicht sehr oft gespielte Brecht’schen Drama „Die Gewehre der Frau Carrar“ momentan sehr gut passend auf die Bühne bringen. Denn was bleibt einem anderes übrig, als sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird – sehenden Auges, dass es viele Menschenleben kosten wird! Pazifismus wird dann sinnlos, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat! Schlimm genug!
Hier noch ein Bild:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Wer zwei renommierte „Theaterurgesteine“, nämlich Manfred Zapatka (er hatte seine Theaterlaufbahn vor 5 Jahren beendet, war früher u.a. im Ensemble der Münchner Kammerspiele und des Residenztheaters) und Juliane Köhler (sie ist seit 2001 am Residenztheater, davor war sie an den Münchner Kammerspielen und davor schon einmal am Residenztheater) gemeinsam sehen möchte, sollte sich momentan in München Residenztheater BLIND ansehen.
Es ist die Inszenierung eines der neuesten Texte der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans, Regie hat Matthias Rippert.
Lot Vekemans ist ja für ihre Texte bekannt. Ein paar Zusammenhänge vorab:
Zu sehen war in München vor Jahren die Inszenierung des Textes „Judas“ von Lot Vekemans mit Steven Scharf (auf der Leiter).
Am Münchner Metropoltheater war außerdem vor wenigen Jahren eine Inszenierung des Textes „Schwester von“ von Lot Vekemans zu sehen, es ging um die Schwester von Antigone, Ismene. Ein Monolog ans Publikum.
Juliane Köhler spielte am Residenztheater schon Lot Vekemans Text „Niemand wartet auf Dich“, auch das eine direkten Ansprache des Publikums, auch das eine deutschsprachige Erstaufführung.
Und: Juliane Köhler ist übrigens in Göttingen geboren. Ich auch.
Das Thema nun von BLIND: Ein Stück zweier Personen. Ein „alter“ allein und abgeschottet lebender Vater (Richard) und seine Tochter (Helen). Die Tochter hat ihren Vater jahrelang nicht besucht, nun kommt sie sporadisch, der Vater hat seine Haushälterin grundlos entlassen. Wenn man dem wahrlich schroffen – zu schroffen – Verhalten der Tochter gegenüber ihrem Vater folgt, kann man nur sagen: Dieses Verhältnis ist zerrüttet. Das Verhältnis zweier Generationen ist vielleicht gemeint und das ja zurecht. Helen nennt ja manchmal – zumindest kurz – die Themen heutiger Zeit. Der Vater erscheint zwar fast liebevoll gegenüber seiner Tochter, sie aber akzeptiert einfach nicht all die altersbedingten „Schrulligkeiten“ des Vaters, sie reibt sich an ihnen, wohl schon immer. Für sie sind es sogar mehr als „Schrulligkeiten“, sie macht ihrem Vater Vorwürfe, die auf sein Leben zurückgehen.
Seine Rechthaberei, seine Einstellung zu Helens dunkelhäutigem Ehemann, seine Weltfremdheit, sein Selbstmitleid, seine – so sieht es Helen – lebenslange Interesselosigkeit gegenüber der eigenen Tochter, seine ihr entgegensetzten Ansichten zu den aktuellen Themen über Gleichberechtigung, Naturschutz, soziales Denken, sein fehlendes Engagement für solche Themen und und und.
Wie gesagt: Juliane Köhler spielt Helen äußerst schroff. Sie zeigt damit keinerlei Nachdenklichkeit. Ich weiß nicht, ob sich ein so „grauenhaftes“ tief verwurzelt verbittertes Verhältnis zwischen Vater und Tochter noch je ändern könnte. Die Tochter Helen äußert Kritik und Unverständnis, ja eben fast Abneigung gegenüber dem Vater, sie besucht ihn immer ungern. Kritik ist zwar oft der Schlüssel zur Verbesserung, auch und gerade die Kritik der neuen Generation an der alten Generation. Ein guter Gedanke. Aber:
Achtung: Ab hier wird gespoilert!
Man muss sich hier im Grunde wundern, dass das Verhältnis der beiden im Verlauf des Stückes tatsächlich doch noch „die Kurve kriegt“. Es beginnt mit der Bemerkung des Vaters: „Ich wünschte, wir könnten neu anfangen.“
Dann wird es fast etwas zu leicht: Wir müssen immer nach vorne blicken … heißt es als gute Lösung. Auch das verständlich, aber es bleibt damit vielleicht ein etwas zu versöhnliches, hilfloses, fast kitschig pauschales Ende. So wird der Zuschauer doch zu leicht aus dem Theater entlassen. Nun gut, man kann nicht alles auf die Bühne bringen.
Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ hatte 1912 Uraufführung, es handelt bekanntlich vom jüdischen Arzt Professor Bernhardi und seinem ärztlichen Verhalten gegenüber einem katholischen Priester im Wien nach 1900. Professor Bernhardi lässt den Priester, der einer Patientin die Sterbesakramente erteilen will, nicht zur sterbenskranken Patientin, sie ahnt ihren kurz bevorstehenden Tod nicht einmal, ist eher euphorisch. Professor Bernhardi handelt aus ärztlicher Sicht zum Schutz der Patientin.
Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.
Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.
Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.
Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.
Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?
Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.
Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.
Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Zwei Inszenierungen von Stücken von Henrik Ibsen können derzeit in München gesehen werden: An den Kammerspielen ist „Baumeister Solness“ zu sehen – hierzu in Kürze in einem eigenen Beitrag – und am Residenztheater „Die Wildente“ – hierzu hier. Es sind völlig verschiedene Inszenierungen!
Die Wildente am Residenztheater ist die erste Inszenierung des norwegischen Regisseurs Johannes Holmen Dahl auf deutscher Bühne. Es ist eine sehr konsequente, reduzierte Inszenierung, die mir in dieser Art gut gefallen hat! Auch das kann Theater! Man erlebt keine „Show“, kein Bühnenbild, man erlebt schlicht das Stück, das ja komplexer ist als man meinen könnte. Die durchaus große, hohe Bühne des Cuvillestheaters – es ist trotzdem die etwas kleineren Bühne des Residenztheaters – ist vollkommen leer und dunkel gehalten. Ein Schlagzeug kommt seitlich am Bühnenrand manchmal zum Einsatz. Die insgesamt acht Schauspielerlnnen kommen und gehen und reden miteinander, nicht selten reden sie nebeneinander stehend am vorderen Bühnenrand mit Blick in das Publikum. So folgt man für zwei Stunden der zuerst so harmlos daher kommenden Geschichte von „Die Wildente“, die sich mehr und mehr zuspitzt. Nicht einmal ein Brief oder eine Speisekarte, die eine Rolle spielen, sind als Requisiten sichtbar, man muss es sich vorstellen.
Die Inszenierung hat mich an frühere wunderbare Inszenierungen von Jürgen Gosch erinnert. Fast mit den einzigen Unterschieden: Bei Jürgen Gosch (etwa bei seinen Erfolgsinszenierungen von Tschechows „Die Möwe“ oder „Onkel Wanja“) blieben alle SchauspielerInnen immer am Rand auf der Bühne stehen und schauten zu, außerdem war der Bühnenraum bei ihm meist klein gehalten. Jürgen Gosch war damit sogar noch konsequenter als Johannes Holmen Dahls. Denn bei „Die Wildente“ hier am Cuvillestheater kommt zumindest im Verlauf des Stückes die Natur mit „Naturgewalten“ zum Einsatz, vor allem gegenüber der Tochter Hedwig (zum Inhalt unten), um die Gefühlslagen zu verdeutlichen. Auch das gelungen und passend. Eine große dichte Nebelwolke von oben, starker Wind (Sturm fast), grelles Licht, Regen, Donnern des Schlagzeugs und am Anfang und Ende der Blick ins reale Nachtlicht des Residenzhofes hinter dem Theater aus einem großen Fenster an der Rückwand der Bühne. Der Blick in die Freiheit?
Inhaltlich ist die Wildente ja garnicht so leicht zu verstehen: Worauf wollte Henrik Ibsen hinaus? Wofür steht die Wildente? Vordergründig ist es klar: Der Unternehmer Werle mit Schuldgefühlen einerseits und die Familie Ekdal mit Tochter Hedwig und ihre Wildente andererseits. Die Familie Ekdal wurde jahrelang vom Unternehmer finanziert und unterstützt (ohne Wissen des Vaters der Familie Ekdal und der Tochter) – man ahnt und merkt später, warum er es machte. Der Sohn des Unternehmers Werle macht sich dazu auf, das aus seiner Sicht falsche, unehrliche Leben der recht armen Familie Ekdal in die für ihn richtigen Bahnen zu bekommen, die Dinge aufzudecken. Nur so könne man doch gut leben! Lebenslügen und Wahrheit – vielleicht ist es das große Thema des Stückes. Man findet verschiedene Ansätze, wenn man danach darüber nachdenkt. So kommt auch die Frage auf: Welche Figur steht eigentlich wirklich im Mittelpunkt? Ist es die Tochter Hedwig? Ist es ihr „Vater“ Hjalmar? Die Mutter? Fast jede Person hat einen eigenen Beitrag zur Geschichte in diesem Stück.
Und jeder/jede sieht in der Wildente wahrscheinlich etwas für ihn/sie Bedeutendes. Die Wildente lebt ja im Grunde auch in einer „Lebenslüge“: Sie wurde auf einer Jagd des Unternehmers angeschossen und wurde dann von der Familie Ekdal aufgenommen, sie kann nicht mehr fliegen, lebt auf dem Dachboden und hat keine Beziehung mehr zur Außenwelt, keine Beziehung zur Freiheit, zum ihr eigentlich eigenen Leben. Ihr wird seit ihrem „Untergang“ (der Schusswunde) ihr Leben lang etwas vorgemacht.
Schauspielerisch ist es bei dieser Kargheit der Inszenierung auch gelungen! Es ist ja schwer, hauptsächlich den kleinen Gesten des Sprechens vollen Ausdruck zu verleihen. Hervorzuheben sind für mich Simon Zagermann (als Hjalmar Ekdal) – er überzeugt, steht am ehesten im Mittelpunkt! Dann Oliver Nägele – er spielt den alten Ekdal und gibt dem Stück dabei eine fast ehrenhafte Note. Auch Anna Drexler, wieder zurück aus Bochum, hat mit ihrer etwas zurückhaltenden, aber dann doch (selten aber) auch explodierenden Art immer wieder eine schöne Bühnenpräsenz! Max Mayer spielte seine Rolle als der Arzt Relling dagegen verrückter aus, als ich es bei der Lektüre vor Augen hatte. Wichtig sind auch Naffie Janha alsTochter Hedwig und Florian Jahr als Sohn des Unternehmers Werle, sie stoßen das Stück aber fast nur an (Gregers Werle) bzw. sind Leidtragende (Hedwig).
Wer eine schöne unaufgeregte Konzentration auf „Die Wildente“ in aller Klarheit der Bühne sehen möchte, sieht es hier. Und in der Tat lässt sich gut überlegen, für was die Wildente wohl stehen kann …
Hier noch zwei Bilder:
HIER der Link zur Stückeseite „Die Wildente“ auf der Website des Residenztheaters.