Henrik Ibsen kommt manchmal (immer?) leicht daher, was den schlanken „Handlungsstrom“ angeht, ist dann aber doch nicht so leicht zu verstehen. Es kommt bei ihm eben besonders auf die „innere Handlung“ an, auf die speziellen Befindlichkeiten der Beteiligten, die sich im Stück entwickeln.
Das mag ein Grund dafür sein, warum seine Stücke immer wieder gerne auf Theaterbühne zu sehen sind.
Ein Einschub vorab: Herrlich als Vergleich (wie sich die Zeiten ändern!) ist eine auf YouTube komplett zu sehende TV-Fassung einer Inszenierung des „Baumeister Solness“ aus dem Jahre 1984 mit Hans-Michael Rehberg und Barbara Sykowa, einer Inszenierung von Peter Zadek (am Residenztheater). HIER.
„Die Wildente“ und „Baumeister Solness“, beides Stücke von Henrik Ibsen, sind derzeit in München zu sehen. Hier nun (nach der „Wildente“ vom Residenztheater, HIER mein vor kurzem erschienener Bericht dazu) meine Eindrücke zu „Baumeister Solness“, das derzeit an den Münchner Kammerspielen gebracht wird.
Bei beiden genannten Stücken spielen zunächst einmal erfolgreiche Unternehmer und ihre Vergangenheit eine entscheidende Rolle:
- Bei der „Wildente“ entwickelt sich das Geschehen daran, dass der erfolgreiche Unternehmer Werle eine uneheliche Tochter hat, Hedwig, die mit Werles Hilfe in einfachen Verhältnissen aufwächst, und alles wird den Beteiligten erst spät bekannt. Er trug jahrelang dieses Geheimnis mit sich.
- Auch den erfolgreichen „Baumeister Solness“ holt seine Vergangenheit ein, sogar doppelt: Erstens: Er hatte – zehn Jahre ist es her – ein kleines junges Mädchen, Hilde, geküsst und ihr ein Königreich in zehn Jahren versprochen. Jetzt kommt sie. Zweitens: Er hat seinen großen Erfolg als Architekt in gewisser Weise nur auf Kosten seiner beiden durch ein Feuer verstorbenen Kinder erreicht. Er trägt seitdem ein Schuldgefühl mit sich.
Zur Handlung des „Baumeister Solness“ kurz: Hilde sucht den Baumeister auf. Damals, vor zehn Jahren, hatte sie ihn bewundert, als dieser auf die Kirchturmspitze geklettert war. Der Kirchturm war sein neuestes Bauwerk. Jetzt kommt seine Vergangenheit hoch. Sein Versprechen an Hilde einerseits. Und er hatte andererseits zwei Kinder, beide sind im Säuglingsalter infolge eines Feuers gestorben und er hat genau diesem Feuer seinen ganzen immensen Erfolg als Baumeister zu verdanken. Seine Frau Alina leidet heute noch unter dem Tod der Kinder. Und so weiter.
Wieder stellte sich mir die Frage: Was wollte Henrik Ibsen mit diesem Stück sagen? Es sind so viele Aspekte. Es kommt ja hinzu, dass „Gerhild Steinbuch und Ensemble“ den Ursprungstext des „Baumeister Solness“ drehen, ausweiten: Nicht der Baumeister Solness (Thomas Schmauser) steht im Mittelpunkt, sondern Hilde (Annika Neugart) und Alina (Katharina Bach) sind es, sie stehen hier viel eher im Mittelpunkt. Baumeister Solness irrt eigentlich nur hilflos umher. Hilde und Alina erhalten dementsprechend gegen Ende der Inszenierung sogar noch recht extreme Monologe (Texte von Gerhild Steinbuch und Ensemble). Schwer verständliche Monologe. Und selbst der junge Mitarbeiter von Baumeister Solness, Knut Bravik (Elias Krischke) und sein Vater (Edmund Telgenkämper) bekommen hier etwas mehr Bedeutung.
Das macht es nicht leicht, allem zu folgen. Der fast verwirrte Baumeister Solness sieht sich in seiner Schuld, seinem Zweifel, seiner Angst vor der Jugend, die ja auch Erfolg haben will, und er sieht um sich herum alle Personen mit ihren Problemen. Seine fast wahnsinnige Frau Alina … seinen Mitarbeiter Bravik, der irgendwie seinem Vater gefallen will … dessen Vater, der im Sterben liegt und eben noch den Erfolg des Sohnes erleben will … Hilde vor allem, die sein damaliges Versprechen eines Königsreiches 10 Jahre lang nicht vergessen konnte …
Das Ganze wird zwar getragen vom wunderbaren Ensemble. Alles in allem war es mir aber zu viel. So vielfältig erschien mir Einiges dann nicht mehr ganz stimmig. Auch das vom Original abweichende Ende übrigens, das sich nicht unbedingt entwickelte.
Überzeugen konnte mich die etwas ruhigere Präsenz von Annika Neugart und Edmund Telgenkämper, schwieriger waren dagegen die immer wieder fast Richtung Wahnsinn tendierenden Baumeister Solness und seine Frau Alina in Person von Thomas Schmauser und Katharina Bach. Hinzu kam ja noch ein recht konfuses Bühnenbild auf der Drehbühne, die Kamera teilweise auf der Bühne und – für mich auch nicht ganz verständlich – Solnessens Buchhalterin Kaja in Männerrolle gespielt (Konstantin Schumann). Alles etwas viel.
Tja, was wollte Henrik Ibsen also mit diesem Stück sagen? Diese Frage war für mich durch diese Inszenierung noch schwieriger zu beantworten. Das Leben, jeder hat sein Schicksal … Ich hörte aber durchaus begeisterte Stimmen zu dieser Inszenierung! Da erkannte man an diesem Abend vielleicht eher ein Theaterfest. Und: Nicht alles beantworten zu können, das macht ja Theater aus!
Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright der Bilder: Gabriela Neeb

