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THEATER: Marguerite Duras – La Musica – zwischen ihr und ihm

Wenn man ohne viel Vorkenntnisse vom Titel „La Musica – zwischen Ihr und Ihm“ hört oder liest, dem Titel einer aktuellen Inszenierung am Münchner Marstalltheater, dann denkt man wohl schnell an etwas Angenehmes, etwas Positives, an Musik. Es ist aber das glatte Gegenteil!

„La Musica Deuxiéme“ ist der Titel eines Theaterstücks der französischen „Grande Dame“ Marguerite Duras. Hier am Marstalltheater werden nun von der italienischen Regisseurin Silvia Costa ZWEI Theaterstücke von Marguerite Dumas hintereinandergelegt, werden aber nicht irgendwie miteinander verschränkt. In beiden Stücken geht es um ein und dasselbe Thema, um das Ende einer Ehe, um Rückblicke, Ursachen und Folgen, beide Stücke sind extremst unterschiedlich.

Das erste Stück, eben jenes »La Musica Deuxiéme«, ist sehr sensibel, dem Auseinanderbrechen einer Ehe vielleicht oft entsprechend. Ein Paar trifft sich fast vier Jahre nach der Trennung, am Tag der Scheidung, und lässt das vergangene gemeinsame Leben doch noch einmal Revue passieren, malt sich aus, was hätte passieren können, wenn es zusammengeblieben wäre. Kurze Sätze werden in aller Ruhe ausgetauscht, dunkle Bühne, sie sitzen sich gegenüber, kaum mehr. Ihre Körpersprache ist wichtig, bildet fast eine zweite Ebene! Beide suchen nach Worten für das Vergangene und nach Worten für den Istzustand und die Zukunft. ER scheint dabei zu merken, dass er sie immer lieben wird, für SIE ist alles zu Ende. Beide kämpfen mit der Entwicklung des Lebens, eine Spannung zwischen ihnen entsteht.

Das (ohne Pause folgende) zweite Theaterstück „Die englische Geliebte« ist dagegen extrem düster und mysteriös. Dort zeigt Marguerite Duras die Albtraumversion des Endes einer völlig gescheiterten Ehe, in der sich jahrelang schwelende Gewalt Bahn bricht, basierend auf einem schockierenden Fall, der sich – leicht anders – in Frankreich tatsächlich ereignet hatte. SIE hat dort in einer Art Wahnsinn letztlich seine Cousine umgebracht, die im Haus wohnte, hat sie zerstückelt, ER dagegen wusste von nichts, beide reden (und redeten fast auch in der Ehe) kein Wort miteinander, ein Journalist befragt beide nun getrennt voneinander. Es geht um die immense Wortlosigkeit der beiden in ihrer langen Ehe, um die Wortlosigkeit, die von IHR letztlich „ermordet“ wird. Denn die getötete Cousine ist taubstumm gewesen und SIE ist vielleicht schon wahnsinnig gewesen oder erst im Laufe der Jahre geworden.

Es ist eine gute Inszenierung. Die Nähe untereinander zwischen IHM und IHR besteht im ersten Stück fort, auch wenn beide sich nur gegenübersitzen. Distanz und Nähe gleichzeitig. Sie reden miteinander, oder sind es Versuche, miteinander zu reden? Etwas zu erkennen? Im zweiten Stück dagegen ist jede Nähe der beiden zueinander schon räumlich extrem aufgehoben. ER wird – siehe das Beitragsbild oben – weit entfernt von ihr auf einer anderen Ebene, weit über der Bühne, in einem kleinen Raum interviewt. SIE spielt unten, auf der Bühne, zeigt ihren Wahnsinn, der zum Mord führte. Kein Wort reden sie miteinander. Was sollten sie auch miteinander reden? Es ist nur der Journalist, der sich für den Hintergrund des Mordes interessiert.

Ich möchte nicht viel verraten, viele Fragen bleiben ohnehin offen. Einiges lässt sich zu beiden Beziehungen nur erahnen. Auffallend war aber auf jeden Fall:

  • Die schöne Ruhe, in der beide Stücke dargeboten werden, womit im ersten Stück die Sensibilität der Worte, die gewechselt werden, und im zweiten Stück die jahrelange lebensvernichtende Sprachlosigkeit beider zum Ausdruck kommt.
  • Und die Besetzung der Personen ist in beiden Stücken sehr gut gelungen! Im ersten Teil sind es in ruhiger, nicht übertriebener Sensibilität, aber auch Spannung zueinander Lisa Stiegler und Thomas Lettow, gut zueinander „passend“, und im zweiten Teil sind es Hanna Scheibe (großteils wortlos mit Gipsmaske spielend, erst am Ende ohne Maske redend) als die wahnsinnige Ehefrau, dazu Steffen Höld als der wohl immer schon „schwache“ und empathie- und emotionslose Ehemann und schließlich Simon Zagermann als der robust und sehr gegenwärtig auftretende Journalist. Sehr gut!

Es bleiben natürlich in beiden Teilen auch zentrale Fragen offen, aber das muss so sein. Es gibt eben keine definitiven Antworten in beiden Stücken. Warum scheiterte eigentlich die Ehe im ersten Stück? Wer war eigentlich im zweiten Stück „Schuld“ an der abtötenden, grauenhaften Sprachlosigkeit? Etc.

Hier noch zwei Aufnahmen:

Copyright der Aufnahmen: Sandra Then

HIER der Link zu Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.