Kaum ein literarisches Werk hat so viele verschiedene und widersprüchliche Interpretationen hervorgerufen, wie „Warten auf Godot“ des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Jetzt gibt es eine Inszenierung am Münchner Residenztheater, Regie führt die im niederbayerischen Landshut geborene seit Jahren erfolgreiche Claudia Bauer, die seit der Spielzeit 2024/2025 Hausregisseurin am Residenztheater ist.
Samuel Beckett konnte die Frage, wer denn Godot sei, selber nicht beantworten, sagte er, sonst hätte er das Stück „nicht geschrieben“. So kann man nur rätseln, auf wen oder was hier gewartet wird und was man in diesem Stück überhaupt sieht, das gilt auch für diese Inszenierung. Einen Handlungsstrang gibt es nicht im Geringsten, man erlebt – absolut wortgetreu dem Text folgend – nur Absurdes, braucht Fantasie und Interpretationsfreude. Für die Vorstellung am Residenztheater kann sich beispielsweise jeder für sich etwa folgende Interpretationen „mitnehmen“:
- Die historische Deutung: Samuel Beckett hat Warten auf Godot kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Bezüge zum millionenfachen Schicksal der Juden sind auch kurz in der Inszenierung von Claudia Bauer (auf der Videowand im Hintergrund) zu finden. Die historische Frage: Wie kann man mit diesen Tatsachen, mit diesen gigantischen Verbrechen, dieser Schuld, umgehen für das weitere Leben? Estragon etwa vergisst einfach … spricht mehrfach vom Selbstmord …
- Es gibt eine Yin-Yang-These: Wladimir ist ein Idealist, sein Freund Estragon hat dagegen eher resigniert und ist – wie gesagt – vergesslich. Beide stellen somit die Gegenpole Geist und Körper dar oder, mit den Begriffen aus der chinesischen Philosophie, die Prinzipien Yin und Yang.
- Eine sozialistische These dagegen besagt, dass „Warten auf Godot“ ein Drama über Armut, Hunger, Elend und Sklaverei, über das Verhältnis von Herr und Sklave ist. Schließlich treten ja (als im Grunde einzige weitere Personen) Pozzo und sein Sklave Lucky im Stück auf. Hiermit würde aber doch m. E. zu einseitig auf die beiden Personen Pozzo und Lucky abgestellt, obwohl diese in beiden Hälften des Stückes auftreten.
- Eine andere, die existenzialistische These, drängt sich vielleicht am ehesten auf: Nicht das Warten auf Godot, eine bestimmte Person, ist das Thema des Stücks, sondern das Warten an sich, das Leben ein Wartezustand. Warten auf etwas, ohne wissen zu können, auf was wir warten. Das absurde Theater, das sinnlose Sich-Ablenken, wie es Wladimir und Estragon ja immer wieder – mit meist nicht einmal vorhandenen Dingen – tun, deren Ratlosigkeit.
- Eine christliche These wiederum sagt schlicht, Warten auf Godot sei mit der Suche nach Gott gleichzusetzen. Wer auf Godot wartet, stellt die Glaubensfrage.
- Oder eine zivilisationskritische Interpretation: Die Einschätzung der modernen westlichen Zivilisation, dass alles einen Sinn und einen Zweck haben muss, wird auf den Kopf gestellt.
- Auch eine nihilistische These gibt es: Beckett zeige die Welt nach der Atombombe. Im Programmheft heißt es etwa: „Die Welt – eine tote Hose im leeren Zirkus des Universums …“
- Oder auch eine sprachkritische Betrachtung, die zur Interpretation führt, Sprache verselbstständige sich. Es findet keine Kommunikation statt. Die Figuren wollen nichts mitteilen oder ausdrücken.
Es ist schwer, ja es war immer schon unlösbar, dem Stück selbst eine bestimmte besonders treffende Interpretation zuzuschreiben, was an der Inhaltlosigkeit, an den nicht gerade leichten „Konversationen“, Äußerungen und Handlungen der Beteiligten liegt. Auch Claudia Bauer versucht nun natürlich mit ihrer Inszenierung – im engen Rahmen, den Samuel Becketts testamentarische Vorgaben für Aufführungen dieses Stückes machen – in gewisser Weise eine mögliche Interpretation. Prägend ist bei ihr die Zirkusmusik, die fast durchgehend den Abend im Hintergrund mal lauter, mal leiser begleitet. Das Spiel. Prägend ist bei ihr damit nicht das Tragische, sondern eher das Spielerische, das Zeitvertreiben der beiden wartenden Landstreicher. Auch diese Interpretation macht es nicht einfach, dem Stück etwas zu entnehmen. Man muss viel darüber nachdenken. Warum das Clowneske?
Das Bühnenbild ist dabei völlig zeit- und orientierungslos gehalten – wie das „Geschehen“. Das unterstreicht das Theoriehafte des Stückes, das absolut Absurde. Aber hierzu gilt: „Geschmeidigkeit geht anders!“ Die „Spielfläche“ ist eine große eckige, schräg abfallende Plattform, eine „unschöne“ Bühne auf der Bühne. Alle Beteiligten fallen auch mindestens einmal von dieser „Bühne auf der Bühne“, wollen aber wieder zurück, sie ist ja ihre „Welt“. Unter der „Bühne auf der Bühne“ kommt oft das Gewirr der tragenden Metallstangen zum Vorschein. Das ist theaterhaft – wie auch zu Beginn und am Ende Wladimir und Estragon vor dem Schminkspiegel – aber auch nicht gerade schön. Über der „Bühne auf der Bühne“ befinden sich – auch das alles andere als „schön“ – Reihen von Neonröhren, parallel ausgerichtet, auch sie hängen insgesamt schräg. Mehr gibt es natürlich nicht (der Baum natürlich noch, und die riesige Videowand hinten manchmal). Aber „Schönheit“ spielt natürlich überhaupt keine Rolle bei „Warten auf Godot“.
Claudia Bauer mag sich bei alledem über die engen Vorgaben von Samuel Beckett „geärgert“ haben, denn diese Vorgaben werden immer wieder auf der riesigen Leinwand im Hintergrund von Samuel Beckett persönlich (mit verfremdeter Stimme und verfremdetem Mund) eingespielt, fast hilflos folgen die beiden Landstreicher diesen Anweisungen, rennen auf der Bühne (wieder eher clownesk) hin und her, schaffen es kaum.
Ein Fazit: Claudia Bauer drängt im Grunde bei aller unschönen „Schrägheit“, auf die man blickt und die man erlebt, mit verschiedenen Elementen hauptsächlich wohl zu einer „lustigen“ Interpretation: Das clowneske Verhalten von Estragon und Wladimir, deren Kleidung, das Zirkushafte immer wieder, die Musik. All das führt dann aber dazu, dass die „schwereren“, die tragischen, philosophischen Aspekte dieses so unverständlichen Stückes etwas in den Hintergrund treten. Sie finden zwar auch irgendwie ohne besondere Betonung alle ihren Platz, das aber verwirrt dann vor der „Zirkuswelt“ eher (was aber auch am Stück selbst liegt). Im Ergebnis verlässt man damit aber das Theater doch recht ratlos. Man muss eben darüber nachdenken, reden.
HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld