Wie alles zusammenhängt: Im Marstalltheater, der kleineren Bühne des Münchner Residenztheaters, ist zurzeit eine Inszenierung des einzigen Romans von Marie Luise Fleißer, (geboren 1901), eine Inszenierung des Romans „Eine Zeit für den Verein“ zu sehen.
Kleine Zusammenhänge dazu: Marie Luise Fleißer war befreundet mit Bertolt Brecht. Bertolt Brecht hatte ja zur damaligen Zeit Premieren an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater, sie lernten sich dann kennen. Von ihm ist just zurzeit am Residenztheater die Inszenierung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ zu sehen. Und weiter: Marieluise Fleißer war auch mit Lion Feuchtwanger befreundet, es war eine Freundschaft für die Lebenszeit. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ ist just derzeit ebenfalls am Münchner Residenztheater inszeniert.
Alle drei Autoren lebten also in derselben Zeit, Bertolt Brecht starb im Jahre 1956, Lion Feuchtwanger im Jahre 1958, Marieluise Fleißer im Jahre 1974. Sie lebten in den Jahren vor den, während der und nach den beiden Weltkriegen. Marieluise Fleißer verbindet man ja vor allem mit ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt Ingolstadt.
Ebenso wie bei Lion Feuchtwanger und bei Bertolt Brecht kann man auch bei Marieluise Fleißer daher nicht etwa übermäßig Bezüge zu unserer Gegenwart erwarten, zu sehr waren sie jeweils ihren so schwierigen Zeiten verhaftet! So beschränkt sich nun auch die Inszenierung von „Eine Zierde für den Verein“ im Marstalltheater letztlich auf die Darstellung des Romans in seiner damaligen Zeit, was aber Gelegenheit sein kann, sich mit der interessanten Person Marieluise Fleißer auseinander zu setzen.
Das Bühnenbild erschreckt am Anfang. Denn lange stellt sich die Frage, wie man auf dieses Bühnenbild kommen kann: Es ist ein hellblau gepolstertes, stufenmäßig ansteigendes Amphitheater-ähnliches Gebilde, recht gedrungen auf der kleinen Bühne, nach vorne hin offen. Siehe das Bild unten. Dieses Amphitheater kann immer wieder nach vorne hin von einem großen Plastikvorhang zugezogen werden.
Die SchauspielerInnen benutzen dieses Amphitheater immer wieder dazu, um daran herauf- oder davon hinabzusteigen, zu stürzen, zu kämpfen, unter ihm zu verschwinden, seitlich von außerhalb zu erscheinen etc. Es ist ein Spiel mit dem Raum, an das man sich gewöhnt. Seltsamerweise bleibt die Inszenierung aber gerade dadurch recht „raumlos“, es bleiben abstrakte Räume. Die vorherrschende Farbe hellblau im Innenbereichen mag dabei – fast zu naheliegend – daran liegen, dass die Hauptfigur Gustl, um den herum sich alles abspielt, ein erfolgreicher Schwimmer ist oder war, sein Bekannter Rhi ein Turmspringer (Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović).
Teils sind außerdem große Videoaufnahmen auf dem zugezogenen Plastikvorhang zu sehen. Mit Live-Kamera aufgenommene Szenen, die sich im Hintergrund des Vorhangs oder durch das Raumgebilde verdeckt uneinsehbar abspielen, was durchaus Erinnerungen an Frank Castorfs Inszenierungen provoziert (Inszenierung Elsa-Sophie Jach).
Dem Roman entsprechend werden die verschiedenen Charaktere entwickelt, Charaktere einer bayerischen Kleinstadt im Jahre 1920. Gustl eröffnet ein kleines Geschäft, Gustl der ehemals erfolgreiche Schwimmer, seine Mutter redet auf ihn ein, seine anfängliche Liebe Frieda, Linchen im Kloster Friedas Schwester, Minze der Sohn des Vermieters, Rhi also der Turmspringer, sein Name „Rhi“ Spitzname für Riebsand, der Sportverein und weiteres. Alles für Marieluise Fleißer sogar recht autobiographisch. Marieluise Fleißers sehr eigene Sprache im Roman, das irgendwie Wortkarge, trotzdem sehr Detaillierte, kommt natürlich im Roman selbst anders zur Geltung, kommt auf der Bühne natürlich etwas kurz. Jeder/jede schaut auf sich, sieht aber immer den anderen/die andere als Ursache für Ungemach, für die Schwierigkeiten. Das zeigt Marieluise Fleißers Roman sehr gut, kommt in der Inszenierung eher phasenweise deutlich zum Ausdruck. Das wiederum war ein Zeichen der Zeit: Es sind immer die anderen! So entstanden die Weltkriege. Und das sollte nicht heute wieder zum Zeichen der Zeit werden!
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch ein Bild der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld