THEATER: Susanne Kennedy – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Diese Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Spezialisten – allesamt mit höchster Qualität – mitgewirkt haben. Ein Team um Susanne Kennedy herum. Heraus kommt ein Ergebnis, das man selten sieht, vor dem man selten sitzt.

Gut, ich liebe mitunter extreme Formulierungen, um Dinge deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ich meine nicht, dass ich die Weisheit mit Löffel gegessen habe, aber hier ist wieder einmal eine solche extreme Formulierung angebracht – ich sehe ja viel Theater: Diese Inszenierung kann, finde ich, Theatergeschichte schreiben – zumindest an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen. Es sind ja viele Bausteine, die die Theatergeschichte erschaffen.

Der Klassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, geschrieben ganz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Uraufführung am 31. Januar 1901. Er ist der Ausgangspunkt für die Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Es ist eine Inszenierung VON Susanne Kennedy NACH Anton Tschechow. HIER ein kurzer Blick auf ihren bisherigen künstlerischen Weg. Es geht nicht um eine inhaltliche Darstellung des berühmten Stückes „Drei Schwestern“ VON Anton Tschechow. Vergangenen Samstag war Premiere.

Vorab ganz grundsätzlich: Allein die Tatsache, diesen russischen Klassiker über die drei Schwestern – die so gerne das langweilige Land in Richtung des ersehnten Moskau verlassen würden, und den wir uns immer wieder anschauen -, diesen Klassiker des Alltagslebens zu nehmen und ihn dann in so abstrakte Höhen und in eine so abstrakte Inszenierung zu führen, in der die Inhalte von Tschechows Werk „Drei Schwestern“ nur höchst ansatzweise – höchst ansatzweise – benötigt werden, das allein ist schon eine wunderbar gelungene Leistung! Was hätte Anton Tschechow dazu wohl gesagt?

Zum Äußeren: Alle Elemente der Inszenierung passen wahrlich zusammen! Die Münchner Abendzeitung etwa schreibt: „Visuell ist dieser Abend freilich faszinierend bis sensationell!“ Die Bühne ist eine riesige geschlossene Videoleinwand. Man sitzt vor einer riesigen Leinwand. Mitten in dieser Leinwand schwebt auf halber Höhe der kleine Bühnenausschnitt, der einen kleinen Raum hergibt (siehe oben das Beitragsbild)

Der Bühnenausschnitt schließt sich manchmal, dann öffnet er sich wieder. Mal sieht man auf der Videowand, die den Bühnenausschnitt schließt, grob gepixelte Personen. Ansonsten: Playback für jedes Geräusch, Masken, Stillstand. Mehr Distanz geht kaum. Man hat Distanz zu jeder Art „Geschehen“, zu den Personen – und damit öffnet sich andererseits eine Nähe zum Thema.

Man muss auch nicht sagen: Susanne Kennedy arbeitet ja schon wieder mit Masken und schon wieder mit voice over und schon wieder sehr abstrakt, schon wieder auf einer sehr engen Bühne. Entwickelt sie sich nicht weiter? Erstens: Wenn man das sagt, hätte im Grunde ein Frank Castorf schon vor Jahrzehnten in der Versenkung verschwinden müssen. Zweitens: Susanne Kennedy entwickelt sich natürlich weiter! Das bestätigen allein in kleinen Gesprächen Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die ja schon mehrfach mit Susanne Kennedy zusammen gearbeitet haben oder sie jedenfalls daher kennen. Selbst „Die Selbstmord-Schwestern“, ihre vorherige Arbeit an den Münchner Kammerspielen, war eine Inszenierung, die noch etwas konkreter mit dem Ursprungstext umging. Auch demgegenüber scheint mir „Drei Schwestern“ eine Weiterentwicklung.

Schon vor Beginn der Inszenierung von „Drei Schwestern“ folgendes Bild: Man sieht auf dieser riesigen Leinwand – bei noch geschlossenem Bühnenausschnitt – dichte, undurchdringliche, bunte Wolkenmassen wabern. Ein unbestimmbarer Grummelton begleitet das irgendwie „Unendliche“. Es gibt ein „Außen“ – außerhalb des engen Bühnenausschnittes – und ein „Innen“ – innerhalb des Bühnenausschnitts. Vor Beginn durchziehen die Wolken noch beide Bereiche. Bis sich nur der enge Bühnenausschnitt öffnet und wir einen Blick auf diese schwebende, enge komische Welt bekommen, in der wir ja leben. Die sich jeder einbildet. Unser kleines Leben im großen Universum.

Auch die Masken, hinter denen sich die Schauspieler verbergen, und das voice over, die Ausstattung, die Kostüme, alles wirkt in dieser Inszenierung meines Erachtens gut zusammen. Sogar die wenigen Bewegungen der Schauspieler (vor allem von den drei Herren, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Walter Hess) tragen entscheidend zum Gesamtbild bei. Aus irgendeinem Grund wurden bei mir aus den fast statischen Person doch kleine Persönlichkeiten. Obwohl jede Stimme wieder Play-back gebracht wird – wie jeder Schritt, bis hin zu jedem Schluckgeräusch, jede Stimme ist noch dazu von einer anderen Person gesprochen, nicht vom/von der SchauspielerIn selbst.

Inhaltlich geht es nicht etwa um die „Drei Schwestern“ und deren Wünsche, deren Sehnsüchte: Die drei Schwestern – sie bleiben bei Susanne Kennedy natürlich namenlos – stehen eher für die Menschheit, den Menschen: Die Menschheit befindet sich in einer ewigen Zeitschleife. Letztlich wie die drei Schwestern, die nie vom Landleben wegkommen. Also das kleine Leben und die Menschheit: Loops! Es wird immer so weitergehen. The end is not the end is not the end is not the end is not the end … , heißt es einmal.

Warum machen wir das alle? Weil wir müssen. Und dann kommt Friedrich Nietzsches Überlegung herein (aus dem Off gesprochen): Was wäre denn, wenn wir dieses Leben nicht nur einmal leben müssten, sondern immer wieder, ganz genau gleich? Ein ewiger Loop? Was wäre dann unser Weg in einem solchen ewigen Kreis? Diese Überlegung von Friedrich Nietzsche stülpt Susanne Kennedy über den Klassiker „Drei Schwestern“. Es geht auf, weil es eine seltene Überlegung ist, die eine extreme Darstellung findet.

Ein wenig ist der Gedanke des tiefen „Erlebens des Momentes“ die Quintessenz aus der obigen Frage bei Friedrich Nietzsche und vielleicht auch bei Susanne Kennedy. Das allein bleibt im „Ergebnis“ bei Susanne Kennedy etwas offen. Aber was heißt schon „Ergebnis“. Susanne Kennedy will sicher keine Lösung präsentieren. Es geht darum, den Loop der Ewigkeit als Prinzip sogar hinter Anton Tschechows „Drei Schwestern“ aufzuzeigen. Der Abend endet dann dementsprechend auch ganz realistisch, wie das Leben – eben plötzlich mit einem „Cut!“ aus dem Off. Auf der Bühne sagt übrigens einer der Schauspieler (erkennbar Christian Löber) sinngemäß: „Wir können nur für die Liebe leben!“ Vielleicht ist das ein Weg, wenn wir tief im aktuellen Moment leben. Susanne Kennedy wird vielleicht darüber nachdenken. Allerdings wird die Liebe – ein großes Thema ja schon bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – in dieser Inszenierung zwar zwei-/dreimal kurz erwähnt, aber in keiner Weise irgendwie gezeigt oder auch nur angedeutet. Als gäbe es sie dann doch gar nicht!

Es gibt also viele Aspekte, die diese Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis machen. Auch wenn nicht alles komplett verständlich war. Mir war etwa nicht klar, wie der Gedanke des menschlichen „Genius“ hier reinpasste. Der menschliche Genius, der die Dinge nur ganz für sich selbst erlebt, wurde letztlich zum Thema. Und wenn der Genius sein Erlebnis in Worte packt, muss er es einerseits – der Mensch will sich ja mitteilen – in Worte fassen, andererseits ist das Erlebnis damit nicht mehr das Erlebte, sondern etwas anderes. Denn jeder andere hört und versteht die Worte anders. So ist das natürlich. Aber das wurde dann doch etwas viel.

Trotzdem Gratulation, nicht nur an Susanne Kennedy, auch an die weiteren Mitwirkenden wie Lena Newton (Bühne), Teresa Vergho (Kostüme), Richard Janßen (Sounddesign und Video-Montage), Roderik Biersteker (Video) oder Rainer Casper (Licht) und die SchauspielerInnen, die in dieser Kennedy’schen Spielweise auch (wieder) besondere Erfahrungen gemacht haben.

Hier noch ein Foto:

©️ Judith Buss

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf dem Portal der Münchner Kammerspiele.

©️ des Beitragsbildes: Judith Buss

LITERATUR: Matthias Nawrat – Der traurige Gast

Wir führen immer diese verdammte – oder schöne – Vergangenheit mit uns herum. Offenbar gibt es für uns Menschen keine Gegenwart ohne Vergangenheit. Anders als für Tiere. Irgendwie geht es im kürzlich erschienenen Buch von Matthias Nawrat „Der traurige Gast“ immer wieder und in allen möglichen Formen um diese Vergangenheit in der Gegenwart. Und eigentlich hat jeder daran zu knapsen.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚

Das Buch hat irritiert. Es ist kein fröhliches Buch. Eine Ich-Erzählung, wobei man über den Ich-Erzähler kaum etwas erfährt. Das Buch hat keine besondere Handlung. Der Ich-Erzähler trifft innerhalb einer überschaubaren Periode um das Berlin-Attentat am Breitscheidplatz herum verschiedene Menschen, die viel reden, viel erzählen. Eine recht einsam wirkende Architektin, der frühere Chirurg Dariusz, der jetzt Mitarbeiter an einer Tankstelle ist, der alte „Freund“ Torsten, der jetzt Wissenschaftler ist, und und und.

Der Tod kommt dabei immer wieder zum Vorschein. „Der Friedhof“ heißt ein Kapitel, „Die Beerdigung“ ein anderes, einen Selbstmord gibt es, weitere Todesfälle. Kurz das Attentat am Breitscheidplatz, früher die Judenermordungen, die Vertreibung … Der Ich-Erzähler selbst – Matthias Nawrat ist Pole – ist bei alledem distanziert, verunsichert, überrascht, irritiert, auch verständnislos oder orientierungslos.

Das Buch ist unterteilt in drei große Abschnitte: Die Architektin – Die Stadt – Der Arzt. Jeder Abschnitt hat wiederum mehrere kurze Erzählungen. 13 – 13 – 12. Das macht das Lesen leicht, man kann immer unterbrechen. Innerhalb der drei großen Abschnitte beziehen sich die kurzen Erzählungen meist aufeinander.

Ich habe viel an das – erstaunlichere – Buch von Teju ColeOpen City“ gedacht, das ich vor circa einem Jahr gelesen hatte. HIER mein damaliger Bericht dazu. Teju Cole geht durch New Yorks Straßen und erzählt von gedanklichen Verbindungen zu dem, was er sieht, von seinen Eindrücken, seinen Erinnerungen, seinen Gefühlen beim Weg durch New York. Mehr nicht – aber sehr lesenswert, irgendwie besonders.

Matthias Nawrats Erzählung(en) „spielen“ also in Berlin. Matthias Nawrat läßt aber – im Gegensatz zu Teju Cole – andere Menschen reden, redet nicht selber. Und im Unterschied zu Teju Cole gibt es bei Matthias Nawrat im Grunde deutlicher einen „roten Faden“, der aber sehr allgemein gehalten ist: Die Gegenwart und die Vergangenheit. Und im Grunde noch das Thema: Das „Leben heute“ und das „Leben gestern“. Die Tatsache, dass man im Grunde immer schon gelebt hat und dass zumindest am selben Ort viele Generationen genau dort schon irgendetwas erlebt haben oder oder. Und das Ganze eben eher belastend. Im Grunde sind es viele große philosophische Ansätze. Dennoch hat mich das Buch irritiert, das von Teju Cole nicht so. Nawrat hat mich hoffnungsloser zurückgelassen.

Viele philosophische Ansätze zum Leben kann man also finden, meines Erachtens allerdings sind die Überlegungen zu allgemein gehalten. Und noch dazu meist mit irgendwie trauriger oder negative Tendenz. Anders als bei Teju Cole. Die Erinnerungen, von denen jede Person erzählt, sind meist – ich würde sagen – problematische, belastende Erinnerungen. Und Sie werden oft nur angerissen, was den Leser natürlich teils ratlos zurücklässt.

Die Beziehung zu den Geschwistern, der Tod des Sohnes, die Eltern, die Mutter, Liebschaften, eigene Erlebnisse, der erste Ehemann, die Kindheit, der Ort der Kindheit, Ermordung von Juden, Vertreibung, Mythologien, und und und. Alles, was in unser Leben herein gespielt und es bestimmt. Es ist etwas wahllos. Motto: „Der Mensch, das komische Wesen …“. Oder: „Gestern“ und „Heute“ – warum das alles? Das ist natürlich so, aber das als Thema?

Interessant ist jedenfalls der Vergleich der beiden genannten Bücher von Matthias Nawrat und Teju Cole. Europäische Literatur (natürlich negativ schon im Titel: „Der traurige Gast“) und amerikanische Literatur (ähnlich, aber positiver schon im Titel: „Open City“).

HIER der Link zur Seite des Rowohlt Verlags zum Buch von Matthias Nawrat, Der Traurige Gast.

MUSIK: Dire Straits – Brothers in Arms

Es ist ein Song der Dire Straits, aber hier von Marc Knopfler gespielt. Auf der Party käme er jetzt dran, „Brothers in Arms“ mit einer Liveaufnahme von vor zwölf Jahren. Marc Knopfler war schon damals nicht mehr der Jüngste, aber mir gefällt die Aufnahme. In dieser Aufnahme wird der Song etwas deutlicher im Text, als in anderen Aufnahmen. Marc Knopfler röhrte ihn früher undeutlicher. Aber er spielt es ja hier auch vor kleinem Publikum!

Es gab hier im Blog in letzter Zeit ohnehin ruhige Musik, daher jetzt auch dieses Lied. Zum Song ganz runterscrollen.

Der Songtext in Englisch:

These mist covered mountains
Are a home now for me
But my home is the lowlands
And always will be

Some day you’ll return to
Your valleys and your farms
And you’ll no longer burn
To be brothers in arms

Through these fields of destruction
Baptisms of fire
I’ve witnessed your suffering
As the battles raged higher


And though we were hurt so bad
In the fear and alarm
You did not desert me
My brothers in arms

There’s so many different worlds
So many different suns
And we have just one world
But we live in different ones

Now the sun’s gone to hell
And the moon’s riding high
Let me bid you farewell
Every man has to die

But it’s written in the starlight
And every line in your palm
We’re fools to make war
On our brothers in arms

Und auf Deutsch:

Heute sind diese nebelverhangenen Berge mein Zuhause.
Aber meine Heimat ist das Land der Ebene,
und es wird immer meine Heimat bleiben.
Irgendwann werdet Ihr zurückkehren.
Heim,
zu euren Tälern und euren Höfen,
und dann werdet ihr nicht mehr darauf brennen,
Waffenbrüder zu sein.


Ich habe euer Leid gesehen,
hier, auf den Feldern der Zerstörung
habe ich eure Feuertaufe erlebt.
Und als die Schlacht härter wurde, grausamer,
als ich auf den Tod verletzt wurde,
in all dem Lärm, in all der Furcht,
da habt ihr mich nicht allein gelassen.
Ihr, meine Waffenbrüder.

Es gibt so viele Welten, so viele Sonnen.
Wir haben nur diesen einen Planeten.
Und doch ist es so, als käme jeder von uns
von einem anderen Stern.

Die Sonne ist zur Hölle gefahren,
der Mond regiert jetzt den Tag.
Lasst mich Euch Lebewohl sagen.
Jeder Mann muss sterben.
Aber es steht in den Sternen geschrieben,
und in jeder Linie auf euren Handflächen:
Wir sind Narren, wenn wir Krieg führen gegen unsere
Waffenbrüder.

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THEATER: Thom Luz – Girl From The Fog Machine Factory

Er sagt: „Alles, was wir besitzen als Menschen, zerrinnt uns ja zwischen den Fingern wie Nebel. Auch die Liebe, die Zeit, Erinnerungen …Thom Luz, schweizerischer Regisseur, hat alle Nebelmaschinen, die er in seiner bisherigen Karriere als Theaterregisseur im Einsatz hatte (oder sich beschafft hatte), zusammengebracht und den entstehenden Nebel mit seinen Gedanken dazu zu einem gemeinsamen Einsatz gebracht. Ein Stück, das auch traurig machen kann – nichts bleibt, alles vergeht, alles zerrinnt.

Es war wieder eines der Stücke, die zum Berliner Theatertreffen 2019 (03. bis 20. Mai) eingeladen sind und die vorab auch in München bzw. Bayern zu sehen waren:

  • DIONYSOS STADT, der fast zehnstündige Antikenmarathon von Christopher Rüping, ohnehin. Es ist eine Produktion der Kammerspiele. Sie ist ausgewählt zum Berliner Theatertreffen 2019 – läuft noch an den Münchner Kammerspielen.
  • ORATORIUM von SheShePop wurde auch zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch an den Münchner Kammerspielen sowie letztens in Augsburg zu sehen.
  • UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace wurde ebenfalls zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch in Augsburg auf dem Brechtfestival zu sehen.
  • Und jetzt war GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY von Thom Luz an den Kammerspielen (Kammer 2) zu sehen. Es ist eine Koproduktion der Theater Gessnerallee Zürich, Théâtre Vidy-Lausanne, Kaserne Basel, des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel Hamburg, des Theater Chur und des Südpol Luzern. Auch diese Produktion wurde (bekanntlich) zum Theatertreffen 2019 eingeladen.

HIER der Link zur Produktionsseite des Stückes GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY (mit einem Video vom Stück am Ende der Seite!) und HIER ein schönes Gespräch mit Thom Luz mit seinen Überlegungen zu diesem Stück. Beide Videos lohnen sich.

GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY ist in den kommenden Monaten noch an verschiedenen Orten Europas zu sehen (Bern, Montpellier, Antwerpen, Athen …). Die Termine finden sich oben rechts in diesem Blog unter „Websites und Termine von Performancegruppen“, dort unter „Bernetta“ (Bernetta ist keine Performancegruppe, sondern Produktionsgruppe, ich muss es einmal besser platzieren).

Eine Lagerhalle, die Firma vor dem Aus, Unordnung, Kartons, Nebelmaschinen, Leitern, Ventilatoren, ein paar Mitarbeiter, das sieht man. Das Stück konnte durchaus traurig machen: Es war keine irgendwie geartete „Story“, der man folgte. Es war mehr eine Beobachtung mit Gedanken zum Leben. Die Mitarbeiter lassen die Nebelmaschinen wirken.

Nebel – das einzige, was die Nebelmaschinen produzieren – hat es nun einmal an sich, sich unförmig auszubreiten – keiner weiß wohin -, dann kurz ansehnliche Bilder zu schaffen, überhaupt nicht greifbar zu sein und dann zu verschwinden. Sich einfach aufzulösen in Nichts. Und eigenartig, wie wir Menschen gestrickt sind. Wir sind im Grunde gefangen von dem Drang, immer irgendetwas erkennen zu wollen, dachte ich mir. Ich habe an mir selber festgestellt: Ständig will man (als Mensch) ja im Grunde irgendetwas erkennen, wenn man etwas anschaut. Man will wenigstens eine Form erkennen, irgendeine Struktur. In jeder Nebelschwade sollte doch am besten irgendetwas erkennbar werden. Irgendeine Assoziation sollte wenigstens kurz entstehen, greifbar werden, aufflackern.

Also: Bei jeder austretenden Nebelschwade hatte man immer wieder unwillkürlich ganz kurz einen kleinen Moment der Erwartung: „Endlich kommt eine Struktur zum Vorschein!“ Aber nein, man sah wieder nichts. Wieder wurde man enttäuscht. Man saß zwar nicht wirklich enttäuscht da, aber irgendwo war diese Enttäuschung. Es heißt ja auch zurecht: „In jeder Erwartung steckt eine Enttäuschung.“ Denn es wird ja nie irgendwo genau das eintreffen, was wir uns innerlich erwarten! So ist unser Leben. Auch Erinnerungen, die Zeit, Entwicklungen, alles verflüchtigt sich. Und das zeigten eben die Nebelschwaden immer wieder.

So hat man eine Enttäuschung nach der anderen zu verarbeiten, wenn man an diesen Abend dem Nebel zusieht. Und noch dazu lösen sich die Enttäuschungen dann in Nichts auf. Vielleicht können wir Menschen eben nicht (mehr) mit „Nichts“ umgehen. Es muss immer etwas sein! Obwohl der Nebel doch so schön aus diesen Nebelmaschinen herauskommt und dann kurz jedenfalls so schöne Bilder erzeugt. …

Auch mit Vergänglichkeit tun wir uns ja schwer. Wir kämpfen darum, alles ewig zu erhalten. Alles wird zeitlos digital speicherbar. Wir arbeiten gegen sich verändernde Fotoaufnahmen auf Papier, gegen schlechter werdende Tonbandaufzeichnungen etc.

Man kann es natürlich auch ganz anders sehen: „Schön, was mit Nebel alles angestellt werden kann!“ Und so weiter…

Ähnliche und weitere schöne Überlegungen zum Nebel und seiner Wirkung schildert übrigens Thom Luz in dem oben genannten und verlinkten Videogespräch.

Kurz noch: Man kann – wenn man sich weiter hineinsteigert – fast sagen, es geht „ganz einfach“ um den Widerspruch zwischen „Sein und Nichtsein“. Ganz simpel! Die Schauspieler versuchen ja, dem ganzen „Nichts“ immer wieder Struktur – also ein „Sein“ – zu geben. Sie verpacken den Nebel, sie erzeugen Nebelmusik (siehe das Blogbild), sie arbeiten mit Tonbändern, machen ein wenig Musik, arbeiten mit den Maschinen, sie zeigen immer wieder mit ausgestrecktem Finger ganz zielgerichtet und wichtig in irgendeine Richtung, sie reden angestrengt miteinander, sie kommen in der Fabrikhalle zusammen. Irgendetwas soll konkret werden – es wird aber nichts konkret. Sie gehen in Nebelschwaden hinein, ohne dass sie irgendetwas merken.

Irgend so ein schöner Gedanke wird auch ausschlaggebend gewesen sein, um dieses Stück zum Berliner Theatertreffen 2019 einzuladen. Es ist ein sinnlicher, poetischer Abend – ganz die Art von Thom Luz, der zuletzt schon mit dem wunderbaren Stück „Traurige Zauberer“ zum Theatertreffen eingeladen war.

Die Einladung zum Theatertreffen 2019 mit dem Stück GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY erscheint allerdings etwas hoch gegriffen! Meine Überlegung war: Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Stück auf einer größeren Bühne, die mehr Distanz schafft, die mehr Weite und Leere bietet, größeren Eindruck gemacht hätte. So war es jedenfalls bei dem Stück „Traurige Zauberer“. Dort war es besonders die Weite und Höhe des Raumes, die beeindruckte und eine besondere Atmosphäre schaffte. HIER übrigens mein damaliger Bericht zu „Traurige Zauberer“.

Vielleicht ist durch die Aufführung dieses Stückes in der kleineren Kammer 2 der Kammerspiele irgendwie ein wenig von möglicher Faszination verloren gegangen (andererseits: Das Stück wird nicht immer in großen Hallen gespielt. Etwa – sieht man im Gesprächsvideo oben – in der ebenso etwas kleineren Reithalle in Basel). Naja, man muss den ganzen Nebel ja danach auch wieder einfangen und einpacken, dann ist es ja gut, dass der Nebel seine Grenzen hat.

Hier noch ein Bild:

Sandra Then

©️ des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Elfriede Jelinek – Wolken.Heim

Wir, immer wieder „Wir“. Was ist denn „Wir“? Es basiert doch immer auf mehreren, die sich aufgrund irgend etwas zum „Wir“ aufmachen. Es basiert im Grunde oft auf Einbildung. Elfriede Jelinek hatte 1988 zum deutschen „Wir“ den Text „Wolken.Heim“geschrieben. Der Text wurde seither immer wieder in Theatern aufgeführt. Jetzt ist eine weitere Inszenierung am Münchner Residenztheater zu sehen.

Elfriede Jelinek hatte den Text „Wolken.Heim“ knapp vor dem Fall der Mauer geschrieben. „Wir sind das Volk“ wurde dann zufällig einer der prägenden Ausrufe des Mauerfalls. Auch ein “Wir“.

Und auch ganz aktuell kommen ja viele Menschen immer wieder schnell auf ein „Wir“. Nationalismus. Es ist also durchaus ein aktuelles Thema. Auch auf ein deutsches „Wir“ kommt man. Aber nicht nur in Deutschland gibt es dieses „Wir“ der Abgrenzung. Elfriede Jelinek hatte diese Abgrenzung und besonders die Bedeutung dieses deutschen „Wir“ damals auf ihre Art untersucht. Als Außenstehende – sie ist ja Österreicherin.

In der Stückbeschreibung auf der Website des Residenztheaters heißt es: „Jelineks 1988 uraufgeführtes Erfolgsstück bietet poetische Textflächen, auf denen fünf Personen nach möglichen Antworten suchen. Jelineks Überschreibung von Texten der deutschen Idealisten Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften „Wir“, das hier laut wird, über sich selbst spricht und die „Anderen“.

Auch Aussagen von Heidegger und aus Briefen der RAF verwendet sie. Allerdings – wie so oft bei ihr – nicht irgendwie erkennbar. Sie verändert die Aussagen, entstellt ihren Sinn, verdreht sie teilweise.

Vorab: Wie immer bei Elfriede Jelinek: Es ist nicht leicht zu verstehen! Ich habe bislang erst zwei Inszenierungen zu ihren Texten gesehen. Eine davon im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen – „Am Königsweg“ – und davor eine an den Münchner Kammerspielen, die derzeit noch zu sehen ist: „Wut“. Ich halte es – bisher – für typisch, dass bei Elfriede Jelinek auf der Bühne sehr viel Aktion stattfindet. Viel Aktion zu schwer verständlichen, teils wirren Texten. Was die Aktion auf der Bühne angeht: Ganz anders ist es jetzt bei Wolken.Heim“ am Residenztheater – was es schwerer machte, es noch irgendwie zu verstehen.

Immer wieder gab es übrigens in den vergangenen Jahren in München Inszenierungen ihrer Texte, viele an den Kammerspielen: „In den Alpen“, „Wolken.Heim“, „Ulrike Maria Stuart“ „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Winterreise“, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Das schweigende Mädchen“ und eben „Wut“, bei dem die terroristischen Attentate von Paris Schreibanlass waren.

Worum geht es? Jelineks Text „Wolken.Heim“ – der keine Personen vorgibt – enthält Aussagen etwa zu: … Sich selber glauben, von sich überzeugt sein, deutsche Traditionen, deutscher Geist, Wald und Romantik, Boden, drinnen und draußen, unsere Sprache, sich den Anderen überlegen fühlen, Selbstsucht, das Bewusstsein, etwas „Hohes“ zu sein, wir sind das Ziel in der Ewigkeit und so. Es entsteht dabei ein fast klaustrophobisches Bild, das gerade durch die Art der Inszenierung gefördert wird. „Das – deutsche – „Wir“ macht alles eng, obwohl es laut Wort und Tat so groß sein soll. Um diesen Widerspruch geht es! Um diesen Widerspruch!

In der Inszenierung am Residenztheater treten fünf Personen auf. In einer unangenehmen Atmosphäre: Ein Wartesaal, abgegrenzt, unfreundlich, grau, mehrere Sitzbänke, alles ist grau und nüchtern. Wirklich alles ist grau. Nur durch zwei Sehschlitze und Türöffnungen scheint freundliches und warmes orangenes Licht von irgendeinem „draußen“ herein. Bis zu den Haaren und zur Unterhose ist alles grau. Die Personen im Raum wirken irgendwie hilflos und lächerlich. Sie vermitteln durch ihr Aussehen „Deutsches“, wirken aber nicht sehr glaubhaft, es ist eben alles grau.

Die Personen reden viel, unterstützen aber den Inhalt nicht irgendwie durch bestimmte Darstellungen. Text. Die Inszenierung insgesamt hilft – leider – auch nicht, den Text zu verstehen. Ein Interview mit Elfriede Jelinek im Programmheft gibt etwas mehr Aufschluss. Elfriede Jelinek geht davon aus, dass besonders bei den Deutschen festzustellen ist, dass man die eigene Nationalität an Wald und Boden festmacht. Und an dieser Strenge und Klarheit, die fern von Gefühlen liegt.

Letztlich verbleibt eine Grundatmosphäre über das Deutsche: Man fühlt sich als Deutscher groß und besonders durch Worte und Taten. Und seien es Kriege. Aber ob das wirklich groß und besonders ist?

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn


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THEATER: Philippe Quesne – Farm Fatale

Philippe Quesne mag ja Szenerien, die unberührt sind und von den Menschen irgendwie bevölkert werden. In denen der Mensch mit der Natur in Verbindung tritt. Wobei: Es sind nicht immer Menschen. Nicht immer.

Bei „Caspar Western Friedrich“, seinem vor fast vier Jahren gezeigten „Erstlingswerk an den Münchner Kammerspielen“, waren es in der Tat Menschen, die der Natur gegenüberstanden. Es war noch sehr poetisch, an diesem schönen und ruhigen Abend, über den das Münchner Publikum damals irritiert war. Man konnte sich aber in aller Ruhe Gedanken machen über „Mensch und Natur“.

Auch bei „Crash Park“, das – vor Kurzem – auch an den Kammerspielen zu sehen war, waren es Menschen. Dort war es allerdings schon krasser, unromantisch. Die Natur – eine unberührte Insel -, um die es dort ging, wurde schon eher zerstört von den Menschen, die mit einem Flugzeug abgestürzt waren und sich auf die Insel retteten.

Bei der „Nacht der Maulwürfe“ – es war auch in den Münchner Kammerspielen zu sehen – waren es dagegen Maulwürfe, keine Menschen. Gut, an diesem spielerischen Phantasieabend zum Leben in der Unterwelt, zwischen Oberwelt und Unterwelt, ging es am wenigsten um „Mensch und Natur“. Zu sehen wäre die Nacht der Maulwürfe noch am Theatre Nanterre – Amandier, an dem Philippe Quesne Intendant ist (siehe rechts in der „Sidebar“ des Blogs den link zu Performancegruppen).

Und jetzt, bei „Farm Fatale“, das in den vergangenen Tagen Uraufführung an den Münchner Kammerspielen hatte, waren es Vogelscheuchen, keine Menschen mehr. Alle Menschen waren gestorben, heißt es. Bei „Crash Park“ waren ja nur wenige Menschen gestorben und man hatte das Verhalten der Überlebenden des Flugzeugabsturzes verfolgt. „Farm Fatale“ setze dagegen die „totale Apokalypse“ voraus. Es gab keine Menschen – vielleicht auch keine Tiere – mehr. Ein Plastikschwein, ein künstlicher Vogel fällt vom Himmel, das anfängliche Vogelgezwitscher kann – sieht man – per Fernbedienung abgestellt werden. Vogelscheuchen und ein paar verlorene Strohballen.

Aber auch hier, bei „Farm Fatale“, will Philippe Quesne, dass etwas Unberührtes berührt wird. Das Bühnenbild zeigt es – die Strohballen und die Vogelscheuchen sind anfangs schlicht auf weißem Untergrund und Hintergrund – wie auf einem weißen Blatt Papier – zu sehen. Es ist vielleicht auch nicht mehr viel da. Musikinstrumente werden hereingetragen, die Vogelscheuchen betreiben irgendwie einen Radiosender.

Man muss das Theater aber mit gemischten Gefühlen verlassen: War es Humor? War es Ernst? Vielleicht sollte es gerade so gemischt sein. Zwiespältig, gemischte Gefühle, weil: „Einerseits sehen wir todernste Themen – Umweltzerstörung, Bienensterben, Artensteben, Insektensterben, Klimaveränderung, Protest, keine Natur mehr, das Fehlen tierischer Geräusche bis hin zum Aussterben der Menschheit – und andererseits lachen wir darüber, weil die Dinge humorvoll dargestellt werden. Schon die Vogelscheuchen, köstliche Figuren in abstrusen Gesichtsmasken, siehe das Beitragsbild. Oder hier:

©️ Martin Argyroglo

Auch ihre langsamen Bewegungen. Ihre Sprache. Ihre Musik. Auch ihre Kleidung, Stroh kommt überall hervor, ihre Handlungen. Wenn ihnen etwas gefällt, schütteln Sie kurz wild mit ihren Händen. Am lustigsten etwa ist das Gespräch, das die Vogelscheuche, die gerne für den Sender Interviews führt, mit der wohl letzten Biene führt. Bevor auch sie verloren geht. Eine andere Vogelscheuche muss ins Schwyzerdeutsch übersetzen. Das Beitragsbild oben zeigt die Szene. Mehr als die Zwiespältigkeit zwischen Ernst und Humor bleibt von diesem Abend aber nicht. Tiefergehende Gedanken, die sich Philipp Quesne gemacht haben mag, blieben versteckt.

Allenfalls eine positive Grundstimmung wird angeregt. Die Vogelscheuchen finden ein Ei, das die Zukunft – mit allen Gestaltungsmöglichkeiten – zu beinhalten schien. Schön, wenn es so wäre. Die Einführung eines derart abstrakten Symboles – das Ei als Symbol, das Ei des Kolumbus – ist für die alles immer mit großer Ruhe betrachtenden Arbeiten von Philipp Quesne untypisch. Typisch sind ganz normale Menschen. Aber die Vogelscheuchen sind ja auch schon untypisch. Philippe Quesne, Meister der fast poetischen und langsamen Entwicklung von Bühnengeschehen, ist bei „Farm Fatale“ also insoweit ein wenig auf Abwegen. Es bleibt auch sehr nebulös.

Das Ei ist ein etwas billiges Symbol, so entwickelt sich doch auch recht wenig an diesem Abend, der wieder so eigenwillig schön gestaltet ist und zur Freude anregt. Pessimistisch will Philippe Quesne jedenfalls nicht sein, wie man dem Interview im Programmheft entnimmt. „Farm Fatale“ spielt irgendwie mit einem positiven Gefühl.

„Farm Fatale“ wird im April und im Mai an den Kammerspielen zu sehen sein. Ob danach, weiß ich nicht.

HIER ein Trailer zum Abend.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Kammerspiele.

HIER ein Überblick über Stationen des Lebens von Philippe Quesne.

©️ des Beitragsbildes: Martin Argyroglo