Im Juni fand am Münchner Residenztheater zum 3. Mal das Festival WELT/BÜHNE – Plattform für internationale Gegenwartsdramatik statt. Asiimwe Deborah Kawe’s Stück „Das gelobte Land“ war Teil des Festivals.
„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.
Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.
Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.
„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.
Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:
… nach fünfzehn Jahren die Polizei kommt (Hinweis der Nachbarschaft, der alten Bekannten Kat) und Achen aus dem mühsam von ihr aufgebauten Leben reißt.
Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.
Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.
Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.
Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.
Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.
Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.
Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Copyright der Fotos: Sandra Then

