Es ist eine so klare, übersichtliche Geschichte, die Ödön von Horváth da geschrieben hat, sie ist aber dennoch nicht leicht zu „greifen“. Dann etwa, wenn man sieht, wann und unter welchen (politischen) Umständen er „Kasimir und Karoline“ geschrieben hat. Das muss doch Auswirkungen gehabt haben.
Deshalb: Ging es Ödön von Horváth in „Kasimir und Karoline“ um die Liebe? Oder ging es ihm um das Wirtschaftliche (Weltwirtschaftskrise)? Oder um den Charakter der Menschen? Oder einfach um Irrungen und Sehnsüchte auf dem Oktoberfest (die „Wiesnbraut“)? Alles zusammen eher, wie sich alles gegenseitig beeinflusst! Im Programmheft der Inszenierung kann man gut Einiges über Gedanken zu „Kasmir und Karoline“ nachlesen, was auch fast nötig, jedenfalls hilfreich ist! Folgendes dazu:
Zunächst zum Inhalt
Man kennt den Inhalt ja grob: Kasimir verliert seinen Job, Karoline möchte auf die Wiesn. Kasimir geht mit. Kasimir ist durch den Verlust seines Jobs völlig verunsichert, er zweifelt an allem, auch an Karoline, er beleidigt sie auch. Karoline, die sich eigentlich nur amüsieren wollte (nur ein „Eis essen“ wollte, sagt sie immer), stört sich an Kasimirs Verhalten, gerät selber in den Strudel des Amusements und trennt sich von Kasimir. Später – immer noch auf dem Oktoberfest – möchte Kasimir sich bei ihr entschuldigen, auch Karoline möchte sich einmal wieder an Kasimir wenden. Es klappt aber nicht mehr. „Tot ist tot!“. Und so weiter. Und alles, weil Kasimir den Job verloren hat! Kerngedanke etwa: Wirtschaftliche Probleme können den Menschen und seine Liebe zerstören, die ihm doch allein Halt gäbe. Überhaupt des Menschen Gesinnung kann durch wirtschaftliche Einflüsse nur leiden! Das wäre ein Fazit.
Regie von Barbara Frey
Es ist nicht Barbara Freys erste Inszenierung am Münchner Residenztheater, aber lange ist es her, 20 Jahre! Barbara Frey hat ja wahrlich jede Menge Erfahrung, hat irrsinnig viel inszeniert, im Grunde hat sie schon jeden Klassiker der Theaterwelt irgendwann und an irgendeinem der großen deutschsprachigen Theaterhäuser inszeniert. Sie war etwa 10 Jahre lang Intendantin am Schauspielhaus Zürich und zuletzt (Spielzeiten 2021-2023) Leiterin der Ruhrtriennale. Was für ein Theaterleben!
Nun hat sie am Münchner Residenztheater also Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ inszeniert. Es mag eine für sie vielleicht typisch eher ruhige, in nichts „überdrallerte“ Inszenierung sein, sie setzt (soweit ich das beurteilen kann) selten auf große Effekte. Da kommt ihr Ödön von Horváth vielleicht sehr entgegen, ihm waren die Worte und sogar die Pausen zwischen den Sätzen, zwischen den Menschen, wichtig. Dementsprechend gestaltet sieht man jetzt auch am Residenztheater ihre ruhige, geradezu langatmige Inszenierung des „Kasimir und Karoline“. Man sollte sich auf jeden Fall auf einen Abend zum genauen Hinhören einstellen, nicht auf Effekte. Ist auch der schönere Ansatz fürs Theater, denke ich.
Wie anders war da übrigens – ein Blick zurück – die Inszenierung von „Kasimir und Karoline“, die 2011 auch am Münchner Residenztheater gezeigt worden war! Es war eine damals recht umstrittene, wilde Inszenierung von Frank Castorf, mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek. Ich hatte sie – leider, bei den SchauspielerInnen – nicht sehen können. Hier aber ein Trailer:
Also jetzt die Inszenierung von Barbara Frey gewissermaßen als ein Gegenstück dazu. Und Barbara Frey folgt damit insgesamt dem Denken von Ödön von Horváth – auch wenn es damit für den Zuschauer durchgehend an diesem Abend sehr ruhig zugeht! Stellen Sie sich eben auf einen Abend des genauen Hinhörens ein, auf Horváth’s Worte kommt es an, auf nichts anderes.
Die Zeitumstände 1932
Ödön von Horvath lebte so kurz! Im Alter von 37 Jahren schon, im Jahre 1938, wurde er bekanntlich in Paris von einem herabfallenden Ast erschlagen! Er war von Wien über Mailand und Zürich nur kurz für ein Treffen nach Paris gereist.
Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth angeblich u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot von Freunden, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei. Stattdessen machte er sich zu Fuß auf den Weg … im Juni 1938.
1938 hatte Horváth schon jede Menge produziert gehabt, sein „Kasimir und Karoline“ hatte im November 1932 Uraufführung, kurz danach, im Folgejahr 1933, sollte sein „Glaube Liebe Hoffnung“ zur Uraufführung kommen, wurde aber untersagt, es hatte dann 1936 unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ Uraufführung …
Ganz kurz nach der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, es war der Beginn der schrecklichen Zeit der Naziherrschaft. Horváth wurde im März 1933 in „Schutzhaft“ genommen, er verließ Deutschland zunächst nach Österreich, sein Haus in Murnau wurde auch 1933 durchsucht. Weit vor all diesen Ereignissen, im Jahre 1916 schon, war er übrigens kurz am Münchner Wilhelmsgymnasium gewesen, an dem ich selber mein Abitur gemacht habe! Wegen schlechter Leistungen musste er allerdings sehr bald auf ein „Realgymnasium“ wechseln.
Und: Da war 1932 die Weltwirtschaftskrise! Das war für Ödön von Horváth sicher auch einer der ausschlaggebenden Umstände, die ihn zu „Kasimir und Karoline“ geleitet haben. Siehe oben zum Inhalt. Liebe bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten, bei Verlust des Jobs (Kasimir), die Liebe und die Sehnsucht (Karolines Sehnsucht) nach Besserem, nach sozialem Aufstieg, der Verlust von Halt, von Sicherheit im Leben bei Verlust von Job und Liebe (Kasimir). Überhaupt: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der Charakter, das „Zu-kriminellen-Taten-verleitet-werden“ (die anderen), auch ein Gesichtspunkt (Kasimir betont demgegenüber immer wieder, dass er doch anständig ist). Im Grunde sind bei diesem Stück am Ende jedenfalls alle für sich irgendwie Verlierer. Das ist das Stück.
Das Bühnenbild, die Kostümierung:
Das Bühnenbild stammt von Martin Zehetgruber, Kostüme von Esther Geremus. Vor dem Hintergrund der oben geschilderten Zusammenhänge könnte man sagen: Bühnenbild und Kostümierung waren fast zu schön! Man sitzt ja eineinhalb Stunden lang wie „eingelullt“ oder „sediert“ vor der ansprechenden, fast schicken Bühnenwelt, selbst die drei wirklich riesigen Bierkrüge auf der Bühne sind ja fast schick, die Kleidung gepflegt, farblich abgestimmt, die Drehbühne modern. (Es gab übrigens auf dem Oktoberfest 1932 in der Tat noch keine Bierbänke, es gab Stühle). Die Weltwirtschaftskrise steckt damit letztlich allein im schlampigen Hemd, das Kasimir (Simon Zagermann) trägt. Aber andererseits, das ist Ödön von Horvath eben, das muss man zugestehen: Es soll ja bei ihm alles stilisiert sein, nicht realistisch. Dann eben so! Aber gleich so schön stilisiert? Hm, diese „Sedierung“ durch Bühne und Kostüm kann auch von der Prägnanz der Horváth’schen Aussagen um Wirtschaft, Charakter und Liebe in „Kasimir und Karoline“ ablenken. Fast einzig nicht stilisiert ist übrigens das Zeichen HB auf den Bierkrügen! Aber: Beeindruckend schön als Andeutung des Oktoberfestes ist das Bühnenbild!
Horváths „Gebrauchsanweisung“ für seine Stücke:
Wichtig bei Ödön von Horvath ist die „Gebrauchsanweisung“, die er kurz nach der Premiere von „Kasimir und Karoline“ für alle seine Stücke geschrieben hat. Mit dem Obersatz „Das dramatische Grundmotiv aller meiner Stücke ist der ewige Kampf zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein.“
HIER die Gebrauchsanweisung, die auch im Programmheft abgedruckt ist. Barbara Frey hält sich sehr genau daran! (An Eines nicht: „Vor einem Vorhang“ soll nach Ödön von Horváth am besten gespielt werden, der Vorhang fährt hier erst am Ende langsam herunter). So führt aber die strenge Horváth’sche Herangehensweise von Barbara Frey in der Tat dazu, dass man wunderbar auf den Text achtet, wie von Horváth gewünscht, nicht etwa auf irgendetwas „Realistisches“. Man erlebt es wie eine dezent schauspielerisch unterstützte Lesung von „Kasimir und Karoline“, was zur Verdeutlichung des Stückes beiträgt! Man braucht nur Ruhe bei sich und Geduld!
Zu den SchauspielerInnen:
Dazu ganz subjektiv: Anna Drexler und Simon Zagermann sind fast meine Favoriten des derzeitigen Ensembles des Residenztheaters. Seltsamerweise aber konnte mich gerade dieses Duo, auf das ich mich gefreut hatte, hier nicht überzeugen. Es war für mich irgendwie unpassend, dass sie beide im Stück als Kasimir und Karoline verliebt gewesen sein sollen, ein Paar waren. Als würden sie einfach nicht zusammenpassen. Ihre Liebe wird ja auch nie gezeigt, sie kommt allenfalls zwischen den Zeilen zum Ausdruck, bei der selbstsicheren Anna Drexler/Karoline mehr als beim verzweifelnden Simon Zagermann/Kasimir. Sie stehen jedenfalls von Beginn an jeder allein für sich. Und ansonsten: Man spielt es sehr stilisiert. Stilisierter, als es kürzlich das THEATER_PERLACH in „A Matz bist scho“ nach Horváths „Kasimir und Karoline“ zeigte (mein Bericht HIER), was auch gut war.
Meine Empfehlung:
Hingehen, aber zur gedanklichen Unterstützung das Programmheft lesen (auch die Horváth’sche „Gebrauchsanweisung“ darin), dann kann ein Schuh draus werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass es an einem etwas zu sehr vorbei plätschert, es ist ja, wie gesagt, nicht so, dass Handlung die Prägnanz des Stückes fördert. Aber auch da wieder: Gerade das kann gefallen, die Ruhe, es ist hier ja extra so angelegt!
Eine wunderbare Verfilmung von „Kasimir und Karoline“ gibt es übrigens, die ich unbedingt empfehle! Ich hatte die Verfilmung kürzlich schon im Beitrag zu „A Matz bist scho“ erwähnt. HIER der Trailer zum Film, man wird ihn sicher als Download oder zum Kauf/ zur Leihe noch finden. Es ist für mich filmisch einer der besten Fernsehfilme, die ich kenne. Am besten ist Beides zusammen: Hingehen ins Residenztheater UND den Film ansehen!
Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite von „Kasimir und Karoline“ auf der Website des Residenztheaters.
Copyright der Bilder: Mathias Horn
