Meine Empfehlung in diesem Fall: Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ lesen! Das lohnt immer! Dann sich ein wenig mit dem Leben von Stefan Zweig befassen und dann im Münchner Residenztheater „Sternstunden der Menschheit“ ansehen, eine Inszenierung von Thom Luz.
Nur so geht es. Die Inszenierung ist unverständlich für jemanden, der dies nicht getan hat. Sie lebt – Thom Luz-typisch – von sehr eigenwilligen (ruhigen) Andeutungen an Stefan Zweigs Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“ und daneben – diese Kombination prägt die Arbeit von Thom Luz – von Andeutungen (etwas deutlicher) an das Leben und den Tod von Stefan Zweig. Beides zusammen mit noch etwas hat Magisches, siehe unten im Text.
Diese Gedanken tun sich auf:
- Stefan Zweig: Er, der sensible Pazifist, Humanist, Brieftexte von ihm werden ab und an vorgelesen, er mochte sicher das Bestehende, er war kein „Veränderer“, er suchte das Beständige. Und dann wurde gerade ihm durch das Naziregime sein Leben entrissen, er floh (er war Jude) 1933 nach London und wechselte zuletzt nach Brasilien, Petropolis, lebte dort völlig entwurzelt noch ein paar Jahre bis zu seinem Freitod 1942. Er muss verzweifelt gewesen sein. Ein schönes Bild etwa, wie ihm – redend zum Publikum in Gestalt von Nicola Mastroberardino – ein Styroporgegenstand übergestülpt wird, er zum Verstummen gebracht wird, darauf außen herumgeklopft wird, …
- Die Erzählungen „Sternstunden der Menschheit“: Auch sie zeigen, dass Stefan Zweig das Bestehende mochte. Er äußert in diesen so wortakrobatischen – heute sicher etwas veraltet wirkenden – Erzählungen nicht etwa Kritik, er schildert, wie ganz wenige Sekunden, Wimpernschläge, kurze Entscheidungen, „Sternstunden der Menschheit“ eben, die Entwicklung der Menschheit beeinflusst haben. Fast bewundernd beschreibt er ja diese Sternstunden. Wie anders hören sich da seine trüben Gedanken an, die in dieser Inszenierung mit den „Sternstunden der Menschheit“ frei kombiniert werden! Wie gesagt, man sollte die „Sternstunden der Menschheit“ davor gelesen haben, um Andeutungen erkennen und heraushören zu können. Um das Spiel mit diesen Andeutungen erkennen zu können, den Widerspruch zu erkennen. Erzählt werden diese Sternstunden nicht!
- Das Bühnenbild: Man sieht eine Kammer der Geschichte, in Regalen gelagerte und herumstehende Styroporgegenstände! Man erkennt in den Gegenständen Andeutungen an einzelne Erzählungen der „Sternstunden der Menschheit“. Die SchauspielerInnen spielen fast mit diesen Gegenständen der Sternstunden. Man hört dazu Stefan Zweig aus alten Lautsprechern (siehe Bild unten), man hört Schilderungen von Gesprächspartnern von ihm, SchauspielerInnen lesen Texte von Stefan Zweig, man liest auch Texte von Stefan Zweig, die auf die Bühne projiziert werden. Das hat Melancholisches. Zweigs teils verzweifelte Gedanken, warum der Mensch nicht „einfach normal“ sein kann! Gedanken, die in den „Sternstunden der Menschheit“ nicht geäußert werden.
- Der Mensch ansich: Man könnte sagen: Ein Leben lang wuchtet der Mensch sinnlos Gegenstände hin und her. So auch hier auf der Bühne, vor den Regalen der Geschichte. Der Mensch baut ständig etwas – was später wieder zugrunde geht! Ein schönes Bild etwa: Nicola Mastroberardino (wieder) baut aus vielen kleinen und größeren Styroporquadern, die ihm gereicht werden, einen wackeligen hohen Turm, der „bis zum Himmel“ reichen soll. Es fällt um, alles stürzt auf der Bühne durcheinander. Das ist der Mensch! Der Mensch sieht die Geschichte, er staunt darüber, versteht sie aber nicht ganz. Bis er sich selber in die Regale legt. Damit befasst sich Thom Luz in dieser Inszenierung.
- Thom Luz: Wie immer, versucht Thom Luz, seine Gedanken fast poetisch – wieder mit (wenigen) Instrumenten musikalisch – auf die Bühne zu bringen. Wie immer, eine Inszenierung mit denjenigen SchauspielerInnen, die schon bei früheren Inszenierungen von Thom Luz mitgewirkt haben. Es gab schon poetischere Inszenierungen von ihm, aber man findet es auch hier!
- Das Magische an der Inszenierung: Es sind ja drei sehr unterschiedliche Ansätze, die zusammen auf die Bühne kommen und frech ineinandergreifen: Sie zusammen machen die Inszenierung aus! 1. Das „positive“ Denken in den Erzählungen der „Sternstunden, der Menschheit“. Da ist die Welt für Stefan Zweig noch in Ordnung. 2. Auf diese Welt trifft parallel aber die Erzählung des traurigen Todes von Stefan Zweig. 3. Garniert wird noch dazu alles mit (Stefan Zweigs) Gedanken über den Menschen an sich, mit schönen Äußerungen von ihm zu Überlegungen, die heute noch unverändert gelten.
HIER Der Link zur Stückeseite von „Sternstunden der Menschheit“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Noch zwei Bilder der Inszenierung:


Copyright der Bilder: Sandra Then