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THEATER: Asiimwe Deborah Kawe – Das gelobte Land

„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.

Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.

Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.

„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.

Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:

Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.

Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.

Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.

Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.

Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.

Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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BALLETT: Pierre Lacotte – La Sylphide

„La Sylphide“ hatte Uraufführung in der ersten Choreografie von Filippo Taglioni schon im Jahre 1832! Und es wurde in dieser Version vor fast exakt 185 Jahren (!), am 14. Juli 1840, schon in München gezeigt, am damaligen „Königlichen Hof- und Nationaltheater“, dem heutigen Nationaltheater. Andererseits: Wirklich lang ist das nicht her!

Im 19. und 20. Jhdt. stand „La Sylphide“ immer wieder auf dem Programm des Bayerischen Staatsballetts und nun, seit November 2024, wird es dort wieder – in der etwas späteren Fassung von Pierre Lacotte von 1972, die aber bewusst ganz eng am „Original“ von Taglioni festhält – gezeigt. Das Stück gilt in der Ballettwelt als der „Durchbruch“ des Spitzentanzes, mit nicht enden wollendem Applaus am Ende.

Weitere Aufführungen von „La Sylphide“ sind am Bayerischen Staatsballett ab November 2025 zu sehen.

Durch und durch klassisch ist nicht nur der Tanz, ist nicht nur die Kostümierung, das Bühnenbild, die Musik, die Choreografie, die „Geschichte“, die erzählt wird, nein, alles, auch das Recht deutlich werdende damalige Rollenverständnis von Mann und Frau.

Der Inhalt von „La Sylphide“ insgesamt wird in der Inszenierung von Pierre Lacotte sehr deutlich: Man könnte zusammengefasst sagen, es ist inhaltlich der Spruch: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“. Denn der junge James will zuviel! Das ist immer gefährlich, auch heute noch! Er steht kurz vor der Hochzeit mit Effie, da träumt er plötzlich vom so wundervollen eleganten Wesen „La Sylphide“, wie von einer „Traumfrau“. Er denkt immer wieder an sie, die Hochzeit mit Effie fällt aus, James will „La Sylphide“, die wieder erscheint, unsichtbar für die Anderen, an sich binden, dieses elegante Wesen, sie stirbt aber letztlich durch „Berührung“ gewissermaßen, und … Effie ist dann für James verloren, sie heiratet James‘ besten Freund Gurn, der Effie ohnehin offenbar immer schon mehr liebte … Tja, so kann es gehen. Fraglich bleibt allerdings ein wenig, ob James von sich aus plötzlich „mehr“ wollte – dann gilt der Spruch oben – oder ob er verwirrt, umgarnt wurde von „La Sylphide“ (aber letztlich will er sie ja für sich „fangen“). Das Thema ist jedenfalls zeitlos.

Sich mit der erzählten Geschichte von „La Sylphide“ auseinanderzusetzen, hatte allerdings keinen besonderen Reiz für mich. Es war eher der Tanz. Besonders nach der Pause merkte man die fast eigentümliche Eleganz des Spitzentanzes, die eigenartige Besonderheit, die der Spitzentanz für das Ballettwesen sicher hat. Es ist höchste Kunst, die man sieht, höchster Ausdruck, es sieht so schwerelos und leicht aus – nach der Pause vor allem im Tanz der „La Sylphide“ und der zahlreichen Sylphen, wo es doch genau das Gegenteil ist! Man sollte sich dem besonderen Ausdruck des Spitzentanzes, der Eleganz bei höchster Anstrengung und Konzentration, dem Träumerischen der Sylphenwelt, hingeben, wenn man diese Aufführung besucht!

Vor allem vom Solisten António Casalinho als James – mit seiner phantastischen Sprungkraft – und der Solistin Margarita Fernandes als La Sylphide konnte man so in der Tat mit ihrem so klassischen Tanz begeistert sein. Besonders sie erhielten den oben schon genannten nicht enden wollenden Schlussapplaus.

Von der Musik war ich weniger angetan. Ich hatte nach der Aufführung die Musik überspitzt so beschrieben: „Irgendetwas zwischen Nationalhymne und Oktoberfestmusik“! Es war die Musik der „Originalversion“, komponiert von Jean-Madeleine Schneitzhoeffer. Nun gut, überspitzt formuliert bitte!

Insgesamt war es aber auch für mich ein schöner „Blick zurück in die Zeiten des romantischen Balletts“, ein Blick in wahrscheinlich eines der Grundelemente einer jeden Ballettausbildung, die zu wirklichen Höchstleistungen führen soll … und auch führen kann, wie man sah. Ein Meilenstein für den Ballettfreund!

Hier noch zwei Bilder der Aufführung:

HIER link zur Produktionsseite „La Sylphide“ des Bayerischen Staatsballetts.

Copyright der Fotos: Katja Lotter

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LITERATUR: Robert Macfarlane – Sind Flüsse Lebewesen?

Der Titel klingt fast provokant: Sofort weiß man doch: „Aber bitte! Flüsse sind doch keine Lebewesen!“. Wir müssen aber umdenken und man ist auch bereit, umzudenken, wenn man dieses Buch sorgfältig gelesen hat. Ich habe es zweimal gelesen. Der entscheidende Schritt: Wir müssen uns öffnen und dazulernen, wir müssen dabei lernen, das Wort „Leben“ und „Lebewesen“ neu zu denken. Wir müssen uns öffnen dahin, dass alles auf der Welt in Verbindung zueinander steht. Dass wir selbst nicht alles in Subjekt – Objekt einteilen dürfen. Ein Fluss ist nicht nur ein Fluss. Ein Wald ist nicht nur ein Wald. Im Buch heißt es an einer Stelle: „Leben ist Verbindung!“. Ein großer Satz. Alles ist somit Subjekt, nicht nur der Mensch.

Im Buch von Robert MacFarlane kann man anhand von drei ausführlichen Reiseberichten erfahren, dass gerade Flüsse mit allem in Verbindung stehen. Nicht nur mit ihrem Ufer, mit dem angrenzenden Wald, den Lebewesen im Wald, den Pflanzen und Pilzen (!), den Lebewesen im Wasser und in der Luft, nicht nur mit dem kleinen und großen Klima, nein, auch mit den Menschen, die am Fluss leben, letztlich mit den Menschen insgesamt! Wer konnte all das jahrhundertelang besser erkennen, als die indigenen Völker, die in so wertvollen Flussgegenden wohnten und wohnen? Sie kämpfen darum! Es geht dann am Ende des Buches – fast ratlos – in die Richtung „Flüsse sind Gottheiten“, Gottheiten, die wir nicht verstehen.

Das Buch will nicht etwa mit einer hilflosen Theorie „überzeugen“. Wie gesagt, es enthält drei Reiseberichte zu drei riesigen wieder einmal bedrohten Flussgebieten: a) Zu den „Los Cedros“, einem aktuell von Bergbau bedrohten Nebelwald in Ecuador, b) zu einem fast schon „abgestorbenen“ riesigen Flussdelta bei Chennai in Südindien und c) zum reißenden Fluss Muthehekau Shipu in der Nähe von Québec in Kanada, der bald durch riesige Staudämme gebändigt werden soll.

Die auch mal etwas langatmigen Schilderungen der Naturerlebnisse vor Ort gehören dabei dazu, um das Wesen der von Robert Macfarlane besuchten Flüsse verstehen zu können. Diese teils sehr schönen Naturschilderungen werden immer wieder verbunden mit Schilderungen der ortskundigen Personen, die Robert Macfarlane begleiteten und die er traf. Meist Menschen, die sich für den Schutz der jeweiligen Flüsse einsetzen. Die Schilderungen werden auch verbunden mit Schilderungen der ersten Entscheidungen durch Gerichte oder Behörden, auch Gesetze, mit denen Flüssen eigenständige Rechte zugebilligt werden. Wie soll sonst deren Zerstörung verhindert werden! Die Geltendmachung der Rechte ist dann das Problem. Es geht ja nicht nur darum, Naturschutzgebiet zu bestimmen. Wir können die Natur nicht „einsperren“.

Gerahmt sind die Schilderungen von Robert Macfarlane des Weiteren von guten theoretischen Worten am Anfang und am Ende des Buches.

Grundsätzliches zur „Rights of Nature“ – Bewegung:

Der „Rights of Nature“-Bewegung liegt das Verständnis zugrunde, dass die Natur und die Menschheit zwei Seiten derselben Medaille sind, keine getrennten Lebewesen. Die Natur ist nicht nur Objekt unserer Eingriffe (oder unserer Schutzmaßnahmen), sie ist mit den Menschen zusammen Subjekt allen Handelns, sie braucht Rechte. So geschah es …:

In Ecuador und Bolivien sind die Rechte von Mutter Erde seit 2008 und 2010 verfassungsrechtlich anerkannt.

Im Jahre 2016 kam es zu einem bahnbrechenden Urteil: Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach dem Fluss Atrato die Rechte auf Regeneration, Pflege, Erhaltung und Schutz zu.

Im Jahr 2018 verlieh der Oberste Gerichtshof Kolumbiens dem Amazonas – dem längsten Fluss der Welt – den Status einer Rechtspersönlichkeit.

In Ecuador bestätigte ein Grundsatzurteil die verfassungsmäßigen Rechte des Los Cedros-Schutzgebietes gegen den Bergbau. 

In der Côte-Nord-Region der kanadischen Provinz Québec wurde vor Kurzem der Rivière Magpie zu einer juristischen Person erklärt. In der Sprache der First Nations der Innu trägt das 290 Kilometer lange Gewässer den Namen Mutuhekau Shipu. Er ist der erste Fluss Kanadas mit diesem Status. Er verfügt dadurch über neun Rechte: unter anderem das zu Fließen, frei von Verschmutzung zu sein, seine Artenvielfalt zu erhalten – und zu klagen.

Jüngst haben wir auch in Europa einen ersten Meilenstein gesehen: Die Salzwasserlagune Mar Menor an der spanischen Mittelmeerküste wurde im Frühjahr 2022 als erste Natur-Entität Europas zur juristischen Person ernannt.

Wissenschaftler:innen haben übrigens gemeinsam die Online-Plattform Eco Jurisprudence Monitor gegründet: Auf einer interaktiven Landkarte werden dort mehr als 300 Fälle weltweit sichtbar, wo derzeit Rechte für die Natur verhandelt werden oder schon durchgesetzt sind.

Ich empfehle das Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“, wenn man bereit ist, weiter zu gehen, als es die herkömmliche Politik es tut: Nämlich wenn man bereit ist, den Gedanken für die Anerkennung des Prinzips „Leben ist Verbindung“ und die Anerkennung der „Rights of Nature“-Bewegungen offen gegenüberzutreten, sie mitzutragen und zu fördern.

Es gibt außerdem die Zeitschrift „Good Impact“ aus Berlin. HIER der Link zur Magazinseite. No. 1 des Magazins (unter seinem neuem Titel) hatte das Thema „EINSPRUCH FÜRS KLIMA – Wie wir das Recht für unseren Planeten nutzen können“. Darin geht es ab Seite 58 um das Thema: „Die Rechte und Pflichten des Wassers“. (Auch interessant im selben Heft, Seite 48: „Believe the hype – Klimaklagen gegen Staaten“.)

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Unglaublich passend zu diesem erstaunlichen Buch sind übrigens in ihrer Kombination das nachfolgende Video und der Musiktitel „Vladimir’s Blues“ dazu von Max Richter. Bild und Ton sind sich oft wiederholend, aber in ihrer ganzen Länge und Ruhe sind sie zusammen passend zum ewigen Fließen des Wassers, zum Fließen des Lebens. Πάντα ρει.

HIER der Link zu einem Artikel in der National Geographic.

HIER nochmals der Link zum Good Impact Magazine.

HIER der Link zur interessanten Website „Eco Jurisprudence Monitor“.

HIER der Link zur Verlagsseite zum Buch.