Ich könnte auch einmal über Flüchtlinge schreiben und werde eine eigene Kategorie hierfür einrichten. Es ist schließlich nicht nur ein Tagesthema, das verfliegt, sondern das Thema, das unsere Welt in Deutschland und Europa langfristig sehr verändern kann. Die Globalisierung kommt zu uns und wir müssen klären, wie wir damit umgehen wollen. Ich könnte viel dazu schreiben. So, wie viele Menschen. Gut so, dass jeder sich einmischt, so wird über uns hier in D und EU einmal intensiv in vielerlei Hinsicht nachgedacht, das ist immer gut. Mein Grundsatz: Keine Panik! Geduld und Offenheit! („Bei Panikfragen: Pa-Nick fragen!“).
Wir sind viel zu engstirnig. Wie in jedem Leben: Je älter man wird, umso engstirniger wird man. Das Fremde passt einem dann immer weniger. So ist es leider auch zum Teil hier in D. Ich hoffe nur, Frau Merkel lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt mit ihrer mutigen, selbstbewussten und offenen Ansicht gegenüber den Flüchtlingen.
„Flüchtlinge“ ist schon kein schönes Wort. Die Endung „-ling“ beinhaltet schon irgendwie, dass die Gemeinten irgendwie „Fehler“ hätten, jedenfalls eine bestimmte Eigenschaft, die sie vereinheitlicht und etwas herabsetzt. Schade, ich denke, man könnte treffender und offener von „Geflohenen“ sprechen.
Vor allem: Lasst uns doch einfach selbstbewusst unsere Werte verfolgen und „feiern“, ohne zugleich andere herabzusetzen oder auszugrenzen! Unsere Werte bekommen doch durch das Näherrücken der anderen Werte geradezu wieder Bedeutung. Und so weiter.
Anlässlich eines Leseabends von PenTales in München entstanden:
Comeback
Sie hatte wenig gegessen, war ruhig, war gelassen. Und zufrieden. Zufrieden mit dem Nichts, das man von ihr wusste. Essen war jetzt Nebensache. Das rote T-Shirt zappelte an ihrem schlanken Körper. Wie sie selbst auch so lange gezappelt hatte, im Wind ihres Lebens, seit sie weggegangen war. Sie strich sich eine Strähne ihres langen braunen Haares aus dem Gesicht. Die Strähne war durch einen kleinen Luftzug vor ihre schönen Augen gefallen. Der Krankenwagen, der an ihr vorbeigerauscht war, hatte den Luftzug ausgelöst. Tangomusik spielte sich in ihre Ohren. Mit zarten Schritten schlich sie die Straße entlang, auf das Haus zu. Ihre schlanken, sehnigen Füße berührten mit jedem ihrer Schritte den Saum des grünen, mit vielen kleinen braunen und schwarzen Blumen bestickten leichten Tuches, das als Rock diente und bis zu den Knöcheln fiel. Wortlos, geräuschlos und staunend sah sie hinten über dem Haus den Himmel. Sie dachte an die langen Tage, die sie im penetrant nach Öl riechenden Containerraum des Frachtschiffes verbracht hatte. Den Geruch hatte sie immer noch in der Nase. Der dicke und etwas untersetzte Pedro hatte ihr wenigstens sehr bald eine Taschenlampe gebracht gehabt, auch für die Mahlzeiten, die er im zerbeulten Blechgeschirr heruntergeschmuggelt hatte. Die Taschenlampe, die jetzt im Rucksack steckte. Im Rucksack, den sie in der Stadt hat stehen lassen. Nachdem sie noch den dunkelgrünen Pullover herausgenommen hatte, den sie jetzt unter dem Arm trug. Die Lautstärke ihrer Kopfhörer fuhr sie etwas herunter. Jetzt hatte sie das Haus am Ende der Straße erreicht. Sie drückte das immer noch quietschende flache Stahltor auf, das einen schmalen Durchlass durch die dicke grüne Hecke gewährte. Es war angelehnt. Sie näherte sich der blauen Eingangstüre, nahm den Kopfhörer von den Ohren und legte ihn sich um den Hals. Auch die Eingangstüre war angelehnt. Als würde man sie erwarten, aber das konnte ja nicht sein. Sie war ja für vermisst erklärt worden, wohl ertrunken im Fluss. Mit fünfzehn Jahren. Niemand hatte damals bemerkt, dass sie nach Südamerika geflogen war. Und dort hatte sie ihr Leben kennen gelernt. Sie hatte sich absichtlich entwurzelt. Mit staunendem Blick hatte sie dort nur ihr Leben beobachtet. Ihr Leben ohne Familie, ohne Schule, ohne Freunde, ohne all das, was ihr Leben ausgemacht hatte. Sie meinte jedenfalls, dass es ohne all das auch gehen müsse, das Leben. Sie hatte schon damals älter als fünfzehn Jahre alt gewirkt. Brasilien, Peru, Chile, Argentinien. Immer wieder hatte sie sich gefragt, ob sie irgendjemandem in der Heimat mitteilen sollte, dass sie am Leben sei. Dass sie nicht in den Fluss gesprungen war, sondern die Sachen extra ans Ufer gelegt hatte. Aber nein, sie tat es nicht, weil sie fürchtete, dass sie in Abhängigkeit von einem solchen Kontakt kommen könnte. Irgendwie, wenn auch nur gedanklich. Denn vielleicht würde es ihre Gedanken verändern, zu wissen, dass sie es wissen. Nein, sie wollte sehen, wie es ist, völlig unbestimmt zu leben. Das war immer mehr ihr Wunsch geworden, eine unaufhaltsame Sucht in ihr, damals, bevor sie nicht mehr anders konnte. Weil sie immer gemeint hatte, alle würden so viel von ihr erwarten, hatte sie sich davor schon ein ganzes Jahr lang nicht aus ihrem Zimmer begeben. Das Reden hatte sie dann fast eingestellt. Sie ist krankgeschrieben worden, musste zu Hause bleiben. Nichts könne von ihr erwartet werden, gar nichts, hatte sie immer gesagt, sie wolle nicht. Und ständig gesagt zu bekommen, was schön ist, hässlich ist, nützlich ist, sinnvoll ist, sinnlos ist, gut ist, schlecht ist, sie hatte es nicht mehr ausgehalten. Wie würde sie eigentlich werden ohne all das, hatte sie sich gefragt. Es war die einzige Frage, die sie sich noch gestellt hatte. Wie komme sie durch das Leben ohne all das? Und sie hat sich diese Frage beantwortet. Plötzlich stand sie jetzt, zwei Jahre später, ihrem Vater gegenüber. Sie an der aufgeschobenen Eingangstüre und er, er kam aus der Küche, in den schmalen Gang, blieb starr neben der dunkelbraunen kleinen Kommode stehen. Regungslos. So blickten sie sich minutenlang an. Sie ließ den grünen Pullover fallen. Er war alt geworden, verändert, hatte graue Haare bekommen, sah erschöpft aus. Obwohl die grauen Haare zu seinem dunkelblauen Hemd passten, das er unter dem braunen Sommersakko trug. Immer noch war die dunkelbraune Brille in seinem schmalen Gesicht mit dem kurz geschorenen Bart dominant. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Vater und ihre Mutter in so fürchterlich tiefe Trauer gestürzt gehabt. Jetzt dastehen, mehr konnten sie beide nicht tun. Dastehen. Er erkannte sie und fing an zu weinen. Sie dagegen bemerkte, dass sie es geschafft hatte, ein inneres Gleichgewicht zu halten. Sie spürte weder Gram, noch schlechte Erinnerungen, noch irgendeine Aufruhr, die ihr den Blick und den Moment verzerrt hätten. Sie war stolz auf sich und freute sich, freute sich, wieder hier zu sein. Ohne jede Bindung von Neuem beginnen zu können.
Bis sie erfuhr, dass ihre Mutter wegen ihrer Wahnvorstellungen gerade wieder mit dem Krankenwagen abgeholt und in die Nervenklinik gebracht worden war, und ihr klar wurde, dass sie zwei verletzliche Leben zerstört hatte, weil sie auf so brutale Weise nur auf ihr eigenes geachtet hatte. +++++
Gestern in Deutschlandradio wurde eine Lesung von „Die Glut“ von Sandor Marai gebracht. Ein sehr „dramatisches“ Buch, eine Story, die das Leben schreibt:
Eine Ehe. Die Frau und der allerbeste Freund des Ehemannes haben eine Affaire. Nicht bekannt, wie lange. Sie sind sich von ihren Wesen her einfach näher, beide sind Menschen der Musik, Für den Ehemann eine fremde Welt. Näher, als sich die Frau und ihr Ehemann sind. Zwischen der Frau und dem Ehemann war es eher große „Dankbarkeit“ ihrerseits für das sorgenlose, reiche Leben des Ehemannes, dem General, zwischen der Frau und dem Freund war es dagegen große Liebe, jedenfalls absolute Seelenverwandtschaft. Auf der Jagd will der Freund den Ehemann erschießen, tut es aber nicht. Er „flieht“ am nächsten Tag für immer. Auch für die Frau bricht die Welt zusammen. Der Ehemann zieht in ein Landhaus, er spricht nie wieder mit seiner Frau, die dann 8 Jahre später stirbt. Weil er weiß, dass es aus ist. Er erkennt alles. Kurz vor Lebensende kommt der Freund doch noch einmal zum Ehemann. Sie reden über den Vorfall, der vierzig Jahre zurückliegt. Der Ehemann sieht sich und den Freund als schuldig an, da sie die Frau überlebt haben. Die Frau konnte mit dem Tod antworten, er und der Freund haben nie geantwortet. Das will der Ehemann dem alten Freund klarmachen.
dürftest du einmal sagen so solle es bleiben für immer solle es so bleiben! und du wüsstest es bliebe so für immer bliebe alles so und du würdest nichts anderes erleben würdest verharren in deinem Glück würdest du es je sagen? würdest du es je sagen?
Diesen Sonntag war wieder der BREAKFAST CLUB der Münchner Kammerspiele im Conviva, im“Blauen Haus“- auch der Kantine der Kammerspiele. Ein Frühstück bei Croissants und Kaffee mit Informationen von Schauspielern, Regisseuren, Mitarbeitern der Kammerspiele etc. über das Kommende. Der junge Opernhaus-Gründer David Marton (er arbeitet an der Kombination Oper/Theater und wird in den Kammerspielen ein „Opernhaus“ einrichten) stellte das kommende Stück LA SONNAMBULA vor, Yuka Yanagihara sang daraus eine Arie. Der junge Philippe Quesne erzählte vom kommenden Stück CASPAR WESTERN FRIEDRICH (ihn interessiert das Verhältnis Mensch – Natur) und der Schauspieler Peter Brombacher las aus Briefen von Caspar David Friedrich. Der ebenfalls junge Franz Rogowski begleitete die kleine Lesung musikalisch mit Western-Soundeinlagen auf der Mundharmonika. Er arbeitete außerdem mit einer interessanten App, mit der Musik aufeinandergelegt werden kann. Außerdem wurden die Gastspiele der nächsten Wochen kurz vorgestellt. Interessant für ein Frühstück an einem trüben Sonntag. Vor allem merkt man hier, an den Münchner Kammerspielen, das Engagement und die Freude junger Menschen, die ihre Ideen mit kulturellen Angeboten transportieren wollen.
Eine interessante Inszenierung in den Kammerspielen, die sich sehr mit dem klaren Thema des Romans auseinandersetzt: Geld und Liebe. Viel Liebe, aber alle warten hier erst auf Geld, Reichtum. Genauer: Auf den Tod der reichen Tante in Russland. Der Roman stellt das Dilemma „Geld und Liebe“ bekanntlich speziell durch die „Roulettebrille“ dar. Das Thema wird man heute – vor allem abseits der Rouletteburgen – anders behandeln. Die Inszenierung ist intensiv, fast anstrengend. Man sollte den Roman danach lesen oder über die Inszenierung reden. Nur konsumieren ist hier zu wenig. Die Inszenierung hat m. E. einen Nachteil: Es spielen die falschen Schauspieler die falschen Rollen. Einzig Thomas Schmauser, der sich verausgabt, kommt erkennbar rüber. Es fällt ansonsten schwer, den einzelnen Schauspielern die verkörperten Personen abzunehmen. Und an ihnen die Beziehungen zu den anderen Personen zu erkennen. Etwa Anna Drexler, sie spielt leider wieder einmal eine unsichere Person, die sie allzu oft spielt. Man erkennt nicht die Person, die F. Dostojewski hier meinte und die sie verkörpern will. Das Buch ist sicherlich auch kein literarischer Höhepunkt, Dostojreski hat ihn ganz schnell geschrieben, unter Fristdruck.
Auch in den Kammerspielen. Alle zwei Wochen eine interne/externe Lesung des Buches „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty. Wohl ein sehr gutes Buch, auch von Barack Obama und dem Papst gelesen (?). Immer Montags, 10 Uhr. Mit zwei jungen VWL-Experten der LMU München. Man bespricht es. Interessierte Menschen, aber es ist ein Gespräch von Laien, etwas schade, weil zu wirr. Allerdings Mal sehen, wie es wird. Kernfrage ist für Piketty: Das Leistungsprinzip, demokratisch wesentlich, werde infrage gestellt, wenn die „Kapitalrendite dauerhaft höher sei, als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen. Genau dazu, sagt er, möchte er „Vorschläge machen“.
Vor allem: entscheidend ist natürlich nicht, wer das Geld hat, sondern was mit dem Kapital gemacht wird. Gibt es eine gesteigerte Verantwortung bei gesteigertem Kapital? Schön wäre es. Gibt es dafür ein Bewusstsein? Geld ist schließlich Macht!
Es bleibe natürlich ein sehr subjektives Thema, jeder hat so seine Erfaherungen und die Demokratie dürfe keine „Expertendemokratie“ werden, dennoch sei eine genaue Untersuchung wichtig. Mal sehen.
Ich werde an dieser Stelle über meine zahlreichen Besuche an den Münchener Kammerspielen (Kammern 1, 2 und 3), dem Residenztheater (inkl. Marstall- und Cuvilliés-Theater) und den immer wieder interessanten Berliner Theatern schreiben. Derzeit seltener besuche ich andere Theater. Theater als Form, „Extremform“ gerne, Dinge aufzuzeigen, über die wir nachdenken sollten. Nicht nur als „Event“, als „Bespaßung“.
Da ich nun einmal meine Zeit in großem Maße kulturellen „Angeboten“ widme, kommen außerdem durchaus andere Ereignisse hinzu. Mal Ballett, mal Musik, mal Politik, mal andere Berichte aus der Theaterwelt, Berichte vom Berliner Theatertreffen etc.
Im Rundfunk höre ich gerne ausgewählte Sendungen des Deutschlandradios und von Deutschlandfunk Kultur. Auch darüber beabsichtige ich zu schreiben.
Des weiteren widme ich mich gerne der Literatur, soweit die Zeit bleibt. Auch hierzu der ein oder andere Kommentar.
Und – da ich (trotz „junger Jahre“ – naja) viel Zeit habe – ich gebe mich immer wieder dem Schreiben hin. Gedichte, Kurzgeschichten, ein Roman entsteht, etc. Hiervon könnte auch einiges an dieser Stelle erscheinen.