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THEATER: THEATERTREFFEN 2026

Gratulation! 739 Produktionen wurden gesichtet. Die zehn „bemerkenswertesten“ Produktionen werden wieder wie üblich auf dem Berliner Theatertreffen, das dieses Jahr vom 1. Mai bis zum 17. Mai stattfindet, im Festspielhaus gezeigt werden, drei davon sind außerdem wieder für einen gewissen Zeitraum auf 3sat zu sehen („Starke Stücke“)!

Es sind dieses Mal die folgenden Produktionen:

  • Die Welt im Rücken von Thomas Melle, Produktion am Schauspiel Stuttgart
  • Die Glasmenagerie von Tennessee Williamsv, Produktion am Theater Basel
  • Mephisto von Klaus Mann, Produktion an den Münchner Kammerspielen
  • Serotonin von Michel Houellebecq, Produktion am Hans Otto Theater Potsdam
  • Three times left is right von Julian Hetzel, Produktion des Schauspiel Leipzig und der Wiener Festwochen
  • Wallenstein von Friedrich Schiller, Produktion an den Münchner Kammerspielen
  • A year without summer von Florentina Holzinger, Produktion der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
  • Fräulein Else von Arthur Schnitzler, eine Produktion des Volkstheater Wien
  • Il Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, eine Produktion des Schauspielhaus Zürich
  • Der Hauptmann Köpenick von Carl Zuckmayer, eine Produktion am Staatstheater Cottbus

HIER der Link mit allen Details.

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MUSIK: Ludwig Hirsch – Komm großer schwarzer Vogel

Das Lied platzierte sich in den österreichischen Charts, kurz nachdem Ludwig Hirsch sich am 24. November 2011 im Alter von 65 Jahren das Leben genommen hatte. Er hatte Lungenkrebs. Das Lied ist ja ein Lied in Erwartung des Todes …

ICH WÜNSCHE ALLEN EINEN GUTEN RUTSCH INS JAHR 2026!

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WEIHNACHTEN 2025

Wahrscheinlich war es so:

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FILM: Joachim Trier – Sentimental Value

Es ist ein Film des norwegischen Regisseurs und Drehbuchautors Joachim Trier mit Überlänge, ist fast mehr die Beobachtung zweier Personen als ein Handlungsfilm, es könnte fast ein Film von Ingmar Bergmann sein, Vater und Tochter, die Beobachtung und Entwicklung ihres Verhältnisses zueinander. Man fragt sich am Ende fast: Wie wird es weitergehen?

Ein ruhiger Film, der durch diese Ruhe, durch die so natürliche Betrachtung der Personen des Films besticht. Es gibt im Grunde nur einen Ort des Geschehens, das schöne alte Haus der Familie, in dem auch die Familiengeschichte steckt. Die Situation der beiden – Vater und Tochter – geht einem nahe, ohne dass man schwermütig das Kino verlassen würde. Ruhige kurze Dialoge, wünscht man sich die nicht öfters im „normalen“ Umgang miteinander?

Auffallend ist auch, dass der Film den Zuschauer in keiner Weise durch irgendwie besondere Filmaufnahmen in die Stimmung holen will, überzeugen will. Er ist – keine Frage – wunderbar gefilmt, wunderbar gespielt, nah an den Personen dran, unaufgeregt, ich kann ihn empfehlen! (Wer weiß, was für übertrieben perfektionierte Filme künftig mit KI auf uns zukommen! Man liest, dass Filmaufnahmen, die zu teuer sind, künftig von KI schnell und billig erzeugt werden können!).

Die „Hauptfiguren“ des Films – Vater und Tochter, siehe das Bild oben – kommen einem nahe, Renate Reinsve und Stellan Skarsgård. Es ist ein „echter“, lebensnaher, persönlich werdender, aber trotzdem zurückhaltender Film, und so hoch prämiert!

Vater und Tochter, es ist ja immer wieder so: Was für ein Verhältnis! Und – so auch in diesem Film – die Familiengeschichte spielt fast immer eine Rolle. Kurz dazu: Die Mutter des „Vaters“ der Geschichte hatte sich früh umgebracht, er, der „Vater“ war damals Kind, beruflich war er dann total fixiert, erfolgreicher Regisseur, war später geschieden von seiner Frau, um die Kinder (zwei Töchter) hatte er sich im Grunde nie gekümmert, war immer weg, bis er nach Jahren – auf der Trauerfeier nach dem Tod seiner Ex-Frau – seine beiden Töchter wiedersieht. Die ältere Tochter ist Theaterschauspielerin, alleinstehend, sie trägt letztlich die Familiengeschichte und all das Schwierige des Verhältnisses zum Vater in sich, ihre Schwester kommt besser damit zurecht. Und der Vater will der älteren Tochter endlich mit einer speziellen Idee näher kommen, auch um mit seinem Leben zurechtzukommen. Und so weiter …

HIER der Trailer.

Zu sehen ist er in München etwa im Theatiner Filmkunst.

Copyright des Beitragsbildes: Casper Tuxen

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THEATER: Avishai Milstein – Play Auerbach!

  • Eine Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte ein Theaterstück zum 100-jährigen Ende des Zweiten Weltkriegs spielen, eine „Philipp Auerbach Revue“. Nur „Play“, nicht alles wieder aufwühlen. Warum hat man eigentlich von Philipp Auerbach noch nichts gehört? Es gibt in München nicht einmal eine Auerbachstraße (HIER der Link zu einer Initiative für eine Straßenbenennung, verlinkt auch auf der Website der Münchner Kammerspiele). Sein Engagement für die aus den KZ’s befreiten, nach Deutschland/München zurückkommenden Juden war sagenhaft, sein Schicksal war letztlich traurig und jahrelang durch KZ’s schrecklich. Er hat mehrere KZs überlebt, er blieb aber nach dem Zweiten Weltkrieg in München, wohnte in der Holbeinstraße, wurde 1945 von den Amerikanern als „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ in München eingesetzt, 1952 beging er Selbstmord – nach einer Verurteilung durch die bayerische Justiz. Seine Worte in einem Abschiedsbrief: „ Ich habe bis zuletzt gekämpft, es war umsonst …“. So wird es vorgelesen.
  • Play Auerbach!“ ist Teil eines Projektes an den Münchner Kammerspielen zum jüdischen (Über)Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Grunde macht die Bezeichnung des Projektes „Wohin jetzt?“ etwas unsicher. (HIER der Link zur Projektseite, es gibt Termine im Dezember). Werden wir in unserer Erinnerungskultur mit diesem Titel „Wohin jetzt?“ nicht etwas fehlgeleitet? Geht und ging es denn nur um eine „Ortsfrage“, um das „Wohin jetzt“? Muss es für das jüdische Überleben damals nicht eher heißen „Wie jetzt überhaupt weiter“. Denn wie oder warum sollte man als Jude nach den unvorstellbaren KZ-Erfahrungen („Die Hölle auf Erden“ heißt es in Play Auerbach) überhaupt noch weiterleben. „Wo“ man leben könnte/wollte war natürlich auch die Frage, aber die Frage „Wohin“ verharmlost es schon wieder ein wenig. Auch eine Frage der Orientierung. Philipp Auerbach jedenfalls schaffte es bis 1952. Mit wie gesagt unglaublichem Engagement für die zurückkehrenden „Displaced Persons“. Sehr gut gespielt von Samuel Finzi – er als ein Fremdkörper in der dadurch verwirrten Antisemitismus-Projektgruppe „Play Auerbach“. Auerbach hatte alles gegeben für seine Vision, in Deutschland könnten nach dem Zweiten Weltkrieg Juden und Deutsche doch noch zusammenleben!
  • Die Inszenierung ist eine Auftragsarbeit des Autors Avishai Milstein, geboren 1964 in Tel Aviv (Regie: Sandra Strunz). Milstein reißt einen insgesamt fast Minute für Minute in die Orientierungslosigkeit/Verunsicherung: Aber genau das will er! Ein ständiger letztlich bissig daherkommender Wechsel, eine fast schwer zu trennende Mischung von „Humor“ und bitterem Ernst. Noch dazu ist das Geschehen auf der Bühne verlegt in das Jahr 2045, 100 Jahre nach Kriegsende! Auch das ist ein Aspekt für Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, denn wir wissen wirklich nicht, was sein wird (Michel Friedman etwa sagte kürzlich an selber Stelle im Gespräch mit Harald Lesch: „In zehn Jahren leben wir nicht mehr in einer Demokratie“ …).
  • Die Gruppe von „Laienschauspielern“ möchte also ein Theaterstück spielen. Vor allem Wiebke Puls zeigt als „Beate“, die Regisseurin der Truppe, dabei großartig fast ein unbekanntes hinreißendes Persiflage-Gesicht. Köstlich! Alle spielen es großartig, nur sie ist in einer lustigen Rolle, alle anderen spielen ernst. Sie sind alle verunsichert, nicht nur die Zuschauer. Es macht seit einiger Zeit immer wieder Freude, das immer besser werdende Ensemble der Münchner Kammerspiele zu sehen! Auch klasse etwa der Gesang von Annika Neugart als Therese Giehse.
  • Insgesamt: So verunsichert habe ich lange kein Theaterstück verlassen! Aber genau darauf sollte es hinauslaufen! Bitterböse im Grunde und gleichzeitig ummantelt von einer lustigen Rahmenstory. Das Lachen konnte einem an den Lippen gefrieren – nicht nur danach wegen der Kälte draußen, sondern schon während der Aufführung, auch wenn die teilweise Überladung (Auftritt Therese Giehse und Otto Falckenberg etwa …) es nicht immer leicht machte. Lehrreich war es damit allemal und sollte es für jeden sein: „Alles vergessen?“ Wir gehen – und gingen – nicht nur bei der Aufarbeitung/Erinnerung an die Nazigreuel oft an der Sache vorbei, wollen die Realität nicht wirklich unter uns haben. Michel Friedman hatte zum Thema „Lüge“ im Gespräch mit Harald Lesch dementsprechend auch allgemein gesagt: „Wir belügen uns vor allem gerne selbst!“ Das trifft es! Und Orientierungslosigkeit – bei mir die Folge des sehr gelungenen Abends – ist ja Kern der Situation der jüdischen Heimkehrer damals gewesen.

Hier noch ein Foto (Therese Giehse singt):

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele, die zu vielen weiteren Inhalten führt.

Copyright der Fotos: Julian Baumann

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THEATER: Frei nach Ödön von Horváth – Glaube Liebe Roboter

Es ist eine Inszenierung, bei der Manches nicht leicht erkennbar ist. Die ja recht bekannte Geschichte des Originals „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath etwa erkennt man verständlicherweise kaum, sie ist ja überschrieben, sie kommt nur immer wieder bruchstückhaft vor. Aber auch die von Bonn Park in seiner Inszenierung „Glaube Liebe Roboter“ darüber gelegten Gedanken und Ideen erkennt man nicht leicht.

Lange sieht man sich dem chaotischen, erstaunlich „altbacken“ wirkenden (Bühne von Daniela Zorrozua) Labor gegenüber, in dem aus Menschen Roboter gemacht werden. Auch Elisabeth verkauft – wie in Horváths Original „Glaube Liebe Hoffnung“ – ihre Körperteile an das Labor, bei Bonn Park wird sie dann später zu „Elisabot“. Verhandelt wird bei allem das Thema: „Wie sollen wir stehen zur Zukunft? Brauchen wir/wollen wir Fortschritt? Freude? Angst? Unsicherheit? Können wir etwas aufhalten?“ So in etwa. Viele Fragen, viele Reaktionen.

Am Ende wird alles relativ klar, weil sich alle noch einmal emotional mit fast melancholischem Gesang vor dem Publikum gemeinsam ins Zeug legen (Song von Dagobert) und die Zuschauer – ausverkauft – mit einer Art Stimmungsbild (der Jugend vor allem) nach Hause schicken! Es heißt: „Alles ist verzwickt“! Tja, so ist es! Gott sei Dank kann man es nicht nur negativ sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters. Nächste Vorstellung ist am Donnerstag (4.12.).

Hier ein Trailer:

Hier noch ein Foto:

Copyright der Bilder: Arno Declair.

MUSIK: Bruce Springsteen + Tracy Chapman – My Hometown

Bruce Springsteen singt immer schon über den „kleinen Mann“, den „Verlierer“, den „Gestrauchelten“ etc. Und über sein frühes Leben, die einfachen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, wie er alles erlebt hat, immer wieder. Seine Musik ist aus seinem Leben. Er steht immer persönlich hinter dem, worüber er singt, er verarbeitet es mit seiner Musik. Hier auch so: „My Hometown“. Unten die lyrics.

Die lyrics auf Deutsch:

Ich war 8 Jahre alt und rannte mit einem Groschen in der Hand
zur Bushaltestelle, um eine Zeitung für meinen alten Herrn zu holen.
Dann setzte er mich auf seinen Schoß
hinters Steuer von diesem großen alten Buick,
als wir durch die Stadt fuhren.
Er zauste meine Haare und sagte:
Schau‘ Dich gut um.
Das ist Deine Heimatstadt.

1965 kochte die Spannung an meiner Highschool hoch.
Es gab eine Menge Kämpfe zwischen Schwarzen und Weißen.
Du konntest nichts dagegen tun.
Eines Samstag abends standen dann
diese zwei Autos bei einer Strassenlaterne.
Auf dem Rücksitz lag eine Knarre.
Ein Wort gab das andere,
bis eine Schrotladung losging.
Zeiten voller Unruhen und Kummer waren über meine Heimatstadt gekommen.
Meine Heimatstadt.

Jetzt sind in der Hauptstraße die Fenster weiß übertüncht
und die Läden (stehen) leer.
Es scheint, als sei da keiner mehr, wolle auch keiner mehr hin.
Die Textilfabrik jenseits der Bahnlinie machen sie auch dicht.
Der Vorarbeiter sagt, diese Arbeitsplätze sind weg, Jungs,
und sie kommen auch nicht mehr zurück
Zu Eurer Heimatstadt.

Letzte Nacht, als Kate und ich im Bett lagen,
haben wir übers Weggehen gesprochen. (oder: darüber gesprochen, wie wir da ‚rauskommen)
Alles packen und vielleicht nach Süden ziehen.
Ich bin jetzt 35, wir haben selber einen Jungen.
Letzte Nacht hab‘ ich ihn ins Auto gesetzt, hinters Steuer. Und ich hab ihm gesagt:
Sohn, schau‘ Dich gut um.
Das ist Deine Heimatstadt.

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Sonstiges

SONSTIGES: Michel Friedman/Harald Lesch – „Lüge“

Die Reihe lebt davon, dass Michel Friedman zum jeweiligen Thema sehr präzise und teilweise sehr schwierige Fragen aufwirft. Es ist immer interessant, die guten Fragen, die Versuche der Antworten der eingeladenen interessanten Gäste und Gästinnen und die Entwicklung der Gespräche solch „kluger Köpfe“ zu erleben.

Kurzer Eindruck heute: Im Falle von Harald Lesch und dem Thema „Lüge“ schien das Gespräch insgesamt erstaunlicherweise nicht sehr gelungen – es war aber trotzdem interessant! Harald Lesch, der ja wunderbar intelligent wissenschaftliche Dinge erklären kann, war m. E. an mancher Stelle von den tief gehenden interessanten und zugegebenermaßen fast zu schwierigen – erst persönlichen, dann zunehmend politischen – Fragen von Michel Friedman überfordert. Für Harald Lesch war es fast unlösbar (Frage etwa: „Werden wir in 8 oder 10 Jahren in Deutschland noch in einer Demokratie leben?“). Schade, Harald Lesch merkte kaum mehr, dass Michel Friedmann doch sehr präzise Fragen stellte, und „entkam“ mehrfach nur mit irgendwie nicht sehr treffenden Antworten – was man von ihm wahrlich nicht erwartet hätte. Michel Friedman selbst kam gegen Ende des Gespräches immer mehr darauf, dass es ihm eher – auch politisch – um das Thema „Wir belügen uns alle selber“ ging. Wir beruhigen uns damit, das Grundgesetz sei stabil. Wir beruhigen uns damit, die AfD im Griff zu haben. Wir beruhigen uns damit, dass unserer Demokratie nichts passieren kann. Michel Friedman dagegen glaubt – allein schon, um gegen diesen dystopischeren Glauben aktiv zu bleiben – „Wir leben in zehn Jahren nicht mehr in einer Demokratie!“. Interessanter Gedanke!

Harald Lesch, für den es wahrlich schwer war, konnte mit den Fragen an mancher Stelle in aller gebotenen Kürze nicht besonders fein umgehen, er „kämpfte“ sich eher mit dem Degen als mit dem Florett gegen Friedman ab, aber gut, das Thema „Lüge“ war auch schwer in den Griff zu kriegen, merkte man insgesamt.

Fazit: Es schien nicht ganz gelungen, war aber trotzdem wieder interessant!

Copyright des Fotos: Gerald von Foris

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MUSIK: Blues Brothers – Everybody Needs Somebody

1980 erschienen:

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MUSIK: Pink Floyd – Mother

HIER der Link zur interessanten Seite http://www.thewallanalysis.com mit allem zur Geschichte „The Wall“.

The Wall belegte in zahlreichen Ländern Platz eins der Charts. Es zählt mit über 33 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit erfolgreichsten Alben und ist das meistverkaufte Doppelalbum der Musikgeschichte.

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Anne Pauly – Bevor ich es vergesse

Zu „Bevor ich es vergesse“:

„Bevor ich es vergesse“ ist ein Abend, den man jedenfalls dann nicht sofort vergisst, wenn man bereits seinen Vater und/oder die Mutter verloren hat. Dann geht er nämlich nahe, jeder kennt es dann: Wie war er/sie? Was habe ich versäumt? Was bleibt? Wie geht es weiter? Man lebt ja gewissermaßen nach dem Tod der Eltern ein zweites Leben, blickt zurück in das erste Leben, das Leben mit „drei Beinen“ (Wiebke Puls sitzt ganz zu Anfang mit DREI Beinen auf einem Hocker, legt das dritte Bein dann in den Schrank), das so nie wieder sein wird.

Wiebke Puls als „Anne“ (das ist dem persönlichen Bezug des Ich-Romans geschuldet) bekommt nach dem Tod des Vaters – bei der Durchsicht des Schrankes – alle möglichen privaten Dinge des Vaters in die Hände und macht sich Gedanken über ihn, erinnert sich an ihn, an ihre eigene Kindheit mit ihm, an sein Leben, an seine Erzählungen aus seinem Leben, sein Verhalten, seine letzten Tage, an die Beerdigung, den Leichenschmaus, sie nimmt Kontakt auf mit seiner engsten Freundin aus der Schulzeit und und und. Dass es nicht leicht war mit ihm, weiß sie, das spielt aber nicht mehr die entscheidende Rolle.

Die engste Kindheitsfreundin, zu der der Vater später nie wieder Kontakt findet, auch wenn er es will, schreibt in einem Brief an Anne nach dem Tod des Vaters:

Das fasst es gut zusammen: Die Tatsache, dass man so das Leben seines Vaters, seiner Mutter noch einmal in vielen Gegenständen sieht, sich erinnert, wird – auch im Laufe dieses Abends – zur Tatsache, dass man damit eigentlich sich selbst sieht, seinen Schmerz erkennt, auch seine Versäumnisse. So singt Wiebke Puls auch: „Noch mehr als das (Anm: Mehr als alles …) möchte ich reden mit Papa!“ So ist es, aber es geht eben nicht mehr!

Es ist ein schöner Abend, um auch Wiebke Puls allein auf der Bühne zu erleben, was sich immer lohnt, es ist fast ein „Muss“ für Freunde der Münchner Theaterszene. Auch wie sie in die Rolle des alten Pastors schlüpft! Seit mehr als 20 Jahren ist sie bei den Münchner Kammerspielen. HIER der Link zu einem Podcast auf http://www.nachtkritik.de mit Wiebke Puls.

Manch Einzelheit ist nicht wirklich wichtig, die Gesamtheit macht es aus und der Wandel von Annes Blick auf den verstorbenen Vater über ihre Erinnerung hin zu sich selbst, zu ihrer eigenen Träne, mehr bleibt ihr ja nicht, zu ihrem Schmerz, ihrer Trauer, ihrer Vergebung, ihrem weiteren Leben. Letzteres spielt bei „Bevor ich es vergesse“ allerdings noch keine Rolle.

Der Titel „Bevor ich es vergesse“/Avant que j‘oublie“ ist für mich allerdings etwas fraglich. Was denn „vergessen“? Was will Anne Pauly damit sagen?

Zu „Heartship“, dem zweiten “Soloabend“ werde ich in Kürze schreiben. Das wiederum war kürzlich ein Abend im „Marstallsalon“, der kleinsten Bühne/der Bar des Residenztheaters, über dem Marstalltheater. „Heartship“ ist ein Dialog von zwei Frauen, nicht wirklich solo, aber irgendwie doch auch ein nah erlebter „Soloabend“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Bevor ich es vergesse“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic


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THEATER: Maxi Schafroth – Wachse oder weiche

Ein „Ereignis“ war es, weil es nicht nur so herrlich war, sondern irgendwie ja ein neues Feld für Maxi Schafroth, er wird das Stück an den Kammerspielen im Oktober noch 1 x, im November 3 x und dann monatlich (bis März zunächst) 1 x zeigen, er wird also als eine der „Figuren“ des Stückes einige „Wiederholungen“ erleben, was er – vor allem als Fastenprediger der letzten Jahre am Nockherberg – ja bislang nicht unbedingt gewohnt war. Und er hat es „verdient“ – eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.

Allzu tief schürfend kann man den Abend „Wachse oder weiche“ allerdings nicht besprechen. Einfach gesagt: Maxi Schafroth, erst 40 Jahre alt, sehr ausdrucksstarker Typ, macht herrlichen „Quatsch“ (Text zusammen mit Martin Valdés-Stauber) und bringt gleichzeitig vieles auf den Punkt! Immer wieder! Das macht es irgendwie auch zum Ereignis: Nicht nur herum schwurbeln, sondern die Dinge so zeigen, wie sie sind, sie damit kritisieren, aber nur durch Humor! Kritik auf Basis von Humor. Humor und viel Musik sogar. So kann man sich an diesem Abend ständig sagen: Ja, so ist es! Es ist aber mehr als „nur“ Kabarett, es geht Richtung Theater, wenn auch, wie gesagt, mit besonders viel „Quatsch“.

Aber man kann sich sagen: „Maxi Schafroth einfach machen lassen!“ Mit seiner Energie, seiner Bissigkeit, seinem Blick, seinem Humor, seiner immer locker und frech wirkenden Art und dann noch mit allen Möglichkeiten der Münchner Kammerspiele! Er wird es hoffentlich öfters machen und hoffentlich noch bissiger! Der Theaterzuschauer soll nicht nur lachen, er kann Kritik sicher besser vertragen als manch Politiker, besser als der bayerische Ministerpräsident, wenn’s um die Fastenpredigt geht ….

Man konnte insgesamt an diesem zweistündigen Abend (eine Pause) jedenfalls ständig lachen! Auch konnte man vor allem von den weiteren Akteuren, Stefan Merki, Martin Weigel, Elias Krischke und Traute Hoess wirklich begeistert sein. Stefan Merki der schweizerische Ökobauer, Maxi Schafroth am Nachbargrundstück, er und seine traditionelle Landwirtschaft, Martin Weigel als der moderne Businessfuchs von der BayWa, Elias Krischke als der Ruhe suchende Städter aus München, Traute Hoess als Frau von Pöschinger mit dem Golfschläger. Allein Maxi Schafroths Bewegungen als der „einfache“ Bauer, sein Gang, der ungelenke „Tanz“ bei der Musik. Immer „vermeintlich übertrieben, aber eben doch nicht übertrieben!“ Die Lieder und und und. Herrlich, standing ovations schon zur Pause, eine musikalische Optimierungs-Zugabe am Ende.

So werden sehr sympathisch und hoch humorvoll Finger in Wunden gelegt, wenn auch wahrscheinlich nicht tief sitzend.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright der Bilder: Julian Baumann

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THEATER: Friedrich Schiller – Wallenstein

Die Inszenierung „Wallenstein“ von Hausregisseur Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen könnte gut heißen „Wallenstein plus 3“, so viele Themen werden hier – absolut beeindruckend, aber Genaueres siehe unten – bearbeitet: Basis ist natürlich der Wallenstein von Friedrich Schiller + Nummer 1 on top ist: Kochen/Essen/das Publikum + Dazu kommt als Nummer 2 on top: Das Ensemblemitglied Samuel Koch (der Wallenstein im „Wallenstein“) und sein Assistent ganz persönlich, außerhalb von „Wallenstein“ + Immer wieder kommt auch Nummer 3 on top dazu: Die Recherchen zu Putins Ex-Schergen Prigoschin (Putin/Prigoschins „Wagner Truppe“/Russland/Ukraine). Puh, das ist viel, aber es sind ja auch sieben Stunden mit drei Pausen, zwei kurzen und einer großen Pause, so sind es fünf Stunden echter Spielzeit.

Mir sagte eine Zuschauerin schon in einer der Pausen: „Das ist sicherlich eine der irrsten Wallenstein-Inszenierungen bisher.“ Sie wird Recht haben!

Zunächst: In der deutschen Geschichte geht es für mich damit theatermäßig momentan wieder einen Schritt zurück:

  • ERSTER SCHRITT: „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (HIER, am Residenztheater). Zwei Tage kurz vor dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1936.
  • ZWEITER SCHRITT:  „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth (HIER, auch am Residenztheater). Ein Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.
  • DRITTER SCHRITT: „Der Untertan“ von Heinrich Mann (HIER, am Cuvillestheater). Die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.
  • VIERTER SCHRITT: Jetzt „Wallenstein“ von Friedrich Schiller, an den Kammerspielen. Der Dreißigjährige Krieg.

Ein erstes Fazit zum „Wallenstein“ ist nun: Theaterherz, was willst du noch irgendwie mehr haben?

Die Inszenierung ist ein Theaterfest, was man dort im Lauf der sieben Stunden auf der Bühne, im Zuschauerraum, vor dem Theater auf der Maximilianstraße per Live-Video, an Szenen und Stimmungen sieht, ist großartig. Alles wird eingesetzt! Livemusik auf der Bühne, eine starke Schlagzeugspielerin (Maria Moling), manch Gesang dazu, manch Mikrofoneinsatz, wunderbare Bühnenbilder, immer wieder wechselnd, Live-Spiel auf der Maximilianstraße und und und. Auch schön zu sehen ist allein der Teil auf der fast komplett leeren riesigen und unglaublich hohen Bühne der Kammerspiele. Dann wieder senkt sich ein riesiger bunter Kronleuchter ….

Auch schauspielerisch lässt sich sagen: Was will man mehr! Vor allem mit größter Bühnenpräsenz spielen Annika Neugart, Katharina Bach und Samuel Koch. Diese drei seien hier aus meiner Sicht hervorgehoben, sie tragen diese Inszenierung. Jeder mag es anders sehen, alle Beteiligten sind ja gut! Auch etwa besonders Johanna Eiworth, selbstverständlich gut wie immer Annette Paulmann (auch als Köchin wohl), und köstlich auch André Benndorf als „CEO“ der mit modernem Outfit und herrlicher, satirischer Attitüde etwa erklärt, man sammle Daten über Wallenstein, Questenburg im Schillerschen Wallenstein, Gesandter des Kaisers. Samuel Koch ist als Wallenstein ohnehin schon eine sehr gelungene Besetzung!

Apropos „gelungen“ und „köstlich“: Das Thema Kochen leitet den Abend ungewöhnlich ein. Großartig ist die erste halbe Stunde, weitgehend wortlos beobachtet man die SchauspielerInnen des Stückes beim Kochen, auf der Bühne hinter einer langen Kochzeile stehend, beim Vorbereiten der Speisen, die in der großen Pause 28 TheaterbesucherInnen auf der Bühne an langer Tafel dargeboten werden. Eine Tafel wie zu Königs Zeiten, andererseits in Wallensteins Lager. Ossobuco! Es riecht köstlich im Theaterraum. Besonders sind auch die Filmaufnahmen der Küchenarbeiten auf der Bühne. „Kochen ist Krieg“, heißt es einmal. Und: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Sehr eigenwillige schwarz-weiß Filmaufnahmen mit herumgehender Livekamera vom Schnippeln, vom Trennen, Mischen, Rühren, Schneiden, Putzen, Braten, von Blut, Fleisch, vom Durcheinander, von den Messern und und und. Diese Aufnahmen haben mich begeistert.

Man könnte so viel darüber schreiben, alles ist eine wunderbare und in sich immer zusammenpassende Mischung, eine Vermischung von so vielem, und doch bleibt alles selbständig! Klasse gemacht! Wie gesagt, man verfolgt ja quasi VIER Themen. Das ist viel, und alles wird ständig getragen und gestützt von Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“. Die Übergänge zwischen den Themen sind manchmal kaum zu merken, Samuel Koch ist plötzlich in einem ganz persönlichen Gespräch mit Nadége Meta Kanku, die gerade noch Wallensteins Tochter war, sie reden ganz persönlich-reell über Samuel Kochs besonderes Leben – auch sein Assistent tritt auf, auch er ist dann wiederum eine Kriegsperson um Wallenstein herum, Buttler. Dann wieder ist Samuel Koch plötzlich der Herzog Wallenstein, in Schillers Sprache, von einem Satz zum nächsten.

Dazwischen immer wieder – auch ein Thema „neben“ Wallensteins Niedergang im Drama – Sergei Okunev, dramaturgischer Mitarbeiter, der von seinen echten Recherchen über das Leben des Putin-Schergen Prigoschin erzählt. Sehr locker, humorvoll, sympathisch, erfrischend erzählt er, zeigt Fotos und Filmchen von Putin und Konsorten, etc. Okunev führt dann wiederum die Livekamera beim Kochen! Alles mischt sich eben!

Es ist allerdings viel und irgendwie auch etwas widersprüchlich, das muss man aushalten. Einerseits das ernste historische Thema „Wallenstein“, das Drama von Friedrich Schiller, das man erwartet, über Wallenstein, einst der treue Gefährte des Kaisers, er will ja den Kaiser stürzen. Dazu andererseits das fast noch ernstere, weil „aktuelle“ Thema „Ukraine/Russland/Putin“, der ja im Flugzeug umgekommene Söldner Prigoshin mit seiner Wagner Truppe. Diese Themen stehen nebeneinander, es gibt sicher auch Parallelen: Wallenstein und Prigoschin führten Söldnertruppen, sie mussten sterben (Wallenstein am Ende, Prigoschin am Anfang des Nachmittags/Abends)! Aber genügt diese Parallele? War alles nicht doch sehr sehr unterschiedlich? War ein Krieg damals auch nur irgendwie vergleichbar mit heutigen Kriegen? Was bringt die Parallele „Wallenstein/Wagner Truppe?“.

Auch etwas unverständlich war mir: Wie sehr wollte Wallenstein damals eigentlich den Krieg gegen seinen Kaiser? Ihn drängen ja hauptsächlich seine Generäle! Er selber zaudert lange. „Nicht labern, handeln“ heißt es ja deutlich lesbar auf der Bühne. Prigoschin starb vielleicht durch Putin, Wallenstein wurde von seinen Generälen umgebracht, nicht durch den Kaiser, wenn ich es recht sehe.

So bleibt am Ende zum Einen die Begeisterung über diese Darstellungen und die Inszenierung, über dieses wahre Theaterfest, aber zum Anderen auch ein wenig das ungute Gefühl und die Frage: Hat man jetzt ein grandioses Fest miterlebt, ein Theaterkunstwerk, das gut zum Theatertreffen eingeladen werden kann, oder hat man ein schweres Thema oder gar zwei schwere, düstere Themen (Wallenstein und Prigoshin/Putin) oder gar drei solcher Themen (Wallenstein und Prigoschin und Söldnertruppen) mitgenommen? Das löst sich am Ende auch nicht einfach – mit einem sehr besonderen Soloauftritt von Katharina Bach – durch den Satz: „Der Mensch ist größer als der Krieg“. Dieser Satz war mir fremd nach dem Nachmittag/Abend.

Hier noch zwei Fotos:

Auf der Maximilianstraße:

Auf der Bühne:

Zu allem ist zu empfehlen das Zusatzheft über Wallenstein-Materialien, Texte und Bilder, die einen tollen Einblick geben. Man kann es im Foyer für fünf Euro kaufen.

Copyright der Bilder: Armin Smailovic

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THEATER: Ingmar Bergman – Persona

Die Krankenschwester Alma wird mit der Betreuung der Patientin Elisabet beauftragt. Die Kranke ist die Bühnenschauspielerin Elisabet Vogler, die während einer Aufführung von Elektra aufgehört hat zu sprechen. 

Eine Redende, eine Schweigende. Sie sind insoweit unterschiedlich, aber zugleich sind sie gleich, äußerlich ohnehin, sie werden immer gleicher, „Du“ wird zu „Ich“, vielleicht sind sie beide zusammen eine Person. Kaum zu verstehen, was Ingmar Bergman alles dabei dachte. Alma sagt, sie könne aussehen wie Elisabet. Elisabet, die Schweigende, ist von beiden diejenige, die wohl kompromisslos versucht, bei sich zu sein, die alles andere als Schein zu erkennen scheint, die Welt ist für sie wohl nur Verfremdung, sie hat aufgehört mit dem Theater, dem Theater der Welt – könnte man sagen. Für sie ist jedes gesprochene Wort eine Lüge, das reale Leben so etwas wie eine Nichtwahrheit. Sie schweigt, so protestiert sie – könnte sein – gegen das Leben. Aber warum? Alma dagegen redet viel, sie erzählt Elisabet aus ihrem Leben, redet über ihr Innerstes, eine Abtreibung, auch sie meint damit wohl, bei sich zu sein, von sich zu erzählen, Wahres zu erzählen, aber sie protestiert nicht gegen das reale Leben – könnte man sagen. Im Gegenteil, sie braucht für sich wohl das – vielleicht ja „verlogene“ – Leben. Sie fleht Elisabet auch an, etwas zu sagen, wenn sie auch nur etwas zum Wetter sagen würde. Aber Elisabet redet nicht. Es ist dann sogar Alma, die von Elisabets gehasstem Sohn erzählt, von der ungeliebten Schwangerschaft. Wer soll das auch noch verstehen? Das Verhältnis von Elisabet und Alma zueinander verändert sich ja auch noch. Sind sie doch eins? Zwei immer widersprüchliche Teile von einer Person?

In der Inszenierung am Münchner Volkstheater gibt es noch dazu neben den „echten“ Elisabet und Alma eine Verdoppelung von Elisabet und Alma. Doppelungen mit Gesichtsmasken, die weitgehend gleich angezogen sind, gleich wie sie selbst und gleich wie die „richtigen“ Elisabet und Alma, schwach rot und hellblau aber in Plasikanziehsachen. Die „Doppelungen“ von Elisabet und Alma wirken dabei künstlicher, unveränderlich traurig oder zumindest fragend oder entsetzt oder entrüstet oder ratlos oder oder. Oder wirken sie durch die Masken geradezu verallgemeinernd? Alles Interpretationsfrage an diesem Abend. Die Doppelung macht es jedenfalls nicht leichter. Szenen wiederholen sich, schnelle Wechsel zwischen den „echten“ Elisabet und Alma und ihren Doppelungen …

Auch das dazu gut passende Bühnenbild (Bühne: Nadin Schumacher): Es sind drei Teile dieses Sommerhauses, in dem sich Elisabet und Alma aufhalten, in gewisser Weise sind auch das „Doppelungen“. Nichts gibt es „einfach“. Quadratische Räume, fast moderne eckige Räume, die auf der Bühne immer wieder einmal von den beiden Elisabets und/oder den beiden Almas verschoben, gedreht und versetzt werden. Szenen spielen im Inneren der Blöcke hinter den Wänden, werden live gefilmt und groß auf den Wänden gezeigt, auf die der Zuschauer blickt. Auch die Rückwand der Bühne ist Leinwand. Auch das sind im Grunde Doppelungen.

Bei all den Fraglichkeiten, die Ingmar Bergman dem Zuschauer hier auftürmt: Lena Brückner als Alma und Ruth Bosung als Elisabet spielen es sehr sehr glaubhaft, die Wortlosigkeit oder Traurigkeit von Elisabet, die Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung von Alma, das wortlose Verhältnis beider zueinander und und und. Beide sind junge Ensemblemitglieder, sie „spielen“ es aber wie hocherfahrene Schauspielerinnen!

Trotzdem: Man darf nicht erwarten, dass man nach diesem Abend eine gesicherte Interpretation von „Persona“ von Ingmar Bergman wagen kann. Wer kann das schon bei „Persona“? Interessant etwa sind im Programmheft die Zitate:

Muss das sein? Ist es so wichtig, dass man nicht lügt, die Wahrheit sagt, in ehrlichem Ton spricht? Kann man überleben, ohne hin und wieder zu reden?

Oder:

Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen? Wo bleiben alle guten Vorsätze, die man gefasst hat?

Oder:

Nicht scheinen, sondern sein. Bewusst, wach, jeden Augenblick. Zugleich der Abgrund zwischen dem, was du vor den anderen und dem, was du vor dir selber bist. Ständig dieses Schwindelgefühl, und der Hunger, ein Geheimnis preiszugeben.“

Regisseurin Sophie Glaser fügt mit dieser Inszenierung den vielen Fragen, die Ingmar Bergman mit „Persona“ ohnehin schon aufwirft, jedenfalls eher gewissermaßen noch weitere Fragen hinzu, als dass sie eine klare Interpretationshilfe gäbe. Verständlich, konsequent, aber nicht leicht!

HIER der Link zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Hier noch ein Foto der trotz aller Fragen interessanten Inszenierung. Auch Elisabets Ehemann erscheint und Alma wird – auch für ihn – plötzlich zu Elisabet:

Copyright der Fotos: Gabriela Neeb

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THEATER: Heinrich Mann – Der Untertan

Der ZWEITE Schritt war – ebenfalls derzeit am Residenztheater – die Inszenierung des Stückes „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth gewesen (HIER mein Beitrag dazu). Dieses Stück hatte 1932 Uraufführung – also etwas weiter zurück – und „zeigt“ einen Tag auf dem Oktoberfest in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Und nun ein DRITTER Schritt: Es ging – wieder am Residenztheater, auf der Bühne des Cuvillestheaters – zurück in die Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg. Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ war 1914 vollendet, die erste Buchausgabe ist von 1918, er „zeigt“ die Zeit wenige Jahre vor dem 1. Weltkrieg, das Ende der wilhelminischen Kaiserzeit.

Der Roman „Der Untertan“ ist dabei vielleicht als der „historisch genaueste“ anzusehen, das Romanmanuskript trägt den Untertitel: »Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II“. Er gilt als das wichtigste literarische Dokument über das deutsche Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. Es ist aber auch der schwierigste der drei Romane/Stücke. Schwer zu lesen, recht „steif“ geschrieben, für heutige Zeiten nicht sehr inspirierend, sehr umfangreich. Aber es stellt sich die Frage: Hat Heinrich Mann damit nicht sogar generell – auch für heute noch – ein Element der deutschen Seele gezeigt?

Der Hausregisseur des Münchner Residenztheaters Alexander Eisenach hat sich daran gewagt, den Roman – wohl auch mit Gedanken an die heutige Zeit (Stichwort „autoritäre Staaten“), wie man dem Programmheft entnehmen kann – auf die Bühne zu bringen. Und es ist gelungen, auf dieser „trockenen“ Romanbasis ein tolles Inszenierungsfest mit vor allem großartiger schauspielerischer Leistung von Lukas Rüppel als der „Untertan“ zu erstellen.

„Inszenierung schlägt historische Düsternis“, so kann man es zusammenfassen, so wurde es ansehnlich! Die Inszenierung bietet fast in der Manier von Frank Castorf viele, viele beeindruckende Theatermomente und reißt damit das ja eher „düstere“ Thema des Romans „Der Untertan“ sehr ansehnlich und „mitreißend“ auf die Bühne. Auch die Schnelligkeit der Erzählung und der Wechsel, der Übergang der Stationen des Geschehens ineinander erinnert durchaus ein wenig an Frank Castorfs Formen. Allerdings nur leicht, es behält natürlich eine sehr eigene Note gemäß Alexander Eisenach.

Die schönen Theatermomente etwa: Die Gerichtsverhandlung von den Balkonen des Theaters. Die Kameraführung während dieser Gerichtsverhandlung allein. Oder die Tatsache, dass mehrfach eine dünne, ganz leicht durchsichtige Leinwand vor der Bühne herunterfährt, auf der in schwarz-weißem Großformat das Geschehen auf der Bühne hinter/in der „Kathedrale“ als Video gezeigt wird (Video: Oliver Rossl, Komposition: Benedikt Brachtel und Sven Michelson) und auch manche Großaufnahme eines Gesichtes gebracht wird. Oder die Beleuchtung der auf der Bühne stehenden kathedralenähnlichen Skulptur (Licht: Verena Mayer).

Wie gesagt: Großartig Niklas Rüppel als Diederich Heßling, der Untertan. Zunächst als Kind, dann als Schüler, Strafe fast genießend, er spielt Diederich Heßling sehr gut. Später er in der Pfütze, der Kaiser auf dem Ross. Natürlich geht alles dabei ein wenig auf Kosten der Verständlichkeit, der Roman ist ja um einiges ausladender. Aber es bleibt die Überlegung: Hat man damit etwas gesehen, was zur Zeit überall auf der Welt (gerade in Deutschland ja noch nicht!) autoritäre Führungspersonen nach oben spült? Warum wollen so viele Menschen Autorität? Wollen Sie lieber Handlung statt Moral? Brutales Hierarchiedenken statt Demokratie (auch das ist ja Thema von „Der Untertan“)? Brutaler Kapitalismus oder soziales Denken? Das Fazit wäre insoweit: Autoritäre Führungsstile sind weltweit im Kommen, in Deutschland halten wir noch die Demokratie. Wir müssen aber auch aufpassen, weil sich schon damals etwas „Deutsches“ im „Untertan“ befand und sich vielleicht noch befindet.

Nicht verstanden habe ich, warum Alexander Eisenach alle männlichen Personen des Stückes – und es gibt ja in „Der Untertan“ viel um „eingebildete“ Männlichkeit – außer Diederich Heßling (der Untertan) von Frauen spielen lässt. Das wiederum hatte leider für mich noch einen Effekt: Ich habe die Texte der Schauspielerinnen akustisch um einiges schlechter verstanden, als den Text von Niklas Rüppel/ Diederich Heßling. Ich hoffe, es ging nur mir so, glaube aber, dass es durchaus auch an den Schauspielerinnen oder der speziellen Akustik des Cuvillestheater lag.

Hier noch ein Foto von dem Abend, den man sicher zweimal sehen kann, um den Untertan darin wirklich zu verstehen:

Copyright der Fotos: Birgit Hupfeld

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THEATER: Irmgard Keun – Nach Mitternacht

Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.

Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.

Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.

Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.

Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.

Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.

Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Noch eine Aufnahme:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld