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THEATER: Doris Uhlich – Glitsch die zweite

Nach der Vorstellung freute sich eine Frau, dies sei gelungene Inklusion. Ich sah das anders. Eigentlich ist gar nicht festzuhalten, dass zwei von den sechs Schauspieler*innen Einschränkungen hatten. Denn auf der Bühne haben alle eine so grandiose Vorstellung gegeben, dass die Behinderung bedeutungslos war. 

Bei Wörtern wie „grandios“ ist nicht gesagt, was auf der Bühne stattfand. Das Ich, das Du, das Wir, das Entstehen und Vergehen, alles geht ineinander auf auf der Bühne. Glitschige Ursuppe tröpfelt und fließt und das Licht umfängt alles. Es ist keine spaßige Rutschpartie, es ist das ineinander Aufgehen, das sich Trennen und sich selber neu Erfinden, umgeben vom Schleim der Geburt. Es ist ein ernstes, ein beeindruckendes Erfahren von Körperlichkeit. Nacktheit heißt, die Geschlechtsteile zu zeigen. Aber die Dynamik der Veränderung, des Tanzes, des sich Hingebens lässt kaum Raum für die Zuteilung von Geschlechtern oder voyjeuristische Eindrücke. Sexualität ist hier im Hintergrund, das ist schon erstaunlich im Rückblick. Die sechs nackten Schauspieler*innen zeigen körperliches Verbinden in fließenden Varianten, sich tragen, sich ziehen lassen, sich verschränken, ineinander räkeln. Es ist viel Bewegung. Und viel Glitsch fließt zäh über die Körper. Die Musik heizt ein und wilde, zuckende Bewegungen werden in einer Freiheit präsentiert, die wohl nur äußerst selten auf Bühnen miterlebt werden. 

Nur eine kleine Sprecheinlage. Körper mehrmals wiederholt mit einer Freude am Sein, am Mensch sein. 

Es ist ein ernstes Treiben, es gibt Sturz und Wandlung, mich berührt vor allem die Offenheit, sich selbst zu begegnen und den anderen fast schon durchdiffundieren zu lassen. Und auch die langsamen Szenen, wo achtsam der Glitsch, erforscht und verteilt und ergossen über dem Haupt, zäh seltsame Formen mit dem Körper bildet, Schwimmhäute, fledermausartige Flügel überall. Der Glitsch ist überall am mitgestalten der Verbindungen. Und ja, alles fließt auch über Brüste, Vulva und Penis, aber das macht das Stück nicht aus. Es ist eine Randnotiz. Es ist die Mitte des Menschseins, dieses Gestalten, das Verfallen, das Scheitern und Aufbegehren. Es ist einfach alles, das all eins Sein, der ehrliche Blick auf das Ich, das Du und das Wir im Mensch sein. 

Ich bin froh, dass ich das erleben konnte.

Mein damals erster Bericht (vom 29. April) ist übrigens hier (nur so möglich): https://qooz.de/2026/04/29/theater-doris-uhlich-glitsch/

Darin hatte ich am Ende geschrieben:

Mehr sei hier nicht gesagt, Doris Uhlich und die sechs insoweit mutigen SchauspielerInnen zeigen uns hier eine andere Welt, Worte würden zu Definitionen führen, aber genau das soll hier entfallen!

Hier sind nun mehr Worte, die es schaffen, nicht zu engen, herkömmlichen Definitionen zu führen, schön beschrieben und schön gesehen!

Hier noch zwei Fotos:

Copyright der Fotos: Judith Buss

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.

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