Franz Xaver Kroetz war viele Jahre lang sehr produktiv mit Herz und Hirn für das Nicht-Privilegierte, nicht für das Konventionelle, Gediegene. Theater, Film, Fernsehen, Literatur, Autor, Regisseur, Schauspieler … Und wer kennt ihn nicht in seiner (komödiantischeren) Rolle als „Baby Schimmerlos“ in Helmut Dietls damaliger Fernsehserie „Kir Royal“, in der so köstlich und bissig die Münchner Schickeria aufs Korn genommen wurde.
In den letzten Jahren war es ruhig um ihn, jetzt war er wieder aktiv! Nicht provokant, nicht mit Blick auf die Gesellschaft, sondern schlicht bayerisch, menschlich. Er ist ja Münchner und Bayer. Er schrieb – als „Auftragsarbeit“ für das Residenztheater, wie er im Interview mit der SZ gleich betonte – eine neue Fassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“. Auch auf ihn bezieht sich damit wohl der Spruch über dem Eingang des Residenztheaters: „Da waar i wieda amoi“. Der Satz, mit dem die Kroetzsche Neufassung der „Gschichtn vom Brandner Kaspar“ beginnt.
Ja, er war wieder einmal da, nach der Premiere stand er – auf Bitten der SchauspielerInnen – kurz auf (war es Reihe 8?) und winkte ins Publikum. Der „Brandner Kaspar“ ist natürlich weder ihm – Franz Xaver Kroetz – noch dem „Münchner an sich“ oder dem „Bayer an sich“ unbekannt. Ganz im Gegenteil: Franz Xaver Kroetz spielte den Kaspar schon in einer Verfilmung aus dem Jahre 2008. Und der Münchner weiß: Der „Brandner Kaspar“ (von Franz von Kobell aus dem Jahre 1871) lief früher schon jahrelang (bis vor knapp 25 Jahren) legendär am Münchner Residenztheater, dann lief er für etwa 20 Jahre am Münchner Volkstheater und jetzt kehrt er ans Residenztheater zurück.
Man erlebt hier aber nichts „Kroetz-Provokantes“, Gesellschaftskritisches. Nein, Gott sei Dank nicht, jede tiefe Änderung des „Brandner Kaspar“ würde ihn nur verfälschen. Diese Geschichte ist, wie sie ist. Man erlebte aber eine textliche Neufassung des „Brandner Kaspar“ von Franz Xaver Kroetz und dazu die neue Inszenierung von Philipp Stölzl. Beides ist absolut gelungen! Auf WhatsApp hatte ich einen Tag nach der Premiere von Mittwochabend geschrieben: „Gestern Premiere Brandner Kaspar am Residenztheater, muss man sich als bayerisches Kulturgut ansehen! Neufassung von Franz Xaver Kroetz, sehr gut!
Warum „sehr gut“?
- Die „textliche Umschreibung“, die Franz Xaver Kroetz – ausgehend vom Original – vorgenommen hat, ist immer wieder schön hintersinnig, ansonsten: Der Brandner Kaspar hat Frau und Tochter verloren, nicht seine zwei Söhne, etc.. Der Brandner Kaspar bleibt aber der Brandner Kaspar, leicht modernisiert bleibt er ein bayerisches Kulturgut!
- Der Brandner Kaspar wird hier jedenfalls nicht so dunkel/düster erzählt, wie es frühere Fassungen wohl etwas mehr waren, sondern amüsanter, heiterer. Aber: Das Besondere ist ja, der Brandner Kaspar hat bei allem Humor für jeden Menschen immer auch etwas Ernstes: „Was passiert denn nach dem Tod?“ ist ja die Frage!
- Der „Boanlkramer“, also der Tod, wird dabei gespielt von Florian von Manteuffel, der Brandner Kaspar von Günther Maria Halmer. Auch letzterer seit Längerem wieder einmal auf der Bühne des Residenztheaters! Er spielt den Brandner Kaspar ganz souverän, mit allen Höhen und Tiefen, herrlich melancholisch. Eine Idealbesetzung für dieses Bayerische Kulturgut! Noch prägender für diese Inszenierung ist meines Erachtens aber sogar – ohne Günther Maria Halmers schöne Leistung damit auch nur irgendwie schmälern zu wollen – Florian von Manteuffel als der „Boanlkramer“. Er verschafft dem Boanlkramer etwas Trottliges, Neben-sich-Stehendes, Chaotisches, trotz seines ernsten Auftrags von Petrus. Er spielt den Boanlkramer so, dass man schmunzelnd meinen kann: Der Boanlkramer zweifelt fast an sich selbst! Der Boanlkramer von Florian von Manteuffel ist das Salz in der Suppe. Und es bleibt trotzdem die Kobell‘sche kurze Erzählung vom „Brandner Kaspar!
- Die Inszenierung insgesamt ist nicht zuuu urbayerisch, zu derb bayerisch geworden. Natürlich ist sie bayerisch, schon die Sprache, es soll ja ein „Volksstück“ bleiben, inszeniert mit eher einfachen Mitteln, kein moderner Technikkram, Livekamera oder so etwas. Aber irgendwie wird man nicht „erschlagen“ vom Bayerischen. Trotz des bayerischen Bühnenbildes, trotz des großen bayerischen Holzfensters, durch das man bei geöffneten riesigen Holzfensterläden (die natürlich bemalt sind mit einer bayerischen Berglandschaft) alles sieht, trotz der musikalischen Einlagen. Gitarre, Bass, Quetschkommode, Gesang. Gerade die musikalische Begleitung und die Einlagen zwischen den Akten des Stückes sind eher fein, nicht derb, manchmal begleiten sie die Szenen ganz zart mit einem einzigen (melancholischen) Ton. Es passt alles gut zusammen.
- Es endete dann am Premierenabend fast seltsam – aber auch bezeichnend: Als man das Residenztheater nach der Vorstellung – mehr als üblich zusammen mit ZuschauerInnen in Lederhosen bzw. Dirndl – verließ, sah man: Der wirkliche Himmel über München sah in dem Moment genauso aus wie der so idealisierte Himmel, den man doch gerade noch auf der Bühne gesehen hatte! Der Himmel, in dem der Petrus sitzt und – gemäß seiner genauen Buchführung übrigens, wie man dann wieder weiß – uns alle irgendwann empfängt, auch den Brandner Kaspar. So sah es am Mittwoch um etwa 21:30 Uhr vor dem Residenztheater aus:

Vielleicht ist es wieder der Beginn einer jahrelangen Reihe von Vorstellungen des Brandner Kaspar am Residenztheater. So müsste es eigentlich sein, es ist ein Stück, eine Inszenierung, die jeder sehen muss, es ist heiter und auch ernst, es betrifft jeden von uns – der Tod und das Leben, Himmel und Erde. Ein Lebensgefühl eben, wenn man mal nicht das (meist ja unerfreuliche) gesellschaftliche Alltagsgeschehen um einen herum sehen und hören will, nicht daran denken möchte.
HIER der Link Stückeseite des Brandner Kaspar auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Hier noch ein Foto der Inszenierung:

Copyright der Bilder von der Inszenierung: Sandra Then