Zwei Inszenierungen von Stücken von Henrik Ibsen können derzeit in München gesehen werden: An den Kammerspielen ist „Baumeister Solness“ zu sehen – hierzu in Kürze in einem eigenen Beitrag – und am Residenztheater „Die Wildente“ – hierzu hier. Es sind völlig verschiedene Inszenierungen!
Die Wildente am Residenztheater ist die erste Inszenierung des norwegischen Regisseurs Johannes Holmen Dahl auf deutscher Bühne. Es ist eine sehr konsequente, reduzierte Inszenierung, die mir in dieser Art gut gefallen hat! Auch das kann Theater! Man erlebt keine „Show“, kein Bühnenbild, man erlebt schlicht das Stück, das ja komplexer ist als man meinen könnte. Die durchaus große, hohe Bühne des Cuvillestheaters – es ist trotzdem die etwas kleineren Bühne des Residenztheaters – ist vollkommen leer und dunkel gehalten. Ein Schlagzeug kommt seitlich am Bühnenrand manchmal zum Einsatz. Die insgesamt acht Schauspielerlnnen kommen und gehen und reden miteinander, nicht selten reden sie nebeneinander stehend am vorderen Bühnenrand mit Blick in das Publikum. So folgt man für zwei Stunden der zuerst so harmlos daher kommenden Geschichte von „Die Wildente“, die sich mehr und mehr zuspitzt. Nicht einmal ein Brief oder eine Speisekarte, die eine Rolle spielen, sind als Requisiten sichtbar, man muss es sich vorstellen.
Die Inszenierung hat mich an frühere wunderbare Inszenierungen von Jürgen Gosch erinnert. Fast mit den einzigen Unterschieden: Bei Jürgen Gosch (etwa bei seinen Erfolgsinszenierungen von Tschechows „Die Möwe“ oder „Onkel Wanja“) blieben alle SchauspielerInnen immer am Rand auf der Bühne stehen und schauten zu, außerdem war der Bühnenraum bei ihm meist klein gehalten. Jürgen Gosch war damit sogar noch konsequenter als Johannes Holmen Dahls. Denn bei „Die Wildente“ hier am Cuvillestheater kommt zumindest im Verlauf des Stückes die Natur mit „Naturgewalten“ zum Einsatz, vor allem gegenüber der Tochter Hedwig (zum Inhalt unten), um die Gefühlslagen zu verdeutlichen. Auch das gelungen und passend. Eine große dichte Nebelwolke von oben, starker Wind (Sturm fast), grelles Licht, Regen, Donnern des Schlagzeugs und am Anfang und Ende der Blick ins reale Nachtlicht des Residenzhofes hinter dem Theater aus einem großen Fenster an der Rückwand der Bühne. Der Blick in die Freiheit?
Inhaltlich ist die Wildente ja garnicht so leicht zu verstehen: Worauf wollte Henrik Ibsen hinaus? Wofür steht die Wildente? Vordergründig ist es klar: Der Unternehmer Werle mit Schuldgefühlen einerseits und die Familie Ekdal mit Tochter Hedwig und ihre Wildente andererseits. Die Familie Ekdal wurde jahrelang vom Unternehmer finanziert und unterstützt (ohne Wissen des Vaters der Familie Ekdal und der Tochter) – man ahnt und merkt später, warum er es machte. Der Sohn des Unternehmers Werle macht sich dazu auf, das aus seiner Sicht falsche, unehrliche Leben der recht armen Familie Ekdal in die für ihn richtigen Bahnen zu bekommen, die Dinge aufzudecken. Nur so könne man doch gut leben! Lebenslügen und Wahrheit – vielleicht ist es das große Thema des Stückes. Man findet verschiedene Ansätze, wenn man danach darüber nachdenkt. So kommt auch die Frage auf: Welche Figur steht eigentlich wirklich im Mittelpunkt? Ist es die Tochter Hedwig? Ist es ihr „Vater“ Hjalmar? Die Mutter? Fast jede Person hat einen eigenen Beitrag zur Geschichte in diesem Stück.
Und jeder/jede sieht in der Wildente wahrscheinlich etwas für ihn/sie Bedeutendes. Die Wildente lebt ja im Grunde auch in einer „Lebenslüge“: Sie wurde auf einer Jagd des Unternehmers angeschossen und wurde dann von der Familie Ekdal aufgenommen, sie kann nicht mehr fliegen, lebt auf dem Dachboden und hat keine Beziehung mehr zur Außenwelt, keine Beziehung zur Freiheit, zum ihr eigentlich eigenen Leben. Ihr wird seit ihrem „Untergang“ (der Schusswunde) ihr Leben lang etwas vorgemacht.
Schauspielerisch ist es bei dieser Kargheit der Inszenierung auch gelungen! Es ist ja schwer, hauptsächlich den kleinen Gesten des Sprechens vollen Ausdruck zu verleihen. Hervorzuheben sind für mich Simon Zagermann (als Hjalmar Ekdal) – er überzeugt, steht am ehesten im Mittelpunkt! Dann Oliver Nägele – er spielt den alten Ekdal und gibt dem Stück dabei eine fast ehrenhafte Note. Auch Anna Drexler, wieder zurück aus Bochum, hat mit ihrer etwas zurückhaltenden, aber dann doch (selten aber) auch explodierenden Art immer wieder eine schöne Bühnenpräsenz! Max Mayer spielte seine Rolle als der Arzt Relling dagegen verrückter aus, als ich es bei der Lektüre vor Augen hatte. Wichtig sind auch Naffie Janha alsTochter Hedwig und Florian Jahr als Sohn des Unternehmers Werle, sie stoßen das Stück aber fast nur an (Gregers Werle) bzw. sind Leidtragende (Hedwig).
Wer eine schöne unaufgeregte Konzentration auf „Die Wildente“ in aller Klarheit der Bühne sehen möchte, sieht es hier. Und in der Tat lässt sich gut überlegen, für was die Wildente wohl stehen kann …
Hier noch zwei Bilder:


HIER der Link zur Stückeseite „Die Wildente“ auf der Website des Residenztheaters.
Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld