THEATER: Karen Breece/ Berliner Ensemble – Auf der Straße

Im Rahmen des derzeit stattfindenden Brechtfestivals in Augsburg habe ich im Augsburger Staatstheater „Auf der Straße“ von Karen Breece unter Mitwirkung des Berliner Ensembles gesehen. Karen Breece war mir bekannt aus einer Veranstaltung im Münchner HochX, über die ich damals auch geschrieben hatte. HIER der Link zum damaligen Bericht.

Es ging damals im HochX unter dem Titel „Oradour“ um das Gedenken an das Nazigrauen. Karen Breece macht dokumentarisches Theater. Wobei: Theater kann man kaum sagen. Auch der Abend „Auf der Straße“ war wieder eine Dokumentation. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser in Berlin. Karen Breece recherchiert „intensiv“, bevor sie ein „Theaterstück“ macht. Das ist ihre Herangehensweise. Eine Dokumentation über das Leben Obdachloser ist auf jeden Fall angebracht! Es gibt – wird auch gesagt – zigtausende Obdachlose in Deutschland (wobei es übrigens, wenn es genau wird, eine Frage der Definition „obdachlos“ ist). Darüber jedenfalls im Fernsehen oder im Theater etwas zu zeigen, ist ein guter Ansatz.

Das Stück geht aber meines Erachtens bei weitem nicht weit genug! Es geht sogar in die falsche Richtung! Milo Rau etwa, der ja auch immer wieder an der Realität arbeitet, wäre viel weiter gegangen! Die Dokumentation hätte bei ihm mit Betroffenheit, nicht mit Beifall geendet.

Bettina Hoppe und Nico Holonics, SchauspielerInnen des Berliner Ensemble, sprechen auf der Bühne mit drei von Obdachlosigkeit beziehungsweise Armut Betroffenen. Diese wiederum erzählen von ihrem Schicksal und ihrer Situation. Später kommen noch weitere von Obdachlosigkeit und Armut Betroffene hinzu, der integrative Chor „Different Voices of Berlin“. Beifall.

Es bleibt aber, wie gesagt, nur im Ansatz interessant. Über die Situation der Betroffenen zu hören, über ihre Schicksale, ihre Jugend, darüber, dass sie Lebensmittel von der Tafel holen, wieviel Geld sie monatlich zum leben haben, was Sozialarbeiter erleben, das ist gut. Es werden auch durchaus krasse Dinge geschildert. Aber es rutschte mehr und mehr ins Klischee ab. Es endete mehr oder weniger mit dem Gedanken: „Schaut auf uns!“ So auch dann der Gesang des Chors. Wir unterschätzen sicherlich die schwierige Situation all dieser Menschen. Gesundheitlich, psychisch, alles! Wie sie allein um ihren Schlafplatz „kämpfen“! Deswegen ist ein „Schaut auf uns!“ durchaus gut. Aber: Bei Karen Breece schwang meines Erachtens der unpassende Hintergedanke mit: „Sie sind eben rausgefallen aus unserer tollen Gesellschaft“.

Unsere tolle Gesellschaft! Rausgefallen! Da hätte man ansetzen müssen! „Schaut auf uns“ klingt nach: „Alles ist doch in Ordnung, in unserer Gesellschaft, aber bitte schaut auf die Obdachlosen, die nicht dabei sind!“ Es ist aber nicht alles in Ordnung! Und ich glaube sogar, der ein oder andere Betroffene – also Obdachlose oder von Armut Betroffene – will gar nicht in dieser Gesellschaft leben. Diese Gründe wären auch interessant gewesen! Und dann wäre es nicht um Mitleid, sondern um Respekt gegangen. Dieser Gedanke kam aber an diesem Abend überhaupt nicht zum Tragen.

Trotz der guten Ansätze von Karen Breece muss man meines Erachtens bei diesem Thema aufpassen: Schnell ist alles verlogen. Und da war der Abend von Karen Breece nicht eindeutig genug!

Man kann Karen Breece eigentlich nur raten: Dranbleiben an dem Thema!

©️ des Beitragsbildes: Julian Röder

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THEATER: Brechtfestival 2019 in Augsburg

Nur ein kurzer Hinweis auf das derzeit stattfindende Brechtfestival in Augsburg! HIER das Programm. Augsburg ist natürlich die große Bertolt-Brecht-Stadt. Bertolt Brecht wurde bekanntlich in Augsburg geboren, am 10. Februar 1898, also vor 121 Jahren. Erstaunlich ist, dass Bertolt Brecht dennoch thematisch immer wieder durchaus aktuell ist. Das „Leben in Städten“ ist Schwerpunkt dieses Jahr. Zwei Veranstaltungen habe ich bisher gesehen. Ich werde noch etwas genauer darüber schreiben.

Die Bertolt-Brecht-Realschule, das Bertolt-Brecht-Geburtshaus, die Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, das Brechtfestival, all das findet sich in Augsburg! Nur der Bertolt Brecht Platz, der befindet sich in Berlin! Es ist der Platz vor dem Berliner Ensemble. 1963 wurde der Platz so genannt, zu Bertolt Brechts 65. Geburtstag. 1949 übernahm Bertolt Brecht in der DDR zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm. Dort gründeten die beiden das „Berliner Ensemble“. Bertolt Brecht war ab 1974 künstlerischer Leiter des dortigen Theaters, das früher – wie gesagt – „Theater am Schiffbauerdamm“ hieß. 1974 wurde das „Theater am Schiffbauerdamm“ in „Berliner Ensemble“ unbenannt.

Seit 1995 etwa läuft am Berliner Ensemble – mittlerweile über 400 mal – das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht, das schon vor 1974 über 500 mal gezeigt wurde. Weitere Termine werden demnächst bekanntgegeben.

THEATER: Wojtek Ziemilski – The Polaks explain the future

Ja klar, man will ja mal die Zukunft erklären. Das scheint ja nicht schwer zu sein, wenn man den Titel dieser Inszenierung liest. „Die Polaks erklären die Zukunft!!“ Wobei damit nicht die Polen insgesamt gemeint sind, sondern das Geschwisterpaar Jasmina und Piotr Polak. Sie traten auf im Rahmen des kurzen Festivals „Warsawa – Munich“, das in den vergangenen Tagen an den Münchner Kammerspielen stattfand.

Ich will ja im Blog über Dinge schreiben, die andere noch sehen können. Heute aber schreibe ich einmal – kurz – über Dinge, die in München nicht mehr laufen. Es war eben ein kurzes Festival.

Einen Blick über den Tellerrand gab es – polnische Theater- oder Performanceveranstaltungen. Den nötigen Blick über den Tellerrand hat ja auch Angela Merkel gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz angesprochen. Es interessierte mich also, zu sehen, ob man schon in Polen – wenige 100 km von uns entfernt – ganz anders denkt. Vom 14. – 17. Februar zeigten die Münchner Kammerspiele Inszenierungen der jüngeren polnischen Regiegeneration, die neue Wege zu finden versucht. Etwa „Fantasia“, eine Arbeit von Anna Karasinska:

©️ Hueckel Studio

HIER der Link zur Seite der Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Theaters. Irgendwie harmlos, aber interessant gemacht. Die sechs Schauspieler auf der Bühne wurden live immer wieder aufgefordert, sich kurzzeitig in eine bestimmte Rolle zu begeben. Kurz wurde Ihnen über Mikrofon zugerufen, in welche Person sie sich versetzen sollten, und sie haben dann irgendwie eine Haltung dazu eingenommen. Meistens haben sie nichts gespielt, sondern sind geblieben, wie sie sind. Etwa eine Aufforderung wie: „Spiele eine Person, die nicht auf der Bühne stehen möchte“ (so ähnlich). Meist folgte nur eine minimale Änderung ihres Minenspiels – wenn überhaupt. Es lag an der Vorstellungskraft der Zuschauer, die die Anweisungen gehört hatten.

Oder „Cezary Goes to War“ von Cezary Tomaszewski:

©️ Patrycja Mic

HIER auch der Link zur Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit dem Militärischen in Polen, aber auch – ich habe es nicht ganz verstanden – mit dem Kapitalismus. Anscheinend wurden Parallelen gesucht.

Und eben „The Polaks Explain The Future“ von Wojtek Ziemlski.

©️ Maurycy Stankiewicz

Das wiederum fand ich am interessantesten: Es war ein Dialog der Polak-Geschwister mit ihrer Mutter. Die Mutter sagt etwa in ihrer negativen Einstellung, was die Zukunft betrifft:

You know, I really can’t see anything good in the future

Die Geschwister verteidigen erst die Gegenwart – in der Hoffnung auf Besserung und mit verrückten Aussichten auf Möglichkeiten, die sich uns Menschen in der Zukunft auftun werden. Und mit der Vision, dass sich die Menschen gut verstehen werden. Dann wiederum verstehen sie aber doch die negative Sicht ihrer Mutter! Und am Ende sagen Sie:

​…  when you’re not afraid you can finally think of what to do next.

Da ist sicher etwas dran: Was hilft’s! Man muss wohl positiv denken, um die Dinge irgendwie voran zu bekommen. Angst hilft nicht weiter. Nicht den Kopf in den Sand stecken. Aber andererseits: Man muss die Dinge eben auch anpacken! Aber das war nicht das Thema der Inszenierung. Aber ich fand es schon interessant, dass offenbar junge Menschen in Polen im Grnde nicht anders denken dürften, als junge Menschen in Deutschland etwa.

HIER der Link zu den Seiten der Kammerspiele zur Inszenierung.

Insgesamt waren es auffallend schlicht gehaltene Inszenierungen. Man müsste ein solches Festival mit Produktionen aus ganz Europa bringen! So etwas wie ein Theatertreffen für Europa! Übersetzungsmöglichkeiten – auch simultan – wird es heute ja geben. Das Theatertreffen in Berlin etwa immer nur auf Deutschland und deutschsprachige Bühnen zu beziehen, ist ja demgegenüber geradezu nationalistisch. Und genau das muss ja nicht sein. Wo ist der europäische Kulturaustausch?

©️ des Beitragsbildes: Maurycy Stankiewicz

THEATER: Herbert Achternbusch – Susn

Niederbayern. Das flache, weite Land – das einfache Leben – Bauernfamilien – kein Schickimicki – die Kirche – jeder kennt jeden – nichts verändert sich … Ein Klischee in den Augen eines Städters? Nun, ich denke, früher war es noch deutlicher so, wahrscheinlich aber ist es immer noch so. Sicher ist es auch in anderen Gegenden Deutschlands so. Und wie kommt man da raus, wenn man da rauskommen will? Heutzutage wird es einfacher sein, dort rauszukommen. Man ist mobil in seinem Leben.

Man kommt heute generell viel schneller aus seinem ganzen Leben heraus! Aus seinem ganzen Leben. Andererseits klebt man eben doch immer an irgendetwas fest. Etwa symbolisch – wie Susn – an Niederbayern und damit doch an einem der Ursprünge der ganzen Entwicklung ihres Lebens.

Darum geht es ja. Herbert Achternbusch hat das Theaterstück „Susn“ schon 1980 geschrieben, vor fast vierzig Jahren! Das Stück wird jetzt schon seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen an den Münchner Kammerspielen in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier gezeigt.

Herbert Achternbusch war damals 42 Jahre alt. 1980, das war natürlich noch eine andere Zeit. Es geht um das niederbayerische Mädchen „Susn“, Susanne. Es geht also eigentlich darum, wie Susn aus ihrem Leben (nicht) heraus kommt, nicht etwa nur darum, wie sie „örtlich“ aus Niederbayern herauskommt. Sie strengt sich an – will aus der Kirche austreten – studiert (vielleicht in München) – stellt in Studienzeiten alles mögliche infrage – verzweifelt dann mehr und mehr an ihrem faden Eheleben angesichts ihres Ehemannes, der sich nicht um sie schert – und stirbt schließlich. Sie bleibt immer die Niederbayerin, die rückblickend mit ihrem Leben nicht unbedingt glücklich sein konnte. Und am Anfang und am Ende spielen die Kirche und der Glaube eine gewisse Rolle. Immer wieder die Kirche. Auch das hat sich vielleicht bis heute etwas verändert. Am Anfang in der Beichte, wo sie dem Pfarrer wirre Jugenderfahrungen erzählt, und am Ende, wenn sie sagt, ihr höre eigentlich nur der Herrgott zu, wer denn sonst? Andererseits nimmt sie die Kirche am Ende irgendwie nicht mehr so ernst, so klingt es jedenfalls.

Es ist ein grandioser Abend für Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper mit fast so etwas wie Kultstatus. Nicht inhaltlich, aber irgendwie bezüglich der ganzen Darbietung. Edmund Telgenkemper verfolgt zwar fast durchgehend wortlos (als Pfarrer und später als der Lebensgefährte von Susn), wie Brigitte Hobmeier mehr oder weniger Monologe hält. Aber es sind beide, die die Stimmung des Abends erzeugen. Neben der großflächigen, meterbreiten schwarz-weißen, stummen Videoaufnahme an der Rückseite der Bühne, wo man ganz langsame Sequenzen aus Niederbayern betrachten kann – eine Straße, ein Bauernhof. Und neben dem leichten Leberkäsgeruch im Theater – da Brigitte Hobmeier vor Beginn des Stückes warmen Leberkäs an das Publikum verteilt. Und neben dem einfachen Setting insgesamt. Susn trägt – wie in Achternbuschs Text – weiße Kniestrümpfe und einen weißen kurzen Rock, auch das schon.

Und beide, Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper, legen im Grunde immer wieder ihre Hilflosigkeit an den Tag. Brigitte Hobmeier zeigt als Susn diese Hilflosigkeit vor ihrem gesamten Leben. Edmund Telgenkemper zeigt sie irgendwie als zuhörender Pfarrer, der die Beichte der jungen Susn entgegennimmt, und später als der Ehemann von Susn, der hilflos nur noch seine eigene Schreiberei kennt.

Grandios ist, wie Brigitte Hobmeier Susn spielt. Sie spielt Susn schließlich in vier extrem unterschiedlichen Lebensabschnitten. Als 17-Jährige, als Studentin, als Ehefrau, als alte Frau. Es ist erstaunlich, wie gut sich Brigitte Hobmeier in diese vier verschiedenen Altersphasen hineinversetzt. Das ist der Genuss, den man aus diesem Abend ziehen kann. Besonders vielleicht auch deswegen, weil das Stück an der kleinste der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Kammer 3, gebracht wird. Man ist dem Stück damit einfach viel näher. Und weil die Bühne so kahl ist. Ein Tisch für Edmund Telgenkemper und ein Schminktisch für Brigitte Hobmeier. Das war’s dann fast. Es hat fast Werkstattcharakter.

Ansonsten merkt man: Diese Verwurzelung mit Niederbayern ist besonders, und sie war in den achtziger Jahren vielleicht noch deutlicher, als heute. Wahrscheinlich auch für Herbert Achternbusch. Und im Grunde zeigt sich darüber hinaus: Die Verwurzelung mit dem eigenen Leben ist eben immer immens. Niederbayern und das Leben. Aber es muss ja Gottseidank nicht immer so trist enden, wie an diesem Abend.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

Vielen Dank dem Theater Verlag/Suhrkamp für den Text des Theaterstücks „Susn“ von Herbert Achternbusch!

THEATER: Fritz Kater: Heiner 1 – 4

Heiner Müller sagte: … in erster Linie bin ich Dramatiker und wahrscheinlich ist das meine eigentliche Existenz und der Rest wird dann eben immer mehr Material mit der Zeit“. Um solches Material geht es im Berliner Ensemble im derzeitigen Stück „Heiner 1 – 4“ von Fritz Kater.

Ein Abend über Heiner Müller. Wer war denn Heiner Müller? Darum geht es. Interessant, aber durch die vier sehr verschiedenen Teile auch verwirrend. Heiner Müllers sehr diffizile, sehr besondere Persönlichkeit wird dadurch leider nur unscharf gezeichnet. Weil der Abend am BE ihn irgendwie mit unseren heutigen Methoden „verwischt“. Der Kern von Heiner Müller wird nur gestreift.

Gerade das Berliner Ensemble wird an der Frage nach Heiner Müller interessiert sein, war er doch am Ende seines Lebens (ab 1992) noch Intendant des BE (zusammen mit VIER anderen Intendanten).

Fritz Kater wiederum ist das Pseudonym von Armin Petras. Armin Petras ist (bekanntlich) deutscher Intendant, Theaterregisseur und Autor, der sowohl unter seinem Namen als auch unter dem Pseudonym Fritz Kater Theaterstücke und Adaptionen schreibt. Er ist derzeit Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart.

Eines wird klar: Wenn man versucht, Heiner Müller in irgendwelchen heutigen, also heutzutage annähernd „verständlichen“ Kategorien zu erreichen, muss man eigentlich scheitern. Er war besonders. Er lebte freiwillig in der DDR, war mit dem Zustand des Sozialismus unzufrieden, kritisierte den Stillstand, es müsse weiter gehen, war seine Überzeugung, und er verlor durch die Öffnung der Mauer, den Untergang des Sozialismus und das Verschwinden der Revolution im Grunde seine Existenzgrundlage. Er war ja sogar für den Mauerbau. Schon ein Satz wie: “Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR…“ führt letztendlich in die Irre. So passt es nicht auf ihn. Was soll das schon bedeuten! Damit meint man ja: Aus UNSERER Sicht. „Bedeutend“! In der DDR hatte er jahrelang größte Schwierigkeiten, wurde abgelehnt, nicht aufgeführt.

Heiner Müller war ein absolut besonderer Mensch, dessen Denken man eigentlich in seiner Radikalität nur unterschätzen kann. Ein Mann der Utopie! Der revolutionären sozialistischen Utopie. In „Fritz Katers“ Abend hätte noch mehr die Radikalität herauskommen können. Sie hätte mehr Thema werden können oder müssen. So aber blieb es eine Mischung aus (1) Vermutungen über die Privatperson Heiner Müller (die es eigentlich nicht gab), dann doch (2) guten Interviewausschnitten, dann wieder (3) seiner Zeit am BE (eher humoristisch dargestellt) und (4) einer recht verwirrenden Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Es geht hauptsächlich um die Schreibblockade, die Heiner Müller nach Wegfall der Grenzmauer zwischen der DDR und der BRD befiehl. Er konnte angesichts des „Sieges“ des Kapitalismus nichts mehr schreiben! Die sozialistische Utopie, an der er sich immer rieb, war weg! Er sagte ja sogar, dass sein früher Tod, der sich vor 1997 abzeichnete, damit zu tun habe.

Schlichte Bühne, fünf Schauspieler des Ensembles, mehr Vortrag als Spiel, was im Grunde gut passte.

Erstaunlich war der erste Teil: Blicke der SchauspielerInnen auf Fotografien mit Heiner Müller. Sie reden darüber. Es war der Versuch, Vermutungen über Heiner Müller als Privatperson anzustellen. Es gab aber keinen privaten Heiner Müller, scheint mir fast. Im späteren Interview antwortet er niemals wirklich persönlich. Man hört zwar von privat anmutenden Szenen, seiner jungen Frau, seiner späten Tochter. Aber was bringts, wer kannte ihn schon lachend, weinend, wütend, erfreut? Obwohl, es wird gesagt, dass gerade nach dem Wegfall der Mauer Heiner Müller auf sein Privatdasein reduziert wurde.

Auszüge aus Gesprächen mit Heiner Müller bringt der zweite Teil. Das war interessant! Etwa zum Theater:

  • Wie ist das Theater entstanden?
  • Heiner Müller (HM): Also, es gab lange Zeit keinen Regen und da ist eine Göttin rein in eine Höhle und hat Striptease gemacht und das haben die anderen Götter gesehen und mussten anfangen zu lachen, laut lachen, und dann hat es wieder geregnet, ja, so ging das los und dann kam noch ’ne Geschichte dazu irgendwann, damit man sich die Gefühle besser merken kann.
  • Und was ist ihr Antrieb, Theater zu machen?
  • HM: Das Ungenügen an der Welt, das Ungenügen an der Realität ist die Quelle jeder Inspiration und diese Zwänge braucht man, die Dinge, die einen dazu bringen ins Unbekannte, ins Dunkle zu gehen.
  • Und wie sollte es aussehen, das Theater, das sie sich wünschen, ich meine, was soll passieren?
  • HM: Keine Ahnung, da gibt es doch tausend Möglichkeiten (zündet sich eine Zigarre an). Von Rosanow gibt es eine Beschreibung eines Theaterabends: Die Zuschauer applaudieren, die Schauspieler verbeugen sich, die Zuschauer gehen raus, an der Garderobe vorbei, die Garderoben sind leer, die Mäntel weg, sie gehen raus aus dem Theater, in die Stadt und die Stadt ist weg, keine Häuser mehr da.
  • Warum gibt es in ihren Geschichten so viele Engel?
  • HM: Man braucht Engel, wenn es nicht weitergeht, wenn man keine Hoffnung mehr hat.
  • Kunst stört ja auch die Dummheit und die Sicherheit ...
  • HM: Ja, wenn sie neu ist, wenn sie etwas Neues versucht, dann gibt es ja auch Aggression gegen diese Kunst, weil sie verunsichert, wenn es zu wenig Aggression gibt, dann stimmt etwas nicht mit dieser Kunst.

Der dritte Teil dann war für Insider des BE. Mehr slapstickartig und zu aufgesetzt wurden Vorbereitungsszenen aus dem Berliner Ensemble der damaligen Zeit gebracht.

Der vierte Teil, wie gesagt, eine schwer verständliche Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Und hier noch etwas anderes: Aus einem Aufsatz (Janine Ludwig, „Die Wörter verfaulen / Auf dem Papier – Heiner Müllers Schreibkrise nach dem Untergang des Sozialismus“) über die Stellung von Heiner Müller in der ehemaligen DDR:

„Heiner Müller hat immer nach den Kosten des Sozialismus gefragt und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit angemahnt, allerdings, um den Anspruch aufrechtzuerhalten, nicht um ihn zu desavouieren. Damit wurde er zum Problem für die Staatsführung, der er den Spiegel vorhielt und deren Hang zum Beschönigen der Verhältnisse er empfindlich störte. Im Grunde war er zu radikal, revolutionär, auch zu Gewalt-affin für die Regierenden – in seinen Augen Spießbürger, Biedermänner und Ein-bisschen-Wohlstands-Fetischisten, die es sich bald in der Nische namens „Übergangsgesellschaft“ bequem machten. Mit der Wirklichkeit, der „real existierenden“, die Müller Zeit seines Lebens „unmöglich machen“ wollte, arrangierten sie sich stillschweigend.“

Und noch etwas: Heiner Müller und der Engel: Siehe das Beitragsbild oben. Der Engel der Geschichte. Es geht zurück auf ein Gedicht von Walter Benjamin über das Wesen der Geschichte („Über den Begriff der Geschichte“). Dieser Engel der Geschichte, den Heiner Müller dann in einer eigenen Fassung „Der glücklose Engel“ nannte, blickt auf die Trümmer der Vergangenheit, wird fast zugeschüttet, steht versteinert in der Gegenwart und wird von der „gestauten“ – also blockierten – Zukunft bedrängt – bis doch irgendwann einmal wieder der Wind der Zukunft in die Flügel des Engels bläst. Diese Hoffnung hatte er immer.

Zum Fazit noch mal: Mit dem Wegfall des Sozialismus ist ja tatsächlich die letzte Utopie der Menschheit verschwunden. Wir leben nur noch in einer realen Welt. Utopie gibt es nicht mehr. Welche denn schon?

HIER die Onlineseite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer